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Full text of "Geschichte des oströmischen Reiches unter den Kaisern Arcadius und Theodosius II"

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26 SÜ.P ms 






I 

X 

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GESCHICHTE 



DES 



OSTRÖMISCHEN REICHES 



UNTER DEN KAISERN 



ARCADIUS UND THEODOSIUS IL 



VON 



m ALBERT GÜLDENPENOTNG, 

ORD. LEHRER AM KÖNIGL. BISMARCK- GYMNASIUM ZU PYRITZ. 



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HALLE. 
MAX NIEMEYER. 

1885. 




\ ANCIENT l-:i3TDP.Y / 



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^'JG. 23. 1924 



FRAU SANITÄTSRÄTIN MASS 



IN ANCLAM 



EHRFURCHTSVOLL GEWIDMET. 



K^. 



y 



Hochverehrte Frau! 

Die wohlwollende Aufnahme, welche meines Freundes 
und meinem ersten Versuche, eine abgerundete Darstellung 
aus der späteren Kaiserzeit in unserer gemeinsamen Arbeit 
„Der Kaiser Theodosius der Grofse" Halle 1878, zu bieten, 
von Seiten der Kritik zu teil wurde (vgl. Jenaer Litteratur- 
zeitung 1879 No. 16. S. 223. und Theol. Litteraturzeitung 1S79 
No. 16. S. 420), liefs in mir die Neigung zu den einst in Halle 
begonnenen Studien auch unter den Anforderungen der Berufs- 
pflichten nicht erstickt werden. Der Gegenstand jenes Beitrages 
zur römischen Kaisergeschichte hatte mich bis zu dem Punkte 
geführt, von dem ab sich das grofse Weltreich in einen west- 
lichen und östlichen Teil schied, und es trat daher an mich 
die Entscheidung heran, nach welcher von beiden Richtungen 
ich mich zunächst wenden sollte. Ein näheres Eingehen auf 
die den Occident behandelnde Litteratur überzeugte mich bald, 
dafs dieser in weit höherem Grade das Interesse der neueren 
Forschung erregt hatte als die östliche Reichshälfte, weil sich 
auf seinem Boden die durch die Völkerwanderung angebahnte 
Kulturentwickelung der germanischen Volksgenossenschaften 
vollzog. Die gründlichen und umfassenden Werke E. v. Wieters- 
heim's, Dahn's, Kaufmanns und Arnolds behandeln die letzten 
Kämpfe zwischen dem sinkenden Römertum und dem an- 
stürmenden Germanentum mit einer solchen Sachkenntnis und 
in so ansprechender Darstellungsweise, dafs für den Forscher, 
sofern er nicht besonders das römische Wesen zum Vor- 
wurf seiner Studien erwählen will, in ihnen fast alles ge- 
schehen ist. 



VI 

Anders dagegen liegen die Verhältnisse in Bezug auf 
den östlichen Reichsteil. Dieser wurde von den Stürmen 
der Völkerwanderung zu derselben Zeit, als der Westen ihnen 
erlag, nur vorübergehend berührt und lenkte, wenn er auch 
später ebenfalls staatliche Neugründungen einer anderen Nation 
auf seinem ausgedehnten Gebiet entstehen sah, dennoch weit 
weniger den Fleifs der deutschen Forschung auf sich. So 
kommt es, dafs man, im Begriff die Anfänge des ost- 
römischen Reiches darzustellen, fast allein auf die grund- 
legenden Werke des Franzosen Tillemont (histoire des 
Emper. Rom. VI. Bd. und memoires pour servir ä Thistoire 
ecclesiastique) und des Engländers Gibbon angewiesen ist, 
welcher die hierauf bezüglichen Abschnitte im VII. und VIII. 
Bande seiner Geschichte des Verfalls und Untergangs 
des römischen Reiches behandelt hat. Denn die neueren 
deutschen Gelehrten, welche die Geschichte Griechenlands vom 
Absterben des antiken Lebens bis ins Mittelalter und in die 
Neuzeit verfolgt haben, wie Fallremayer, Zinkeisen, Hopf und 
Hertzberg gehen über die älteste Periode byzantinischer Ge- 
schichte schnell hinweg und konnten sich mit einer eingehen- 
den Würdigimg engerer Zeitabschnitte dem Plane ihrer Werke 
gemäfs nicht aufhalten. Auch die Stoffsammlung von Sievers 
in seinen Studien zur röm. Kaisergeschichte bot wohl 
ein angenehmes, aber durchaus nicht anleitendes Hülfsmittel 
dar, da die einzelnen Teile ohne inneren Zusammenhang anein- 
ander gereiht sind. Hingegen haben Volkmann in Synesius 
V. Kyrene und Gregorovius in Athenais, eine byzantinische 
Kaiserin, anziehende Einzelbilder aus der Kulturgeschichte des 
Orients geliefert und so auch weiteren Kreisen des gebildeten 
Publikums oströmisches Leben zugänglich gemacht. 

Bleibt somit ohne Zweifel die profangeschichtliche Be- 
handlung der Osthälfte gegen die der Westhälfte zurück, so 
darf man dasselbe in Hinsicht auf die kirchengeschicht- 
lichen Darstellungen keineswegs behaupten. Denn das kirch- 
liche Leben im oström. Reich hat, wenn auch nicht an Tiefe, 



VII 

so doch an Lebendigkeit in den ersten Jahrhunderten dasjenige 
des Westens weit übertrofFen, da nichts so sehr die orienta- 
lischen Völker aufregte und im Innersten ergriff als streng 
religiöse Fragen. Der Verfasser ist daher, um einen rein 
historischen und möglichst vorurteilslosen Standpunkt zu ge- 
winnen, überall zu den Quellen selbst herabgestiegen, doch 
gingen ihm dabei aufser den neueren biographischen Dar- 
stellungen die gröfseren kirchengeschichtlichen Werke von 
Neander, A. F, Gfrörer, Gieseler und die Konzilienge- 
schichte V. Hefele's vielfach hülfreich zur Hand. 

Aus dieser vorausgeschickten Litteraturübersicht ist wohl 
nun ersichtlich, dafs eine neue Bearbeitung der Anfänge des 
Byzantinischen Reichs noch fehlte, eine andere Frage aber 
ist es, ob dieser Gegenstand eine solche auch verdiente. Zwar 
ist es richtig, dafs sich unter der grofsen Zahl der leitenden 
Persönlichkeiten wenige befinden, welche etwas Charaktervolles 
und Anziehendes an sich haben, gleichwohl aber werden Ge- 
stalten wie die des Anthemius und der Pulcheria auf der einen 
Seite, des Synesius und Johannes Chrysostomus auf der anderen 
stets bei der Nachwelt einen guten Klang haben. Noch mehr 
aber als durch diese Persönlichkeiten wird die Geschichte der 
Jahre 395 — 450 durch den Aufstand des Alarich und des Gainas, 
nicht minder durch das fortgesetzte Eingreifen des Ostreichs 
in die Verwickelungen des Occidents und endlich durch die 
engen Beziehungen zum Hunnenkönig Attila in den Rahmen 
der allgemeinen Weltgeschichte hineingezogen. 

Die Eigentümlichkeiten der Quellen dieser Epoche sind 
im ganzen dieselben wie die derjenigen zur Geschichte Theo- 
dosius des Grofsen, welche ich in meiner Inauguraldissertation 
bereits besprochen und darum hier nicht näher zu kennzeichnen 
habe. Nur auf eine, leider verstümmelte Quelle möchte ich 
im voraus hinweisen, weil sie mit zu dem Besten gehört, was 
wir überhaupt an Originalberichten aus der Kaiserzeit besitzen, 
ich meine die Byzantinische Geschichte von Priscus. Sie 
bietet in ihrem 8. Fragment ein so lebendiges Bild der Ver- 



vm 

hältnisse zwischen Hunnen und- Römerreich, dafs ich es mir 
nicht versagen durfte, es bis auf geringe Zusammenfassungen 
in deutscher Übersetzung wiederzugeben. 

Indem ich nun diese Geschichte des oström. Reichs unter 
den Kaisem Arcadius und Theodosius II. der ÖfFentUchkeit 
übergebe, kann ich nicht unterlassen, den Herren Professoren 
Dr. Dümmler und Dr. Kirchhoff in Halle a/S., insbesondere 
dem Erstgenannten, und Dr. Seeck in Greifswald, welche mir 
auf an sie gerichtete Anfragen bereitwillige Antwort und 
Hinweisung gaben, meinen herzlichsten Dank auszusprechen. 
Ihnen aber, hochverehrte Frau, glaubte ich dies Ergebnis 
meiner Studien widmen zu müssen, weil ich Ihnen „von anderen 
Tagen" her unendlich viel zu danken habe. So nehmen Sie 
denn mit der Güte, die Sie so sehr auszeichnet, dieses Buch hin 
und lassen Sie mich schliefsen mit den Worten der Dichtung, 
die Sie vor anderen lieben: 

„Wenn Ihr zufrieden seid, so ist's vollkommen; 

„Denn Euch gehört es zu in jedem Sinn!" 

Pfingsten 1885. 

Dr. Albert Güldenpenning. 



INHALT. 

I. Buch. 

Seite. 
Erstes Kapitel. Tod Theodosius I. — Allgemeine Weltlage. — Die 

Reichsteilung. — Vergleichung des Orients und Occidents in Bezug auf 

Flächeninhalt, Bodenbeschaffenheit und Erzeugnisse. — Die Reichseinheit. 

— Die Osthälfte des römischen Reichs nach ihrer geographischen Lage, 
administrativen Gliederung und militärischen Machtentfaltung. — Con- 
stantinopel, bleibender Sitz der oströmischen Kaiser, am Ende des vierten 
Jahrhunderts i 

Zweites Kapitel. Arcadius bis zu seinem Regierungsantritt : Seine Geburt, 
Erziehung durch Arsenius und Themistius, seine Erhebung zum August. 

— Sein Bruder Honorius. — Der Minister Stilicho und Ruünus Ab- 
stammung, Laufbahn, Charakter und Feindschaft. — Ruün hofft seine 
Tochter mit Arcadius zu vermählen. — Arcadius heiratet auf Betreiben 

des Oberkämmerers Eutrop die Eudoxia, Tochter des Bauto .... 22 

Drittes KapiteL Erhebung Alarichs, Königs der Westgoten. — Verwüstung 
Nordgriechenlands, Bedrängnis Constantinopels. — Zu derselben Zeit Ein- 
fall der Hunnen durch die Caucasische Pforte. — Stilicho am Rhein. — 
Erster Zug Stilichos gegen Alarich 395. — Rückkehr des orientalischen 
Heeres. — Rufins Ermordung. — Verwüstung Griechenlands durch die 
Westgoten. — Einnahme Athens. — Zweiter Zug Stilichos gegen Alarich 
396. — Friedensschlufs mit Alarich. — Seine Befugnisse und Gegen- 
leistungen 37 

Viertes Kapitel. Der Verschnittene Eutrop an Rufins Stelle allmächtig. 

— Seine Vorgeschichte. — Verhältnis zu Stilicho und Eudoxia. — 
Arcadius und Eudoxia. — Mangelhafte Verbindung zwischen Orient und 
Occident. — Gildo, comes Africae, wirft sich dem Ostreich in die Arme. 

— Seine Tyrannis. — Hungersnot in Rom. — Gildo wird im Senat für 
einen Feind des Vaterlandes erklärt. — Die Rüstungen. — Mascezel, 
Gildos Bruder, Befehlshaber der römischen Truppen. — Überfahrt nach 
Afrika. — Schlacht am Ardalio. — Gildos Niederlage und Tod ... 56 

Fünftes Kapitel. Die Amtsverwaltung des Eutrop. — Seine Habgier und 
Überhebung. — Ämterverkauf, Spione, falsche Ankläger. — Gesetz gegen 
das Asylrecht der Kirche und gegen Verschwörungen. — Osius, Leo, 



X 

Seite 
Suburmachius. — Eutrop auf der Höhe seiner Macht als Konsul und 
Vatricius. — Johannes Chrysostomus wird Bischof von Konstantinopel. 

— Seine Vorgeschichte, gesellschaftliche Stellung, Verhalten gegen den 
Klerus, die Heiden und Häretiker. — Synesius von Kyrene als Gesandter 

in Konstantinopel 72 

Seohstes Kapitel. Die Germanen im Orient. — Wer ist der Typhos 
der Allegorie des Synesius ? — Die römische Partei und Aurelian (Osiris). 

— Beginn der Erhebung des Tribigild. — Sorglosigkeit des Eutrop. — 
Die Rede des Synesius negl ßaoiXeiaq an Arcadius und ihre Bedeutung 
für die Zeitgeschichte. — Gainas wird als Feldherr gegen Tribigild ge- 
sandt. — Seine Vergangenheit und Zukunftspläne. — Aufreizung durch 
Typhos und seine Frau. — Leos unglücklicher Feldzug gegen Tribigild 
infolge der zweideutigen Haltung des Gainas. — Die Forderung des 
Gainas führt zum Sturz des Eunuchen. — Eutrop flieht in die Sophien - 
kirche. — Homilie des Johannes Chrysostomus auf- den gefallenen Günst- 
ling. — Verbannung des Eutrop nach Cypern und das Absetzungs- 
dekret. — Eutrop wird auf Gainas Drängen gegen das Versprechen bei 
Chalcedon hingerichtet qi 

* 

Siebentes Kapitel. Zusammenkunft des Gainas und Arcadius bei Chalcedon. 
Auslieferung des Aurelian, Saturnin und Johannes. — Sie werden be- 
gnadigt und in die Verbannung geschickt. — Gainas Versuch, den Arianern 
eine Kirche innerhalb der Stadt zu gewinnen, scheitert an der Stand- 
haftigkeit des Johannes Chrysostomus. — Schwanken des Gainas und 
Auszug aus Konstantinopel. — Überwältigung der Goten im Strafsen- 
kampf. — Vernichtung der sieben Tausend in der Kirche. — Sturz 
des Typhos. — Gainas versucht nach Asien überzusetzen. — Der Heide 
Fravitta wird zum Feldherrn gegen ihn ernannt, — Seeschlacht im 
Hellespont. — Gainas Flucht und Tod durch die Hunnen jenseits der 
Donau. — Rückkehr Aurelians. — Poetische Darstellungen des Goten- 
aufstandes 117 

Achtes Kapitel. Alarich und Westrom in den Jahren 401 — 403. — 
Arcadius und seine Familie. — Geburt und Taufe Theodosius II. — 
Johannes Chrysostomus* Verhältnis zur Gemeinde und dem Klerus. — 
Reise nach Ephesus. — Streit mit Severian von Gabala. — Eifersucht 
der alexandrinischen Patriarchen auf den Bischof von Konstantinopel. — 
Charakteristik des Theophilus. — Richtung der alexandrinischen Kirche. 

— Theophilus und die Mönche von Nitria. — „Die langen Brüder" 
in Konstantinopel. — Eudoxia nimmt sich ihrer an. — Johannes und 
Epiphanius von Konstantia. — Johannes Predigt gegen die Frauen. — 
Theophilus kommt nach Konstantinopel. — Synode inl öqvv bei Chal- 
cedon. — Absetzung und Abführung des Johannes 131 

Neuntes Kapitel. Volksauf lauf in Konstantinopel. — Theophilus flieht 
nach Alexandrien. — Ein nächtliches Erdbeben erschreckt die Kaiserin. 

— Der Kammerherr Brison holt den Bischof zurück. — Feierlicher Ein- 
zug des Johannes. — Seine Antrittspredigt. — Ausbruch erneuter 
Streitigkeiten nach zwei Monaten. — Die silberne Statue der Eudoxia 
wird neben der grofsen Kirche aufgestellt. — Die untergeschobene 



XI 

Seite 
Predigt des Johannes. — Zweite Synode in Konstantinopel, doch ohne 
Theophilus. — Erste Auflforderung des Kaisers an Johannes seine Kirche 
zu verlassen gegen Ostern 404. — Tumult in der grofsen Kirche am 
Ostersabbat. — Die Johanniten. — Zweite Abführung des Johannes in 
die Verbannung am 20. Juni 404. — Brand der grofsen Kirche , des 
Senats und anderer Gebäude. — Untersuchung wegen der Feuersbrunst. 
— Arsacius, des Nectarius Bruder, wird am 26. Juni zum Bischof er- 
hoben. — Standhaftigkeit des Lektors Eutropius, des Presbyters Tigris 
und der Olympias. — Beruhigungsedikte des Arcadius. — Verhältnis 
der occidentalischen und orientalischen Kirche. — Innocenz, Bischof von 
Rom, wird von beiden Parteien um Unterstützung angerufen. — Sein 
Briefwechsel mit Theophilus, Johannes und dessen Klerus. — Schreiben 
des Honorius an Arcadius in dieser Angelegenheit. — Unwürdige Be- 
handlung der occidentalischen Gesandten. — Johannes stirbt in Comana 
14. September 407. — Vergleichung des Ambrosius mit Johannes Chryso- 
stomus 155 

Zehntes Kapitel. Die Isaurer. — Ihr Verwüstungs- und Plünderungs- 
zug im Jahre 403/404. — Arbacazius* erste Erfolge, seine Bestechung 
und Freisprechung. — Fernere Streifzüge der Isaurer. — Zustand der 
afrikanischen Grenzlande. — Die Maziken und Auxorianer. — Not der 
Pentapolis zur Zeit des Arcadius. — Synesius Briefe. — Verhältnis des 
Ostreichs zu Persien. — Das weströmische Reich von 403 bis 408. — 
Der Einfall des Radagais wird durch Stilicho zurückgeschlagen. — Über- 
schreitung der Rheingrenze durch Quaden, Alanen, Vandalen und andere 
germanische Völker. — Stilicho beschliefst mit Hülfe des Alarich Ost- 
rom zu züchtigen. — Alarich rückt in Epirus ein 407. — Der in Britan- 
nien erhobene Tyrann Konstantinus setzt nach Gallien über. — Alarich 
in Venetien und seine Forderungen. — Tod des Arcadius. — Seine 
letzten Lebensjahre. — Äufsere und innere Eigenschäften. — Eudoxias 
Einflufs. — Seine selbständigen Thaten 172 



IL Buch. 

IBrstes Kapitel. Übergang der Krone auf Theodosius II. — Unmündig- 
keit der Kinder des Arcadius. — Zustand des Reichs beim Tode des- 
selben. — Verhältnis zu Westrom. — Honorius zuerst, dann Stilicho 
wollen sich nach Konstantinopel zur Ordnung der orientalischen An- 
gelegenheiten begeben. — Stilichos Sturz und Hinrichtung 22. August 
408. — Das Ostreich leitet der Präfektus praet. Anthemius. — Seine 
Vorgeschichte und sein Verkehrskreis. — Troilus, der Sophist, die 
Dichter Nicander und Theotimus. — Meinung des Synesius und Chryso- 
stomus über Anthemius. — Annäherung an Westrom. — Freundliche 
Beziehungen zu Persien. — Der persische Handelsvertrag. — Besiegung 
des Uldes und Gefangennahme der Skiren. — Die Verteilung derselben 
über die Provinzen. — Sicherung der Donaugrenze durch Vermehrung 
der Flotten. — Hungersnot in Konstantinopel. — Verfügung über den 
Transport des ägyptischen Getreides. — Versuch Illyrien aufzuhelfen. — 



< 



XII 

Seite 
Der Bau der Mauern Konstantinopels. — Die Ereignisse im Westen in 

den Jahren 408 — 414. — Rücktritt des Anthemius 192 

Zweitee Kapitel. Pulcheria beginnt teil zu nehmen an der Erziehung der 
Geschwister und an den Staatsgeschäften. — Ihr Charakter. — Sie 
nimmt den Titel „Augusta" an. — Aurelianus zum zweiten Male Prä- 
fektus praetorio. — Pulcheria beschliefst Jungfrau zu bleiben. — Eben- 
bürtigkeit der Ehen kaiserlicher Prinzessinnen. — Der Bischof Atticus 
von Konstantinopel. — Echt religiöser Sinn der Töchter des Arcadius. 

— Die Ausbildung Theodosius II. — Bischof Cyrill von Alexandrien. 

— Öie jüdische Gemeinde in Alexandrien. — Streit zwischen Juden 
und Christen. — Orestes, praefectus Augustalis, und Hierax. — Nächt- 
liche Ermordung der Christen. — Cyrill vertreibt die Juden aus der 
Stadt. — Die Mönche von Nitria in Alexandrien. — Das Heidentum 
in Ägypten. — Der Mathematiker Theon und seine Tochter Hypatia. 

— Ihre Studien, Sinnesart und Schönheit. — Ihr Einflufs in Alexandrien 
und Verhältnis zu Orest. — Verschwörung der Parabolanen. — Ihre 
Ermordung, März 415. — Ergebnis der Untersuchung durch Aedesias. 

— Andere Ereignisse aus den ersten Jahren der Regierung Pulcherias 217 

Drittes Kapitel. Die Ereignisse in Westrom bis zum Jahre 421. — 
Emporkommen des Konstantius. — Sein Äufseres und Charakter. — 
Durch Athaulfs Tod wird Placidia frei und von Wallia zurückgegeben. 

— Ihre Vermählung mit Konstantius i. Jan. 417. — Geburt Valentinians. 

— Erhebung des Konstantius zum Mitregenten 421. — Er wird in Ost- 
rom nicht anerkannt. — Zu derselben Zeit Ausbruch eines Krieges mit 
Persien. — Das Christentum in Persien seit dem 4. Jahrhundert. — Die 
diplomatischen Sendungen des Bischofs Maruthas. — Fanatismus des 
Abdas, Bischofs von Ktesiphon. — Christenverfolgung in Persien. — 
Die Märtyrer Hormisda, Jacob und Benjamin. — Beginn der Feindselig- 
keiten. — Pulcheria sucht eine Gemahlin für Theodosius. — Athenais, 
Tochter des Leontius, aus Athen wird von Pulcheria und Theodosius 
auserwählt und getauft. — Vermählung 421, 7. Juni. — Tod des Kon- 
stantius. — Krieg mit den Persern. — Ardaburius, römischer Feldherr. 

— Friede 422 236 

Viertes Kapitel. Geburt der Eudoxia. — Verhältnis Placidias zu Honorius 
nach dem Tode des Konstantius. — Verbannung der Placidia mit ihren 
Kindern in den Orient. — Honorius stirbt 15. Aug. 423. — Geheime 
Mafsregeln des oströmischen Hofes. — Johannes, primicerius notariorum, 
wird in Italien zum Kaiser erhoben. — Seine Gesandtschaft nach Kon- 
stantinopel. — Ardaburius, Aspar und Candidian werden gegen ihn ge- 
schickt. — Valentinian zum Cäsar erhoben. — Des Ardaburius unglück- 
liche Expedition zur See und Gefangennahme. — Aquileia genommen. 

— Ardaburius und Aspar siegen durch Verrat. — Johannes wird hin- 
gerichtet. — Valentinian wird von Theodosius in Rom zum August er- 
nannt 23. Oktob. 425. — Sieg über die hunnischen Hülfsvölker. — Für- 
sorge des Theodosius für lUyrien. — Aufserordentliche Besteuerungen 
werden notwendig. — Professoren und Ärzte unter den Kaisem. — Die 
Gründung der Universität Konstantinopel 253 



•xin 

Fünftes Kapitel. Die Verhältnisse in Westrom. — Aetius und Bonifacius. 

— Ihr Vorleben und Charakter. — Die Intrigue des Aetius. — Auf- 
stand des Bonifacius. — Mavortius, Galbio und Sinox werden gegen ihn 
gesandt. — Bonifacius ruft die Vandalen zu Hülfe. — Diese setzen unter 
der Führung Gaiserichs nach Afrika über. — Aussöhnung Placidias und 
des Bonifacius. — Unglücklicher Kampf mit den Vandalen. — Theo- 
dosius n. sendet seinen Feldherrn Aspar, der ebenfalls unterliegt. — Die 

kirchlichen Zustände des Orients. — Nach dem Tode des Atticus und 
Sisinnius wird Nestorius aus Antiochia Bischof in Konstantinopel. — 

Zwiespalt der alexandrinischen und antiocheuischen Lehrrichtung. — 

Streit über Maria als d-eoxoxoq. — Cyrill zieht den Kaiser und Hof in 

denselben hinein. — Synode zu Ephesus 431. — Absetzung des Nestorius. 

— Ende der Spaltung 433 279 

Sechstes E^pitel. Die afrikanischen Grenzlande. — Veruneinigung mit 
Rua. — Aetius tötet den Bonifacius und flieht zu den Hunnen. — 
Friede zwischen ihm und Placidia durch Vermittelung des Rua. — Ver- 
mählung Valentinians III. mit Eudoxia in Konstantinopel 437. — End- 
giltige Abtretung Dalmatiens an Ostrom. — Veröffentlichung des Codex 
Theodosianus 438. — Geschichte seiner Entstehung. — Überführung 
der Gebeine des Johannes Chrysostomus nach Konstantinopel. — Erste 
Reise Eudocias nach Jerusalem und ihr Aufenthalt in Antiochia. — 
Rückkehr im Jahre 437. — Der Hof Theodosius II. und Antiochus, Chry- 
saphius und der Dichter Kyros. — Vorübergehende Zurückdrängung des 
Einflusses der Pulcheria. — Sturz der Eudocia. — Paulinus und die 
Erzählung vom Apfel. — Eudocia zieht sich nach Jerusalem zurück . 305 

Siebentes Kapitel. Die Beziehungen der Hunnen seit ihrem ersten Auf- 
treten in Europa zu Ost- und West-Rom bis zum Tode des Rua. — Der 
Schwerpunkt ihrer Macht rückt allmählich bis in das heutige Ungarn 
vor. — In wiefern entsprach dieses den Lebensgewohnheiten der Hunnen } 

— Attila und Bleda, Ruas Nachfolger. — Äufseres und Charakter 
Attilas. — Sein Verhältnis zu Aetius und Gaiserich. — Austrag des 
Streites zwischen Ostrom und Rua. — Gaiserich erobert Karthago und 
greift Italien an. — Die Hülfesendung Ostroms. — Einfall der Perser, 
Sarrazenen, Hunnen von Osten, Attila's und Bleda's von Norden. — Er- 
oberung der Donaukastelle unti Verwüstung Thraciens. — Friede 443. 
Ereignisse in Ostrom von 443—447. — Zweiter Raubzug Attila*^, Allein- 
herrschers der Hunnen. — Die Friedensbedingungen 3^7 

Die Gesandtschaftsreise des Priscus. -- Letzte Beziehungen des 
Theodosius zu Attila • • 35^ 

Achtes Kapitel. Flavian B. v. Konstantinopel, Dioscurus B. v. Alexandrien, 
Leo B. v. Rom. — Eutyches wird von der Synode zu Konstantinopel 
abgesetzt. — Die Räubersynode zu Ephesus 449. — Flavian wird auf 
Betreiben des Dioscurus verurteilt. — Einmischung Leo*s des Grofsen. 

— Sein Briefwechsel mit Theodosius 11. — Anastasius, Nachfolger 
Flavians. — Sturz des Chrysaphius und erneutes Übergewicht der 
Pulcheria. — Furcht vor einem Aufstand des Zeno. — Beunruhigende 
Rüstungen Attila's. — Tod des Theodosius und Regierungsantritt des 
Marcianus. — Charakteristik und Würdigung Theodosius II 373 



XIV- 

Seite 
Neuntes Kapitel. Die Zustände in Kirche und Staat in den 
Jahren 395 — 450. Die religiösen Verhältnisse: Die orthodoxe 
Kirche. — Die Häretiker, — Die Heiden. — Die Juden. — Die welt- 
lichen Verhältnisse: Urteile der Geschichtsschreiber. — Aufser- 
ordentliche Besteuerungen und Steuererlasse. — Die Lage der Curialen 
und Senatoren. — Avancement und Rangverhältnisse der Beamten. — 
Die Verwaltung. — Unregelmäfsigkeiten im Militärwesen. — Die Ge- 
treidespenden. — Juristische Bestimmungen. — Die litterarischen 
Erscheinungen dieser Epoche 390 — 425 



> 



I. Buch. 



Erstes Kapitel. 

Tod Theodosius I. — Allgemeine Weltlage. — Die Reichsteilung. — Ver- 
gleichung des Orients und Occidents in Bezug auf Flächeninhalt, BodenbeschafFen- 
heit und Erzeugnisse. — Die Reichseinheit. — Die Osthälfte des römischen 
Reichs nach ihrer geographischen Lage, administrativen Gliederung und militaerischen 
Machtentfaltung. — Constantinopel ,. bleibender Sitz der oströmischen Kaiser, am 

Ende des vierten Jahrhunderts. 

Am 17. Januar 395^) nach längerer Krankheit starb der Kaiser 
Theodosius I. in Mailand, nachdem er wenige Monate vorher den 
zweiten der unter seiner Herrschaft auftauchenden Usurpatoren, den 
Eugenius, in den Engen der Julischen Alpen am Frigidus vernichtet 
hatte.2) Anders wie seine jugendlichön Mitregenten Gratian und 
Valentinian II. und wie so viele seiner Vorgänger hauchte der fromme 
Monarch seinen letzten Atem aus, nicht hatte ihm der Mordstahl 
gedungener Schergen den Lebensfaden durchschnitten, sondern im 
Kreise trauter Angehöriger und im Beisein des ehrwürdigen Bischofs 
Ambrosius entwich seine gewaltige Seele dem von den vielen An- 
strengungen fast ununterbrochener Kriegszüge und aufregender Ereig- 
nisse schon längst geschwächten Körper, Er hatte kein hohes Alter 
erreicht, denn im Jahre 346 geboren «*) hatte er das 50. Lebensjahr 
noch nicht überschritten, und es schien ihm daher nach menschlichem 
Ermessen noch eine lange Regierungszeit beschieden zu sein. Nie- 
mals wäre eine solche wohl erspriesslicher für das römische Reich 
gewesen denn gerade jetzt, wo nach der Niederwerfung des Eugenius 
die römische Welt in ihrer ganzen Ausdehnung unvermutet noch 
einmal in einer einzigen Hand vereinigt war. Theodosius mit seiner 



*) Socr. V. 26. Chron. Pasch, zu 394; vgl. Tillem. V. note 58 sur Th^odose. 
Philost. XI. 2. Idac. chron. 

^) Giildenpenning und Ifland: Der Kaiser Theodosius der Grosse. Halle» 
Max Niemeyer. 1878. S. 221 £F., weiterhin citiert unter dem Zeichen G. 

3) Ebend. S. 52. 

I 



zweischneidigen Politik: ebenso aufrichtig andrängende Germanen, wenn 
sie Frieden und Freundschaft halten wollen, in die Grenzen seines 
Reichs aufzunehmen wie energisch ihren feindlichen Angriffen entgegen- 
zutreten, wäre es gewiss gelungen die Ueberschwemmung des Westens 
durch die von den Hunnen getriebenen Völker noch eine Reihe von 
Jahren aufzuhalten, während der Tod dieses weit auch unter den 
Barbaren gefürchteten Gegners andererseits das Signal zu Aufständen 
im Innern wie zu Einbrüchen von aussen geworden ist. 

Die weit gespannten Grenzen des Reichs gegen Norden von der 
Mündung des Rheins bis zu der der Donau boten dazu der Pforten 
viele, während im Süden die nomadisierenden Wüstenvölker des 
africanischen Erdteils wohl lästige Raubzüge in die Küstenländer unter- 
nahmen, aber zur Erschütterung des Reichsbestandes viel zu schwach 
waren, und der Westen am sichersten durch die Fluten des Oceans 
gedeckt wurde. Auch der Erbfeind des römischen Namens, das alte 
Partherreich an den Grenzen Armeniens und Mesopotamiens, war gerade 
unter Theodosius' Regierung als Nachbar nicht gefährlich gewesen, 
sondern die friedlichen Gesandtschaften zwischen Theodosius und 
Schapur IIL beweisen, dass wenn auch nicht ein förmliches Bündnis 
zwischen beiden geschlossen ward, so doch wenigstens die Beziehungen 
zwischen ihnen äusserst freundschaftliche waren.*) So drohte dem 
Reiche nur von Nordosten das Verderben, von dem aus der kaspischen 
und pontischen Steppe allmählich immer weiter westwärts drängenden 
Hunnenvolke, das aber zu Theodosius Zeiten kaum selbst in der 
rumänischen Ebene angelangt war, sondern nur wie ein fernes Gewitter 
seine schreckenden Vorboten in Gothen, Gruthungen, Alanen und 
Skiren ö) voraussandte. Im Innern konnte dem Reiche die Aufsässig- 
keit der entfernten in Gallien und Britannien gamisonierenden Legionen, 
der Uebermut der in Dacien und Moesien als Foederaten angesiedelten 
germanischen Westgothen nur dann gefährlich werden, wenn eben die 
von der Klugheit gelenkte Hand des Theodosius das Staatsruder nicht 
mehr führte, denn bei der Energie des Kaisers war vorauszusehen, 
dass er, der so viel stärkere Gegner bezwungen, den Statthalter des west- 
römischen Africas Gildo, welcher allein ihm zum Zuge gegen Eugen 
die Heeresfolge versagt hatte,®) mit leichter Mühe bewältigen werde. 

Ueber alle diese Sorgen und Aufgaben starb nun der Herrscher 
hinweg, indem er das Reich seinen beiden Söhnen Arcadius und 
Honorius hinterliess, von denen der erstere ein Jüngling, der letztere 



*) S. 128 £F. vgl. Orosius VII. 34. 

5) Zos. IV. 35 u. 38. vergl. Ifland S. 134 fF. Cod. Theod. V. 4, 3. 

^) Claudian de bello Gildon. v. 240 fF. VI. cons. Hon. v. 108 — iio. 



ein noch nicht einähriger Knabe war. Die ihnen zufallenden Reichs- 
teile waren ihnen sicher, wenigstens, was Arcadius anbetrifft, längst 
bestimmt; denn gewiss nicht erst auf dem Totenbette hat der vor- 
sichtige Theodosius eine Anordnung darüber getroffen. Dem Arcadius 
war wohl, als dem älteren Sohne, von jeher die vom Vater beherrschte 
Osthälfte zugedacht gewesen, während für Honorius vor der Ermordung 
Valentinians II. wahrscheinlich eine erneute Teilung des Occidents 
zwischen diesem und ihm beabsichtigt war. Denn so dankbar Theodosius 
auch gegen Gratian war, so ging doch das Gefühl der Ergebenheit 
gewiss nicht so weit, dass er dem jugendlichen Bruder desselben, 
Valentinian IL, die ganze Westhälfte des Reichs für immer überlassen 
wollte; sein Besuch in Rom im Jahre 389 mit Honorius, bei welchem 
er, diesen im Arm seinen Triumpfzug als Besieger des Maximus in 
die Stadt feierte, war aller Wahrscheinlichkeit nach zu dem Zweck unter- 
nommen, um den zukünftigen Beherrscher Italiens und Africas den. 
Römern zu zeigen, während Valentinian wohl auf Gallien, Britannien, 
Spanien beschränkt worden wäre, eine keineswegs ungewöhnliche 
Teilung, da schon Diocletian, Maximian, Constantius Chlorus, Galerius 
und Gratian, Valentinian und Valens in solcher Abgrenzung regiert 
hatten.'^) Aber die Verabredung, welche damals vielleicht zwischen 
Theodosius und Valentinian stattfand, war durch das gewaltsame Ende , 
des jungen Fürsten gegenstandslos geworden und so war es nur 
natürlich, dafs dem zweiten Sohne Honorius die erledigte westliche 
Reichshälfte 7a) zufiel. 

Sie bestand aus Britannien bis zum Grenzwall des Hadrian, Gallien,' 
Germanien bis zum limes transrhenanus, Spanien, It;alien und dem 
westlichen Theile der Provinz Illyricum, welche Noricum, Pannonien, 
Dalmatien umfasste und deren Grenze gegen SO. vom Busen von* 
Scodra (Scutari) über die bosnischen Berge am Drinus (Drina) entlang 
zum Saus (Sau) verlief, aufserdem aus der ganzen Nordküste Africas vom 
atlantischen Ocean bis zum Plateau von Barka. Der dem Arcadius 
zugewiesene östliche Teil dagegen setzte sich zusammen aus der 
Balkanhalbinsel mit der Donau als Nordgrenze, Klein-Asien, der Halb- 
insel Taurica (Krim), Syrien, Palaestina, Aegypten, Unter-Libyen und 
der Pentapolis. Schon der blofse Blick auf die Karte zeigt, dafs der 
Flächeninhalt der anderen Hälfte die letzgenannte weit übertrifft und 



') vgl. zu diesem Gedanken die Ausführung bei G. S. 174 ff.' 

''a) Claud. in Rufin. IT. 154 AT. (Stilicho) ... regit Italiam Libyenque coercet 

Hispanis Gallisque iubet. 
160. ... Quid partem invädere tentat? 

Deserat lUyricos fines; Eoa reihittat. 

I* 



in der That ergiebt eine nähere Vergleichung, dafs des Honorius 
Reich etwa 70000 DM1., das des Arcadius nur 50000 DM1. enthält 
und somit um ungefähr 20 000 DM1. hinter dem Occident zurückbleibt 

Nicht minder übertreffen die einzelnen Teile des Occidents an 
Fruchtbarkeit und Produktenreichtum diejenigen des Orients: 
Britannien, 8) das entfernteste Glied des weströmischen Reichs, brachte 
nach Strabos Bericht aufser dem Zinn der Halbinsel Comwales aus 
seinem ebenen Südosten Getreide und treffliche Rinder, aus dem 
gebirgigen Westen und Norden Gold, Silber und Erz in den Handel. 
Die Gallier®) waren berühmte Schaf- und Schweinezüchter, führten 
Flausmäntel und Pökelfleisch nach Italien aus, während der ebene Norden 
und Osten Weizen in solcher Fülle hervorbrachte, dafs das volkreiche 
Rom am Ende des 4. Jahrhunderts daran denken konnte Africas zu 
entraten und sich aus Gallien sein Brodkorn kommen zu lassen; i<^) 
Spanien, zwar im Innern Plateau und dem Getreidebau nicht günstig, 
ist dafür durch seine Ebenen hinreichend entschädigt, in welchen in 
Ueberfülle aufser dem Weizen herrlicher Wein gedeiht, während die 
Flüsse Goldstaub mit sich führten, die Gebirge Silber, Kupfer, Erz enthielten 
und das Meer einen wunderbaren Reichtum an Fischen in sich barg:^') 
Africa ferner, seit Jährhunderten wegen seiner üppigen Fruchtbarkeit 
die Kornkammer Roms, war so bevölkert, dass man im 4. Jahrhundert 
in Numidien 123, in der Consularprovinz Africa 170 Bischofssitze 
zählte, 1^) wogegen, weniger ^^a) allerdings als heute, Tripolis, hart an 
der Grenze der Sahara gelegen, weitzurücktrat. Italien sodann war und 
ist in sehr viel höherem Mafse als Griechenland ein Land des Acker- 
baus, welchem dort heute 39,9^0 ^^^ ganzen Areals, hier nur i8,4'7o 
zufallen; Illyricum endlich mit Ausnahme des südlichen gebirgigen 
Teils (Bosnien) war ebenso wie jetzt ein dem Getreidebau und der 
Viehzucht äufserst günstiges Gebiet, welches gerade in der späteren 
Kaiserzeit die Producte derselben, insbesondere Häute und Wolle, in 
grofser Menge nach Italien ausführte, und dessen intensiverer Acker- 



®) Strabo ed. Kramer IV. 5, i. Kiepert Lehrb. der alten Geographie S. 528 ff. 

^) Strabo IV. 4, 3. Mendelssohn, Das germanische Europa. 

*^) Claudian. de cons. Stilichonis v. 91 ff. 

>») Strabo m. 3. Kiepert a. a. O. S. 484 ff. 

>«) Ebend. S. 215 flF. Bekker-Marquardt lU. i. S. 229 ff. 

*^») Das Klima dieser Küste hat sich geändert; sie hatte mehr Niederschlag 
und bei weitem reichlichere Vegetation; vgl. Theob. Fischer in Petermanns Mit- 
teilungen 1883, I. Heft. 

") Kiepert. S. 380, 354 ff. 

") S. 362. 



bau nur durch ausgedehnte Wälder und Sümpfe und die Unsicherheit 
der Donaugrenze gehemmt wurde. 

Das oströmische Reich andererseits zeigt auf den ersten 
Blick einen bemerkenswerten Mangel an ebenen Teilen, wie einen 
Reichtum an Gebirgsformen : Die BalkanhalbinseU^*) zunächst ist 
fast völlig von Gebirgen durchzogen und zwar in so durchkreuzenden 
Zügen, dafs sie bis auf den heutigen Tag sowohl am wenigsten durch- 
forscht und bekannt geworden ist, als auch allein von den drei süd- 
lichen Halbinseln des Europäischen Continents einer durchgehenden 
mit den nördlichen Culturstaaten verbindenden Eisenbahnlinie entbehrt 
und deshalb wie vor alters ihre Einfuhr ausschliefslich zur See empfangt 
und zwar nicht von den benachbarten nördlichen Handelsvölkem, 
sondern von den fernen Bewohnern Britanniens. Nie hat es an der 
unteren Donau im späteren Altertum und Mittelalter eine Handelsstadt 
wie Regensburg oder Augsburg gegeben, obwohl die türkische Herrschaft 
sich weit nach Ungarn und bis zur Krim erstreckte, sondern stets 
haben die beiden Häfen Constantinopel am Bosporus und Thessalonich 
(Saloniki) am Aegäischen Meere unbestritten den Austausch der ein- 
heimischen und fremden Erzeugnisse vermittelt, i^) Die gebirgige Natur 
der Halbinsel hat von jeher nur eine teilweise Ausnutzung des Bodens 
gestattet, von dem heute in der Türkei 30%, in Griechenland gar 
58,9<^/q16) noch unproductiv sind: Der breite Norden war dem Getreide- 
bau in den Thalebenen der Flüsse in so hohem Grade günstig, dafs 
Thracien *'^) einst den Ruhm genofs den feinsten und schwersten Weizen 
für die Ausfuhr nach Griechenland zu erzeugen, während von dem 
eigentlichen Griechenland nur Thessalien und Boeotien durch seinen 
Ackerboden ausgezeichnet war und die übrigen Landschaften den 
unergiebigen Boden in erster Linie für die Viehzucht nutzbar machten. 
Die verhältnismäfsig kalten Winter femer der Balkanhalbinsel bewirken, 
dafs der Oelbaum, welcher in Italien südlich vom 44<^N.B. vortreftlich 
gedeiht, hier erst südwärts einer Linie, die den Malischen Meerbusen 
mit Istrien verbindet, zu finden ist. 

Nochmehr ist Klein-Asien^^) und die Ostküste des Mittel- 
meeres nur zum teil anbaufähig und lohnt die Arbeit, dort sind es 



i*a) vgl. zu dieser Ausführung G. Hertzberg, Gesch. Griechenlands seitdem 
Absterb. des ant. Lebens I. S. 33 ff. 

^^) vgl. Güldenpenning. Über die Besiedelung der Meerbusen. Progr. 
Pyritz 1883. S. 19 und 20. 

^^) Hübners geograpb.-statistische Tabellen 1884. 

") Kiepert, S. 236 und 323. 

«) S. 88 ff. 



nur die westwärts geöflfheten Thäler der ins Aegäische Meer sich 
ergiefsenden Flüsse, welche an Südfrüchten, Wein, Ol und Getreide 
gute Ernten liefern, und der zum Pontus abfallende kühlere Nord- 
rand, die Mittelmeerküste dagegen läfst aufser der reichen Komebene 
von Adana^'^) keinen nennenswerten Raum zu ergiebiger Bebauung 
und leidet an miasmatischen Ausdünstungen der flachen Küstenlagunen, 
während das innere Hochland vielfach entwaldet in der Mitte sich zu 
ödem Steppenland bedeckt mit einer Anzahl salziger Seen, deren 
gröfster der Tatta^o) (Tüz-Tschölü) ist, ausbildet, trotz des Wasser- 
mangels aber ausgezeichnetes Weideland für Rinder, Schafe und 
ganz besonders Pferde abgiebt; denn gerade in Phrygien und Cappa- 
docien hatten die Kaiser dieser Periode ihre grofsen Staatsgestüte für 
den Privatgebrauch und den Bedarf der circensischen Rennspiele.^*) Die 
Ostbegrenzung des Mittelmeeres bildet das durch den Parallelismus 
der nordsüdlichen Gebirgsaufrichtungen bemerkenswerte nach dem 
Euphrat zu sich senkende Plateau von Syrien,*^^) welches von den 
aus Südwest heranziehenden Winterregen nur an der Westseite 
bestrichen wird und je weiter nach Osten einen immer wüstenartigeren 
Character annimmt; es sind daher nur die geringen Ebenen an jener 
Seite, welche überall bei der natürlichen Güte des Bodens und der 
reichen Bewässerung überaus ertragreich, namentlich an Wein und 
Ol, waren, während das Hochgebirge treffliches Bauholz, Eisen und 
Kupfer lieferte und der phoenicische Strand die besten Purpurschnecken 
aufwies. Auch in Aegypten femer betrug das vom Nilschlamm 
befruchtete und deshalb allein aufserordentlich ertragfähige Areal 
nicht mehr als 6cx) nNlLj^s) diese aber spendeten so ergiebige Ernten, 
dafs Aegypten in Bezug auf die Getreidelieferung *^3aj f^^ Constantinopel 
das wurde, was die Provinz Africa für Rom, obwohl es auf jenem 
eng begrenzten Raum nicht weniger als 7 — 8 Millionen Menschen 
nährte,23b) also auf der DMl. mindestens 11 — 12000. Dagegen ver- 
mochten die geographisch zu Aegypten gerechneten, das fruchtbare Land 



*•) S. 130. 

«0 Strabo XII. 5, 4. 

**) Ebend. 6, i : oficog 6h xalneg avvÖQoq ovaa ^ X^Q^ ngoßara ix- 
XQtipei d-avixaaxdq, ZQaxsiag St i^iag. vgl. die Zusammenstellung bei Gothofredus 
im Comment. zu Cod. Th. X. 6, i. 

^ Kiepert S. 157 ff. 

23) s. 193. 

23 a) 80000 Brote wurden täglich in Constantinopel verteilt. Socrates bist. 
cccl. II. 13, Soz. III. 7. Zos. II. 32, I. 

23b) Zählung 1883: 6798230. vgl. Bekker- Marquardt Händb. der Rom. 
Altertümer III. i. $. 207 ff. 



• 

einschliefsenden Wüsteneien freilich nur treffliches Bau- und Sculptur- 
Material wie Granit, Porphyr, Basalt, Marmor u. a. herzugeben. Das 
sich westlich an Aegypten anschliefsende Gebiet, Libya inferior, 
endlich ist eine öde, steinige Hochfläche, die Pentapolis^*) (Plateau 
von Barka) dagegen wird vom Winterregen reichlich befruchtet und 
war ergiebig an Wein, Öl und Sylphion. 

Steht aber die Osthälfte des römischen Reichs hinter der West- 
hälfte an äufserem Umfang und Productenreichtum ohne Frage zurück, 
so weist hinwiderum der Osten mancherlei Vorzüge auf, welche 
dem andern Teile abgingen. Die räumlich gröfsere Ausdehnung des 
Occidents bedingte einmal bei der Gestaltung des europäischen Erd- 
teils eine gröfsere Entfernung der einzelnen Glieder vom Mittelpunkte 
und konnte unzufriedenen Legionen und ehrgeizigen Officieren leichter 
eine Erhebung gegen das rechtmäfsige Staatsoberhaupt und die Möglich- 
keit ihres Gelingens an die Hand geben, andererseits bewirkte die 
nordwestliche Erstreckung eine verhängnisvolle Verlängerung der öst- 
lichen Grenzlinie, welche im ganzen durch leicht überschreitbare Ströme, 
Rhein und Donau, gedeckt wurde. Der Orient dagegen bildete einzig 
und allein die umgebende Küstenlinie und das Hinterland des längst 
der Schiffahrt erschlofsenen und den Seefahrern bekannten Mittelmeers 
und kein Glied war von dem andern durch unwegsame Landstrecken 
getrennt, sondern das leicht befahrbare, allverbindende Meer vermochte 
die Truppen des einen Teils in wenigen Tagen zum andern gelangen 
zu lassen, dazu war nur die Donaugrenze eine schwache Barriere für 
die von Norden her drängenden Barbaren, denn das Völkerthor von 
Baku führte die Eindringenden nicht in das Thal eines Klein-Asien 
aufschliefsenden Flusses, sondern in das schluchtenreiche, unschwer zu 
verteidigende Armenien.-^) Aber selbst im Falle einer von Erfolg 
begleiteten Invasion von Norden her führte der ganze östliche Teil 
mit Ausnahme Aegyptens die Fremdlinge in ein ganz ungewohntes 
Terrain, in dem sie sich gewöhnt an weite Flächen, auf denen der 
Blick ungehemmt umherschweifen konnte und sich ihnen Acker- und 
Weide-Land in Ueberflufs und mühelos bot, schwerlich wohl fühlen 
konnten und sich einleben mochten; denn hier nahm das Ackerland 
den geringsten, das unproductive den bei weitem gröfsten Teil ein. 
Vor allen Dingen aber entsprach der Westen Europas in klimatischer 
Beziehung mehr als der Osten den körperlichen Eigentümlichkeiten 



>*) Kiepert. S. 211. 

**) Man denke an den Zug der 10 000 Griechen unter Xenophon. vgl. 
Strabo XI. 14, 4, *Ev avr§ 6h ty jiQfievia itoXka fihv oqtj, TioXXa 6h 0Q07te6ia, 
SV oig ov6* afiTteXog (pvstcci ^a6i(oq, TtoXXol 6*avXc5v6g. 



8 

m 

der aus dem Nordosten kommenden Völker, welche in der sarmatischen Tief- 
ebene an einen Januar von bisweilen ^ö) — 30® C. gewöhnt waren, denn 
in seiner Ausdehnung zwischen dem 35. und 55® N. Br. bot der Occident 
Gegenden dar, in denen ein starker Winterfrost sich bis heute nicht 
verleugnet, der Orient aber, zwischen dem 25. und 45® N. Br. gelegen, 
also um volle 10 Breitengrade südlicher, kennt mit Ausnahme der 
nördlichen Balkanhalbinsel und der sonst öden Hochflächen Armeniens^'') 
keinen Winter: Constantinopel hat im Januar +5 <*C., Athen und Jerusalem 
je + 8,500., Suez im Februar + 13,10c. 

Aber nicht nur die klimatische Gleichartigkeit und die davon 
bedingte Uebereinstimmung der Erzeugnisse verband allein die Glieder 
des Ostens enger mit einander als diejenigen des Westens; es war 
vielmehr noch die Gleichartigkeit der geistigen Bildung und die gleiche 
Höhe auf der Stufe der Kultur, welche den Osten vor dem Westen 
auszeichnete; hatte dieser ausgedehntere Ländermassen, so fiel ihm 
hier auch eine gewaltige civilisatorische Aufgabe zu in zweierlei Be- 
ziehungen, einmal die, die nordwestlichen Provinzen noch mehr als 
bisher geistig zu durchdringen, andererseits ihnen allen die Segnungen 
des katholischen Christentums zu bringen, deren sie immer noch ent- 
behrten; der Osten dagegen umfafste nur Völker, welche entweder 
Griechen waren oder doch schon seit 7 Jahrhunderten, nämlich 
seit Alexanders glänzendem Siegeszuge zum Hydaspes unter seinen 
griechischen Nachfolgern längst griechisch nicht nur zu sprechen, 
sondern auch zu denken gelernt hatten und in denen schon längst 
die vom Arianischen Irrglauben gereinigten Lehre in der Weise durch- 
gedrungen war, dafs jede Verschiedenheit der Auffassung eines 
Dogmas das ganze Reich gleichmäfsig von Norden nach Süden und 
vom niedrigsten bis zum höchsten ergriff und erregte.^») Im Occident 
dagegen gab es noch eine starke heidnische Hofpartei, welche durch 
die Besiegung des Eugenius nur äufserlich niedergeworfen war und 
sofern sich ihr die Gelegenheit bot, gern bereit war den Polytheismus 
selbst auf Kosten des Patriotismus von neuem zu proclamieren,*^^) 
während das Volk sich keineswegs in der Stärke wie das griechisch- 
redende mit seinem Herrscher durch die Religionsgemeinschaft als 
identisch fühlte und nicht immer notwendig in dem Feinde seine 



26) Kiepert S. 339. 

^) vgl. Joh. Chrysostomi ep. 4. 6. 109: anrix^^i^v eiq ;|rcö^£Ov xr^q 
xaS^ ijliiag oixovfievT^g iQrifioratov u. a. a. O. 

**) vgl. Finlay Griechenland unter den Römern I. S. 125 ff. 149. 
^^) Zos. y. 41. während der Belagerung Roms durch Alarich. 



Landes den eignen sah, sondern viel öfter den rettenden Befreier von 
unerträglichem Steuerdruck. 

Schwerlich ahnte der sterbende Theodosius, mehr, wie Ambrosius 
behauptet ,30) auf dem Totenbette um das Heil der Kirche als das 
des Staates besorgt, dafs die von ihm also getrennten Reichshälften 
so ganz verschiedene Wege wandeln und Schicksale haben würden; 
er starb vielmehr in dem guten Glauben, dafs die Herrscher, seine 
Söhne und Nachfolger, niemals den Gedanken der Zusammengehörig- 
keit aus den Augen verlieren, sondern stets die Gefahr des andern 
auch für die eigne ansehen würden. Und äufserlich wenigstens wurde 
die Reichseinheit noch Jahrhunderte hindurch dadurch aufrecht 
erhalten, dafs die in beiden Teilen gegebenen Gesetze und Verord- 
nungen alle ohne Ausnahme an d-^r Spitze stets die Namen der beider- 
seitigen Regenten trugen, obwohl sie vor der erst durch Theodosius IL 
erfolgten Codificierung nur einseitig erlassen waren,^*) und dafs sie in 
lateinischer Sprache abgefafst wurden (bis Jusfinian); sodann wurde 
das Jahr nach wie vor nach den beiden Consuln^»») benannt, von 
denen regelmäfsig jedes Reich einen ernannte. Es kommt zwar oft 
vor, dafs am Ende der Verfügungen nur einer genannt ist, allein dies 
erklärt sich leicht daher, dafs man oft mit ihrer Ernennung, um hoch- 
verdiente Männer dadurch auszuzeichnen, zu lange wartete, und in- 
folge dessen der Name des Consuls am Beginn des Jahres im Nachbar- 
reiche noch nicht officiell bekannt war.^^) Endlich sahen auch die 
Zeitgenossen die Teilung des Reichs nicht als eine dauernde Trennung 
an, wie denn der spanische Presbyter Orosius, welcher um 417 seine 
sieben Bücher gegen die Heiden schrieb, ausdrücklich sagt:^^) „Der 
Kaiser Arcadius, dessen Sohn Theodosius jetzt den Orient regiert, und 
der Kaiser Honorius, sein Bruder, welchem jetzt unser Staat gehorcht. 



^) De obitu Theod. orat. c. 35. Doch ermahnte er die Söhne die Steuern 
herabzusetzen ibid. 5. 

3*) Vgl. Cod. Theod. ed. Hänel. I. 1,5. u. De Theodos. cod. auctoritate 
bei Hänel p. 94. § 5. u. 6. 

3»a) Vgl, Walter Geschichte des röm. Rechts I. S. 437 ff. Finlay a. a. O. 
S. 139. 

32) Vgl. Richter de Stilichone et Rufino. Dissert. Halae 1860, p. 3 u. 4. 
Sievers Stud. zur Gesch. der Röm. Kaiser S. 546—548. Synesius ep. 132. 

33) VII. 36. Arcadius ... et Honorius . . . commune Imperium divisis 
tantum sedibus tenere coeperunt, eine Stelle, welche weder Richter a. a. O. noch 
Sievers S. 337. anfuhren. Der von ihnen citierte Marcellinus Com. hat seine 
Notiz aus Orosius entnommen, wie Holder-Egger im Neuen Arch. der Ges. für 
alt. deutsche Gesch. Untersuchungen über einige annalist. Quellen zur Gesch. des 
5. und 6. Jahrh. 1876, 1, i. nachgewiesen hat. 



lO 

begannen das Reich gemeinsam zu beherrschen, nur dafs die Residenzen 
verschieden waren." 

Gleichwohl sind die Unterschiede in den politischen, socialen und 
religiösen Verhältnissen bei der Verschiedenheit der geographischen 
Beschaffenheit der beiden Länder und ihrer Bewohner trotz aller Gemein- 
samkeit in den Interessen so gewaltig, dafs man bereits von 395 an eine 
gesonderte Geschichte des Ostens und Westens schreiben kann, wenn 
man nurden andern Reichsteil und die Veränderungen in demselben stets 
dabei im Auge behält, um jedesmal, wenn die Ereignisse eine Gesammt- 
action der Reiche erforderten, überall über die Veranlassung derselben 
und ihre Folgen genau orientiert zu sein. 

Will man das nun mit der Osthälfte für mehr als ein halbes 
Jahrhundert versuchen, so mufs man sich vor allen Dingen ausser über 
die allgemeine physische Gliederung derselben auch über die 
administrative und militärische klar sein: das ganze oströmische 
Reich zerfiel in zwei ungleiche Hälften Oriens und lllyricum,^*) 
von denen jene weitaus die gröfsere war; beide wurden von einem 
PraefecLus praetorio^***) verwaltet, doch hatte nur der Praefectus pr. 
per Orientem seinen Sitz und seine Kanzlei in Constantinopel, während 
der Praefectus pr. per lllyricum seit 395 zumeist in Thessalonich und 
nur kurze Zeit (in den Jahren 424 — 447 etwa) in Sirmium residiertet^) 
Die Praefectur des Orients zerfiel ihrerseits in fünf gröfsere Verwaltungs- 
bezirke, Dioeceses: Oriens, Aegyptus, Asiana, Pontica, Thracia. Die 
Dioecese Oriens wurde von einem comes mit dem Amissitze in der 
nur Rom und Alexandria an Volkszahl nachstehenden Hauptstadt 
Syriens Antiochia verwaltet; ihm unterstanden die Provinzen Cilicia 
secunda 36) mit dem Hauptort Anazarbus, (Syria salutaris, mit Apamea), 
Euphratensis,^'') Foenice Libani mit Damascus,^^) Palaestina secunda 
mit Scythopolis, Palaestina salutaris mit Petra, Mesopotamia mit Amida,^^*) 
Osrhoena mit Edessa, Isauria mit Seleucia,40) welche ein praeses 
(Regierungspräsident) leitete; ferner Palaestina prima mit dem Haupt- 



^) Im folgenden ist die Notitia dignitatum et administrationum ed. 
Ed. Böcking Bonnae 1839 — 1853 und ed. O. Seeck. Berlin 1876 zu Grunde 
gelegt. Vgl. Walter § 366—370. 

3*a) Üeber seine Amtsbefugnis und sein officium Walter a. a. O. S. 431 ff. 

38) Hertzberg Gesch. Griechenlands seit dem Absterben d. antik. Lebens I. S. 62. 
3«) Vgl. Bekker-Marquardt Handb. der Rom. Altertümer III. i. S. 171 und 

Joh. Malal. XIV. p. 365. 

37) Bekker-Marquardt III. I. S. 175. 
3«) S. 201. 

39) S. 207. 

*o) Not. Dign. I. 313. Bekker-Marquardt S. 171. 



II 

orte Caesarea,"*^) Foenice mit Tyrus, Syria prima mit Antiochia, Cilicia 
prima mit Tarsus, die Insel Cyprus mit Constantia (Salamis*^), welchen 
ein consularis vorgesetzt war; endlich die Provinz Arabia mit Bostra,*^) 
welche jedoch einen Militairgouvemeur (dux) hatte. 

Die Dioecese Aegyptus unter einem praefectus, welcher wegen 
der Wichtigkeit des Landes für das Reich speciell der „Kaiserliche" 
Augustalis genannt wurde und seinen Sitz in Alexandria hatte,*-*) 
teilte sich in die Provinzen Aegyptus am Delta bis Memphis, Arcadia 
bis nördlich von Antinoe, Thebais bis Philae am Nil, in das an der 
Meeresküste westlich gelegene Libya inferior und die Pentapolis oder 
Libya superior an der kleinen Syrte mit dem Hauptort Kyrene;^«'») 
diese verwaltete je ein praeses, die Provinz Augustamnica dagegen, 
östlich vom Delta bis nach Rhinocolura reichend, wurde von einem 
corrector verwaltet. 

Von der Dioecese Asiana war der schmale Küstenstrich am 
Aegäischen Meer von Assus bis zum Maeander mit der Hauptstadt 
Ephesus'*^) abgetrennt und genofs allein im ganzen Ostreich die Ehre 
einem proconsul Asiae unterstellt zu sein, der in Bezug auf diesen 
Teil seine Befehle direct jedesmal vom Kaiser empfing, während er 
für die ebenfalls von ihm ressortierenden Provinzen Hellespontus mit 
Cyzicus,46") Lydien mit Sardes und die insulae den Anordnungen des 
praefectus praetorio Orientis unterworfen war. Diese letztgenannten**?) 
waren 53 an der Zahl und umfafsten fast alle Cycladen und Sporaden, 
besonders Rhodus, Cos, Samos, Chios, Lesbos, Tenedos, Andros, 
Naxos, Paros, Thera, Amorgos, Astypalaea, deren Metropolis Rhodus war. 
Sie wurden von einem praeses, Hellespontus und Lydia von einem 
consularis geleitet. Dagegen unterstanden dem vicarius Asianae die 
Provinzen Pisidia, Lycaonia*^) mit dem Hauptort Iconium , Frygia 
Pacatiana mit Laodicea, Frygia Salutaris mit Eukarpia,*^) Lycia,^''^) 



**) S. 201. Not. Dign, p. 341 seq. 511 seq. 
*^ Bekker-Marqnardt S. 133. Not. Dign. p. 130. 
*^) Bekker-Marquardt S. 203. 
**) S. 219 fF. • 
**) S. 221 — 224. 

*8) S. 144. Not. Dign. p. IG, 51, 167, Vgl. Hertzberg Gesch. Griechen- 
lands unter den Römern III. S. 236. 

*8a) Hierocles synecdem. ed. Bonnel p. 393. Bekker-Marquardt S. 144. 
*^) Hertzberg a. a. O. S. 233. Bekker-Marquardt S. 145. 
*8) s. 142. vgl. Malal. XIV. p. 364 seq. 
*^) Bekker-Marquardt S. 144. 
«>) S. 163. 



12 

Carla mit Aphrodisias, welche alle je ein praeses verwaltete, allein 
Pamphylia ein consularis. 

Die Pontische Dioecese unter dem vicarius Ponticae zerfiel in 
die Provinzen Cappadocia prima 5*) mit der Hauptstadt Caesarea, 
Cappadocia secunda mit Tyana, Hellenopontus, Pontus Polemoniacus, 
Armenia prima und secunda mit Melitene und seit Theodosius IL 
in Galatia Salutaris mit Pessinus , Honorias mit Heraclea unter je einem 
praeses, Bithynia mit Nicomedia, Galatia mit Ancyra unter je einem 
consularis ^2) und endlich Paphlagonia unter einem corrector. Aber 
die Praefectur des Orients beschränkte sich nicht auf Asien und Africa, 
sondern sie griff noch mit der Dioecese Thracia nach Eunopa über 
und umfafste denjenigen Teil der Halbinsel südlich der Donau, welcher 
im Westen durch eine etwa von Philippi ziemlich nordwärts bis zur 
Mündung des Cebrus (oder Ciabrus = Tzibritza) in den Ister verlaufende 
Linie begrenzt wird. Es waren dies die Provinzen Haemimontus, 
Rhodopa, Moesia secunda, Scythia, welche unter einem praeses, Thracia 
und Europa, welche unter einem consularis standen. Der Statthalter 
Moesiens hatte zugleich die Oberaufsicht über die Vorgänge an der 
Nordküste des Pontus und speciell auf der Taurischen Halbinsel, welche, 
wenn sie auch nicht in der Notitia dignitatum aufgeführt wird, gleich- 
wohl dem Unterthanenverbande des Reichs, wie durch inschriftliche 
und Münzenfunde hinreichend beglaubigt ist, angehörte ; '^^) doch scheint 
eine Zufuhr von Getreide, wie sie im Altertum nach Griechenland 
stattfand, in diesen Zeiten zunächst nicht vorgekommen zu sein, wohl 
infolge der ungeordneten Verhältnisse, welche die Völkerwanderung 
grade auf dem so fruchtbaren Boden nördlich jenes Meeres hervor- 
gerufen hatte.**) 

Im Verhältnis zu der weit ausgedehnten orientalischen Praefectur 
nahm das oströmische Uly ric um einen weitaus geringeren Raum ein; 
es zerfiel nur in die beiden Dioecesen Macedonia und Dacia, aufser- 
dem genofs die Provinz Achaia, den Pelopomes und das eigentliche 
Hellas mit Euboea und Lemnos umfassend, ebenfalls die Auszeichnung 
von einem proconsul verwaltet zu werden, doch unterstand dieser 
nicht wie der Asiens direct dem Kaiser, sondern dem praefectus pr. 



**) Not. Dign. p. 146 — 148. Bekker-Marquardt S, 160. 

52) S. 154 und 157, vgl. Malal. XIII p. 348. 

^^) Bekker-Marquardt S, 107 ff. 

^*) Procop Bell. Goth. IV. 5. 'Ex öh BoanoQov tioXbcoq ig tcoXlv XsQOwva 
iovxL, TJxetTai fihv iv ry TtccQalia, ''P(Ofial(ov ob xccl avTtj xaxrixooq ix naXaiov 
iazi, ßagßaQOL .... ra fiera^v anavxa exovai. Vgl. Soc. IV. 16. 
Hertzberg a. a. O. m. S. 268 und Kiepert S. 347. 



13 

per Illyricum; seine Hauptstadt war Korinth.'^*) Die Dioecese Macedonia 
hatte sechs Provinzen, von denen Thessalien mit Larissa, Epirus vetus, 
Epirus nova (mit einem Teile von Macedonia salutaris) mit Dyrrhachium,^*) 
Macedonia salutaris je einem praeses, Macedonia und Greta je einem 
consularis unterstellt waren. Die Dioecese Dacia endlich zerfiel in 
Dacia Mediterranea mit der Hauptstadt Serdica unter einem consularis, 
Dacia Ripensis mit Ratiaria, Moesia prima, Dardania mit Scupi und 
Praevalitana mit Scodra je unter einem praeses. 

Man mufs gestehen, diese ganze administrative Gliederung war 
in einer Weise angelegt, dafs, wenn geeignete Männer die Verwaltungs- 
posten bekleideten, das Wohl und Wehe des Reichs vortrefflich besorgt 
war; zwar fällt im Gegensatz zur Gegenwart die geringe Anzahl der 
Provinzen im Verhältnis zu dem riesigen Flächeninhalt auf, aber ein- 
mal war die Dichtigkeit der Bevölkerung (ausgenommen Aegypten)^ 
wie natürlich bei einem gebirgigen, zum grofsen Teil aus Plateaus 
bestehenden Lande eine sehr schwache, andererseits machte sich seit 
Theodosius I. auch das Princip gröfserer Teilung mehr und mehr 
geltend. 

Nicht minder überlegt und sorgfältig durchdacht war die Ver- 
teilung des stehenden Heeres über das Reich. An der Spitze des- 
selben standen die magistri militum (oder utriusque militiae), Heer- 
meister oder kommandierende Generäle,^**^) deren es 5 gab, nämlich 
zwei für den Orient und einer für Jllyrien, aufser diesen befanden sich 
zwei stets in der Umgebung des Kaisers, welche deshalb den Namen 
magistri militum praesentales führten. Ihnen unterstanden'»'') die in 
Constantinopel und Umgegend garnisonierenden Truppen, nämlich im 
ganzen an Reiterei 1 1 vexillationes Palatinae ^^) imd 1 3 vexillationes 
Comitatenses, an Fufsvolk 12 legiones Palatinae, 35 auxilia Palatina 
und die Auxiliarii sagittarii; der magister militum per Orientem hatte 
IG vexillationes Comitatenses, 9 legiones Comitatenses, 2 auxilia Palatina, 



6*) Bekker-Marquardt S. 121 ff. 

^) S. 119. Not. Dign. p. 152. 153. 

Ma) Über ihre Befugnisse und Officium Walter a. a. O. S. 434. 

") Diese Verteilung der Streitkräfte trifft allerdings nicht auf die Zeit der 
Reichsteilung zu, weil die Heere noch in Italien waren; erst nach ihrer Rück- 
kehr nahmen sie die Stellungen ein, wie sie die Notitia Dignitatum angiebt. Die 
Haus- und Palasttruppen (domestici und scholae) hatten ihre eigenen comites, 
beziehungsweise standen sie unter dem magister ofificiorum. Böcking, Cap. Xu. XIV, 
vgl. Walter a. a. O. S. 494. 

**) Über die Unterschiede der Truppengattungen giebt das gelehrte Paratitlon 
Gothofreds zu Cod. Th. lib. VII, p. 252 seq. Auskunft, vgl. Walter S. 495. 



aber lO legiones Pseudocomitatenses, der magister militum per Thracias 
führte 3 vexillationes Palatinae, 4 vexillationes Comitatenses und 2 1 legiones 
Comitatenses und endlich der magister militum per lUyricum 2 vexillationes 
Comitatenses, i legio Palatina, 8 legiones Comitatenses, 6 auxilia 
Palatina und 9 legiones Pseudocomitatetenses. Leider sind die Gamisons- 
orte aller dieser Truppen uns nicht erhalten,^®*) sondern wir müssen 
uns auf die allgemeine Bemerkung beschränken, dafs sie in den 
genannten Provinzen zerstreut lagen, und dafs selbstverständhch die 
Hauptorte derselben je nach ihrer militairischen Wichtigkeit auch durch 
gröfsere Truppenmassen gedeckt waren. Glücklicher dagegen sind 
wir in dieser Hinsicht mit der Überlieferung derjenigen Heeresteile 
daran, welche den Gouverneuren der Grenzprovinzen unterstellt waren, 
da die Notitia Dignitatum sie fast überall bewahrt hat, wenn auch 
über die Lage der Ortschaften mitunter sicheres nicht gegeben werden 
kann. Die Truppenbefehlshaber an den Grenzen hiefsen entweder 
comites rei militaris oder duces,^^) einen comes finden wir nur am 
Limes Aegypti und in Isauria, woselbst aber mit dieser Würde noch 
das Amt und der Titel eines Statthalters (praeses) verbunden war;*^) 
in den übrigen Grenzdistrikten des Orients commandierten duces: 
In Libyen, Thebais, Palaestina, Arabia, Foenice, Syria, Osrhoene, 
Mesopotamia und Armenia.^**) Aus dieser Zusammenstellung geht 
hervor, von wo die Oströmer den Feind hier im Osten und wen sie 
erwarteten, nämlich in Africa die wilden Völker der Sahara und in 
Vorder asien die nomadischen Reitervölker der arabisch-syrischen Wüste 
und die Perser. Besonders stark war die Besatzung der Thebais, weil 
diese oft von den libyschen Stämmen ^^j beunruhigt wurde: 2 Regimenter 
Reiterei, 16 alae derselben Truppengattung und an Fufsvolk 4 legiones 
und 9 cohortes, welche zum gröfsten Teil in den Nilstädten Hermopolis, 
Cusae, Coptus, Hermonthis, Thebae, Latopolis, Syene, Philae und der 
Oasis maior gamisonierten, wogegen die Angabe über die Besatzung 
Libyens leider verloren gegangen ist. Doch wissen wir aus den Briefen^^) 
des späteren Bischofs der Pentapolis Synesius von Kyrene, dafs sie 
nicht zahlreich genug war, die einfallenden Maziken und Auxorianer 
in Schranken zu halten. Die Provinzen Vorderasiens waren alle stark 
geschützt, es lagen vom Pontus bis zum roten Meer, dem ersten 



58 a) Walter S. 495 : Sie lagen, vielfach gemischt, im Reiche umher verteilt. 

*®) Über ihren Rang vgl. a. a. O. p. 256, . 

«>) Böcking a. a. O. L S. 313. 

61) vgl. Notitia Dign. I. Cap. 27 — 35. 

•2) z. B. Die Blemmyer. Euagrius hist. eccles. ed. Valesius I. 7. 

®3) z. B. ep. 129, 131, 132 u. a. a. O. vgl. Philostorg. hist. eccles. XI. 8. 



15 

AngriiF zu begegnen, nicht weniger als 6i Abteilungen Reiter und 
38 alae, dazu an Infanterie 13 praefecturae von Legionen und 37 
cohortes, im ganzen überwog die Reiterei das Fufsvolk, weil auch der 
Feind dieser Grenzen meist zu Pferde kämpfte. Von den bekannten 
Gamisonorten sind anzuführen: Aila an dem Busen der Sinai-Halb- 
insel, Bostra, Aelia (Jerusalem), Palmyra, Callinicum, Circesium, Amida, 
Melitene, Satala und Trapezunt. Ganz besonders gedeckt waren 
Syrien und Foenice, weil sie den Weg durch die schon seit Alexanders 
des Grofsen Feldzug bekannte sehr wichtige Amanuspforte zu schliefsen 
und den Feind von der reichen, gewifs sehr begehrten syrischen Haupt- 
stadt Antiochia abzuhalten hatten ; auch die ebenen Provinzen Osrhoene 
und Mesopotamien waren mit zahlreicher Reiterei belegt, wogegen das 
gebirgige Armenien nur 2 Abteilungen equites, 8 alae und lo cohortes 
aufzuweisen hatte. 

In Europa drohte der Feind seit alters von Norden über die 
Donau her, deshalb waren die hier liegenden Grenzprovinzen Scythia, 
Moesia Secimda, Dacia Ripensis und Moesia prima ö^) mit starken 
Truppenmassen belegt, ebenfalls unter dem Befehle von duces. Die 
Truppen: 31 Abteilungen Reiterei, 39 auxiliares, wovon eine Abteilung 
im Kundschafterdienst geübter Leute (exploratores)*"»*»), ^2 legiones 
riparenses, wovon 3 exploratores, dazu 3 Compagnien Marinesoldaten 
(nauclarii) lagen in den zahlreichen Castellen, welche entweder an 
der Donau selbst oder in ihrer nächsten Nähe angelegt waren, 
besonders in Noviodunum^^), Durostorum*^), Viminacium^''), Cebrum^s) 
und Margus.ö^) — Diese ganze Streitmacht besteht, soweit das Fufsvolk 
in Betracht kommt, schon an sich aus 70 Legionen "^o), welche, wenn 



^*) Not. Dign. cap. 36—39. und S. 441 ff, 

"a) Vgl. über diese Böcking. S. 488 ff. 

e^) S. 449. 

6«) Heute Silistrija S. 465 ff. 

«') S. 479 ff 

6*) Heute Dschibra-palanka am Zibru (Ciabrus) S. 494. 
. 69) S. 483 ff 

■'®) So berechnet sie wenigstens Bekker-Marquardt a. a. O. S. 357. Die 
Legion wird von dem Zeitgenossen Vegetius epitoma rei militaris (ed. C. Lang) II, 2. 
ausdrücklich zu 6000 Mann angegeben : Romani legiones habent, in quibus singulis 
sena milia, interdum amplius militare consuerunt; während die Stelle I, 17. an und 
für sich nichts beweist. Doch weist ebendasselbe cap. 3 auf die Umstände hin, 
welche einen forwahrenden Rückgang der Zahl herbeiführten. Wenn nun aber 
andererseits O. Seeck Forschungen zur Deutschen Gesch. 1884, Heft i: Über die 
Glaubwürdigkeit Claudians in seiner Schilderung des Gildonischen Krieges auf 
Grund von Ammian XIX. 2, 14 die Legion zu etwa 2000 Mann berechnet, so 



i6 

sie vollzählig waren, ein Heer von 420000 Mann darstellen und somit 
den heutigen Friedensstand des auf diesem Gebiete gehaltenen türkischen 
Heeres von 151 129 Mann (im Kriegsfalle 758000 M.) weit übertreffen 
würden; allein aus mancherlei Anzeichen geht hervor, dafs der Präsenz- 
bestand des oströmischen Heeres dieser Periode durch geringere Aus- 
hebung, Desertion, ungesetzliche Urlaubsbewilligungen ^*) jene Zahl bei 
weitem nicht erreichte. 

Waren die Grenzen des Reichs auf solche Weise gegen die 
Feinde zu Lande nachdrücklich geschützt, so ist anzunehmen, obwohl 
die Nachrichten darüber nur spärlich fliefsen, dafs auch zur See eine 
respectable Macht an Schiffen und Marinesoldaten von Staatswegen 
gehalten wurde. Diese Flotten '^j dienten zur Deckung der Militair- 
transporte und der Getreideschiffe, zum teil auch zur Überfahrt der 
Truppen selbst und des Kriegsmaterials. Bekannt ist aus der früheren 
Zeit die classis Pontica*^«*), welche abwechselnd in Trapezus, Byzantium 
und Cyzicus lag und zu unserer Zeit gewiss in Constantinopel ihre 
Station hatte, dazu kommt die classis Carpathia ''*) , so genannt 
von der Insel Carpathos auf halbem Wege zwischen Alexandria und 
Constantinopel, die classis Seleucena'^) (wohl die alte classis Syriaca) 
mit dem Standort Seleucia, der Hafenstadt Äntiochias, und endlich 
die Aegyptische Flotte, classis Alexandrina oder classis Augusta IV., 
mit der Station in Alexandria, doch wohl zu unterscheiden von der 
gleichnamigen aegyptischen Getreidefiotte, welche das Brodkorn alljähr- 
lich nach der Reichshauptstadt anfuhr. 

Aufserdem unterhielt das Ostreich, wie das Westreich auf dem 
Rhein, so auf der Donau '^^) eine Kriegsflotte, welche den Kommandeuren 
der dortigen Landtruppen untergeordnet war und deren einzelne Stationen 
geographisch nicht alle mit Sicherheit zu bestimmen sind. 

Die Waffen für die ganze Streitmacht zu Wasser und zu Lande 
wurden in grofsen Staatsfabriken von einer besonderen Zunft, den 
fabricenses, welche ebenso wie die Decurionen an ihren Stand erblich 



ist es einmal sehr schwer auf diese Stelle ein sicheres Urteil zu stützen, sodann ist 
§12 und 13 ein heftiger Kampf vorausgegangen, in dem viele getötet und ver- 
wundet waren. 

") Vgl. Novell. Theod. II. VII. 3. Walter S. 496. 

'2) Bekker-Marquardt S. 392 ff. 

'3) S. 405. 

''*) Cod. Theod. XDI. 5, 72. Ebenda wird auch die classis Alexandrina 
erwähnt. 

'6) Cod. Th. X. 23, I. 

'ö) NotDign. Cap.37 — 39. Cod. Theod. VII. 17,1. Bekker-Marquardt S, 407. 



17 

gebunden waren, hergestellt Sie standen unter der Aufsicht des 
magister officiorum.'''^) Im Orient wurden in Damascus und Antiochia 
Sohilde und Waffen geschmiedet, in Antiochia ausserdem noch Panzer- 
stücke für Mann und Ross, in Edessa Schilde und Schiffsausrüstungen, 

• 

in Irenopolis (Cilicia) Speere und Lanzen; in der Dioecese Pontus in 
Caesarea (Kappadocien) Panzer und in Nicomedia ausser diesen noch 
Schilde; in Asien war nur in Sardes eine Fabrik für Schilde und Waffen; 
in Thracien für dieselben Gegenstände in Adrianopel und Marcianopel; 
in lllyrien in Thessalonich, Naissus (Dacia Mediterranea), heute Nisch, 
an der Morawa; in Ratiaria (Dacia Ripensis) an der Donau und in 
Horreomargus (Moesia 1.) , jetzt serbisch Morawa EUsar "'s), ebenfalls an 
der Morawa (Margus). 

Die Hauptstadt des nunmehr für immer von dem Westen 
getrennten Reiches wurde seit dieser Zeit bleibend Constantinopel, 
welches bis dahin neben Rom die zweite Stelle eingenommen hatte« 
Es. konnte sich, wenn auch aus dem uralten Byzanz'^^) hervorgegangen, 
freilich mit seiner Geschichte und seinen Erinnerungen keineswegs mit 
denen Roms messen, dagegen Hess es in Bezug auf die Gunst seiner 
Lage dieses weit hinter sich zurück, und es wäre der grösste Missgriff 
Constantins des Grossen gewesen, wenn er im Begriff ein Neu -Rom 
im Osten zu gründen Serdica, Thessalonich, den Boden Iliums oder 
auch Chalcedon, zwischen denen er eine Zeit lang geschwankt hat,^^) 
gewählt hätte. Denn alle diese Orte, so günstig sie auch sonst von 
der Natur ausgestattet sein mochten, würden in jedem einzelnen Falle 
mehr oder weniger als das Erzeugnis einer Fürstenlaune erschienen 
sein, während die Meerengenstadt des Bosporus bis auf den heutigen 
Tag. und wohl für alle Zeiten die natürliche Beherrscherin der Balkan- 
halbinsel, Klein -Asiens und aller der Meere und Wasserstrafsen ist, 
welche dort von allen Seiten zusammenfliessen und münden ^i). Wie 
könnte man wohl eine andere nicht am Weltmeer gelegene Stadt auf 
dem Erdboden suchen und finden, wo so viele begünstigende Umstände 
ebenso freigebig gespendet worden sind! Es endigen hier von der 



'') Not. Dign. c. 10 u. S. 237 ff. Früher bis zum Sturze Rufins standen 
die Fabriken unter dem praefectus praetorio, vgl. Job. Lydus de mag. II. 10, 
III. 40 u. Walter a. a. O. S. 500. 

'«) Not. Dign. S. 244 vgl. S. 483 ff. 

'9) Vgl. zu diesem Abschnitt O. Frick in Pauly's Realencyclopaedie : By- 
zantium. 

**) Zosim. II. 30, 2. Sozomen. II. 3. Vgl. Hertzberg Gesch. Griechenlands 
unter den Römern III. S. 252 ff. 

**) Kohl Die Hauptstädte Europas, Abschnitt Constantinopel, u. G. Über 
die Besiedelung der Meerbusen. Progr. Pyritz 1883. S. 19 u. 20. 

2 



i8 

Landseite her die Strassen, welche über Thessalonich und Dyrrhachium 
in den Ocddent, über Philippopel, Adrianopel, Sophia und die Morawa 
entlang in das Herz Europas und andererseits quer durch das Plateau Klein- 
Asiens zu den grossen Metropolen des Ostens Antiochia, Babylon, ja im 
weiterem Verlaufe zu dem an Gewürzen, Perlen und Edelsteinen reichen 
Indien fahrten; von der Seeseite dagegen münden die Linien, welche sie 
nordwärts mit dem reichen Kornland an der Küste des Pontus, ostwärts 
mit Trapezunt, Phasis und in dieser verlängerten Richtung über Tiflis 
mit dem Kaspischen Meer und Central -Asien, südlich mit den 
blühenden Griechen -Colonien der Westküste Klein -Asiens und über 
Rhodus mit dem so wichtigen Culturland Aegypten, südwestwärts 
endlich mit der Inselwelt des Aegäischen Meeres, mit Athen und den 
Emporen des westlichen Mittelmeerbeckens verbinden. Zur Aufnahme 
eines so riesigen Schiffsverkehrs aber war Constantinopel ^2) ausser- 
ordentlich geeignet, weil es in dem tief einschneidenden „goldenen 
Hom" einen vor der reifsenden Nord-Südströmung des Bosporus und 
allen Stürmen wohlgeschützten Hafen besass, dessen günstigsten Anker- 
plätze zu unserer Zeit im Bosporion und Neorion (in dem Stadtteil 
der Blachemen) sich befanden, während sich an der gegenüberliegen- 
den Westseite der dreieckigen Landzunge, auf welcher die Stadt sich 
erstreckte, der weniger sichere Theodosianische (Eleutherische) und 
Julianische Hafen 83) den Ankommenden darbot. 

Zur Ernährung der Bewohner hatte schon von jeher das Meer 
reichlich beigetragen, denn zu Millionen, heifst es, drangen in den 
ältesten Zeiten die Thunfische alljährlich durch die Propontis, wurden 
hier gesalzen und geräuchert 8^), und wenn sich dieser Reichtum auch 
im Laufe der Jahrhunderte gemindert . hatte, so konnte doch noch 
ein grosser Bruchtteil der Einwohner darin seinen Unterhalt finden, 
zumal da bis auf den heutigen Tag aufser jener Art auch noch der 
Schwertfisch, Sardellen und eine Menge anderer Fische hier gefangen 
werden.85) Die nächste Umgebung bot an Wild Hasen, Wildschweine, 
Fasanen, treflfliche Wachteln und Rebhühner, während das im Winter 
kühle, aber doch im ganzen milde Klima ausser unseren Obstsorten 



^) Diese Ausführung stützt sich besonders auf das umfangreiche mit zwei 
Karten ausgestattete Werk Jos. v. Hammer's Constantinopolis u. der Bosporus. 
Pesth 1822. 2 Bände. 

®^) O. Frick a. a. O. S. 2622. 

^) Kiepert a. a. O. S. 327. Guthe- Wagner Lehrb. der Geographie S. 418. 
Daniel ü. S. 54 fF. 

8«) Hammer I. c. Xm. 



I 



»9 

die nahrungsspendende Feige wohl gedeihen liefs. Hatte die weitere 
Umgebung — Thracien — in früherer Zeit ausgereicht, die Zahl der 
Bewohner mit Brodkom zu versorgen, so wuchsen mit der steigenden 
Menge auch ihre Bedürfnisse, welche dann durch die Zufuhr pontischen 
und aegyptischen Getreides befriedigt wurden. Allerdings ging die 
pontische Zufuhr, welche einst in athenischer Zeit einen Durchfahrtszoll von 
15 Talenten jährlich abwarf, in den Wirren der Völkerwanderung 
ganz ein, doch sind Anzeichen vorhanden, dafs sie im 5. Jahrhundert 
zeitweise energisch wieder aufgenommen wurde. ^ö) 

Dagegen wurde diese sonst so herrlich gelegene Stadt häufig 
von Erdbeben 8'') heimgesucht, mit denen sich oft ein Seebeben verband, 
allein trotz der Unsicherheit, besonders der hervorragenden Bauwerke, 
versäumten die Kaiser nicht die von Constantin dem Grolsen 330^8) 
erneute Stadt mit solchen zu schmücken. Schon er selbst hatte mit 
nie versiegender Baulust versucht den von ihm um 15 Stadien nach der 
Landseite erweiterten Raum des Stadtgebietes mit Gebäuden jeder 
Art und Anlagen auszufüllen, die folgenden Kaiser waren hierin nicht 
hinter ihm zurückgeblieben, so dafs die Residenz der Oströmischen 
Kaiser zur Zeit der Reichsteilung auf ihren sieben Hügeln (nach dem 
Vorbilde Roms) und in den 14 Regionen s^) etwa dieses Äufsere bot: 

In dem ersten Bezirk, welcher die Ostspitze der vom goldnen 
Hörn und dem Bosporus bespülten Landzunge umfafste, lag der 
grofse Kaiserliche Palast ö<^), welcher aufser dem beständigen Wohnhaus 
des Kaisers mit dem Thronsaal und dem ganz aus Porphyr her- 
gerichteten Gemach, in welchem die Prinzen und Prinzessinnen das 
Licht der Welt erblickten, die Wohnungen hoher Hofbeamten, die 
Kasernements der Leibwache und eine Zahl von sonstigen Prach- 
gebäuden, Hallen, Höfen und Gärten umschlofs, sodann mehrere andere 
Paläste wie der der Tochter Theodosius L Placidia und aufser den 
fünfzehn Privatbädern die Thermen des Arcadius. Durch den von 
Säulenhallen mnrahmten mit vergoldeten Erzziegeln gedeckten Vorhof, 



*ß) Wenigstens spricht Socr. IV. 16 von einer Einfuhr pontischen Getreides 
wie von etwas gewöhnlichem: dsi yag örj xcovoravrivovTtokig , xal ansi^a 
rQe<povaa nl'^S-ij, rä noXXa eiS-wslrai r(j) ze öid öaXdooijQ exBiv x(Bv Ttavta- 
XoS-ev iTtiTi^öeicDV xbv TCQOoxofjiiÖTjv xal ozi 6 sv^sivog novzoq naQaxsifisvog 
a^d-ovov avt^ ^vixa TCQOOÖei^dy Ttagexsi zbv alrov. Doch vgl. damit Procop. 
Bell. Goth. IV. 5. 

*■') Hammer c. Xu. Auch noch heute treten hier Erschütterungeii auf. 

83) Vgl. Hertzberg a. a. O. S. 253 ff. 

*9) Notitia urbis Constantinopolitanae ed. O. Seeck 1876. Du Gange Con- 
stantinopolis Christiana. A. Schmidt, Der Aufstand in CP. unter Kaiser Justinian I. 

80) Hammer Cap. XXVI. O. Frick. S. 2621. 

2* 



20 

die Chalce,®^) gelangte man in das zweite Quartier, in welchem die 
von Constantin erbaute „grofse Kirche", später von Justinian neu auf- 
gebaute ayla Ö0(pla und das in feinstem Styl und kostbarstem Marmor 
aufgeführte Senatsgebäude ^2), vor welchem die rücksichtlose Hand des 
Constantin die ihrem eigentlichen Standort entrissenen Bildsäulen des 
Dodonäischen Zeus und der Athene von Lindos aufgestellt hatte, und 
endlich die Bäder des Zeuxippus^^) im Hain des Hercules auffielen, 
ein Bau von solchem Umfange, dals täglich darin zwei Tausend Menschen 
ein Bad nehmen konnten. Ein anderes, das Schneckenthor (Kochlias), 
führte auf der Seite des Bosporus in die dritte Region, in welcher 
der Hippodrom®^) oder der Circus, eines der grofsartigsten Bauwerke 
der damaligen Welt, lag. Es war von Septimius Severus errichtet und 
von Constantin mit zahlreichen Statuen geschmückt worden, welche 
er aus Athen, Cyzicus, Caesarea, Chalcis, Antiochia und anderen Orten 
hatte hierher bringen lassen. Aufser weniger bekannten Bildwerken 
wie die säugende Wölfin^ Scylla und Charybdis, der Esel des Augustus 
mit dem Eselstreiber, dem Löwenbändiger, stand dort die sogenannte 
Schlangensäule, ein ehernes Gewinde dreifach verschlungener Schlangen, 
auf deren Häuptern ursprünglich ein goldner Dreiftifs ruhte, das 
Weihegeschenk der Hellenen, welche am zweiten Perserkrieg teil- 
genommen hatten, und der unter Theodosius I. von dem praefectus 
urbi Proclus errichtete Obelisk.^*) In dem nördlich hieran sich an- 
schliefsenden Stadtteil (4.) lag das Augustaeum,®^) ein von Säulenhallen 
umgebener grofser Platz, mit der Statue der Helena und Theodosius 
des Grofsen, in dessen Mitte sich der goldene Meilenzeiger (Miliarium 
aureum)**) befand, von welchem die Strafsen nach allen Richtungen 
hin sich verzweigten. Weiter nördlich am goldenen Hom dehnte sich 
die fünfte Region aus, in welcher das Strategium, der Exercierplatz 
und das Hauptquartier der Kaiserlichen Garde lag, während die sechste 
westlich davon den Mittelpunkt der ganzen Stadt bildete. Hier befand 
sich das berühmte Forum Constantinum ^7) , ein von zweistöckigen 
Hallen umschlossener .Platz mit zwei Triumphbögen, in dessen Mitte 



»>) Du Gange a. a. O. S. 113. 

•*) Heute steht an der Stelle der Palast des Grofsveziers. Hammer I. 
S- 553. Vgl. Zos. X. 24. 

93) o. Frick S. 2620. Hammer Cap. UV. Du Gange S. 88 ff. 

»3a) Zos. n. 31. Du Gange S. loi ff. Hammer Gap.XXH. O. Frick S. 2621 

»*) Gorpus J. L. in. I. 737. 

9») O. Frick S. 2621. Vgl. Hertzberg a. a. O. S. 259. 

»*) Vgl. Über die Heerstrafsen des röm. Reichs II. Die Meilensteine. Von 
F. Berger. Progr. der Luisenstädt. Gewerbeschule zu Berlin 1884. 

^) O. Frick a, a. O. Hertzberg a. a. O. S. 259 ff. Vgl. Zos. II. 31. 



21 

sich die columna purpurea G)nstantiiii erhob. Die Kirche der heiligen 
Irene, der Anastasia und des Apostels Paulus schmückten die wieder 
am Bosporus gelegene siebente Region, in welcher sich auch später 
die bis zur höchsten Spitze auf Stufen ersteigbare Säule Theodosius I 
befand. Der nordwestlich vom Forum Constantini westlich der Umfassungs- 
mauer des alten Byzanz gelegene Bezirk war bemerkenswert durch 
das, ebenfalls in Beziehung auf das Alte Rom, sogenannte Kapitolium ^s), 
welches von Constantin den Wissenschaften gewidmet und zur Stätte 
der neuen Universität Constantinopel erhoben war, während die neunte 
und zehnte Region kein besonders hervorragendes Bauwerk aufzu- 
weisen hatte. Dagegen glänzte das elfte am Polyandrischen Thor der 
neuen Ringmauer gelegene Quartier durch die aus buntem Marmor 
erbaute, hochgewölbte Kirche der Aposteln,*®) welches die Kaiser und 
Patriarchen von Constantinopel als Mausoleum benutzten, und südlich 
davon das zwölfte durch die Troadensischen marmornen Säulenhallen 
die Münze und das die Strafse von Thessalonich her aufnehmende 
goldene Thor, die porta aurea,^<^®) welcher die in erhabener Arbeit in 
Marmor ausgeführten bildlichen Darstellungen der Arbeiten des 
Hercules, ^^^) der Qualen des Prometheus und andere zum Schmucke 
dienten. Durch einen weiten Zwischenraum geschieden von der übrigen 
Stadt lag ganz im Nordosten von einer eigenen Mauer umgeben die 
vierzehnte Region, die Blachemen, in welchem sich der von Q)nstantin 
erbaute Palast des Hebdomon befand. Jenseits endlich des goldenen 
Homs dehnte sich der dreizehnte Bezirk, die Vorstadt Sycae, heute 
Galata und Pera, aus, in welchem eine Schiffswerft und die Thermen 
des Honorius erbaut waren. 

In dieser Einteilung zählte die seit 359^®^) einem eigenen 
Praefectus, der im Range den übrigen praefbcti illustres gleich stand, 
unterstellte Stadtgemeinde nach dem Berichte des unbekannten Ver- 
fassers der notitia urbis CP. im ganzen 4388 Häuser, 14 Kirchen 
20 öffentliche und 120 private Bäckereien, 8 Thermen und 153 private 
Bäder, 4 grofse und 5 Fleischmärkte, 4 Häfen, 5 grofse Staatsspeicher, 



**) O. Frick a. a. O. Hertzberg S. 271 ff. Du Gange S. 149 und 150. 

ö9) Hertzberg S. 261. 

^^) Der Bau dieses Thores wird im Corp. In L. III. i, 735. auf Grund der 
Inschrift: Haec loca Theudosius decorat post fata tyranni 

Aurea saecla gerit qui portam construit auro. 
mit Recht Theodosius I. zugeschrieben. Mala!. XIV. dagegen, welcher ihn dem 
jüngeren Theodosius zuweist, irrt, weil sich gegen denselben kein „Tyrann* 
erhoben hat. Vgl. G. S. 197. 

wi) Hammer I. cap. XX. 

*<«) Hertzberg S. 265 ff. Walter a. a. O. S. 447. 



22 

4 Cistemen und 2 Hauptwasserleitüngen und dehnte sich von der 
potta aurea bis zum goldenen Hom 4,4 Km. in die Länge und 2 Km. 
in die Breite aus. Bei einem solchen Umfang, bei einer so grofsen 
Häuserzahl, so viel öffentlichen und privaten Anstalten kann die Ein- 
wohnerzahl hinter derjenigen des heutigen Constantinopels kaum 
zurückgeblieben sein, wurden do(:h allein täglich von Constantin 1^3) 
80000 Brodportionen verausgabt, welche Theodosius I. noch utn 125 
vermehrte und unter seinen Nachfolgern gewifs nicht vermindert worden 
sind. Denn rechnen wir die auf Staatskosten unterstützten Hausstände 
des Proletariats nur zu je drei Personen, so erhalten wir bereits für 
die Bewohner des niedrigsten Standes eine höchst ansehnliche Zahl. 
Erinnert man sich dazu des lebhaften Handelsverkehrs, der in Con- 
stantinopel statthatte, so wird man sich von dem lebendigen, bunten 
und volkstümlichen Treiben, welches auf den Märkten und am Quai 
des Goldenen Horns und des Bosporus herrschte, eine annähernde 
Vorstellung machen können, ohne dafs dabei schon an die zahlreiche 
Garnison mit ihren malerischen und bei Gardetruppen sicherlich reichen 
Uniformen ^^*) gedacht ist. Allerdings konnten im Anfang Alexandria 
und Antiochia mit der neuen Reichshauptstadt in Bezug auf Aus- 
schmückung und Leben und Treiben wetteifern, aber je länger je 
mehr zog Constantinopel als bleibende Residenz der oströmischen 
Kaiser alles, was durch äufseren Reichtum und Wissen glänzte, an 
sich und wurde so allmählich die Sonne, von der allein die belebenden 
und erwärmenden Strahlen nach allen Seiten hin auf das Reich aus- 
strömten. 



Zweites Kapitel. 

Arcadius bis zu seinem Regierungsantritt : Seine Geburt, Erziehung durch Arsenius 
und Themistius, seine Erhebung zum August. — Sein Bruder Honorius. — 
Der Minister Stilicho und Rufinus Abstammung, Laufbahn, Character und Feind- 
schaft. — Rufin hofft seine Tochter mit Arcadius zu vermählen. — Arcadius 
heiratet auf Betreiben des Oberkämmerers Eutrop die Eudoxia, Tochter des Bauto. 

Der Kaiser Arcadius oder, wie er mit vollem Namen heifst, 
Flavius Arcadius Pius Felix, 1) welchem durch den Tod Theodosius I. 
die Osthälfte des römischen Reichs zufiel, war dem Vater aus der 



»03) S. 267 ff. 

*o*) Synesius negl ßaaiXelag cap. 18. 

^) Corpus J. L. in. I, 413. 



23 

ersten Ehe mit Aelia Flaccilla,^) der Tochter eines vornehmen spanischen 
Geschlechtes, wahrscheinlich noch in Spanien geboren. Stand er 408, 
als er starb, in seinem einunddreifsigsten Lebensjahre 3), so wird seine 
Geburt in das Jahr 377 oder 378 fallen, also kurze Zeit vor der 
Erhebung seines Vaters zum Augustus. Seine erste Erziehung in der 
neuen Heimat am Bosporus leitete zunächst seine dem nicaenischen 
Glaubensbekenntnisse eifrig zugethane Mutter, bis sie dieselbe einem 
durch den Ruf seiner Frömmigkeit ausgezeichneten Diaconus Arsenius *) 
aus Rom abtrat, welcher ihn und seinen jüngeren schon im Porph3rr- 
saal geborenen Bruder Honorius auf den Wunsch des kaiserlichen 
Vaters in strenge Zucht nahm; doch die höhere Bildung und die 
Einführung in die schönen Wissenschaften verdankte der Prinz 
dem als Sophisten durch seine Gelegenheitsreden neben Libanius 
glänzenden Heiden Themistius,^) welcher sich in einer derselben 
den Hinweis nicht versagen kann, dafs ihm der Kaiser den Arcadius, 
als er gegen die Gothen zog, vor allem Volke feierlich als Schutz- 
befohlenen übergeben habe. Damit aber ein reger Wetteifer die 
geistige Kraft des Prinzen mehr entwickele und belebe, wurden ihm 
und seinem erst am 9. September 384**) geborenen Bruder Honorius 
die Söhne von Anverwandten des Kaiserlichen Hauses und treuer, 
verdienter Staatsdiener zu Genossen gegeben; es war dies in erster 
Linie ein etwas älterer Vetter der Prinzen Nebridius*^), der Sohn einer 



2) So der Name auf Münzen. Cohen döscription des monnaies. VI. S. 462. 
Tafel XVI. und bei Ambrosius de obitu Theod. § 40. Claudian de nupt. Hon. 
et Mar. v. 43; laus Serenae v. 69 und 137. Die griechischen Quellen nennen 
sie TikaxlXka ; unrichtig nXaxLöia nur Nicephorus Callista chronogr. und Joh. Malal, 
vgl. Ifland S. 55 und 56. 

3) Cedren avvoxpig IotoqkSv p. 334. 

*) Zonaras XIII. 19. Cedren p. 327. Doch beruhen die näheren Angaben 
über die Art des Unterrichts bei Zonaras ohne Frage auf Erfindung. 

*) Themistii orationes XVI. XVII. In XVIII. sagt er: ov fJLOi slg xslgaq 
6&T]xev Tjvlxa iXavvstv ägfirixo inl ttjv hani^av. 

*) Idac. Fast. Chron. Alex. Socr. V. 10. Im Septemb. Marc. Com. Vgl. 
Ifland S. 128. 

'') Wir erfahren das aus S. Hieronymi ep. 79 ad Salvinam § 5. Nutritus 
in palatio, contubernalis et condiscipulus Augustonim ... in primo aetatis flore 
tantae verecundiae fuit, ut virginalem pudorera vinceret et ne levem quidem obsceni 
rumoris in se fabulam daret. Deinde purpuratorum propinquus, socius, consobrinus, 
iisdem cum ambobus studiis eruditus, non est inflatus superbia nee caeteros homines 
adducta fronte contempsit. und § 2. quod de sorore generatus Augustae et in 
materterae nutritus sinu. Sind diese Angaben, wie nicht zu bezweifeln ist, that- 
sächlich, so kann dieser Nebridius, wie die Anmerkung des Maffei will, 
weder der Sohn des bei Ammian. Marcell. XIV. 2 ; XX. 9; XXI. i ; 5.8; 
XXVI. 7. bezeugten praefectus praet. unter Constantin dem Jüngeren noch der 



Schwester Aelia Flaccilla's, dessen Mäfsigkeit, Enthaltsamkeit, Bescheiden- 
heit und Leutseligkeit der heilige Hieronymus nicht genug zu rühmen 
weifs, sodann die Kinder des tapferen Generals Promotus,^) der zu 
früh für Theodosius durch Rufins Tücke ins Grab gesunken war. 
Aber war auch das Leben des jungen Thronerben von Elternliebe 
und Freundschaft umwebt und geschützt, so gelang es diesen doch 
nicht den Keim der Schlauheit und Energielosigkeit, welcher in der 
Seele des Knaben schlummerte und durch das üppige Hofleben und 
sein übertriebenes Ceremoniel genährt wurde, zu unterdrücken und 
auszurotten. Denn immer mehr zeigte sich, dafs in seinem kleinen, 
wenig entwickelten Körper kein königlicher, männlicher Geist wohne, 
sondern eher eine zum Gehorchen geschaffene Seele.^) Gleichwohl 
überkamen ihm die seiner Abstammung gebührenden Ehren frühzeitig, 
schon 384^®) am 16. Januar verlieh Theodosius dem erst sechsjährigen 
die Würde eines Augustus und Mitregenten, wohl aus keinem anderen 
Grunde als um aller Welt zu zeigen, dafs er beabsichtige, die Kaiser- 
würde in seinem Hause erblich zu machen und um allen Zufallen, 
welche sein plötzlicher Tod hervorrufen konnte, von vornherein die 
Spitze zu bieten. Die Erhebung ging auf dem grofsen Marsfelde 
Constantinopels, welches sich aufserhalb der Mauern neben dem Palaste 
des Hebdomon ausdehnte, vor sich und war mit die Veranlassung 
zu dem Steuerlafs und der Erhöhung der Getreidespenden, welche 
Themistius 385 in einer Lobrede ^^) begeistert feierte. Schon im 
folgenden Jahre wurde ihm die Ehre des Consulats zu teil, welches 
er vor seiner Thronbesteigung nach 392 und 394 bekleidete. ^^j In 
seiner Eigenschaft als Mitregent war Arcadius daher von Theodosius 
394 in der Hauptstadt zurückgelassen worden, als dieser nach dem 



382 als comes rer. priv. im Cod. Th. X. 10, 16. 383 X. 5, 4. VI. 30, 5. und 386 
als Praefectus U. XIV. 12, i. III. 4, i. auftretende N. sein, weil er für eine 
Erziehung zusammen mit Arcadius und Honorius in jedem Falle viel zu alt wäre, 
sondern er mufs der Enkel des erstgenannten sein, den ich im Vicarius Asiae 
Nebridius Cod. Th. V. 11, 2. aus der Zeit 395 — 402 vermute. Vgl. Hänel Series 
chronol. constit. und Palladius dial. de vita S. Joh. Chrys, p. 90. 2ikßivy. 

8) Er hatte die Greothungen besiegt und im Kriege gegen Maximns die 
Reiterei befehligt und kam bei einem Überfall durch die Bastamen um, 
den man allgemein dem Rufin in die Schuhe schob. Die Belege bei G. S. 198 
und 201. 

9) Zos. V. I. Socr. VI. 23. Philost. XI. 3. 

^0) Socr. V. 10. Idac. Fast, zu 383. Chron. Pasch. 25. Jan. — Soz. XII. 12. 
Idac. chron. Prosper Aquit. Marc. Com. 
") Orat. XVIII. p. 269 flF. 
*2) Hänel Series chronol. constitut. 



25 

Occident zog, um den Eugenius niederzuwerfen und an dem Kaiser- 
mörder Arbogast Rache zu nehmen; er war auch, als die Trauerkunde 
von der tötlichen Krankheit des Vaters eintraf, nicht an das Toten- 
bett geeilt, ^3) sondern hatte auf Befehl des Vaters seinen elfjährigen 
Bruder Honorius dahin entsandt, um dem Sterbenden auch in 
seinem Namen die letzten Grüfse eines Sohnes zu überbringen. Wohl 
nur mit schwerem Herzen hatte er sich darin gefügt fernzubleiben und 
in der Überzeugung, die berechtigt genug war, dafs seine Abwesen- 
heit, zumal beim Tode des Kaisers, leicht die bequeme Veranlassung 
zu Unruhen und Aufständen abgeben könnte. So blieb er denn allein 
zurück, um, ein achtzehnjähriger Jüngling, ohne Unterbrechung das 
Staatsschiflf aus der Hand eines bewährten Steuermannes in seine eigene 
schwache zu übernehmen, nur geleitet und beraten von dem ihm von 
Theodosius noch zur Seite gesetzten Minister Rufinus. 

Es war dies an und für sich kein MifsgrifF des Kaisers, denn 
fast alle die Vorwürfe, welche diesem Manne hüben und drüben, 
aus christlichem und heidnischem Lager, gemacht werden, sind allgemeine 
Laster des Beamtenstandes der damaligen Zeit überhaupt. ^4) Sieht man 
von dem parteiischen Standpunkt des zeitgenössischen Dichters Claudia- 
nus,^^) des Sophisten Libanius und des Schmeichlers Symmachus *6) ab, so 
stellt Rufin sich in einem etwas günstigerem Lichte dar, als ihm gemeiniglich 
bewilligt wird.* '') Er war ein Aquitanier von Geburt aus Elusa *s) (Euse en 
Gascogne) und es würde schon von einem thatkräftigen Geist zeugen, 
dafs es ihm, schwerlich von edlen Eltern geboren, bald gelang an 
dem Hofe des ersten Theodosius zu den einflufsreichsten Stellen zu 
gelangen, wenn es uns nicht ausdrücklich überliefert*^) wäre, dafs er 



13) Rufin. II. 34. Philost. XI. 2. Socr. V. 26. Soz. VII. 29. Claud. VT. cons. 
Hon. V. 88 flF. III. cons. Hon. v. iio ff. Dagegen sprechen nur Theod. V. 25. und 
chron. Pasch, vgl. note 56 des Tillem. V. sur Th^odose. 

1*) Vgl. Zos. V. I. Eunap frgm. 62 und 63. Joh. Antioch. frgm. 188. 

1*) Vgl. G. S. 17 — 21, wo auch die Litteratur angeführt ist, zu welcher 
noch nachzutragen ist : Edm. Vogt in der Festschrift zur Begrüfsung der 34. Vers. 
Deutsch. Phil, und Schulm. zu Trier. Bonn 1879 und Volz Programm des 
Gymnas. zu Cöslin 1864. 

16) Vgl. G. S. 16 und 17. 

") Eine meisterhafte Darstellung seiner Amtsthätigkeit giebt Gibbon Gesch. 
des Verfalls und Untergang des röm. Reichs VII. S. 164 — 182. Vgl. Richter Diss. 
cap. I. G. S. 200 ff. Für die Beurteilung Rufins fallen besonders ins Gewicht : 
Claudian in Ruf. I. und II. Vgl. Symmach. ep. III. 81 — 90. Libanius ep. 445, 
900, 972, 1025, 1028b, 1029, 1328. Ambros. ep. 52. Eunap frgm. 63. 88. Joh. 
Ant. frgm. 188. Soz. VIII. 17; Theodoret V. 18. Philost. XI. 3. Zos. IV 51. V. i. ff. 

^8) Claud. in Ruf. I. v. 137. 

»») Phüost. XI. 3. 



26 

eine einnehmende, hohe, schlanke Gestalt von der Natur mit auf den 
Weg bekommen, dafs aus seinen lebhaften Augen ein jugendliches 
Feuer gestrahlt, das Zeichen einer energischen Seele, und dafs 
ihm die Gabe der Rede wie selten einem Menschen zu Gebote 
gestanden habe. Dazu kam gewifs ein hoher Grad persönlicher Klugheit 
und Gewandtheit 20), Eigenschaften, die niemand zur Schande gereichen, 
andererseits aber für jemand, der an einem intriguenreichen Hofe 
seine Laufbahn machen will, ganz unentbehrlich sind. Der scharfe 
Blick des selbst aus dem Volke emporgekommenen Kaisers hatte die 
Fähigkeiten des gallischen Hofmannes bald unter den übrigen heraus- 
gefunden, und es ist sicher anzunehmen, dafs nicht die Gunst eines 
anderen mächtigen ihn gehoben hat, sonst würde der Hofdichter 
Stilichos nicht versäumt haben es ihm vorzuwerfen, während er 
so nichts weiter über seine Vergangenheit anzuführen weifs als die 
abgeschmackte Erfindung-*), dafs die Furien selbst ihn aus seiner 
Heimat herbeigeholt hätten, um die Ruhe und den Frieden unter 
Theodosius Herrschaft zu stören imd in das Gegenteil zu verkehren. 

Historisch sicher verfolgen läfst sich Rufins Thätigkeit aber erst 
seit dem Jahre 390,22) wo ihm von Theodosius das einflufsreiche Amt 
des magister officiorum übertragen wurde, ein Amt, dessen Ausübung 
ihn fast stets in der unmittelbaren Nähe des Kaisers festhielt. 23) Hier 
mögen seine glänzenden Gaben wohl nun erst recht ihren Einflufs auf 
Theodosius ausgeübt haben, wenigstens wirft ihm Claudian24) vor, 
dafs er ganz besonders auf den Kaiser eingewirkt habe Thessalonich 
die Strafe wegen des Aufruhrs nicht zu erlassen, sondern ein ab- 
schreckendes Beispiel für ähnliche x\usschreitungen zu geben. Wie 
dem aber auch sein möge, jedenfalls erfreute sich der kühne und 
gewandte Mann der zunehmenden Gunst und des aufrichtigsten Ver- 
trauens des Kaisers, aber dies erbitterte natürlich diejenigen, auf deren 
Rat Theodosius sonst am meisten gehört hatte, die Generale Timasius 
und Promot,25) aufs heftigste. Hatten diese, wie erklärlich, die Absicht 
Rufin zu verdrängen, so war es nur Selbstverteidigung, wenn derselbe. 



20) Claud. a. a. O. v. 97 ff. 
2») V. 25 ff. 

22) Cod. Theod. X. 22, 3. De fabricensibus. 

23) Walter a. a. O. § 343. 

2*) In Ruf. I, V. 182. Ingeminat crimen commoti pectoris 'ignem 

Nutrit et exiguum stimulando vulnus acerbat. 
Über das Ereignifs selbst vgl. G. S. 181 ff. 

25) "Was von diesen sonst bekannt, ist zusammengestellt bei G. S. 198 ff. 



einmal von Promot vor versammeltem Consistorium gröblich beleidigt,28) 
die Hülfe des Kaisers anrief seiner Ehre genug zu thiin. Die Folge 
war bei dem leicht erregten Gemüt desselben die Verbannung des 
Promot zu seinem Truppenteil, von wo allerdings bald die Nachricht 
die Hauptstadt überraschte, dafs er von den feindlichen Bast&rnen 
überfallen und getötet worden sei; ein Ereignis, dessen Schuld man, 
vielleicht mit Unrecht, allgemein dem Rufin beimafs.^"^) Einen klareren Blick 
können wir bei dem Sturze 28) eines anderen hochgestellten Beamten, 
des praefectus praetorio Tatian und seines Sohnes Proclus, auf die 
Teilnahme des Rufin werten, weil er selbst zum Vorsitzenden des 
Richtercollegiums ernannt wurde, das über jene aburteilen sollte. Es 
unterliegt nun keinem Zweifel, dafs Tatian bei Proscriptionen seine 
Hände nicht rein erhielt, Unschuldige verurteilte und zum Schaden 
der Staatskasse der Bauwut mehr als gewöhnlich ergeben war, und es 
ist andererseits der Gedanke nicht zurückzuweisen, dafs diese Anklagen 
dem Rufin wie gerufen kamen, um das höchste Staatsamt im Reiche 
an seine eigene Person zu bringen und so dürfen wir ihn nicht von 
dem Vorwurf der Parteilichkeit freisprechen, um so mehr, als er 
den bereits glücklich entflohenen Proclus durch falsche List zur Rück- 
kehr veranlafste und seine Eünrichtung so sehr beeilte, dafs der 
Gnadenbote des Kaisers trotz aller Eile zu spät in Sycae ankam. 
Endlich aber hat er gewifs sein Teil dazu beigetragen den Kaiser zu 
jener grausamen, unserm Gefühl ganz unverständlichen Verfügung 29) 
zu veranlassen, welche dem ganzen Volkstamm der Lycier eben um 
jenes Tatian und Proclus willen die Fähigkeit absprach Ämter im 
Staate zu verwalten. 



86) Zos. VI. 51. Näheres bei G. S. 201. 

8'') Mit Recht macht Edm. Vogt. De Claudiani carminum quae Stilichonem 
praedicant fide historica. Diss. Bonn 1863. S. 12 und Progr. des kath. Gymnas. 
der Apostelkircbe zu Cöln 1870 S. 22, darauf aufmerksam, dafs Claudian, der 
doch sonst Rufin alle Schandthaten vorzuwerfen sich Mühe giebt , ihm nicht den 
Tod des Promot zuschiebt. 

88) Hierüber ist ausführlich gehandelt von G. S. 203 — 207. Ebendaselbst 
finden sich auch die Belege für diese Bemerkungen. 

**) Cod. Th. IX. 38, 9. . . Nee unius viri illustris Tatiani tantum valuerit 
temporalis offensio taeterrimi iudicis inimici, ut adhuc macula in Lycios perseveret. 
Diese Bestrafung des ganzen Volks der Lycier erscheint verständlicher, wenn man 
weifs, dafs auch unter Theodosius II. die Karthager und Aegypter wegen ihrer 
unbeugsamen Sitten vom Staatsdienst ausgeschlossen waren nach Isidor Peius, 
ep. 485 und 489. Vgl. Walter a. a. O. S. 500. und Kuhn Beitr. zur Verf. des 
röm. Reichs. S. 197. Claud. in Ruf. I. v. 232. 

Non notos egisse sat est; exscindere cives 
Funditus et nomen gentis delere laborat. 



28 

Auf diese Weise stieg Rufin zum Praefectus des Orients^®) empor, 
bekleidete zugleich 392 mit dem Kaiserlichen Prinzen Arcadius das 
Qjnsulat und erhielt sich in jener Stellung, in welcher er dem Kaiser 
am nächsten stand, bis ihm nunmehr, als Theodosius nach dem 
Occident zog (Mai 394), die ehrenvolle Aufgabe zu teil wurde im 
Namen des abwesenden Monarchen das Ostreich mit Arcadius zusammen 
zu verwalten. Und jetzt, wo Theodosius unvermutet nicht zurück- 
kehrte, sondern in Mailand für inimer die Augen schlols, schien dem 
ehrgeizigen eine noch höhere Gunst des Schicksals das ganze Reich 
unter seine Botmäfsigkeit zu geben. 

Aber eben dieses unverhoffte Geschenk der Fortuna, die ihn 
bisher so begünstigt hatte, wurde ihm von einem anderen bestritten, 
welcher ihm schon früher in den Weg getreten war und gegen den 
er einen glühenden Hafs im Busen nährte: dieser Mann war der 
Vandale Stilich o.^^) Auch er verdankte seine Stellung neben der 
Vorliebe des Theodosius für die Germanen einzig und allein seinen 
militärischen Fähigkeiten. Etwa 360 in Pannonien geboren folgte er 
dem Berufe des Vaters, welcher unter dem Kaiser Valens einige Reiter- 
schwadronen nicht unrühmlich geführt hatte, und erregte schon als 
gemeiner Soldat durch seine hohe, stolze Gestalt, seinen ruhigen Blick, 
sein festes, männliches Auftreten überall Aufsehen. Von seiner niederen 
militärischen Laufbahn wissen wir wenig, nur das eine wird berichtet, 
dafs er noch ziemlich jung als Gesandter nach Persien ^2) geschickt 
wurde, wo der schöne Germane wohl mehr durch seine körperlichen 
Eigenschaften sich Achtung errang als durch seine diplomatischen 
Künste. Seit 385 gehörte er zu der Schule der Feldherm, die Theodosius 
sich selbst in den Gothenkriegen ausgebildet hatte; diese gaben auch 
Stilicho hinreichende Gelegenheit durch seine Kühnheit und Tapfer- 
keit gepaart mit Ruhe und Besonnenheit das Auge des Kaisers auf 
sich zu lenken , welcher mit richtigem Blick die einstige Bedeutung 



30) Zuerst 392 26. Aug. Cod. Th. VIII. 6, 2. Tatian zuletzt 30. Juni. Cod. 
Th. XII. I, 127. 

31) Richter Diss. pag. 2. G. S. 199 und 200. — Hauptquelle ist Claudian 
in Ruf. I. und II. , wo die glänzende Gestalt Stil, überall dem dunklen Bilde, 
das der Dichter von Rufin entwirft, gegenübergestellt ist. De nupt. Hon. et Mar. 
De laud. Stilichonis I. und II. Laus Serenae. vgl. Eunap frgm. 53. Zos. IV. 57. 
(Job. Ant. frgm. 187). V. i. V. 34. Soz. VIII. 28. Symmach. ep. IV. i — 14. 
Olympiod. frgm. 2. Orosius VII. 38. Orelli No. 1133 und 1134. 

32) Doch ist das bezweifelt worden, weil er vix primaevus, wie ihn Claud* 
de laud. Stil. I. v. 51 bei dieser Gelegenheit nennt, Vorsteher der Gesandtschaft 
nicht gut sein konnte. Vgl. Sievers a. a. O. S. 330. Joh. Lydus de mag. III. 52. 
und 53. 



29 

des Mannes erkennend ihn durch ein besonders enges Band seinem 
Hause verbindlich zu machen und an ihm demselben eine mächtige 
Stütze zu gewinnen trachtete. Er gab ihm nämlich die Tochter 
Seren a seines verstorbenen Bruders Honorius, welche er adopiert^s) 
hatte, zur Gemahlin, eine Auszeichnung, die dadurch an Bedeutung 
nichts verliert, dafs es für die Kaiserlichen Princessinnen kaum andere 
Gemahle gab als verdiente Unterthanen. Wollte man dem oft 
genannten Hofdichter Stilicho's glauben, so würde Serena eine mit den 
seltensten Gaben ausgestattete Frau gewesen sein, die sich einer 
Penelope an häuslichen Tugenden und einer Tanaquil an Klugheit 
wohl zur Seite stellen konnte; jedenfalls scheint sie von ihrem Kaiser- 
lichen Oheim sehr geliebt worden zu sein, der mehr als den Mahnungen 
der Aelia Flaccilla Serena's beruhigenden Worten seinen leicht zu er- 
regenden Zorn preis zu geben pflegte.^^) 

Es liegt nun überaus nahe, dafs Serena selbst wünschte auch 
ihren Gemahl als ersten Ratgeber der Krone zu sehen, aber da war 
Rufinus ihm zuvorgekommen und deshalb herrschte von vornherein 
eine natürliche Abneigung 3*) zwischen den beiden Männern, die 
dadurch keineswegs an Schärfe einbüfste, dafs Stilicho, als er, um den 
Tod des Freundes Promot zu rächen, gegen die Bastamen und deren 
Bundesgenossen zu Felde lag und schon im Begriff war sie zu ver- 
nichten, auf Theodosius Befehl oder richtiger auf Rufins Anordnung 
plötzlich die Feindseligkeiten abbrechen und Friedensunterhandlungen 
anknüpfen mufste.^^) Gerade dieser Befehl ist von den Gegnern 
Rufins dahin ausgenutzt worden, als ob er die Barbaren gerufen und nun 
schonen wollte, aber wer sich erinnert, wie sehr es die Politik des 
Theodosius war, mit den Barbaren Frieden zu halten, der wird nicht 
notwendig diesem Vorwurf beistimmen. Das Verhältnis zwischen Stilicho 
und Rufinus aber wurde seit dieser Zeit ein immer gespannteres, doch 
wurden sie 394 einander aus den Augen gerückt, als Stilicho mit 
Theodosius neben Timasius^"') als commandierender General (magister 
militum) des gegen Eugenius gerüsteten Heeres gen Westen zog. 



^ Laus Seren, v. 104 ff. Zos. V. 4 und 34. 

3*) V. 134 ff. 

^) Claudian Laus Serenae v. 233 ff. deutet an, als ob Rufin dem Stilicho 
nach dem Leben getrachtet habe; das ist gewifs übertrieben. 

3«) Claud. De laud. Stil. I. 94 — 115. Richter S. 13 und 14, wo auch die 
Belege. Vgl. G. S. 202. 

^) Zos. IV. 57. Officiell beglaubigt erscheint Stilicho allerdings als magister 
utriusque militiae erst 398 Cod. Theod. I. 7, 3. Doch ist klar , dafs er nur in 
dieser Würde neben Timasius den Oberbefehl über die Römer führen konnte. 



Allein der unerwartete Tod des Kaisers fern seiner Hauptstadt 
in Italien brächte die durch seine Anwesenheit sonst gezügelten ehr- 
geizen Absichten der beiden feindlichen Männer von neuem an die 
Oberfläche zu unsäglichem Unheil für das ganze Reich. Man kann 
sich denken, dafs Rufins Gedanken neben der Trauer eines treuen 
Dieners bei dieser Nachricht zugleich die frohlockende Zuversicht war, 
nunmehr aller Fesseln ledig über seinen Kaiserlichen Herrn und 
damit über das weite Ostreich als allgebietender schalten und walten 
zu dürfen; wie peinlich und beleidigend mufste ihm daher die Forderung 
des Stilicho bedünken, nicht nur den Honorius leiten, sondern auch 
auf die andere Reichshälfte seine Fürsorge erstrecken zu wollen, und 
wie natürlich war daher sein Streben diese Zumutung mit aller Ent-' 
rüstung zurückzuweisen und auch dem Arcadius eine solche Bevor- 
mundung als einen räuberischen, anmafsenden Eingriff in seine Selbst- 
ständigkeit darzustellen ! 

Und sieht man sich nach einer urkundlichen, unparteiischen 
Beglaubigung für eine derartige Stellung des Stilicho um, so wird 
man sie vergeblich suchen und fast ausnahmslos die Bemerkung machen, 
dafs nur Stilicho als alleiniger Zeuge für eine dahinlautende Bestimmung 
des Theodosius aufgetreten ist;^») denn die vielfachen 39) Andeutungen 
und Behauptungen, welche Claudian in seinen Gelegenheitsgedichten 
überall anbringt, entbehren deshalb des historischen Kernes, weil der 
Dichter selbst eingestehen mufs, niemand sei zugegen^®) gewesen, als 
der sterbende Kaiser dem Stilicho die Sorge für das ganze Reich 
übertrug. Aber mufs einerseits bestritten werden, dafs Stilicho officiell f 

noch von Theodosius zum Vormund der be iden Söhne eingesetzt sei,^^) [ 

so braucht man sich nur an das Sterbebett des Theodosius und in 
die ganze Situation des Januar 395 zu versetzen, um in Stilicho doch 
mehr zu sehen als in dem oströmischen Minister: Denn, da Theodosius 
kurz vor seinem Zuge gegen Eugenius zum zweiten Male Witwer 
geworden war,^^) so umstanden sein Schmerzenslager von Verwandten 



38) Zos. V. 4; 34. 

30) In Rufin. II. 5 ff. III. consul. Honor. 142 ff. 152 ff. In Eutrop. II. 600 ff. 
IV. cons. Honorius 432 ff. De laud. Stilich. I. 40 flF. II. 52 ff. De nuptiis Honor. 
et Mar. 306. Vgl. Richter Diss. p. 24 fi". v. Wietersheim Geschichte der Völker- 
wanderung II. 2. Aufl. S. III und 112. Sievers a. a. O. S. 337 und 338. Hertzberg 
Geschichte Griechenl. unter den Römern III. S. 380. und Geschichte Griechenl. 
seit dem Absterben des antiquen Lebens S. 52. 

^ö) HI. consul. Honor. v. 142. 

♦*) Orosius VII. 37. Zosim. IV. 59. Vgl. Eunap frgm. 62. Philost. XI. 3.J 
— Behauptet wird es nur von Olympiod. frgm. 2. 

*^) Eunap. frgm. 61. Zos. IV. 57. Vgl. G. S. 223. 



31 

nur sein Sohn Honorius, vielleicht Pladdia,*^) seine Tochter aus 
zweiter Ehe mit Galla, seine Adoptivtochter und Nichte Serena und 
deren Gemahl Stilicho; der letztere war also der einzige erwachsene 
Angehörige der Familie und an ihn, nicht an das achtjährige Kind 
Honorius oder den greisen Ambrosius, werden sich daher alle Wünsche 
und Ratschläge des um sein Reich besorgten Kaisers und des um 
seine Kinder sorgenden Vaters gerichtet haben; dafs er in dieser 
seiner letzteren Eigenschaft die Fürsorge für seine Kinder, ihre Eintracht 
und damit, aber erst in zweiter Linie, auch für Thron und Reich dem 
Adoptivschwiegersohn recht innig ans Herz gelegt hat, wer möchte das 
bezweifeln? Die Seele eines Mannes und Monarchen, welche im 
Begrifi ist von der irdischen Staubhüllle sich zu lösen, denkt dabei 
nicht an die kleinen Wünsche des Menschenehrgeizes, sondern hat 
nur das grofse Ganze und Gute im Auge. 

Stilicho hat daher einerseits ganz recht gehabt, wenn er behauptete, 
ihm seien von Theodosius Söhne und Reich anvertraut worden, doch 
nicht in irgend welcher amtlichen Stellung, sondern nur in derjenigen 
des älteren Verwandten und Oheims, und darauf zielte auch nur der 
heilige Ambrosius, wenn er in seiner Leichenrede**) erklärte: „In 
Betreft der Söhne hatte der Verblichene nichts Neues anzuordnen, 
denen er das ganze Reich gegeben, als dafs er ihr Wohl dem an- 
wesenden Verwandten empfahl!" Andererseits gab Stilicho diese 
Vertrauensstellung keinerlei Gewalt über das Ostreich, sein Heer und 
seine Verwaltung in die Hand, sondern, wollte er den Wünschen des 
Verstorbenen nachkommen, so mufste er einzig und allein durch die 
Verwandtschaft des Blutes, sein höheres Alter und seine Erfahrung 
auf freundlichem Wege auf Arcadius einzuwirken trachten. Eine der- 
artige Wirksamkeit des klugen Germanen würde ohne Zweifel von 
erspriefslichen Folgen für das Gesammtreich gewesen sein, um so 
mehr als sein ganzes Verhältnis zur Familie des Theodosius doch 
ein ganz anderes war als das seines Gegners im Osten. Denn war 
diesem die Leitung des jugendlichen Thronerben von Theodosius 
übergeben,*^) so war ihm damit diese Stellung keineswegs auf lange 
Zeit gewährleistet, sondern nur so lange, als er sich gegen die Intriguen 
des Hofes im Sattel zu halten vermochte, Stilichos Verhältnis dagegen 



♦3) Sievers a. a. O. S. 447. 

**) De obitu Theodos. c. 5 : De filiis enim nil habebat novum quod conderet, 
quibus totum dederat, nlsi ut eos praesenti commendaret parenti. Dafs Stilicho 
den Ambrosius erst zu diesen Worten bewogen habe, wie Richter S. 25 will, ist 
nicht anzunehmen, weil sie an uüd für sich natürlich genug klingen. 

♦») Zosim. IV. 57. 



I 



3« 

zu Honorius und dem Westreich war von vornherein ein dauerndes, 
weil auf die Bande der engsten Verwandtschaft gegründetes, und 
mochte Honorius später den Stilicho seiner Stellung als Ratgeber 
entbinden, er blieb doch stets als Oheim der Krone nah, während 
der etwa in Ungnade gefallene Rufin ein Nichts geworden wäre. 

Nun lagen allerdings beim Tode des Theodosius die Verhält- 
nisse so, dafs Stilicho leicht in die Versuchung geraten konnte, sein 
vertrauliches Mandat dadurch zu einem officiellen zu naachen, dafs 
er sich auf das Heer stützend , seinen Wünschen in Bezug auf das 
Ostreich besonderen Nachdruck verleihe. Denn, wenn er auch keines- 
wegs, wie der Hof dichter behaupten will, zum Vormimd der beiden 
Brüder und damit zum Oberbefehlshaber aller römischen Truppen von 
Theodosius noch ernannt worden ist ,^6) so stand doch thatsächlich 
fast die ganze römische Macht noch in Oberitalien, im Begriff mit 
Theodosius zum teil in den Orient zurückzukehren.^"^) Wohl mufsten 
diese Truppen eigentlich in Arcadius ihren Herrn sehen, aber dieser 
war entfernt, gegenwärtig dagegen der Oheim der beiden Kaiser, der 
Vertraute des Verstorbenen, ein Mann, der wie selten jemand es 
verstand die Herzen der Krieger durch Leutseligkeit, Freigebigkeit, 
aber auch strenges Gebot, alles zu rechter Zeit angewandt,^^) an sich 
zu fesseln und durch kühnes Vorangehen mit fortzureifsen. Dazu 
kam, dafs die verschiedenen Heeresteile, die des Eugenius, des Besiegten, 
und des Teodosius, des Siegers, nicht recht zusammenstimmen wollten 
und nahe daran waren den Bürgerkrieg in ihre eigenen Reihen 



♦®) Die Entscheidung über die Frage, ob Stilicho zum Feldherm beider, des 
occidentalischen und orientalischen Heeres, von Theodosius eingesetzt ist, mufs eine 
sprachliche Vergleichung von Zosim. IV. 57 fin. und 59. init. geben. Dort heifst es: 
(Theod.) dnekiTiev avToS-i (Constantinopel) ''Povtplvov afia T€ zfjg avkfjg maQXOV 
ovza xal ia näv oziovv ^zsqov vfjg eavzov xvQievovza yvwfiriq . . .; Hier; 
iniStjfii^aag zy ^Pcifjiy zov vibv ^Ovwqlov dvaSeixvvai ßaaiXea 2ze}.lx(ova 
azQoztjyov zs dnoipijvag afia zwv avzoS-c zayfidzwv xal btiLzqotiov xazaXi7i<av 
Z(ji naiöL Wer dies unbefangen liest, wird bei dem ersten a^ia gewifs nicht an 
eine andere früher dem Rufin verliehene Würde denken, sondern, da er in der 
That nur praefectus praetorio war und zugleich allmächtiger Minister, so ist ifxa 
nichts anderes als eine Verstärkung der Partikel ze = sowohl. Demgemäfs bedeutet 
afia aber auch an der zweiten Stelle nur, dafs Stilicho in Rom zum Befehlshaber 
der dortigen (occidentalischen) Truppen und zugleich zum Ratgeber des Honorius 
ernannt wurde, ohne dafs darin eine Verschmelzung der beiden Commandos liegt; 
auch spricht entschieden dagegen, dafs Stilicho zurückgelassen wurde und dafs 
Theodosius, gewifs doch mit dem orientalischen Heere, nach Constantinopel 
zurückkehren wollte. Vgl. G. S. 230. Anm. Richter S. 17 und Sievers S. 338. 

*') Zosim. IV. 59. 

^«) Claudian De laudib. Stilich. II. 147 ff. 



33 

zu übertragen,^öj wenn nicht eben Stilicho durch richtige Behandlung 
Ruhe und Gehorsam in die aufgeregten Massen gebracht hätte. Zur 
rechten Zeit für diese Verhältnisse, doch nicht fürs Wohl des Reichs, 
rief eine dringende Notwendigkeit die Truppen ins gefährdete Ost- 
reich zurück. 

Hier genofs inzwischen Rufinus das seltene Glück, ungestört 
als Diener über ein Weltreich, seine Hülfsquellen und Bewohner 
schalten zu können*®), und man darf ihn nicht von der Schuld frei- 
sprechen, dafs er das ihm anvertraute Amt eigennützig und mit Partei- 
lichkeit verwaltet habe. Zwar werden die Vorwürfe, die ihm gemacht 
wurden, fast gegen alle hochgestellten Beamten der damaligen Zeit 
erhoben, wie wir im Laufe dieser Darstellung noch mehrmals sehen 
werden, jedoch scheint Rufin, ganz unbehelligt vom Auge eines ein- 
sichtigen Herrn, seine Machtmittel vielfach ausgenutzt zu haben, um 
sich an dem Gute von Reich und Arm zu bereichem und unermefs- 
liche Schätze in seinem Palaste anzusammeln. Nicht nur, dafs ihn, 
wie natürlich, eine Schar von Schmeichlern *i) umdrängte, von Leuten, 
welche eben noch hinter dem Schenktisch gestanden, die Treppen 
gekehrt oder die Fufsböden gereinigt hatten, und jetzt die mit 
dem Purpursaume verbrämte und von goldener Schnalle zusammen- 
gehaltene Toga und an der Hand in Gold gefafste Siegelringe trugen, 
sondern er verkaufte auch die Ämter *2) an die meistbietenden, 



♦9) Claudian in Rufin. II. 117: 

Et quamvis praesens tumor et civilia nuper 
Classica bellatrixque etiam nunc ira caleret, 
In ducis exitium conspiravere favorem. 
De hello Gild. 294: 

Stringebat vetitos etiamnum exercitus enses 
Alpinis odiis alternaque jurgia victi 
Victoresque dabant. 
300: .... Dissensus acerbus 

Sed gravior consensus erat. 
Doch erwähnt Claudian davon nichts De laudibus Stilich. I. 147 ff, 
162: In quo tarn vario vocum generumque tumultu 
Tanta quies iurisque metus servator honesti 
Te moderante fuit nullis ut vinea furtis 
Vel seges exsecta fraudarit messe colonum u. s. w. 

60) Eunap frgm. 62. Zosim. V. i. Philost. XI. 3. 

^^) Eunap frgm. 63. (Joh. Ant. firgm. 188.) 

*2) Zosim. V. I. Claudian in Rufin. I. 178: 

niico ambitio nasci, discedere rectum, 
Venum cuncta dari. Profert arcana, clientes 
Fallit et ambitos a principe vendit honores. 



34 

brachte Staatssclaven für seine eigene Kasse unter den Hammer^^) 
und begünstigte endlich die falschen Anklagen s^), welche manchen 
begüterten Mann in kurzer Zeit an den Bettelstab führten. Und für 
wen dies alles? Nur für sein einziges Kind, eine Tochter, welche 
damals grade in die Jahre der Mädchenreife getreten war. 

Aber gröfser als die Goldgier des allmächtigen Mannes war doch 
sein Ehrgeiz, der wohl herausfühlte, dafs seine Stellung dadurch sich von 
der des verhafsten Gegners im Occident unterschied, dafs Stilicho durch 
seine Verwandtschaft dem Jlerrscher gleichbürtig geworden war, und 
darum trachtete er danach, sich die Jugend des noch nicht zwanzigjährigen 
Arcadius zu nutze zu machen und durch eine Vermählung s^*) seiner 
Tochter mit demselben sich selbst eine dauernde Gewalt zu verschaffen. 
Aber während er nur im geheimen mit seinen Vertrauten über diese 
Lieblingsidee sprach und meinte, niemand ahne seine Absicht, hatte 
sie doch das Haupt der Gegenpartei am Hofe, der Oberkämmerer 
und Verschnittene Eutropius, längst durchschaut und seinerseits alle 
Hebel in Bewegung gesetzt, das Auge des unerfahrenen Jünglings auf 
eine andere Dame zu lenken. 

Es war das die Tochter eines hochverdienten Militärs, des Franken 
Bauto,*^^) welcher einst von Gratian neben Arbogast dem von neuem 
in Bedrängnis geratenen Theodosius 380 gegen die Gothen zu Hülfe 
geschickt, im Jahre 385 Consul gewesen war und dann im Orient 
geblieben und gestorben zu sein scheint: er war ein Ehrenmann in 
des Wortes bester Bedeutung gewesen, jeder Bestechung abhold, ein 



53) Eunap. 63. 

*•) Ibid. und Zosim. a. a. O. Besonders austührlich ist seine Goldgier 
geschildert von Claudian in Rufin. I. v. 187 ff. 

5**) Zosim. V. I. Sievers S. 339 meint, weil Stilicho die Aussicht hatte 
durch die Verheiratung seiner Tochter mit Honorius sein Verhältnis za demselben 
noch enger zu gestalten, sei Rufin auf den Gedanken gekommen ähnliches zu 
betreiben. Doch brauchte ihm diese fragliche Aussicht nicht vorzuschweben, 
sondern überhaupt die nahe Verwandtschaft Stilichos mit Honorius. Eher könnte 
man annehmen, dafs Stilicho des Rufin Gedanken glücklicher 398 durch Vermählung 
seiner Tochter Maria mit Honorius (vgl. Clinton fasti Rom. zu diesem Jahre) 
verwirklicht habe. Wenn nun Zos. V. i. sagt, Rufin habe nach dem Tode des 
Theodosius nach der Herrschaft selbst getrachtet und als Gelegenheit dazu die 
Heirat ersonnen, so ist das in dem Sinne, als ob er Kaiser werden wollte, gewifs 
nicht zu verstehen, vielmehr wollte er nur seine Stellung als Schwiegervater 
des Herrschers befestigen und vor allen Intriguen sicherstellen. • So auch 
Gibbon VII. S. 174. 

^^) Zosim. IV. 33. Marceil. comes 385. Philost. XI. 5. Symmach. ep. IV. 15 
und 16 sind an ihn gerichtet; er war vielleicht comes Italiae (vgl. Ambrosius ep. 
24 jind 57) unter Valentinian IE. vgl. Böcking a. a. O. II. S. 584. 



35 

schneidiger Officier, doch ob ihn der Taufe heiliges Band mit Christus 
vereinte oder ob er Heide war, mufs dahin gestellt bleiben.s«) Jeden- 
falls konnte ein Kaiser zu einer Zeit, da in der ganzen cultivierten 
Welt nur ein legitimes Herrscherhaus existierte und wo der Begriff 
der Mesalliance^') daher noch nicht vorhanden war, keinen besseren 
Griff thun, als wenn er die Tochter eines ausgezeichneten, treuen 
Beamten oder Generals ehelichte, und das war hier der Fall. Dazu 
empfahl die Eudoxia,^^) denn so hiefs Bau tos Waise, ein schönes 
Äufsere und ein hoheitsvolles, kühnes Benehmen, Dinge, welche Arcadius 
abgingen und deshalb ihren Eindruck auf das Gemüt des jungen 
Herrschers sicher nicht verfehlten; aufserdem war sie nach dem Tode 
des Vaters in dem Hause der Witwe und der Söhne des Promot, 
von denen der älteste verheiratet war,^®) der Gespielen des Arcadius, 
aufgewachsen und erzogen. Wie natürlich machte sich daher eine 
Annäherung der beiden, die gewifs aufser von Eutropius noch von 
jenen Freunden selbst begünstigt wurde, welche durch ihre Vermählung 
mit dem Kaiser für sich selbst eine goldene Zeit allmächtigen Ein- 
flusses und der Rache für den Sturz des Vaters kommen sahen* Alles 



^) Aus Ambros. ep. I. 57, 3: Aderat amplissimus honore magisterii militaris 
Bauto comes et Rumoridus, et ipse eiusdem dignitatis, gentilium nationum cultui 
inserviens, a primis pueritiae siiae annis will O. Seeck in seiner Ausgabe der 
Briefe des Symmachus p. CXL Anna. 709 schliefsen, dafs B. Christ war, indem 
er sich dabei auf den Singularis ,inserviens' stützt. Indes einmal beweist derselbe 
nichts, weil auch das gemeinsame Praedicat, aderat' singularisch ist, andererseits 
widerspricht dem das hohe Lob des Zosimus a. a. O. , welches derselbe sonst 
nur Heiden zukommen lafst : afKpo) (B. und Arbogast) dh ijaav ^QayxoL xo 
y^voq evvoize OipoÖQa "^Pwfiaioiq xccl ;f()j/.«aT<wr wg fidXiara dSfOQOXcctoi xal 
Tte^l xa nokifiia <pQOV^aai xal dXxy 6ia<p€Q0vxsg. Arbogast war bekanntlich 
Heide. Vgl. G. S. 9 Anm. 20 und S. 11. Doch ist nicht ausgeschlossen, dafs B. 
sich später taufen liefs. 

") Valentinian und Valens verboten allerdings 365 die Ehe zwischen 
Römern und Barbarinnen. Cod. Theod. III. 14.; doch war dieses Gesetz sicherlich 
nicht streng innegehalten worden, wie schon die Vermählung Stilichos mit Serena 
zeigt ; in diesem Falle konnte man die Eudoxia schon als Römerin rechnen. VgL 
Gaupp die germanischen Ansiedelungen S. 208. 

M) Philost. XI. 5. Zosim. V. 3. Vgl. Cedren p. 334. Zonar. XIH. Erst 
Nicephorus Call. XIII. 4. ist in Zweifel, ob sie die Tochter Gratians oder 
Bautos sei. 

*®). Sievers S. 339 will bei Zos. V. 3. awav(xaxQ£fp6fjL€voi, nicht avvavaxQ6<p6- 
fi€voi lesen, weil im letzteren Falle die Söhne des Promot noch zu jung waren, 
um das Mädchen bei sich haben zu können, doch wenn wir annehmen, dafs 
wenigstens der eine etwas älter als Arcadius war, so konnte er gleichwohl schon 
verheiratet sein und ohne Anstofs die Tochter Bautos bei sich haben. Aufser- 
dem lebte noch Marsa, die Witwe des Promot. Palladius dialog. de vita S. Joh. 
Chrysostomi p. 35. 

3* 



36 

dies entging dem Auge des Rufin, denn sonst \\ürde er nicht, kurz 
bevor Arcadius sich entschied, Q)nstantinopel , wenn auch nur auf 
kurze Wochen, verlassen haben. 

Vielleicht hing diese Reise doch mit seinem Heiratsproject 
zusammen, denn Eucherius,^") ein Grofs- Oheim des Arcadius väter- 
licherseits, der sonst ohne Einflufs am Hofe lebte, aber gerade 
jetzt von Rufin um Unterstützung seiner Pläne angegangen war, hatte 
sich über den von Rufin begünstigten Comes orientis Lucian,öi) den 
Sohn des früheren praefectus praetorio in Gallien Floren tius, bei 
Arcadius beschwert, weil er ihn mit einer unziemlichen Forderung 
zurückgewiesen hatte. Da nun der Kaiser dem Rufin deswegen 
Vorwürfe machte, wollte dieser einerseits den Eucherius völlig zufrieden 
stellen, andererseits veranlafste ihn der Arger über die Störung seines 
guten Einvernehmens mit demselben zu einer aufserordentlich grausamen 
Bestrafung jenes hohen Beamten. Ohne jemand seine Absicht kund 
zu thun, verliefs er die Hauptstadt mit nur wenigen Begleitern und 
langte in Antiochia, dem Amtssitze des Lucian, mitten in der Nacht 
an; unverzüglich liefs er denselben verhaften, zog ihn, ohne dafs 
jemand ihn anklagte, zur Rechenschaft und hiefs ihn mit Bleikugeln 
zu Tode knuten; aber obwohl er den Leichnam in einer Sänfte ins 
Amtsgebäude zurücktragen liefs, wie wenn Lucian noch lebe, so verbreitete 
sich dennoch das Gerücht von der Schreckensthat mit Schnelligkeit 
in der Stadt und versetzte sie in grofse Aufregung. Nur die 
Erinnerung an die harte Bestrafung des bekannten Aufstandes ^2) vor 
mehreren Jahren hielt die Bewohner von Tumulten zurück, welche 
Rufin noch dadurch zu besänftigen suchte, dafs er eine „Kaiserliche 
Säulenhalle" erbauen liefs, nachmals das herrlichste Bauwerk der 
Stadt.«») 

Aber nach Constantinopel zurückgekehrt mufste er bald erkennen, 
dafs er um die Hofihung, seine Tochter als Kaiserin zu sehen, arg 
betrogen wurde und zwar von dem Oberstkämmerer Eutropius, der, 



8") Aurelius Vict. epit. c. 48. Vgl. Ifland S. 50. Er ist wohl der consul 381. 
Übrigens deutet sein Name auf eine enge Verbindung mit der Familie des Stilicho, 
dessen Sohn ebenfalls Eucherins heifst. 

^*) Die Erzählung nur bei Zosim. V. 2. Eine Andeutung bei Claudian 
in Rufin. I. v. 241 ff. Lucian ist wohl derselbe, mit dem es Libanius zu thun 
hatte. Vgl. Sievers Leben des Lib. Cap. XVI. S. 202. A. 87. Florentius war 
praef. praet. Gall. 367. Cod. Theod. XTII. 10, 5. Vgl. Gothofred's Prosopogr. 

*2) Vgl. den Verlauf desselben bei A. Hug : Antiochia und der Aufstand 

im Jahre 387. Winterthur 1873 und Ifland. S. 142 fF. 
63) Euagrius hist. eccles. I. 18. 



37 

nachdem er durch Rede und Bild**) das Herz des jungen Kaisers 
für die schöne Germanin entflammt hatte, keinen Augenblick verlor 
und den Arcadius zu schnellem Handeln antrieb. Auch von Seiten der 
Religion stand der Verbindung nichts im Wege, da Eudoxia bereits 
von Pansophus, dem späteren Bischof von Nicomedien, im katholischen 
Christentum unterrichtet war,®^) während das Bedenken wegen der 
Hoftrauer um den jüngst verstorbenen Vater wohl durch den Hinweis 
auf die nicht allzukräftige Constitution des jungen Kaisers und die 
Notwendigkeit, bald für einen Nachfolger zu sorgen, leicht beseitigt 
wurde. So liefs denn Eutropius eines Tages dem Volke von Con- 
stantinopel einen Wink zukommen, Häuser und Strafsen zu bekränzen und 
fröhlich zu sein, denn der Kaiser beabsichtige dem Reiche eine Herrscherin 
zu geben; er selbst aber nahm das königliche Gewand, den Schmuck 
und das Diadem aus der Schatzkaniimer und führte den von zahl- 
reichen Dienern in prächtigen Uniformen geleiteten Hochzeitszug 
unter dem Jubel der hinzuströmenden, schaulustigen Menge in das 
Haus der Söhne des Promot, während die feierliche Vermählung 
erst am 27. April 395®®) stattfand. Doch konnte weder Rufin seinem 
gekränkten Ehrgeiz gegen Eutrop Luft machen noch sich Arcadius 
den Freuden des jungen Ehestandes ungestört hingeben, denn die 
politische Lage der Balkanhalbinsel, ein Aufstand im Innern und ein 
Einfall äufserer Feinde, drohten gerade in jenen Tagen den Thron 
des Kaisers ganz in Frage zu stellen. 



Drittes Kapitel. 

Erhebung Alarichs, Königs der Westgotheh. — Verwüstung Nordgriechenlands, 
Bedrängnis Constantinopels. — Zu derselben Zeit Einfall der Hunnen durch 
die Caucasische Pforte. — Stilicho am Rhein. — Erster Zug Stilichos gegen 
Alarich 395. — Rückkehr des orientalischen Heeres. — Rufins Ermordung. — 
Verwüstung Griechenlands durch die Westgothen. — Einnahme Athens. — 
Zweiter Zug Stilichos gegen Alarich 396. — Friedensschlufs mit Alarich. — Seine 

Befugnisse und Gegenleistungen. 

Eine der dunkelsten Partien der Geschichte ist die Erhebung 
der Gothen in Bezug auf Motive und Absichten und das Verhalten 



**) Claudian spielt darauf an De nupt. Honor. et Mar. v. 24 ff. 

®®) Sozom. VIII. 6. Ganz falsch ist die Bemerkung des Idac. zu 404: 
Johannes . . . qui ob fidem catholicam Eudoxiam Arcadii uxorem infestissimam 
patitur Arianam. ©enn Socrat. VI. 8. giebt sie, abgesehen von der inneren 
Unwahrscheinlichkeit, selbst Geld her zu einer Demonstration gegen die Arianer, 

^) Das Datum nur im Chron. Pasch. 



38 

Rufins dazu, endlich auch die Hülfeleistung des Stilicho.*) Dem 
letzteren kam die Beunruhigung des Ostens gewifs sehr erwünscht 
da sie ihm Gelegenheit zu geben schien,- persönlich an der Spitze 
siegreicher Truppen nach Constantinopel zurückzukehren und der ihm 
von Theodosius vertraulich gewordenen Aufgabe gerecht zu werden; 
demgemäfs kann Rufinus den Aufstand der Westgothen nur mit 
Besorgnis begrüfst und ihn am allerwenigsten veranlafst haben; denn 
gesetzt den Fall, er habe von Anfang an die Absicht zu erkennen 
gegeben sich zum Mitkaiser im Orient ernennen zu lassen, so würde 
Stilicho, der von dem ganzen Heere geliebte Feldherr und im Besitz 
der gröfseren Streitkräfte, sicher sich nicht früher beruhigt haben, als 
bis er der Herrschaft des verhafsten Nebenbuhlers ein Ende gemacht 
hätte. Andererseits, nachdem einmal der Aufstand auf der Balkan- 
halbinsel emporgelodert war, lag es im Interesse des oströmischen 
Ministers ihn nicht so bald beseitigt zu sehen, weil eine Stärkung der 
Westgothen bis zu einem gewissen Grade Stilichos Sieg in die Länge 
ziehen, ja wohl ganz vereiteln konnte. Ebenso ausgeschlofsen ist, 
ihrer inneren Unwahrscheinlichkeit wegen, die Annahme, als ob Rufin 
selbst den Einfall der Hunnen durch die Caucasische Pfprte von Baku 
veranlafst habe. Gleichwohl sind diese Anklagen gegen Rufin nicht 
nur von dem Dichter ^ *) erhoben worden, welcher Stilichos Person und 
Thaten verherrlicht, sondern auch fast von allen anderen zeitgenössischen 
und späteren Quellen, welchen es nicht begreiflich ist, dafs ein 
allmächtiger Mann zu damaliger Zeit einem schwachen Kaiser treu dienen 
konnte. Da aber Claudian der einzige Zeitgenosse ist, welcher über diesen 



*) Vgl. Tillem. note 6. Gibbon VII. Richter S. 24 ff. v. Wietersheim 
S. 112 ff. Sievers S. 339 ff. Dahn Könige V. S. 33 ff. Finlay I. S. 145 ff. 
Hertzberg a. a. O. III. S. 380 ff. — Über Rufinus handelt besonders Claudian in 
Rufin. II. Die sogen, praefatio erwähnt nicht nur die Verwüstungen der Gothen 
in Griechenland, sondern auch des Alpheus als Kampfstätte. Da aber in dem 
Gedicht selbst vom Kampfe keine Rede ist, so pafst sie nicht dazu. Ferner folgt 
aus dem Gedichte, welches wohl die Verwüstungen Achaias kennt, aber 
nicht Stilichos Hülfeleistung, dafs diese nicht noch vor der dort erzählten 
Ermordung Rufins stattgefunden hat. 

*a) Aufser an anderen Stellen erhebt der Dichter den Vorwurf des Strebens 
nach der Tyrannis gegen Rufin auch in Rufin. I. 306 ff. Es ist nun z. B. von 
Gesner (in seiner Ausgabe 1759) diese Stelle auf die Zeit Theodosius I. 
bezogen worden, weil es im v. 317 heifst 

Ulta ducis socii letum 
unter welchem derselbe Promotus versteht. Aber, da Rufinus unter Theodosius I. 
gar nicht an eine Erhebung denken konnte, so mufs diese ganze Partie von 
V. 306 — 322 auch auf die Zeit des Arcadius bezogen werden, doch wer ist dann 
der dux socius? Vgl. Edm. Vogt Diss. S. 12 und Programm S. 22. 



39 

Punkt mitten aus den Ereignissen heraus geschrieben hat und die 
Thatsachen wenigstens und ihre Reihenfolge nicht hat erdichten können, 
so bleibt er trotz seines parteiischen Standpunktes dennoch die beste 
und lebendigste Quelle, aus der man schöpfen kann.2) 

Mit freigebiger Hand hatte Theodosius nach seinem Siege über 
Eugenius an sein siegreiches Heer Ehren und Geld verteilt^) und 
auch, nicht der bundesgenössischen Germanen und Hunnen vergessen, 
welche ihm nur zeitweise für diesen Krieg ihre Macht zur Verfügung 
gestellt hatten und die er selbst über die Alpen zurückzuführen gedachte.*) 
Nun hatte sein unerwarteter Tod das Band früher gelöst, und sie 
waren alle heimgezogen in ihre heimatlichen Gefilde, nur die regulären 
römischen Truppen, welche aus Armeniens fernen Bergen, aus Syriens 
grofsen Städten, vom Orontes und Halys hergezogen waren*) und 
von denen Stilicho grade die tauglichsten und ergebensten dem west- 
lichen Heere eingereiht hatte,^) harrten noch ihrer Rückführung.'') 

Zu denen aber, die bereits Italien verlassen, gehörten auch die 
Foederaten der Römer, die in Thracien und Moesien angesiedelten 
Westgothen, welche ein Sprofs des edlen Geschlechtes der Balthen, 
das heifst „Kühnen", der kaum zwanzigjährige Alarich^), gen Westen 
geführt hatte. Er gehörte zu den wenigen Unzufriedenen, welchen 
Theodosius mit Huld und Gnadenbezeugung nicht genug gethan hatte, 
denn seine ehrgeizige Seele hatte im stillen die Würde eines magister 
militum erhofft und sich schmählich darin betrogen gesehen. Diese 



2) Edm. Vogt Programm u. s. w. S. 19 fF. G. S. 19 ff, 

3) Claud. IV. cons. Hon. 118: Magnarum largitor opum, largitor honorum. 
*) Zosim. IV. 59. 

^) Claudian spricht von der Zusammensetzung des Heeres III. cons. Hon. 
68 ff. De hello Gild. 245 ff. In Rufin. II. 105 ff. und 174 ff. De laudibus 
Stilich. I. 154 ff. 

ß) Zosim. V. 4. 

'^) Hätte Stilicho, wie v. Wietersheim S. 112 annimmt, die untauglicheren 
römischen Soldaten schon vorher zurückgesandt, so würden diese doch irgendwie 
gegen die Gothen verwandt worden sein, wovon aber nirgends die Rede ist. 
Man müfste denn annehmen, dafs diese als Schutzmannschaft die Leiche des 
Theodosius nach Constantinopel geleitet haben, welche dort am 8. oder 9. November 
395 anlangte. Socr. VI. i. Chron. Pasch. 

8) Zosim. IV. 57. V. 4. Socr. VII. 10. Vgl. Joh. Antioch. frgm. 186. Claudian VI. 
cons. Hon. 105. Er war auf der Donauinsel Peuce geboren. Vgl. Aschbach 
Gesch. d. Westgothen S. 65 ff. Köpke die Anfange des Königtums bei den 
Gothen S. 121 ff. Dahn, Die Könige der Germanen V. S. 24 ff. .G.Kaufmann, 
Deutsche Geschichte bis auf Karl den Grofsen I. S. 307 ff. Arnold, Deutsche 
Geschichte II. S. 20 ff. G. S. 223. Hertzberg S. 382 ff. Dahn, Urgeschichte der 
germ. und roman. Völker I. S. 337. 



i 



40 

aber, wie Alarich meinte, ihm angethane Schmach verdrofs sein Volk 
um so mehr, als es im Treffen vor der Schlacht am Frigidus allein 
an loooo Kampfgenossen eingebüfst hatte ,^) dazu mochte die nicht 
ungerechtfertigte Besorgnis sich gesellen, dafs mit dem Gothenfreunde 
Theodosius auch ihre beste Zeit ins Grab gesunken sei, und dafs die 
Söhne nicht fort£adiren würden sie mitten im eignen Reich als fremden 
Bestandteil zu hegen und noch femer durch Geld und Naturalien in 
freundlicher Stimmung zu erhalten. War es femer nur die Aufregung, 
welche einem Thronwechsel zu folgen pflegt oder ein wohlüberlegter 
Entschlufs — genug Arcadius zahlte ihnen grade jetzt nicht die fälligen 
Subsidien.*®) Das hiefs Oel ins Feuer giefsen, die längst erregten 
Gemüter schäumten wild über und indem sich die Gothen bei der 
Jugend der beiden Kaiser und der offenkundigen Eifersucht der beiden 
Minister ihr Unternehmen leichter dachten, als es war, stellten sie 
wieder einen Volkskönig an ihre Spitze, eben jenen Balthen Alarich. ^i) 
Fragt man nach dem Endziel seiner Wünsche und dem Zweck 
der Erhebung, so waren jene gewifs nicht höher gerichtet als auf die 
römische Generalswürde, ein entsprechendes Konmiando auch über 
römische Truppen und eine ungestörte Herrschaft als König über sein 
westgothisches Volk; jedenfalls dachte er nicht daran auf den Trümmern 
des römischen Reiches ein eignes westgothisches zu gründen. Die 
Zeitverhältnifse und das Glück waren Alarich aufserordentlich günstig: 
denn wären die römischen Truppen nicht noch m Italien, wären die 
Städte durch ihre alten Garnisonen geschützt gewesen, sein Au&tand 
würde nie die Ausdehnung gewonnen haben, die er wirklich annahm, 
und würde audi niemals von so verheerenden Wirkungen gewesen 
sein; dazu benutzten nicht die Gothen allein die Jugend der Herrscher, 
denn zu gleicher Zeit brachen, die günstige Gelegenheit klug erspähend, 
auf bis dahin ungewohntem Pfade, die Hunnen i*) durch die caucasische 

^ Zos. IV. 58. Oros. VIT. 35. Thcod. V. 24. Rnfin II. 33. Soor. V. 25. 
V^. G. S. 225. 

••) Jordan, c. 29. 

»<) Jordan, a. a. O. VgL v. Wieteisheim S. 118 ff. Dahn a, a. O. S. 337 ff. 
**) SocT. VL I. S02- YII. I. (Übrigens eine der SteUen, wo eine Xicht- 
benutznng des ersteren durch Sozomenus bei £i$t völliger Übereinstunmnng im 
Ausdruck kaum anzunehmen ist.') Gothofir. bezieht hierauf Cod. Theod. YIH. 5, 57. 
Es ist sehr fraglich , ob PhUost. XI. 8. auf diesen Einfell geht. Dag^oi 
spricht ganz deutlich davon Oaudian in Rutin. IL 28 ff. 

.... alii per Caspia daustra 
Anneniasque nives inopino trandte ducti 
Invadunt Orientis opes seq. 
Es ist feiner möglich, dafs, wie Sievers a.a.O. wül, in Eutrop. It. 243 ff., 
sich auf den Hunnenangriff bezieht; doch ist das entschieden ausgeschlossen bei in 



41 

Pforte von Baku am Kaspischen Meer und ergossen ihre ungezählten 
Reiterschwärme durch Armenien nach Mesopotamien, Osrhoene, Euphra- 
thensis und Syrien, während die südlicheren Gebiete mit dem Schreck 
davon kamen. *3) 

Auch hier fehlten die Besatzungen**) und schutzlos lag das 
reiche und bevölkerte Land den rohen Horden preisgegeben da: da 
sanken die Klöster in Asche und mischte sich das unschuldige Blut 
der Mönche mit den Fluten des Euphrat und Tigris, da wurden die 
Städte am Halys, Cydnus und Orontes berannt, vor allem das reiche 
Antiochia, auf das es die goldgierigen Barbaren am meisten abgesehen 
hatten. Unverhofft, mit Blitzeseile waren sie da und kamen dem 
Gerücht durch Schnelligkeit zuvor, schonten nicht Religion, nicht 
Würde, nicht Alter, ja erbarmten sich nicht des Säuglings. Schon 
fürchtete Jerusalem für seine Sicherheit und besserte eiligst seine 
Mauern aus, während Tyrus die Meeresströmung verwünschte, welche 
es seit Alexanders Belagerung von Jahr zu Jahr mehr mit dem Fest- 
lande verbunden hatte, und sich in seine insulare Lage zurücksehnte. 
Wen Alter und Mittel fliehen liefsen, der entrann ans Gestade des 
rettenden Meeres wie der heilige Hieronymus und seine Genossen von 
Betlehem, zimmerte ein rohes Boot und sorgte sich weniger vor den 
wütenden Winden und Schiffbruch denn vor den Barbaren. 

Wohl zeigten diese Stätten noch nach Jahren die Spuren der 
Verwüstungen, doch nachhaltiger und systematischer ist wohl nie ein 
Land durch einen Krieg verheert worden als die Heimat der alten 
Griechen durch Alarich und seine Gothen. Kaum war nämlich die 
Nachricht von ihrer Erhebung und ihrem Abfall von Ostrom über den 
Ister gedrungen, als die den Hunnen unterworfenen germanischen 
Völker ihre kämpf liebenden Freischaren über den eisigen Flufs hin- 
übersandten *s) und die Zahl der Krieger Alarichs vermehrten, und 
während die Gothen doch noch ein nationales, höheres Ziel im Kampfe 
verfolgten, dachten diese Abenteurer an nichts anderes als an Brand, 



Eutrop. II. 114 ff., da hier vorher von der Glanzperiode des Eutrop und dem 
Sommeraufenthalt in Ancyra 398 die Rede ist. Vielleicht ist bei beiden 
Stellen an fortgesetzte Einfalle der Hunnen zu denken. 

*3) Hierfür ist Quelle der Augenzeuge Hieronymus epist. 60, 16. adHeliodorum 
und ep. 77, 8. ad Oceanum. 

^♦) A. a. O. 77. Aberat tunc Romanus exercitus et bellis civilibus in Italia 
tenebatur. 

^^) Claud. in Rufin. 11. 26 alii per terga ferocis 

Danubii solidata ruunt expertaque remos 
Frangunt stagna rotis. 
Vgl. V, Wietersheim S. 113. und Sievers S. 341 zu dieser Stelle. 



42 

Mord und vor allen Dingen an Raub. So schwoll die waffenfähige Mann- 
schaft Alarichs zu einem gewaltigen Heerhaufen an, welchem die ost- 
römische Regierung nichts entgegen zu stellen vermochte, da ihre 
Truppen fast ausschliefslich noch in Italien standen, und ergofs sich 
wie eine riesige Springflut über das schutzlose Land; alles, was konnte» 
flüchtete in die grofsen Städte, aber die kleineren und das platte 
Land wurden eine leichte Beute der Gothen; von den Gestaden des 
schwarzen Meeres bis zu den bereits in neuem Laub ergrünenden 
dinarischen Alpen *^') wurden die Bewohner getötet oder gefangen, 
ihre Habe vernichtet, das Vieh fortgetrieben und zum Unterhalt ver- 
wendet; immer weiter dehnte sich das überschwemmte Gebiet aus 
über Moesiens Gefilde, Pannonien, Macedonien und Thracien, und 
schon nahte der Feind der Hauptstadt Constantinopel selbst.*'') 

Wohl durften die Einwohner von vornherein die Ueberzeugung 
hegen, dafs sie in ihren Befestigungen sicher seien, gleichwohl wurde 
Tag und Nacht auf den Mauern Wache gehalten und der Hafen 
durch eine feste Reihe durch Ketten verbundener Schiffe gesperrt.*^) 
Dieser Gefahr gegenüber wäre selbst ein anderer als der wenig 
energische Arcadius mehr oder weniger ratlos gewesen, um wieviel 
mehr er, der unerfahrene, fem dem Kriegsleben erzogene Sohn des 
Theodosius, und sein Minister Rufin mag, noch immer verletzt durch 
die ihm ungenehme Heirat des Fürsten, nicht viel aufrichtige Lust 
gehabt haben ihm Mut einzuflöfsen, obwohl er, erfahrener und mit 
den Kräften der Diplomatie wohl vertraut, ihn wohl hätte spenden 
können. So war denn ganz Constantinopel in Angst und Aufregung, 
als die Gothenscharen immer näher und näher heranzogen ihren 
Weg durch Feuerbrand fernhin erhellend; schon leuchteten ihre 
Fackeln nachts den Wächtern entgegen, schon schreckte der dumpfe 
Ton ihrer Hörner die Bewohner aus dem ruhigen Schlummer, schon 
sauste ab und zu von einem Übermütigen geschleudert ein matter 
Speer in das Gebälk imd das Dach der nächsten Häuser: Aber, wie 
sehr sich die Gothen auch als Herren fühlen mochten, eines Mannes 
Besitzungen schonten sie doch,*^) nämlich die des Rufin; sie thaten 



^) Claudian in Rufin. IX 36. ff. 

") Zosim. V. 5. kennt diesen Zug nicht. 

^®) Claud. a. a. O. 55 ff. Jam non finitirao Martis terrore movetur, 

Sed proprius lucere faces et rauca sonore 

Cornua vibratisque peti fastigia telis 

Adspicit. 
*®) V. 70. videt omnia late 

Exceptis incensa suis. 



I 



43 

es, in der Hoffnung dadurch bei dem dereinstigen Friedenschlusse 
günstigere Bedingungen zu erhalten, zu dem Arcadius von Rufin 
bewogen jetzt bereits sich in Unterhandlungen einliefs. Von einer 
eigenen Leibwache umgeben,'^) in barbarischer, nicht römischer Kleidung: 
Das gelbe Fell um die Schulter gehängt und mit Köcher und Bogen 
bewaffnet, also zog der Praefectus praetorio des römischen Kaisers 
in das Lager des Alarich, eine Auszeichnung für diesen, den Römern 
ein Hohn. Doch eine Verständigung kam noch nicht zu stände, denn 
wahrscheinlich gingen die Forderungen des Germanen selbst für einen 
Arcadius zu hoch; nicht mit Unrecht hoffte nämlich dieser auf eine 
Abwehr durch seine eignen Truppen, deren Rücksendung er schon 
früher von Stilicho gefordert hatte. 

Stilicho war gewifs nie gewillt gewesen sie abzulehnen, wohl 
aber hatte er von vornherein die Absicht gehabt, selbst die 
Truppen zurückzuführen und den Kaiser mit Rat und That zu unter- 
stützen. Er würde diesen Vorsatz schon längst ausgeführt haben, 
wenn ihn nicht seine Pflichten gegen das Westreich genötigt hätten, 
die germanischen Grenzen von neuem zu sichern,^*) da Gallien und 
Germanien dem Eugen angehangen hatten. Mit bewunderungswürdiger 
Schnelligkeit eilte der Feldherr nur von wenigen begleitet über die 
rhätischen Alpen, durcheilte im Fluge die östlichen Grenzmarken, 
versicherte sich der Ergebenheit der Alamannen, Bastarnen, Cherusker, 
Bructerer, Sygambrer und Franken, nahm ihre Bittgesuche freundlich 
entgegen und schlofs gegen Gestellung von Geiseln neue Verträge 
mit ihnen ab. Zwar wird er sicherlich mehr Tage gebraucht haben 
als Drusus Jahre zur Bezwingung der germanischen Nachbarn, obwohl 
Claudian das Gegenteil behauptet, dennoch nahm seine ganze Reise 
verhältnismäfsig nur kurze Zeit in Anspruch und so konnte er 
bereits, als die Frühlingssonne eben erst angefangen hatte den Winter- 
schnee zn schmelzen,22) sich fast mit seinem ganzen Heere nach den 
Alpen hin in Bewegung setzen, um dem Ostreich seine Krieger 
und zugleich die Hülfe zu bringen. 



«>) V. 75 fr. 

*^) Claudian IV. cons. Honor. 439 ff. (In diesem Gedicht ist der Dichter 
nur dann den Beweis, dafs auch an das 3. Consulat des Honorius sich die 
Erinnerung eines Sieges knüpft, schuldig geblieben, wenn die Seefahrt Stilichos 
nach dem Peloponnes nicht 396 stattfand.) De laudib. Stilich. v. 189 — 245 fuhrt 
das noch weiter aus. Im Gegensatz zu v. Wietersheim S. 1 1 5 nehme ich an, dafs 
Stilicho den ganzen Weg zu Fufs machte, da sich nirgends eine Hindeutung auf 
eine teilweise Fahrt zur See findet. 

^) Claud. in Rufin. v. loi ff. 



i 



44 

Es war ein seltsames Gemisch von Sprachen und Trachten in 
diesem aus allen Teilen des grofsen Reiches zusammengewürfelten 
Heere : 23) hier konnten der blondgelockte Gallier und der Armenier mit 
gekräuseltem Haare sich von den Wundem ihrer Heimat erzählen, 
jener von der wilden Wut des unbekannten Oceans, dieser von seinen 
Schneebergen und weiten Hochflächen, dort reichten einander der 
Germane vom Rhein und der Phryger vom Halys die Hand; 
aber alle diese verschieden gearteten Massen, welche eben noch das 
Schwert zum Bruderkrieg zu zücken im Begriff gewesen waren,^*) hielt 
die Achtung vor dem gemeinsamen Führer und das Vertrauen, er 
werde sie zum Siege führen, fest zusanmien. Stilicho zog über die 
Julischen Alpen durch das heutige Bosnien auf Thessalien zu, wohin 
Alarich, welcher Constantinopel nur schrecken wollte, mit seinen 
Völkern marschiert war, und suchte diesen zur Schlacht zu bewegen; 
aber Alarich, welcher eben beim Versuch den Pindus zu überschreiten 
durch die Bürgermiliz von Thessalien einen grofsen Verlust erlitten 
hatte^ö) und wohl wufste, welchem Gegner er gegenüberstehe, wagte 
keine offene Feldschlacht, sondern, weil seine Scharen noch weithin 
zerstreut waren, suchte er hinter einem regelrechten Wall und Graben 
und einer Wagenburg in einer weiten Ebene, wahrscheinlich am 
Peneus, Schutz.^ß) 

So lagen die beiden Gegner, in deren Händen später das 
Geschick des Westreiches ruhte und die so oft noch sich begegnen 
sollten, zum ersten Male feindlich sich gegenüber, und nicht nur 
Stilichos Heer brannte darauf den Feind zu besiegen, sondern auch 
Stilicho selbst, der hier zum ersten Male allein den Oberbefehl 
hatte. Zwar ist es uns nicht überliefert worden, aber wir dürfen es mit 
Bestimmtheit annehmen, dafs er den Kaiser Arcadius von seiner Ankunft 
auf oströmischem Boden in Kenntnis gesetzt hatte. Diese Nachricht 



*') Über Stilichos Heer vgl. Claud. in Rufin. IT. 105 ff. und 174 ff. und 
De laudib. Stilich. 154 fF., wo aber immer nur die Truppen des äufsersten Westens 
und Ostens genannt werden. III. cons. Hon. 68 ff. dagegen bei der Erzählung 
von den Rüstungen des Theodosius, werden auch die kleinasiatischen Bewohner 
erwähnt, während erst De belle Gild. v. 245 ff. der Unterstützung der Gothen 
gedacht wird. 

24) Claud. in Rufin. II. 1 17 ff. De hello Gild. 294 ff. De laudib. Stüich. I. 145 ff. 

**) Mehr läfst sich aus der verworrenen Darstellung von Socr. VII. 10 über 
Alarichs Züge nicht entnehmen und auch dies selbst erscheint nicht ganz sicher, 
da Socr. an dieser Stelle, wie v. Wietersheim S. 116 gegen Richter S. 51 mit 
Recht bemerkt, die Ereignisse der Jahre 395 — 408 kurz zusammenfäfst. Vgl. Dahn 
Könige V. 32 ff. Hertzberg S. 388. 

2«) Claud. in Rufin. II. 125 ff. 



45 

nun wirkte auf Rufin geradezu vernichtend; eben das, was er am 
meisten gefürchtet hatte, war eingetreten, sein Todfeind Stilicho nahte 
sich der Hauptstadt, und wurde er nicht am Kampfe gehindert, 
gewifs als Sieger, und dann war es aus mit seiner unumschränkten 
Herrschaft! Daher mufste eine entscheidende Schlacht auf jeden Fall 
vereitelt werden, und noch war die Gewalt des Ministers trotz der 
Kaiserin Eudoxia und ihres Anhangs so grofs über seinen Herrn, 
dafs dieser sich völlig überzeugen 27) Hefs, es sei ein höchst strafbarer 
Eingriff in seine Souveränitätsrechte , dafs Stilicho unaufgefordert mit 
Alarich auf oströmischem Gebiete zu Felde liege, und dieser werde, wenn 
ihm nicht ausdrücklich verboten würde weitervorzurücken, in Con- 
stantinopel selbst ihm Gesetze vorschreiben. 

Diese Vorstellungen hatten auch wirklich den gewünschten Erfolg; 
der durch den Aufstand schon sehr in Angst gesetzte Kaiser unter- 
zeichnete willig den Befehl, welcher Stilicho aufgab sofort die ost- 
römischen Grenzen zu verlassen und zugleich die ihm nicht gehören- 
den Truppen nach Constantinopel zurückzusenden. Die Nachricht, 
welche gerade im Lager eintraf, als Stilicho immer enger und enger 
seinen Feind eingeschlossen hatte imd im Begriff war den Haupt- 
schlag zu thun, erregte unter seinen Truppen eine gerechte Entrüstung, 
während Stilicho die Notwendigkeit des Gehorchens, wenn auch 
schweren Herzens, doch sogleich einsah-^"?*) Es war das ein ver- 
hängnisvoller Schritt Rufins, diese Zurückweisung der weströmischen 
Hülfe, welche, hätte er sie angenonmien, das bis dahin von nachhaltiger 
Verwüstung freigebliebene Griechenland vor den schrecklichsten Leiden, 
Zerstörung von Städten und Dörfern und vor der Verheerung blühender 
Gefilde sicherlich bewahrt hätte. So gab Rufin, um- die Not des Augenblicks 
zu kehren und seinen politischen Gegner von der Hauptstadt fernzu- 
halten, die bis jetzt noch verschonten Teile der Illyrischen Praefectur 
den wilden Horden der Gothen und ihrer Bundesgenossen preis. 

Bevor Stilicho seinen Weg nach Salonae an der Dalma- 
tischen Küste, wo er zunächst stehen bleiben wollte, um den Gang 
der Ereignisse zu beobachten, mit seinen eigenen Truppen antrat,*^7bj 
hielt er noch an die gen Osten ziehenden, über welche er 



27) V. 141 — 170. 

27 a) V, 170—277. 

27 b) Aschbach Geschichte der Westgothen S. 67 ff. nimmt nur einen Zug 
Stilichos an. (Er begeht dabei Anm, 47. den merkwürdigen Irrtum Claud. in 
Rufin. II. 30 ff. auf Verwüstungen der Gothen zurückzuführen und sagt deshalb 
im Text: „ja selbst die asiatischen Provinzen wurden von ihnen geplündert."!) 
Köpke a. a. O. S. 124. Dahn Könige V. 33 und Urgeschichte I. Dagegen 
läfst Kaufmann a. a. O. S. 309 und 310 Stilicho zweimal Hülfe bringen. 



46 

den General Gainas^») setzte, eine Abschiedsrede, in welcher er sie 
zur Ruhe ermahnte, gewifs aber nicht verfehlte durch leisen Hinweis 
ihren Zorn auf den Urheber der Abberufung hinzulenken. Da die 
Hoffnung auf Sieg und Beute vorher so grofs für sie gewesen war, 
so bedurfte es bei diesen rohen Kriegsleuten nur noch eines solchen 
Anstofses, um sie einen für Rufinus höchst verhängnifsvoUen Entschlufs 
fassen zu lassen, der von Gainas sicherlich befürwortet wurde; nämlich, 
wenn der Kaiser zur Begrüfsung der Truppen vor die Mauern 
Constantinopels ziehen werde, den verhafsten Minister zu umringen 
und zu töten, wie schon so oft ein lästig gewordener Kaiser früher 
sein Leben geendet hatte. Während die Gothen sich wieder sammelten 
und unbehelligt aus der thessalischen Ebene weiter nach Süden zu eilten, 
rückte das von Stilicho entlassene Heer langsam durch die verwüsteten 
Gegenden, oft gewifs auch mit zurückgebliebenen Feinden plänkelnd, 
durch Macedonien auf der via Egnatia über Heraclea^J*) (Perinth) der 
Hauptstadt immer näher, und Gainas versäumte nicht dem Arcadius 
seine Ankunft mitzuteilen und ihn zu bitten, sie der Sitte gemäfs feier- 
lichst einzuholen.30) 

Inzwischen schwamm Rufinus, dem es gelungen war die Absichten 
seines ärgsten Feindes zu vereiteln, in einem Meer von Wonne, 
und sein letzter diplomatischer Sieg hatte seine Stellung so weit befestigt, 
dafs er, der die Gothen und Stilicho von der Hauptstadt ferngehalten 
hatte, sich dem Glauben hingeben konnte, Arcadius werde ihn zur 
Belohnung zum Mitregenten, zum Caesar, neben sich ernennen. 
Wenigstens berichtet uns so der am meisten in diese Verhältnisse 
eingeweihte Claudian, welcher Rufins Freude und Vorbereitungen zur 
Erhebung mit den lebhaftesten Farben ausmalt: ^i) „Schon verteilt er 
unter seine Anhänger Ehren, Würden, Provinzen und läfst am Morgen 
des 27. NovemberS)^^) an welchem der Empfang stattfinden sollte, die 
weiten Hallen seines Palastes mit königlicher Pracht zum Kaisermahle 
herrichten und nicht zufrieden mit den Statuen und Bildsäulen, die 
ihm vielfach in Stadt und Dorf und an der Strafse gesetzt waren, 



28) Im Kriege gegen Eugenius befehligte er ein Corps barbarischer Hülis- 
truppen. Johannes Ant. frg. 187. Zosim. IV. 57. Joh. Ant. frg. 190: 6 xoTs rwP 
hansQlwv axQaxonköüiv i^agxoq rjv. 

29) Claud. in Rufin. Jl. 292. 

^) Zosim. V. 7. Es ist merkwürdig, dafs sowohl Zosimus als auch Joh, 
Ant. frg. 190. Socr. VI. I und Soz. VIII. I. betonen, diese Einholung sei 
alte Sitte gewesen. 

31) In Rufin. n. 293—347. 

32) Dies Datum bringt nur Socr. VI. i, der in der Chronologie überhaupt 
meist zuverlässig ist. 



4> 

heifst er bereits Goldmünzen prägen mit seinem Bildnis, um sie als 
Donativum an die Soldaten zu verschenken. Er selbst schreitet im 
Festzuge stolzer als der Kaiser einher und dreht nach Weiberart den 
Kopf, wie wenn ihn schon der Purpur und das Diadem schmücke.** 

Aber nicht nur der Hof begab sich auf das Paradefeld beim 
Hebdomon, sondern auch das schaulustige Volk der Hauptstadt eilte 
hinaus, um, wenn auch nicht immer einen Sohn oder Bruder oder 
Freund unter den Zurückgekehrten zu begrüfsen, sich doch wenigstens 
an dem seltenen militärischen Schauspiel zu ergötzen, das sich dort 
dem Auge bot. Die Truppen waren in Paradeaufstellung, das Fufs- 
volk auf dem linken Flügel; aber mehr lenkten die Reiter auf dem 
rechten Flügel die Aufmerksamkeit durch ihre wehenden Helmbüsche 
und die im Winde flatternden bunten Mäntel auf sich, und besonders 
die ganz mit Einschluss des Pferdes in Eisen gehüllten Kürassiere. 
Der Kaiser begrüfst die Krieger zuerst ,*3) welche seinen freundlichen 
Grufs auf das lebhafteste erwidern, auch Rufin kommt mit der liebens- 
würdigsten Miene heran und sucht die Gemüter sich dadurch zu 
gewinnen, dafs er diesen und jenen bei Namen nennt und ihm berichtet, 
wie es seinen Eltern oder Kindern ergeht. Und wirklich scheint das 
den Soldaten zu gefallen, sie drängen sich immer näher an ihn heran 
und umschliefsen ihn allmählich, während er von den übrigen abge- 
schnitten wird. Er aber merkt nichts davon oder hält es für Zuneigung 
und giebt dem zögernden Kaiser einen Wink, nun doch das Tribunal 
zu besteigen und seine Erhebung zu proclamieren. Da zücken die 
nächsten drohend die Schwerter, er stutzt, doch schon trifft ihn des 
ersten StaRl, die anderen folgen und zu den Füfsen des fassungs- 
losen Kaisers wälzt sich zuckend sein Minister mit dem Tode ringend 
am Boden, eben noch ihm gebietend, nun nichts mehr denn ein toter 
Mann — sie transit gloria mundi! Aber nicht zufrieden mit der 
blofsen Ermordung senken die wutschnaubenden Krieger immer von 
neuem ihre Schwerter in seinen Leib, bis nichts mehr übrig von ihm 
ist als ein unförmlicher Klumpen ;34) und als die Truppen wieder ab- 
rücken, da eilt nun erst das leicht bethörte Volk herzu und ergötzt 
sich herzlos an dem schauerlichen Anblick des gestürzten Mannes, 



33) Aufser Cläud. in Rufin ü. ä. a. O. berichtet über die Ermordung Rufins 
noch genau Zosim. V. 7. Philost. XI. 3, während Socr. VI. i. Sozom. VIII. i. 
Tiro Prosp. Idac. Marceil. comes. Chron. Pasch, nur kurze Notizen geben. 

**) In Rufin. II. 407 — 415. Es ist dies eine der unschönsten Stellen bei 
Claudian, an der man eher einen Anatomen als einen Dichter zu lesen meint. Vgl, 
das häfsliche Bild, das er von der Schlacht am Frigidus entwirft III. cons. Hon. 
V. 99 ff. und G. S. 19. 



I 



48 

steckt das abgeschnittene Haupt auf eine lange Stange und tragt es 
durch alle Gassen, während ein Steinhagel noch über das leblose sich 
ergiefst; auch die rechte Hand des Rufin, mit der er so viele Reich- 
tümer in seinem Hause aufgetürmt hatte, trägt ein raffinierter Spafs- 
vogel durch die Tabernen und Kaufläden herum und heimst durch 
den begleitenden Ruf: „Gebet dem Unersättlichen ein Almosen !"35) 
noch blutigen Gewinn ein. 

Und Arcadius, der Kaiser? hiefs er nicht die Mörder ergreifen 
und die auf der Strafse noch Unfug mit der Leiche treibenden gefangen 
setzen!? Nichts von alledem! so weit reichte die Macht des einst als 
Gott verehrten Augustus nicht, er mufste sich schaudernd der Lynch- 
justiz fügen und bestätigte gewissermafsen das ungesetzliche Vor- 
gehen der Soldateska, indem er alle bewegliche und unbewegliche 
Habe Rufins consfiscierte.^®) Rufins Frau und Tochter blieben von 
der Rache der wütenden Menge verschont, doch waren sie aus Furcht 
in die Kirche geflohen 3*^) und hatten das Asylrecht derselben in 
Anspruch genommen, später wurde ihnen durch Eutrops Vermittelung 
gestattet an allerheiligster Stätte zu Jerusalem ^8) ihr unrühmliches 
Dasein zu beschliefsen und für die Seele des Vaters zu beten, der 
übrigens äufserlich stets ein guter Christ gewesen war und zu Chalcedon 
die Apostelkirche erbaut hatte.^^) 

Sie waren gewifs aufser wenigen die einzigen, die diesen Mann 
betrauerten, obwohl er, als er hoch dastand, selbst von den bedeutendsten 
Geistern der Römerwelt über das Mafs hinaus gefeiert war ; denn noch 
vor kaum drei Jahren berichtete Libanius**^) an einen Freund, Rufinus 
Name sei in aller Mund und die Frauen thäten Gebete für ihn, und 
einem anderen ^i) pries er seine Gerechtigkeitsliebe, und dafs er zwar 
geringer denn Gott, aber besser denn ein Mensch sei; hätte dieser 
wetterwendische Sophist noch gelebt, oder besäfsen wir noch eine 



3*) Hieronym. ep. 6o, i6. Rufini caput pilo Constantinopolim gestatum est 
et abscissa manus dextra ad dedecus insatiabilis avaritiae ostiatim stipem mendicavit. 
Philost. XI. 3. „J6t€ X(5 dukrjaTq) !*' vgl. Zosim. V. 7. Asterius in fast. Kai. p. 59. 
— Das letzte Gesetz an Rufin ist datiert vom il. Octob. 395. Cod. Th. II. 9, 3; 
also ist falsch datiert I. 14, 2 vom 4. Dec, da Caesarius schon am 30. Novemb. 
praef. praet. war X. 6, i. vgl. Clinton fast. Rom. 

^) Cod. Theod. IX. 42, 14. Synmach. ep. VI. 14. Vgl. Zosim. V. 8. 

^) Zosim. ebend. Joh. Antioch. frgm. 190. natdsq, während Zosim. nur 
eine Tochter kennt. 

*•) Zosim. ebend. Marc. Comes. 

8») Sozom. Vin. 17. 

*^) epist. 1025 an Patriarches. 

**) epit. 1028 b. d-s(3v fihv rjTtiov, dvS-^iOTitov Sh ccfzslvoDV. 



49 

Aüfserung seinerseits über Rufin aus dieser Zeit, sein Urteil würde 
sich, wie wir es schon bei Tatian und Proclus bemerken konnten, 
gewifs nun auch in das Gegenteil gewandt haben gerade so wie im 
Occident das des Schmeichlers Symmachus, welcher einst des Theodosius 
scharfen Blick und Menschenkenntnis gelobt hatte, '*2) weil er den 
Rufin an sich herangezogen hätte, und nach seinem Sturze keinen andern 
Titel für ihn übrig hat als den eines „alten Spitzbuben ".^^j 

Der reiche Besitz des Ermordeten blieb vorläufig auf ausdrücke 
liehen kaiserlichen Befehl unberührt in den Händen des Fiscus, obwohl 
die Schar der früheren Besitzer und der Petenten täglich wuchs, 
welche daraus für sich einen Teil erhofiten; und es mufste wiederholt 
sowohl vor eigenmächtiger Aneignung als auch vor lästigen Bittgesuchen 
gewarnt werden.*'*) Dagegen erhielten die Bewohner der Provinz 
Lycien die ihnen besonders auf Rufins Zureden genommene Fähig- 
keit wieder, Ehrenstellen nicht nur von neuem zu bekleiden, sondern 
auch die alten Würden wieder annehmen zu dürfen, was Arcadius 
durch ein sehr huldvolles Edict*^) im ganzen Reiche bekannt machen 
liefs. Eine weitere Folge endlich war die Beschränkung der Gewalt 
des Praefectus praetorio ,*®) da Arcadius vielleicht der Meinung war, 
dafs ein Minister, in dessen Händen weniger Dienstzweige ruhten, auch 
weniger sich anmafsen und gefährlich werden könne ; er trennte daher 
von der- Amtsbefugnis des Praefecten die Aufsicht über die WafFen- 
fabriken ab, welche wir demgemäfs in der Notitia Dignitatum im 
Dienstkreise des magister officiorum finden,*') und die nicht minder 
wichtige Entscheidung über die Erlaubnisscheine (evectiones) zur 
Benutzung der Staatspost (cursus publicus), welche ihm aber aus Nützlich- 
lichkeitsrücksichten später wieder beigelegt wurde.*^) Doch vermochte 
sich die schwache Seele des Arcadius 'nicht zu der Einsicht emporzu- 
schwingen, dafs gegen alle Übergriffe der Beamten nichts sicherer 
schützt als das eigene Auge des Herrschers, und dafs durch solche 
Mittel die Gefahr der Überhebnng nicht verringert wird; denn leider 
hatte der tapfere Theodosius keine Söhne hinterlassen, die seiner 



*^) epist. in. 8i. vgl. 82 — 90 und G. S. 203 und 204. 

*3) epist. VI. 14. praedo annosus. 

**) Cod. Theod. IX. 42, 14. X. 10, 21. 

*^) IX. 38, 9. 31. Aug. 396. Devotissimae nobis provinciae Lyciae priorem 
famam meritumque inter ceteras renovari censemus seq. 

**) Jod. Lydus de magistr. II. 10. III. 23. 40. 4t. vgl. Walter a. a. O. S. 432. 

♦') Böcking I. cap. X. 

**) In der Notitia Dign. haben die praef. praetorio und der magist. officior. 
die freie Verfügung über die evectiones. Vgl, Cap. II. III. X. 

' 4 



50 

würdig waren, sonst würde Arcadius nun, wo er im Besitz von aus- 
reichenden Truppen war, nichts eiliger unternommen haben, als sich 
selbst an die Spitze des Heeres zu stellen und das bedrängte Griechen- 
land von seinen Peinigem zu befreien. 

Denn diese Provinz, welche bisher von den barbarischen Ein- 
fallen freigeblieben war und an Einwohnerzahl zugenommen hatte, 
weil sich die im breiten Norden der Balkanhalbinsel nicht mehr 
sicheren Landbewohner in das südlicher gelegene Achaia zurückgezogen 
hatten, war, ohne nennenswerte Besatzung und feigen Officieren, den 
Werkzeugen Rufins, anvertraut, inzwischen eine leichte Beute Alarichs 
geworden. Dafs der Proconsul Antiochus, des hochgebildeten Musonius 
Sohn,*9) von Rufin Befehl hatte keinen Widerstand zu leisten, ist 
ebenso wenig anzunehmen, als dafs Gerontius ,^ö) der Wächter des 
Thfermopylenpasses, beauftragt war den wichtigen Durchgang ohne 
Kampf frei zu geben ; sie bewog vielmehr die Überzeugung, dafs sie weder 
Spartaner unter sich hatten noch eine zahlreiche Mannschaft, langsam 
vor dem übermächtigen Feinde zurückzuweichen, und man darf zugleich 
nicht vergessen, dafs die Haltung der Regierung, welche offenbar eine 
nachsichtige und schwache gegen die Gothen war, naturgemäfs auf 
diese gewils nicht ausgezeichneten Feldherrn oder kriegskundigen 
Beamten zurückwirken mufste. 

So zog sich denn Gerontius, als die Feinde den Thermopylen 
nahten, ohne Kampfzurück,^!) und die Gothen ergossen sich nun wie 
eine wilde Meereswoge durch den Pafs in das reichgesegnete Hellas ;52j 
die fruchtbaren Äcker der boeotischen Niederung wurden verwüstet, 
die kleinen Städte ohne Mühe erobert und zerstört, die Männer 
getötet, die Weiber und KLinder in die Knechtschaft getrieben, nur 
Theben wurde geschontes) wegen seiner Befestigungen und weil Alarich 



*8) Zosim. V. 5, Musonius selbst war früher Professor in Athen, dann 
in den Verwaltungsdienst übergetreten und magister officiorum geworden. Hertzberg 
a. a. O. S. 333. 

50) Zosim. V. 5. 

^^) Claud. de hello Getico 1 86. : Ipsae qua durius olim 

Restiterant Medis, primo conamine ruptae 
Thermopylae etc. 
Eunap. Vita. Max. p. 52 sagt von Alarich : öia rtav nvXwv naQtjXS-ev, äansQ öia 
OTaöiov xal iTiTtox^OTov 71 eölov T()f;fo>v! und schreibt frgm. 65. die OefFnung der 
Thermopylen der Gottlosigkeit der (arianischen) Schwarzröcke (zäiv nQoana^eaek- 
d'OVTWV) zu und der Aufhebung des heidnischen Cultus. vgl. Hertzberg S. 313. 

52) Die Verwüstung Griechenlands berichten Claudian praefat. in Rufin 11. 
— In Rufin. IL 187—215. IV. consul. Hon. 464 ff. 471 ff. De hello Getico 
175 — 194. 513 ff. Zosim. V. 5 — 7. Philost. XII. 2. Vgl. Hertzberg S. 390 ff. 
Finlay S. 130. »3) Zosim. V. 5. 



51 

eilte sich Athens und seines wichtigen Hafens zu bemächtigen. Und 
in der That gelang es ihm den Piraeus zu besetzen, doch die unter 
Valerian wiederhergestellten Mauern der Hauptstadt Griechenlands s^) 
schienen dem klugen Gothenkönig mit Recht nur durch eine längere 
Belagerung einnehmbar, zu welcher er weder die nötigen Maschinen 
noch die Zeit hatte; andererseits war aber auch die stille Musenstadt, 
in welche sonst nur das Treiben der Studenten Leben brachte und 
deren Bewohner längst des Schwertes entwöhnt waren, in nicht 
geringer Verlegenheit, weil ihr durch die Wegnahme des Hafens 
die Zufuhr abgeschnitten war und bei einer längeren Belagerung 
grofse Leiden bevorstanden. Es wurden deshalb von beiden Seiten 
Unterhandlungen angeknüpft,*^) welche bei der Lage der Umstände 
bald zum Ziele fährten und Alarich als Freund und Gast in Athen 
einziehen liefsen. 

Aber mochte der König auch sich die überaus freundliche Auf- 
nahme von Seiten der Bügerschaft gern gefallen lassen, mochte er 
dort baden, speisen und Geschenke annehmen, seine Gothen scheinen 
die Heiligkeit der Capitulation dennoch nicht gewahrt zu haben, denn 
es wird uns mit Bestimmtheit berichtet, dafs sowohl Proterius, einer 
der bekanntesten Professoren, den Barbaren zum Opfer fiel als auch, 
dafs die athenischen Frauen nicht glimpflich behandelt wurden.*^®) 
Doch mag das erst nach Alarichs Abzug, der gewifs bald erfolgte, 
von der dort zurückgebliebenen Besatzung ve^ibt worden sein, 
Alarich aber wandte sich, nachdem Eleusis und in demselben der 
berühmte Tempel der Eleusinischen Mysterien in Flammen aufgegangen 
war, mit seinen Gothen südwärts nach Megara,*^) wo ebenfalls von 
römischer Seite ein Widerstand versäumt wurde; er nahm die Stadt 
im ersten Anlauf und durfte nun die durch langen Frieden zu Wohl- 
stand und Reichtum emporgediehenen Landschaften des Peloponnes 



w) Zosim. I. 29. 

w) Zosim. V. 6. läfst freilich den Gothenkönig dadurch zu Unterhand- 
lungen bewogen werden, dafs ihm Athene Promachos, die Schutzherrin der Stadt, 
auf den Mauern und der homerische Achill vor denselben zu stehen schien. — 
Nach der Stelle bei Eunap vita Prisci p. 57 ist allerdings der Philosoph Proterius 
in Athen getötet worden, doch schliefst das eine Capitulation nicht aus. Vgl. 
Miiller frgm. bist. Graecor, zu frgm. 65 des Eunap ; Sievers S. 347 und Hertzberg 
S, 391 ff. Wenn Philost. XII. 2. ausdrücklich sagt Alarich slXsv ÄSi^vaq, so 
bezieht sich das auf den Piraeus; ganz falsch endlich fafst Tillem. V. S, 435 die 
Sache auf, wenn er die Aufnahme Alarichs in Athen auf die Zeit, da dieser 
Gouverneur von Illyrien war, bezieht. 

^) Claud. in Rufin. II. 191. Nee fera Cecropias traxissent vincula matres. 

") Zosim. V. 6. Philost XJI. 2. Vgl. Hertzberg S. 395 ff. 

4* 



\ 



52 

eine nach der anderen ausplündern und verheeren, da die Städte 
grade im Vertrauen auf den Schutz des Isthmus unbefestigt waren: 
So sank denn Corinth in Asche, Argos und seine Nachbarstädte, 
selbst Sparta fielen in seine Hände, während andere Scharen sich dem 
Westen der Halbinsel zuwälzten. Hier aber wurde den übermütigen 
Feinden ein Halt geboten, welches sie nicht erwartet hatten.^^) 

Stilicho nämlich, ob gerufen durch des Oberkämmerers Eutropius 
Vermittelung oder, weil der unerwartete Erfolg und die ungeahnte 
Zunahme der gothischen Erhebung ihm auch für das Westreich 
Gefahren zu bringen schienen, brach in genialer Entscheidung 
nicht zu Fufs, sondern auf einer Flotte von Salonae in Dalmatien 
auf und landete mit seinen Truppen an der Küste des Busens 
von Corinth.*^) Alsbald trat ein sofortiger Stillstand in dem Vor- 
dringen der Gothen ein, welche am Alpheus in der weiten Ebene 
von Elis von ihrem Raubzuge aufgeschreckt sich sammelten. Auch 
hier ging Stilicho nicht sogleich zum Angriff über, weil er auf seinen 
Schiffen, wenn auch auserlesene, doch nicht sehr zahlreiche Mann- 
schaften hatte mitführen können; es kam zu mehreren Gefechten,®^^ 
in denen die Gothen, wahrscheinlich mehr in Trupps abgefangen, 
bedeutende Verluste erlitten, bis es Stilicho endlich gelang, den Alarich 
wie ehedem in Thessalien auf der Hochebene von Pholoe einzuschliefsen, 
so dafs es den Gothen, welche infolge des klimatischen Wechsels und 
des unmäfsigen Lebens viel durch Krankheit litten,® i) bald an Lebensmitteln 
und durch die Klugheit Stilichos, welcher einen am Lager vorbeifliefsen- 
den Bach in ein anderes Bett lenkte, vor allen Dingen am nötigen 
Trinkwasser fehlte.^^j Und merkwürdig! wiederum konnte Stilicho 



^8) Ich nehme nun gegen v. Wietersheim S. Ii6 — 117 mit Tillemont note 6. 
sur Arcade, welchem Finlay S. 146, Sievers S. 343, Clinton fasti Rom. zu 396, 
Hertzberg S. 395 ff. gefolgt sind , an , dafs Stilicho überhaupt zwei Expeditionen 
unternahm und zwar die zweite nach Rufins Tod. Am schlagendsten ist 
für mich, dafs Claudian in Rufin. II., obwohl er den Tod des Rufin noch berichtet 
und auch schon die Verwüstung Griechenlands andeutet, doch von einem Siege 
am Alpheus noch nichts weifs. 

w) Zosim. V. 7. Claud. De laudib. Stilich. 170—187. 
«ö) De hello Getico 514 ff. 575. In Rufin. II. praef. 9: 
Alpheus late rubuit Siculumque per aequor 
Sanguineas belli rettulit unda notas 
Agnovitque novos absens Arethusa triumphos 
Et Geticam sensit teste cruore necem. 
«*) IV. cons. Hon, 466. 

Plaustra cruore natant: metitur pelUta inventus 
Pars morbo pars ense perlt. . . . 
6*) Claud. IV. cons^ Hon. 475. De hello Getico 513 ff. 



53 

nicht den entscheidenden Schlag thun. War es eine neue Botschaft 
aus Constantinopel, welche ihn aufforderte abzuziehen — kaum denkbar, 
da der Rufins Erbschaft am Hofe antretende Eutropius kein Gegner 
Stilichos war — oder wollte er nicht durch die gänzliche Vernichtung 
der Gothen seine Hülfe für die Zukunft überflüssig machen®^)? — 
wiederum ®4) gab er Alarich Gelegenheit und Zeit sich eiligst aus der 
furchtbaren Lage, in der er sich befand, herauszuziehen und denselben 
Weg, den er gekommen war, rückwärts zu verfolgen, wobei alles, was 
auf dem Hinwege verschont geblieben war, nun ebenfalls noch den 
räuberischen Scharen in die Hände fiel und geplündert wurde. Damals 
war es, wo Griechenland jene Wunden geschlagen wurden, von denen es 
sich Jahrhunderte öS) hindurch nicht erholen konnte und zu deren 
Heilung besonders der Nachfolger des Arcadius eifrig mit Wort 
und That bemüht gewesen ist; und damals sanken auch viele Denk- 
mäler antiker Erinnerung in Staub und Asche, da die Gothen, wenn 
auch Arianer, nicht weniger fanatisch gegen das Heidentum waren 
als die Katholiken. 

Aber indem Alarich, während Stilicho unverrichteter Sache nach 
Italien zurückkehrte, noch einmal Griechenland brandschatzte, hatte er 
wohl nur die Absicht das zögernde Ostrom zu einem ihm vorteilhaften 
Frieden zu bewegen, denn weiter konnten seine Pläne damals noch 
nicht gehen. Dieser Friede kam nun endlich, auch Alarich nicht 
unerwünscht, da ihm die Lebensmittel für ein so grofses Heer auszu- 
gehen anfingen, durch Eutropius Vermittelung wahrscheinlich noch im 
Jahre 396 zu stände und brachte den herabgekommenen Ländern 
südlich von der Donau bis zum Mittelmeer die ersehnte Ruhe und 
Rückkehr zu geordneten Zuständen. Wo der Vertrag abgeschlossen 
wurde, wissen wir ebenso wenig, als uns die einzelnen Punkte desselben 
klar überliefert sind: Nach Claudians^^) Darstellung erhielt Alarich 



ö3) So nimmt v. "Wietersheim an S. 117. 

*♦) Hierauf geht Orosius VIT. 37. Taceo de Alarico rege cum Gothis suis 
saepe victo, saepe concluso semperque dimisso. 

**) Zosim. V. 5. ZTjv ef ixsivov fiBx^i tov vvv xaxaaxQOipriv öiöovra 
xolq d-£Q}fi6voig bgäv. Vgl. Hertzberg Gesch. Griechenl. seit dem Abst. u. s. w. 
S. 58 ff. 63 ff. 

^) Eine andere als diese poetische Quelle haben wir leider nicht, deshalb 
gehen die Forscher meistenteils nicht näher auf eine genauere Feststellung des 
staatsrechtlichen Verhältnisses ein. Vgl. Gibbon VII. 237. Sievers S. 346, 
v. Wietersheim S. 117. und 124, Hertzberg S. 408. — Die wichtigsten Stellen 
sind In Eutrop. II. 216. 

Praesidet lUyrico. Jam quos obsedit amicus 
Ingreditur muros Ulis responsa daturus etc. 



54 

den Titel Dux und die Verwaltung des ganzen westlichen Dlyriens, 
also der Dioecesen Dacien und Macedonien. Aber diese Nachricht 
erscheint wenig glaublich, da Alarich, schon 394 Anführer des gothischen 
Hülfscorps, schwerlich mit der Würde eines dux zufrieden war, nach- 
dem er, wenn auch nicht allein durch eigenes Verdienst, Ostrom voll- 
standig gedemütigt hatte; es ist daher eher anzunehmen, dafs ihm 
die höhere Würde des magister militum übertragen wurde; dafür 
spricht auch der Umstand, dafs ihm zugleich die Wafifenfabriken in 
Thessalonich, Naissus, Ratiaria und Horreomagus unterstellt und zu 
eigenem Bedarf überlassen wurden.^') Die andere Seite seiner Stellung 
ist diejenige, welche derselbe Dichter mit „responsa daturus'* und 
„praesidet Illyrico" bezeichnet, Ausdrücken, welche kaum anders auf- 
gefafst werden können, als dafs Alarich auch die Gerichtsbarkeit in 
Ulyricum gehabt habe oder mit einem Worte praefectus praetorio 
gewesen sei. . 

Allein gegen eine solche Auffassung spricht einerseits die Über- 
legung, was denn bei einer solchen Stellung Alarichs dem Kaiser tür 
Hoheits- und Herrscherrechte übrig geblieben wären als der eitle 
Schein einer Lehensherrlichkeit ,®'^*) zumal, wie ebenfalls behauptet 
worden ist, wenn gar auch noch die Steuern in seine Tasche flössen. 
Andererseits widerspricht dem die unbestreitbare Thatsache, dafs es in 
den Jahren 397 — 399 einen Praefectus praetorio von Illyrien gab. Denn 
wir haben aus dieser Zeit im Theodosianischen Gesetzbuch vier Ver- 
fügungen ,^8) welche alle an ein und denselben Praefectus Anatolius 
gerichtet sind, und von denen das zweite auf einen Übergriff Alarichs, 
der sich an den in den Staatsspeichern angesanmielten Naturalien 
vergreifen wollte, hinzuweisen scheint. Demgemäfs ist die staatsrecht- 
liche Stellung Alarichs dahin zu praecisieren, dafs er Oberbefehlshaber 
(magister utriusque militiae) aller, auch der römischen Truppen der 
Illyrischen Praefectur war und als solcher zugleich die Oberaufsicht 
über die Waffenfabriken hatte, dafs er aber nicht auch Praefectus 
praetorio war und die Civilgerichtsbarkeit dieser Länder, sondern nur 
als oberste Militärbehörde die zwischen den Soldaten und Bürgern aus- 



tind De hello Getico 535 ff. 

At nunc lUyrici postquam mihi tradita iura 

Meque suum fecere ducem 

*^ V. 537 ff. 

*'*) Hieronym. ep. 60, 16 sagt allerdings: Quid putas nunc animi habere 
Corinthias, Athenienses, Lacedaemonios , Arcadas cunctamque Graeciam, quibus 
imperant barbari? 

«8) 397. XVL 8, 12. XI. 14, 3. — 398: IV. II, 8. — 399. VI. 28, 6. Vgl. 
Tillemont tom. V. note 13 sur Are. und zu XVI. 8, 12. Haenel p. 1596 k. 



55 

gebrochenen Streitigkeiten zu entscheiden und beizulegen hatte. Die 
römische Civilverwaltung bestand in denjenigen C^ebieten, welche den 
Gothen nicht eingeräumt waren, nach wie vor fort^^) 

In Bezug auf das von den Gothen von dieser Zeit an bewohnte 
Land sind zwar die Grenzen genau nicht zu bestimmen, doch scheint 
soviel sicher zu sein, dafs sie nicht etwa durch ganz Illyricum zerstreut 
lagen, sondern sie nahmen, wahrscheinlich in erweitertem Umfange 
nach Südosten zu, das alte ihnen von Theodosius in Dacien und 
Mpesien angewiesene Gebiet wieder ein und bebauten und bewohnten 
es bis zum endgiltigen Abzüge nach dem Occident;''^) ein zeit- 
genössischer Schriftsteller nennt es daher geradezu „das barbarische", 
weil es mitten im römischen lag. Sind wir über die Zugeständnisse 
Ostroms schon nicht ohne mancherlei Zweifel, so wird uns erst recht 
nichts genaues über die Gegenleistung Alarichs berichtet, denn das 
ganze Verhältnis wird nur als Foedus''*) bezeichnet, und es scheint 
sonach, als ob Alarich, wie einst die Foederati dem Theodosius, sich 
ruhig in seinen Grenzen zu verhalten und im Kriegsfalle für das Ost- 
reich die Waffen ergreifen zu wollen, dem Arcadius versprochen hat. 

Diese neuen Beziehungen mufsten aber für das Ostreich je länger, je 
mehr überaus peinlich sein, da Arcadius den Gothen nicht wie Theodosius 
nach ihrer Besiegung und im Gefühl der Stärke aus kluger, politischer 
Überlegung ihre Forderungen bewilligt hatte, sondern, nachdem seine 
Ohnmacht ihnen gegenüber überall zu Tage getreten war; das mufste 
in den Gothen ein Gefühl des Stolzes und des Übermutes wach 



*^) So nehme ich meiner Auffassung des ganzen Verhältnisses entsprechend 
gegen Sievers S. 346 an. 

■^0) Aschbach S. 71 nennt Alarich „Oberfeldherr des östlichen lUyricuras", 
über das den Westgothen überlassene Gebiet äufsert er sich nicht. Köpke S. 124: 
dux von Illyricum und das Land der Molosser und Thesprotier bis Epidamnus. 
Dabn Könige V. S. 35.: dux oder vielleicht magister militum. Kaufmann a. a. O. 
S. 310: Das Land zwischen dem 39. und 42. Parallelkr. zu beiden Seiten des Pindus ; 
Dyrrhachiura war Alarichs Haupthafen. Das ist entschieden zu weit gegriffen. 
V. Wietersheim und Hertzberg a. a. O. behaupten, dafs Alarich Epirus eingeräumt 
sei, doch dürften sie sich dabei auf nichts anderes als auf Claud. de hello Getico 
496 und Zosim. V. 26 stützen. Sie haben die Stelle Sozom. IX. 4 nicht in 
Erwägung gezogen, wo es von Alarich heifst : xal 6 fxhv ÄXd^ixog ix f^q TtQoq 
T^ daXfxaxia xal Hcivvovicc yfjq ßaQßaQOv, ov öirjys itaQaXaßwv zovq 
Vit avxbv riyev eiq xaq ^neiQOvq. Diese Worte lassen durchaus zu, eine 
Erweiterung des ehemaligen Gebietes (Jord. c. 26). über einen Teil des alten 
Macedoniens (Emathia) anzunehmen. 

^1) Cluud. de hello Get. 496. 

.... servator ut icti 

Foederis Emathia tutus tellure maneres. 



56 

erhalten, das jeden Augenblick zu Abfallsgedanken übergehen konnte, 
andererseits bei den römischen Bewohnern des Reichs ein Gefühl der 
Demütigung und versteckten Grolles hervorrufen gegen alles, was 
germanisch und nicht römisch war. Es befand sich also in den durch 
den Frieden mit Alarich geschaffenen Zuständen schon der Keim 
einer späteren Reaction des Römertums gegen die germanischen 
Fremdlinge im Staate ; während auf der anderen Seite auch für Westrom 
darin eine ernste Mahnung lag auf der Hut zu sein, da nicht anzu- 
nehmen war, dafs ein so hochstrebender Volkskönig wie Alarich zu- 
frieden sein würde auf kleinem Raum und in einem schon ausgesogenen 
Lande für immer zu hausen; es lag vielmehr die Befürchtung nahe, 
dafs er bald auch nach dem reicheren und fruchtbareren Italien seine 
verwegene und räuberische Hand ausstrecken werde. 



Viertes Kapitel. 

Der Verschnittene Eutrop an Rufins Stelle allmächtig. — Seine Vorgeschichte. — 
Verhältnis zu Stilicho und Eudoxia. — Arcadius und Honorius. — Mangelhafte 
Verbindung zwischen Orient und Occident. — Gildo, comes Africae, wirft sich 
dem Ostreich in die Arme. — Seine Tyrannis. — Hungersnot in Rom. — Gildo 
wird im Senat für einen Feind des Vaterlandes erklärt. — Die Rüstungen. — 
Mascezel, Gildos Bruder, Befehlshaber der römischen Truppen. — Überfahrt nach 
Africa. — Schlacht am Ardalio. — Gildos Niederlage und Tod. 

Nachdem der Friede mit Alarich abgeschlossen war, hatte das 
Ostreich in seinem Innern einige Jahre Ruhe, welche aber nicht von 
Arcadius benutzt wurden, um die durch Rufins Amtsverwaltung an- 
gerichteten Schäden abzustellen und zu beseitigen. Vielmehr vollzieht 
sich von Arcadius ab ein Umschwung in der Leitung des Reichs 
dahin, dafs die Kaiser nicht mehr überall selbst sehen und hören 
wollen, wie es in den einzelnen Reichsteilen aussieht, geschweige denn 
sich selbst an die Spitze der Truppen stellen, um durch ihre Anwesen- 
heit und ihr Beispiel anfeuernd auf die Krieger einzuwirken, sondern 
dafs sie sich fortan hinter ein steifes Hofceremoniel zurückziehen und 
fast immer in den Mauern ihres Palastes bleiben, gleichsam, als wollten 
sie im Gefühl der eignen Schwäche durch ein vornehmes Femhalten 
von den Unterthanen die Ehrfurcht vor ihnen und den Gehorsam 
gegen die Staatsgewalt erhalten. Infolge dessen haben in Zukunft 
meist nicht mehr diejenigen Männer den gröfsten Einflufs auf den 
Fürsten, welche ihm durch Verdienste im practischen Leben sei es* im 
Heere oder in der Verwaltung nahe treten, sondern diejenigen Diener, 



57 

welchen das körperliche Wohl und die Bequemlichkeit des Herrschers 
anvertraut worden ist, und deren Dienst sie naturgemäfs beständig an 
die Person desselben fesselt: die praepositi sacri cubiculi, Oberkämmerer. 
Sie, die fortwährend um den Fürsten herum sind, erspähen alle seine 
kleinen Neigungen und Schwächen und wissen unter kluger Benutzung 
derselben so die Fäden aller am Hofe gesponnenen Intriguen in ihre 
Hand zu bringen, dafs sie, wenn auch nicht immer an die Oberfläche 
tretend, dennoch die Herren der ganzen Situation und die Triebfedern 
der Handlungen des Monarchen sind. So beginnt mit ArcadiusV 
Regierung zugleich die geheime Herrschaft der Kammereunuchen, und 
merkwürdig, wie wenn Constantinopel dazu bestimmt ist, allein in 
Europa noch die schmähliche Erinnerung an dies orientalische Geschenk 
zu bewahren, noch heute spinnt dort der Praepositus sacri cubiculi 
seine Ränke wie zur Zeit der Wende des vierten zum fünften Jahr- 
hundert 

Grade der erste dieser entmannten Creaturen, welcher mit der 
Männlichkeit auch alle Mannhaftigkeit eingebüfst und dafür nur in 
verstärktem Grade Bosheit, Eitelkeit und Falschheit eingetauscht hatte, 
hat an seinem Beispiele gezeigt, wie nichtssagend der eigne Wille des 
Fürsten und wie übermäfsig anspruchsvoll ein Emporkömmling aus der 
Heefe des Volks werden kann. Anscheinend in Armenien, jedenfalls im 
fernsten Osten geboren und bald castriert, hatte Eutropius^) zahl- 
reichen Herren gedient und war aus einer Hand in die andere über- 
gegangen, bis er sich durch die Übernahme eines Kupplergeschäftes 
selbständig machte. Er war dabei alt und kahlköpfig, seine Haut 
schon runzlich geworden, so dafs nach menschlichem Ermessen 
das Ende seiner Laufbahn bald erreicht schien; aber im letzten 
Viertel seines an Erfahrungen so reichen Lebens bot ihm noch 
einmal das Glück .die Hand, um durch die Höhe, auf die es 
den Verschnittenen erhob, zu zeigen, wie blind es selbst und die 
Menschen sind, über die es triumphiert. Wer den alternden Mann 
in den Hof dienst gebracht hat, das ist stets unbekannt geblieben, aber 
das andere steht fest, dafs es der verdiente General Abundantius^) 
war, durch dessen Gunst er aus den niedrigeren Regionen der Diener 
in die Reihe der Cubicularii aufgenommen, vielleicht auch schon zum 



*) Die Hauptquelle über ihn ist Claudian in Eutrop. I. und IL, von denen 
das erste zur Zeit seines Consulats 399, das zweite nach seinem Sturze geschrieben 
worden ist. 

2) L 154.: Donec Abundanti furiis, qui rebus Eois 
Exitium primoque sibi produxit ab imis 
£vectu3 thalamis summos invasit honores. 



58 

Oberkämmerer befördert wurde. Als solcher war er nach der ost- 
römischen Hofrangordnung mit einem Schlage fast in die erste Rang- 
klasss des Reiphes der Illustres (Excellenzen) 3) erhoben, nicht weil seine 
Obliegenheiten etwa so schwerwiegender Natur waren — denn er 
hatte nur aufser den übrigen Cubicularien und ihrem Primicerius 
(Vicekänunerer) noch den Hausmeister des Kaiserlichen Palastes 
(castrensis Sacri palatii) und den Vorsteher der Kaiserlichen Garderobe 
(comes Sacrae vestis) mit ihren zahlreichen Beamten und Dienern 
unter sich*) — , sondern, weil derjenige, welchem die Sicherheit des 
Monarchen anvertraut war und welcher immer in seiner Gesellschaft 
verweilte, notwendig dadurch geadelt und geehrt sein mufste. 

Es scheint, als ob Eutrop diese Stellung bereits unter Theodosius I. 
einnahm, dessen Vertrauen er in dem Mafse genofs, dals er vor dem 
Aufbruch des Kaisers gegen Eugenius nach Aegypten entsandt^) 
wurde, um den thebäischen Einsiedler Johannes, dem Gott die Kraft 
der Prophetie und sonstige wunderbare Gaben nach der Behauptung 
der christlichen Zeitgenossen verliehen hatte, über den Ausgang des 
Krieges zu erforschen; doch schützte das offene Auge eines welt- 
erfahrenen Mannes und Kriegers den Theodosius vor einer Abhängig- 
keit von seinem Diener, und wir erfahren sonst nicht, dafs er irgend- 
wie hervorgetreten sei oder mitgewirkt habe. Die steigende Gunst 
des Rufin zu damaliger Zeit brachte ihn wahrscheinlich dem Stilicho 
nahe, gleich dem er jenen allmächtigen Minister so bald als möglich 
gestürzt sehen wollte ö). Aber gleich nach Theodosius Tod, als die 
Jugend des neuen Kaisers ihm keine Schranken mehr auferlegte und 
Gelegenheit mehr als genug bot, sich in seine Schwächen hineinzufinden 
und sie zu benutzen, beginnt der Stern des Eutrop am politischen 
Himmel des Orients emporzusteigen; wir sahen bereits, wie er in der 
Angelegenheit der Heirat des Arcadius dem Rufin geheim und äufserst 
geschickt entgegenarbeitete und wie es ihm gelang, den Arcadius mit 
Bautos Tochter zu vermählen. Seit dieser Zeit hatte er durch die 
Gunst, welche er unzweifelhaft bei der jungen Kaiserin genofs, mehr 
als je das Heft in den Händen, sonst würde ihn Rufin, ohne Erbarmen 



8) Notitia Dign. ed. Böcking I, cap. I. IX. und S. 232 — 234; doch vgl. 
Cod. Theod. VI. 8, i. 

*) Walter Gesch. des röm. Rechts I. § 340. 

*) Sozom. VI. 28. VlI. 22. Rufin IE. 19 und 32. Theodor. V. 24. August, 
de civ. Dei V. 26. Vgl. Acta Sanct. in. p. 602 seq. Prosp. Aquit. Tiro Pr. 
Claudian in Eutrop. I. 312 — 318. praefat. in Eutrop. II. 37 — 40. J. H. Stuffken 
dissertatio de Theod. M. in rem christianam meritis. Lugd.-Batav. 1828 p. 15. 

*) Zosim. V. 8. EvxQOTtioq 6h nQoq navrce 2xBki%Q)va avvsQyiqadq xa 
?caxa xovxov ßsßovlevfxiva t<5v iy xy avXy TCQaxxofjtivwv 9€VQcog fjv. 



59 

gestürzt und vernichtet haben. Doch das Glück war noch femer dem 
Eunuchen hold, denn nachdem die zurückkehrenden Krieger auf 
Gainas Zeichen jenen ermordet hatten, da war kein Mann im ganzen 
Ostreich, der ihm an die Seite gestellt werden konnte: und er beeilte 
sich Rufins Erbe in jeder Beziehung voll und ganz anzutreten« 

Zunächst nahm er die Hinterlassenschaft desselben zum grofsen 
Teile selbst in Besitz''), sodann wufste er trotz der Praefecti 
praetorio Caesarius, Eutychian und Anatolius, welche in den Jahren 
397 und 398 genannt werden^), so die Leitung auch der politischen 
Angelegenheiten in seine Hand zu bringen, dafs der Zeitgenosse 
Claudian immer nur von ihm und seinem Anteil daran redet: Überall 
hat Eutrop seinen Einßufs im Spiele, den Kaiser verläfst er nie, und 
dieser hat auch gar keine Lust einmal etwas anderes zu sehen als 
seine Palastmauem und inuner dieselben Gesichter; nur dafs er auf 
Eutrops Rat, dem eine Kräftigung der schwächlichen Gesundheit des 
Kaisers aus eigenem Interesse geboten war, und in dessen Begleitung 
im Hochsommer bisweilen das staubige, überheifse Constantinopel 
verläfst und sich mehrere Wochen auf dem Nordrande des Taurus 
auf der luftigeren Hochebene Kleinasiens bei Ancyra^) in Sommer- 
frische ergeht. Dafs Arcadius dabei die Gelegenheit wahrnahm, von 
der Lage der Bewohner oder dem Zustande der Städte und Festungen 
Kenntnis zu gewinnen, ist nirgends gesagt und kaum anzunehmen, 
und so erhielt der Kaiser eben nur das zu wissen, was Eutrop für 
gut befand ihm mitzuteilen. 

Daher erklärt sich auch zum Teil das wenig herzliche Verhältnis, 
welches zwischen den kaiserlichen Brüdern obwaltete, indem Eutrop 
die aus dem Occident kommenden Nachrichten dem Arcadius so über- 
mittelte, wie es ihm beliebte. Dazu war eine officielle Verbindung 
zwischen den beiden Reichshälften überhaupt nicht vorhanden, 
obwohl sich das Bedürfnis ständiger Gesandtschaften doch hätte fühl- 
bar machen sollen; nur bei besonderen Veranlassungen wurden Special- 
geschäftsträger ernannt, deren Dienst nach Erledigung der Angelegen- 



') ibid. 

^) Series chron. constit. bei Haenel. Tillem. note ii. sur Arcade sucht 
vergeblich in die unsichere Überlieferung der Praefecti pr. Klarheit zu bringen. 
Vgl. note 13. 

®) Etwa 45 Meil. graden Weges von Constantinopel, Hauptstadt Galatiens, 
jetzt Angora, türk. Engiiri. Kiepert S. 89 und 102. Arcadius war dort i) 397 
Cod. Theod. VI. 3. IX. 14, 3. 2) 398, denn am 27. Juli war er in Mnyzum. XI. 40, 
16. u. a., welches 5 Meil. westlich davon liegt. 3) 399 war er im Begriff dorthin 
zu gehen, als der Aufstand des Gainas ausbrach. Claud. in Eutrop. II. 97 ff. 
4) 405 zum letzten Male. Vil. 10, i. VL 30, 18, 



6o 

heit alsbald aufhörte, so dafs die Höfe gegenseitig vielfach nur aut 
Privatbriefe und auf Gerüchte angewiesen waren, i®) gewifs eine Art des 
Verkehrs, bei der die aufrichtige Gesinnung der Herrscher gegen ein- 
ander immer zu kurz kommen mufste. Infolge dessen nistete sich 
von vornherein ein Mifstrauen zwischen Arcadius und Honorius ein, 
das, wenn sie öfter direct in persönlichen Verkehr getreten wären, 
sicherlich leicht hätte beseitigt werden können. 

Von Arcadius wurde dem Honorius wahrscheinlich mitgeteilt, er 
sei nicht zufrieden, dafs die ganze Regierung in eines Mannes Hand 
liege, während umgekehrt dem Arcadius hinterbracht wurde, was ihn 
schwer beleidigen mufste: man rede dem Honorius ein, er sei könig- 
licher als sein Bruder, der noch im Privathause und nicht in dem 
officiellen Räume des Porphyrgemaches am Bosporus geboren sei^*); 
auch die Art, wie Arcadius zur Eudoxia gekommen sei,^^) war der 
Gegenstand spöttelnder Bemerkungen am weströmischen Hofe und dafs 
Eudoxia nicht aus fürstlichem Geschlechte war. Dagegen wurde 
Honorius von den Höflingen gepriesen, dafs er Maria, den Sprofs der 
Serena heimführen werde, was 397 allerdings noch in Aussicht stand, i^) 

Schoben sich in solcher Weise die Schatten des Mifstrauens und 
kleinlicher Überhebung zwischen die beiden Brüder, so dauerten 
andererseits auch zwischen Stilicho und Eutrop die guten Beziehungen 
nicht lange, weil immer von neuem das Gerücht auftauchte, Stilicho 
wolle nach Constantinopel kommen,^*) um dort im Auftrage des 
sterbenden Vaters die Regierung zu ordnen und seinen Einflufs zu 
befestigen. Denn wie eng auch bis nach Rufins Tod die Interessen 
beider mit einander verknüpft waren, hier, wo Stilicho dem Eutrop 
die Herrschaft beschränken wollte, hörte die Freundschaft bald auf 
und schlug in das gerade Gegenteil um. Es bedurfte nur eines 
geringen Anlasses, um den Rifs zwischen den beiden Reichen recht 
deutlich zu tage treten zu lassen, und diese Gelegenheit trat bald ein 
in der zweiten Hälfte des Jahres 397 durch den Versuch des Statt- 
halters von Africa Gildo die Provinz von Westrom loszureifsen. 



*oj Eunap. frgm. 74 sagt, es sei zu Eutrops Zeiten schwer gewesen verbürgtes 
über die Ereignisse im Occident zu schreiben teils wegen der weiten Entfernung 
zu Wasser und zu Lande, teils, weil jeder Reisende berichtete, was ihm gut dünkte 
und endlich, weil die Kaufleute desto mehr logen, je mehr sie verdienen wollten. 
Vgl. übrigens den Brief des Honorius an Arcadius bei Mansi Acta concil. p. 1 1 22. 

") Claudian lU. consul. Honor. v. 10 — 15. IV. consul. Honor. 121 ff. 

*^) De nupt. Honor. et Mar. 24. 

13) V. 30 ff. 

") Zosim. V. II. 



6i 

Africa zerfiel seiner administrativen Einteilung*^) nach in das 
eigentliche Africa, welches ein Proconsul grade so wie im Ostreich 
Asia im Namen des Kaisers verwaltete, mit der Hauptstadt 
Carthago und in Africa im weiteren Sinne unter einem Vicarius, 
welchem in den Provinzen Byzacium und Numidia je ein Consular, in 
Tripolis, Mauretania Sitifensis und Caesariensis je ein praeses unter- 
stand, Tingitana, das heutige Fes und Marokko, dagegen gehörte zu 
dem Amtsbezirk des Vicarius HispaniaeJ^) Die militärische Besatzung 
wurde von einem comes rei militaris befehligt und umfafste zur Zeit 
der Notitia Dignitatum an Infanterie 3 legiones Palatinae, i Abteilung 
auxilia palatina, 7 legiones comitatenses und i Abteilung pseudo- 
comitatenses, an Cavallerie 19 vexillationes, unter denen 6 sagittarii 
waren ; ^'^) aufserdem empfingen noch i 6 Grenzcommandeure (praepositi 
limitis) von ihm ihre Befehle. *8) Diese starke Besatzung aber war 
durchaus notwendig, weil der Besitz Africas von jeher für die Römer 
kein ungestörter war^^); denn unter den zahreichen numidischen 
Stämmen, den Nachkommen der alten Numider, hatte städtisches Leben 
im Gegensatz zu allen übrigen römischen Provinzen niemals Wurzel 
geschlagen, sondern sie blieben bis zu Justinians Zeit unter ihren 
eigenen Häuptlingen (principes) und, obwohl dem Namen nach dem 
römischen Reiche unterthänig, verhielten sie sich doch meistens feind- 
selig gegen dasselbe ähnlich wie die Isaurier im Orient, von denen 
wir noch zu reden haben werden. 

Nun war aber Africa auch zur Zeit des Arcadius ein überaus 
fruchtbares und reich gesegnetes Land,^«) dessen Volksdichtigkeit am 
besten aus den Concilacten erhellt, welche in Africa proconsularis 
54 Bischofssitze, in Numidien 125, in Byzacium 116, in Mauretania 
Caesariensis 116, M. Sitifensis 49 und nur in dem fast ganz von 
Barbaren bewohnten Tripolis 5 Sitze aufzählen 22) , und das für 
die Römer aufser durch seinen Umfang, seine Lage und Steuern 
noch besondere Wichtigkeit durch seine Kornlieferungen nach der 
Hauptstadt hatte. Diese flössen aus den riesigen Latifundien, welche 



«) Notit. Dign. ed. Boecking II. cap. L XVII. XIX. ; femer S. 418—426. 
447—458. Bekker-Marquardt III. S. 225 — 232. 

»6) Bekker-Marquardt S. 86. Not. Dign. II. S. 458 flF. 

") Not. Dign. cap. VII. S. 38—40. S. 217 ff. S. 500 flF. 

") cap. XXin. S. 514 flF. 

1*) Kuhn die städt. und bürg. Verfassung des röm. Reichs II. S. 451 — 459. 

20) Kiepert S. 215 flF. 

2*) Not. Dign. II. S. 635 flF. ist die notitia omnium episcopatuum ecclesiae 
Africanae abgedruckt ; ebenso beiHarduin collect, concil. II. 869 flF. Vgl. ebend. lU. 
S. 739 flF. — Kuhn S. 436. Kiepert S. 218 und 219. 



62 

schon unter der Karthagischen Herrschaft bestanden und sich unter 
der römischen erhalten hatten.^!*) 

Schon oft hatten hier Aufstände und Einfälle stattgefunden, von 
denen der letzte im Jahre 379 der Versuch des Maurenfiirsten Firmus 
gewesen war sich zum unumschränkten Herrscher des reichen Landes 
aufzuwerifen, aber die Feldhermkunst und unbestechliche Energie des 
älteren Theodosius hatte ihn in die Flucht und in den Tod getrieben.^^j 
Auch der Verrat war hinzugekommen Theodosius die Aufgabe 
zu erleichtern, indem der eigne Bruder des Firmus Gildo gegen den- 
selben die Waffen erhob und sich auf die Seite der Römer schlug, 
eine Thatsache, welche sich an ihm selbst wiederholen sollte. Für 
seine eifrigen Dienste war Gildo durch ein Kommando in der 
africanischen Armee belohnt worden und im Laufe der Zeit seit 385 
oder 38623) bis zum comes Africae und der aufsergewöhnUchen Charge*^*) 
eines magister utriusque militiae aufgerückt, während Theodosius L, 
um ihn an sein Haus zu fesseln, seine Tochter Salvina mit Nebridius, 
dem Neffen der Aelia Flaccilla, vermählt hatte.25) 

Trotzdem wagte es Gildo, als Theodosius gegen Eugen 394 zu 
Felde zog, ihm unter nichtigen Vorwänden die Heeresfolge zu ver- 
sagen 20), obwohl er sich dem Tyrannen nicht angeschlossen hatte. 
Ohne Zweifel würde der energische Theodosius den unbotmäfsigen 
General streng zur Rechenschaft gezogen haben, wenn ihn nicht ein 
frühzeitiger Tod dem Erdenleben entrissen hätte; man darf aber 



21a) Kuhn S. 442. 

^) Amraian Marc. üb. XX VII. — XXIX. Pacatus Drepanius paneg. in 
den XII. paneg. Lat. ed. Em. Baehrens Lpz. 1874. c. 5. Claud. III. consul. Honor. 
V. 52 flF. IV. consul. Honor. v. 24 fF. Orosius bist. libr. VII. 33. Eine austuhrliche 
Darstellung bei H. Richter das Weström. Reich besonders unter den Kaisem 
Gratian, Valentinian 11. und Maximus S. 389 ff. 

23) Claudian Bell. Güd. v. 164 

.... Jam solis habenae 

Bis senas torquent hiemes cervicibus ex quo 

Haeret triste iugum. 

2*) Cod. Theod. 393 IX. 7, 9 heifst er comes et magister utriusque militiae 
per Africam. Diese Verfügung, nach der Ermordung Valentinians II. erlassen, ist 
aus Constantinopel datiert und beweist somit, dafs Gildo sich an Eugen nicht 
angeschlossen hatte. 

^) Hieronym. ep. 79 ad Salvinam 2. über Nebridius: . . . invictissimo 
principi ita carus fuit, ut ei coniugem nobilissimam quaereret et bellis civilibus 
Africam dissidentem hac velut obside sibi fidam redderet und ep. 123. ad Ageruchiam 
18. legito . . . librum .... ad Furiam atque Salvinam, quarum altera Grildonis, 
qui Africam tenuit, ülia est. 

2«) Claud. Bell. Güd. 240 ff. VI. consul. Honor. 105 ff. Vgl. Marc. Com. 
zu 398. 



63 

annehmen, dafs, als er mit Stilicho über die Lage des Westreichs 
sprach, er gewifs den Auftrag hinterlassen hat, den abtrünnigen Vasallen 
in Africa um jeden Preis zu züchtigen. Etwas derartiges aber hatte 
der verwegene Maure auch selbst gefürchtet und bei der scheinbaren 
Schwäche des Reichs, welches so jugendlichen Herrschern überkommen 
war, den Plan entworfen, ebenso wie einst sein Bruder Firmus die 
Hoheit Roms abzustreifen und die fruchtbare und volkreiche Nord- 
küste der africanischen Provinz unter sein eignes Scepter zu bringen.^^) 
Die Unsicherheit, welche während der Wirren des westgothischen Auf- 
standes auch den Thron des Honorius beherrschte, gab ihm hinreichend 
Zeit seine Absicht ins Werk zu setzen. 

Er knüpfte vor allem mit den Häuptlingen der numidischen und 
anderen nomadisierenden Wüstenvölker Verbindungen an, welche 
natürlich gern bereit waren, wo es Beute zu machen galt, dabei zu 
sein und auf seine Seite zu treten, während er das ihm unterstellte 
Heer durch die Bestechung der Führer zu gewinnen trachtete. So 
ging das Jahr 395 und 396 ohne Entscheidung dahin, denn es läfst 
sich nachweisen, dafs die Civilbeamten nach wie vor von Rom aus 
ihre Befehle empfingen ,28) wenn auch Gildo die Getreidezufuhr nach 
Italien zeitweise zu hindern wufste.^®) Erst im Sommer 397 fafste er 
einen festen Entschlufs und suchte seinem Unternehmen durch einen 
äufserst feinen Schachzug das Gelingen im Voraus zu sichern. Er 
benutzte nämlich die zwischen dem West- und Ostreich grade damals 
eingetretene kühlere Stimmung, um Africa dem Arcadius als Lehens- 
provinz anzutragen ,3<^) und glaubte nicht anders, als dafs er in dem 



^) Über den Gildonischen Krieg handeln Gibbon VII, S. 200 ff. Sievers 
S. 351—356. Vgl. Orosius VII. 36 über Gildo*s Absichten. 

**) 395 war Hierius vicarins Africae Cod. Theod, XVI. 2 , 29. , Ennoius 
proconsul XI. 30, 53. XII. 141 — 145. An die provinciales Africae ist gerichtet 
XIII. 5, 24 vom 26. Mai 395. Aus dem Jahre 396 fehlt ein Anhalt, dagegen 
wird noch am 17. März 397, also kurze Zeit vor dem Aufstand, der proconsul 
Probinus XII. 5, 3 erwähnt. Dann erscheint ein solcher erst wieder 13. März 398. 
Victorias. IX. 39, 3. Zur Chronologie der Ereignisse vgl. Clinton fasti Rom. zu 
397 und 398. 

*>) Claudian Bell. Gild. 70 ff. 

äo) Über das Verhältnis zwischen den beiden Höfen in dieser Zeit ist die 
reichste Quelle Claudian in Bell. Gild. vgl. besonders v. 236 ff. 256 ff. 277. 

..... Quem respuit alter in hostem, 
Suscipis in fratrem? long! proh dedecus aevi! 
Cul placet australes Gildo condonat habenas. 
ferner v. 206. 309. 314 (Hon.): 

Sed tantum permitte cadat. Nil poscimus ultra. 



64 

zwischen beiden Reichshälften darob entbrennenden Kriege den gröfsten 
Vorteil ziehen und höchstens unter nomineller Aufsicht, in Wahrheit 
aber als souveraener König über Africa herrschen werde. Am liebsten 
wäre es ihm allerdings gewesen, Honorius hätte aus Furcht vor 
einem Bruderkriege nachgegeben und er wäre unter die Botmäfsig- 
keit Constantinopels gekommen, das gewifs noch einmal so weit von 
Carthago entfernt liegt als Rom, 

Indessen die Energie und Klugheit des Leiters des Occidents 
machte alle seine Entwürfe zu Schanden und wufste so geschickt zu 
operieren, dafs das Ostreich der Niederwerfung des Gildo ruhig zusah.^i) 
Es war das kein geringes Verdienst Stilichos, denn die Kriegspartei 
am Hofe zu Constantinopel hatte nicht übel Lust die Gelegenheit zur 
Schwächung des Westreiches zu ergreifen, und besonders Eutrop wird 
uns als die Seele derselben bezeichnet^*») Schon drohte der Krieg 
ganz nahe, denn Eutrop liefs den Stilicho bereits von dem gefügigen 
Senat der Hauptstadt öffentlich für einen Feind des Vaterlandes 
erklären 32)^ wogegen es nicht erwiesen ist, dafs er feige Schergen 
mietete, um seinem verhafsten Gegner den Garaus zu machen. •'^3) 
Manche Briefe und Gesandtschaften gingen in dieser Zeit hin und 
her, an denen auch der berühmte, ehemalige Stadtpraefect von Rom 
Symmachus teilgenommen zu haben scheint.^*) Endlich siegte die 
Festigkeit der Sprache Stilichos,^^) der sich selbst durch den Gedanken 
an den etwaigen Verlust seiner im Osten gelegenen zahlreichen Liegen- 
schaften nicht einschüchtern liefs, über die Hohlheit und Schwäche 
des Orients, während das Band der Blutsverwandtschaft wohl erst in 
zweiter Linie den Ausschlag gab. 



und Arcadius Antwort 323 : 

• . ; commissa profanus 

nie luat; redeat iam tutior Africa fratri. 

In Eutrop. I. 306 ff. De laudibus Stilichonis I. 269 ff. II. 79 ff. De consulatu 

Stil. 81 ff. 

8») Bell. Güd. 4. und 218. 

3»a) In Eutrop. I. 281 ff. 

^) Zosim. V. II. Elissen Der Senat im oström. Reiche. Götting. 1881. 
S. 44 ff. geht über dieses merkwürdige, mit dem Vorgehen Stilichos im Occident 
gleichzeitige Hervortreten des Senats in Bezug auf äufsere Politik S. 47 kurz 
hinweg, und doch wird gerade von Claudian besonders dieses Aufleben früherer 
Zustände mehrfach betont. 

■33) De laudib. Stü. I. 293. II. 84 ff. 

3*) ep. IV. 5. sagt Sym. in Bezug auf die Kriegserklärung gegen Gildo: 
reperies et facti huius me adseruisse iustitiam et apud d. n. Arcadium causam 
publicae egisse concordiae. 

3«) De laud. Stil. I. 295 ff. 



65 

Gildo aber war inzwischen zu Handlungen offener Feindseligkeit 
übergegangen und konnte nicht mehr zurück Zunächst hatte er Rom 
die Zufuhr entzogen ,^6) seine Hülfsvölker herbeigerufen und mit den- 
selben das ganze fast völlig dem katholischen Christentum bereits 
gewonnene Land überschwemmt^ beraubt, geplündert, die alten Colonisten 
vertrieben 37) oder gemordet und nicht einmal des eignen Blutes 
geschont, indem er die beiden Söhne seines römisch gesinnten und 
christlichen Bruders Mascezel im blühendsten Alter töten liefs.^®) 
Alles Land mit Ausschlufs der Hauptstadt Carthago^s») und der übrigen 
festen Städte wurde eine Beute der wilden heidnischen Wüstensöhne, 
welche noch weniger als die arianischen Gothen zur Menschlichkeit 
gegen den Gegner erzogen waren. Gildo selbst,^^) der eine so genaue 
Personenkenntnis dieser Gegenden besafs, wufste mit leichter Mühe 
die reichen Römer herauszufinden, welche entweder gutwillig ihre Habe 
hergaben oder unter der Wucht falscher Anklagen erlagen. So wütete 
er mit dem Henkerbeil, mit Gift und Schwert gegen alles, was ihm 
mifsliebig war, ja so wenig vermochte er seiner natürlichen Roheit die 
Zügel anzulegen, dafs er jeden, der, etwa von ihm zu Gaste geladen, 
nicht trotz der mifslichen Lage ein heiteres Gesicht zeigte, mitten 
während der Mahlzeit von seinen Dienern niedermachen liefs. War 
ihm der Wein dann zu Kopfe gestiegen, da begann er erst recht 
Orgieen zu feiern und nicht selten mufsten dann die edlen Frauen 
der eben Hingemordeten, den Schmerz im Herzen, ihm und seinen 
Genossen zum Spiel und zur Befriedigung der Lüste dienen. Aufser 
dem Gute der Privatleute rifs Gildo auch den Kirchenbesitz, die 
Krongüter und die Kaiserlichen Domänen an sich. Ländereien, welche so 
umfangreich waren, dafs sie später durch einen besonderen comes 
Gildoniaci patrimonii verwaltet wurden.^«) Er benutzte dieselben, um 
sich durch Freigebigkeit der Treue seiner Anhänger zu versichern, die 
er aufserdem mit schönen Africanerinnen , deren er sebst überdrüssig 
geworden war, beschenkte.^ 9 Auf solche Genossen sich stützend 



36) Bell. Gild. 66. 

Hanc quoque nunc Gildo rapuit sub fine cadentis 
Antumni; pavido metimur caerula voto etc. 

37) V. 155 fr. 

38) Orosius VII. 33, 4. Mascezel; ebenso Claudian. Zosim. V. ii. MaoxeX' 
ÖTjXog. — Zur Sache Bell. Gild. 395. 

38a) Zosim. V. II. riXöcDva Tcdarjg exovxa xijg vnb KccQXV^ova /lißvrjg 
TTjv ^ysfzovlav, 

39) Die Schreckensherrschaft Gildo's schildert Claudian Bell. Gild. 154 — 186. 
*o) Cod. Theod. VII. 8, 7. 

«) Bell. Gild. 191 ff. 

5 



66 

wähnte er sich sicherer denn je, schritt stolzer einher als der Kaiser selbst 
und war stets, wenn er an die Öffentlichkeit trat, von Reitern umgeben, 
während die Fufstruppen und die Clientelkönige ihm voranschritten.*^) 

Inzwischen war zu Rom die Not*^) immer gröfser geworden, da 
die wenigen Schiffe, welchen es gelang von Africa mit Ladung zu 
entkommen oder von Carthago geschickt waren, bei weitem nicht den 
Bedarf zu decken vermochten, und wäre nicht Stilicho gewesen, 
der die Kräfte des Reiches durch energisches Auftreten und umsichtige 
Befehle stets auszunutzen verstand, es hätte in Rom zu gefährlichen 
Aufständen kommen können. Aber Stilicho allein wufste noch im 
letzten und rechten Augenblicke Rat zu schaffen, schnell hatte er seine 
Anordnungen nach Gallien und Spanien entsandt, und so langte denn 
zum Erstaunen der Römer eine Getreideflotte in Ostia an, welche 
nicht von Süden, sondern von den Gefilden an der Sequana (Seine), 
Matrona (Marne), Mosa (Maas), Arar (Saöne) und vom Ebro und 
Baetis (Guadalquivir) das Brotkorn landete.^*) Mit Recht rühmt dies- 
mal Claudian seinen Helden, der auf diesem Wege eine neue Hülfs- 
quelle für die ELauptstadt gewonnen hatte und sie von der Zufuhr 
Africas entband. 

Aufserdem waren auch die nötigen Mafsregeln gegen Gildo nicht 
verabsäumt worden. Jedenfalls auf Stilichos Wunsch , von dem man 
nicht weifs, hat er dem Eutrop in Ostrom nachgeahmt oder dieser 
ihm, wurde auch hier die Autorität des Senats gegen den Reichsfeind 
angerufen, indem Stilicho eine Botschaft des Honorius verlas, in 
welcher alle Gewaltthaten Gildos aufgeführt waren.45) Die Mitteilung 
dieses Schriftstückes brachte in den Versammelten eine tiefe Erregung 
hervor, welche mit dem gemeinsamen Beschlufs endigte, gegen Gildo als 
Feind des Vaterlandes eine Flotte und ein Heer auszurüsten. Für 
diese Rüstungen hatte Stilicho schon seit längerer Zeit Sorge getragen, 



'^) V. 195 ff. 

*3) Vorübergehende Befürchtungen wegen einer Hungersnot waren dort 
nichts Ungewöhnliches, vgl. Symmach. ep. IL 52. 56. 57. und IV. 4 in Bezug auf 
397; vgl. Claudian in Eutrop. I. 401: quantum discriminis urbi. 

**) In Eutrop. I. 402 ff. De laud. Stilich. I. 277 ff. De consul. Stilich. 91 ff. 
*') Symmach. ep. VI. 4. Claudian de laud. Stil. 325 ff. 

Hoc quoque non parva fas est cum laude relinqui, 
Quod non ante fretis exercitus adstitit ultor 
Ordine quam prisco censeret bella senatus etc. 
De consul. Stilich. 86. 

.... bellaturoque togatus 
Imperat, exspectant aquilae decreta senatus. 
Cod. Theod. VH. 8,7: Gildo hostis publicus. 



I 



67 

bereits im Sommer hatte Honorius eine Verfügung**) erlassen, durch 
welche die Aushebung der Rekruten, sogar auch von den Kaiserlichen 
Privatgütem, angeordnet worden war; aufserdem hatte Stilicho Anfang des 
Winters allmählich die zur Überfahrt der Truppen bestimmten Schiffe 
angesammelt, während er zugleich die Bildung einer Reserveflotte 
für den Fall eines Unfalls der Expedition in Aussicht nahm.*') 
Erwägt man dazu, dafs die Bedrängnis Roms durch Hungersnot eine 
Transportflotte für das Getreide notwendig machte, so mufs man ohne 
Hinterhalt zugestehen, dafs Stilicho *s) in diesen Verhältnissen eine 
wunderbare Spannkraft, Erfindungsgabe und Umsicht in höchstem 
Mafse bewiesen hat. 

Das zur Überfahrt nach Africa bestimmte Heer war nur gering 
an Zahl ;**'*) es wurden marschbereit gemacht die in Germanien 
garnisonierende legio Augusta,^<^) die Sagittarii Nervii Gallicani,^!) 
die Honoriani Felices Gallicani,^^) eine legio comitatensis , die Invicti 
Seniores^^) (oder Juniores) und Leones iuniores (oder seniores) **), 
welche zu den auxilia palatina gehörten, femer die cohors prima 
Herculea Tingitaniae^*») und cohors prima Jovia. Es waren meist 
Gallier,^^') welche im ganzen wenig mehr als loooo Krieger ausmachen 
mochten.^'') An die Spitze derselben stellte sich gegen die Erwartung 



*^) Cod. Theod. VJI. 13, 12. 17 Juni 397 Mailand. 
") De laudib. Stilich. I. 364—368. Vgl. BeU. Gildon. 6. 
Necdum Cinyphias exercitus attigit oras, 
Jam domitus Gildo. 
**) Mit vollem Rechte preist ihn Claudian De laud. Stil. I. 300 ff. 
Dividis ingentes curas teque omnibns unum 
Obicis inveniens animo quae mente gerenda, 
Efficiens patranda manu u. s. w. 
*^) Claud. De laudib. Stil. I. 330 ff. 336. supecto Martis graviore paratu. 
Bell. Gild. 415 ff. Über die Truppenteile hat kürzlich O. Seeck eine eingehende 
Untersuchung angestellt im i. Heft 1884 der Forschungen zur deutschen Geschichte 
unter dem Titel: Über die Glaubwürdigkeit des Claudian in seiner Schilderung 
des Gild. Krieges, Vgl. auch Edm. Voigt Festschrift u. s. w. Bonn 1879. und 
Gibbon VIT. S. 207. 

50) Notit. Dign. ed. Boecking II. S. 81 und 27 ff. 

") S. 18, 19, 24, 26, 35, 37. 

6*) S. 27 und 36. 

") S. 25 und 37. 

") S. 18, 24, 33. Vgl. O. Seeck. Hermes IX. 232. 

**) s. 79. 

66) Bell. Gildon. 429 ff. 

6') O. Seeck a. a. O. berechnet die Truppen auf 8000 Mann, indem er die 
Legion zu 2000 und die Cohorte zu 500 annimmt. Doch ist schon cap. i. Anm. 
70 auf die Unsicherheit dieser Berechnung hingewiesen worden. 

5* 



68 

aller weder Honorius noch Stilicho selbst. Den ersteren bewog wahr- 
scheinlich mehr seine Jugend zurückzubleiben, als die Furcht, dafs, 
wie Claudian bezeichnend sagt, seine Anwesenheit den Nimbus, 
welcher die Kaiserliche Majestät umgebe, zerstören könnte,^^) Stilicho 
dagegen wollte gewifs für alle Fälle in Italien gegenwärtig bleiben, 
um jeder etwa von anderen Reichsgegenden her drohenden Gefahr 
persönlich die Spitze zu bieten. Auch wufste der tapfere und kluge 
Germane sicherlich, wie die Angelegenheiten standen, dafs die römischen 
Soldaten längst ihre Sache aufgegeben hatten, nachdem Ostrom seine 
Hand von Gildo zurückgezogen, und hatte gewifs selber durch Mascezels 
Vermittelung, der an den Hof in Mailand sich begeben hatte, bereits 
die geheimen Wege gefunden, um in Gildos Reihen Verrat und 
Zwietracht zu säen. Deshalb ernannte er den mit diesen Verhält- 
nissen vertrautesten, den Bruder Gildos selbst, zum Befehlshaber der 
römischen Truppen, welche sich in Etrurien sammelten und in Pisa^^) 
am Ende des Winters ^^) 397 einschifften. 

Die Flotte vermied Corsica, nahm auf der Insel Capraria (Capraja) 
eine Anzahl mönchischer Einsiedler an Bord, mit denen Mascezel nach 
der Behauptung eines geistlichen Zeitgenossen Tag und Nacht dem 
Beten und Psalmodieren oblagt'), um auf diese Weise den Himmels- 
herm für sich zu gewinnen und gewissen Sieg an seine Fahnen zu 
heften; sie hatte von widrigen Südwinden viel zu leiden, so dafs sie 
in zwei Abteilungen getrennt in den Häfen von Sulci (S. Antioco) und 
Olbia (n. o. von Terranova) ^2) auf Sardinien Schutz suchen mufste. 
Darauf vereinigten sich die Schiffe wieder im Hafen von Caralis 
(Cagliari) und warteten auf günstigen Westwind, der sich auch bald 
einstellte und sie schnell Africa, wahrscheinlich bei Carthago, er- 
reichen liefs. 

Gildo , dessen Hauptstütze neben den geringeren römischen 
Truppen die barbarischen Hülfsvölker der Nasamonen, Garamanten 
und Mazaken waren, zog sich unterdessen in die Nordafrika von West 
nach Ost durchziehenden schluchtenreichen Hochflächen des Atlas 
hart an den Rand des zur numidischen Wüste abfallenden Gebirges 



*8) Bell. Gild, 385 : minuit praesentia faraam. 

*•) Sievers S. 354 nimmt Genua als Hafen an, aber da Bell. Gild. 483 Pisa 
genannt wird und erst v. 504 die Flotte auf die hohe See fährt, ferner auch bei 
dieser Auffassung Ligurien rechts, Etrurien links liegen bleibt, so wird es richtiger 
sein Pisa anzunehmen. 

60) Bell. Gild. 490. De laud. Stilich. I. 282. 

6») Orosius VII. 36, 5. Der Curs der Flotte wird von Claud. Bell. Gild. 
V. 505 bis zu Ende beschrieben. 

62) Kiepert S. 476. 



I 



69 

zurück mit einem Heere von ungefähr 70000 Mann, eine gewaltige 
Macht gegenüber der siebenmal schwächeren römischen, wenn sie in 
sich einig war und von einem höheren Gedanken beseelt gewesen 
wäre.^3) So aber drohte allen für den Fall der Niederlage, sofern 
nicht die Flucht den Schuldigen dem Arme der Gerechtigkeit entzog, 
die gleiche Strafe für Landesverrat und Aufruhr, und diese Über- 
zeugung gewann immer mehr die Oberhand, je näher Mascezel mit 
seinen kampfesmutigen Galliern dem Lagerorte Gildos zwischen Thebeste 
(Tebessa) und Ammedera am Flusse Ardalio rückte. 

Mindestens ebenso sicher nun als die Erzählung, dafs, als 
Mascezel sich auf den Weg machte den Pafs eines vor ihm liegenden 
Thaies zu überschreiten, ihm der heilige Ambrosius in Trauer erschienen 
sei und mit seinem Stab auf diese Stelle weisend dreimal: Hier! gerufen 
habe, ist die Annahme, Mascezel habe die hierdurch ihm empfohlenen 
Ruhetage damit ausgefüllt, dafs er durch seine früheren Beziehungen 
mit den numidischen Häuptlingen und mit den römischen Soldaten 
im geheimen Unterhandlungen anknüpfte und durch Versprechungen, 
Geld und Drohungen eine ganze Anzahl ehemaliger Anhänger des 
Maurenfürsten auf seine Seite brachte. 

Jedenfalls fand, als Mascezel nach zweitägigen geistlichen Vor- 
bereitungen das Heer gegen die Scharen Gildos führte, eine eigent- 
liche Schlacht kaum statt ,ß*) denn sobald Mascezel den Fahnenträger 
der ersten Cohorte vergeblich zur Ergebung aufgefordert und am 
Arm verwundet hatte, so dafs das Feldzeichen zu Boden sank, da 
glaubten die übrigen Coh orten, die ersten hätten sich ergeben, und 
streckten ebenfalls die Waffen. Dieses Ereignis raubte den Numidem 
die letzte Lust zum Kampfe, schnell wandten sie ihre nur mit einer 
Rute als Zaum gelenkten Rosse zur Flucht, und in kurzer Zeit war 
die stolze Heeresmacht des verwegenen Usurpators auseinandergesprengt 
oder gefangen. Die schroffen Felsen des Atlas schützten die barbarischen 
Hülfsvölker vor einer Verfolgung der Römer, welche nur aus Fufsvolk 
bestandenes) xind den wenigen in Africa zu ihnen gestofsenen Reitern. Aber 



63) Die Hauptquelle für die Entscheidungsschlacht ist Orosius VII. 36. 
Über die Hülfstruppen des Gildo vgl. De laudib. Stilich. I. 250 — 264. 

ö^) Die Tendenz des Werkes des Orosius würde seinen Schlachtbericht 
unglaubwürdig machen, wenn nicht auch Claud. De laudib. StUich. 351 — 357 
damit übereinstimmte. Vgl. Pauli vita Ambros. c. 51. Dagegen sagt Zosim. V. II. 
fjtaxi]g xaQXBQäq ysvo/aevrjg. 

66) Die gallischen Truppen waren samt und sonders Fufssoldaten , aber 
es ist undenkbar, dafs Mascezel gegen den fast nur aus Reiterei bestehenden 
Feind nicht ebenfalls Cavallerie ins Feld geführt habe. 



I 



70 

Gildo, vielleicht in der Überzeugung, dafs er auch bei seinen Stammes- 
genossen nicht sicher sein, und dafs selbst in die Wüste das römische 
Gold seinen Weg finden werde, nahm die Meeresküste zum Ziel,^^) 
die er auch glücklich erreichte. Zwar gelang es ihm auf einem kleinen 
Fahrzeuge aufs Meer zu entkommen, doch von widrigen Winden und 
Verzweiflung ergriffen kehrte er aus freiem Antriebe ans Land zurück, 
wo ihn in Tabraca die Hand der Gerechtigkeit ereilte,*"') doch nicht 
auf Befehl seines Bruders, wie der Zeitgenosse Orosius ausdrücklich 

hinzufügt 

Die Nachricht vom Siege kam bald nach Rom,*®) wo inzwischen 
der vierzehnjährige Honorius die noch jüngere älteste Tochter des 
Stilicho und der Serena, Maria, unter grofsen Festlichkeiten eben heim- 
geführt hatte, und machte die Aussendung der Reserveflotte überflüssig. 
Die aufsergewöhnlichen Zustände, welche Gildos Schreckensherrschaft 
geschaffen hatte, wurden allmählich beseitigt, die Liegenschaften gingen 
wieder in die Hand der rech tmäfsigen Besitzer über, die von Gildos 
Pächtern*^) verweigerten Steuern wurden nachträglich eingefordert 
und der ganze Gildonische Besitzstand für die Zukunft einem besonderen 
hohen Verwaltungsbeamten unterstell t''^) Auch die von dem heid- 
nischen Usurpator arg mitgenommnen Kirchengüter wurden den 
Gemeinden wieder zurückgegeben und die gegen die katholische Kirche 
erlassenen Verordnungen aufgehoben. '^^) Andererseits traf die Anhänger 
und Parteigänger Gildos die Strafe der Hinrichtung und der Proscription, 
und zahlreiche Processe'^^^ wurden gegen sie geführt, die sich bei 
den fortgesetzten Denunciationen bis ins Jahr 408 hinzogen, in vielen 
Fällen aber auch auf Grund eines besonderen Kaiserlichen Befehls''^) 
gegen die falschen Ankläger niedergeschlagen wurden. Aber selbst 
Mascezel zog aus seinem Siege nicht die Vorteile, welche er erhoffen 



««) Orosius VII. 36, II. Claud. De laud. Stilich. 357 ff. 

^) Dafs er in Tabraca gerichtet wurde, berichtet Claud. a. a. O. v. 357 ff. 
in Eutrop. I. 410. Praefat. in Eutrop. II. 70 ff. Orosius; post aliquot dies strangu- 
lattts interiit. Ähnlich Idat. fast. Chron. von Rav. Marcell. com. : manu propria, 
obwohl er sonst dem Oros. gefolgt ist. Vgl. Zosim. V. 11. De laudib. Stilich. 362 
deutet mehr auf eine Hinrichtung; de consul. Stilich. 99 ff. und 107 ff. auf eine 
Mitwirkung des Volks bei der Hinrichtung. 

68) Bell. Gild. II— 12. De laudib. StUich. I. 3 ff. 

69) Cod. Theod. IX. 42, 16. 
To) Vir. 8, 7. 

'«) XVI. 2, 34. 399. 

'^^) De consul. Stilich. 105. Cod. Theod. IX. 40, 19. 408. IX. 42, 18. 

^^) 1 3. März 398 an Victorius proc. Africae IX. 39 , 3. Man kann mit 
Sievers S. 356 dies Gesetz auf den Gild. Aufstand beziehen, ohne mit der Chronologie 
des Krieges in Conflict zu geraten. 



7» 

durfte, nachdem er mit so geringem Kostenaufwand und Blutvergiefsen 
dem Westreich eine reiche Provinz wiedergewonnen hatte. War es die 
Eifersucht Stilichos '^*) oder, wie andere wollen, die Strafe für eine 
Verletzung des Asylrechtes der Kirche '^^), genug, er scheint bald in 
Ungnade gefallen und sein Leben verloren zu haben. 

Für das Verhältnis der beiden Reichshälften aber zu einander 
war der Aufstand des Gildo und seine unblutige Niederwerfung 
notwendig von bleibenden Folgen, denn wenn es auch schliefslich 
Stilichos Klugheit gelungen war, eine Einmischung des Orients in diese 
rein occidentalische Angelegenheit zurückzuhalten, so blieb doch das 
Schwanken des orientalischen Cabinets bei der Frage, welche Antwort 
dem Empörer zu erteilen sei, im Westen nicht unbemerkt und 
in stetiger Erinnerung, Andererseits wurde der schnelle Sieg 
für Honorius von neuem eine Veranlassung, eine wenig entgegen- 
konmiende Haltung gegen den Bruder einzunehmen, der die Bande 
des Blutes so wenig geachtet zu haben schien. ''ß) Auch Stilicho, der 
im geheimen mit den orientalischen Germanenführem, vor allem mit 
Gainas in Verbincftmg blieb, wird keine Veranlassung gehabt haben, 
der im Entstehen begriffenen Gährung gegen die oströmische Regierung 
und besonders gegen Eutrop, mit dem er nun völlig zerfallen war, 
entgegenzuarbeiten. Die Aufstände des Alarich und Gildo haben somit 
die Interessen beider Reiche, so lange Arcadius lebte, getrennt, und 
erst Theodosius 11. war es vorbehalten, für eine Reihe von Jahren die 
Gemeinsamkeit derselben wiederherzustellen. 



^*) Zosim. V. II. läfst ihn auf Befehl Stilicho*s aus Neid in den Po (?) 
gestofsen werden, so dafs er ertrinkt. 
76) Orosius VII. 36. fin. 

76) Für diese Bemerkung liefert der Hofdichter Claudian einen unbe- 
absichtigten Beweis, indem er im Bell. Gilden, über den Streit mit dem Orient 
sich recht zart ausdrückt und ganz besonders die Blutsverwandtschaft betont, 
vgl. V. 236 ff. 257 ff. 276 ff. 309. 314: 

Sed tantum permitte cadat. Nil poscimus ultra. 
Dagegen 399, als Eutrop nahe seinem Fall war, tritt die Feindschaft und das 
wahre Gefühl über das Verhalten des Arcadius schon deutlicher hervor. Vgl. in 
Eutrop. II. 396 ff. De laud. Stilich. I. 269 ff. und De consul. Stilich. 81 ff. : 

Jam non praetumidi supplex orientis ademptam 
Legati^ poscit libyam famulosve precatur, 
Dictu turpe, suos. 



72 



Fünftes Kapitel. 

Die Amtsverwaltung des Eutrop. — Seine Habgier und Überhebung. — Ämter- 
verkauf, Spione, falsche Ankläger. — Gesetz gegen das Asylrecht der Kirche 
und gegen Verschwörungen. — Beseitigung des Abundantius und Timasius. — 
Seine Gesellschaft. — Osius, Leo, Suburmachius. — Eutrop auf der Höhe seiner 
Macht als Consul und Patricius. — Johannes Chrysostomus wird Erzbischof von 
Constantinopel. — Seine Vorgeschichte; gesellschaftliche Stellung, Verhalten 
gegen den Clerus, die Heiden und Haeretiker. — Synesius v. Kyrene als Gesandter 

in Constantinopel. 

Man wird dem zeitgenössischen, wenn auch parteiischen Dichter, 
welcher in zwei Büchern^) uns das schätzbarste Material für die 
Characteristik und Herrschaft des Eutrop geliefert hat, gewifs ohne 
Bedenken das Eine glauben, dafs das allgemeine Gefühl des Abscheus 
vor diesem Manne besonders stark war, weil er, nicht Mann, nicht 
Weib 2), zur Allgewalt sich emporgeschwungen hatte. Diese über- 
mächtige, leitende Stellung aber konnte er sicherlich nur im Einver- 
ständnis mit der Kaiserin bekleiden, die ebenfalls im Gegensatz zu 
dem germanenfeindlichen Rufin zu ihrem Range gelangt war; doch 
verachtete die kühne Eudoxia, welche mehr als Arcadius selbst zum 
Herrscher geboren war, im Innersten ihres Herzens den unwürdigen 
Emporkömmling, wenn sie auch zunächst ihm gewogen zu scheinen 
für gut hielt. Nur so ist es erklärlich, wie es möglich war, dafs ein 
Mensch, der seiner ganzen Vergangenheit nach auf der niedrigsten 
gesellschaftlichen Stufe stand, der Lenker eines ganzen Reichs werden 
konnte. 

Auch gegen seine Amtsverwaltung werden die schwerwiegendsten 
Vorwürfe erhoben, doch wer sie näher betrachtet, wird finden, dafs 
sie denen, die einst Rufin gemacht wurden, fast aufs Haar gleichen, 
und wird nicht übersehen, dafs ein gleichzeitiger Schriftsteller 3) grund- 
sätzlich, wie früher Stilicho und Rufin, so nun auch Stilicho und den 
Eutrop als gleich geartete Wesen zusammenstellt, und dafs derselbe 
ausdrücklich hervorhebt,*) Eutrop habe so lange in gutem Rufe 
gestanden, als sein Stern im Steigen begriffen war. Man wird daher 
gut thun auch in Bezug auf die dem Eunuchen vorgeworfenen Vergehen 
vorsichtig zu sein und nie aus den Augen verlieren dürfen, dafs alles. 



■*) Claudian in Eutrop. I. und II. 

») z. B. I. v. 8 ff. 105 ff. 170 ff. II. 49 und a. a. O. I. 297 : 

quodcunque virorum 

Est decus, eunuchis scelus est. 
3) Eunap-Zosimus V. 12. Vgl. c. i. 
*) Eunap frgm. 75. 



73 

was an einem anderen Manne unangenehm berührte, bei ihm wegen 
seiner Entmannung noch ganz besonders auffiel. 

Wer wie Eutrop mit dem Schicksal hatte ringen müssen, 
der hatte vor allem die Macht des Geldes in dieser verworfenen 
Römerwelt schätzen gelernt, und daher kann es nicht wunderbar 
erscheinen, wenn der Eunuch eine ungemeine Freude daran empfand 
Schätze in seinem Palaste anzusammeln, 5) obwohl ihm nach seiner 
körperlichen Beschaffenheit Nachkommenschaft versagt war. Es ist 
eben diese Goldgier ein characteristisches Laster der sinkenden Römer- 
welt, welche sich im byzantinischen Reiche forterbte, und scheint in der 
Luft dieser letzten Jahrhunderte gelegen zu haben, da die Zeitgenossen 
von einem hochgestellten Mann nichts Rühmlicheres hervorzuheben 
wissen, als wenn sie ihn von jener Sucht freisprechen.**) So war es 
das erste nach Rufins Fall gewesen, der ebenfalls unermefsliche Reich- 
tümer erworben hatte, dafs sich Eutrop in den Besitz des gröfsten 
Teiles derselben setzte ;'') aber aufserdem gab es im Ostreich gewöhn- 
liche und ungewöhnliche Quellen genug, aus denen dem Eunuchen 
noch mehr zufliefsen mufste. 

Einmal zwang seine vertraute Stellung beim Kaiser, der doch 
schliefslich die Entscheidung zu geben hatte, alle diejenigen, welche 
etwas am Hofe für sich oder ihre Gemeinden durchsetzen wollten, 
mit freigebiger Hand sich die Gunst des Oberkämmerers zu erwerben; 
eine besonders reichlich fliefsende Quelle sodann bot der Ämterverkauf ^) 
dar, der leider eine bleibende Pestbeule des Reiches war, so dafs die 
Vorwürfe in dieser Beziehung gar nicht aufhören, und der nicht am 
wenigsten mit zur Aussaugung der Provinzen und den Leiden der 
unglücklichen Dekurionen beigetragen hat : , JDa lenkte der eine Asien, 
das er für sein Landhaus erstanden, der andere gab die Ehre seiner 
Gattin für die Statthalterschaft Syriens dahin, dieser erkaufte Bithynien 
für sein väterliches Haus, und an der Thür des Vorzimmers des 
Eunuchen waren die erledigten Provinzen mit Preisangabe verzeichnet 
des Inhalts, dafs Galatien für soviel, der Pontus für so viel feil sei, 
dafs Lycien und Lydien für soviel Tausende zu haben seien, und wollte 
einer Phrygien haben, er noch ein wenig zulegen müfste." So schildert 



*) Zosim. V. 12. Claudian I. 190 ff. 

ö) So Zosim. die Heiden Modar, Bauto, Arbogast IV. 33, 53, 54, 55; den 
Fravitta V. 20 ; den Generidus V. 46. Vgl. G. S. 9 und 1 1 dazu. / 

7) Zosim. V. 8. 

*) Eunap frgm. 66 und Suidas v. EvxQomoq. Joh. Ant. frgm. 189. 
Claudian I. 198 ff. 



74 

der Dichter^) das schamlose Treiben, und wenn es auch übertrieben 
sein mag, so ist es desto anschaulicher. 

Aber der gemeine Sinn des aus der Hefe des Volks hervor- 
gegangenen Günstlings schreckte auch vor unehrenhafteren Mitteln des 
Gelderwerbs nicht zurück, denn überall hatte er seine Spione,i*^) welche 
ihm berichteten, was in jeder Provinz vorging und in welcher Lage 
sich der Einzelne befand, und unbekümmert um die Bande des Blutes 
brachte er durch falsche Ankläger Hafs und Zwietracht in die glück- 
lichsten Familien, ^1) um nur seiner Habsucht zu fröhnen. Dafs er sich 
dadurch im geheimen zahlreiche Feinde machte, wufste er selbst genau 
und um diesen auch die letzte Rettung vor seiner allgewaltigen Hand 
zu nehmen, hob er auf oder beschränkte er das Asylrecht der Kirche, ^^j 
doch, wie sein Ende lehrt, nur zu seinem eigenen Verderben. 

Nicht minder grausam femer ist das gegen Verschwörer und 
Verschwörungen in Ancyra 397 auf seine Veranlassung von Arcadius 
erlassene Gesetz ^3), welches von der Furcht des Eunuchen vor 
einer etwaigen Rache und von der Bosheit und Niedrigkeit seiner 
Seele den deutlichsten Beweis ablegt: „Wer, heifst es darin, mit 
Soldaten oder Privaten, auch Barbaren eine Verschwörung ange- 
stiftet hat oder Teilnehmer gewesen ist, den Mord von Räten oder 
Senatoren^*), endlich überhaupt eines kaiserlichen Dieners geplant 
hat,^5) soll selbst, der Majestätsverletzung schuldig, mit dem Schwerte 
hingerichtet werden und seine Güter dem Fiscus zufallen. Den Söhnen 
läfst eine besondere Milde zwar das Leben, aber sie sollen weder von 
der Mutter, Grofsmutter noch sonstigen Verwandten und Bekannten 
erben, sondern elend und mit Infamie behaftet durchs Leben gehen 
und zu keinen Ehren und Ämtern gelangen, so dafs ihnen der Tod 



ö) V. 199 — 205. 

10) Zosim. V. 10. 

^•) V. 12. Eunap a. a. O. und frgra. 67. Claudian L 188. Vgl. Eunap 
frgm. 69 und 75. 

*2) Socr. VL 5. Sozom. VIII. 7. Neander Joh. Chrys. II. S. 58. Job. 
Chrysost. opera ed. Montfaucon. Editio altera 1835. III. S. 381 ff. o/niXia siq 
EvtQoniov c. 3: aTterelxtcfS <priai trjv ivzavB'a xara^vyrjv yQafifiaai xal 
voßOiQ ÖLa^OQOig. Zu ihnen mag das Cod. Theod. IX. 45, 3 erhaltene G-esetz 
auch gehört haben, doch mufs Eutrop aufser diesem, welches durchaus keine 
harte Bestimmung enthält, noch andere gegeben haben, auf Grund deren er z. B. 
die Pentadia, des Timasius Gattin, dem Asyl entrifs. Vgl. Tillem. note 8 sur 

(3) Cod. Theod. IX. 14, 3. Vgl. Gibbon VIH. S. 20 ff. 
**)... nam et ipsi pars corporis nostri sunt. 

^^) . . . eadem enim severitate voluntatem sceleris qua effectum puniri 
iure voluerunt. 



75 

eine Erlösung, das Leben eine Strafe sei. Die Töchter allerdings 
werden wegen der Schwäche ihres Geschlechts weniger hart bedroht, 
ihnen soll vom mütterlichen Vermögen die Falcidia (d. h. '/4 als 
Pflichtteil) zufallen, aber mehr zum dürftigen Unterhalt denn als Erb- 
schaft; uiid damit nicht die Strenge des Gesetzes umgangen werde, 
sollen die Scheinabtretungen der Väter an die Kinder keine Gültig- 
keit haben und ebenso wenig eine Mitgift und Schenkung der Männer 
an die Frauen von dem Augenblick an, wo sie Teilnehmer der Ver- 
schwörung geworden sind. Und was von den Söhnen, das gilt 
auch von den Dienern und Helfershelfern und deren Kindern. Wer 
aber im Beginn der Verschwörung von rühmlichem Eifer getrieben 
zum Verräter wird, der soll eine Belohnung und Auszeichnung erhalten 
und auch der, welcher erst später die Geheimnisse der Verbindung 
verrät, soll wenigstens der Verzeihung teilhaftig werden." 

An dieser berüchtigten Verfügung ist einmal die Strenge auf- 
fallig, mit welcher nicht nur der Verschwörer selbst, sondern auch 
seine Frau, Kinder und Angehörige gestraft werden, sodann das ver- 
fängliche Princip, dafs die That und die böse Absicht auf gleichem 
Fufse behandelt und geahndet werden, und endlich die Verheifsung 
hohen Lohnes für die Verräterei; ein Symptom, welches, wenn wir an 
die heutigen irischen Verhältnisse denken, ein weitverzweigtes Netz 
von Verschwörungen gegen die Staatsverfassung, das Oberhaupt des- 
selben und alle Besitzenden zur Voraussetzung hat; aber von einer 
so verzweifelten socialen Lage ist uns nichts weiter bekannt, sondern 
das Gesetz kann nur aus der unbestimmten Furcht des Eunuchen 
hervorgegangen sein, man möchte ihm nach dem Leben trachten. 
Auch rief dasselbe eine solche Menge falscher Denunciationen von 
Sclaven gegen ihre Herren hervor, ^ö) dafs Arcadius wenige Wochen 
später diesem Unfug einen Damm entgegensetzen mufste und bestimmte, 
wer von den Hausgenossen den Hausherrn anklage, um seinen Ruf, 
Kopf oder sein Vermögen zu treffen, der solle, während er seine De- 
nunciationen noch zu Protokoll gebe, vom rächenden Schwerte ereilt 
werden. 

Je sicherer sich der Eunuch im Sattel fühlte, desto weniger 
bescheiden trat er gegen die Männer auf, welche durch ihre Verdienste 
im Heer und in der Verwaltung zu den höchsten Ehrenstellen gelangt 
waren und denen es schwer wurde, einen so unwürdigen Günstling der 
Fürstenlaune durch Schmeichelei zu gewinnen; und grade derjenige, 
welcher ihn an den Hof gebracht hatte, der magister militum Abundantius, 



") 8. Nov. 397. IX. 6, 3. 



76 

mufste die Tücke seines nun zu höchster Macht emporgestiegenen Werk- 
zeuges zuerst fühlen. Denn Eutrop, den der schon seit Gratians Zeiten 
ruhmgekrönte Feldherr und Consular^'^) vielleicht immer noch mehr mit 
den Augen des ehemaligen Gebieters ansah, von Hafs und Habsucht 
getrieben bewog den willenlosen Kaiser, da schwere Vergehen dem 
Abundantius nicht vorzuwerfen waren, ihn vom Hofe nach Sidon^®) 
zu verbannen, wo der hochverdiente Mann unrühmlich sein Leben 
beschlofs. 

Hielt in diesem Falle vielleicht noch ein Rest von Scham den 
Eutrop zurück eine verschärfte Verbannung eintreten zu lassen, so 
sehen wir ihn gegen einen anderen nicht minder bekannten und 
hochgestellten Mann, den Timasius, mit aller List seines verschlagenen 
Sinnes vorgehen. Timasius, vielleicht mit der Familie der Aelia 
Flaccilla noch verwandt,^®) war ein Römer und schon seit des Valens 
Zeiten mit hohen Armeeämtem betraut gewesen, 20) auf dem Zuge 
gegen den Tyrannen Maximus befehligte er die Infanterie, bekleidete 
389 mit Promo t zusammen das Consulat, erscheint 394 als erster 
Feldherr des römischen Heeres neben Theodosius und war nach 
Beendigung des Krieges magister militum per orientem geworden. Er 
war ein stolzer, hochgemuter und kriegserfahrener Mann, dem als 
höchstes Ziel Ehre, Ruhm und Reichtum vorschwebten und der gern 
Veniger nach Befehl anderer als nach seinem eigenen Bedünken 
handelte. Damals war er nun mit einem Syrier Bargos^^) aus Laodicaea, 
welcher früher Knackwürste auf dem Markte feilgehalten hatte und 
wegen einiger Vergehen nach Sardes geflohen war, bekannt geworden 
und hatte sich durch das einschmeichelnde Wesen des Flüchtlings so 
einnehmen lassen, dafs er ihm nicht nur die Stelle eines Cohorten- 
führers anvertraute, sondern ihn auch, als er durch Eutrop an den 
kaiserlichen Hof befohlen wurde, mit nach Constantinopel nahm. 
Hier aber erfuhr Eutrop bald durch die Behörden, dafs dem Bargos 
schon von früher her der Aufenthalt in der Hauptstadt wegen ver- 
schiedener Vorkommnisse untersagt war, und so fand er leicht in diesem 



") Zosim. V. 9. Clandian I. 167. Consul 393; mag. utr. milit. Cod. Th. 
VII. 4, 18; VII. 9, 3. V. 13, 33. 

**) So berichtet Zosim. a. a. O. Hieronymus dagegen ep. 60, 16 ad 
Heliodorum und Asterius in fast. Kai. p. 60. nennen Pithyus, weshalb Tillem. 
eine doppelte Verbannung annimmt. 

*ö) O. Seeck. Q. Aurelii Symmachi quae supersunt 1883. p. CXXXVII. 

20) Suidas v. Ti/ndoiog. Zosim. IV. 45, 49, 51, 57. Eunap frgm. 70. 71. 72. 
Joh. Ant. frgm. 187. Sozom. VIII. 7. Philost. IX. 8. Ambrosius ep. 41. Symmach. 
ep. in. 70—73. Prosp. Aquit. 389. Vgl. G. S. 198 ff. 

2') Zosim. V. 9. Eunap trgm. 70. 



77 

treulosen und undankbaren Menschen ein treffliches Werkzeug für 
seine verleumderischen Absichten gegen Timasius, welcher von Bargos 
bald darauf auf Grund gefälschter Schriftstücke des Strebens nach 
der Tyrannis beschuldigt wurde. 

Wegen des aufserordentlichen Falles wurde ein aüfserge- 
wöhnlicher Gerichtshof von Arcadius eingesetzt, dessen Urteil, da 
der Kaiser selbst präsidierte, Eutrop in der Hand hatte; doch bewog 
der allgemeine Unwille darüber, dafs ein ehemaliger Wursthändler 
einen so hochgestellten Mann anklage, den Kaiser die Sitzung zu 
verlassen und den Vorsitz an Satuminus und Procopius zu übertragen, 
von denen der erstere ein alter Diener des kaiserlichen Hauses — er hatte 
382 die letzten Gothenhaufen nach Athanarichs Übertritt besiegt und 
deswegen ^S^ die Consulwürde bekleidet 22) — und gewohnt war, 
in seinen Urteilen auf die Meinung der dem Kaiser zunächststehen- 
den zu hören; Procopius dagegen war ein Verwandter des Valens 2*) 
und schien, von heftigem und nicht leicht zu leitendem Charäcter, in 
manchen Dingen mit Freimut die Wahrheit zu bekennen, diesmal aber 
schlofs er sich dem Saturninus an, welcher auf die Verbannung des 
Timasius nach der grofsen Oase drang. 

In der That wurde dieses Urteil über einen der höchsten 
militärischen Würdenträger des Ostreichs ausgesprochen, welches einer 
Hinrichtung gleich kam, denn einmal war der Weg zur Oase durch 
die libysche Wüste von Natur und durch Räuber äufserst gefährdet, 
andererseits mufste ein Leben auf diesem kleinen Stückchen Erde 
zusammen mit vielen anderen Verbannten und bewacht von der hierher 
gelegten römischen Garnison ^4) für Männer, die hoch oben nahe dem 
Thron gestanden hatten, mehr ein langsames nnd qualvolles Absterben 
bedeuten. Ist nun Timasius wirklich hierher gebracht worden oder 
ist er dem Durst unterwegs erlegen oder hat ihn sein Sohn Syagrius 
durch einen Überfall befreit, jedenfalls erscholl niemals wieder eine 
Kunde von ihm.^^) Selbst seine Gattin war vor den Nachstellungen 
des Eunuchen nicht sicher geblieben, sondern wurde von ihm auf 
Grund des erwähnten Gesetzes aus dem Asyl, in das sie geflüchtet 
war, herausgerissen, doch liefs er sie, durch die Fürsprache des Erz- 
bischofs bewogen, ihr weiteres Leben unbehelligt als Diaconissin ver- 
bringen. 



^2) Vgl. Themistii oratio XVI., welche zu Ehren seines Consulates gehalten 
worden ist. G. S. 80. Richter das weström. Reich u. s. w. S. 515. 

23) Zosim. V. 9. OvaXevtog xrjSsat^g, Vgl. dazu Sievers S. 351. 

2*) Not. Dign. cap. XXVin. S. 326 ff. Olymp, frgm. 33. Kiepert S. 204. 

25) Hieronym. ep. 60, 16. Aster, p. 59. Sozom. VIII. 7. Zosim. a. a. O. 



78 

Aber auch sein unwürdiger Ankläger erntete bald die Strafe für 
seine Treulosigkeit, denn Eutrop, der wohl eine ähnliche Undankbar- 
keit des nichts scheuenden Mannes gegen sich befürchtete, belohnte 
ihn zwar mit einem höheren Kommando, welches ihn nötigte Con- 
stantinopel zu verlassen, überredete aber zugleich seine ihm abgeneigte 
Frau, beim Kaiser eine Schrift voll der schwersten Beschuldigungen 
gegen ihren Mann einzureichen, auf Grund deren Eutrop den Bargos 
alsbald verhaften 2«) und nach seiner Überführung hinrichten liefs. — 
Fielen aber so die mächtigsten und berühmtesten Männer des Reichs der 
Herrschsucht und Habsucht des Eunuchen zum Opfer, wie viele 
weniger bedeutende Beamten und Officiere erst mögen in die Ver- 
bannung oder den Tod geschickt wordem sein!'-^'') 

Auf solchem vielfach blutigen Wege erreichte der Oberkänamerer 
Eutrop eine Ehrenstelle nach der anderen, und sein Beispiel hatte 
eine so verhängnisvolle Wirkung, dafs die Zahl der Verschnittenen 
unverhältnismäfsig zunahm und „viele, die bereits einen Bart trugen, 
mit ihrer Männlichkeit auch das Leben einbüfsten." 28) Zwar reihte 
die Würde des Praepositus sacri palatii den Eunuchen an sich schon 
unter die Zahl der höchsten Würdenträger, aber das genügte ihm 
nicht; er konnte es nicht ertragen, dafs über ihm noch die Praefecti 
praetorio und magistri militum standen, deshalb setzte er, da er die 
einflufsreiche Stelle des Oberkämmerers um keinen Preis aufgeben 
mochte, es beim Kaiser durch, dafs er im Range wenigstens jenen 
gleichgestellt wurde.^^) Daher erklärt es sich, dafs uns von seiner 
Richterthätigkeit berichtet 3^) wird, indem er nämlich von Arcadius 
wahrscheinlich zum Beisitzer und später als Consul zum Vorsitzenden 
einer aufserordentlichen Commission eingesetzt wurde, welcher alle 
Rechtssachen, die an den Kaiser gebracht wurden, und die Cognition 
über Majestätsverbrechen hochgestellter Personen zugewiesen zu werden 
pflegten. Aber wirklicher praefectus praetorio ist Eutrop nie gewesen, 
denn dagegen spricht, dafs als solcher 396 Caesarius und Eutychian, 

397 dieselben und aufserdem Anatolius als Prf. pr. per Illyricum, 

398 ganz eben dieselben und 399 Aurelian, Eutychian und Anatolius 



**) Zosim. y. IG. Eunap frgm. 71. n 

87) Claudian I. 177—186. 

88) Suidas V. EvxQomoq. 

8ö) Denn bis 422 stand der praepositus s. c. den Praefecten im Range nach. 
Cod. Theod. VI. 8, i. 

30) Gibbon VIII. S. 8 und 9 geht um die Erklärung herum. Claudian nennt 
den Eutrop iudex. I. 230 ff. 286 und 297. Vgl. Walter I. S. 441. 



79 

officiell überliefert sind; 3^) mithin ist für eine Praefectur des Eutrop 
in diesen Jahren kein Raum vorhanden und ebenso wenig wird er 
ein bestimmtes militärisches Kommando gehabt haben. 

Zwar deutet Claudian^i) an, dafs er zum Hohn des ganzen 
Soldatenstandes Waflfen getragen hate, aus Gefechten mit zweifelhaftem 
Ausgang prunkvoll als Sieger heimgekehrt sei umgeben von Fufsvolk 
und Reiterei, während die Clienten ihm glückwünschend aus den 
Thoren entgegenkamen, aber diese Nachricht bezieht sich entweder 
auf die Zeit, wo Eutrop mehrfach als Gesandter mit den Gothen nach 
Rufins Fall zu verhandeln hatte, oder man erklärt sie aus analogen 
Verhältnissen der Jetztzeit dahin, dafs Eutrop, um nicht in äufserem 
Glänze hinter den Generalen zurückzustehen, sich vom Kaiser die 
Würde eines dux und magister militum verleihen liefs. 

Jedenfalls hat Eutrop das Amt des praepositus sacri cubiculi nie 
aufgegeben, da seine ganze Macht einzig und allein auf den ihm 
durch dieses Amt gebotenen nahen Beziehungen zum Kaiser beruhte; 
auch würde sein Absetzungsdekret ^3) von jenen Stellungen, wenn sie 
wirklich amtliche gewesen wären, Notiz genommen haben; es sagt 
vielmehr nur von ihm: „der einst Oberkämmerer gewesen ist" (qui 
quondam praepositus sacri cubiculi fuit), wogegen diese Würden sehr 
wohl in dem Passus : Patriciatus enim dignitate atque omnibus inferioribus 
spoliatum se esse cognoscat, eben weil die Patricierwürde auch kein 
Amt war, eingeschlossen sein können. Am meisten erregte aber die 
Bürger des ganzen Reichs, nicht nur des oströmischen, sondern auch 
des westlichen die schmachvolle Ernennung des Eutrop zum Consul 
des Jahres 399, welche man vielfach nicht glauben wollte, weil man 
meinte „eher könne eine Schildkröte fliegen und trage der Geier 
Homer", als dafs ein Eunuch dem Jahre den Namen geben könne. 

Denn obwohl die Consulwürde blofs äufsere Ehre und Lasten 
brachte und nur ein Schatten ihrer einstigen Bedeutung war, so galt 
sie doch als die erstrebenswerteste Auszeichnung ,3*) welche einem 
Unterthan zu teil werden konnte , und wir hören den Claudian nicht 
sowohl über die Verleihung der noch höheren Würde eines Patricius 
an Eutrop klagen als über die des Consulats,^^) zumal dieses die 
einzige Bezeichnung war, welche die Kaiser neben ihrem Imperatoren- 
titel gemeinsam mit den übrigen Sterblichen anzunehmen geruhten; 



3^) Seiaes chron. const. cod. Theod. Vgl. Tillem. note ii und 13. 

32) In Eutrop. I. 236 ff.— 286. 297. 

33) Cod. Theod. IX. 40, 17. 

34) Themist. oratio XVI. ßsyiaxrj 6h zdtv av^Qwnwv Tifiwv vndreia. 
3*) In Eutrop. I. 296. Nusquam spado consul in urbe. 



8o 

und nicht nur der andere Consul im Westen, Theodonis, desselben 
Jahres, nein alle vorangehenden schienen durch diesen unwürdigen 
Collegen geschändet zu sein. 

In Constantinopel freilich wagte niemand aus Furcht vor dem 
Allgewaltigen von dieser Schmach* des römischen Namens zu reden, 
vielmehr beeiferten sich alle 3*) Senatoren, Offiziere, Beamten und das 
Volk dem mit den Abzeichen seiner neuen Würde bekleideten Ver- 
schnittenen ihre Glückwünsche und Huldigungen darzubringen; sie 
alle machten ihm den Hof, neigten sich tief vor ihm oder fielen nach 
orientalischer Sitte ihm zu Füfsen, haschten nach seinem ELändednick, 
küfsten die häfslichen Runzeln und hiefsen ihn schmeichelnd „Beschützer 
der Gesetze" und „Vater des Fürsten". Ja, viele Denkmäler wurden 
ihm in Dorf und Stadt, von Gemeinden und Privatleuten*'') gesetzt, 
von denen die einen ihn als Richter, die anderen als Bürger, oder 
gar in Uniform darstellten ^8), und auch der gefügige Senat stellte 
sein Bildnis in der Curie auf. Selbst Wege wurden mit seinen Bild- 
säulen geschmückt und diese mit Inschriften versehen des Inhalts wie 
z. B. „Edlen Geschlechts" oder „Zahlreiche Schlachten hat er allein 
geschlagen" oder „Der dritte Gründer der Stadt".*^) Selten sah Con- 
stantinopel solche Festlichkeiten, wie sie der Eunuch aus seinen un- 
ermefslichen Reichtümern bei dieser Gelegenheit dem Volke gab; er 
feierte Gelage, streute Geld unter die Menge, um den Beifall sich zu 
erkaufen und viele Tage veranstaltete er verschwenderische Spiele 
im Hippodrom. 

Bei einer solchen Machtstellung, wie sie Eutrop einnahm, ist es 
natürlich, dafs er um sich einen entsprechenden Anhang geschart 
hatte, welcher von dem Höchsten bis zum Niedrigsten sich in den 
demütigsten Schmeicheleien gegen ihn erschöpfte; überall hatte er 
seine bezahlten Freunde an der Hand, welche sein Lob auf allen 
Gassen sangen und jeden nicht zu ihrer Sippe gehörenden übermütig 
behandelten ^^), die aber, sobald sie merkten, dafs die Sonne der Gunst 
ihren Zenithstand über dem Eunuchen verlassen habe, wie die Spreu 
vor dem Winde zerstoben und nichts mehr von ihm wissen wollten. 
Wie sollten sie auch anders diese sogenannten Freunde! knüpfte sie 
doch an den Günstling nicht etwa der Adel seiner Seele und die 



3«) In Eutrop. II. 63—70. 

37) Cod. Theod. IX. 40, 17: Omnes statuas, omnia simulacra ... ab omnibus 
civitatibus oppidis locisque privatis ac publicis praecipimus ahol«ri. 
3») In Eutrop. II. 70—75. 
39J V. 76—87. 
^0) joh. Chrysost. Homilia sig EvtQ. p. 381. 01 aoßovvtSQ inl XTJg dyoQccg. 



8i 

Achtung und Ehrfurcht vor seinen Talenten, sondern nur der krasseste 
Eigennutz und die gemeinste Gewinnsucht, die sogar auf Befehl des 
Eunuchen vor dem Verbrechen nicht zurückschreckten, ,3s sind das, 
sagt ein Zeitgenosse 4^), schamlose Jünglinge und schlüpfrige Greise, 
die sich im Essen und in der verschiedenartigen Herrichtung fein- 
schmeckender Speisen einen ausgezeichneten Ruhm erwerben, die den 
Bauch einladen durch den Preis und dem Gaumen die besternten 
Vögel der Juno und den sprachkundigen Papagei aus dem farben- 
reichen Indien übergeben ; deren tiefen Schlund nicht das aegaeische 
Meer, nicht die Propontis, nicht der Maeotische See mit weitherge- 
holten Fischen ausfüllen können. Ihr Eifer geht auf schmuckvolle 
Gewandung, das höchste Lob erringt, wer durch faden Witz ihr 
Lachen erregt; ihre Eleganz ist nicht mehr männlich, die Haare sind 
zierlich geschniegelt und die schweren Seidengewänder müssen ihnen 
lästig sein. Klopft der Hunne, der Sarmate an die Pforten — was 
thuts? sie denken nur an die Rennbahn, gewohnt Rom zu verachten 
und ihre Häuser zu bewundem, die der Bosporus bespült, sie, die 
Meister im Tanz und kundigen Wagenlenker ; sie vergessen der Sorgen 
und lassen Krieg Krieg sein, fangen an ihre gewöhnlichen Späfse zu 
treiben und um den Cirkus sich zu streiten. Ein grofser Wortkampf 
entsteht ganz zwecklos über die Frage, welcher Knabe besser die 
Glieder mit sanfter Wendung überschlagen läfst, wer den Marmor- 
boden beim Kopfgehen mit den Haaren streift, wer am geschmeidigsten 
die Gliedmafsen drehen kann, wer der Stimme die Finger, den Be- 
wegungen die Augen anpassen kann. 

Ein Teil der Führer ist aus dem niedrigen Volke, ein anderer 
zeigt an den Knöcheln die Spuren der Fufsfessel, und die Schien- 
beine sind bläulich vom schwarzen Eisen ; diese sprechen das Recht, 
obwohl sich die gezeichnete Stirn durch ihren Titel verrät Aber 
den höchsten Rang nimmt Eutrop ein, während Osius den zweiten. 
Süfser ist dieser fürwahr als alle und schlau das Recht *2) zu ver- 
drehen und glühend schmort er alles im Dampf, doch den entzündeten 
Zorn versteht er gut zu schüren. Da sitzen sie, die beiden Spitzen 
des Ostreichs, dieser ein Koch, jener einer Kuppler voll Striemen, 



*^ Dieses Citat ist entnommen aus Claudian in Eutrop. II. 325 — 365 mit 
einer leichten Umstellung der Verse 357 — 365. Vgl. Synesius tcsqI TtQOVolag 
ed. Krabinger. I. cap. 3, 13 und 14. 

*^ Diese Stelle bezieht sich wahrscheinlich auf die Verfügung Cod. Theod. 
X. 22, 4, welche an Osius gerichtet ist und anordnet, dafs die Arbeiter in den 
Staatsfabriken (fabricenses) ähnlich den tirones durch eine nota kenntlich gemacht 
werden sollen. Vgl. dazu Gothofr. Comment. 

6 



82 

durch den Knechtesdienst, nicht an Klugheit sich gleichend; dieser 
oft verkauft, der andere als Sclave aufgewachsen im heimatlichen 
Spanien." So weit Claudian. 

Sonstige zuverlässige Quellen belehren uns, dafs Osius zuerst 
395 Comes Sacrarum Largitionum (Finanzminister) war, in demselben 
Jahre zum Magister officiorum (Reichskanzler) befordert wurde und 
diese Würde noch im Jahre 398 bekleidete*^); der Dichter hat 
also durchaus recht ihn in zweiter Stelle neben Eutrop zu nennen. 
Aufserdem gehörte noch zu den Spitzen der Eutropischen Partei der 
ehemalige Wollarbeiter Leo**), jetzt der Ajax und Vorkämpfer des 
Eunuchen, ein kleiner, corpulenter, trunkliebender Prahlhans, sonst 
aber gutmütig und ein ganz besonderer Verehrer von Damen, deren 
er in seinem Feldlager, wie Eunap mit Übertreibung sagt, mehr als 
Soldaten hatte, und der Befehlshaber der kaiserlichen Leibwache 
Suburmachius**), ein Kolchier aus königlichem Geschlecht, dem 
Eutrop sehr ergeben, aber ebenso wie Leo unmäfsig im Trinken. 

Diese Gesellschaft, in welcher Eutrop die Hauptrolle spielte, war 
damals in Constantinopel die tonangebende und würde, hätte sie noch 
lange am Staatsruder gestanden, den ohnehin schon verderbten und 
durch die freiwilligen Getreidespenden und die öffentlichen Circus- 
spiele angekränkelten Sinn der Bevölkerung der Hauptstadt noch 
mehr entnervt haben; denn qualis rex, talis grex gilt nicht nur 
vom Herrscher selbst, sondern auch von allen denen, auf die die 
grofse Menge als auf ihre Vorbilder zu blicken gewohnt ist Da war 
es nun gewifs eine nicht zufallige Schickung des Himmels, dafs gerade 
damals ein Mann reinsten , edelsten Charakters und der innigsten 
Hingabe an seinen Beruf zur Leitung des Patriarchats von Constantinopel 
gerufen worden war, Johannes Chrysostomus (Goldmund)*«), der, 
wie sein Name andeutet, durch den Adel des aus seinem Herzen und 
Munde quellenden Worts die verirrten Gemüter von dem eitlen Schein 
des irdischen Getriebes zu dem Baume des wahren Lebens zurück- 
zuführen fort und fort bemüht war. 



*3) Vgl. Haenel Series chronol. constit. Cod. Theod. 

**) Claudian in Eutrop. n. 376 ff. 386 und 559. Zosim. V. 14. Eunap frgm.76. 

**) Eunap. frgm. 77. 

*^) Diese Darstellung stützt sich neben der Benutzung der Quelkn selbst 
auf Neander Der heil. Johannes Chrysostomus und die Kirche, be- 
sonders des Orients, in dessen Zeitalter. Berlin 1821. und auf seine 
späteren Bemerkungen in den entsprechenden Abschnitten der Allgemeinen Ge- 
schichte der christlichen Religion und Kirche. Vgl. dazu Böhringer die Kirche 
Christi und ihre Zeugen I. S. i — 160. — Palladii dialogus de vita S. Johannis 
Chrysostomi XIII. B. der opera ed. Montfaucon. 



83 

Geboren zu Antiochia wahrscheinlich 347 von vornehmen Eltern 
— sein Vater Secündus hatte ein hohes Amt im Officium des magister 
militum per Orientem bekleidet, und seine Mutter Anthusa war aus 
angesehenem und begütertem Geschlecht*') — schien ihm eine nicht 
gewöhnliche weltliche Laufbahn sicher, zu der ihn die früh verwitwete 
Mutter, obwohl eine eifrige und bibelkundige Christin, durch einen 
Lehrcursus bei dem berühmten heidnischen Sophisten Libanius und 
dem Philosophen Andragathius fähig zu machen trachtete.*^) Deshalb 
trat Johannes auch nach Vollendung seiner Ausbildung zunächst in 
die Kammer der Anwälte seiner Vaterstadt ein, doch ohne in diesem 
Berufe rechte Befriedigung zu empfinden, er wandte sich vielmehr 
bald auf Anregung seines Freundes Basilius dem Studium der heiligen 
Schrift zu unter der Leitung des damaligen Bischofs Meletius, welcher 
ihn drei Jahre später taufte und zum Vorleser (anagnost) weihte, um 
ihn dem practischen Ejrchendienst zu erhalten. Indes ergriff ihn, 
nachdem er mehrere Jahre *ö) sich diesem Amte mit aller Treue 
gewidmet hatte, wahrscheinlich nach dem Tode der Mutter die Sehn- 
sucht nach der Einsamkeit und frommen Betrachtungen, und er trat 
in das Kloster der Abte Diodor und Carterius ein, hochgebildeter 
Geistlichen, denen Johannes bei seinen fortgesetzten biblischen Studien 
wesentliche Förderung verdankte und von denen er zusammen mit 
Theodor, dem späteren Bischof von Mopsuesta in Cilicien, die Ab- 
neigimg gegen spielendes Allegorisieren und Verdrehen des einfachen, 
biblischen Sinnes sich aneignete. 

Im Jahre 380 kehrte er, weil seine Gesundheit durch die fort- 
gesetzten ascetischen Übungen gelitten hatte ^^), aus den einsamen 
Mauern seines Klosters nach Antiochien zurück und wurde von Meletius 
sogleich zum Diacon ernannt; diese Stellung bekleidete er fünf Jahre 
und wurde dann von Flavian, dem Nachfolger des Meletius, mit dem 
wirksameren Amte eines Presbjrters betraut, in dem er als Gehülfe 
des Bischofs für die öffentliche Predigt zu sorgen imd die Verwaltung 
der Sakramente imter sich hatte. Damals nun begann der Ruf seiner 
bewunderungswürdigen Beredtsamkeit sich immer weiter zu verbreiten 
und besonders gab ihm der antiochenische Aufstand 387 Gelegen- 
heit, dieses Talent zur Beruhigung der geängstigten Bevölkerung und 
zum Hinweis auf ihr gottloses, üppiges Treiben zu verwerten.^ ^) Aber 



*') Socr. VI. 3. — Sozom* Vin. 2. nennt die Eltern nicht. 

«) Ebend. 

*•) Cedren p. 329. 

•®) Cedren a. a. O. vsxQOvtai za vnoyaaxQia. 

»1) Vgl. G. S. 37 und 147. 

6* 



84 

auch später hob er immer gern seinen Lieblingsgedanken hervor, dafs 
nichts Äufseres an und für sich dem Menschen schaden oder nützen 
könne, sondern dafs alles auf seine Willensrichtung ankomme. Den 
tiefen Spalt, der durch die Erhebung des Meletius von Seiten der 
Arianer in die antiochenische Gemeinde gerissen war, suchte er nach 
Kräften mit dem Mantel der christlichen Liebe zu überdecken; anderer- 
seits liefs er es sich angelegen sein, seine Gemeinde über die Irrlehren 
des Eunomins, welche in Antiochia einen starken Anhang hatten, 
aufzuklären und ermahnte sie zu sanftem, liebevollem Vorgehen gegen 
die Heiden (Homilie 4. in Corinth.); dagegen trat er energisch gegen 
die vielfach noch heidnischen Sitten der Christen wie gegen die aus- 
gelassene Feier von Hochzeiten, Leichenbegängnissen, insbesondere 
des Jahreswechsels und die Unsitte der Amulette und für die Feier 
des schon längst im Occident eingebürgerten Weihnachtsfestes am 25. 
December*2) ein. 

Da starb Nectarius am 27. September 397*^*), ein Mann ohne 
hervorragende geistliche Bildung, da er aus seinem Senatorenamte 
erst in hohem Alter zum Bischof erhoben worden war. Sein Tod 
erregte die ohnehin für theologische Angelegenheiten sehr empfind- 
lichen Constantinopolitaner in sofern auf höchste, als es galt, nun einen 
tüchtigen Nachfolger für ihn zu finden ; es entstand ein heftiger 
Streit &4) um die Nachfolge, da die Auswahl unter den dazu Befähigten 
infolge der Veraltung und Vernachlässigung des 15. Canons des 
Concils von Nicaea, welcher die Versetzung von Bischöfen, Presbytern 
und Diakonen von einer Kirche zur anderen verbot, im Orient wieder 
gröfser geworden war.**) Die Zahl der Parteien war somit nicht ge- 
ring, doch war der Hof von Constantinopel schon seit Constantin ge- 
wohnt, wenn es ihm gut dünkte, auf Volk und Clerus zu Gunsten 
seines Candidaten einzuwirken. So machte auch diesmal Arcadius 
oder vielmehr Eutropius, welcher den grofsen Redner bereits auf einer 
Reise in Antiochien kennen gelernt hatte*®), von seinen Machtmitteln 
den ausgiebigsten Gebrauch, und in Übereinstimmung von Geistlichkeit 
und Bevölkerung ging Johannes als Sieger aus dem Wahlkampfe hervor. 
Damit nun aber das leicht erregbare Volk von Antiochia nicht gegen 
die Entführung seines trefflichen Geistlichen Verwahrung einlege, wurde 
nur der Comes orientis Asterius von dem Ausfall der Wahl in Kenntnis 



^) Neander Allgem. Gesch. der christl. Relig. und Kirche V. 3. S. 431. 

'^») Socr. VI. 2. 

") Sozom. Vm. 2. Socr. VI. 2. 

*») Vgl. Neander V. 3. S. 232 flF. 

M) Neander Job. Chrys. I. S. 299. Palladius p. 43. 



85 

gesetzt, dieser liefs den Johannes rufen, teilte ihm den Willen des 
Kaisers mit, setzte sich mit dem Widerstrebenden in einen Wagen, 
brachte ihn bis zur Station Pagrae und übergab ihn hier erst den Abge- 
sandten aus Constantinopel.^'') 

Um seiner Ordination die rechte Weihe zu geben, wurden sowohl 
andere Bischöfe eingeladen als auch Theophilus von Alexandrien. 
Dieser erschien in der Hauptstadt, aber weniger in der Absicht, die 
Ordination vorzunehmen als sie zu hintertreiben und an Stelle des 
Johannes seinen eigenen Presbyter Isidor zum Patriarchen wählen zu 
lassen, ein Vorhaben, welches den Machthabern in der Hauptstadt 
nicht gefallen konnte, weil es zu deutlich das Streben zeigte, den 
Bischof von Constantinopel dem von Alexandrien unterzuordnen. Der 
alexandrinische Patriarch hatte daher in der Synode, obwohl er den 
Vorsitz führte, mit seinem Wahlprotest keinen Erfolg, vielmehr erhoben 
sich gegen ihn von manchen Seiten Klagen, welche in bissigen 
Pamphleten den Bischöfen zur Kenntnis gebracht wurden, und Eutrop 
stellte ihn mit kluger Benutzung dieser Sachlage vor die Entscheidung, 
Johannes zu ordinieren oder sich gegen jene Anschuldigungen zu ver- 
teidigen. Theophilus war verstandig genug diesen Wink zu verstehen 
und ordinierte daher den Johannes am 26. März 398 zum Bischof 
von Constantinopel.^8) 

Als solcher konnte er einmal durch sein hohes geistliches Amt 
auf die grofse Menge der Bewohner den heilsamsten Einflufs ausüben, 
andererseits aber nahm er auch in der vornehmen Hofgesellschaft der 
Hauptstadt einen hervorragenden Platz ein, wie er denn selbst sagt:^*) 
„Die Häupter der Regierung geniefsen keine solche Ehre wie der 
Vorsteher der Kirchen. Wer ist der erste am Hofe, wer, wenn er in 
die Gesellschaft der Frauen, wer, wenn er in die Häuser der Grofsen 
kommt? Keiner hat den Rang vor ihm." Aber da er durch seine 
ganze Vergangenheit mehr einem enthaltsamen, einfachen Leben zu- 
neigte, so zog er sich von vornherein aus den Zerstreuungen der feinen 
Gesellschaft zurück, lebte sehr sparsam und baute aus den Ersparnissen 
wohlthätige, gemeinnützige Anstalten. Galt er schon vor seiner Erhebung 
wegen seines zu grofsen Eifers in der Mäfsigkeit für etwas herb®^) 
und war er, wie ein Jugendgenosse von ihm sagt, mehr zum Zorn 
geneigt als zu bescheidener Zurückhaltung, so mufsten grade diese 



") Diese Bemerkung hat nur Sozom. VIII. 2. und daraus entlehnt Nicephor. 
Callist. Xm. 2. Aufserdem Palladius a. a. O. 

<**) Socrat. Sozom. a. a. O., doch der letztere kürzer. 
^ Homilla 3. act. apost 
^ Socrat. VI. 3. 



86 

Eigenschaften bei ihm, der nunmehr „die grofse Leuchte des Erdkreises" 
geworden war, desto mehr zur Geltung kommen und auffallen, je 
umfangreicher und verantwortlicher sein Wirkungskreis gewordön war. 
So beeinträchtigte denn seine herzliche Offenheit und Leutseligkeit 
der Umstand, da(s er die Zunge ohne Mafs gegen alle ohne Unter- 
schied gebrauchte, um die verderbten Sitten seiner Gemeinde zu 
bessern. 

Zunächst mufste er, der gewohnt war rücksichtslos durchzugreifen 
und seiner Meinung Nachdruck zu verischaffen, bei seinem eignen Clerus 
anstofsen®*) und nicht minder bei einem Teile der Mönche.^^) Johannes 
war ja selbst Mönch gewesen und hatte das einsame Leben derselben 
in ungestörter Anbetung Gottes lieb gewonnen und schätzen gelernt, 
auch war er ein eifriger Förderer eines ruhigen und sorgenlosen 
Lebens im Kloster, aber ebenso wenig liebte er das nutzlose Umher- 
laufen der Mönche auf den Gassen, und das war grade unter Nectarius 
in Constantinopel etwas Gewöhnliches gewesen. Indes, mochte er auch 
gleich im Anfang durch die unbeirrte Gewalt seiner Beredtsamkeit 
hie und da und besonders bei den Reichen und Wohlhabenden 
anstofsen, so gewann ihn doch seine Gemeinde eben um dieses 
Talentes und seines reinen, seinem Character entsprechenden Wandels 
willen von Herzen lieb, und der Ruf seiner gottbegnadigten Redegabe •^) 
zog nicht nur die Anhänger des katholischen Bekenntnisses zu Tausen- 
den in seine Predigten, sondern auch Heiden und Haeretikef**) 
strömten in seine Kirche. 

Gegen die letzteren ging er gleichwohl von Anfang an mit aller 
Schärfe seines Geistes und allen Waffen seines Amtes vor, indem er 
seine Gemeinde gleich in seiner ersten Predigt vor den Eunomianem 
warnte und bald nach seinem Amtsantritt auch mit den Arianern 
in einen ernsten Konflikt geriet. In Konstantinopel nämlich, einst 
der Burg des Arianismus unter Valens, war zwar durch Theodosius 
die Macht dieser Sekte selbst mit Anwendung der Waffengewalt und 
besonders unter dem, wenn auch kurzem, Einflufs des Bischofs Gregor 
für immer gebrochen, doch nicht völlig beseitigt worden ^5) ; sondern 
noch immer gab es unter der Bevölkerung eine starke arianische 



*') Socrates VI. 4. Sozom. VIII. 3. 

^2) Sozom. c. 9. 

**) Vgl. das Wort des sterbenden Libanius. Sozom. VIII. 2. Theophan. 
chrbnogr. zu 392. 

ö*) Sozom. Vm. 5. 

^5) Vgl. G, Kaufmann Deutsche Geschichte bis auf Karl den Grossen I. 
S. 293 ff. G. S. 94 — loi. 



87 

Pattei, welche in der Masse der germanischen Söldner einen nicht 
geringen Nachhalt hatte, wie der kurz vor Theodosius Zug gegen Eugen 
ausbrechende Streit zwischen Eriulph und Fravitta, zwei* gothischen 
Offizieren, deutlich bewiesen hatte; dazu war der Nachfolger des 
Gregor, Nectarius, nicht die Persönlichkeit gewesen, dem Arianismus 
Anhänger zu entziehen. So durften die Arianer zwar nicht innerhalb der 
Stadt selbst ihren Gottesdienst abhalten, aber des Sonnabends und 
Sonntags versammelten sie sich doch unter den Säulenhallen der ver- 
schiedenen Foren, thaten sich dann zusammen und sangen respondie- 
rende Hymnen.^^) Nachdem sie damit den gröfsten Teil der Nacht 
hingebracht hatten, durchzogen sie singend die Stadt und aus den 
Thoren hinaus zu den ihnen erlaubten Versanmilungsplätzen, indem 
sie zugleich die Homoousianer in ihren Worten nicht schonten und 
sie spöttisch wohl fragten: „Wo sind, die da sagen, die Dreiheit sei 
ein Wesen?"*') 

Dieser Herausforderung konnte Johannes unmöglich stillschweigend 
zusehen, auch er hiefs seine Katholiken nachts Hynmen singen, und 
um es den Arianem zuvorzuthun, silberne Kreuze und auf diesen 
Wachskerzen zu tragen, wozu die Kaiserin Endoxia bereitwilligst die 
Mittel zur Verfügung stellte. Darüber waren die Arianer, von früher 
her an die Herrschaft auf der Strafse gewöhnt, gewaltig erzürnt und 
liefsen ihrer Erregung in der Weise die Zügel schiefsen, dafs bald 
darauf ein mächtiger Kampf zwischen den beiden Religionsparteien 
ausbrach, in welchem der Kammerherr der Kaiserin, der Verschnittene 
Briston, welcher die Hymnensänger unterrichtet hatte, von einem Stein 
an der Stirne getroffen wurde, und es auf beiden Seiten Tote und 
Veifwundete in Menge gab. Nun trat natürlich der Stadtpräfekt mit 
seinen Trabanten dazwischen, und so endete dieser äufsere Kampf 
zwischen Arianem und Athanasianern in der Hauptstadt, während der 
innere im geheimen unter der Decke stetig weiterglühte. 

Aber trotz der mannigfachen Ereignisse in Konstantinopel selbst, 
welche die Kraft eines gewissenhaften Bischofs wohl in Anspruch 
nehmen konnten, verlor der umsichtige Patriarch auch nicht die ferner 
liegenden Aufgaben aus dem Auge: Nach dem schwer zugänglichen 
und deshalb noch sehr dem heidnischen Aberglauben anhängenden 
Phönicien^s) sandte er ascetisch lebende Mönche als Glaubensboten 
und ganz besonders liefs er sich die Mission unter den (jrothen und 



*®) Über diese Episode Socr. VI. 8. Sozom. VIQ. 8 ; sie stimmen mit Aus- 
nahme unwesentlicher Punkte fast wörtlich überein. 

^^ Uov elolr oi Xiyovxe^ xa x^ia filav ^vva/iiv; 
«•) Theodor. V. 29 und 30. 



88 

scythischen Völkern ••) an und jenseits der Donau am Herzen liegen. Um 
seinem Unternehmen mehr Aussicht auf Erfolg zu geben, beauftragte er 
nur solche Missionare zu den Gothen, welche selbst gothisch sprechen 
konnten, und es schien ihm ein herrlicher Triumpf zu sein, als er in 
einer Kirche zu Konstantinopel einen regelmäfsigen Gottesdienst in 
gothischer Sprache ins Leben rufen konnte; auch an den Bischof 
Leontius v. Ancyra''®) wandte er sich mit der Bitte, ihm passende 
Männer als Prediger für die nomadischen Scythen an der Donau zu- 
senden, welche gern getauft sein wollten, und £0 hat Johannes gewifs 
nicht wenig zur Herstellung der erfreulichen Thatsache beigetragen, 
welche den heiligen Hieronymus''^) 403 in einem Briefe an Laeta zu 
dem stolzen Ausruf veranlafste: ,JDie Hunnen lernen den Psalter, die 
Scythen mit ihrer Kälte erglühen im Feuer des Glaubens, der Geten 
rötlich- und blondgelocktes Heer trägt seine Kirche im Zelte mit sich 
umher und kämpft vielleicht deshalb gegen uns einen gleichen Kampf, 
weil es auf die gleiche Religion vertraut!" und in seiner Antwort an die 
Gothen Sunnias und Fretelas : „ Fürwahr, es ist an uns das apostolische 
und prophetische Wort wahr geworden: In alle Welt ist ein Ton von 
ihnen ausgegangen und an die Grenzen des Erdkreises ihre Worte! 
^er hätte geglaubt, dafs die barbarische Zunge der Geten die hebräische 
Wahrheit . suchen, und während die Griechen schlafen oder — was 
sage ich? — mit einander hadern, Germanien selbst die Aussprüche 
des heiligen Geistes erforschen würde?"''*) 

Ein solcher Feuergeist, durchglüht von der Begeisterung für die 
reine Lehre und ihre Verbreitung, pafste notgedrungen nicht in jene 
üppige, herzlose Gesellschaft des Eutrop und seiner Genossen, die 
im Grunde ihres Herzens sicherlich das Ende ihrer Herrschaft 
ahnten und nach dem Prinzipe eines antiquen apr^s nous le d61uge 
schnell noch die kurze Spanne Zeit bis zur Neige auszukosten trach- 
teten. Doch trat vor der Hand der Gegensatz zwischen der edlen 
Natur des Bischofs und der niederen Seele des Verschnittenen deshalb 
nicht schroff hervor, weil Johannes keine Veranlassung haben wollte, 
sich mit dem ganzen Hofe, der hinter jener Partei stand, zu über- 
werfen, vielmehr bahnte sich äufserlich ein freundliches Verhältnis 
zwischen ihnen an, das Johannes benutzte, um durch geistlichen Zu- 



w) Theodoret a. a. O. und Nicephor. Call. XIII. 3. 

™) Theodoret c. 31. 

'*) epist. 107. 

^^) epist. 106. Er fährt fort: Dudum callosa tenendo capulum manus et 
digiti tractandis sagittis aptiores ad stilum calamumque mollescunt et bellicosa 
pectora vertuntur in mansuetudinem Christianam. 



89 

Spruch öfters den Eunuchen auf die Hinfälligkeit alles irdischen Be- 
sitzes und Glückes aufmerksam zu machen''^)» doch hat gewifs das 
grausame Vorgehen Eutrops gegen die das Asylrecht der Kirche in 
Anspruch nehmenden und besonders gegen Pentadia ''f), des Timasius 
Gattin, nicht verfehlt einen Schatten zwischen sie zu werfen, obwohl 
Eutrop sich aufrichtig nnd aus Klugheit um das Wohlwollen des Bi- 
schofs eifrig bemühte. 

Aber das Bild des gesellschaftlichen Zustandes des damaligen 
Constantinopels würde nicht vollständig sein, würde nicht noch mit 
einem Worte des Heiden Synesius'*) Erwähnung gethan, der zu 
ebenderselben Zeit in der Hauptstadt weilte. Denn Synesius, von 
der heidnischen Welt als bedeutender Sophist und Stilist verehrt, ist 
auch durch seinen späteren Übertritt zum Christentum der christlichen 
Kirche bekannt geblieben als Hymnendichtef; Er war um 370 im 
Schofse einer reichen und vornehmen Familie in Kyrene geboren, 
einer Stadt, welche durch die Philosophen Aristipp und Karneades in 
der alten Welt einen rühmlichen Klang hatte, und wuchs mit seinem 
älteren Bruder zusammen auf, mit welchem er auch zugleich Schüler 
derselben Lehrerin Hypatia in Alexandria wurde. Hier vertiefte er 
sich imter ihrer Leitung in philosophische, geometrische und mecha- 
nische Studien und behielt sie auch in der Folgezeit in so gutem 
Andenken und hoher Verehrung, dafs er mit ihr bis in die Zeit seiner 
bischöflichen Thätigkeit in einem lebhaften Briefwechsel verblieb, der 
überall die innigste Dankbarkeit und Anhänglichkeit atmet ''^) Ob 
Synesius nach dem Aufenthalt in Alexandria auch die athenische 
Hochschule besuchte, ist noch immer streitig ''), jedenfalls hielt er 
sich in seine Vaterstadt zurückgekehrt vom öffentlichen Leben fem 
und lebte der Müsse und körperlichen Übungen wie Jagd und 
Gartenbau. 



''3) Vgl. bfiiXla eiq EvtQ. im Anfang. 

7*) Sozomen. VUI. 7. 

'^^) Tillemont m^moir. pour servir ä Phistoire eccl6siastique XII. p. 499—554* 
Claussen de Synesio philosopho. Kopenh. 1831. Sievers Studien Cap. YIII. 
Volkmann Synesius v. Kyrene. Berlin 1869. Synesii Cyrenaici orat. ethomil. 
frgm. ed. Krabinger. Landshut 1850. Synesii epist. ed. D. Petavius Paris 1605. 
Migne Patrol. Graec. Bd. 22. Photius Biblioth. ed. Bekker c. 26. 

7") Vgl. epist. 10. 15. 16: lATixfiQ xal aöskfptj xal öiöaaxaXe xal 6ia 
navTCDV xovxmv evci^ysTiXTj xal anav Sri xifAiov xal ngay/ia xal ovofia, 
epist. 33. 80. 124. 150: Er übersendet ihr den Dio, de insonmiis und tov negl 
xov ö(OQov naXai yevofievov iv z^ xaiQ(p zijg TtQeaßeiag ngoq avÖQa nuQo, 
ßaaiXeX naQadwaoxsvovxa (Paeonius). 

") Vgl. Volkmann S. 375. 



\ 



90 

Doch gehörte er als reicher Mann gewifs der Curie an und so 
wurde er trotz seines Sträubens, um seiner Vaterstadt bei Überreichung 
eines goldenen Kranzes an den Kaiser pekuniäre Erleichterung vom 
Steuerdruck zu erbitten, Ende 397 oder Anfang 398 als Gesandter 
nach Constantinopel geschickt.''^) Da sich die Erledigung seiner An- 
gelegenheiten länger hinzog, als er erwartet hatte, und unvorhergesehene 
politische Ereignisse ihn länger, als er wünschte, an die Hauptstadt 
fesselten, so ist er im ganzen drei Jahre dort geblieben''*), hat alte Ver- 
bindungen erneuert, neue angeknüpft und giebt uns durch den Brief- 
wechsel, welchen er in der Folge mit seinen Bekannten und Freunden 
unterhielt, und die Schriften, zu welchen ihn seit Aufenthalt veranlafste, 
eine wesentliche Ergänzung des Bildes der hauptstädtischen Gesell- 
schaft um die Wende des vierten Jahrhunderts. Das gröfste Interesse 
unter den Männern, welche S3niesius dort kennen lernte und mit denen 
er verkehrte, nimmt ohne Zweifel Aurelianus ein, der später noch 
zweimal zum höchsten Civilamt der Praefectur des Praeteriums 399 
und 415 gelangte, dessen achtungsgebietender Character und rege 
Fürsorge für die Wissenschaften Synesius in den begeistertsten 
Ausdrücken gefeiert hat, und in dem er auch in den folgenden Jahren 
stets einen bereiten Helfer für seine Feunde fand 80) ; aber an keinen 
hat er mehr Briefe gerichtet als an Polyaemon^i), einen Sachwalter 
und Rhetor, doch nicht Lehrer der Beredtsamkeit, von dem wir leider 
nicht mehr wissen, als dafs er grolsen Einflufs und Aussicht auf höhere 
Würden hatte. Ganz natürlich aber brachte die gleiche Geistesrichtung und 
Ausbildung den Synesius mit den Spitzen der hauptstädtischen Gelehrten- 
und Dichterwelt zusammen; so vor allen mit dem Sophisten Troilus 
aus Sidon^^), dem späteren Ratgeber des Staatsmannes Anthemius, 

• 
■'*) Sievers S. 377. — Volkmann S. 13 wundert sich, dafs Synesius immer 

nur von sich als Gesandtschaft spricht, da doch nach Cod. Theod. XIl. 12, 7. 380. 
die Gesandtschaften der Städte aus drei Mitgliedern bestehen mufsten. Doch 
schon Gothofred. im Comment. bemerkt dazu, dafs dieseis Gesetz nur gegen die 
Unsitte gerichtet war, dafs einzelne Gemeinden je einen Spezialgesandten ab- 
schickten^ statt sich zusammenzuthun und ihre Wünsche gemeinsam vorzubringen. 
Theodosius läfst also durch diese Verfugung den Gemeinden die Möglichkeit 
einen Gesandten zu schicken, was übrigens eod. tit. 1. 9. von Valentinian II. 
ebenfalls gewährleistet wird. Das arme Kyrene schickte daher nur einen Ge- 
sandten. Vgl. Gothofr. im Comment. zu 1. 3 über die Zahl der Gesandten. 

'») De insomniis p. 148 C. ») Vgl. epist, 31. 34. 38. 61. 

") epist. 48. 61. 71. 74. 87. 99. 100. 102* 103. 129. 130. 133. 149—153. 
Ebenso wenig wissen wir von Paeonius (Sicvers 385. Volkmann S. 40). An ihn: 
TtQog Haionov inh^ xov öwqov doxQoXaßiov Xoyoq ed. Petavius 1633. S. 307 ff. 

^) Socrat. Vn. i. 12. 27. Suidas v. T(>a»l>to$. epist. 73. 118. 90. in. 
112. 118. 119. 123. 



91 

und dessen Freunde» dem Sänger der Thaten des Anthemius, 
Theotimus**), dem Nicander**), welcher demselben Kreise ange- 
hörte und dessen Urteil er sein „Lob der Kahlheit'' unterbreitete, und 
endlich mit dem Philosophen Marcianus^^), einem Bekannten des 
Troilus — sie alle bildeten eine Welt für sich, in welcher der sich 
leicht anschliefsende Sophist schöne und für seine ganze fernere Geistes- 
durchbildung folgenreiche Stunden verlebt hat 



Sechstes Kapitel. 

Die Germanen im Orient. — Wer ist der Typhos der Allegorie des Synesius ? — 
Die römische Partei und Aurelian (Osiris). — Beginn der Erhebung des Tribi- 
gild. — Sorglosigkeit des Eutrop. — Die Rede des Synesius tisqI ßaaiXeiag 
an Arcadius und ilire Bedeutung für die Zeitgeschichte. — Gainas wird als Feld- 
herr gegen Tribigild gesandt. — Seine Vergangenheit und Zukunftspläne. — 
Aufreizung durch Typhos und seine Frau. — Leos unglücklicher Feldzug gegen 
Tribigild infolge der zweideutigen Haltung des Gainas. — Die Forderung des 
Gainas führt zum Sturz des Eunuchen. > — Eutrop flieht in die Sophienkirche. — 
Homilie des Johannes Chrysostomus auf den gefallenen Günstling. — Verbannung 
des Eutrop nach Cypem und das Absetzungsdekret. — Eutrop wird auf Gainas 
Drängen gegen das Versprechen bei Chalcedon hingerichtet. 

Indem Theodosius I. die Westgothen auf friedlichem Wege be- 
ruhigte und sie auf römischem Gebiete als Foederaten in Thracien 
und Moesien ansiedelte, gab er zugleich einen Hinweis auf die Politik 
welche er ihnen und allen germanischen Völkern gegenüber zu 
treiben beabsichtigte» nämlich in diesen naturwüchsigen Kriegern, gegen 
die mit den entnervten Römern zu kämpfen er auf die Dauer für er- 
folglos hielt, sich eine sichere Hilfe gegen ihre eignen Stammesgenossen 
zu schaffen, zugleich aber auch durch die Verbindung mit 
römischem Blut diesem selbst einen kräftigeren und reine- 
ren Gehalt zu geben.^) Wir sahen deshalb seinen Thron von treff- 
lichen Männern der verschiedensten Nationalität und religiösen Rich- 
tung umgeben 2), und auch auf die westlichen Regenten Gratian und 



") epist. 47, 98 : TtoifjtTjg ävrJQ t<5v vvv iv^emtatoq. 

**) Syn. sandte an diesen sein Encomium Calvitiae. ep. i. zur Beurteilung. 
Volkmann nennt ihn einen Dichter S. 113 wohl auf Grund von epist. 75, der be- 
ginnt TovniyQotfUJiä aov rh xXeivov. 

*•) epist. IOC und 119. 

*) Vgl. V. Wietersheim II*. p. 100. G. Kaufmann Deutsche Geschichte bis 
auf Karl den Grofsen I. S. 289 ff. 

*) Vgl. G. cap. 3. S. 197 — 206. 



92 

Valentinian II. wirkte sein gewichtiges Beispiel in demselben Sinne ein : 
Unter den tapfersten und berühmtesten Heerführern dieser Zeit glänzen 
die Namen Richomer, Saul, Stilicho im Osten, Arbogast und Bauto 
im Westen am meisten. Die hohen Stellungen, welche diese Germanen 
im römischen Heer bekleideten, und der Ruf ihres Namens lockten immer 
mehr blondhaarige, kühnblickende Gestalten des Nordens über den 
Ister und in die Reihen der römischen Hülfsvölker, während die Zahl 
der wirklich römischen Truppen immer mehr abnahm, teils wegen eigner 
Unlust, teils wegen der Bevorzugung des fremden Elements, und end- 
lich war es der Regierung um so angenehmer, je mehr von der plebs 
misera contribuens ihre Kopfsteuer entrichteten und so dem Waffen- 
dienst fem blieben.3) Aber nicht nur zum Kriegshandwerk boten die 
Germanen den Römern ihre Dienste an, sondern durch Kauf und 
Sieg als Beute, seltener wohl aus eigenem Antriebe war eine nicht 
minder grofse Zahl dieser Fremdlinge in die Hauptstadt und die 
grofsen Gemeinwesen eingezogen, so dafs ein jedes begüterte Haus 
nach der Aussage eines Zeitgenossen seinen germanischen Sklaven als 
Tafeidecker, Bäcker, Wasserträger oder Bedienten beherbergte.*) 

Dazu war in den ersten Jahren nach des grofsen Kaisers Tode 
sein eigner Sohn in der schmählichsten Weise gegen den aufständischen 
Alarich imterlegen, hatte in die härtesten Bedingungen widerstandslos 
eingewilligt, und noch gebot dieser kühne Westgothe nicht nur über 
sein eignes Volk, das sich auf römischem Boden nährte^ sondern ver- 
fügte auch über die römischen Streitkräfte der Provinz Illyricum und 
ihre Hülfsquellen, ritt auch wohl stolz hinein in die Städte mit den 
zerfallenen Mauern, die er selbst geschaffen, um zwischen Gothen und 
römischen Bürgern Recht zu sprechen; Gainas endlich und sein An- 
hang hatten ungestraft vor den Augen des Kaisers seinen ersten 
Minister niedermetzeln dürfen. Welche moralische Wirkung mufsten 
diese unleugbaren Thatsachen auf die in denselben Grenzen wohnen- 
den Fremdlinge und Römer haben? War es daher zu verwundem, 
däfs selbst der germanische Sklave seinen Kopf höher trag? sah und 
hörte er doch, wie seine hochgestellten Stammesgenossen das römische 
Wesen, dessen Vorteile sie ungestört genossen, mit Hohn und Spott 
täglich schmähten*); wie sie die Toga verachteten, ihren Pelz erst 
kurz vor der Senatssitzung auszogen, wohl neben den Consuln den 
Vorsitz führten imd sich dann sehr beeilten, das ungewohnte Gewand 



3) Finlay I. S. 88. Es kam noch hinzu die Furcht, den eignen Unterthanen 
die Waffen in die Hand zu geben. Vgl. G. S. 195. 
*) Synesius ne^l ßaaikeiag c. 22. 
^) Ebendäs. • 



93 

abzulegen mit der spöttischen Bemerkung, die Toga hemme die Be- 
hendigkeit des Schwertzuges. So schritten sie stolz und sporen- 
klirrend durch die Strafsen der Städte, stets schnell bereit, mit dem 
Schwert übermütigen und ungesetzlichen Forderungen Nachdruck zu 
verschaffen. Ein Umstand nur konnte sie in etwas schwächen, die 
Verschiedenheit des Glaubensbekenntnisses in ihren Reihen; denn 
schon einmal war es in Theodosius I. Gegenwart zwischen den An- 
hängern des arianischen Bekenntnisses, welche es auf einen Sturz des 
Kaisers und die Einsetzung eines weniger energisch gegen die Arianer 
auftretenden Nachfolgers abgesehen hatten, und den weit geringeren 
Vertretern des Heidentums, welche Theodosius treu geblieben waren, 
zu einem blutigen Zusammenstofs gekommen ß), in welchem der aria- 
nische Eriulph von dem Heiden Fravitta getötet wurde. Dieser Gegen- 
satz war durch des Kaisers festes Durchgreifen für den Augenblick 
wohl verwischt und der arianische Einfiufs zurückgedrängt worden, 
aber unter der Regierung des schwachen Arcadius tauchte er von 
neuem auf, wenn auch die Folge lehrt, dafs die heidnischen Gothen 
entweder ganz verschwunden waren oder sich bis auf eine winzige 
Minderheit den Stammesgenossen im Kampfe gegen das römische 
Element anschlössen. 

Wer aber sollte ihnen Zügel anlegen und Gesetze vorschreiben? 
Das war ja eben das Unglück dieser Zeiten, dafs der Kaiser charakter- 
los und ohne festes Auftreten ein willenloses Werkzeug der jedesmal 
am Hofe mächtigsten Partei und besonders seiner eigenen Gemahlin 
war, die selbst germanischem Blute entsprossen gewifs eine der mäch- 
tigsten Stützen des Übergewichts der Fremdlinge im Reiche war. 
Mit ihr war Eutrop im Gegensatz zu Ruün emporgekommen, hatte 
jenen Frieden mit Alarich geschlossen und war somit Träger der 
erneuerten Staatsidee des Theodosius geworden, und ebenso gehörte 
auch sein Anhang zu den Freunden des Germanentums — so lange 
es am Hofe beliebt war; denn diese lebenslustigen Gesellen liefsen 
sich weniger von ihrer Überzeugung als von ihrem Vorteil leiten. 
Trotzdem aber traf den Eutrop von Seiten der Germanen die gerechte 
Strafe, weil sie ihn, seitdem er mit Stilicho zerfallen war, nicht mehr 
für einen aufrichtigen Gönner ihres Volkes ansahen, so sehr er sich 
ihnen gegenüber auch als solcher geberden mochte. 



*) Eunap frgm. 60. Zosim. IV. 56. Richter das weström. Reich S. 656 
setzt das Ereignis ohne Gmnd kurz vor Beginn des Krieges mit Maximus. vgl. 
Aschbach a. a. O. S. 61. KÖpke Anfänge des Königtums bei den Gothen S. 118. 
y. Wietersheim I. S. 124. Martin de fontibns Zosim. Dissert. Berlin 1866. G. 
S. 218. 



94 

Als den entschiedensten Anhänger aber des Übergewichts der 
Germanen und als deren Haupt und Führer wird uns von dem Zeit- 
genossen Synesius ein Mann genannt, den er in seiner allegorischen 
Darsteilivig '') dieser Zeit mit deip dem ägyptischen Mythos entlehnten 
Namen Typ hos benennt, ohne dafs es uns bis auf den heutigen Tag 
gelungen wäre, trotz der eifrigsten Nachforschungen den wahren Namen 
zu erfahren. Man hat in ihm einmal den Gainas erkennen wollen^), 
eine Annahme, die sich schon dadurch widerlegt, dafs auch Typhos 
ein Ägypter d. h. in der Auflösung der allegorischen Sprache ein 
Römer war, wenngleich er sich hauptsächlich auf die fremden Söldner 
stützte. Ebenso wenig läfst sich der Beweis durchfahren, dafs mit 
Aufgabe der leiblichen Verwandtschaft des Typhos und Osiris (Aure- 
lian) Eutrop das Gegenspiel gegen die römische Partei in den Händen 
gehabt habe. Zwar pafst auf ihn die Charakterisierung des Typhos 
völlig, wenn wir damit des Eunap-Zosimus Bemerkungen und Claudians 
Mitteilungen vergleichen, auch wird bei dem letzteren Autor die 
zweifelhafte Frau des Eunuchen in ähnlicher Weise wie in der Alle- 
gorie geschildert^); aber dieser Nachweis, wie erwünscht auch immer, 
scheitert an dem unwiderleglichen Faktum, dafs Eutrops Sturz und 
Ende vor der Entfernung des Osiris aus der leitenden Stellung statt- 
fand, dafs er also der nach diesem Ereignisse das Reich beherrschende 
Typhos unter keinen Umständen sein kann. 

Eine neue Möglichkeit der Erklärung endlich schien sich in der 
Person des Osius zu bieten, der von Claudian^^) nächst Eutrop als 
der mächtigste seiner Partei hingestellt wird; es trifft auf ihn zu die 
Erzählung des Synesius von dem Lebenslauf des Typhos, der, ein Ver- 
ächter der Wissenschaften, zum Verwalter öffentlicher Ämter ernannt, 
dann der Unterschlagung anvertrauter Gelder, der Bestechlichkeit und 
verkehrter Mafsregeln überführt und trotzdem zu anderen Zweigen 
des Staatsdienstes versetzt nicht besser erfunden wurde. ^^) Denn Osius 
wird uns zuerst 395 in der geringeren Stellung des Comes Sacrarum 



') Aiyvnxioi 1} JtSQl 7t()Ovoiag. Vgl. Volkmann S. 53 fF. Krabinger in 
seiner Ausgabe der Schrift. Sievers Studien S. 387. Neander Joh. Chrysost. n. 
S. 138 ff. Anmerkung 33. 

*) Fabricius BibL Graec. Vin. p. 224. 

') Prolog, in Eutrop. U. 27. — II. 88 — 95. ns^l iiQOvoiaq I. c. 13. 

»®) Eutrop. n. 345 flF. und 445. 

^^) nsQl TiQovoiaq I. c. 3. 6h rafilag xs xQVf^i''^<''>v dnoösix^^^ • • • 
yaxvvev iavxov xs xal xöv hXofievov xkon^g xs ^rnioolcav aXovq xal Swqo- 
ÖQxiaq xal ifAnkqiiaq siq x^v öioixijaiv. Msxaxs&slg öh xal slq SxsQov 
slöog aQxv^ fi^noxs aga xal ivagfioasisv, 6h aloxiov sn^a^sv xxi. 



95 

Largitionum beglaubigt ^*), in welcher er die Aufsicht über den Staats- 
schatz und über die rechtzeitige Einlieferung der Abgaben, die Berg- 
werke und Münzen unter sich und somit Gelegenheit genug zu eigener 
Bereicherung hatte, sodann erscheint er noch am Ende des Jahres 
396 bis 398 1') in zahlreichen Verfügungen als magister officiorum, 
ein Amt, welches dem des praefectus praetorio zunächst steht War 
nun Osiris (Aurelian) 393 **) und vielleicht noch 394 Stadtpraefect 
von Constantinopel, und nicht 396 praefectus praetorio **), so konnte 
am Ende dieses Jahres sehr wohl ein Wettstreit zwischen beiden 
um das höchste Civilamt entstehen, aus welchem Osiris als Sieger 
hervorging. Auch dies würde sich mit der Person und den Nach- 
richten über Osius noch vereinigen lassen, er könnte selbst als Typhos 
in der Eigenschaft des praefectus praetorio jene Schreckensherrschaft 
ausgeübt haben, da die offizielle Überlieferung der Jahre 400 — 403 
wegen der stürmischen politischen Verhältnisse so gut wie nichts weder 
für noch gegen diese Annahme bietet — wenn nicht trotz allen 
Deutens und Deuteins die Thatsache bestehen bliebe, dafs „die Ägypter** 
des Synesius „auf die Söhne des Taurus**^^) geschrieben ist, und 
Osiris und Typhos notgedrungen leibliche Brüder sein müssen. Wie 
kann aber ein Osius, ein Sclave und Koch aus Spanien, der Sohn 
jenes Praefecten des Praetoriums Italiens 353 — 361, wie kann er ein 
Bruder des Aurelian sein? Hieran scheitert auch des Verfassers 
Kunst, nur das eine will ihm nun und nimmer in den Sinn, dafs, 
während uns die Namen so mancher anderer unbedeutender Personen 
dieser Periode überliefert worden sind, gerade der Name einer der 
wichtigsten Persönlichkeiten völlig verschwiegen und verloren sein sollte 1 



»5») Cod. Thed. VI. 30, 13. 28. Novemb. 395. VI. 27, 7 ist VI. Kai. Jun., 
nicht Jan. zu datieren , wie es bereits Gothofred. in der Chronologie p. 132 und 
Tillem. hist. des emp. Rom. V. note 4 sur Arcade gethan hat, so dafs Osius 
erst am 27. Dezemb. 395 als mag. offic. erscheint.- 

") 396: VI. 26, 6; VI. 27, 8 und 9. 398: VH. 8, 5 und X. 22, 4. 

**) Als praef. Urbi erwähnt Cod. Theod. I. i, 3. VI. 3, i. VI. 4, 26. 
Xn. I, 130 und 131. XV. I, 29 und 30. XIV. 17, 11. VI. 2, 10. XIV. 17, 12. 
Wenn er zugleich XII. i, 132 und 138 als Prf. praet. bezeichnet wird, so ist 
das entschieden ein Versehen. 

^^) IV. ^, I und V. I, 5. 396. — Vgl TiUem. note 23 sur Arcade. Sie- 
vers S. 387. 

") In der ÜQü^emgia heifst es: riyQOTtrai filv inl xotq TavQOv 
naiolv xal ro yB TiQmxov fii(fo^xov xaxa Xvxov aiviygiaroq (i. Teil) dv€- 
yviooQ^i xad^ Sv /idXiaza xaiQov 6 x^f'Q<ov ixQaxei r§ aidoei nsQiyevofievoq, 
nQoav(pdvd^ 61 xo hnoßsvov (2. Teil) fABta xtfr xd^oSov xwv aQlax<ov avÖQdv 
aixticivtoiv firi xoXoßbv inl xwv axvxfllid.x(ov fisiven xo avyyQUfifia. 



96 

Jedenfalls aber geht man nicht fehl, den Typhos im Kreise der 
Gesellschaft Eutrops oder wenigstens in einem nah verwandten zu 
suchen; denn sinnliche Genüsse und Ausschweifungen fällen sein 
Leben aus, vor keiner Gesellschaft schreckt er zurück, sein Haus ist 
der Sammelplatz aller Schamlosigkeit und Roheit, seine Frau ist eine 
putzsüchtige, kokette Intriguantin , die ihn vollständig beherrscht und 
der er seine dereinstige Herrschaft prahlerisch voraussagt*'); fast alles 
Züge, die wir bis aufs Haar in der vorausgesandten Schilderung des 
Eutrop und seiner Genossen bei Qaudian kennen gelernt haben. 

Gegen die Begünstigung des Germanentums aber im Heer und 
Civildienst, ihr Vordrängen in die leitenden Stellungen, ihr zähes 
Festhalten an der Nationalität, die sich auch im Äufseren bewahrte, 
und an der Religion, ihr übermütiges, bürgerfeindliches Benehmen, hatte 
sich allmählich , wie einst schon unter Valentinian II. im Ocddent t»), 
eine gewaltige Reaktion vorbereitet, welche in der Gemeinsamkeit 
der römischen Volksgenossenschaft und Sprache ihre Stärke und ohne 
Rücksicht auf den religiösen Standpunkt die Gemüter der Bürger fast 
des ganzen Reiches erfafst hatte. Noch lebte hier im Orient ein 
echter Römersinn, der, wenn ihm auch die reale Grundlage der Wirk- 
lichkeit fehlte, doch in seiner Phantasie an die einstigen Grofsthaten 
der Väter !•), die Siege der Heere wiederanknüpfte und es nimmer 
verwinden konnte, dafs er denen dienen sollte, denen einst ein Caesar, 
Drusus und Tiberius den Fufs auf den Nacken gesetzt hatte. Freilich 
waren die Führer dieser Bewegung keine Symmachus und Qaudian, 
welche in ihren glatten Höflingsformen den natürlichen Römerstolz 
eingebüfst hatten , deren Schriften nur zu loben wissen , was auf den 
Wink des Gebieters oder unter dem Drang der Verhältnisse gefeiert 
werden sollte, und deren Feder streng gebunden ist an die Thatsache, 
dafs ein Germane selbst den Westen lenkte. Im Orient dagegen 
finden wir noch hie und da Männer, wirkliche Römer, die ohne 
Rücksicht auf eigenen Vorteil nur das Heil ihres Vaterlandes erstreben, 
das nach der treuesten Überzeugung der Kühnsten und Phantastischen 
in einer sofortigen und völligen Ausmerzung des germanischen Volks- 
stammes ^o), bei den Verständigeren und mit den Verhältnissen 
Rechnenden in einer langsamen Zurückdrängung durch Rückführung 
des römischen Elementes in Heer und Verwaltung beruhte. 



*^ 7t6Ql ngovolaq I. cap. 3, 13 und 14. 
") G. S. 207—212. 

*^) Synesius negl ßaaiXsiag cap. 21. 23. 
>o) Ebendas. 22 u. f. 



^7 

Es war natürlich, dafs dieser Gegensatz sich zu allererst am Hofe 
geltend machte, wo sich der dem Germanen freundlichen Partei des 
Eutrop und der Eudoxia eine andere allmählich immer mehr an innerer 
Starke gewinnende römische gegenüberstellte; von hier aus fand sie 
ihre Gesinnungsgenossen in dem geringen Reste des römischen Heeres, 
vor allem aber in den zahlreichen Bürgern der grofsen Städte, welche 
die höhere Bildung über die träge Masse erhob und aufser an das 
tagliche Brod auch an die traurige Lage des Vaterlandes denken liefs. 
Der Vertreter der ersteren und somit das Haupt der gegen die Germanen 
gerichteten Bewegung überhaupt war neben dem Consularen Satumin und 
Johannes, einem Günstling Eudoxia's, Aurelianus, eben jener Osiris 
im Mythos des Synesius, der Sohn des Praefectus praetorio Taurus, 
ein mäfsiger, characterstarker und daher selbst seinen Feinden achtung- 
gebietender Mann, der trotz seines hohen Ranges mit seiner sittsamen, 
bescheidenen, allem Auffallenden abholden Gemahlin und seinem Sohne 
Taurus (Oros) ein stilles, eingezogenes, neben ernster Arbeit auch den 
Wissenschaften und der Dichtkunst gewidmetes Leben führte 2^), so 
recht das Vorbild eines echten Römers der alten Zeit. Seine vornehme 
Geburt berechtigte ihn nicht minder als seine gewissenhafte Ausbildung 
zu hervorragenden Stellungen, und so erklomm er bald die einzelnen 
Stufen, welche zum höchsten Ziele führten: Nach der Würde eines 
comes domesticorum, die ihn in engen Zusammenhang mit dem Hofe 
brachte, • schmückte ihn das vielgeschäftige und viel bedeutende Amt 
des Quästors, als welcher er alle Erlasse des Monarchen mit seiner 
Unterschrift gegenzuzeichnen hatte, und darauf das wichtige Amt 
des Praefectus Urbi^^), welches er 393 und vielleicht noch im Jahre 
394 bekleidete; dann scheint er aber vorläufig aus dem Staatsdienst 
sich zurückgezogen zu haben, vielleicht aus Abneigung gegen den 
allgebietenden Eunuchen, und ein Förderer und Gönner literarischer 
Bestrebungen geworden zu sein. Jedenfalls entbrannte am Ende des 
Jahres 398, als die Gegensätze zwischen „germanisch'' und „römisch'' 
immer mehr zu Tage traten, zwischen ihm und seinem so ungleichen 



'*) 7t€Ql ngovolaq cap. 2. 12. 13. Taurus wird von Synesius epist. 31 
erwähnt : aonatfifim tov vbov TavQov, xaq dyaS^ag ''Pü}fiaiwv iXnlöag. Er 
war 416 comes R. P. Cod. Theod. VI. 30, 21 und 428 consul. Vgl. Series chron. 
constitut. Cod. Theod., 433 — 434 praefectus praetorio und starb als patricius 449. 
Marcell. Com, 

**) TtSQl TiQOvolaq cap. 2. inicxaxiiq 6oQV<p6Q(t>v yevofievoq xal rag 
axoaq niatsvS^slq xal noXia^^oaq xal ßovXfjq aQ^aq; gerade das letztere 
deutet auf die Thätigkeit des praef. Urb. vgl. Cod. Theod. VI. 2, 10 de senatoribus 
an ihn. 



9« 

Bruder Typhos ein heftiger, allerdings nur dem eingeweihten bemerk- 
barer Kampf am Hofe um die erledigte Würde des Praefectus 
praetorio des Orients, welcher den Aurelian trotz der Unterstützung, 
welche dem Osiris durch das fremde Element zu teil wurde, endlich 
zum Siege führte, so dafs wir ihn vom Beginn des Jahres 399 bis 
zum October in jenem Amte officiell beglaubigt finden.^^) 

Über seine Amtsführung weifs Synesius nur Rühmliches zu berichten, 
dafs Aurelian rastlos far das Gemeinwohl besorgt war, und wo es ging, 
armen Gemeinden Steuern erliefs, während er zugleich die Gelehrten 
unterstützte und durch sein leuchtendes Beispiel die Liebe zur Bildung 
überall zunahm.^^) Grade damals war es, wo Synesius in Constantinopel 
weilte, und bei der Gleichartigkeit der Bestrebungen ist es nicht 
wunderbar, dafs er bald in Aurelians Hause eine gastliche Stätte fand 
und einen tiefen Einblick in diese Verhältnisse gewann, die er uns 
in seiner „Vorsehung'' so eingehend und verständnisvoll übermittelt 
hat Die Rede, mit welcher er den Arcadius bei Überreichung des 
goldenen Kranzes überraschen wollte, ist gewifs in jenem oben ge- 
sdiflderten Kreise lange vorher besprodien und somit als der beredteste 
Beweis für die Ziele der Aurelianischen Partei anzusehen. Anderer- 
seits war die Eriiebung Aurelians zum Praefectus praetorio für die 
Germanen ein deutlicher Fingerzeig, dafs sich am Hofe eine andere, 
ihnen feindliche Strömung geltend mache, und es kam nun darauf 
an, ob es Aurelian gelingen werde, das germanische Übergewicht ohne 
Kampf zurückzudrängen und ob sich die Fremdlinge so ohne Wider- 
stand würden bei Seite schieben lassen. Alles war dazu angethan 
und durch eine lange Gähning so vorbereitet, dafs jede geringe 
Reibung der feindlichen Elemente, wo es auch immer war, zu einem 
entscheidenden Zusammenstofs föhren mufste. 

Da war es nun von der höchsten Wichtigkeit, dafs unter den 
vielen, welche zum Antritt des Consulats des Eutrop nach der Haupt- 
stadt eilten, um bei der Übermittelung der Glückwünsche auch für 
steh eiQjea Vorteil davonzutragen, einer von dem Eunuchen nach seiner 
Meinung nicht gebührend genug belohnt worden 2^) war und unzufrieden 



u) Cod. Theod. II. 6, 23. XV. 6, ?. Dazu IX. 40, 17 mit falscher Da- 
tierung. 

**) SyneriuB nsQi nQOVolag cap. 12. 

**) Claudian in Eutrop. II. 177 ff. Ebenderselbe nennt ihn 176. Geticae 
dux improbus alae; Philost. XII. 8« dagegen com es. Socr. VI. 6. x^^i'^QX^'^* 
Sozom. Vlll. 8. noXvav^^nov tayfiaxo^ ^yetra. Sein Name lautet bei Claudian 
TargibUus, bei Zosimias und Socrates T^ßiyiXöog, bei Philostorg TQiyißiXSoq, 
bei Sozomenos TiQßlyyiXoq, 



9Q 

in seine Heimat zurilckkehrte, der comes Tribigildus.^') Er befehligte 
die in Phrygien stehenden Truppen und hatte in NacoliaS?) seinen Stand* 



^) Zur Chronologie der Ereignisse : I. I. Dafs der Aufstand des Tribigild 
im Jahre 399 stattfand, beweist sein Zusammenhang mit dem Consulate des 
Eutrop, in welches er von Claudian in Eutrop. II. 95 ff. gesetzt wird. Dieses 
Consulat war aber das von 399 (vgl. Series Chron. constit. Cod. Theod.). Es 
ist demnach eins der vielen Versehen, von denen die Herausgabe des Sieversschen 
Nachlasses wimmelt, wenn hier S. 358 vom Frühjahr 398 gesprochen wird (vgl. 
Clinton Fasti Rom.). 2. Die Bemerkung von Fevers ist ganz richtig, dafs Clau- 
dian es zu erwähnen nicht vergessen haben wurde, wenn das Consulat Eutrops 
wirklich nur sechzehn Tage gedauert hätte, wie es nach Cod. Theod. IX. 70, 17 
scheinen möchte. 3. Es spricht gegen das Datum dieser Verfügung — 17. Jan. 
399 — femer der Umstand, dafs Eudoxia, welche den Eutrop stürzen hilft, an 
jeder Hand ein Kind hatte, als sie sich bei Arcadius über den Eunuchen be- 
schwerte (Philost. XI. 6). Dies kann nur die 397 geborene FlaccUla und die 
399 19* J^^f geborene Pulcheria sein (Marc. Com. chron* Pasch.). Sollte aber 
die letztere schon an der Hand der Mutter haben stehen können, so müfste sie 
mindestens ein halbes Jahr alt gewesen- sein. 4. Da die Abreise des Hofes nach 
Ancyra gewöhnlich erst Anfang oder Mitte Juli vor sich ging, so werden die 
Vorbereitungen schwerlich vor Mai begonnen sein , von denen Claudian a. a. O. 
spricht. 5. Begann also erst damals Tribigild seinen Aufstand, so nehmen die 
Rüstungen, das Übersetzen, das Zögern der römischen Truppen, endlich ihre 
Niederlage und Tribigilds Plünderungen gewifs 3 — 5 Monate in Anspruch. — 
Aus allen diesen Gründen thut man sicherlich nicht unrecht, den Fall des Eutrop 
erst in den Hochsommer bis Herbst 399 zu setzen (vgl. Joh. Chrysost Homilie in 
Eutrop. I. p. 381 B. avd-ij f^v iagiva xth.)* 

II. Damit hängt eng die Frage zusanunen, wann Aurelian, Satumin und 
Jo)iannes dem Gainas ausgeliefert worden sind? Der Zeitgenosse und Augen- 
zeuge Synesius erwähnt vor der Verbannung nichts von dem Consulate des 
Aurelian, sondern spricht nur von seiner Praefectur, dagegen hat er negl ngo- 
volagJl.^ die Bemerkung., dafs das Jahr nach Aurelian benannt wurde, die 
Sievers durch die Annahme zu erklären sucht, dafs sein Name bei der Verbannung 
aus den Fasten gestrichen wurde. Zosim. V. 18. allein nennt 'ihn Consul^ als er 
von seiner Verbannung spricht; während Socrates beide, Aurelian und SatnmMi, 
anb vTtixuiV nennt, was gewifs nur von Satumin galt; ebenso verallgemeinert 
Sozom. Vni. 4 vTtaTiicol avögeq. Es ist daher sehr wohl möglich, dafs jene 
Männer noch Ende 399, als Aurelian bereits zum Consul designiert war, dem 
Gainas ausgeliefert wurden, was jenen Zusatz des Synesius leicht erklären würde. 
Tribigild und Gainas sind darauf anfangs 400 nach Europa übergesetzt, während 
(Ue Besatzung Constantinopels und des Typhos Schreckensherrschaft etwa sechs 
MopatQ dauerte und Aurelian im letzten Drittel des Jahres 400 zurückkehrte. 
Dabei kann das Gerücht über Johannes bei Zosim. V. 18 recht wohl 
Bestand haben, ohne absurd zu sein, denn die Verbannten mochten, da am 
12. Juli die Metzelei in Constantinopel stattfand, im August bereits dort ange- 
g^kommen sein. 

•') Philost. a. a. O. 

ANCIENT H\2T0\-\ f 



lOO 

ort, während ringsherum Ostgothen und besonders Gruthungen^s) 
als Laeten^^) angesiedelt waren. £s sind das dieselben Gothen, welche 
ebenfalls von den Hunnen westwärts getrieben im Jahre 386 vergeblich 
versuchten den Ister zu überschreiten und durch die List des um- 
sichtigen Generals Promot in nächtlicher Schlacht auf dem Flusse 
meist vernichtete^), in ihren Überbleibseln sodann vom germanen- 
freundlichen Theodosius, ähnlich den Westgothen, in Phrygien und 
den angrenzenden Landschaften angesiedelt worden waren. Hier in 
einem Gebiet, das, wie selten in Klein-Asien, zwischen Maeander und 
Marsyas reichen Getreideboden, herrliche Weingelände, prächtige 
Ölbaumpfianzungen, treffliche Weiden für Rinder imd Pferde und 
bunten Marmor in Fülle bot'^*), war ihnen Land zum Bebauen ange- 
wiesen worden, auf dem sie nach heimischer Sitte und vaterländischen 
Gesetzen leben durften und nur eine bestimmte Anzahl kriegstüchtiger 
Rekruten zu stellen hatten. £s war dies, wie in Thracien und Moesien 
eine westgothische Colonie, so dort eine ostgothische, und gleichwie 
die Westgothen nach Theodosius Tode mit ihrer Lage unzufrieden 
gewesen waren, so hatte hier der ungeahnte Erfolg Alarichs auf der 
einen Seite und die immer merklicher hervortretende feindliche Gesinnung 
gegen die Fremdlinge auf der andern einen besonders günstigen 
Boden für eine Erhebung geschaffen. Es kam noch hinzu eine solche 
zu begünstigen, dafs grade zu dieser Zeit die Hunnen nicht nur über 
den eisigen Ister gesetzt, sondern auch durch die kaukasische Pforte 
in Armenien eingefallen waren, während die Perser über den Tigris' 
vordrangen und Klein-Asien bedrohten. ^2) Aufserdem war den Bewohnern 
dieser Gegend hinreichend bekannt, wie verfallen die Mauern der 
meisten Städte waren und wie ungenügend die Besatzungen ^3); vor 
allem aber stärkte den Tribigild die Oberzeugung, dafs er in einem 
Kampfe gegen die Römer mit seinen Stammesgenossen nicht allein 
sein, sondern dafs alle, soweit sie die germanische Zunge redeten, bis 
auf geringe Ausnahmen sich seiner Fahne anschliefsen würden. 

Hatte er schon vorher mit Gainas, damals dem ersten unter 



'*) Claudian v. 153: Ostrogothis colitur mistisque Gnithungis 

Phryx ager. 

^ Das läfst sich daraus folgern, dafs nur gesagt wird, sie bebauten das 
Land, nicht aber, dafs sie wie die Colonen Steuer und Pacht zahlten. Vgl. 
Finlay I. S. 141, G. Kaufmann a. a. O. S. 249 ff. über diese Verhältnisse. 

*^ Zosim. IV. 38 und 39. Er nennt sie ÜQod-iyyoi. Vgl. G. S. 134 — 136. 

'*) Claudian v. 269 — 274. 

'*) V. 104 flf. 475 ff. Vgl. unten Cap. 10 der Darstellung* Philostorg. XI. 8. 

3») Claudian v. 275 ff. 



/ 



lOI 

den germanischen Heerföhrem, eine Verabredung getroffen oder hoffte 
er nur auf dessen geheime Unterstützung'^*) — genug im Frühling 
des Jahres 399, als der kaiserliche Hof sich eben anschickte , seine 
Vorbereitungen für die Übersiedelung nach Ancyra zu treffen und 
Eutrop noch im Wonnegefühl einer unbeschränkten Allgewalt schwelgte, 
erhob er die Fahne des Aufruhrs in Phrygien.^*) Aber von hier aus 
dehnte sich die Erhebung nach allen Seiten von Tag zu Tag weiter 
aus, da aufser den eigenen Stammesgenossen Tribigilds alle germanischen 
Sklaven die Gelegenheit wahrnahmen, ihren Herren zu entwischen, und 
alles sonstige arbeitsscheue Gesindel sich zahlreich den Empörern 
anschlofs : Bithynien, Jonien, Galatien imd Pisidien, in langem Frieden 
reich gesegnet, wurden eine leichte Beute Tribigilds, dessen räuberische 
Scharen die offenen Städte und Dörfer plünderten und die Bewohner 
ohne Rücksicht auf das Geschlecht niedermetzelten, so dafs der sich 
vor ihnen ausbreitende Schrecken die Bewohner des Binnenlandes 
eiligst ans Meer und mit der beweglichen Habe zu den rettenden 
Inseln flüchten hiefs. Die Nachricht von diesen Vorgängen beunruhigte 
den allmächtigen Eunuchen anfangs keineswegs, er hielt die Bewegung 
nur für den verwegenen Streich eines Abenteurers, der seine Erledigung 
weniger durch die Waffe des Kriegers als durch das Schwert des 
Henkers bald finden werde; doch als immer beängstigendere Botschaften 
kamen und der Aufruhr immer gröfsere Ausdehnung annahm, ja ganz 
Klein-Asien zu fürchten begann, da schickte er geheime Unterhändler, 
welche die Habsucht des Führers, die er wohl kannte, durch sich 
steigernde Geschenke befriedigen und damit dem drohenden Unheil 
ein Ende machen sollten.^^) 



**) Über diese wichtige Frage gehen die Quellen begreiflicherweise weit 
auseinander: Zosimus, Socrates, Sozomenos, Theodoret stellen den Gainas von 
vornherein als den eigentlichen Urheber hin, während gerade die nächsten Zeit- 
genossen Claudian und Synesius nichts davon wissen. Aber die geringe Einsicht 
der Kirchenhistoriker wird schon dadurch bewiesen,- dafs sie Eutrops Sturz ganz 
aufser Zusammenhang mit diesem Aufstand erzählen. 

^) Über die Erhebung berichten Zosimus V. 1 3 ff., Claudian in Eutrop. II. 
95 ff. Socrates VI. 6. Sozomen. VIII. 4. Theodoret V. 32. Philost. XII. 8, Synesius 
AiyvTtTioi rj tisqI TtQOVoiaq ed. Krabinger. Von den späteren Quellen berichtet 
Theophanes zu 394 über den Aufstand ungenau und zum teil unrichtige That- 
sachen. Ähnlich Cedren p. 328. Nicephor. XIII. 5 und 6 stützt sich vornehmlich 
auf Sozomenos. 

^) Claudian v. 304 — 320. — Darstellungen dieser Episode finden sich bei 
Gibbon VIII. Anf. v. Wietersheim S. 120 — 123. Sievers S. 356 ff. Volkmann (für 
den 2. Teil eingehend) S. 42 — 76 ; endlich bei F. Ludwig Der Hl. Johannes 
Chrysostomus in seinem Verhältnis zum byzantinischen Hof. Braunsberg 1883. 
S. 27 — 42. 



tot 

Damals nun war es gerade, dafs der Sophist Synesius als Ge* 
sandter seiner Vaterstadt Kyrene die längst erbetene Audienz beim 
Kaiser Arcadius bewilligt und somit die Erlaubnis erhielt, bei Über- 
reichung eines goldenen Kranzes, seine seit langem vorbereitete Rede 
demselben vorzutragen.^'') Es geschah dies jedenfalls vor dem auf 
dem Throne sitzenden Kaiser, der umgeben von seinem Hofstaate 
und an dessen Spitze dem magister officiorum als Oberceremonien- 
meister der Betrachtung des Sophisten „Über das Königtum" zuhörte. 
Diese Rede hat sowohl vor vielen anderen des Altertums als auch 
^or den übrigen Geisteserzeugnissen des Synesius eine überwiegende 
Berühmtheit erlangt, weil sie, vor dem allgebietenden Kaiser des Ost- 
reichs gehalten, ungescheut '^) in kühner und begeisterter Sprache ein 
Bild des wahren Königs vor ihm, der nicht ein Schatten desselben 
war, entrollte, wie ihn sich die Phantasie des Redners in patriotischer 
Gesinnung und idealer Gestalt ausgemalt hatte. 

Synesius beginnt mit dem Zweifel, ob man die lange nicht ge- 
sehene Philosophie hier noch kennen und gastlich aufnehmen werde, 
denn nicht heitere Reden und schmeichlerische Worte werde sie 
bringen, sondern manches tadeln, was Königtum und König berühre. 
Gleichwohl sei eine freimütige Rede vor allem der Aufmerksamkeit 
eines Herrschers wert, weil sie der Gymnastik und Heilkunde gleiche, 
welche dem Körper zwar augenblicklichen Schmerz verursachen, aber 
ihn erretten. Die Veranlassung zu seiner Sendung sei die, dafs 
Kyrene ihn abgeschickt habe einen goldenen Kranz zu überreichen, 
eine schwer getroffene Stadt, die aber hoffentlich durch Arcadius 
Fürsorge sich bald wieder erheben werde. Doch vermag nicht die 
Stadt eine Rede zu adeln, denn ihr Adel ist die Wahrheit. Sie be- 
schäftige sich einmal mit dem, was dem König ziemt, sodann; was 
nicht, Arcadius aber möge dabei seine Gefühle nicht zurückhalten 
und seiner Reue sich nicht schämen. Zwar die Gröfse seiner Macht 
und Herrlichkeit erkennt 'auch Synesius an, doch, weil die Glücksgüter 
leicht beweglich sind, so lobt er den Kaiser deshalb nicht, sondern 



3*^ Volkmann nimmt S. 25 an, dafs die Rede erst nach dem Tode des 
Eutrop gehalten wurde, während Sievers S. 384 sie vor seinem Sturz ansetzt. 
Ihm schliefse ich mich deshalb an, weil nach dem Sturze des Eutrop zunächst 
Friede geschlossen wurde, also nicht mehr, wie Synesius cap. 21 sagt, einzelne 
Teile des Reichs entzündet waren. 

^ Synesius sagt De insomniis p. 148 D. selbst von seiner Gesandtschaft: 
xal ig TTjv ßaaiXeiag ofiiXlav rc5v n<onoxe ""EXXiqvtav d-a^^XewreQov nttQe- 
axriaato (sc. fie). 



IQ3 

fordert ihn auf denen nachzuahmen, die gleich seinem Vater Theo- 
dosius ihr Glück durch die Tugend eming^i haben. Während dieser 
durch seine Tüchtigkeit die Herrschaft gewann, verdanke er sie dem 
Glücke und müsse daher bei seiner grofsen Jugend versuchen, sie 
durch Anstrengungen und Mühen sich zu verdienen und zu erhalten, 
um so mehr, als auch des Theodosius Glück durch Neid und Kürze 
getrübt war. Denn dadurch unterscheide sich eben der König vom 
Tyrannen, das jener nur für die Unterthanen lebt und sorgt, dieser 
nur für sich und auf Kosten derselben. Darum möge Arcadius bei 
seiner Jugend, die, wie ein Strom, wo Auswege sich bieten, nach 
beiden Seiten neigt, die Philosophie sich als Leiterih nehmen und das 
Gesetz seine Sitte, nicht seine Sitte das Gesetz sein lassen. Da Stärke 
ohne Weisheit nichts vermag, wohl aber beide vereint, so möge Ar- 
cadius seine Herrschaft der Weisheit in die Hand geben, dann werden 
die übrigen Tugenden von selbst folgen; denn die äulseren Güter 
können zum guten wie zum bösen ausschlagen, je nachdem sie in 
eines Guten oder Bösen Hand kommen. Arcadius nun gebrauche sie 
zum Wohle seiner Unterthanen und folge darin dem Beispiel des 
,3iiniQhschen Königs''. Das ist einer der Namen, mit denen man 
Gott nicht nach seinem Wesen, sondern seinen Werken benennt; man 
heifst ihn überall auf Erden „gut", weil von ihm alle Segnungen aus- 
gehen. So möge Arcadius der gleichen Benennung eingedenk ihm 
darin nachzutrachten suchen, und während der Redner ihm das Bild 
des Königs, wie er sein soll, schildern will, mache er ihm in sich 
selbst dieses Bild belebt und beseelt! 

Die Grundlage, auf der es ruht, ist ohne Zweifel die Gottes-: 
furcht, auf welcher es nie durch Stürme umgeworfen werden kann, 
Sie wird dem Könige die Kraft verleihen, vor allem über seine eigenen 
widerstrebenden Neigungen Herr zu sein und so ein Vorbild für alle. 
£r soll zuerst stets mit sich selbst zu rate gehen, dann aber mit seinen 
Freunden, einem Besitze, wie es keinen anderen königlicheren giebt, 
insofern er den Mangel der Natur ergänzt und die Kraft des einzelnen 
vervielfältigt. Doch mufs der König sich hüten, dafs unter der Maske 
der Freundschaft die Schmeichelei sein Herz verderbe und in die 
tiefsten Gemächer eindringe. Seine nächsten Freunde müssen die 
Krieger sein, mit denen er die gleichen Anstrengungen ertragen 
möge, damit sie in Wahrheit seine Streitgenossen sind. Denn nur 
so wird er ihre Treue und Zuneigung gewinnen, aber nidit ein König, 
der den Truppen erst durch den Maler bekannt wird. Will er nun 
die Krieger als seine Werkzeuge gebrauchen, so mufs er sie auch 
kennen und zeigen, dafs er sie kennt, indem er nicht nur die Führeri 



io4 

sondern auch die Gemeinen mit Namen ruft, lobt und anspornt, wie 
es schon die Könige bei Homer thun. 

Nichts aber hat den römischen Staat mehr verdorben als die 
geheime Feier der Kaiser als Götter und die öffentliche barbarische 
Ausstellung dessen, was sie betrifft. Sie fürchten den Menschen ein 
gewohnter Anblick zu werden und wissen nicht, dafs sie dadurch die 
Gelegenheit verlieren, praktische Einsicht zu gewinnen und die mensch- 
liche Vollendung zu erreichen. Sie schliefsen sich vielmehr im Palaste 
ein und führen, nur den Geschmacks- und Tastsinn reizenden Ver- 
gnügungen huldigend, das Leben eines Meerpolypen. Auch finden 
sie nicht Gefallen an verständigen Gedanken in deutlicher Sprache, 
sondern sie umgeben sich mit Possenreifsem und Narren, während 
sie gegen die Verständigen Verdacht hegen und vornehm thun. Sie 
vergessen dabei, dafs eine Herrschaft durch das Gegenteil von dem, 
wodurch sie gestiftet ist, zu Grunde geht Ist nun aber der römische 
Staat besser daran, seitdem die Könige sich in Purpur und Gold 
hüllen, mit kostbaren Steinen Diadem, Schuhe, Gewand, Spangen und 
Thron zieren, ein allfarbiger Anblick wie der des Pfauen? „Da staunen 
euch die Menschen an, wenn ihr in solchem Prunkmantel in den 
Senat geht als Consul, als die Lasttragenden, die allein seligen der 
Senatoren. Gewöhnliche Fufsbänke genügen euch nicht, Lasten von 
Goldsand werden herangeschleppt und selbst mit dem Leder der 
Schuhe prunkt ihr. So lebt ihr wie Eidechsen, die die Sonne scheuen, 
und seid schlechter daran als damals, da Männer die Heere befehligten, 
öffentlich lebend, gebräunt von der Sonne, einfach und natürlich sich 
haltend, aber heute im Bilde von den Knaben verspottet Sie hemmten 
nicht die Barbaren durch Befestigung der Heimat, sondern durch 
Siege über Parther, Geten, Massageten, indem sie häufig Euphrat und 
Ister überschritten. Heute erfüllen diese euch mit Schrecken, setzen 
über den Strom und heischen Friedenslohn!" Diese Vergleichung 
aber soll nicht zur Schmähung dienen, sondern nur, den Prunk der 
Jetztzeit und die Schlichtheit der alten in ihrer Nacktheit einander 
gegenüber zu stellen. Carinus wurde von den Gesandten der Parther 
in der Kleidung des gemeinen Soldaten bei Erbsenbrei mit ranzigem 
Schweinefleisch getroffen, und dieser Anblick sowie sein kahles Haupt, 
dessen er sich nicht schämte, bestimmten sie, den König um Frieden 
zu bitten, während heute eine Leibwache, auserlesen aus dem Heer, 
stattlich, schlank, blondhaarig, duftend von Salbe das Haupt und Ant- 
litz, goldbeschildet und belanzt den Herrscher umgiebt 

Hochmut und Prunk müssen also vom Königtum verbannt 
werden und Arcadius möge den Anfang zur Rückkehr zum Guten 



machen. Denn ,,in unserer Lage stehen alle auf der Schärfe 
des Messers'', und es bedarf Gottes und des Königs, das schon 
lange schwanger gehende Geschwür des Römerreichs vor der Zeit 
wegzuschneiden. Dazu aber ist vor allem nötig, dafs die Krieger 
einheimische, nicht Barbaren sind, die, wenn sie die Schwäche 
des Reichs sehen, leicht auf den Gedanken kommen könnten es zu 
unterjochen. Hiervon giebt es bereits Beispiele, und noch sind 
einzelne Teile des Reichs entzündet, weil das Fremdartige 
mit dem Heimischen nicht harmonieren kann. „Man mufs sie aus- 
stofsenl'' aber nicht so, dafs man gegen sie keine Gegenmacht 
rüstet, vielen Dienstfreiheit gewährt und den Heimkehrenden gestattet, 
sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Nein! vom Pflug, aus der 
Schule des Philosophen, aus der Werkstatt und der Krämerbude mufs 
die Jugend hervorgeholt werden, statt im Theater zu leben. Denn 
die Verteidigung des Landes ist eine männliche, die Verwaltung des 
Innern eine weibliche Tugend. Bevor es aber dahin kommt, dafs die 
Bewaf&ieten über die Städter gebieten, möge lieber der Römergeist 
erweckt, mögen lieber Siege erfochten und keine Gemeinschaft mit 
den Barbaren geduldet werden. Deshalb müssen sie zuerst aus den 
obrigkeitlichen Ämtern und dem Senat entfernt werden, gilt 
ihnen doch die Toga für schimpflich, so dafs sie sie erst kurz vor 
der Senatssitzung an- und gleich nach derselben wieder ausziehen, 
weil sie die Schnelligkeit des Schwertzuges hindere. Jedes begüterte 
Haus hat einen scythischen Sciaven, und haben Crixus und Spartacus 
schon einen so gewaltigen Krieg erregt, um wie viel mehr werden 
diese, die zahlreich im Hause als Sciaven, im Heere und in der Obrigkeit 
sind, über die Einheimischen herfallen! Darum möge Arcadiu^ das 
Heer wie einen Weizenhaufen reinigen und nicht vor der Schwere 
des Amtes verzagen, sondern bedenken, welcher Männer König er sei. 
Denn die Scythen sind von jeher nur für einige Zeit furchtbar ge- 
wesen, sie kamen hülfeüehend zu den Römern und wurden aufge- 
nommen; da empörten sie sich, wurden von Theodosius gezüchtigt, 
aber leider, milde behandelt, wurden sie seine Streitgenossen, erhielten 
obrigkeitliche Ämter und ein Stück Land angewiesen. Seit dieser 
glimpflichen Behandlimg verlachten sie die Römer und zogen durch 
ihren Ruf gar noch ihre Nachbarn herbei. 

Hat Synesius soweit den kriegerischen König geschildert, so 
soll jetzt der friedliche im Bilde gezeigt werden: der kriegerische 
König wird nämlich, da der Krieg nur Mittel zum Frieden sein darf, 
stets friedlich sein und seinen Völkern auch die Segnungen des 
Friedens zukommen lassen sowie sich persönlich durch Reisen von 



io6 

ihrer Lage überzeugen. Darum nehme er auch die Gesandtschaften, 
durch die er alles beschauen und vernehmen kann, freundlich wie 
ein Vater auf! Die Krieger selbst aber müssen schonend mit den 
Bürgern, die für sie die Lasten tragen, umgehen und nicht mehr 
nehmen, als ihnen zukömmt. Auch ist es nicht königlich die Ge- 
meinde durch Abgaben zu drücken, da der gute König nicht kost- 
spielige Werke errichtet und den Schweifs der Edlen im Theaterspiele 
vergeudet; das Nötige aber kann ohne Beschwerden eingetrieben 
werden. Ein habsüchtiger König ist schändlicher als ein Krämer, 
der doch schon überall niedrig, schlecht geartet und ohne alle edle 
Bildung ist und nur in einem kranken Staate eine nicht ganz ehr- 
lose Stellung findet.^®) — Zum Schlufs fafst der Redner noch einmal 
seine Gedanken zusammen, betont vor allem, dafs der König seine 
Würden gerecht, nach Verdienst und nicht nach Reichtum verteile an 
die, welche er genau keimt, dafs er die Weisen und Gerechten, trotz 
ihres unscheinbaren Gewandes hervorziehe, die Philosophie und wahre 
Bildung liebgewinne — mit einem Wort! dafs er das vom Redner 
entworfene Bild beseele, damit S3mesius selbst noch die erste Frucht 
seines Samens geniefse, wenn er komme, um über das, was Kyrene 
erfleht, sich günstigen Bescheid zu holen.*®) 

Diese Rede ist deshalb von so hoher Bedeutung, weil sie in 
allen ihren Teilen das Bild eines Staatswesens entrollt, welches dem 
oströmischen der damaligen Zeit gerade entgegengesetzt war: denn 
Arcadius suchte nicht durch eigene Tüchtigkeit sich des Thrones 
wert zu machen, er musterte nicht die Truppen persönlich und 
war ihr Genosse im Kampf, er schlofs sich vielmehr völlig vom öffent- 
lichen Leben ab und zog nicht die edelsten seiner Unterthanen in 
seine nächste Umgebung, sondern elende Schmeichler und niedrige 
Seelen, er gab nicht die Ehrenstellen in Heer und Verwaltung an 
die ihm als die geeignetsten bekannten Männer, sondern liefs* seine 
Kreaturen einen hinunelschreienden Ämterhandel treiben — und diesen 
Fürsten, der in allem das gerade Gegenteil des idealen Königs des 
Redners war, fordert Synesius mit kühner Stirn auf, den Krebsschaden 
des Reiches, das Übergewicht der Barbaren, durch rücksichtsloses 
Durchgreifen zu beseitigen, und das zu einer Zeit, da das Heer noch 
ganz in den Händen germanischer Feldherrn und Offiziere war und 
vielleicht manche von diesen bei der Audienz zugegen sein mochten. 



^) Eine für uns unverständliche^ verächtliche Meinung vom Handelsstande ! 
**) Synesius erhielt für sich Freiheit vom Dekurionat und seine Vaterstadt 
Herabsetzung der Steuern. Aiyvnzioi I. cap. i8. 



I07 

Welch' peinliches Gefühl mufsten seine Worte in dem entarteten Sohne 
des grofsen Theodosius hervorrufen» wenn anders seine schläfrige 
Seele die erhabenen Gedanken des Redners überhaupt verstand und 
erfafste! Doch zürnte er dem kühnen Sophisten nicht, weil er auf 
dessen guten Willen sah und augenblicklich von Aurelian beeinflufst 
dem fremden Elemente abhold war; und auch der Eunuch mufste zu 
den verschiedenen auf ihn gehenden EUeben schweigen, da die Lage des 
Reiches immer beängstigender wurde. Aber für die Germanen selbst 
war diese Rede gewissermafsen die Kriegserklärung der römischen 
Partei, und wer von ihnen Augen hatte zu sehen imd Ohren zu hören, 
der mufste sich sagen, dafs die Entscheidung nahe. 

Es war daher ein grofser Fehler des Arcadius oder des Eutrop, 
dafs nicht ein energischer römischer Feldherr als Oberbefehlshaber 
gegen Tribigild abgesandt wurde, sondern der schon oft genannte 
Magister militum Gainas.^^) Bei der Gährung, welche schon lange 
im .Ostreiche gegen die Germanen sich fühlbar machte , ist es nicht 
nötig anzunehmen, dafs er überhaupt der Anstifter der ganzen phry- 
gischen Erhebung war, obwohl Zosimus und die Kirchenhistoriker ihn 
als solchen hinstellen *^) ; ausschlaggebend wird nicht sowohl Qaudian 
sein können, welcher, wie das erhaltene Stück seines zweiten Buches 
gegen Eutrop beweist, den alten Waflfengefährten des Stilicho nicht 
blofsstellen durfte, sondern einzig und allein Synesius, der den Aufstand 
mit am Hofe erlebte, niit den leitenden Männern sehr vertraut war 
und keine Veranlassung hatte, den Gainas zu schonen. Man darf 
deshalb wohl annehmen, dafs Stilicho das Wagnis des Freundes mit 
Wohlwollen begleitet, aber keineswegs, dafs er es angestiftet hat. 
Die Gründe, welche diesen bestimmten, eine anfangs zweideutige und 
später offen feindselige Haltung gegen die Regierung anzunehmen, 
kamen vielmehr aus dem unerquicklichen Verhältnis, welches allmählich 
zwischen Germanen und Römern entstanden war, und vielleicht trug 
gerade die Rede des Synesius dazu bei den schwankenden General 



*^) Er hatte sich vom Überläufer und gemeinen Soldaten zum Feldherm 
emporgeschwungen, befehligte barbarische Hilfstruppen im Kriege gegen Eugen 
und hatte bekanntlich die von Stilicho entlassenen Soldaten des Orients nach 
Constantinopel zurückgeführt, vgl. G. S. 223. Er wird genannt azQatOTtsddoxijg 
zwv dXXo^k(ov von Synesius AiyvTtnoiI» 15; argattiXaTrig QCDfiaiXfov inni- 
x^g TS xal ns^ix^g von Socrat. VI. 6; atQattjyog von Sozom. VIII, 4. Philost. 
XI. 8. Jordanis cap. 34 und Marcell. Com. nennen ihn comes ; doch war er gewifs 
bei seiner lanjgen Dienstzeit und Auszeichnung magister militum. Vgl. Tillem. 
note 27 sur Arcade. 

«) Vgl. Anmerk. 34. 



io8 

zum Rebellen zu machen. Fragt man sich, welchen Plan er bei seinem 
Abfall verfolgte *2aj^ go zeigt der Verlauf des Krieges, dafs er ein be- 
stimmtes, fest formuliertes Ziel nicht besafs, jedenfalls dachte er nicht 
daran den Kaiser zu stürzen, denn, obwohl er ihn und den ganzen 
Hof später in der Hand hatte, hat er es nie versucht sich selbst oder 
einem anderen die Krone aufzusetzen. Ihn unterschied von Alarich, 
dafs er nicht von einem zahlreichen, eng geschlossenen Volke zum 
König erhoben, sondern nur der rebellische Gebieter von allen mög- 
lichen Stammen angehörenden Söldnern war, von denen die Ostgothen 
blofs einen geringen Bruchteil bildeten. 

So fühlte er sich am Ende, als er äufserlich im Besitz der Haupt- 
stadt und damit des Reiches zu sein schien, doch seiner Kräfte nicht 
sicher und dem nationalen Hafs der Römer, der ihm überall begegnete, 
nicht gewachsen, obwohl fast alle germanischen Truppen sich ihm an- 
schlössen, nicht nur die arianischen, sondern auch die heidnischen. Trotz- 
dem scheiterte seine Erhebung, welche im Anfang von so ungewöhnlichem 
Glück begleitet war, und bei der ihn eben jener Typhos des Mythos, 
der Bruder Aurelians, ein Bundesgenosse gewesen ist. Dieser nämlich, 
so erzählt Synesius^^), unzufrieden damit, dafs Aurelian an die Spitze 
der Verwaltung gestellt war, und von seiner intriguanten Gattin gequält, 
fafste mit ihr den Gedanken, sich auf gewaltsame Weise der Herrschaft 
zu bemächtigen. Sie machte sich daher an die Frau des Heerführers 
der fremden Truppen, die damals in der Hauptstadt weilte, während 
ihr Mann (Gainas) einen unglücklichen Feldzug gegen einen abgefallenen 
Teil des Landes führte, und redete ihr ein, Aurelian habe gegen 
ihren Mann den Verdacht der Verräterei gefafst und gedenke ihn 
seiner Würde zu entsetzen, sobald er aus dem Kriege zurückgekehrt 
sei und die Waffen niedergelegt habe; das ganze Scythenvolk solle 
aus dem Lande gejagt und die Landesverteidigung nur Einheimischen 
anvertraut werden. Dann trat sie offen mit dem Vorschlag eines Abfalls 
und einer Empörung hervor, indem sie versicherte, der Widerstand 
werde nur gering sein und Typhos müsse die Leitung des Staates 
übergeben werden. Doch, welche Wirkung sie mit diesem Vorschlage 
ausübte, müssen wir vorläufig beiseite lassen und uns erst zu Gainas 
Feldzug gegen Tribigild zurückwenden. 

Neben Gainas hatte den Oberbefehl über die Truppen der 
Freund und Günstling des Eutrop Leo**), ein unfähiger Militär, 



"a) Vgl Hertzberg III. S. 412. 

*3) AlyvTttioil, cap. 15: rvQevEtai Stj xo xaxbv iv ovo yvvaixtavitsifi, 

*•) Zosim. V 14. Claudian in Eutrop. II. 376 fF. Eunap. frgm. 76. 



log 

erhalten und wandte sich mit seinem Corps nach Asien übergesetzt 
an den Hellespont, während Gainas aus Thracien in den Chersonnes 
zog und die europäische Küste dieser Meerenge gegen eine feindliche 
Landung zu decken beauftragt war.^^) Doch müssen wir annehmen, 
dafs er schon damals entschlossen war, weniger die Erhebung Tribigilds 
zu dampfen als ihr Vorschub zu leisten, und dafs sie schon früher 
gemeinschaftliche Sache gemacht hätten, wenn der letztere sich dem 
Hellespont genähert hätte. Tribigild aber, welcher mit den römischen 
Streitkräften unter Leo zusammenzustofsen fürchtete, warf sich von 
dem ausgeplünderten Phrygien nach Pisidien und bereitete diesem 
dasselbe Schicksal; jede Stadt wurde erobert, die Bewohner mitsamt 
den römischen Besatzungen getötet, indes die barbarischen sich in 
den Scharmützeln überall ihren Stammesgenossen anschlössen. Nun 
endlich setzte auch Gainas nach Asien über, da Leo nicht wagte, 
seinen Standort zu verlassen ^^), aus Furcht vom Meere abgeschnitten 
zu werden, doch ohne thätig einzugreifen und der Verwüstung Ein- 
halt zu thun, weil Tribigild, wie er nach Constantinopel berichtete, 
ihm zu übermächtig und gefahrlich erschien. Im geheimen jedoch 
knüpfte er nun Unterhandlungen mit ihm an und stellte Unterstützung 
in Aussicht ; aber Tribigild hatte immer noch nicht den Mut sich mit 
ihm zu vereinigen, so lange Leo mit den Römern ihm im Wege stand. 
Statt vom Plateau Klein-Asiens nach der Küste Lydiens herab- 
zusteigen, gedachte er noch Pamphylien zu verwüsten und geriet dabei 
in schwer zugängliche Wege, welche für seine Reiterei nicht gangbar 
waren, und fand in dieser von Bergen ganz durchzogenen Landschaft 
einen ungeahnten, tapferen Widerstand. Ein kühner Bürger der kleinen 
Stadt Selge^''), Valentinus mit Namen, sanunelte eine Menge Sklaven 
und Bauern, welche durch ihre fortwährenden Kämpfe mit den Isaurischen 
Räubern im kleinen Kriege geübt waren, und stellte sich auf den Höhen 
auf, welche den von Pisidien nach Pamphylien führenden Pafs beherrschten. 
Nachdem Tribigild auf ebenerem Wege mit seinen Barbaren zu den 
niedrigeren Teilen Pamphyliens geritten war, kam er noch in ^der 
Nacht zu den unterhalb Selges gelegenen Gegenden.**) Hier nun 



**) Zosim. a. a. O. vgl. Philost. XI. 8. 

*^) Zosim. V. 15., vgl. Claudianll. 405 ff. über die Haltung des römischen 
Heeres. 

*7) Was den Tribigild hierher lockte, verrät Strabo ed. Kramer XII. 7, 3: 
d'avfiaarri d* iaxlv ^ fpvciq t<Sv ronwv • iv yaQ tatg dxQofQsiaiq rov TavQOv 
Xfoga (AVQiaöaq r^i^eiv Swa/xivt] atpoöga evxaQUoq iaziv, äars xal ikaio- 
<fyv%a slvai nokXa xwQla xal sva/jineka, vofiäq re dtpd-ovovq dvstod'ai navxo- 
öanoZq ßocxri^aci xxi. 

^^ Ebend. (^ S^Xy^xri) ixei 6' oXlyaq nQooßäaeiq negl t^v noXiv xal 



HO 

empfing sie ein heftiger Regen gröfserer und kleinerer Felsblöcke und 
Steine aus den Schleudern der im Hinterhalt liegenden Römer, und 
ein Entrinnen war nicht möglich , da sich auf der einen Seite des 
Weges dn tiefes Moor und Sumpf ausdehnte, auf der anderen dagegen 
ein enger, nur für zwei Mann Raum gewährender Zugang, welcher 
von einem gewissen Florentius mit ausreichenden Streitkräften besetzt 
gehalten wurde. Während aber die meisten Barbaren sich seitwärts 
einen Weg suchten und in den Sümpfen ihren Tod fanden, erklomm 
Tribigild mit dreihundert Mann den Ausweg, bestach den Florentius 
mit einem Haufen Goldes und entkam glücklich. Doch wenn er 
gemeint hatte, nunmehr allen Gefahren entronnen zu sein, so geriet 
er jetzt in noch gröfsere Verlegenheiten, denn in diesem entlegensten 
Teile des Ostreichs regte sich wunderbarerweise neben dem ange- 
borenen kriegerischen Sinne ein lebhaftes Nationalgefähl, welches die 
Bewohner der Städte die Waffen ergreifen und den Tribigild zwischen 
den Flüssen Melas und Eurymedon^^) einschliefsen liefs. 

Da blieb far den so umhergehetzten Aufrührer und seine arg 
zusammengeschmolzene Schar nur noch eine Hülfe: Gainas, welcher 
auf die Bitten Tribigilds, da er noch nicht offen seine geheimen Pläne 
gezeigt hatte, zum Schein den Leo nach Pamphylien entsandte mit 
dem Auftrage Tribigild abzufangen. Er selbst aber rückte ihm eiligst 
nach und liefs immer eine Abteilung seiner Truppen nach der anderen 
heimlich zu Tribigild übergehen, sq dafs, als Leo zum Kampfe schritt, 
er nicht eine dem Hungertode nahe winzige Mannschaft, sondern ein 
starkes, wohlgerüstetes Heer sich gegenüber fand. Dazu machten 
seine eignen germanischen Hülfstruppen mit den Feinden gemdn- 
schaftliche Sache, wandten sich gegen den geringen Rest der treuen, 
römischen Truppen und rieben sie völlig auf. Leo selbst, welcher dem 
drohenden Verhängnis sich durch die Flucht zu entziehen suchte, fiel 
mit seinem Pferde in einen Sumpf und kam elend um.*^) Wie leicht 
wäre es dagegen Gainas gewesen, diesen Ausfall zu verhindern und 
dem ganzen Aufstand ein Ende zu machen durch die Vernichtung 
des Tribigild! Aber davon wufste man in der Hauptstadt so gut wie 



ovaav nXriQri . . . öia re tijv SQv/jtvoxrjta ovri ngoregov ovS* vate^av ovf 
4ma§ ol Sslysig in aXXoig iyivovto xrh, — Zosim. cap. i6. 

*^) Zosim. a. a. O. iv fiiatp tov MiXavog noxagiov xal zov Ev^vßi- 
öovxoq, <bv 6 fjihv inixeLva diaßalvei z^g Sid^ig, 6 öh na^Qel ty ÄöTiivdtp, 

^) Über diese KLatastrophe berichten Zosim. V. 17 und Claudiaa v. 430 
bis 455. Doch läfst der letztere den Leo, während er mit seinen Genossen tafeU, 
mberfftUen werden; die Art des Tqde^ kennt Zosinpu nichL 



I 



III 

nichts, denn Gainas pries &l) das Feldhermtalent und die Heeresmacht 
desjenigen, der nur durch seinen Verrat dem Untergang entronnen 
war, in so übertriebenen Ausdrücken, dafs ganz Constantinopel zitterte 
und ihn im Geiste bereits vor seinen Thoren sah. 

Diese gedrückte Stimmung am Hofe, von der er sicherlich unter- 
riditet war, benutzte Gainas, um seinem lange gegen den Eutrop 
gehegten <>^) Neide und Hasse Luft zu machen. Denn man kann sich 
denken, dafs der so vom Glück begünstigte Eunuch aufser jenen* 
Scheinfreunden, die oben geschildert worden sind, nur Feinde hatte, 
und dafs auch Gainas auf die höhere Würde des Q)nsuls und Patricius 
desselben scheel sah. Er sandte daher einen Boten an den Kaiser 
mit der Erklärung, er sei nicht im stände dem andrängenden Emporer 
Widerstand zu leisten und gebe es auf Asien zu schützen, die dnzige 
Rettung b«*uhe darauf, dafs Arcadius der Forderung des Tribigild 
nachgebe, welche in der Auslieferung des Eutrop bestehe.^^^) Wäre 
der Kaiser von personlichem Stolze erfüllt gewesen, würde er einen 
so treuen Diener, für den er doch den Eunuchen halten mufste, nicht 
ohne weiteres preisgegeben haben, aber einmal fehlte ihm wirklich 
der Mannesmut, mit dem er dem drohenden Empörer allein hätte 
trotzen können, andererseits hatte Eutrop auch seine letzte mächtige 
Stütze am Hofe, die Gunst der Kaiserin Eudoxia, seit einiger Zeit 
verscherzte^) Was eigentlich zwischen ihnen vorgefallen, ist nicht 
ganz klar, es scheint, als ob der Eunuch auf seine Macht über Arcadius 
pochend, ihr ihre Vergangenheit und seine Hülfe zur Vermählung 
vorgehalten hat, jedenfalls beklagte sich Eudoxia eines Tages unter 
Thränen, an der einen Hand die zweijährige Flaccilla, an der anderen 
die kleine Pulcheria^^), bei ihrem kaiserlichen Gemahl über das Betragen 



^*) Claudian v. 462 S.; 

Jam vaga pallentem densis terroribtts aulam 
Fama quatit: stratas acies, deleta canebat 
Agimna, Maeomos foedari caedibus agros, 
Pamphylos Pisidasque rapi. 
Vgl. Zosim. V. 17. 

^^ Zosim. V. 13 Ann und 17: dneHvaie yuQ avwav ov tb naQaoQä<fB-ai 
xoaovxov oaov EvQonioq sig dxQotatov ijxwv rjötj dvvafiewQ äaxe xaX eiq 
ixatovQ dvec^^fid^v€u xul t(p XQ^^V ^i^ead-ixi r^v xovxov TCQOQtjyoQlav xal 
ZipNjd^ai t§ rwv nwiQLxlwv a^ia, 
»») Cap. 17 Ende. 

^) Fhilost. XI. 6. ansfahrlich. Socrat. VI. 5. nQoaxQOvcaq xtf ßaaiXsT, 
Sozomen. VIII. 7. dg slg tjJv ßaaiXswg yafiixriv vßQlaag inißovXsv^slg. 

*') Philost. a. a. O. nennt sie nicht, sondern spricht nur von den beiden 
ältesten Kindern; Daher waren es i. Flaccilla geb. 397 Marc. Com. Chron. 
Pasch. 2. Pnlcheria ebendas. vgl. Tillem. note 18 und 19 sur Arcade. 



If2 

seines Oberkämm^rers, und das mag die Stellung desselben am Hofe 
sehr erschüttert haben. 

Als nun Eutrop erfahren, welches Ansinnen Gainas an den 
Kaiser stellte, und dafs es auf ihn abgesehen sei, da ergriff ihn, der 
mit seinen Genossen die Erhebung der Gothen so geringschätzig 
behandelt hatte, weibische Schwäche; nicht sah er dem nahenden 
Unheil mit dem Mute eines Mannes entgegen, der erkannte, dafs 
•er sein Spiel verloren habe und mit dem Tode büfsen müsse, oder 
bot sich selbst wie später Aurelian als Opfer für das Vaterland dar, 
sondern in feiger Flucht suchte er den Ort auf, dem er selbst einst 
vergeblich die Heiligkeit zu rauben versucht hatte, den Altar der 
ELirche^^^)! Kein Mensch war ihm in dieser schweren Zeit ein treuer 
Helfer und Tröster, . von allen seinen Genossen meldete sich keiner, 
das Unglück mit ihm zu tragen, wie Spreu vor dem Winde wichen 
sie vor dem gefallenen zurück, leugneten jede Verbindung mit ihm 
oder suchten wohl gar in seinem Verderben das eigne Heil.*'') 

Aber auch an jener unverletzlichen Stätte in der Sophienkirche 
war er nur für den Augenblick gerettet, denn als das Heer in Con- 
stantinopel erfahren, dafs der Eunuch dort Schutz suche, strömte es 
vor dem kaiserlichen Palaste zusammen und forderte seine Hinrichtung. 
Der Kaiser hielt eine längere Ansprache an die Truppen, ihren Unwillen zu 
besänftigen, und erinnerte an die Gutthaten des gestürzten Mannes. 
Als aber jene immer von neuem zur Rache des verletzten Kaisers 
drängten, schrieen und ihre Lanzen schwangen, da wies sie Arcadius 
unter Thränen auf die Heiligkeit des Altars hin, und es gelang ihm 
sie für kurze Zeit zu beruhigen.*^) Trotzdem kamen tags darauf 
Schergen mit der Absicht ihn seinem Asyl zu entreifsen, doch Johannes 



*•) Socrat. VI. 5. Sozomen. VIII. 7. Zosim. V. 18 mit dem merkwürdigen 
Zusatz in Bezug auf die christliche Kirche; exovaav €$ ixelvov zb aavkov, 
Claudian praef. in Eutrop. II. 27: 

Suppliciterque pias humilis prostratus ad aras 

Mitigat iratas voce tremente nurus. 
") Claudian V. 15: 

Dissimulant socü conioratique recedunt 

Procumbunt pariter cum duce tota cohors. 
(Hierauf bezieht Sievers S. 360, dafs an Stelle des Osius Cod. Theod. VI. 27, 11 
am 16. März Hadrian als magister ofüciorum erscheint, doch hat hier der sonst 
so aufmerksame Forscher übersehen, dafs dies Gesetz ans Mailand datiert ist. 
Aufserdem war Eutrop damals schwerlich schon gestürzt.) — Homilie des Jo- 
hannes Chrysostomus auf Eutrop Anfang. 

*•) ^OfjiiXla slg EvxQOTtLOV evvovxov TtargLxiov xal vnatov. 111. Bd. der 
opera omnia Johannis Chrysost. ed. Montfaucon. cap. 9 und ii. Vgl. Ludwig 
a. a. O. S. 28 ff. 



"3 

Chrysostomus hielt die wütenden von dem vor Angst und Zittern 
fast vergehenden Eunuchen zurück. Als nun der Sonntag erschien 
und die Bewohner Constantinopels sich zu tausenden in die Kirche 
drängten, weil sie wufsten, dafs der Oberhirte sich diese seltene Gelegen- 
heit, an praktischem Beispiel die Nichtigkeit alles Irdischen zu erläutern, 
nicht entgehen lassen würde, da hielt Johannes seine berühmte 
Predigt auf den gefallenen Eunuchen^^), der in Scham, Jammer 
und allen Seelenqualen unter dem Altartische zusammengekauert lag. 
„Immer zwar, begann er, jetzt aber am meisten ist es angebracht 
zu sagen: Eitelkeit der Eitelkeiten und alles ist eitel I Wo ist der 
helle Glanz des Consulats? wo die strahlenden Fackeln? wo das 
Beifallsgeschrei, die Chorgesänge, die Gastmähler und Feste? wo die 
Kränze und Teppiche? wo der Lärm der Stadt und die Zurufe des 
Circus und die Schmeicheleien der Zuschauer? Dies alles ist dahin, 
ein heftiger Wind hat die Blätter abgeschüttelt und uns den entlaubten 
Stamm gezeigt, der schon in der Wurzel wankt. — Wo sind jetzt die 
heuchlerischen Freunde? wo die Trinkgelage und Festessen? wo der 
Schwann der Schmarotzer, wo der den ganzen Tag in Strömen fliefsende 
Wein und die mannigfaltigen Künste der Köche und die, der Macht 
huldigend, alles nach seinem Wunsche thun und sagen? Das alles war 
ein Traum in der Nacht, und als es Tag geworden, war es verschwunden. 
Frühlingsblumen waren es, und als der Frühling vergangen, war alles 

verwelkt Habe ich dir nicht, so wandte er sich dann an 

den Eunuchen selbst, beständig gesagt, dafs der Reichtum flüchtig 
ist? du aber wolltest es nicht hören. Sagte ich dir nicht, er sei ein 
undankbarer Sklave? du aber wolltest es nicht glauben. Siehe, nun 
hat die Erfahrung gelehrt, dafs er nicht nur flüchtig und undankbar, 
sondern auch mörderisch ist, da er dich in Zittern imd Zagen ver- 
setzt hat. Sagte ich dir nicht, als du mich, den die Wahrheit redenden, 
unaufhörlich schmähtest, dafs ich dir mehr wert sei als die Schmeichler ? 
. . Wo sind jetzt deine Zecher, wo die, welche auf dem Markte umher- 
stolzierten und dein Lob auf allen Gassen sangen? Weggelaufen 
sind sie, leugnen deine Freundschaft ab und suchen ihr eignes Heil 
in deiner Verfolgung. Wir aber sind nicht also und haben dich, den 
Unwilligen, nicht aufgegeben, sondern schützen und sorgen um dich, 
den Gefallenen. Die von dir feindlich behandelte Klirche hat dich 
hegend in ihren Schofs aufgenommen, das aber von dir so geehrte 



^^) Mit Recht widerspricht Sievers S. 359 der Meinung des Socrates VlI. 5 
und Sozom. VIII. 7, dafs diese Eredigt geeignet war das Zartgefühl der An- 
wesenden zu verletzen. Vgl. Neander Johannes Chrys. II. S. 61. 

8 



114 

Theater, um dessen willen du uns oft zürntest, hat dich verraten und 
zu Grunde gerichtet!" 

Doch versäumte Johannes nicht mehrfach darauf hinzuweisen, 
dafs er dies nicht sage, um den Gestürzten zu schmähen *ö), sondern 
um die noch Stehenden zu warnen und zum Mitleid zu bewegen, und 
forderte wiederholt die Anwesenden auf, für ihn zu beten und beim 
Kaiser Fürbitte einzulegen. Aber der Schutz, welchen die Kirche dem 
Eutrop gewährte, sollte ihm, der selbst versucht hatte ihn anderen 
zu entziehen®^), nicht auf die Dauer zu teil werden: Von neuem 
wurde die Kirche belagert ^2J, eine grofse Schar Soldaten mit wütenden 
Blicken und entblöfsten Schwertern zog wiederum herbei und erfüllte 
die Luft mit solchem Geschrei, dafs der Unglückliche es hörend 
glauben mufste, seine letzte Stunde sei gekommen. Aber Johannes 
deckte mit seinem Leib den Zugang zu ihm, und obwohl deswegen 
zum kaiserlichen Palaste geschleppt, gab er nicht früher nach, als bis 
der Eunuch, welchem durch Zwischenträger das Leben gewährleistet 
worden war, selbst einwilligte und von einer Begleitungsmannschaft aus 
seinem Asyl abgeführt wurde. Wir erfahren dies aus der zweiten Predigt ß«^), 
welche Johannes am nächsten Sonntag an die Gläubigen richtete und 
in welcher er als Grundgedanken den Satz behandelte, dafs die Kür che 
unüberwindlich und ewig sei. „Vor einigen Tagen, sagte er, war die 
Kirche belagert; im Palaste des Kaisers war Schrecken, doch die 
Kirche lag in Sicherheit. Sie suchten den Flüchtling. Nun sage 
niemand, die KLirche habe ihn verlassen, er wäre sicher nicht verraten 
worden, wäre er in der Kirche geblieben. Die Kirche hat ihn nicht 
verlassen, sondern er die Kirche . . . Nichts ist der Kirche gleich; 
nenne mir nicht Mauern und Waffen; die Mauern altem mit der 
Zeit, die Kirche altert nie; die Mauern werden von den Barbaren 
niedergerissen, aber die Kirche kann selbst von den Daemonen nicht 
besiegt werden!" 

Hatte der Eunuch in den Tagen seines Glückes eine ungeahnte 
Höhe vor allen Unterthanen des Orients erreicht, so war sein Sturz 
um so tiefer und jäher. Denn er, welcher bis dahin dem Jahre den 



*®) Cap. 2 und 3 zu Anfang. 

•1) Cap. 3: «AA' l6ov öicc Tc5v e^ywv SfiaS'Sv ditSQ BTtoirjas xal xbv 
vofiov skvoe TtQWTog avxoq 61 wv enolrioe xal yeyove XTJg ovxovfiivrjg 
d^saxQov. 

®*) oxs x^g ixxXrjotag s^at svQsd^elg EvxQoitiog ansanaoS^ cap. i in 
demselben Bande. 

63) Zosimus V. 18 scheint mehr an gewaltsame Entführung aus der Kirche 
zu denken. 



»15 

Namen gegeben hatte, den Titel des Patricius trug und unermefsliche 
Reichtümer in seinem Hause aufgehäuft hatte, wurde nunmehr durch 
ein kaiserliches Edict aller seiner Ämter und Würden**) entkleidet, 
sein Name in den Consularfasten gestrichen, sein Vermögen coniisciert 
und endlich er selbst als Staatsgefangener nach der Insel Cypem 
verbannt „Alles Eigentum, heifst es in diesem berühmten an Aurelian 
gerichteten Schriftstück®*), des Eutropius, welcher einst Oberkämmerer 
war, haben wir der Kasse unseres Schatzes zugewiesen, nachdem der 
Glanz von ihm genommen und das Consulat von dem scheufslichen 
Unflat, von der Erwähnung des Namens und dem unreinlichen Schmutze 
befreit ist, damit nach Aufhebung aller seiner Anordnungen alle Zeiten 
verstummen und nicht durch die Erwähnung desselben die Seuche 
unseres Jahrhunderts zu Tage tritt und nicht seufzen diejenigen^ 
welche durch ihre Tüchtigkeit und Wunden die Grenzen des römischen 
Reichs erweitem oder sie durch billige Rechtspflege bewahren, weil die 
göttliche Belohnung des Consulats ein schmutziges Ungeheuer durch 
seine Berührung verunreinigt hat. Er wisse, dafs er auch der Würde 
des Patriciats und aller geringeren beraubt sei, welche er durch die Ver- 
kehrtheit seines Charakters besudelt hat Alle Statuen, alle Bilder sowohl 
von Erz als Marmor oder gemalt, aus welchem Stoff auch immer 
hergestellt, der sich zu Bildwerken eignet, befehlen wir, sollen aus 
allen Städten, Flecken und Orten, privaten wie öflentlichen, entfernt 
werden', damit nicht gleichsam der Schandfleck unseres Jahr- 
hunderts die Blicke der Anschauenden beleidige. Von treuen 
Wächtern daher soll er nach der Insel Cypem abgeführt werden, 
wohin deine Hoheit wissen möge, dafs er verbannt ist, damit er dort 
von wachsamer Sorge umwallt nicht durch die Wildheit seiner Ge- 
danken alles in Unordnung bringen kann." 

Sprach selbst der frühere Gebieter und Kaiser des Gestürzten 
in solchen Ausdrücken von ihm, so mufs man annehmen, dafs ihm 
die Worte von der gegnerischen Partei in den Mund gelegt sind, und 



^) Sein Consulat und Patriciat ist aufser von Claudian auch bei Zosim. 
V. 17. Socrat. VI. 5. Joh. Antioch. frg. 189 und Sozom. VIH. 7 bezeugt. 

6^) Cod. Theod. IX. 40, 17. Es ist in den Handschriften vom 17. Januar 
399 datiert. Dies erscheint aber unmöglich; denn wenn Eutrop am i. Januar 
sein Consulat antrat, so müfste sich des Tribigild Aufstand, Leos Niederlage u. s. w. 
innerhalb vierzehn Tage abgespielt haben. Dazu hatte Eudoxia bereits zwei 
Kinder, von denen Anm. 55 gezeigt ist, dafs das letzte erst am 19. Januar ge- 
boren wurde. Endlich spricht dagegen Claudian in Eutrop. II. 95 ff., worauf Sievers 
merkwürdigerweise gar kein Gewicht legt. Vgl. Gibbon VIII. S. 32. Tillem. 
note 22 sur Arcade und Anm. 26. — Zum Inhalt vgl. praef. in Eutrop. II. 19. 
Phüost. XI. 6. 

8» 



ii6 

darf sich nicht wundern, wenn im Occident Claudian, als er den Fall 
des Vielgehafsten vernommen, aus Freude über die Nachricht sein 
zweites Gedicht auf Eutrop verfafste ®ß), welches noch weniger als das 
erste der schmähenden Zunge einen Zügel anlegte und — merkwürdig 
genug — die Strafe für seinen Übermut noch viel zu niedrig fand®'') 
und erst in seinem Tode die notwendige Sühne des verletzten Consulats 
erblickte. Merkwürdig! denn auch im Orient waren seine Gegner 
durch seinen Sturz noch nicht hinreichend befriedigt, und Gainas 
forderte immer dringender 6®), dafs Eutrop hingerichtet würde. Wiederum 
war die Verlegenheit am Hofe grofs, da man Eutrop eidlich versichert 
hatte, ihn nicht töten zu wollen, aber Gainas liefs nicht nach, und 
endlich entschlofs man sich zu der eidbrüchigen Ausflucht, es sei dem 
Eutrop nur zu Constantinopel das Leben gewährleistet, also könne man 
es ihm überall sonst unbedenklich nehmen. So wurde Arcadius denn 
überredet, zu diesem sophistischen Gewaltact seine Einwilligung zu 
geben, und Eutrop wurde wirklich, kaum dafs er in Cypem angekommen 
war, wieder zurückgeschleppt und zwar nach Chalcedon.ß^) Da einige 
falsche Ankläger gegen ihn aussagten, er habe als Consul Pferde 
benutzt , welche nur dem Kaiser zustanden , so wurde er wegen 
Majestätsbeleidigung vor ein aufserordentliches Gericht gestellt, welches 
auf dem sogenannten Pantychion tagte und dessen Vorsitz Aurelianus 
führte ''<^), und zur Todesstrafe verurteilt, welche auch sogleich an ihm 
vollzogen wurde. 



**) Die Praefatio beginnt: 

Qui modo sublimes rerum flectebat habenas 

Patricius, rursus verbera nota timet, 
Et solitos tardae passurus compedis orbes 
In dominos vanas luget abisse minas etc. 
") In Eutrop. II. 20 fF.: 

At vos egregie purgatam creditis aulam, 
Entropium si Cyprus habet vindictaque mundi 
Semivir exsul erit. Quis vos lustrare valebit 
Oceanus? tantum facinus quae diluet aetas? • 
ö*) Zosim. c. 18. 
69) Ebend. 

''®) Philost. XI. 6. Nicephorus XIII. 4 nennt statt der Rosse xoofioi. Auf 
seinen Tod sprach Asterius in fast. Kai. p. 60. 



"7 



Siebentes Kapitel. 



Zusammenkunft des Gainas und Arcadius bei Chalcedon. — Auslieferung des 
Aurelian, Saturnin und Johannes. — Sie werden begnadigt und in die Verbannung 
geschickt. — Gainas in Constantinopel. — Die Schreckensherrschaft des Typhos. 

— Gainas Versuch, den Arianem eine Kirche innerhalb der Stadt zu gewinnen, 
scheitert an der Standhafligkeit des Johannes Chrysostomus. — Schwanken des 
Gainas und Auszug aus Constantinopel. — Überwältigung der Gothen im Strafsen- 
kampf. — Vernichtung der sieben Tausend in der Kirche. — Sturz des Typhos. 

— Gainas versucht nach Asien überzusetzen. — Der Heide Fravitta wird zum 
Feldherm gegen ihn ernannt, — Seeschlacht im Hellespont. — Gainas Flucht 
und Tod durch die Hunnen jenseits der Donau. — Rückkehr Aurelians. — 

Poetische Darstellungen des Gothenaufstandes. 

Die Nachgiebigkeit des Kaisers hatte das Gefühl des Sieges- 
bewufstseins, des Stolzes und Übermutes in Gainas nur gesteigert, 
denn, obwohl immer im Namen des Tribigild, so hatte er doch in 
Wirklichkeit die Unterhandlungen geführt, und wäre es bis dahin dem 
Kaiser und seiner Umgebung nicht zur Gewifsheit geworden, wer der 
eigentliche Feind war und das Gegenspiel in den Händen hatte, so 
mufste es ihnen jetzt allmählich klar werden, als die Forderungen 
nach weiter gingen. Damals war es nun, dafs, was die Gattin des 
Typhos der Frau des Gainas ins Ohr geflüstert hatte, seine Wirkung 
auf diesen ausübte, nachdem er durch Phrygien und Lydien zurück- 
gekehrt sich mit Tribigild bei Thyatira vereinigt hatte und plündernd, 
jener bis Chalcedon, dieser bis Lampsacus vorgerückt war.*) Typhos 
begab sich selbst mit den beiden Frauen heimlich in Gainas Lager 
und besprach mit ihm den ganzen Plan der Verschwörung; doch 
ging Gainas auf den Vorschlag, Constantinopel auszurauben, nicht ein 
und eben so wenig auf die Forderung des unnatürlichen Bruders, sich 
den Aurelian zur Hinrichtung ausliefern zu lassen.^) Jedenfalls aber 
verlor des Gainas Vorgehen von jetzt ab den Schein der bisher noch 
äufserlich bewahrten Ergebenheit gegen den Kaiser und ging nunmehr 
zu offener Empörung über. 

Hatte er bis dahin mit dem Kaiser durch Gesandte unterhandelt, 
so forderte er jetzt, dafs Arcadius persönlich sich zu ihm begeben 
solle, um seine weiteren Friedensbedingungen zu vernehmen. Da das 
Heer fast vollständig dem Germanen anhing und der Kaiser sich kaum 
in seiner eigenen Hauptstadt sicher fühlte, so mufste er dem 
Drange der Not gehorchen und ihm eine Unterredung bei Chalcedon 



1) Zosim. V. i8. Eunap frgm. 75, 6. 
^) Synesius AlyvTtxioi cap. 15. 



Ii8 

bewilligen.3) Sie fand zwei Stadien vom Boi^orus entfernt statt, wo 
auf sanft ansteigendem Hügel die Kapelle der heiligen Euphemia lag, 
berühmt durch die Wunder, die in ihr geschahen und von denen die 
Gläubigen viel zu erzählen wufsten.*) Die Förderungen des Gainas 
aber, die ihm natürlich nachgegeben wurden, liefen auf diese Punkte^) 
hinaus: Gainas und Tribigild dürfen nach Europa kommen, und der 
erstere bleibt in seinem Kommando als oberster militärischer Befehls- 
haber des Ostreichs. Zur Gewährleistung ihrer Sicherheit werden 
ihnen drei Geiseln übergeben, die ihnen auf Tod und Leben ausge- 
liefert werden, nämlich der Praefectus praetorio und designierte Consul 
Aurelian, der Consular Satuminus^) und der Vertraute der Kaiserin 
Johannes, ein Praefect '^) (?), von dem ein unbezeugtes Gerücht behauptete, 
er sei der Vater Theodosius II. Dafür versprach Gainas, weder Leben 
noch Herrschaft des Kaisers anzutasten. 

Diese harten Bedingungen wurden von Seiten des Arcadius ohne 
Weigern erfüllt, denn jene drei, die Häupter der römischen Partei, 
suchten nicht wie vorher Eutrop, keines unlauteren Wandels und keines 
Übergriffes sich bewufst, ihr Heil in der Flucht, sondern das Wohl 
des Vaterlandes stets dem eignen voranstellend, gingen sie über den 
Bosporus dem Gainas bis in die Nähe von Chalcedon entgegen und 
übergaben sich in seine . Hände.®) Jeder nahm mit Recht an, dafs 
nun ihre letzte Stunde geschlagen habe, denn es konnte wohl keine 
gröfseren und unversöhnlicheren politischen Gegensätze geben als die, 
welche sich in Gainas und diesen Männern verkörperten; daher 
hielt es auch Johannes Chrysostomus für seine Pflicht, mit der Würde 
seiner Persönlichkeit und der Gewalt seiner Beredtsamkeit für die 
ihm eng befreundeten Männer einzutreten.^) Haben nun wirklich 



^ Zosim. a. a. O. 

*) Ebend. und Euagrius II. 3. ^oizwai xata tov vswv oirs xa ax^nzQa 
oke xa lega xal tag aQX^Q öiSTtovxeg anaq xs 6 XoiTcbg ofiiXog /isxaaxslv 
tdiv xeXovfiivfov ßovXofievoi. Hier fand das Concil von Chalcedon unter Mar« 
cian statt. 

^) Zosim. a. a. O. Socrat. und Sozom. a. a. O. kennen nur Aurelian und 
Satuminus. Nach Socr. findet die Unterredung erst nach der Auslieferung der 
Geiseln statt. Nach Theodoret V. 32 wurde Gainas auch zum Consul ernannt ; 
doch da dies uns von anderer Seite nicht bestätigt wird, nehmen wir es nicht 
als sicher an. 

') Vgl. Cap. 5. Anmerk. 22. 

^) Zosim. cap. 18. ^wdwrjg . . , xa ano^Qtixa ndvxa naga ßaaiXiwq 
xs^a^^ri/xivog, 6v sXsyov oi nolXol xal xov jiQxaöiov naiöog elvai naxega. 
Vgl. Faulinus vita Ambrosii c. 31 und Anm. 26 des vorangehenden Capitels. 

8) Synesius ÄlyvnxiOLl, 16. 

^) Dieser Annahme Neanders u. a. widerspricht Ludwig S. 37| ibidem er 



119 

seine Vorstellungen allein eine Änderung in Gainas Absichten gegen 
die Geiseln herbeigeführt, wie Johannes selbst in seiner nach der 
Rückkehr nach Constantinopel über diesen Vorgang gehaltenen Predigt ^^) 
anzudeuten scheint, oder wirkte der edle Sinn derselben auf Gainas 
zurück, jedenfalls liefs er ihnen nur die sinnbildliche Hinrichtung zu 
teil werden, indem ihre Nacken mit dem Schwerte berührt wurden, 
und die Strafe der Verbannung ^i), doch vielleicht noch ohne die 
Beschlagnahmung der Güter; denn nach der Allegorie des S3Tiesius ^*) 
wollten die Barbaren trotz des Drängens des Typhos es nur als eine 
Entfernung angesehen wissen und nicht als Deportation. 

Darauf setzten Gainas und Tribigild nach Europa über, und das 
schwßr mitgenommene Asien atmete wieder auf^^); doch hatte der 
letztere seine Rolle ausgespielt, er trat nirgends mehr hervor und 
kam auf nicht aufgeklärte Weise bald darauf um.^*) Gainas aber 
wandte sich mit dem gröfsten Teil seines Heeres, welcher noch 30000 
Mann umfassen mochte ^^) , nach Constantinopel und besetzte diese 
von Truppen fast ganz entblöfste Stadt Allerdings war die Person 
des Kaisers durch seine Leibwache gesichert. Doch könnte ein Gefühl 
der Ruhe die Bewohner deshalb nicht überkommen, weil Gainas 
gleich nach seiner Ankunft sie aus der Stadt fortzubringen sich bemühte.*®) 
Von dem Zustande der Hauptstadt zu dieser Zeit entwirft Chrysostomus 



geltend macht , dafs, wenn Johannes Chrys. in seiner Predigt sage, er sei lange 
fortgewesen, dies deshalb nicht auf eine Gesandtschaft zu dieser Zeit passe, weil 
Chalcedon in kurzer Zeit von Constantinopel zu erreichen war. Aber sein Gegen- 
beweis ist nicht stichhaltig, weil sich die Entscheidung über das Schicksal der 
Geiseln kann lange hingezogen haben. Aufserdem darf man einem so verwirrten 
Berichterstatter, als es Theodoret V. 33 ist, wohl ohne Gewissensbisse einen Irr- 
tum der Chronologie zumuten. Endlich beweist die Überschrift der Predigt 
durchaus noch nicht, dafs Gainas bereits aus Constantinopel abgezogen war, viel- 
mehr spricht das Praesens des Redners und seine lebhafte Darstellung dafür, 
dafs die Predigt mitten aus dem Elend der Schreckensherrschaft des Typhos 
heraus gehalten worden ist. Schliefslich mufs noch auf die Verkehrtheit der 
Überschrift hingewiesen werden, welche zwei mindestens ein halbes Jahr ausein- 
anderliegende Ereignisse zusammenwirft. 

^0) 'Orf JSarovQvlvog xal AvQrjhavbg e^wQia&ijaav xai Faiväg i^rjkd'e 
TTJg noXewg xal tzsqI (piXaQyvQiag, 

") Zosim. a. a. O. Socr. und Sozom. a. a. O. 

^*) AiyvnxLOL I. 16. 

*3) Zosim. c. 18 u. f. 

") Philost. XI, 8. 

^5) Dies kann man daraus folgern, dafs Synesius AlyvitriOL II. 4 die zurück- 
gebliebenen in der Hauptstadt „mehr als ein Fünftel" des ganzen Heeres nennt, 
während nach Zosim. c. 19 7000 gefangen wurden. 

^^) Zosim. a. a. O. Vgl. dazu aber c. 19 Anf. 



I20 

in seiner Predigt nach der Heimkehr von Chalcedon ein lebhaftes, 
doch düsteres Bild: „Alles ist voll Furcht, Gefahren, Mifstrauen, Zittern 
und Zagen; keiner glaubt dem anderen, jeder fürchtet den ihm Nahe- 
stehenden; kein Freund scheint sicher, kein Bruder vertrauenswürdig; 
der Bürgerkrieg ergriff alles, nicht der offene, sondern der versteckte. 
Überall unzählige Masken und verstellte Züge; viele Schafspelze, unter 
denen ebenso viele Wölfe verborgen sind, so dafs man schon unter 
den Feinden sicherer lebt, denn unter denen, die Freunde scheinen. 
Die gestern ehrfurchtsvoll grüfsten und die Hand küfsten, sind heute 
plötzlich als Feinde erfunden und mit Wegwerfung der Masken sind 
sie heftiger als alle Ankläger geworden."^®*) 

Versetzen wir uns in die Verhältnisse hinein, wie sie lagen; der 
Kaiser ohnmächtige®^), ein Gefangener seiner Söldlinge im eignen 
Palaste, alle Kasernen und Mauertürme, alle Thore von ihnen besetzt 
und auf Rettung keine Aussicht, so wird man dem Bischof wohl 
Glauben beimessen dürfen, dafs in diesen Tagen der Angst und Auf- 
regung alle Bande der Familie und Freundschaft, und Treue und 
Glauben für immer aufgelöst erschienen. Und wie in der Hauptstadt, 
so wird es auch meist in den zum teil noch wüste liegenden Provinzen 
gewesen sein: Der Westen in den Händen Alarichs, Asien bis zum 
Tigris verwüstet oder von Feinden überschwemmt, auch Africa von den 
Maziken und Auxorianern beunruhigt, e*') 

Wenn nun wenigstens die Civilverwaltung des Reichs in den 
treuen, energischen Händen eines aufrichtigen Patrioten gelegen hätte, 
welcher seinen Unterbeamten einen Teil seines guten Geistes ein- 
hauchte! Aber gerade damals war unter dem Druck des Willens 
des Gainas die arianische Gegenpartei in Constantinopel mit Typ hos 
an der Spitze ans Ruder gekommen und nutzte die ihr gewährte Frist 
zur Bereicherung nach Kräften aus.^^) So wurden die Steuern von 
dem neuen Praefectus praetorio eiligst erhöht, die Provinzen in der- 
selben Weise wie zu Eutrops Zeiten an den Meistbietenden verkauft, 
doch mit der heiklen Neuerung, dafs die Amtsdauer gleich von vorn- 
herein begrenzt wurde, um auch andere bald geniefsen zu lassen, 
längst entschiedene Prozesse ^^) wurden wieder aus den Acten hervor- 



loa) Vgl. Synesius AlyvTtzioi II. i und Socrates VI. 6. 

wb) Die Erhebung der Eudoxia zur Augusta, welche gerade in diesen 
Tagen (am 13. Januar 400. Chron. Pasch.) stattfand, deutet vielleicht auf ein 
energischeres Eingreifen ihrerseits in die Politik. 

") Philost. XI. 8. 

*8) Synesius AlyvTftioi I. c. 16 Ende. 

") Ebend. c. 17. 



121 

geholt und nach Gunst abgeurteilt, um so mehr, da man durch die 
der Schmeichelei und dem Gelde zugängliche Frau des Typhos alles 
erreichen konnte. Auch sammelte er ähnlich wie einst Eutrop einen 
grofsen Schwann von Schmarotzern und Scheinfreunden um sich, und 
es war damals schwer für einen gesinnungstreuen Römer bei seiner 
Überzeugung und Parteistellung auszuharren. 

Um so gröfsere Anerkennung verdient daher des Synesius Ver- 
halten, der von dem Aufstand in Constantinopel überrascht noch 
immer dort weilte und unerschütterlich in seiner Anhänglichkeit an 
Aurelian überall, wo er nur konnte, in der Öffentlichkeit und in 
Privatkreisen Stimmung für ihn machte und an ihn gerichtete Oden zinn 
Vortrag brachte. 20) Einmal wagte er es sogar in einer Versammlung 
auserlesener Männer, unter denen sich Typhos selbst befand, und 
büfste seinen Freimut mit der Entziehung der Erlaubnis, nach seiner 
Vaterstadt zurückkehren zu dürfen. Die Schreckensherrschaft des 
Typhos erreichte aber ihren Höhepunkt, als dieser den Gainas^o*) 
bewog, nunmehr ihrem seit Theodosius so bedrängten Glauben, dem 
arianischen Bekennntnis, wenn nicht zur Herrschaft in Constantinopel, so 
doch zur Gleichberechtigung mit dem katholischen zu verhelfen. Gainas, 
dem neben seinen politischen Zielen auch seine Religion von jeher am 
Herzen gelegen zu haben scheint, da er in früherer Zeit mit dem heiligen 
Nilus über religiöse Fragen einen lebhaften Briefwechsel geführt hatte 21), 
ging auf diese Anregung alsbald ein, begab sich zum Kaisör und 
stellte an ihn das Ansinnen', den Arianern innerhalb der Stadt eine 
Kirche anzuweisen 22), denn es sei höchst unwürdig für ihn als magister 
militum, dafs er aus der Stadt ziehen müsse, um seine Andacht zu 
verrichten. Der Kaiser geriet über diese Forderung von neuem in 
nicht geringe Verlegenheit, da er der Nötigung seines Feldherrn aufser 
seinem Veto nichts entgegenzusetzen hatte, und wer weifs? was ge- 
schehen wäre, wenn ihm hier nicht der Bischof Johannes mit seiner 
überzeugenden, vor nichts zurückschreckenden Beredtsamkeit zu Hülfe 
gekommen wäre. 



^) C. 18. Damals verkündigte ihm der Gott, dafs die Hülfe nahe sei: 
„Wenn die jetzigen Machthaber auch in unserer gottesdienstlichen Feier Neue- 
rungen zu machen versuchen, dann erwarte bald, dafs jene ErdensÖhne durch 
sich selbst verfolgt werden". Doch wer ist der Gott? 

^^) Gainas war Arianer. Theodoret V. 32. Sozom. VIII. 4. 

2») Neander Joh. Chrysost. II. S. 153. n. 34. Vgl. Nili ep. 70, 79, 114, 
116, 205, 206, 286 und Mascov Gesch. der Teutschen S. 336 ff. 

*2) Theodor. V. 32. Sozom. VIII. 3. Ihm nach erzählt Nicephor. XIII. 5, 
AiyvTtxiOL I. 18. Ende. — Socrates schweigt. Vgl. Böhringer a. a. O. S. 54. 
Ludwig S. 38 und 39. 



122 

Denn als er mit Gainas auf die Bitte des Arcadius im Palaste 
eine Zusammenkunft hatte, wandte er sich mit den eindringlichsten 
Worten an denselben, erinnerte ihn an sein Vaterland, wie er als Flücht- 
ling um Aufnahme in die Grenzen des römischen Reichs gebeten 
und aufgenonmien dem Theodosius geschworen habe, er wolle den 
Römern stets Freund und ihm, seinen Kindern und den Gesetzen 
unverbrüchlich treu sein. Dabei zog er die Verfügung des Theo- 
dosius hervor, durch welche den Arianern innerhalb der Stadt Zu- 
sammenkünfte abzuhalten untersagt war, und überredete den Kaiser 
nicht nur dieses, sondern auch die Gesetze gegen die übrigen Häre- 
tiker zu bestätigen, hinzufügend, es sei besser, von dem Throne zu 
weichen als das Gotteshaus zu verraten. Gegen diese hinreifsende 
Beredsamkeit wüfste Gainas nichts Stichhaltiges vorzubringen, und da 
er sich fürchtete, dem ihm von früher her bekannten Bischof, von dem 
er wufste, dafs er die ganze rechtgläubige Einwohnerschaft der Haupt- 
stadt nicht nur, sondern auch des ganzen Reiches auf seiner Seite 
hatte, oifen entgegenzutreten, so stand er, wenn auch unwillig, von 
seinem Vorhaben ab. 

Er hatte offenbar seine eignen Kräfte sowie die der arianischen 
Partei überschätzt, und fing an, da es ihm an einem festen Ziele 
fehlte, in seinen Mafsnahmen hin und her zu schwanken.23) Denn ob- 
wohl es ihm freistand, den Staatsschatz nach Belieben zu benutzen 
und den Kaiser zu beseitigen, suchte er nachts einmal sich des Ver- 
mögens der Geldwechsler in den Wecbselbuden zn bemächtigen und 
ein andermal 24) den Palast des Kaisers anzuzünden. Aber das erstere 
Unternehmen mifsglückte, weil er seine Absicht nicht geheim gehalten 
hatte, während ihn von der anderen im letzten Augenblick eine aber- 
gläubische Scheu zurückhielt, so dafs die dazu designierten Truppen 
unverrichteter Sache wieder in ihre Quartiere abrücken mufsten. Das 
brachte natürlich auf die Gothen einen entmutigenden Eindruck hervor 
und teilte ihnen von der ungewissen Furcht etwas mit, von welcher 
ihr Führer ergriffen war; ihr Stolz und ihr Übermut war gebrochen 
und ging zeitweise in Angst und Kleinmütigkeit über.^^) Sorgte 
Gainas vielleicht, die orthodoxen Bewohner der Hauptstadt würden 
sich auf ein verabredetes Zeichen erheben und allen Fremdlingen in 
einer Nacht den Garaus machen oder hörte er, dafs seine Bundes- 
genossen aufserhalb der Stadt zu der römischen Partei übergegangen 



^^ AlyvTCxiOL II. I. 

2*) Socrat. VI. 6. Sozom. VIU. 4. 

2*) AiyVTtXLOL II. I. 



seien und eine starke Heeresmacht zur Befreiung Constantinopels 
heranrücke 2ß) — genug, er fühlte sich in dessen Mauern nicht mehr 
sicher und ging damit um, sich ohne Aufsehen aus der Stadt zu 
ziehen und in Thracien vom Plündern zu leben. 

Doch sind diese Triebfedern der Mitwelt nicht bekannt geworden, 
80 dafs auch wir von ihren Berichten mehr oder weniger im Stich 
gelassen werden.*'') Darum ist es am sichersten, wenn wir dem Syne- 
sius, welcher alles selbst mit erlebte, vor allen andern Glauben schenken : 
Gainas entfernte sich aus der Stadt, vorgeblich aus Gesundheitsrück- 
sichten oder um in der Kapelle des heiligen Johannes 7 Millien vor 
Constantinopel seine Andacht zu verrichten, und liefs nach und nach 
ungefähr drei Viertel seines ganzen Heeres nachfolgen, so dafs in 
der Stadt noch etwa gegen zehn Tausend zurückblieben, welche eben- 
falls den Befehl erhielten, an einem bestimmten Tage den übrigen 
nachzurücken. Als die geängstigten Bewohner der Hauptstadt ihre 
Zurüstungen sahen, und dafs sie mit Weibern, Kindern und allen 
Kostbarkeiten abzuziehen beabsichtigten, da begriffen sie es noch nicht, 
und verzweifelnd rüsteten sie sich zur Feuerlöschung oder zum Selbst- 
mord, während andere an Flucht zu Schiffe dachten.*^) Die ganze 



26) Nach Socrates VI. 6 war der gröfste Teil des römischen Heeres xaxa 
TtoXsig zerstreut, und nur die Leibwache des Kaisers befand sich noch in der 
Stadt (nach Zosim. c. 19), vielleicht aber waren jene inzwischen zu einem Heere 
zusammengezogen worden. 

^) Nach Zosira. c. 18. Ende, der von der Schreckensherrschaft des Typhos 
nichts weifs, und nach dem es so scheinen würde, als ob Einzug und Auszug sich 
bald gefolgt wären, hatte Gainas einem Teile seiner Soldaten den heimlichen 
Befehl gegeben, dafs, wenn sie die übrigen Truppen ausrücken sähen, sie sich 
sogleich der Stadt bemächtigen sollten. Darauf c. 19, Anf. verliefs er die Stadt, 
angeblich aus Gesundheitsrücksichten und machte in der Umgegend von Constan- 
tinopel 40 Stadien davon entfernt halt , um auf das verabredete Zeichen zurück*- 
zukehren. Philost. XI. 8 sagt : Eine göttliche bewaffnete Macht schreckte ihn 
von seinem Vorhaben die Stadt einzunehmen ab, befreite diese von der Feuers- 
brunst, übergab die Schuldigen dem Gericht und liefs viele getötet werden. Da 
durchbrach Gainas erschreckt die Thorwächter und floh aus der Stadt. — 
Socrates VI. 6 : vnoxQivofisvog yaQ öaifioväv wg ev^ofASVog zb fiaQtvQiov xov 
ccTtoaToXov^Iüxivvov, eTiToc öh ornieloig djiiaxsxo zovro zfjg TtoXswg, xaza- 
Xafißdvsi. — Sozoraen. VIII. 4 : axijTizszai öai/xoväv wg ev^oiievog xazaXafi- 
ßavsi xriv ixxlijaiav, rjv inl zifi^ ^lo>avvov zov ßanziazov 6 zov ßaaiXewg 
nazriQ (pxoöo/xTjös Ttgog z(j) hßö6/ji(p. Twv öe ßaQßagcov oi fihv sfievov, ol 
öh Faivä awe^riBOav, — Vgl. Gibbon VIII. S. 35, der hier sehr kurz und un- 
genau ist. Volkmann a. a. O. Ludwig S. 39 und 40. 

^*) Wir folgen in der Erzählung dieses Strafsenkampfes vorzüglich Synesius 
AlyvTtzioi n. c. I — 3. 



124 

Bevölkerung war daher in fieberhafter Erregung und wartete der 
Dinge, die da kommen sollten. 

Schon ganz in aller Frühe hatte ein armes Bettelweib am 
Blachernenthor 29) ihren altgewohnten Sitz eingenommen und sah von 
ferne, da es bereits Tag geworden war, wie die Gothen nicht auf- 
hörten, aus der Stadt zu ziehen, und dachte, Constantinopel erblicke 
zum letztenmal des Sonnenlicht. Sie warf ihren Becher zur Erde, 
klagte, flehte händeringend zu den Göttern und fiel zu Boden. Da 
eilte ein Gothe, in der Meinung, sie schmähe die Abziehenden, herbei 
ihr den Kopf zu spalten, aber ein inzwischen hinzugetretener Römer 
hieb ihn nieder. Darauf erhob sich ein gewaltiges Geschrei der Gothen, 
und von allen Seiten stürzten Neugierige herbei. Die Barbaren wollten 
die Ihrigen nicht im Stich lassen und liefen, zum teil bereits aus dem 
Thore, wieder zurück, während innerhalb der Mauern ein grofser Volks- 
auflauf sich entwickelte. Alsbald entstand ein heftiger Kampf, in 
dem air der verbissene Groll der unterdrückten Römer zum Ausbruch 
gelangte und der fort und fort an Ausdehnung zunahm; alles, was 
ihm zur Hand war, und die Schwerter der Getöteten ergriff das Volk 
und schlug damit auf die Gothen los, welche weniger zu den regu- 
lären Truppen ^Is zum Train gehörten und an Zahl hinter den Angreifem 
weit zurückblieben. Und je gröfser das Geschrei wurde und im 
Morgennebel durch die Strafsen und Gassen der Stadt drang, desto 
lebendiger wurde es in den Häusern, und ganz Constantinopel, sofern 
es nicht am Gehen gehindert war, eilte von überall her auf den Kampf- 
platz; indes die Barbaren, welche bereits die Landstrafse gewonnen 
hatten, sich um ihre bedrängten Landsleute nicht kümmerten, sondern 
ohne Aufenthalt ihren Marsch fortsetzten und erst in weiterer Ent- 
fernung ein Lager aufschlugen. Als die Gothen nun so ins Gedränge 
kamen und die Gefahr nahe war, dafs sie innerhalb der Stadt abge- 
schnitten würden, da beschlossen sie sich der Thore zu bemächtigen, 
und die, welche draufsen lagerten, herbeizurufen. Aber das Volk 
behielt die Oberhand und stimmte den Siegesgesang an, was die 



*ö) Das folgere ich daraus, dafs nach Sozom. die Kapelle des Johannes 
Bapt. am Hebdomon lag. — Wenn übrigens Socrat. und Sozom. a. a. O. von 
verborgenen "Waffen reden, welche die Gothen mit sich hinausnahmen, so ist 
nicht verständlich, warum sie, die Herren der Stadt, sich so ängstlich er- 
wiesen. Zosim. c. 19 läfst den Gainas in barbarischer Hitze das verabredete 
Zeichen nicht abwarten und durch seinen verfrühten Angriff auf die Stadt die 
Bewohner erwecken, welche nicht nur die Barbaren innerhalb überwältigen, 
sondern auch seinen Sturm auf die Mauern abschlagen. Vgl. Eunap frgm. 79. 
Joh. Antioch. frgm. 190. 



125 

Gothen aufserhalb der Stadt glauben machte , die Ihrigen seien im 
Vorteil. Einer jedoch von den Eingeschlossenen entwischte aus dem 
Thore und klärte die Stammesgenossen draufsen über den wahren 
Sachverhalt auf, da wollten diese die Mauer durchbrechen und die 
Stadt erstürmen, aber ihre Angriffe waren ohne Erfolg, und so wurden 
die Gothen in der Stadt immer mehr in die Enge getrieben; denn 
das wütende Volk, das inzwischen Waffen erhalten hatte, schofs, hieb 
und stach sie einzeln oder zu mehreren nieder. 

So blieben noch ungefähr sieben Tausend^®) übrig, welche, da 
die Thore geschlossen waren, keinen anderen Ausweg sahen, als in 
die Stadt zurückzukehren und sich bis zu ihrer Kirche'*) durchzu- 
schlagen, um in derselben das Asylrecht in Anspruch zu nehmen. 
Es gelang ihnen auch wirklich bis in die Nähe des kaiserlichen Pa- 
lastes vorzudringen und das schätzende Gotteshaus zu erreichen. Aber 
nun eilte die Menge stürmisch zu Arcadius und erzwang sich den 
Befehl, da es anders nicht möglich war, sich der gefangenen Barbaren 
an geweihter Stätte zu entledigen. Da aber ein jeder vor einem 
offenen Kampfe mit den verzweifelten Kriegern zurückschreckte, so 
wurde ein Teil des Kirchendaches abgedeckt und brennende Scheite ^2) 
und Steine auf die Fremdlinge herabgeworfen, bis sie allesamt um- 
gekommen waren. 

Vergeblich hatte Typhos dies Schicksal von seinen Glaubensge- 
nossen abzuwenden versucht; vergeblich hatte er den Arcadius ge- 
beten, Friedensunterhandlungen mit den Gothen draufsen anzuknüpfen, 
um sie wieder in die Stadt einzulassen, aber das Volk übergab ihm 
die Thore nicht ''), und so ging seine Schreckensherrschaft nach kurzem 
Bestand zu Ende. Es war der 1 2. Juli 399 3*) ! Heifse Dankgebete 
für die ungeahnte Rettung und die Befreiung der Hauptstadt stiegen 
aus den Herzen der homoousianischen Bewohner an diesem Tage zu 
Gott empor, welche der Bischof Johannes in seiner Sophienkirche 



30) Zosim. c. 19. TtXiov ij hTCtaxiaxl^toi. 

3*) Zosim. ebend. ^ 7ili]olov iarl xwv ßaaiXslwv. Sozom. a. a. O. rr^v 
xalov/xivijv xwv Ford^wv ixxXrjaiav SfjininQwoiv. Socrat. a. a. O. tisqI rr^v 
ixxXrjalav rwv Fotd-wv ivravS'a yaQ ndvrsg 01 vnoXeKpd-ivxeq avvrjd'Qoi- 
odTjoav. Marcell. Com. coepto adversus Byzantios proelio plurimi hostium cadunt, 
caeteri fugientes ecclesiae nostrae succedunt. 

3*) Zosim. a. a. O. Marcell. Com. fahrt fort: ibique retecto ecclesiae cul- 
mine iactisque desuper lapidibus obruuntur. 

^) Synesius a. a. O. 

^) Chron. Pasch. 400 : In demselben Jahre wurden viele Gothen getötet 
iv X(p daifJLOfiaxeXXiip. Es verbiannte die Kirche der Gothen mit einer grofsen 
Menge Christen am 12. Juli. Vgl. zu diesem Datum Cap. VI. Anm. 26. II. 



126 

versammelte • und in begeisterter Predigt zum Preis dessen , der die 
Geschicke der Menschen lenkt, aufforderte.*^) Er gedachte dabei 
auch jener drei Männer, die, ein Opfer ihrer Überzeugung und ihres 
Patriotismus geworden, fem der Heimat von dem Umschwung nichts 
wufsten, und sprach die gewisse Hoffnung aus, dafs sie bald wieder 
in Constantinopel weilen würden. 

Aber noch waren die Verhältnisse nicht geklärt, noch stand 
Gainas mit ziemlicher Heeresmacht nicht weit von den Mauern ent- 
fernt, darum liefs Arcadius vorläufig noch den Typhos im Amte, das 
derselbe nun um so schamloser zur Ansammlung von Geld ausnutzte. 
Auch Johannes suchte er durch Schmeichelei und Geschenke auf seine 
Seite zu ziehen, während seine geheimen Boten den Gainas zur Rück- 
kehr zu bestimmen trachteten. Aber zwischen diesem und dem Kaiser 
war nunmehr die letzte Brücke abgebrochen *ß), seine Absicht war 
vielleicht bis dahin auf eine Änderung der Verfassung zu gunsten der 
Germanen und der Gesetze zu gunsten der Arianer ausgegangen, jetzt 
aber, nachdem er Constantinopel verlassen, erschien er allen als offener 
Reichsfeind, und so ward auch Typhos wegen seiner verräterischen 
Verbindung mit ihm selbst dem schlechtesten Römer verabscheuungs- 
würdig. Endlich konnte der Kaiser es wagen, 'eine aufserordent- 
liche Commission zur Untersuchung seiner Vergehen einzusetzen. Da 
traten nun alle seine Unthaten zu tage ; das vertraute Verhältnis zwischen 
seiner und Gainas Frau, sein Verkehr mit den Verschnittenen und 
Angebern, welche vor kurzem noch auf seinen Befehl das Ärgste gegen 
Aurelian und dessen Gattin ausgesagt hatten; die Besetzung der ge- 
eignetsten strategischen Punkte auf Typhos Rat durch die Barbaren 
und endlich sein Plan, die Gothen wieder nach Asien hinüber zu 
bringen. Daher wurde er zunächst zu Gefängnis verurteilt, während 
die endgiltige Strafe erst später durch ein zweites Gericht festgesetzt 
werden sollte. 

Inzwischen versuchte Gainas vergeblich mit seinen Scharen 
Thracien durch einen Plünderungszug zu verheeren, nachdem er vom 
Kaiser für einen Feind des Vaterlandes erklärt worden war 3''); denn 
er fand die Städte überall befestigt und die Beamten wie Bewohner 
zu tapferer Verteidigung bereit. Wachsam geworden durch die früheren 
Angriffe der Barbaren und angefeuert durch den Erfolg in Constantinopel 
nahmen sie den Kampf mit einer Begeisterung auf, wie sie lange nicht 



36) AiyvnxLOt II. 3. 

36) Zosira. c. 19 : Faivriq fihv ovv xfjq ovro) fjisyloTTjq iyxsi^aecog äito- 
a(paXslg ijörj ngoipavwq xov xaxa xfjq TioXixslaq dve^^iTti^e TtoXeßOV. 

3') Socrat. IV. 6. (pavsQov nolifiiov xi]QvSciq sivai xov Faivav, vgl. Sozom. 



127 

mehr bei diesen den Waffen entwöhnten Bürgern zu tage getreten 
war ; dazu hatten sie Zeit gehabt ihre Früchte, Tiere und Gerätschaften 
vorweg in Sicherheit zu bringen, so dafs Gainas nichts weiter fand 
als das kahle, nur mit Stoppeln bedeckte Feldes), und daher beschlofs 
über den Hellespont nach Asien zurückzukehren. Aber schon vorher 
hatte sich Arcadius und der Senat von Neu-Rom ermannt und zum Ober- 
befehlshaber der römischen Streitkräfte eben jenen Heiden Fravitta^^) 
ernannt, der bereits Theodosius I. die Treue sogar gegen seine 
Landsleute bewiesen hatte. Er war ein Gothe, doch mit einer Römerin 
verheiratet, besafs einen biederen, offenen Charakter und hatte sich 
in sqjner langer Dienstzeit eine tüchtige Kriegskenntnis und Erfahrung 
angeeignet, welche er bereits in einem Kriege gegen aufständische 
Räuberhorden in Cilicien bis Palästina glänzend bewährt hatte. Leider 
gingen seine Körperkräfte bereits zu Ende, doch bewahrte er in diesem 
Kriege^®) nach wie vor seine alte Schneidigkeit 

Seine Aufgabe war, dem Gainas den Übergang nach Asien zu 
verlegen, er nahm deshalb auf asiatischem Boden am Hellespont diesem 
gegenüber eine abwartende Stellung ein und übte seine Truppen 
durch fortwährende Scharmützel in so anregender Weise, dafs sie 
allmählich über des Gainas Zögern unwillig wurden und sich nach 
einer Feldschlacht sehnten. Aber Fravitta erlahmte nicht, Tag und 
Nacht war er auf dem Posten, sein eigenes Lager inspicierend und 
die feindlichen Bewegungen beobachtend, ja selbst für eine ausreichende 
Flotte von sogenannten Libumiern sorgte er. Mit Hülfe derselben 
recognoscierte er die Stellung des Feindes, der seine Scharen an der 
ganzen Küste des Chersonnes von Parium bis gegenüber von Abydos 
ausgedehnt hatte, zu jeder Zeit. 

Da Gainas allmählich durch den Mangel an Lebensmitteln in 
grofse Not geriet, wurde er gezwungen wohl oder übel den Versuch 
einer Landung in Asien zu machen. Er liefs zu dem Zwecke in den 
Wäldern der Halbinsel passende Bäume fällen und aus denselben 
grofse Flöfse zimmern*^), denn die Kunst des Schiffbaues war nur 
den Römern eigentümlich, und aufserdem hätte es ihm bei seiner 
Lage an Zeit gefehlt Auf diese brachte er darauf Soldaten und Pferde 



38) Zosim. V. 19 Ende. Philost. XI. 8. 

^^) Zosim. V. 20. Eunap frgm. 80. Philost. ebend. Socr. und Sozom. a. a. O. 
Vgl. cap. V. Anm. 6. 

*o) Allein genau überliefert durch Zosim. c. 20 und 21. Daneben Socrat. 
und Sozom. a. a. O. 

^*) Vgl. Socrat. axs6iag avfJLTCriiavxsq, Sozom. inl axsöiwv ineiQwvro 
öt€9C7ikslv Tov hUJianovxov. 



128 

und überliefs sie, ohne Steuer und ohne Ruder wie sie waren, der 
Führung der Strömung in der Meerenge. Er selbst blieb am Ufer 
zurück, fest auf den Sieg vertrauend, da er die Römer seinen Truppen 
nicht für gewachsen hielt. Fravitta aber, dem dieser Angriff nicht 
unerwartet kam, hatte seine Vorbereitungen bereits getroffen und liefs 
seine mit eisernen Widdern versehenen Schiffe etwas von der Küste 
sich entfernen, um mehr Raum zum Manövrieren zu gewinnen.*2j 
Als er aber bemerkte, dafs seine Gegner in der Gewalt der Strömung 
sich befanden, da rannte er -mit seinem Admiralschiff zunächst das 
erste Flofs in den Grund und versenkte es mitsammt den Insassen. 
Seine anderen Schiffe ahmten diese Kampfesweise nach und vemicljfeten 
teils durch Stofs teils durch Speerschiefsen die übrigen Feinde. 

Da sah Gainas ein, dafs er sich auf einen Kampf nicht einlassen 
dürfe, und zog sich in das innere Thracien zurück, nicht verfolgt von 
Fravitta, der mit seinem entscheidenden Erfolg vollständig zufrieden 
gestellt war. Gleichwohl gelang es dem geschlagenen Gainas nicht, 
ein neues Heer, um sich zu scharen, seine Truppen wurden durch 
Desertion von Tag zu Tag schwächer, und so floh er denn durch 
das ausgeraubte Thracien zum Ister, und nachdem er die Römer, 
welche ihm bis dahin gefolgt waren, aus Argwohn getötet hatte, über- 
schritt er den Flufs*^), um in seiner Heimat den Rest seines Lebens 
zu verbringen. Aber auf diesem Wege geriet er in das Gebiet des 
Hunnenkönigs Uldes, dem sein Vorhaben eine Gefahr für die Zukunft 
in sich zu schliefsen schien. Daher verlegte er, auch um sich dem 
Kaiser gefallig zu erweisen, dem verwegenen Abenteurer den 
Weg und lieferte ihm mehrere Gefechte, in deren letztem Gainas 
endlich tapfer kämpfend sein Leben verlor. Zum Beweise dieser That- 
sache sandte Uldes das abgeschlagene Haupt auf einer Lanze nach 
Constantinopel , wo es zu allgemeiner Freude im Monat Februar 401 
anlangte.44) 



*^) Nach den Kirchenhistorikem kam noch ein plötzlich eintretender l^e^vQog 
den Römern zu Hülfe. 

*3) So Zosim. c. 21 Ende. Nach Philost. a. a. O. wurde G. schon in den 
höheren Teilen Traciens getötet. 

**) Zosim. c. 22 bringt die Thatsache. — Die Chronologie der beiden 
Ereignisse liegt dagegen im argen : Marc. Com. berichtet die Seeschlacht zu dem 
Jahre 400 und fügt hinzu, dafs Gainas noch desselben Jahres im Februar getötet 
wurde. Er fahrt dann zu 401 fort: Sein Haupt wurde nach Constantinopel ge- 
bracht. Chron. Pasch, läfst den Kampf im Hellespont am 23. Dez. 400 stattfinden 
und den Kopf des Gainas bereits am 3. Jan. 40 1 in Constant. sein. Unmöglich! 
Tillem. note 28 sur Arcade erklärt das erste Datum für falsch, weil Fravitta erst 
nach der Schlacht zum Consul designiert wurde. • Clinton fast. Rom. zu 400: 



129 

Dort hatte inzwischen Fravitta unbekümmert um die Vorwürfe, 
die man ihm machte: Dafs er wohl zu siegen verstehe, aber nicht 
den Sieg zu benutzen; dafs er als Barbar dem Barbaren Flucht und 
Rettung ermöglicht habe, zum Ärger seiner Neider und Feinde seinen 
feierlichen Einzug in Constantinopel gehalten und strahlend vor Freude 
dem Kaiser persönlich vom Siege Mitteilung gemacht Er sprach bei 
dieser Gelegenheit Worte, welche von seinem Freimut ein deutliches 
Zeugnis ablegen: „Was ein Gott einem Gotte, wenn er will, zu geben 
vermag, so viel hat er dir, o Kaiser, gegeben! und dieses Ereignis 
ist nicht unwürdig des römischen Namens." Arcadius aber neigte 
sich gnädig dazu, von der Einfachheit der Worte angenehm berührt, 
und forderte ihn deshalb auf, eine Bitte auszusprechen. Da bat Fravitta 
um die Erlaubnis, es möge ihm gestattet sein, Gott nach väterlicher 
Weise zu verehren, und Arcadius gewährte es ihm, doch ernannte er 
ihn, um ihn noch mehr zu belohnen, zum Consul des Jahres 401, eine 
Nachricht, die wir deshalb als wahr hinnehmen können, weil die 
Verwirrung der letzten Monde eine frühere Ernennung nicht zugelassen 
hatte.***) Doch scheint der hochverdiente Mann, der auch den durch 
flüchtige Sklaven und Gainas Deserteure hervorgerufenen Aufstand in 
Thracien noch überwältigte*^), bald ein nicht ganz natürliches Ende 
genonmien zu haben **), über das uns die dürftigen Quellen etwas im 
Dunkeln lassen, jedenfalls ist er in der ferneren Geschichte des Orients 
nicht mehr hervorgetreten. 

Aber sicherlich noch vor Gainas Tod waren auch die drei 
verbannten Patrioten Aurelian, Satumin und Johannes wieder 
nach Constantinopel zurückgekehrt**^); und besonders Aurelian wurde 
von der freudigen Bevölkerung auf das ehrenvollste eingeholt. Mit 



we may read tcqo iS^ xaXavö. ^lav. = 14. Dez. Derselbe verändert auch zu 401 
die Überlieferung im Chron. Pasch, in y ^JoJv =. 1 1 . Januar, um mehr Zeit zu 
gewinnen. Aber da Marc. Com. und Chron. Pasch, zu 401 berichten, dafs das 
Meer 20 resp. 30 Tage gefroren war, was in diesen Gegenden nur im Januar 
möglich ist, so kann das Datum der Seeschlacht nicht über den 23. Dec. hinaus- 
gelegt werden, sondern mufs bestehen bleiben. Dagegen nehme ich mit Marcell. 
Com. (der es allerdings Veim falschen Jahre bringt) an, dafs Gainas Anf. Febr. 
getötet wurde und dafs sein Kopf Ende Februar in der Hauptstadt anlangte. — 
Nach Socr. und Sozom. übrigens fiel Gainas durch andere römische Scharen in 
Thracien. 

^•a) Zosim. c. 21. Joh. Antioch. frgm. 190. Am ausführlichsten Eunap 
frgm. 80. Sozom. c. 4 am Ende. 

•*) Zosim. c. 22. 

*^) Das ist das Einzige, was man dem sonst nicht ganz verständlichen 
Fragmente 85. des Eunap entnehmen kann. 

*') Zosim. c. 23. Synesius Aiyvmioi II. 4. 

9 



»30 

Kränzen geschmückt, so führten sie ihn in die Stadt hinein, und 
Fackelzüge und Nachtfeste wurden ihm zu Ehren unter allgemeiner 
Teilnahme veranstaltet, ja das Jahr wurde nach seinem Namen 
benannt (400).^^) Er entzog auch den gefangenen und vom Elend 
gebrochenen Bruder Typhos der Wut des gereizten Volkes, doch, wo 
dieser dann geblieben, das ist von Synesius nicht mehr überliefert 
worden. Er deutet in seinem Mythos nur noch an, dafs Aurelian 
nicht sofort wieder zur Leitung der Geschäfte (d. h. als Praefectus 
praetorio) berufen wurde *ö), sondern' für einige Zeit zurückgezogen 
lebte, bis die verbitterte Stimmung zwischen Germanen und Römern 
allmählich einer freundlicheren Platz gemacht hätte — Nachrichten, 
welche sich durchaus im weiteren Verlaufe der Erzählung bestätigen 
werden, ■ — und dals inzwischen andere Staatsmänner von weniger 
hervortretender Abneigung gegen die Fremdlinge fürerst die Regierung 
übernahmen. 

Überblicken wir aber den Verlauf dieser Episode, den unbedeutend 
scheinenden Anfang .der Bewegimg, die dann immer gewaltigere 
Ausdehnung, die sie annahm, wie nach und nach das ganze Germanen- 
tum in Mitleidenschaft und in den Kampf gegen das Römertum 
gezogen wurde, so müssen wir vor allem die höhere Fügung darin 
erkennen. Denn die Macht, eine gänzliche Umwälzung im Staate 
hervorzurufen oder wenigstens sich eine den Westgothen ähnliche, 
unabhängige Stellung zu erobern, hat Gainas sicherlich gehabt, und 
wenn er in seinem Vorhaben scheiterte, so lag das an seinem eignen 
unentschlossenen Wesen, der Ungleichheit und Stammesverschieden- 
heit der ihm unterstellten Truppen, sodann aber an. dem passiven 
Widerstand, welchen das orientalische Reich mit seinen weitgespannten 
Grenzen, seinen beschwerlichen Bodenverhältnissen und den vielen festen 
Städten ^^), und endlich der teils im politischen, teils im religiösen Gegen- 
satz wurzelnde schliefsliche Aufschwung der gesamten Bevölkerung den 
Feinden entgegenstellte. Mit Recht ist dieser Kampf, von dem sich ein 
langsames Zurückgehen des germanischen Elementes mit Sicherheit ver- 
folgen läfst, wie die meist echt römischen Namen der Heerführer der 
Folgezeit beweisen, als ein Wendepunkt in der Geschichte des Ost- 
reichs aufgefafst worden, denn die verhältnismäfsig leichte Art, 
mit welcher es sich seines mächtigen Gegners entledigte, hat gewifs 



") Vgl. cap. V. Anm. 26. II. 
") n. 5. 

^) Vgl. Finlay I. S. 149. Hertzberg Geschichte Griechenlands seit dem 
Absterben des antiken Lebens bis zur Gegenwart I. S. 58. Kaufmann a. a. O. 
I. S. 312 und 313. 



13« 

Alarich und andere Germanen abgeschreckt, von neuem gegen dasselbe 
vorzugehen. Die Begeisterung und der Stolz, welche damals die römische 
Welt nach langer Zeit wieder erfüllten, haben aber auch in der 
Poesie ihren Widerhall gefunden: Ein Schüler des Troilus, der 
Scholasticus Eusebius, hat als Augenzeuge den Krieg in seiner vier 
Bücher umfassenden Gainea in Hexametern besungen, und siebenund- 
dreifsig Jahre später trug Ammonius unter grofsem Beifall Theodosius II. 
denselben Gegenstand in neuer Bearbeitung vor.^*) Vor allem aber 
hat uns Synesius in seiner Schrift „die Ägypter oder über die Vorsehung", 
einer Art allegorisch-philosophischen Romans mit historischem Hinter- 
grunde, ein Zeitgemälde von höchster Wahrheitsliebe und Treue hinter- 
lassen, bei dem wir nur das eine zu bedauern haben, dafs wegen der 
mystischen Form, in der es verfafst ist, uns manches unverständlich 
bleibt und nur geahnt werden kann. Er schrieb den ersten Teil 
zugleich mit den Ereignissen selbst, während er den zweiten auf 
Wunsch seiner Freimde, denen der erste sehr gefiel, später erst 
hinzugefügt hat*^) 



Achtes Kapitel. 

Alarich und Westrom in den Jahren 401 — 403. — Arcadius und seine Familie. 
— Geburt und Taufe Theodosius II. — Johannes Chrysostomus* Verhältnis zur 
Gemeinde und dem Clerus. — Reise nach Ephesus. — Streit mit Severian von 
Gabala. — Eifersucht der alexandrinischen Patriarchen auf den Bischof von Con- 
stantinopel. — Charakteristik des Theophilus. — Richtung der alexandrinischen 
Kirche. — Theophilus und die Mönche von Nitria. — »Die langen Brüder" in 
Constantinopel. — Eudoxia nimmt sich ihrer an. — Johannes und Epiphanius 
von Constantia. — Johannes Predigt gegen die Frauen. — Theophilus kommt 
nach Constantinopel. — Synode inl ÖQvv bei Chalcedon. — Absetzung und Ab- 
führung des Johannes. 

Die Frage liegt nahe, warum Alarich sowohl während der Spannung 
zwischen den beiden Reichen zur Zeit des Gildonischen Krieges als 
auch besonders während der Erhebung des Tribigild und Gainas sich 
ruhig in seinen Grenzen verhielt und die Gelegenheit im trüben zu 
fischen an sich unbenutzt vorübergehen liefs. Für die Zeit der Unruhen 
des Gildo ist sie leichter zu beantworten, denn erst wenige Monate 



»») Socrates VI. 6. 

**) Vgl. die TiQod-ewQla. Synesius war noch Ende 400 in Constantinopel; 
denn er sagt ep. 61, er habe sich einen Teppich geliehen, oTir^vlxa fxs tiqo tc5v 
fieydkwv aQxeioiv eöei xad-svösiv — AvQrjXiavöv (piXovavÖQa xal vnaxov 
dtpelq aTCQoaavörjTov. Vgl. De insomn. p. 148 C. Clinton fast. Rom. zu 400. 

9* 



132 

vorher war der Vertrag zwischen ihm und Ostrom abgeschlossen 
worden und der Reiz der hohen Stellung, welche ihm bewilligt war, 
noch zu grofs, als dafs er an einen erneuten Aufstand denken mochte. 
Dazu mufste er sich billig fragen, — und dies Moment beantwortet 
auch das zweite — welche erstrebenswerten Vorteile ihm ein solcher 
im oströmischen Reich bieten konnte? Mit dem Range eines magister 
militum, der ihm verliehen worden war, durfte er wohl zufrieden sein, 
und auch das Landgebiet, welches seinen Gothen abgetreten wurde, 
war seiner räumlichen Ausdehnung nach vollständig für sie ausreichend, 
ergiebigere Gegenden aber konnte er in Europa auf der Balkanhalb- 
insel nur vergeblich suchen, da er selbst die ganze Illyrische Praefectur 
gänzlich verwüstet hatte, und die Verheerung des östlichen Thraciens bis 
Constantinopel seit 379 nur selten jahrelang autgehört hatte ; an Asien 
endlich hatte er gewifs nie gedacht, und dies wurde gerade im Auf- 
stand des Tribigild auf das entsetzlichste mitgenommen. Es hielt ihn, 
die Ostgothen und ihr Vorhaben zu unterstützen, femer eine 
gewisse Eifersucht gegen Gainas ab, dessen Verhältnis von dem 
seinigen zum Reich ebenso grundverschieden war wie das der unter 
Alarich lebenden freien Westgothen von dem der dem Gainas unter- 
stellten fremdländischen, römischen Söldner. Und was würde eine 
solche Unterstützung zur Folge gehabt haben ^)? Schliefslich doch 
nur eine erneute Auseinandersetzung zwischen ihm und Gainas, bei 
der am Ende das Ostreich bei kluger Benutzung der Umstände wieder 
gewann, um so mehr, als es in diesem Kampfe seine' wirksamste Macht 
im römischen Nationalgefühl hatte. 

Grade nun das Hervorbrechen dieser bis dahin nie so stark 
hervortretenden Erscheinung wird aber auf Alarich t»), nachdem er 
einmal darauf verzichtet hatte, in die Ereignisse mit einzugreifen, seinen 
Eindruck nicht verfehlt haben. Denn er mufste sich selbst sagen, dafs 
auch seine ganze Stellung im Ostreich und besonders seine richter- 
liche Thätigkeit und Ausnutzung der Hülfsquellen lllyricums nicht 
minder als das übermütige Auftreten der germanischen Soldateska 
allen wirklich römisch Gesinnten von ganzem Herzen zuwider und ein 
Dorn im Auge sei, und dafs, nachdem das Ostreich der ostgothischen 
Erhebung nach so kurzer Zeit in der glänzendsten Weise Herr geworden, 
auch das Verhältnis desselben zu ihm nicht mehr das gleiche, entgegen- 



^) Vgl. zu dieser Auffassung Köpke Anf. des Königt. bei den Gothen 
S. 128 und 129, und Hertzberg Gesch. Griech. HI. S. 412 fF. 

.*a) Doch hat schwerlich, wie Dahn Urgeschichte I. S. 337 will, das Mifs- 
verhältnis zwischen Römern und Germanen schon Alarichs erste Erhebung mit 
hervorgerufen. 



^33 

kommende bleiben werde. Aus allen diesen Gründen war es natürlich» 
dafs der Gothenkönig sich hier an der Grenzscheide der beiden 
Reiche nicht mehr wohl fühlte und jeden Ausweg, aus seiner drücken- 
den Lage herauszukommen, mit Freuden einschlug. 

Es gab aber eigentlich für ihn nur einen einzigen, nämlich den 
nach Westen, und der ging durch Italien, wo Stilicho gebot. Doch 
das schreckte ihn nicht, wenngleich er bereits zweimal im Felde vor 
ihm gewichen war, und im schlimmsten Falle brachte ein schneller 
Beutezug immerhin pekuniären Vorteil. Dazu wufste er sehr wohl, 
dafs die gewaltige Heeresmacht des Westreichs über eben so gewaltige 
Gebiete zerstreut war und eine weit längere Grenzlinie zu beschirmen 
hatte als das oströmische Kriegsvolk, welche oft genug Stilichos 
Anwesenheit wegen aufständischer Bewegungen der unterworfenen und 
bundesgenössischen Volksstämme erforderte, besonders in Gallien und 
Raetien. Endlich mag auch Eutrop selbst noch seine Augen auf 
den reicheren Occident gelenkt haben, obwohl es an einem ausdrück- 
lichen Zeugnis dafür mangelt; jedenfalls aber hatte er bei der fort- 
gesetzt mifstrauischen Haltung der beiden Brüder vom Ostreich keine 
Abhaltung zu fürchten.^) 

So suchte Alarich denn noch in demselben Jahre 401 3), in 
welchem das Haupt des Gainas von Hunnenhand gefällt in Constantinopel 
anlangte, zum erstenmale das Westreich mit seinen beutelüstemen 
Scharen heim, indem er am 18. Novemb. die Grenze Italiens über- 
schritt; er zog die aus Theodosius Zügen ihm wohlbekannte Strafse 
durch Bosnien zum Istrischen Einschnitt des adriatischen Meeres und 
erzwang den Durchgang durch den , wie es scheint , nur schwach 
besetzten Pafs ad Pyrum bei Hrudschizza.*) Er hatte insofern die 
Zeit günstig gewählt, als Stilicho zur Beruhigung eines in Raetien 



2) Vgl. Claudian Bell. Get. v. 566 ff. 

3) Über Alarichs i . Zug nach Italien vgl. Gibbon VIT. Aschbach S. 72 ff. 
Köpke S. 125. Dahn Könige V. S. 36 ff. Kaufmann S. 313 — 315. v. Wietersheim 
S. 124 ff. Hertzberg S. 414. Sievers S. 368 ff. — Das Datum — 18. Nov. 401 — 
nehme ich mit dem Chronographen von Ravenna gegen Prosper Aquit. und Jor- 
dan, c. 29 an, welche den Einfall Stilicone et Aureliano coss. (400) stattfinden 
lassen. Dasselbe hat auch Köpke, v. Wietersheim und Kaufmann a. a. O. gethan, 
während Aschbach und Dahn den Zug noch 400 ansetzen. Endlich hat auch 
O. Seeck im i. Heft der Forsch, zur deutsch. Geschichte 1884: „Die Zeit der 
Schlachten bei Pollentia und Verona" die Wahrscheinlichkeit der ersten Ansicht 
erwiesen. Vgl. Volz: Über das Jahr der Schlacht bei Pollentia. Progr. Cöslin 1864. 

*) Vgl. V. Czoernig Das Land Görz und Gradisca S. 162. Die Station 
ad Pyrum ist der niedrigste Pafs des Bimbaumerwaldes ii^ den Julischen 
Alpen. 



134 

ausgebrochenen Aufstandes von Italien abwesend war^), und daher 
erklären sich auch seine ersten Erfolge. An den Ufern des sagen- 
berühmten Timavus ^) mit verschwindendem Laufe in der Nähe des 
Frigidus, wo er selbst vor wenig Jahren unter Theodosius seine ersten 
WafFenthaten vollführt hatte, schlug er das ihm hier erst entgegen- 
tretende römische Heer in die Flucht und schlofs darauf das vor 
seiner Übermacht zitternde, aber durch seine strategische Lage und 
WafFenfabriken aufserordentlich wichtige Aquileia ein.*^) Die geschlagenen 
römischen Truppen, verstärkt durch neuen Zuzug, suchten vergeblich 
ihm den Übergang über die Etsch und die Strafse nach Mailand zu 
verlegen, wohin sich der junge, unkriegerische Kaiser Honorius schon 
vor Alarichs Ankunft in Italien aus seiner vielgeliebten, durch Sumpf 
und Mauern geschirmten Residenz Ravenna begeben hatte.^) 

Ganz Italien ergriff der Schrecken, welches seit vielen Jahr- 
hunderten feindliche Germanen auf seinem Boden nicht erblickt hatte, 
schalt auf den regenlosen Winter, der die gewohnte Überschwemmung 
des Po und seiner Nebenflüsse zu unrechter Zeit einstellte*), und 
Rom fing an, seine verfallenen Mauern auszubessern. *oj Da konnte 
allein nur Stilicho, wie schon oft, die Hülfe bringen, und er brachte 
sie. Schon lagen die siegreichen Westgothen ganz nahe der uralten 
Kulturstätte der Kelten, Mediolanum, und der wachsame Posten auf 
ihren Mauern konnte am Abend die zahllosen Wachtfeuer wie einen 
feurigen Ring ringsherum erblicken^*); aber der Kühnheit und Umsicht 
eines Stilicho war kein Feind zu stark, kein Flufs zu tief. Schnell 
hatte er im Winter 401/402 den Aufstand gedämpft, und die bundes- 
genössischen Hülfsvölker zu sofortiger Heeresfolge bewogen, während 



») Claud. Bell. Get. 278: 

Non si perfidia nacti penetrabile tempus 
Irrupere Getae, nostras dum Rhaetia vires 
Occupat atque alio desudant Marte cohortes, 
Idcirco spes omnis abit. 
6) V. 575 fr. Vgl. Kiepert a. a. O. S. 386. 

') Weiter darf man mit Kaufmann wohl nicht gehen, da an eine schnelle 
Eroberung des festen Platzes ohne Verrat, wie Wietersh. will, nicht zu denken ist. 
*) Man kann seine Anwesenheit in Mailand auf Grund des Cod. Theod. 
vom 27. November 400 (I. 5, 13) nachweisen. Er ist erst wieder in Ravenna 
6. Dez. 402. Cod. Theod. VII. 13, 15. Aschbachs Behauptung S. 72. Anm. 62, Gibbon 
habe die Anwesenheit des Honorius in Ligurien nur erdichtet, ist daher unge- 
recht und durch seine falsche Chronologie hervorgerufen, 
ö) Bell. Get. 47 ff. 
w) v. 521 ff. 
") v. 44ff. 



135 

seine Eilboten die Legionen aus Gallien, ja aus Britannien herbeiriefen **^), 
um nur Italien zu retten. Mit dem Vortrapp kam er eilends und 
noch zu rechter Zeit zurück, durchbrach die Vorpostenkette, durch- 
schwamm den Strom und hauchte der entmutigten Besatzung von 
Mailand neuen Kampfesmut und neue Siegeszuversicht ein.*^) 

Doch mufste der Kaiser vorläufig die Stadt verlassen und sich 
weiter westwärts nach Asti, in der Nähe des Tanarus ^^), begeben, um 
den über die Seealpen führenden Pässen nahe zu sein, über welche 
die gallischen Legionen herbeiziehen sollten. Aber auch Alarich 
folgte mit seinen Scharen, berannte vergeblich Asti und lagerte sich 
an dem genannten Flusse bei Pollentia, wo er am Ostertage -6. April«- 
402 *^) einen friedlichen, gottgeweihten Tag verleben zu können meinte. 
Trotz der Heiligkeit des Tages und vielleicht, um die Gothen zu 
überrumpeln, griff Stilicho gerade an diesem an. Die von dem aus 
Theodosius Zug gegen Eugen rühmlichst bekannten Saul geführte 
alanische Reiterei begann als Avantgarde voreilig den Kampf, erlitt 
aber trotz der alle übertreffenden Tapferkeit des Saul nach dessen 
ruhmvollem Tode eine Schlappe und geriet in Verwirrung. Da 
führte Stilicho, ohne einen Augenblick seine Besonnenheit zu verlieren, 
seine Legionen ins Treffen, stellte es wieder her und zwang die 
Gothen zum Weichen. Selbst das gothische Lager mit den Gefangenen 
und der bisher gemachten Kriegsbeute fiel in seine Hände. Gleich- 
wohl fühlte er sich nicht stark genug den Feind zu verfolgen und 
aus Italien zu treiben; er suchte dies vielmehr auf diplomatischem 
Wege zu erreichen und schlofs mit Alarich Waffenstillstand oder 
Frieden, der allerdings von den Gothen durch einen hinterlistigen 
Angriff auf Verona i^) wieder gebrochen wurde. Noch einmal mufste 
daher Stilicho über den Po und an der Etsch mit Alarich einen 
entscheidenden Kampf bestehen, in dem der letztere ähnlich wie in 
Thessalien und Arcadien von Stilicho völlig eingeschlossen wurde, 
aber — merkwürdigerweise wieder wie dort, schliefslich, auf Grund 
eines neuen Vertrages, über die Alpen, in die Heimat entkam.^') 



*2) V. 414 und 430. 

*3) VI. cons. Hon. 45 3 ff. 

") Aurel. Prudentius contra Symmach. lib. II. v. 707 ff. Claud. VI. cons. 
Hon. 204. 

**) Die Berichte über den Ausgang der Schlacht widersprechen sich sehr. 
Vgl. Orosius VII. 37, 2. Prosp. Aquit. Chron. Rav. Jordan, c. 30. Claud. Bell. 
Getic. 579 bis zu Ende und 76 fF. VI. cons. Hon. 201 ff. Aurel. Prud. II. a. a. O. 
Vgl. Clinton fast. Rom. Ich folge in meiner Darstellung Kaufmann a. a. O, 

**) Claud. VI. cons. Hon. 202. 

") V. 202—320. 



136 

Doch war sein Verweilen hier nach diesem verhältnismäfsig un- 
günstigen Ausfall seines ersten Zuges gegen das Westreich nun erst 
recht nicht von Dauer, denn ebenso wie die anfanglichen Erfolge 
Alarich von neuem nach dem Occident lockten, ebenso mufste es 
ihn drängen die Schlappen, die er zuletzt erlitten hatte, wieder aus- 
zuwetzen. Aber auch seine Beziehungen zum Ostreich mufsten sich 
nun noch mehr verschlechtern, denn für den Fall, dafs er nicht von 
diesem selbst zum Kriege angetrieben war, was nirgends und nicht 
einmal von Claudian behauptet wird , so war sein Zug nach Italien 
ein höchst eigenmächtiges Vorgehen, das durch den mit Eutrop 396 
geschlossenen Vertrag in keiner Weise gutgeheifsen wurde. Er war 
durch diesen sowohl römischer General geworden und befehligte 
aufser seinen Gothen auch römische Truppen als auch durch die ihm 
übertragene Aufsicht über die militärischen Hülfsquellen Illyricums in 
gewissem Sinne römischer Beamter und hatte als solcher gewifs 
keine Ermächtigung, auf eigne Hand Krieg zu führen, weil, beauftragt 
oder nicht, das Odium jedes Krieges auf seinen kaiserlichen Herrn 
zurückfallen mufste. Er kehrte demnach in sein ihm zugewiesenes 
Gebiet als ein geschlagener, übermütiger General zurück, den für seine 
Eigenmächtigkeit zu züchtigen Ostrom nur die Kraft fehlte. 

Diesem war nach den fortgesetzten Wirren seit Theodosius* Tod 
vor allem Ruhe nötig, und sie wurde ihm denn auch für eine ganze. 
Reihe von Jahren zu teil, wenn man von den unbedeutenden Unruhen 
an der Donau, in Asien und an den Grenzen Afrikas absieht Bald 
nach Gainas Tode wurde der Orient und der Kaiser an seiner Spitze 
durch ein überaus erfreuliches Ereignis in Jubel und Freude versetzt, 
denn am 10. April 401 ^^) wurde Arcadius endlich der ersehnte Thron- 
folger im Porphyrsaal geboren. Dieses Ereignis war um so bedeut- 
samer, als Eudoxia ihrem Gemahl bereits drei Kinder, aber nur Töchter, 
geschenkt hatte. Es waren das Flaccilla, geboren am 17. Juni 397 1®), 
das älteste Klind ihrer Ehe, welche aber noch sehr jung gestorben 
zu sein scheint, Pulcheria, geboren am 19. Januar 399^^), und Arcadia, 
geboren am 3. April 400.21) Auch blieb Theodosius der einzige männ- 
liche Sprofs, da das am 11. Februar 40322) geborene Kind, Marina, 



**) So übereinstimmend Marcell. Comes. Chron. Pasch. Socrat. VI. 6. Ohne 
Datum Sozom. VIII. 4. Vgl. Idac. Chron. 

*8) Chron. Pasch., ohne Datum Marc. Com. Prosp. Aquit. 

20) Chron. Pasch., ohne Datum Marcell. Com. Vgl. die ungenaue Notiz 
bei Sozom. IX. i. 

2*) Chron. Pasch. 

22) Chron. Pasch. 10. Febr. Marc. Com. 11. Febr. 



137 

wiederum weiblichen Geschlechts war. Wie sehr und berechtigt daher 
der Wunsch des Arcadius und der Eudoxia war, endlich einen Sohn 
zu besitzen, können wir aus den Worten eines Zeitgenossen und 
Augenzeugen abnehmen, welcher gerade in jenen Tagen in Constan- 
tinopel sich nicht nur aufhielt, sondern auch persönlich mit der 
Kaiserin verkehrt hat. Wir sind nämlich so glücklich, den Reisebericht 
des Bischofs Porphyrius von Gaza in Phoenicien zu besitzen, mitgeteilt 
von seinem Diacon Marcus ^^), in welchem er seine Erlebnisse und 
Begegnungen mit den leitenden Persönlichkeiten der Hauptstadt und 
des Reichs, und so auch mit der Kaiserin wort- und wahrheitsgetreu 
niedergelegt hat. 

Die Veranlassung, welche ihn dorthin führte, war ein Bittgesuch 
an den Kaiser, dem noch übermächtigen Heidentum in Phoenicien 
ein Ende zu machen, und er wurde deshalb von Johannes Chrysos- 
tomus an den Oberkammerherrn der Kaiserin, den frommen Ver- 
schnittenen Amantius, gewiesen, welcher die beiden Gesandten in der 
That bei der Kaiserin einführte. Sie safs bei ihrem Eintritt auf einem 
goldenen Sessel und begrüfste sie von demselben aus zuerst mit den 
Worten: „Euren Segen, ehrwürdige Väter!" und fügte dann, als sie 
näher getreten waren, hinzu: „Verzeiht mir, Priester Christi, wegen 
meines Zustandes, dafs ich nicht, wie's sich gebühret, eurer Heiligkeit 
bis zur Schwelle entgegentrat und bittet Gott für mich, dafs ich, was 
in meinem Leibe ist, mit seiner Hülfe zur Welt bringe!" Die Bi- 
schöfe aber, ihre ungewöhnliche Herablassung bewundernd, antworteten: 
„Er, der gesegnet hat den Leib der Sara, der Rebekka und Elisabeth, 
Er segne auch das Kind in deinem Leibe und lasse es zum Leben 
gelangen!" Darauf liefs sie sich über die Not der Christen in Phoe- 
nicien berichten und versprach beim Kaiser auf Abstellung der Leiden 
hinzuwirken, beschenkte sie noch mit Goldstücken und entliefs sie 
dann gnädig. 

Am folgenden Tage, als die Bischöfe von neuem zur Audienz 
befohlen waren, hiefs sie sie guten Mutes sein, und als Porphyrius 
ihr einen Sohn wünschte, da geriet sie in solche Freude, dafs sie 
ihm dafür die Erfüllung seiner Bitte und eine Kirche in Gaza zu 
bauen gelobte. Und wenige Tage darauf genafs Eudoxia wirklich 
eines Sohnes ^4), und Eilboten wurden in alle Städte geschickt, die 
frohe Nachricht überall zu verkünden. Sieben Tage darauf schon 



*3) Marci Diaconi vita Porphyrii Gazensis ed. Haupt. Abhandlungen der 
Königl. Acad. d. Wissensch. 1874. c. 36 ff. 

**) c. 41. iv rfj 7tOQ<pvQa ixi^^ oS-sv xal dito Xoxeiaq ßaoiXevq dvfj- 



138 

liefs Eudoxia die Bischöfe wiederum rufen, trat ihnen bis zur Thür 
des Schlafgemaches entgegen und bat um ihren Segen für das Kind 
imd sich, den ihnen die Bischöfe gerührt spendeten. 

Bald darauf fand die feierliche Taufe statt und gestaltete sich 
zu einem Feste der ganzen Stadt, welche sich zu diesem Tage über- 
all mit Kränzen, seidenen imd golddurchwirkten Teppichen und an- 
deren Kostbarkeiten geschmückt hatte. In feierlicher Procession be- 
wegte sich der Zug vom Palaste zu der Sophienkirche: alle trugen 
weifse Gewänder, so dafs man meinen konnte, die ganze Menge sei 
von einer Schneedecke umhüllt; voran die Patricii, die Illustres und die 
übrigen Würdenträger, während eine militärische Begleitmannschaft den 
Zug eröffnete und schlofs ; aber alle hatten Kerzen in der Hand. Neben 
dem Täufling, welcher von einer der höchsten Hofchargen in präch- 
tiger Gewandung gehalten wurde, schritt der kaiserliche Vater einher 
fröhlich und mit leuchtendem Antlitz. An der Thür der Kirche 
empfing den Zug Johannes Chrysostomus an der Spitze seiner zahl- 
reichen Geistlichkeit und vollzog darauf unterstützt von ihr die heilige 
Taufhandlung, indem er dem Kinde nach dem Wunsche der Eltern 
zur Erinnerung an den Grofsvater den Namen Theodosius beilegte 
und gewifs ihm dabei von Herzen wünschte, dafs sich in dem neuen 
Sprofs das Bild des seligen Ahnherrn im Glänze aller seiner Tugenden 
ohne seine Fehler verjüngen möge. 

Die Gesandten aus Gaza standen an der Kirchenthür mit einer 
Bittschrift und erwarteten die Rückkehr des Zuges. Als nun Arcadius 
mit dem Kinde heraustrat, da riefen sie: „Wir bitten um einen Beweis 
deiner Gottesfurcht, o Kaiser!" Der vorher von Eudoxia eingeweihte 
Träger des Täuflings aber blieb stehen, liefs sich die Schrift reichen, 
las einen Teil derselben und rief in die still gewordene Menge, indem 
er seine Hand unter den Kopf des Kindes legte: „Im Namen dieses 
Kindes hier! Es geschehe, was in der Bittschrift erbeten wird!" Da 
wunderten sich alle und priesen den Kaiser glücklich, dafs er noch 
seinen Sohn als Thronfolger erblickt habe. Eudoxia aber, von dem 
Geschehenen in Kenntnis gesetzt, nahm das Kind in Empfang und 
sprach zu Arcadius: „Selig bist du, dafs deine Augen bei deinen 
Lebzeiten solches gesehen haben!" — Soweit der Augenzeuge Por- 
phyrius, dem wir nicht genug danken können, dafs uns aus dieser 
quellenarmen Zeit einmal ein so recht aus dem Leben gegriffenes, 
farbenreiches Bild bis auf heute bewahrt worden ist. 

Aber blieb auch das Reich von schweren Schicksalsschlägen, die 
von aufsen kamen, frei, so riefen doch die kirchlichen Angelegenheiten 
mehrfach Unruhen in der Hauptstadt und von da aus in anderen 



139 

Gegenden des Orients hervor. Denn das war gerade die Eigentüm- 
lichkeit des orientalischen Volkes, dafs es seine geistige Kraft nicht 
wie ehedem die alten Griechen dem politischen Leben, der Kunst 
und Wissenschaft zuwandte, sondern den spitzfindigsten, dogmatischen 
Fragen, welche je ein Mensch aufgeworfen hat, und dafs mit derselben 
Leidenschaft, mit welcher die Bevölkerung über den Sieg dieser oder 
jener Partei im Circus und Theater stritt, die feine und geringere 
Gesellschaft über die Vorzüge der Nicaenischen und Arianischen oder 
Eunomianischen Lehre ihre verschiedenen Meinungen austauschte.^^) 
Das kirchliche Leben war daher ein aufserordentlich reges im Orient, 
und die Bischöfe fanden, sofern nicht gerade ihre Predigt mit einem 
Pferderennen oder sonstigen Schauspiel zusammenfiel, die andächtigsten 
Zuhörer — für den Augenblick. 

So angenehm aber auch diese Teilnahme an allem, was die Kirche 
berührte, auf der einen Seite war, so verhängnisvoll konnte sie auf 
der anderen für die Ruhe der grofsen Städte und des Landes 
werden, wenn ein feuriger, begeisternder Bischof das unwissende Volk 
in seine eigenen, persönlichen Streitigkeiten um dogmatische Fragen 
hineinzog, weil die orientalische Bevölkerung nicht nur schnell mit 
der Zunge, sondern auch ebenso schnell mit der Hand und dem 
Schwerte war. So sehen wir denn, während im Occident die wich- 
tigsten Punkte unseres christlichen Glaubens: das Verhältnis des 
Menschen zu Gott und der Gegensatz zwischen Natur und Gnade zum 
zum Austrag gebracht werden, den Orient sich in spekulativen, sophi- 
stischen Streitigkeiten erschöpfen, welche mehr als einmal zu neuer 
Sectenbildung und blutigem Streit geführt haben. Diese vorausge- 
sandte Bemerkung wird die folgende Darstellung der Absetzung und 
Verbannung des Johannes Chrysostomus erklärlicher machen, wenn 
auch zur völligen Begründung das eifersüchtige Verhalten der Alexan- 
drinischen Patriarchen zu den Bischöfen von Constantinopel später 
mit einem Worte noch berührt werden mufs. 

Schon oben ist darauf hingewiesen worden, wie Johannes trotz 
der Reinheit seiner Absichten und der Lauterkeit seines Wandels 
wegen des Freimutes und der Energie, mit der er gegen die Schäden 



2*) Neander Johannes Chrys. IL S. 19. Kirchengesch. VI. 4. S. 5 ff. 

**) Aufser Neander in seinem grundlegendem Werke und Böhringer S. 57fF. 
u. a. hat sich in neuster Zeit von katholischer Seite F. Ludwig, Priester der Diöcese 
Ermland, in : Der Hl. Johannes Chrysostomus in seinem Verhältnis zum byzantinischen 
Hofe. Braunsberg 1883. Ausführlich mit diesem Gegenstande beschäftigt und ihn im 
ganzen, streng auf die Quellen sich stützend, objectiv behandelt (aber ungenau 
im eitleren). 



140 

in Kirche und Gemeinde, wo er sie fand, vorging, sich zunächst die 
Herzen- seines Cierus und der Mönche in Constantinopel entfremdete.^'') 
Aber auch die Glieder seiner Gemeinde verstand er nicht ohne 
Unterschied an sich zu fesseln und ihnen eine gute Meinung von sich 
beizubringen , wenn es auch nur ein geringer Bruchteil war, der an 
seinen Predigten und Handlungen Anstofs nahm. Es waren dies 
jedoch zu seinem Verhängnis gerade die Vornehmen und Reichen, von 
denen ihm die einen grollten, weil er stets und ständig den 
Reichtum schmähte, gewissermafsen die Vermögenden als die besonders 
Sündigen hinstellte und vorzüglich wegen seiner nach ihrer Meinung 
allzuscharfen, takt- und herzlosen Predigt gegen den gefallenen Eutro- 
pius^s), die anderen, wie Marsa, Promotus Witwe, in deren Hause 
Eudoxia erzogen war, Castritia, die Witwe des Satuminus, und Eugra- 
phia^»), weil er schonungslos gegen die Putzsucht und schamlose 
Kleidung der vornehmen Damenwelt unausgesetzt eiferte 30) und ihnen 
auch wohl persönlich ernstliche Vorhaltungen deswegen machte. 
Endlich trug auch sein Verkehr und Einflufs auf die junge und reiche 
Witwe Olympias^^), welche Nectarius noch zur Diakonissin geweiht 
hatte und Johannes Chrysostomus bewog, in ihrem wohlthätigen Wirken 
Mafs zu halten und nur wirklich Bedürftigen von ihrem Überflufs zu 
spenden, dazu bei, ihm diejenigen zu verfeinden, welche aus ihrer 
Verschwendung Vorteil gehabt hatten oder erhofften. 

Aber nicht nur in Constantinopel selbst erwuchsen dem Bischof 
aus diesen Gründen in den verschiedensten Kreisen lebhafte Feinde, 
sondern seine durchgreifende Amtsthätigkeit führte diesen noch in 
einer Anzahl Suffraganbischöfe eine nicht zu unterschätzende Unter- 
stützung zu. Es war Johannes nämlich berichtet worden, dafs die 
Kirchen der Provinz Asia von unwürdigen Geistlichen geleitet würden, 



2') Vgl. Ludwig S. 18—24. 

28) Socr. VI. 5. Sozom. VITI. 6 und 8. Ende. Gegen die Anschuldigung, 
dafs er den Reichtum schmähe, verteidigt sich Chrysostomus in der 2. Homilie 
auf Eutrop. c. 3 : xaixoL noXXol iyxaXovai fioi ael Xeyovzsg xsxöXrjaai xotq 
nXovaioiq. iyat öh xsxoXXtjf^ac zoZg TtXovaloig' ov xotq nXovaioig 6e, dXXa 
zoTg xaxc5g rcp nXovtip xsxQ^ß^voLg' 

*9) Palladius de vita S. Joh. Chrys. Dial. p. 35. Eugraphia war die 
wütendste dieser gegnerischen Damen. 

^) Palladius p. 66: ozi y^atSsg ovoai 6ia xhv XQOvov xi dvqßav itaQa- 
ßia^ead-s xo oc5fia, ßooxQVxovg (künstliche Locken) inl fjLSXwnov (pigovoat 
xa&aTtsQ exaigiösg, ißgi^ovaai xal xag Xoinag iXevd-iQag, inl anaxy x<3v 
avvxvyxccvovxcDv xal xovxo x^(>a^; 

31) Sozom. Vin. 9. Palladius p. 152. Vgl. Opera Joh. Chrys. III. S. 631. 
Böhringer a. a. O. S. 160 — 169. Neander Kirchengesch. V. 3. S. 283, 



141 

welche ursprünglich Laien, um sich dem lästigen Curialzwange zu 
entziehen, um Geld und Gunst ein Bistum zu erlangen gewufst hatten. 
Er begab 32) sich daher nach Ephesus, forderte die Schuldigen vor 
seinen Richterstuhl, setzte eine Anzahl derselben ab und andere ein, so 
an die Stelle des bereits von Ambrosius entlassenen, als Arzt berühmten 
Gerontius, Bischofs von Nicomedien, den Lehrer der Kaiserin Eudoxia, 
Pansophus. Dieses energische Vorgehen des Johannes gegen die 
Simonie schuf ihm in der Person der gemafsregelten Bischöfe neue, 
unerbittliche Gegner, welche sich um jeden Preis an dem ihnen ver- 
hafsten Oberhirten zu rächen trachteten. Über ein viertel Jahr war 
Johannes in diesen unerquicklichen Angelegenheiten abwesend ge- 
wesen, und seine Hoffnung, mit seiner geliebten Gemeinde das heilige 
Osterfest feiern (400) zu dürfen, war nicht erfüllt worden; um so 
gröfser war jetzt seine und ihre Freude, als er endlich heimkehrte, wie 
die von ihm damals gehaltene und noch erhaltene Predigt deutlich 
bezeugt.33) 

Aber auch in Constantinopel selbst fand Johannes nur uner- 
freuliche Zustände vor: Schon vor seiner Abreise nach Ephesus hielt 
sich dort das Beispiel des Antiochus von Ptolemais nachahmend der 
syrische Bischof Severianus von Gabala 3*) (in Phoenicien) auf, um fem 
seines einsamen. Bischofssitzes in der glänzenden Hauptstadt durch 
seine gewandte und glühende Beredtsamkeit Ehre, Bewunderer, 
Reichtum und Gönner zu gewinnen. Johannes hatte ihm in der 
freundlichsten Weise gestattet in seiner Kirche zu predigen, und so 
war es ihm denn gelungen, wie er es wünschte, in vornehmen Kreisen 
Eingang zu finden und besonders bei der Kaiserin. Ihm hatte nun 
Johannes, während der Zeit seiner Abwesenheit die Leitung seines 
verwaisten Bistums anvertraut ^5), doch nicht zum eigenen Besten, denn 
Severian benutzte hinterlistig die Gelegenheit, mit Aufbietung seines 
ganzes Einflusses die Herzen der Gemeindeglieder ihrem Bischof ab- 
wendig zu machen. Schon über diese Mitteilung, welche ihm der 
Diacon Serapio machte, entrüstet, wurde Johannes durch eine unge- 
bührliche Äufserung des Severian noch mehr gegen ihn in Harnisch 
gebracht; denn Severian rief einstmals, als Serapio, mit dem er offen- 
bar Zwist gehabt hatte, ihm, dem Bischof, nicht die nötige Ehrer- 
bietung erwies, in der Erregung aus: „Wenn Serapio noch einmal als 



32) Sozom. Vin. 6 ausführlich; kürzer Socrat. VI. Ii. Palladius p. 125 flF. 
Böhringer S. 54 ff. Ludwig S. 46. 

33) Nur lateinisch erhalten. Tom. III. De regressu S. Joannis de Asia CPra. 
3«) Socr. VI. 1 1 und 23 Anh. Sozom. VIII. 10. 

35) Sozom. a. a. O. Ihm nach Nicephorus Call. XIII. 3. 



142 

Christ sterben sollte, dann ist Christus nicht Mensch geworden!" In- 
folge dieser Gotteslästerung glaubte ihm Johannes das Predigen in 
den Kirchen der Hauptstadt untersagen zu müssen, ein gerechtes 
Urteil, welches Severian veranlafste, Constantinopel zu verlassen und 
sich nach Chalcedon zu begeben. Aber seine Verbindung mit den 
Angesehensten des Hofes verschafften ihm bald Genugthuung, denn 
die Kaiserin bewog den Arcadius, sein gewichtiges Wort für ihn bei 
Johannes einzulegen, während sie selbst persönlich für ihn bat.^*) Da 
endlich nahm Johannes sein Verweisungsurteil, wenn auch nur ge- 
zwungen, zurück und forderte in einer Predigt 3*^) seine Gemeinde 
auf, Zorn und Rachsucht zu vergessen und den Wiedergekommenen 
mit oifenen Armen der Liebe aufzunehmen. 

Dieses Eintreten der Eudoxia für den Bischof Severian ist das 
erste beglaubigte Ereignis, welches darauf hinweist, dafs es Johannes durch 
sein freimütiges Auftreten gegen die Vergnügungen und den Modeteufel 
der Frauen auch mit der Kaiserin selbst verdorben hatte. Eine 
Bestätigung aber dafür, dafs das unliebsame Verhältnis nicht erst 
damals entstand, sondern bereits seit einiger Zeit Wurzeln geschlagen 
hatte, giebt uns derselbe Porphyrius von Gafa, wenn er zur Zeit der 
Geburt Theodosius II. berichtet, dafs Johannes ihm auf seine Bitte, bei 
dem Kaiser für ihre Sache zu sprechen, antwortete^®): „Ich vermag nicht 
mit dem Kaiser zu reden; denn ihn hat die Kaiserin gegen mich 
aufgebracht, weil ich ihr wegen der Wegnahme eines Besitzes, nach 
dem sie lüstern war, Vorwürfe gemacht habe!" Auf diese Andeutung 
nun hat sich bei späteren Schriftstellern die Legende 3») gegründet, 
Eudoxia habe der Witwe des Theognost, Callitropa, ihren einzigen 
Weinberg genommen und sei deshalb von Johannes in Erinnerung an 
jene alttestamentliche Erzählung „Isebel" genannt worden. Doch trägt 



3«) Socrat. VI. II. Vgl. Ludwig S. 50 ff. 

37) Tom. in. De recipiendo Severiano. Er sagt in derselben : Sed omit- 
tamus iam haec; desinite, conquiescite , cohibete animos, refrenate iracundiam: 
sufficit iam, quod laboravit ecclesia, finis sit, desinat turbatio: hoc enim et deo 
placitum et piissimo principi acceptum est. — Severianus antwortete ibid. 
Sermo ipsius Severiani de pace cum susceptus esset a beato Joanne. 

38) c. 36 : XaXijaaL ya^ ov Svvatai ev rw TtaXaziip, insiöri rj ßaalXiaaa 
Evöo^ia XvTtetTai nax avtov. c. 37 : iyo) (ihv ovx loxvco tip ßaaiXel Xa- 
XrjaaL' naQWQyiasv yag avzov xaz* ifiov ij ßaaiXiaaa Score iyxaXeaa avry 
XaQLV xxrifAaxoq oi) BTiid-v/jiijaaaa a^prignaaev xth. 

39) Bei Georgios Alexandrinus. Photii Bibl. c. 96. Nicephor. Call. XIII. 
14 und XIV. 48. Vgl. Palladius p. 75. Böhringer S. 67. Ludwig S. 56 fF., der 
den Bericht des Georg. Alex, „im grofeen und ganzen" für wahr hält, und Ne- 
ander Job. Chrys. IL S. 116. 



1.43 

diese Interpretation der Worte des Porphyrius zu sehr den Stempel 
der Nachbildung von „Nabots Weihberg" (i. Könige c. 21.) an sich, 
als dafs sie den Glauben noch verdient, der ihr so vielfach entgegen- 
gebracht worden ist. Jedenfalls aber leuchtet das eine ein, dafs sich 
zum Sturze des Bischofs alle Factoren vereinigen konnten, welche 
nur möglich waren: der eigne Clerus, die Mönche, Sufiraganbischöfe 
von Seiten der geistlichen Widersacher, die vornehme Welt, insbesondere 
die Frauen, der Hauptstadt und im Hintergrunde derselben die 
allmächtige Kaiserin selbst von Seiten der weltlichen. Es fehlte nur 
ein geeigneter Anlafs, um alle längst besprochenen Vorwürfe in der 
Hand eines gewandten Ränkeschmieds zu einem Netze zu verweben, aus 
dessen dichten Maschen zu entkommen dem BischofF unmöglich war. 
Den Anlafs gaben die origenistischen Streitigkeiten in Ägypten, und 
die Hand fand sich in der des Patriarchen von Alexandrien, Theophilus. 

Zu den drei ursprünglichen Patriarchaten Rom, Alexandrien, 
Antiochia, Orten, an welchen eine christliche Gemeinde seit der Zeit 
der apostolischen Missionare bestanden hatte und von denen Rom 
bis in die letzte Zeit dieser Periode zugleich der Hauptsitz der welt- 
lichen Herrschaft des römischen Reichs gewesen war, hatte sich erst 
vor wenig Jahren die bis dahin unbedeutende Kirche des alten Byzanz 
hinzugesellt.*^^) Hier hatte kein Apostel gelehrt, hier war kein Apostel- 
blut geflossen noch hatte sie berühmte Märtyrer wie jene drei zu 
verzeichnen, sie hatte vielmehr bis zu Constantins Regierung unter 
dem Metropoliten von Heraclea in Thracien gestanden. Erst das Ansehen, 
welches ihr die Erhebung von Byzanz zur Kaiserresidenz Constantinopel 
verlieh, verschaffte ihr im Jahre 381 auf dem zweiten öcumenischen 
Concil**) denselben Rang, welchen die Hauptstadt selbst nach Rom 
bereits genofs. Aber dadurch konnte eine gewisse Eifersucht ^2^ von 
Seiten der beiden anderen Patriarchate im Orient nicht vermieden 
werden, welche auf ihr hohes Alter und ihre Erinnerungen fufsend 
nur imgem dem Bischöfe von Constantinopel eine höhere Stellung 
eingeräumt hatten. 

Insbesondere war es der Patriarch von Alexandrien Theophilus 
gewesen, der sich von seiner Meinung nicht trennen mochte, Constantinopel 
als eine Art Tochterkirche der alexandrinischen Kirche anzusehen.*^) 



*®) Neander Kirchengesch. V. 3. S. 245 ff. 

41) G. §. 108. 

*^) Nestorius schrieb später an Johannes v. Antioch^ (Harduin Conciliorum 
coUectio I. S. 1333): De consueta vero Aegyptii praesumptione maxima tua reli- 
giositas non debet admirari, dum habes antiqua huius exempli perplurima. 

43) Vgl. Ludwig S. 14. Böhringer S. 62 ff. 



144 

Schon bei der Ordination des Johannes sahen wir, wie schwer es 
ihm wurde, den Plan, seinen eigenen Presbyter Isidor auf den Bischofs- 
stuhl zu erheben, aufzugeben. Wenn nun irgend etwas zum Ruhme 
des Theophilus gesagt werden kann, so ist es der Eifer, mit welchem 
er gegen das Heidentum in Alexandrien und ganz Ägypten im Jahre 
391 vorging *4), und dafs er sich der Nachwelt durch die Abfassung 
einer Ostertafel bekannt gemacht hat; aber im übrigen war er ein 
echter Ägypter*^) von Gemütsart, leidenschaftlich in seinen Gefühls- 
äufserungen, leicht geneigt zum Hafs und mafslos im Zorn, mit dem 
sich eine Gabe der Anzettelung und schlauen Berechnung innig 
verband. Doch schwerer als dies wiegt der Vorwurf der Habsucht, 
welche ihm selbst von seinen Freunden nachgesagt wurde. Von seiner 
Klugheit und Gewissenlosigkeit hatte er bereits 388 einen Beweis 
gegeben, als die Wage der Entscheidung zwischen dem Usurpator 
Maximus und Theodosius noch schwankte, indem er eben jenen 
vertrauten Presbyter Isidor mit doppelten Briefen und Geschenken 
nach Italien entsandte mit der Weisung, je nach dem Ausfall sie dem 
zu übergeben, welcher den Sieg davon tragen werden; ohne dafs 
Theodosius diese Zweizüngigkeit später bestrafte.*®) 

So mufste sein Geist immer etwas Erstrebenswertes haben, mit 
dem er sich beschäftigen konnte, und das war jetzt nach Johannes 
Ordination der Gedanke, wie er auf den Bischofsstuhl von Constantinopel 
einen ihm genehmen Geistlichen setzen könne. Die Gelegenheit dazu 
gab ihm eine dogmatische Streitigkeit, der man es im Anfang aber 
gewifs nicht angesehen hätte, zu welchen wunderbaren Folgen sie sich 
entwickeln werde. 

Alexandrien war nämlich, seit Origenes dort gelehrt und seine 
Schule gestiftet hatte, der Sitz einer Richtung des Christentums, welche 
derjenigen durch eine mehr geistige Auffassung der christlichen 
Lehren entgegentreten wollte, welche dieselbe zu sehr ins Fleisch herab- 
zuziehen trachtete und bei der Erklärung der heiligen Schrift zu sehr 
am Buchstaben festhing.* ^) Aber die Neigung, dadurch in ein irreales 



**) Ausführlich bei G. S. 190 — 193. Neues Archiv für alt. deutsche Gesch. 
1877. II. S. 71. 

**) Opera S. Joh. Chrys. tom. III. p. 569 E. ep. ad Olymp. : laze yag rwv 
AlyvmieDV z6 yivog, b dvfzwdijg xal ogyiXog (xal yaQ zovzo fisd'^ ineQßokfiq 
avzolq TiQoaeori z6 Tia&og,) Zur Charakterisierung der Ägypter vgl. Burkhardt 
das Zeitalter Constantins des Grofsen S. 1400*. Vgl. seine Charakteristik bei 
A. F. Grörer Allgem. Kirchengesch. S. 362 und Palladius p. 77. 

*6) Socrat. IV. 2. 

*') Neander Kirchengesch. V. 3. S. 9 fF. 



H5 

» 

Schwärmen zu verfallen, brachte diese Richtung mit der practisch- 
kirchlichen des Abendlandes in einen Streit, welcher bis in die Zeit 
des Johannes Chrysostomus und darüber hinaus die Kirchen verwirrte. 
Die Frage nun, welche gerade damals Clerus und Mönche beschäftigte 
und entzweite, war, ob Gott körperlich oder unkörperlich sei.'*^) Die 
ungebildeteren, einfacheren Mönche huldigten der Anschauung von 
einem körperlichen Gott, während die Minderzahl für ein unkörperliches 
Wesen Gottes eintrat. Hierin wurden sie von Theophilus lebhaft 
unterstützt, welcher in einer öffentlichen Predigt sich energisch gegen 
die andere Auffassung erklärte. Infolge dessen strömten jene rohen 
Mönche aus ihren Klöstern in der Einöde von Nitria zusammen und 
begaben sich nach Alexandrien, um an dem Patriarchen blutige Rache 
zu nehmen ; Theophilus aber, der den Sinn der Ägypter genau kannte, 
sah keinen anderen Ausweg als eine grobe List, welche ihm freilich 
den Vorwurf der Lüge und des Redens gegen die eigene Überzeugung 
nicht ersparen kann. £r eilte ihnen nämlich entgegen und suchte 
sie dadurch zu besänftigen, dafs er sagte: „Ich sehe in Euch das 
Antlitz Gottes!" Aber sie liefsen ihn nicht früher los, als bis er ihnen 
feierlich versichert hatte, auch er sei kein Anhänger origenistischer 
Ideeen, sondern verdamme gleich ihnen die Schriften des Origenes. 
Damit beschwichtigte er den Sturm in seinem Entstehen, und der 
Streit wäre beendigt gewesen, wenn Theophilus nicht in anderer 
Weise von neuem mit den Mönchen in Zwist geraten wäre. 

An der Spitze der ägyptischen Klöster standen vier Brüder: 
Dioscurus, Ammonius, Eusebius und Euthymius, welche wegen ihres 
hohen Wuchses „die langen Brüder" genannt wurden.*^*) Diese hatte 
auch Theophilus wegen ihrer Frömmigkeit und Gelehrsamkeit gern, 
zumal sie, wie er selbst damals, Anhänger einer geistigen Vorstellung 
von Gott waren. Er entrifs sie deshalb, wie sehr sie auch ein Leben 
in ihrer Zelle vorgezogen hätten, ihrer Einsamkeit, ordinierte den 
Dioscurus zum Bischof von Hermupolis und übertrug zwei anderen 
die Verwaltung des Kirchenvermögens in Alexandria. Aber nicht nur 
um der vielfachen Geschäfte willen, welche das neue Amt ihnen auf- 
erlegte, sehnten sie sich in ihre stille Klause zurück, sondern mehr 
noch stiefs sie die vielfach ihnen gegenüber hervortretende Geldgier 
des Bischofs ab. Vergeblich suchte sie daher Theophilus in Alexandria 



^*) noxsQov 6 S-sog aafxd iazi xal ävd'Qionov exst oxrjfjtcc ij dawfzazoQ 
iazi. Über den Streit berichten ausführlich Socrat. VI. 7. Sozom. VIII. 11 und 
12. Vgl. Ludwig S. 60 fr. 

^•a) Socrat. VI. 9 und Sozom. VIII. 12. 

10 



146 

zu fesseln, er konnte sie nicht halten und mufste sie nach Nitria zurück- 
ziehen lassen. 

Aber als er dann erfuhr, welches der eigentliche Beweggrund 
ihrer Handlungsweise war, sann er erbittert auf Rache, in welche er 
auch den Dioscurus einzuschliefsen gedachte, dessen mächtiger Einflufs 
unter den Mönchen ihm längst ein Dom im Auge war. Dazu kam, 
dafs auch Isidor, welcher, weil er ihm die zu Zwecken der Wohlthätig- 
keit gespendeten Geldsummen nicht zu eignem Nutzen herausgeben 
wollte, von ihm aus der Alexandrinischen Elirche ausgewiesen war**^), 
sich ebenfalls zu den Mönchen in Nitria begeben hatte. Theophilus 
warf daher von neuem den Apfel der Zwietracht unter die Mönche, 
indem er den unwissenden und leichtgläubigen derselben, welche die 
gröfsere Zahl ausmachten, mitteilte, dafs die langen Brüder der geistigen 
Auffassung Gottes huldigten, und liefs in der That auf einer Versamm- 
lung der ägyptischen Bischöfe 399 die Schriften des Origenes ver- 
dammen.^*) 

Da sich die Anhänger der langen Brüder dieser Verurteilung 
nicht ohne weiteres anschliefsen wollten, so trieb sie Theophilus 
persönlich mit Zuhilfenahme der staatlichen Gewalt des Provinzial- 
Statthalters, ihrer achtzig an der Zahl, aus ihren ruhigen Wohnsitzen.**^ 
Sie begaben sich zunächst nach Jerusalem und von da nach Scythopc4is, 
wo sie wegen der dort zahlreich wachsenden Palmenbäume, die sie 
zu ihren Arbeiten nötig hatten, zu bleiben gedachten; aber auch hier 
wurde ihnen durch die Briefe des Theophilus an die Bischöfe Palästinas, 
der Aufenthalt verleidet und so zogen sie, noch ihrer fünfzig, unter 
Führung des Dioscurus nach Constantinopel**), um bei Johannes 
Chrysostomus Hülfe zu finden. 

Johannes aber, um nicht ihretwegen mit Theophilus in Streit 
zu geraten, mied zunächst ihre Gesellschaft, liefs sie in der Kirche 
zur Communion nicht zu und sorgte nicht für ihren Unterhalt, welch^i 
aufser anderen frommen Frauen auch die Diaconissin Olympias über- 
nahm.&2^ Er schrieb vielmehr an Theophilus zu dem Zwecke^ die 
Mönche mit ihm wieder auszusöhnen *^) ; dieser aber über das Vorgehen 
der Mönche höchlichst erzürnt antwortete darauf gar nicht, sondern 
schickte seinerseits Vertraute nach Constantinopel, welche Anklage*« 



*8b) Vgl. aufser Sozom. a. a. O. Palladius p. 50 und 51. 

*9) Palladius p. 55. 

««) p. 56. 

**) Sozom. Vni. 13. Palladius p. 57 und 58. Socrat. VI. 9. 

5*) Palladius p. 59 und 60. 

M) p. 61. 



H7 

Schriften gegen jene nut sich fuhrten.^^) Dies bewog nun wiederum 
die schutzsuchenden Mönche auch ihrerseits eine Klage abzufassen ^&)y 
welche in siebzig Kapitel geteilt war. Auf ein erneutes Schreiben 
erhielt Johannes endlich eine Antwort von Theophilus, doch war 
dieselbe in hohem Grade zurückweisend und unhöflich, denn Theophilus 
wies in ihr den Johannes anf diejenige Bestimmung des Nicaenisdien 
Concils hin, in welcher es einem Bischof verboten wird, sich in Streitig- 
keiten aulserhalb seines eignen Sprengeis einzumischen.^) Diese 
unfreundliche Schreibweise bewog den Johannes, sich vorläufig von 
der ganzen Angelegenheit zurückzuziehen und sie ihren Lauf gehen 
zu lassen. Doch erhielt sie trotzdem eine nicht geahnte Bedeutung 
dadurch, dafs die Kaiserin in das Interesse der Mönche hineingezogen 
wurde. Ammonius nämlich und seine Begleiter benutzten die Gelegen- 
heit einer Ausfahrt der Kaiserin und traten an ihren Wagen heran, 
um sich über die Nachstellungen von Seiten des Theophilus zu beklagen ; 
sie liefs darauf, um die Unglücklichen zu ehren, halten und antwortete 
auf ihre Worte sich aus dem Wagen hervorbeugend: „Flehet und 
betet für den Kaiser, für mich, meine ELinder und das Reich! Ich 
will dafür sorgen, dafs eine Synode zu Stande kommt und Theophilus 
auf derselben erscheint"*^) 

Die freundliche Antwort, welche die Mönche mit froher Zuversicht 
erfüllte, verhiefs also eine gröfsere Versammlung der Bischöfe des 
Reichs in Constantinopel zu veranlassen, doch enthält sie keine Spitze 
irgend welcher Art gegen Johannes, Eudoxia wurde offenbar damals 
nur von der mitleidigen Absicht geleitet, den berechtigten Beschwerden 
der äg^'ptischen Einsiedler gegen Theophilus abzuhelfen. In dieser 
Weise wurde sie auch dem Theophilus nach Alexandriä gemeldet, 
der sogleich Anstalten traf, dem drohenden Unheil zu begegnen und 
sich sowohl unter den anderen Bischöfen des Orients als auch in 
Constantinopel selbst eine Partei zu gründen. Aber nicht nur an 
Abwehr dachte er, sondern, weil ihm fälschlich mitgeteilt war, 
Chrysostomus lasse den Mönchen allerlei Unterstützung zukommen, 
so richtete sich sein ganzer Hafs auf diesen, und er arbeitete seitdem 
zugleich daran, wie er ihn von seinem Bischofssitze entfernen könne.^s) 

Aus dem Grunde versöhnte er sich mit dem Bischöfe Epiphanius 
von Constantia auf Cypern, mit dem früher über die Natur Gottes 



") Sozom. Vni. 13. 

») Palladius p. 62. 

^) p. 62 und 63 Anf. 

") Sozom. VIII. 13. 

^) Socrat. VI. 9. Sozom. Vm. 13. 

IG* 



148 

verschiedener Ansicht gewesen war, und bewog ihn, eine Synode auf 
Cypem zu veranstalten und die Bücher des Origenes zu verdammen.*^) 
Es war das ein frommer, von heiligem Eifer für seinen Glauben erfüllter, 
aber leicht zu leitender, einfaltiger Mann, an dem Theophilus mit 
Recht deshalb einen Helfer gegen Johannes zu finden meinte, weil 
er ihm aus dem freundlichen Benehmen desselben gegen die origenistischen 
Mönche eine Vorliebe für die Lehren des Origenes unschwer erweisen 
konnte. In diesem falschen Glauben wurde Epiphanius noch dadurch 
bestärkt, dafs Chrysostomus sein Schreiben, worin das Verdammungs- 
urteil des Origenes enthalten war, unbeantwortet liefs. Die Erbitterung 
des Theophilus aber und seine Mafsnahmen gaben den Feinden 
des Johannes endlich den Mut, aus dem Dunkel hervorzutreten und 
offen gemeinsam gegen ihn vorzugehen. Viele vom Clerus und den 
Vornehmen am Hofe bereiteten infolge dessen eine grofse Synode 
zu Constantinopel vor, zu der sie die Bischöfe teils durch Briefe 
teils durch Boten einluden, während Theophilus vom Kaiser bereits 
gleich nach der Unterredung Eudoxias mit den Mönchen ebenfalls 
nach der Hauptstadt beordert worden war.^o) 

Früher aber als dieser erschien, von Theophilus dazu angetrieben, 
der hochbetagteEpiphanius^i) dort und zeigte sogleich durch sein Verhalten, 
dafs er sich von Theophilus hatte überreden lassen, in Chrysostomus einen 
dogmatischen Gegner und Anhänger des Origenes zu sehen. Er mied 
deshalb, obwohl von Johannes freundlich eingeladen bei ihm Wohnung 
zu nehmen, eine Begegnung, stieg in einem Privathause ab und 
forderte in einer Versammlung die in Constantinopel anwesenden 
Bischöfe auf, das Verdammungsurteil des Origenes zu unterschreiben. 
Aber nur ein Teil folgte seinem Ansinnen, viele dagegen weigerten 
sich, deren Wortführer der Bischof Theotimus von Scythien war.«2) 
Gleichwohl erneute Johannes seine Einladung an Epiphanius, der aber 
schlug sie nicht nur aus, sondern liefs Johannes auch wissen, er werde 
nicht früher mit ihm in Gemeinschaft treten, als bis er den Dioscurus und 
seine Brüder aus der Stadt verwiesen habe. Ja, die Gegner des 
Chrysostomus trieben den Epiphanius noch zu unbesonneneren Schritten 
an. Er hatte die Absicht, in der Apostelkirche vor allem Volk die Schriften 
des Origenes zu verdammen, die ägyptischen Mönche zu excommunicieren 
und dabei auch den Johannes strenge zu tadeln, aber zum Glück 



»•) Socrat. VI. 10. Sozom. VIII. 14. 

^) Palladius p. 64. Elaphius war abgesandt worden ihn herbeizuholen, 
ö^) Socrat. VI. 12. Sozom. VIII. 14. Wahrscheinlich nach dem Osterfeste 
403. Vgl. Ludwig S. 74. 

®*) Socrat. und Sozom. a. a. O. 



149 

erhielt der Bischoff noch vorher davon Kenntnis und liefs ihn durch 
seinen Diaconen Serapion zurückhalten.^^) Die Vorhaltungen desselben 
machten doch Eindruck auf den alten Eiferer um so mehr, als auch 
die ägyptischen Mönche selbst durch Vermittelung der Kaiserin 6*) 
persönlich mit ihm in Verbindung traten und sich aussprachen. Hier 
erkannte er nun, wenn auch spät, dals er in seinem Eifer viel zu weit 
gegangen sei und sich von Theophilus in einen ganz unbegründeten 
Hafs gegen die Mönche von Nitria und Johannes habe treiben lassen. 
Er beeilte sich daher den Schauplatz seiner unerspriefslichen Thätig» 
keit zu verlassen und sagte zum Abschied, als er das Schiff bestieg, 
noch die bezeichnenden Worte: „Ich lasse Euch die Hauptstadt, den 
Palast imd die Verstellung l"^^) 

Es ist nun doch nicht so als ungewifs zu bezeichnen, dafs dem 
Chrysostomus hinterbracht wurde, die Kaiserin habe den Epiphanius 
zu einem Vorgehen gegen ihn vergeblich zu bewegen gesucht***); 
denn selbst von denen, die Johannes wohlwollen, wird stets auf sein 
leidenschaftliches, bisweilen mafsloses Wesen hingewiesen, und die 
geringe Gimst, in der er seit einiger Zeit bei der Eudoxia stand, 
wird ihn ebenfalls schwerlich kalt gelassen haben. Man kann deshalb 
immer annehmen, dafs er in jenen Tagen auf diese Einflüsterung hin 
eine Predigt hielt, welche zwar nur im allgemeinen die Fehler der 
Frauen geiselte, doch aber so geartet war, dafs auch Eudoxia in ihr 
einen Hieb auf sich sehen konnte.*"^) Boshafte Zungen werden das 
Ihrige dazu beigetragen haben , den Hafs der Augusta gegen den 
Bischof zu verschärfen, und so begab sich diese aufgeregt zum Kaiser 
und suchte ihm die ihr zugefügte Beleidigung als eine gemeinsame 
darzustellen. Dadurch aber erhielt die ganze Angelegenheit in Bezug 
auf die ägyptischen Mönche eine ganz andere Wendung, denn der 
Kaiserin mufste, wenn sie sich an Johannes rächen wollte, daran liegen 
einen Bischof zu gewinnen, dessen ganze Stellung und Persönlichkeit 
dazu angethan war, in der Partei, die sich gegen Johannes gebildet 
hatte, die Führung zu übernehmen. Dieser Mann konnte aber nach 
Abwägung aller Gründe und Gegengründe kein anderer sein als eben 
jener Theophilus, der noch vor kurzem zu ganz anderem Zwecke 
vom Kaiser nach Constantinopel befohlen war. So vollzog sich denn 

03) Socrat. VI. 14. Sozom. Vni. 14. 

•*) Sozom. Vni. 15. 

0*) Ibid.: d(plrjfjit vfjtTv xriv noXtv xal xa ßaalXeia xal rtjv vTtoxQiaiv. 

8«) Socrat. VI. 15. Sozom. Vm. 16. Vgl. Ludwig S. 80. 

0') Socr. und Sozom. a. a. O. Selbst der Heide Zosimus sagt: x^XenaL- 
vovariq (Eudoxia) itQoxsQOv fihv avx(a x(Ofio)8eXv eicod-oxi xaxa xag avvoöovg 
avxTjv iv xaXq ngbq xb nX^d-og ofiiXlatg. Vgl. Ludwig S. 80 — 82. 



ISO 

ein merkwürdiger Wechsel der Verhältnisse, indem Eudoxia mit kühnem 
Federstriche den Patriarchen nun selbst •*) aufforderte, seine Ankunft 
in der Hauptstadt zu beschleunigen. Und Theophilus war in der That 
ganz die Persönlichkeit dazu, von den zahlreichen Gegnern des Johannes 
dasjenige Anklagematerial zu sammeln, welches einer grofsen Synode 
als Grundlage für eine Absetzung dienen konnte. 

Er war inzwischen von Alexandria aufgebrochen und hatte den 
Weg zu Lande vorgezogen, um unterwegs durch sein persönliches 
Erscheinen noch mehr Anhänger unter den Bischöfen zu werben.**) 
Die übrigen ägyptischen Bischöfe und diejenigen, welche Johannes 
auf seiner Reise nach Ephesus abgesetzt hatte, waren bereits angelangt; 
alle kamen aber nach Verabredung in Chalcedon, nicht in Constantinopel 
zusammen, wo Cyrinus, ein Landsmann des Theophilus und scharfer 
Gegner des Johannes, Bischof war. Nachdem nun auch Theophilus 
endlich angekommen war, setzten sie alle zusammen über den Bosporus 
nach Constantinopel über ''ö), aber, da ihre Absicht hinreichend bekannt 
war, so war die Aufnahme, welche sie fanden, eine recht kühle, nur 
die Bemannung der zufallig im goldenen Hom vor Anker liegenden 
ägyptischen Getreideflotte zog ihrem Oberhirten feierlich entgegen. 
Theophilus ausgestiegen''*) machte nicht von der ihm von Chryso&tomus 
angebotenen Wohnung Gebrauch, Sondern ging an der grofsen Kirche 
vorüber und nahm in einer Vorstadt Quartier. Gleichwohl forderte 
ihn Johannes auf mit ihm zusammenzukommen und ihm zu erklären, 
warum er zum Anstofs für die ganze Stadt eine so ausgesprochene 
Abneigung gegen ihn kundgebe. Doch ging Theophilus darauf in 
in keiner Weise ein, und deshalb bewogen seine Ankläger den Kaiser, 
dem Johannes aufzutragen, dafs er seinerseits sich zu Theophilus begebe 
und die gegen denselben vorgebrachten Verbrechen, die auf Ein- 
bruch und Mord lauteten, einer strengen Untersuchung unterziehe. i 
Johannes, um nicht gegen die kirchlichen Satzungen zu verstofsen, i 
welche verboten, dafs die Angelegenheiten eines Sprengeis in einem i 
andern abgethan würden, ging darauf nicht ein. Diese Ablehnung . 
des vielgehafsten Patriarchen kam dem Theophilus sehr gelegen, und ' 
er nutzte die nächsten drei Wochen mit Hülfe seiner aus Ägypten ' 
mitgebrachten Geldmittel und reichen Geschenke ''2), welche er am f 
Hofe an die einfiufsreichsten Persönlichkeiten verteilte, in so geschickter i^^f 

'B) Socrat. und Sozom. a. a. O. 

•») Vgl. PaUadius p. 73. 

'0) Sozom. Vni. 16. 

'^^) Vgl. Johannes Brief an Innocenz bei Paliadios p. 12. 

") p- 65. 



151 

Weise aus, dafs er nach Ablauf dieser Frist nicht mehr als der Angeklagte 
erschien, sondern sich auf Grund der weltlichen Unterstützung als 
Richter über Johannes geberden konnte; ja, selbst einen grofsen Teil 
des, wie wir wissen, ohnehin auf Johannes erzürnten Clerus hatte er 
auf seine Seite zu bringen gewufsf^) 

Nachdem nun so alle Vorbereitungen getroffen waren, wurde 
beschlossen, die Synode nicht in Constantinopel abzuhalten, wegen 
der Liebe, welche Johannes von Seiten der Bevölkerung genofs, sondern 
in einer damas ögig"^^), später Rufinianae beibenannten Vorstadt von 
Chalcedon, wo Rufinus zu Ehren der Apostel Petrus und Paulus eine 
Kirche erbaut hatte. Hier vereinigten sich die sechsunddreifsig Bi- 
schöfe '*) der gegnerischen Partei um den Theophilus zu der övvoöog 
63tl dfvv (synodus ad quercum^<^)). Der origenistischen Streitfragen 
wurde mit keinem Worte Erwähnung gethan, sondern Teophilus hatte 
hierher nur die flüchtigen Mönche geladen, um sich mit ihnen zu 
versöhnen, worauf die unglücklichen und vielgeprüften Männer, zumal 
unter dem Druck so zahlreich versammelter ehrwürdiger Bischöfe, ohne 
Sträuben eingingen.'^'') Darauf wandte sich die Synode unter dem 
Vorsitze des Theophilus ''^) den eigentlichen Beratungsgegenständen zu 
und beschäftigte sich in zwölf Sitzungen mit der Angelegenheit des Johannes 
Chrysostomus, in der dreizehnten aber mit der des von ihm in Ephesus 
eingesetzten Bischofs Heraclides.'^ö) 

Als Ankläger gegen Johannes trat sein eigener Diacon desselben 
Namens auf. Er hatte seine Anklage zusammengefafst in neunund- 
zwanzig Punkten, von denen sich vier auf Johannes' von der gewöhn- 
lichen abweichende Lebensweise bezogen, dafs er weder beim Eintritt 
in die Kirche noch beim Heraustreten bete, Frauen ohne Zeugen 
empfange, allein bade, allein und unmäfsig wie ein Cyclop esse, sich 
auf dem bischöflichen Thron auskleide und eine Pastille zu sich 
nehme 8ö); während die übrigen Punkte die Behandlung der Cleriker 
betrafen, die er im ganzen und im einzelnen geschmäht habe, Ver- 



w) p. 66. 

'*) Socrat. VI. 15. Sozom. Vm. 17. 

'*) Nach Palladius p. 72 waren es 36; während Photius Bibl. c. 59 die 
Zahl 45 angiebt. Vgl. Ludwig S. 86. 

T*) Die Akten des Concils sind nur im Auszuge des Photius a. a. O. er«« 
halten. Auch abgedruckt bei Mansi ConcUiorum omnium amplissima collectio HI, 
S. II 42 ff. Vgl. V. Hefele Conciliengescbichte II. S. Sgflf, 

") Sozom. vm. 17. 

78) Vgl. Ludwig S. 87. 

^^) Photius Bibl. c. 59. 

80) Vgl. Ludwig S. 91. 



152 

stöfse gegen die Vorschriften über die Ordination von Geistlichen 
und Bischöfen und Habsucht und Unterschlagung in vier Fällen. 
Darauf trat der Archimandrit Isaac auf und fugte achtzehn neue 
Punkte hinzu, in denen Johannes aufser dem Bekannten auch das vor- 
geworfen wurde, dafs er zu den Origenisten gehöre, diese begünstige 
und anders Denkende schlecht behandelt habe ; er gebe die Erlaubnis 
zu sündigen, indem er sage: Wenn du wieder gesündigt hast, so 
bereue wieder! und habe einige Heiden, heftige Feinde der Christen, 
in die Kirche aufgenommen und beschützt. 

Während die Synode nun in die Beratung der einzelnen Anklagen 
eintrat, hatten sich die Johannes treuen Bischöfe, vierzig an der Zahl, 
um denselben in seinem Palaste versammelt, um ihm in den nächsten, 
voraussichtlich trüben, Stunden tröstend und helfend zur Seite zu 
stehen.81) Zuerst erschienen die beiden libyschen Bischöfe Dioscurus 
und Paulus und überbrachten im Namen der anderen Synode das 
folgende Einladungsschreiben : „Die heilige Synode bei der Eiche dem 
Johannes ! Wir haben Schriften gegen dich empfangen, welche vielerlei 
Anklagen enthalten. Erscheine also und bringe die Presbyter Serapion 
und Tigris mit, denn ihre Gegenwart hier ist notwendig." Darauf 
entsandte die um Johannes vereinigte Synode die Bischöfe Lupicinus, 
Demetrius und Eulysius in Begleitung zweier Presbjrter an die Synode 
zur Eiche ab mit einem Erwiderungsschreiben an Teophilus. Er 
wurde in demselben aufgefordert, nicht durch seinen Eingriff in einen 
fremden Sprengel den Frieden der Kirche zu stören ; in ihren Händen 
befinde sich eine Anklageschrift gegen ihn in siebzig Kapiteln, und sie 
seien mehr als seine Bischöfe, nämlich vierzig und darunter sieben 
Metropoliten. Übrigens möge er nur nach dem Inhalte seines Briefes 
an Johannes handeln, in dem er mahne, eine Anklage aufserhalb des 
eigenen Sprengeis nicht anzunehmen.83) Diesem Schreiben fügte 
Johannes für seine Person noch eine besondere Antwort hinzu, in der 
er ausführte: Obwohl er nicht wisse, wer ihn überhaupt anklage, und 
es sich gezieme, dafs die Verhandlungen in der Stadt statt fanden, 
so wolle er sich doch stellen ; doch weise er seine offenbaren Feinde 
als Richter zurück, den Theophilus, der in Alexandrien und Lybien 
gesagt habe: „Ich gehe an den Hof, um den Johannes zu stürzen!", 
den Acacius von Beroea, der sich geäufsert habe: „Ich werde ihm 
schon eine Suppe einrühren!", den Severian und Antiochus. Wenn 



") Palladius p. 67 und 68. 
82) Palladius p. 71. 
*') p. 71 und 72. 



153 

sie also wollten, dafs er komme, so sollten sie diese aus ihrer Mitte 
entfernen.^) 

Man mufs gestehen, dafs es von Johannes gutem Gewissen 
zeugt, wenn er sich, obwohl sich vollkommen unschuldig fühlend und 
ungesetzlich berufen, dennoch stellen wollte, und in der That, wenn 
man die Anklagepunkte überblickt, so wäre es ihm gewifs vor 
gerechten, unparteiischen Richtern ein leichtes gewesen, sie als 
grobe Erfindungen und Übertreibungen darzuthun. Aber die 
Synode zur Eiche würde sich selbst den Todesstofs versetzt haben, 
wenn sie auf diese Forderung eingegangen wäre, sie wandte sich 
daher nunmehr an den Kaiser mit der Bitte, das Erscheinen des unge- 
horsamen Bischofs zu veranlassen. Wir sind schon gewohnt den Arcadius 
das thun zu sehen, was die Kaiserin jedesmal von ihm verlangte, und 
so entsandte er denn einen Notar 8*) mit einem schriftlichen Befehl 
an Johannes sich „Zur Eiche'' zu begeben. Kaum hatte sich dieser 
ohne Erfolg entfernt, so erschienen bereits zwei neue Abgesandte und 
zwar vom eigenen Clerus des Johannes mit ebenderselben Aufforderung. 
Wiederum aber lehnte dieser ab und beauftragte jene erstgenannten 
drei Bischöfe anzufragen, wie man ihn richten wolle, ohne zuvor seine 
Feinde zurückgewiesen zu haben, und wie man es wagen könne, ihn 
durch seine eigenen Kleriker zu citieren? Diese Frage erregte 
seine Gegner in solchem Grade, dafs sie den ersten der drei mit 
Schlägen empfingen, dem andern das Gewand zerrissen und den 
dritten in Fessel warfen. Darauf gab die Synode zur Eiche die 
Verhandlungen, in welche sie zum Schein eingetreten war, auf den 
Antrag einiger Presbyter aus Johannes eigenem Clerus auf und trat 
in die Schlufsberatung zur Urteüsfassung ein. Paulus von Heraclea, 
der späterhin den Vorsitz übernommen zu haben scheint, liefs die 
Anwesenden über den nicht erschienenen Johannes abstimmen. Alle 
ohne Ausnahme bis auf Teophilus, der seine Stimme zuletzt abgab, 
stimmten für Absetzung. Dieses Urteil wurde dem Clerus von Con- 
stantinopel bekannt gemacht und auch dem Kaiser in folgendem 
Schreiben: „Da Johannes, obwohl wegen mehrerer Vergehen angeklagt, 
Bicht erschienen ist, so trifft ihn die Strafe der Absetzung. Aber die 
Anklage enthält auch eine Majestätsbeleidigung. Deine Frömmigkeit 
möge daher befehlen, dafs er auch wider seinen Willen hinausgethan 
und wegen der Majestätsbeleidigung bestraft werde. Denn diesen 
Punkt zu untersuchen steht uns nicht zu. 8«)" 

^) P. 73. •*) P. 74. 

^) P* 75* l^i^ Verhandlungen und das Urteil, aber nur kurz zusammen- 
gefafst, auch bei Socrat. VI. 15 und Sozom. Vm. 17. Vgl. Photius c. 59 Ende. 



154 

Worin die Majestätsbeleidigung eigentlich lag, wird weder in den 
Anklagepunkten noch sonst überzeugend berichtet Denn, was Johannes 
Biograph Palladius behauptet, es beziehe sich das darauf, dafs 
Johannes die Kaiserin Isebel genannt habe, so ist bereits oben darauf 
hingewiesen, auf wie schwachen Füfsen diese Behauptung ruhte.^'') 
£s klärt sich dagegen sowohl Eudoxias Zorn gegen ihn und dieser 
Anklagepunkt auf, wenn wir annehmen, wie es schon oben geschab, 
dafs Johannes wirklich in seiner Predigt seiner Zunge keinen Zügel 
angelegt und dadurch die Kaiserin beleidigt hat. Doch der Kaiser 
hielt die Absetzung des ein&t so hochstehenden Mannes, der in den 
Wirren des Gainäischen Aufstandes so treulich sich des Staatswohles 
angenommen hatte, schon für eine genügende Strafe und liefs es bei 
dieser bewenden. 

Was für ein gröfseres Leid konnte den eifrigen Oberhirten von 
Constantinopel auch treffen als eine Verbannung? Das Predigen 
und Schaffen in der Gemeinde machte sein ganzes Leben aus, mit ihr 
fühlte er sich eins und aufs engste verbunden. Wie bewunderungs- 
würdig erscheint er daher, wenn er gewifs ins Innerste getroffen, selbst 
in seiner Abschiedspredigt noch seiner geliebten Gemeinde den Trost 
einzufiöfsen trachtete, der ihm selbst eigentlich so notwendig war! 
Als am Abend desselben Tages sich die Nachricht von seiner Ent- 
fernung in der Stadt verbreitete, da erregte das Volk einen schweren 
Aufstand, blieb in der Nacht um die grofse Kirche geschart, und liefs 
die Trabanten, welche am Morgen erschienen ihn zu holen, nicht ein, 
indem es stürmisch eine erneute Verhandlung vor einem gröfseren 
Concil forderte.^®) 

In diesen Stunden war es, dafs Johannes vor die aufgeregte 
Gemeinde trat und jene berühmte Predigt hielt, deren Anfang lautet :S9) 
„Zahlreich sind die Wogen und gewaltig die Flut, aber wir fürchten 
nicht im Meer zu versinken, denn wir stehen auf einem Felsen ! Lafst 
wüten das Meer — den Felsen zu lösen vermag es nicht! Lafst 
steigen die Wogen — Christi Fahrzeug können sie nicht versenken! 
Was soll ich fürchten? sprich! den Tod? Christus ist mm Leben, 
Sterben mein Gewinn. Oder die Verbannung? sage mirs! Die Erde 
ist des Herrn und was darinnen ist Oder die Güterconfiscation? 
Wir haben nichts in die Welt gebracht, darum offenbar ist, wir werden 
auch nichts hinaus bringen, und die Schrecknisse dieser Welt sind 



^) Vgl. Ludwig S. 95 und 96. 
**) Socrat. VI. 15. Sozom. Vin. 18. 

^") "^OfiiUa TiQo z^q i^oQlag tom. m. oper. omn. S. Job. Chrys. ed. Mont 
faucon. Vgl. Böhringcr S. 71. Ludwig S. 99, 



155 

mir verächtlich und ihre Güter belachenswert Nicht Armut fnrchte 
ich, nicht Reichtümer begehre ich; nicht vor dem Tode bange ich, 
nicht zu leben wünsche ich, wenn nicht zu eurem Besten. Darum 
erwähne ich das Gegenwärtige und bitte eure Liebe guten Muts zu 
sein. Niemand wird imstande sein uns zu trennen, denn was Gott 
verbunden hat, vermag der Mensch nicht zu scheiden!" Diesen Ge» 
danken der Unzertrennbarkeit des Hauptes und der Glieder einer 
Gemeinde führte er darauf des weiteren aus, immer sich stützend 
auf die Trostworte der heiligen Schrift, und suchte so sich und seine 
Zuhörer fest zu machen gegen das, was unabwendbar* war. 

Drei Tage blieb Johannes noch in Constantinopel, endlich aber 
gab er dem Drängen der abgeschickten Trabanten nach, um gröfsere 
Unruhen zu verhindern, und folgte am Abend des dritten dem Curiosus 
urbis, der ihn eiligst in ein Fahrzeug brachte und mit ihm absegelte.^^) 



Neuntes Kapitel. 



Volksauflanf in Constantinopel. — Theophilus flieht nach Alexandrien. — Ein 
nächtliches Erdbeben erschreckt die Kaiserin. — Der Kammerherr Brison holt 
den Bischof zurück. — Feierlicher Einzug des Johannes. ' — Seine Antrittspredigt. 

— Ausbruch erneuter Streitigkeiten nach zwei Monaten. — Die silberne Statue 
der Eudoxia wird neben der grofsen Kirche aufgestellt. — Die untergeschobene 
Predigt des Johannes. — Zweite Synode in Constantinopel, doch ohne Theophilus. 

— Erste Aufforderung des Kaisers an Johannes seine Kirche zu verlassen gegen 
Ostern 404. — Tumult in der grofsen Kirche am Ostersabbat. — Die Johanniten. 

— Zweite Abführung des Johannes in die Verbannung am 20. Juni 404. — Brand 
der grofsen Kirche, des Senats und anderer Gebäude. — Untersuchung wegen 
der Feuersbrunst. — Arcacius, des Nectarius Bruder, wird am 26. Juni zum 
Bischof erhoben. — Standhaftigkeit des Lectors Eutropius, des Presbyters Tigris 
und der Olympias. — Beruhigungsedicte des Arcadius. — Verhältnis der occi- 
dentalischen zur orientalischen Kirche. — Innocenz, Bischof von Rom, wird von 
beiden Parteien um Unterstützung angerufen. — Sein Briefwechsel mit Theophilus, 
Johannes und dessen Clerus. — Schreiben des Honorius an Arcadius in dieser 
Angelegenheit. — Unwürdige Behandlung der occidentalischen Gesandten. — 
Johannes stirbt in Comana 14. September 407. — Vergleichung des Ambrosius 

mit Johannes Chrysostomus. 

Die Entfernung des Bischofs rief in der Stadt einen Sturm fast 
allgemeiner Entrüstung hervor, denn selbst viele von denjenigen, die 
tags zuvor noch seine Gegner waren, wurden nach seiner Abführung 
plötzlich anderen Sinnes, bemitleideten ihn und schalten auf die 



**) Socrat. VI. 15. Tte^l tb fieatjfjtßgivov. Joh. Chrys. in seinem Briefe 
an Innocenz bei Palladius p. 12. tc^o^ hani^av ßad-etav. 



15^ 

Kaiserin und besonders auf Theophilus. *) Die Erregung wurde noch 
gröfser, als nun die Anhänger desselben, die Mönche, die Kirchen 
besetzten, um das Volk an einer Kundgebung zu Gunsten ihres ab- 
geführten Bischofs zu verhindern, und ihnen so auch ihre gewohnten 
Andachtsübungen unmöglich machten. Da entstand ein grofser Tumult, 
in welchem sogar sich Soldaten unter die Menge mischten, Partei für 
Johannes ergriffen und alles niedermachten, Mönche und Nichtmönche, 
was sich ihnen in schwarzer Kleidung in den Weg stellte.^) Diese 
aufrührerischen Vorgänge, welche ihre Spitze in erster Linie gegen 
Theophilus richteten, bewogen diesen, sich schleunigst auf die Heim- 
reise nach Alexandrien zu begeben, welche er im September 403 an- 
trat.3) Ihm war aufserdem nicht entgangen, dais auch am Hofe der 
Wind plötzlich anders wehte, sicherlich unter' dem Druck der Er- 
regung unter der Bevölkerung; dazu wurde gerade in diesen Tagen 
die Stadt durch ein nächtliches Erdbeben erschreckt^), ein Ereignis, 
welches am Bosporus damals etwas ganz gewöhnliches war imd nur 
durch eine schamanistische Verbindung mit der Entfernung des Jo- 
hannes eine ungewöhnliche Bedeutung erhielt. Denn das erschreckte 
Volk sah darin eine Strafe des erzürnten Himmels und wandte daher 
seinen Zorn den Urhebern der Absetzung zu ; es rottete sich vor dem 
kaiserlichen Palaste mit Geheul und Wehklagen zusammen und for- 
derte stürmisch die Zurückberufung des Johannes.**) Es blieb der 
geängstigten und abergläubischen Kaiserin nichts weiter übrig, als sich 
an ihren Gemahl mit der Bitte zu wenden, um jeden Preis den Bischof 
zur Rückkehr zu veranlassen. Vielleicht empfand sie wirkUch auch 
einige Reue und sah die Vergehen des Johannes in weniger dunklen 
Farben, jedenfalls blickte aus ihren nächsten Handlungen die unver- 
kennbare Neigung hervor, sich mit ihm, für den Augenblick wenigstens, 
auszusöhnen. 

Während sie nun mit dem Volke zusammen in feierlicher Pro- 
cession*) den Himmel wieder zu besänftigen trachtete, suchte ihr Kammer- 



») Socrat. VI. 16. Sozom. Vm. 18. 

*) Zosim. V. 23. Gegen Ludwig S. lOi nehme ich an, dafs diese Vor- 
gänge nicht erst nach der Rückkehr des Johannes stattfanden. 

3) Nach Palladius p. 16 und 76 wäre allerdings Theophilus erst nach Jo- 
hannes Rückkehr geflohen, weil ihn das Volk ins Meer werfen wollte. Vgl. 
Clinton Fast. Rom. S. lOO und 104. 

*) Theodoret V. 34 (und Nicephorus Callist. IX. c. 16). Vgl. Hammer Con« 
stantinopel und der Bosporus I. cap. XII zu den Erdbeben. 

* *) Vgl. Chrys. hom. post redit. ex exilio. und Socrates-Sozomen. a. a. O. 

'^) Darauf beziehe ich in seiner Antritts predigt tom. III. p. 429B. ßaai- 
Xiöa avyxoQSvovaav ildßsrs' ov yag dnoxQvyjoßai tb ^^Aov avT^g, 



157 

eunuche Briso den Verbannten einzuholen. Er traf ihn in Praenetum 
auf dem Wege nach Nicomedien und überbrachte ihm, mit der Auf- 
forderung eiligst umzukehren, einen eigenhändigen Brief seiner kaiser- 
lichen Herrin: „Deine Heiligkeit, schrieb Eudoxia, möge nicht glauben, 
dafs ich von dem Geschehnen Kenntnis hatte. Ich bin unschuldig 
an deinem Blute. Böse und verworfene Menschen hatten diesen Trug 
ersonnen. Meiner Thränen Zeuge aber ist Gott, dem ich diene, und 
ich erinnere mich, dafs durch deine Hände meine Kinder getauft 
sind".*) Dieser Brief enthielt Wahres und Falsches durcheinander ge- 
mischt, denn böse und falsche Menschen mochten ihr Verhältnis zu 
Johannes wohl verbittert haben, aber ebenso unwahr ist, dafs Eudoxia 
von den Vorgängen auf der Synode nichts gewufst habe. Schon ihr 
Schreiben an Theophilus widerlegt eine solche Behauptung, die nur 
aus der grofsen Seelenangst zu erklären ist, in welcher sich die 
Kaiserin befand. 

Johannes aber mochte nicht minder ihre Sinnesänderung für 
aufrichtig halten, und dankte gewifs dem Herrn von ganzem Herzen, 
dafs das Leid sich wieder in Freude gewandelt habe. Und auch die 
Bevölkerung der Hauptstadt schwamm wieder in einem Meere des 
Entzückens, als es hiefs, Johannes kehre zurück, fuhr ihm in zahl- 
reichen Kähnen entgegen, und das goldene Hom erschien dem Bischof 
märchenhaft erleuchtet von all' den Wachskerzen'') in den Boten, als 
er sich am Abend dem Ufer näherte. Doch trat Johannes nicht so- 
gleich wieder sein Bischofsamt an und nahm in seinem bischöflichen 
Palast Wohnung, sondern er blieb auf einem Landgute der Kaiserin ^) 
Marianae, fest entschlossen nicht früher in Thätigkeit zu treten, als bis 
durch eine gröfsere Synode die Absetzung widernifen wäre. Aber 
das Volk war mit einem solchen Zögern, das sich seinem Triumphe 
in den Weg stellte, nicht einverstanden und drängte so lange, bis 
Johannes von seiner Forderung abstand und in feierlichster Weise in 
die Stadt zurückgeführt wurde, wo ihm Eudoxia noch am späten 
Abend durch einen Vertrauten Glück wünschen liefs.®) 

Wie voll damals sein Herz von Dank gegen den Höchsten war, 
das bezeugte er in der ersten Predigt, die er an seine Gemeinde 



•) Ebend. p. 429 D. 

') Theodoret V. 34. 

*) Socrates VI. 16. Sozomen. Vui. 18 nennt den Namen des nQOaareXov 
nicht, sondern sagt, es lag neQl xov avanXovv, Vgl. Ludwig S. 102 und 103. 

®) So fasse ich ihre Worte auf, die sie ihm sagen liefs: ^ evx^ f^ov Tte- 
nXriQwrar dnrixTiaa zb xarogd^wfjta. iaTS<pavw&rjv fiäXXov zov öia&i^fiaroq. 
Vgl. Hom. post redit. 



158 

richtete:*^) „Wie soll ich Worte finden för meine Gefühle? Gelobt 
sei Gott! Mit diesem Worte ging ich hinweg, mit ebendemselben 
trete ich wieder ein, ja vielmehr auch dort habe ich nicht aufgehört 
es auszusprechen. Ihr erinnert euch, dafs ich den Hiob als Beispiel 
heranzog und sagte: Der Name des Herrn sei gelobt in EwigkditI 
Dieses Pfand habe ich euch beim EUnweggehen zurückgelassen, dieselbe 
Danksagung nehme ich wieder auf: Der Name des Herrn sei gdobt 
in Ewigkeit!" Am folgenden Tage hielt er eine längere Predigt ^i), 
in der er anknüpfte an die Erzählung, wie Abimelech (i. Mos. 20.) 
sich Abrahams Weib Sara, die dieser für seine Schwester ausgegeben 
hatte, holen liefs, sie aber auf des Herrn Geheifs unberührt zurück gab; so 
hätte auch jetzt der Ägypter (Theophüus) die Kirche eingenommen, 
aber kaum für einen Tag. Es ist nicht wunderbar, dafs er dabei 
besonders der Kaiserin öfters Erwähnung that; er rühmte ihre Teil- 
nahme an dem Bittgange infolge des Erdbebens, teilte ihren oben 
dtierten Brief mit und hob preisend am Schlufs hervor, dafs sie alles 
thue die Kirche in Ruhe weit^ wachsen zu lassen. ^^) Denn in der 
Freude über ein unerwartetes Glück tritt die Erinnerung an frühere 
Unbilden und Meinungsverschiedenheiten zunächst zurück, itm sich 
später allerdings von neuem geltend zu machen. 

So war es auch in diesmal Falle. Kaiun zwei Monate ^^) war es 
Johannes vergönnt in Ruhe seines Amtes zu pflegen, als ein unvorher- 
gesehenes Ereignis bewies, dafs die Versöhnung von Seiten der Augusta 
nur äufserlich war, und dafs alle Gedanken der Reue sofort wieder ins 
Gegenteil umschlugen, sobald nur die abergläubische Furcht vor der 
Strafe Gottes von ihr gewichen war. Die Veranlassung zu erneuten 
Mifshelligkeiten gab die Feier der Aufstellung einer silbernen Statue 
der ELaiserin **), welche ihr vom Stadtpraefecten Simplicius geweiht wurde, 



**) bfiilia xov avtov oxe iqX^ev mto r^c i^ogiaq. 

") Denselben Titel führend p. 427 A ff. 

**) TtdfjiTioXXa Ttoist äoTS xo ipvxevS'hv fieivai ßsßaiov äars rrjv ixXrj- 
aiav dxkv6(6viazov fzsZvai, — Die erste Verbannung fand statt im Jahre 403 
Ausgang des Sommers. Man kann dies, da Marcell. Com. und Chron. Pasch, 
nur die zweite kennen, aus Socrat. VI. 18 schliefsen, der berichtet, dafs der Brand 
der grofsen Kirche 404 20. Juni erfolgte , Ostern und Weihnachten als vorher- 
gehend erscheinen, und dafs Palladius p. 76 zwischen der Rückkehr des Johannes 
und dem Ausbruch der neuen Streitigkeiten 2 Monate verstrichen sein läfst. 

13) Vgl. Clmton Fast. Romani. 

") Prosp. Aquit. Marcell. Com. Socrat. VI. 18. Sozom. VJLLL. 20. Palla- 
dius, der doch sonst über diese Verhältnisse am besten unterrichtet erscheint, 
weifs nichts davon und giebt überhaupt keinen Grund für den neuen Streit an. 
p. 76 : Msta ovo fjtrjvaq naXiv vTiavaTtvsvaavzsg z^g nXrjyfjg, (pQvdzzovzai ix 



I 



159 

auf eine Porphyrsäule ^^^) auf dem Platze an der Süds^te der grofsen 
Kirche» welche, wie alle derartigen Festlichkeiten, unter grofsem Jubel 
des Volkes und in Verbindung mit orchestrischen und mimischen 
Darstellungen vor sich ging. Gewöhnlich fanden sie an einem Sonntage ^^) 
statt und fahrten alsdann unter Umständen zur Verödung des Gottes- 
dienstes. So wurde auch die Aufrichtung dieser Bildsäule an einem 
Sonntage und zu einer Zeit vorgenommen, als Johannes gerade einen 
Gottesdienst abhielt Der wüste Lärm störte die Andacht der Gläubigen, 
und so liefs er denn in seiner Predigt seinem Unwillen über die 
unheiligen Volksfeste volle Freiheit Er hatte dabei keineswegs mit 
irgend einmal Worte derjenigen Erwähnung gethan, der das Fest galt, 
gldchwohl beeilten sich seine Feinde, seine Worte als eine erneute 
Beleidigung d^ Augusta hinzustellen und verfehlten nicht sie ihr selbst 
in dieser Weise vorzutragen. 

Da entbrannte der alte Groll, welcher nur durch die Not der 
Umstände zurückgedrängt war, von neuem in dem Herzen der 
allmächtigen Frau und wiederum schwur sie dem Bischof Rache. 
Johannes bemerkte jedenfalls sogleich in dem Verhalten des Hofes 
und sdnes Cl^ns, dals wieder etwas gegen ihn im Werke sei, dennoch 
hat er gewifs nicht eine darauf bezügliche Predigt gehalten, deren 
Anfangsworte gelautet hätten: „Wieder wütet Herodias, wieder sinnt 
sie Böses, wieder tanzt sie, wieder begehrt sie das Haupt des Johannes 
auf einer Schüssdl*'^^) Es sind das vielmehr Worte, welche von einem 



öevTbQOV xaza xov ^lioavvov * Dieses Schweigen erscheint aufiallig und ist gerade 
kein Beweis für seine "Wahrheitsliebe. 

**a) Corp. J. L. m. 736. Sie trug auf der einen Seite die Inschrift: D. N. 
Aeiiae Eudoxiae semper Augustae vir clarissimus SimpUcius Prf. U. dedicavit; 
auf der anderen: 

\jcio\v(x, noQfpvQiriv xal aQyvQiyv ßaaiksiav 

öBQxso, Iv^a TtoXrji &sfjtiat€vovaa avaxzsg' 

ovvofia, 6^ si Ttod^seigy Evdo^ia' zig 6^ dviS^xsv; 

SifinXixiog, fieyaXmv vnaxmv yovog, iad-lög vnaQx^Q- 
Er war jedenfalls der Cod. Theod. 396. 1. 12, 5 erwähnte Proconsul Asiae, während 
es in denselben Jahren, wie die Series Chron. Comt. erweist, auch einen magister 
militum desgleichen Namens gab. Seine Ahnen, welche Consuln gewesen waren, 
müssen mütterliche sein, da bis zum Jahre 312 sich kein Simplicius als Consul findet. 
«) Vgl. Cod. Theod. XV. 4, i. 

^^ Diese "Worte (fast völlig übereinstimmend) finden sich nur bei Socrat. 
VI. 18 xmd Sozom. VHI. 20. Ludwig erörtert die Frage der Glaubhaftigkeit 
S. 115 — 120 und kommt zu dem Resultat, dafs jene "Worte, wie von der Predigt, 
an deren Spitze sie stehen, längst nachgewiesen ist, eine nachträgliche Fälschung 
sind, welche wahrscheinlich in Syrien entstanden sei, weil die Hauptfeinde des 
Chrysostomus, Severian und Acacius, Syrer waren. Vgl. Neander Joh. Chrys. II. 
S. 220. Böhringer S. 74. 



i6o 

witzigen Fälscher nachträglich ersonnen und untergeschoben sind; 
denn zu einem solchen Vergleich hätte sich selbst Chrysostomus nicht 
mit seiner mafslosen Zunge verirrt. Die Nachricht von dem Ausbruch 
erneuter Mifsstimmung zwischen dem Hofe und Johannes rief A') seine 
alten Widersacher, welche an der Synode zur Eiche teilgenommen 
hatten, nach der Hauptstadt zurück, wo sie bereits eine grofse Anzahl 
der inzwischen vom Kaiser berufenen Bischöfe antrafen. 

Diese hatten zunächst ganz im Sinne des Hofes die Kirchen- 
gemeinschaft mit Johannes wiederaufgenommen ^^), mufsten aber infolge 
des letzten Ereignisses inne werden, dafs ihre Haltung der Kaiserin 
nicht genehm war, und fingen an, allmählich durch Überredung und 
Geschenke bewogen **), auf die andere Seite überzugehen. Gleichwohl war 
Johannes zu ihrem grofsen Schrecken bereit, sich ihnen zur Untersuchung 
zu stellen, denn das Anklagematerial erschien auch ihnen nicht stich- 
haltig; da half ihnen Theophilus, der auf alle Mahnungen des Kaisers 
nach Constantinopel zu kommen mit Ausflüchten geantwortet hatte 
und nicht von Alexandrien fortzubewegen war, aus der Verlegenheit, 
indem er ihnen riet den IV. und XII. Canon des antiochenischen 
Concils vom Jahre 341 gegen ihn in Anwendung zu bringen, nach welchen 
ein Bischof oder Priester, der abgesetzt wieder in sein Amt zurück- 
kehrte, ohne von einer Synode dazu befugt zu sein, ohne weiteres 
daraus vertrieben werden soUte.^o) 

Um die Anwendung oder Nichtanwendung dieser Vorschriften 
drehte sich in der Folge längere Zeit der ganze Streit, welcher zum 
Teil vor dem Kaiser selbst '-^) ausgefochten wurde und zu manchen 
Aufläufen führte, bis Arcadius, der schon am Weihnachtsfest 403 der 
Kirche fem geblieben war^ä) und so die Gemeinschaft mit Johannes 
aufgehoben hatte, gegen Ostern 404 von seinen immer dringender 
werdenden Feinden sich überzeugen liefs, dafs jene Satzung auf 
Chrysostomus Anwendung finde, und diesem kund gab, er möge durch 
zwei Synoden verurteilt, seine Kirche verlassen.*^^^ Doch diesem Ansinnen 
gegenüber wies Johannes darauf hin, dafs er die Leitung der Kirche 



^^) Socrates und Sozomenus a. a. O. 

18) Palladius p. 78. ") p. 79. 

*o) Palladius ibid. vgl. Ludwig S. 122 — 124. 

8*) Palladius p, 80 und 81. Davon giebt auch Cod. Theod. XVI. 4, 4 vom 
29. Jan. 404 Zeugnis , welches den Palastsoldaten bei Vedust ihrer Stellung die 
Teilnahme an Versammlungen untersagt. 

^) Socrat. und Sozom. a. a. O- 

") Palladius p. 81. Wenn Pall. p. 80 sagt: naQiTtTtaaav firjvsg ivvea tj 
dexa über diese Streitigkeiten, so ist das wohl etwas übertrieben. 



i6i 

von Gott erhalten habe und darum nur der Gewalt weichen 
werde. Es vergingen daher einige Tage, bis, nachdem der Versuch 
der zu Johannes haltenden Bischöfe die Kaiserin umzustimmen mifs- 
lungen war*^*), Arcadius endlich den Mut fafste und den Befehl zur 
gewaltsamen Fortfuhrung des Bischofs erteilte.26) 

Es war grade der Sonnabend vor Ostern, und in der Nacht 

sollten nach alter Sitte die Katechumenen das Bad der heiligen Taufe 

erhalten, da stürzte ein Haufe Soldaten, zum teil Heiden, in die 

Kirche, trieb die Priester heraus und umstellte den Altar mit Waffen; 

selbst die Frauen, welche zur Taufe anwesend waren, wurden nackt 

liinausgetrieben, gestofsen, ja viele verwundet; sogar ins Heiligste drangen 

ciie Soldaten und gofsen Christi Blut auf ihre Gewänder. Das aus 

der Kirche getriebene Volk sammelte sich mit den Priestern in den 

Sädem des Constantius^*), um hier die Auferstehung des Herrn zu 

feiern; aber auch an dieser Zufluchtsstätte war ihres Bleibens nicht, 

<lenn das von den Gegnern herbeigeholte Militär säuberte, wiederum 

nicht ohne Verwundungen, den Ort. Doch ihre Absicht, das Volk 

dadurch zum Besuch der grofsen Kirche am Ostersonntage zu zwingen, 

erreichten sie damit nicht, denn die Chrysostomus treu ergebene 

Gemeinde zog am Morgen aus der Stadt in die nächste Umgebung 

und feierte ihr Osterfest unter Bäumen und in Schluchten. Zwar liefs 

man sie auch hier nicht ungestört und verhaftete sogar eine Anzahl 

Männer und Frauen ^8), doch hinderte dies die Anhänger des Johannes 

nicht, auch fernerhin gesondert von den übrigen ihre Gottesdienste 

abzuhalten. Davon erhielten sie den Namen der Johanniten.28) 

Inzwischen war der Bischof Johannes selbst ebenfalls nicht seines 
Lebens sicher, da man sogar mörderischen Absichten gegen ihn auf 
die Spur kam 2»), und wurde deshalb von den Eifrigsten Tag und 
Nacht in seinem Palaste bewacht. Dieser unleidliche Zustand dauerte 
von Ostern bis nach Pfingsten, denn wegen der früheren Tumulte 
bei der ersten Abführung hatte Arcadius nicht den Mut die zweite 
anzubefehlen. Endlich begaben sich die Häupter der Gegenpartei 
fünf Tage nach Pfingsten ^o) in den kaiserlichen Palast und bewogen. 



2*) Palladius p. 82 f. und 83 Anf. 

2*) Über die folgenden Vorgänge berichten: Sozom. VIII. 21. Job. Chrys. 
bei Palladius in seinem Briefe an Innocenz p. lyfF. und Palladius selbst p. 85 ff. 
Vgl. Ludwig S. 129 ff. 

^^ Sozom. a. a. O. und Socrat. VI. 18. 

27) Palladius p. 86. 

»«) Socrates VI. 18. 

»«) Sozom. Vm. 21. 

*>) Palladius p. 88. Pfingsten fiel auf den 5. Juni. Vgl. Ludwig S. 133, 

II 



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103 

näher, dafs, ohne eine Verabredung anzunehmen, einer aus der Zahl der 

fanatischsten Johanniten in dem Augenblicke, wo die Abführung des 

Johannes bekannt wurde, den Entschlufs fafste, dem Chrysostomus 

eine Fackel anzuzünden, deren Leuchten er zwar schwerlich noch 

werde sehen können, die aber doch den triumphierenden Gegnern 

den Sieg in etwas verleiden sollte. Die Folgen dieser unüberlegten 

Handlung waren in jeder Beziehung traurig sowohl für die orientalische 

Kirche überhaupt wie für eine ganze Anzahl der Johanniten. Eine 

strenge Untersuchung 39) wurde sogleich in Constantinopel durch den 

Stadtpraefecten Studius eingeleitet, während auch die Bischöfe und 

Kleriker, welche Johannes in die Verbannung folgen wollten, wegen des 

plötzlichen Brandes angehalten und in Chalcedon festgehalten wurden.^^j 

Die Verfolgung erschien den Christen um so schrecklicher, als Studius 

noch am Ende des Jahres von Optatus abgelöst wurde**), von dem 

berichtet wird, dafs er Heide war. Waren schon in den ersten Tagen 

viele Verhaftimgen unter den ^esinnungstreuen Bischöfen und Clerikem 

vorgekommen, so nahm die Verfolgung noch zu, als Arsacius, der 

achtzigjährige Bruder des Nectarlus, welcher selbst als Zeuge gegen 

Johannes auf der Synode zur Eiche aufgetreten war, zum Nachfolger 

des Vertriebenen am 26. Juni erhoben wurde.*^) 

Die Milde nämlich, welche ihm gegen seine Kleriker nach- 
gerühmt wird, bewies er durchaus nicht gegen die Anhänger seines 
Vorgängers, denn auf seine Veranlassung wurde ein Militärtribun mit 
entsprechender Mannschaft aufserhalb der Hauptstadt beordert und 
störte dort den Gottesdienst der Johanniten in der rohesten Weise, 
Prügel und Stein würfe kamen zur Anwendung, viele wurden verwundet 
und die Frauen ihres Schmuckes beraubt.*^) Damals gingen viele 
freiwillig ins Exil, auch Frauen und unter ihnen die wegen ihrer 
ewigen Jungfräulichkeit und Heiligkeit berühmte edle Bithynierin 
Nicarete, den Armen und Kranken eine stets bereite Helferin. Andere 
blieben und ertrugen die ihnen auferlegten Leiden mit der Geduld 
und Freudigkeit wahrer Märtyrer: So der Lector Eutropius, der obwohl 
geschlagen, zerfleischt und mit brennenden Fackeln gebrannt, nichts 
über die Feuersbrunst bekannte und im Gefängnis starb, und ebenso 
der Presbyter Tigris, der allen Qualen mannhaft Trotz bietend 
schliefslich noch nach Mesopotamien verbannt wurde. 



39) Socrat. VI. 18. Sozom. Vm. 22—24. Palladius p. 95. 
«>) Palladius p. 93. 

**) So nimmt Ludwig S, 144 an. Vgl. Socrat. VI. 18. 
**) Socrat. VI. 19. Sozom. VIII. 23. Palladius p. 94. 
*3) Sozom. a. a. O. 

II* 



164 

Nicht minder standhaft erwies sich die Diaconissin Olympias^*), 
jene treue Freundin des Chrysostomus, mit der er später den lebhaftesten 
Briefwechsel aus dem Exil unterhielt. Gefragt vom Praefecten, warum 
sie die Kirche angezündet habe, antwortete sie: „Das ist nicht mein 
Lebensberuf, denn ich habe mein grofses Vermögen auf die Erbauung 
von Gotteshäusern verwandt!" und als jener meinte, ihm sei ihre 
Lebensweise hinreichend bekannt, erwiderte sie: „So tritt du an die 
Stelle des Anklägers und lafs einen anderen über uns richten!" Als 
er darauf aus Mangel an Beweisen diese Anklage fallen liefs und den 
gefangenen Frauen ihr Fembleiben von dem Gottesdienste des Arsacius 
verwies, nahmen die übrigen das ruhig hin, Olympias aber wies ihm 
diese Bemerkungen als ganz ungehörig zurück, zahlte die ihr auferlegte 
hohe Geldsumme und zog sich nach Cyzicus zurück. Endlich aber, 
da die Untersuchung trotz aller Strenge, wie ein Bericht drastisch 
sagt, „nur den Schatten eines Esels" ergab, ordnete Arcadius am 
29. August 4044^) die Entlassung der Cleriker an, doch mit der 
Bestimmung, dafs sie sogleich aufs Schiff gebracht und ihrer Heimat 
wieder zugeführt werden sollten. 

Femer wurden die Häuser, welche fremde Cleriker oder Bischöfe 
nach Veröffentlichung dieses Ediktes aufnehmen würden, mit Confiscation 
bedroht, ingleichen diejenigen, in welchen nachweislich tumultuarische 
Versammlungen stattfinden würden. Überhaupt wurden alle fremden 
Qeriker angewiesen die Hauptstadt zu verlassen. Gleichwohl zitterte 
die Johannitische Bewegung in Constantinopel weiter fort, und wie 
tief sie hier ging, zeigt eine neue Verordnung*®) des Kaisers wenige 
Tage später, welche den Hausbesitzern befiehlt, ihre Sklaven von den 
aufrührerischen Versammlungen fernzuhalten, und im Weigerungsfalle 
drei Pfund Gold Strafe androht. Zugleich wurden die Corporationen, 
insbesondere die der Geldmakler, für das Verhalten ihrer Mitglieder 
verantwortlich gemacht und im Falle des Zuwiderhandelns mit einer . 
Strafe von fünfzig Pfund Gold bedroht. | 

Aber wurde den Johanniten die Heimat durch solche Mafsregeln f 
verleidet, so blieben ihnen noch die Provinzen, in denen sie unter f 
den Bischöfen so manchen Freund und Gesinnungsgenossen fanden, [ 
und so breitete sich die Johannitische Secte, durch den ganzen f 
Orient aus. Zwar suchte auch hier Arcadius durch gesetzliche Anordnung r 
dem Unwesen zu steuern und Frieden zu stiften, indem er die Statt- j; 



**) Sozom. c. 24. 

«) Cod. Theod. XVI. 2, 37. 

«) XVI. 4, 5. 



i65 

halter anwies „die Zusammenkünfte derjenigen zu hindern, die auf 
die Religion der Orthodoxen sich stützend die heiligen Kirchen ver- 
achteten und anderswo zusammenkämen, denn die, welche sich von 
der Gemeinschaft des Arsacius, Theophilus und Porphyrius (Antiochia) 
fernhielten, müfsten aus der Kirche ausgestofsen werden."*^) Aber 
mehr als dreifsig Jahre vergingen, bis der tiefe Rifs, der durch Johannes 
ungerechte Absetzung zwischen der Kirche und seinen Anhängern auf- 
klaffte, durch die milde und kluge Freundlichkeit eines späteren Nach- 
folgers überdeckt und wieder ausgeglichen wurde.^») 

Dies die thatsächlichen Verhältnisse. Aber sehen wir von dem 
Einzelnen ab und fassen den Verlauf des Ganzen noch einmal ins 
Auge, so erscheint als besonders verhängnisvoll für die Kirche des 
Orients, dafs im Gegensatz zum Occident der kaiserlichen Gewalt alle 
Macht über sie durch die Bischöfe, welche eine Verurteilung des 
Johannes herbeiführen wollten, selbst ausgeliefert wurde.**) Sie sind 
deshalb in erster Linie anzuklagen, wenn in Zukunft immer mehr 
noch der weltliche Einflufs auf die Besetzung von Bischofssitzen und 
die Entscheidung von Synoden an Stärke gewann. Hatte schon bei 
dieser Gelegenheit die Lüge über die Wahrheit, Gewalt über das 
Recht, Bestechung über die Überzeugung den Sieg davongetragen, so 
mufste ihr Ausgang für die Folgezeit in moralischer Beziehung geradezu 
verderbend wirken, und schon die Geschichte der nächsten fünfzig 
Jahre wird mehr als einmal die Folgen der Einmischung des welt- 
lichen Elementes aufweisen. Und so ist denn die orientalische Kirche 
im Laufe der Jahrhunderte inmier mehr in die Fesseln der staatlichen 
Gewalt geschlagen und in ihrer Entwickelimg fort und fort gehemmt 
worden also, dafs sie im grofsen Rufsland wenigstens in ihrer höchsten 
Spitze vollständig mit dem weltlichen Reichshaupte vereinigt und der 
Czar zugleich ihr oberster Patriarch ist. 

Zu ganz anderem Leben und mächtiger Ausdehnung dagegen 
entwickelte sich die occidentalische, besonders die römische Kirche ! Zu 
jeder Zeit und vor allem in den nun folgenden Wirren der Völker- 
wanderung, welche das römische Reich zertrümmerten, blieb sie allein 
unberührt und unentwegt als ein trotziger Fels in vergeblich branden- 
den Wogen, wohl bisweilen des Schutzes bedürfend, aber doch sich 
stets freimachend von vorübergehend weltlichem Einflufs. Ihre macht- 



*') XVI. 4, 6. Hierher gehört wohl auch Cod. Theod. IX. 34, 10. 406., 
welches den Autoren von Pampfleten und ihren Hehlern die strengste Strafe 
androht. 

*•) Socrat. VII. 45. 

*9) Vgl. Ludwig S. 134. 



i66 

voHe Stellung aber in der christlichen Kirche überhaupt und die An- 
erkennung als einer leitenden Vonnacht vermochte sie nur zu erlangen 
und zu behaupten eben wegen der fortgesetzten Reibungen in der orientali- 
schen Kirche, welche naturgemäfs bald die eine, bald die andere Partei 
veranlafsten, eine Stärkung und Unterstützung in Rom zu suchen, 
wobei sie, um ihren Zweck zu erreichen, in der Wahl ihrer Roms 
Macht anerkennenden Worte oft nicht vorsichtig genug waren. 

So geschah es auch in betreff der Absetzung des Johannes 
Chrysostomus , der inzwischen nach mancherlei Gefahren und Leiden 
an den Ort seiner Verbannung, Cucusus in Armenien, gelangt war, 
von dessen Öde und ungesundem Klima seine zahlreichen Briefe Kunde 
geben.**^) Die erste Nachricht von den Vorgängen in Constantinopel 
erhielt der damalige römische Bischof Innocenz durch einen Brief 
des Theophilus, in welchem er kurz mitteilte, dafs Johannes seines 
Amtes entsetzt sei.**) Innocenz war schon nahe daran des Theophilus 
Unbesonnenheit und Leichtsinn zu tadeln, weil er allein und ungenau 
geschrieben habe, da erschien aber der gerade in Rom in kirchlichen 
Angelegenheiten weilende Diacon Eusebius aus Constantinopel und 
beschwor ihn inständig in einem Bittschreiben noch etwas zu warten, 
bis zuverlässige Nachricht aus Constantinopel eingetroffen und die 
ganze Intrigue aufgedeckt sei. In der That kamen drei Tage s{)äter 
vier Bischöfe der Johannitischen Partei in Rom an^^j^ welche drei 
gleichlautende Briefe von Johannes, den vierzig Bischöfen und seinem 
Klerus an Innocenz übergaben. Johannes*^) berichtete darin über 
die Vorgänge bei seiner doppelten Abfuhrung im ganzen obiectiv und 
im Überblick und sagte am Schlufs, diese Geschehenisse seien um so 
bedauerlicher als „gleichwie- eine Krankheit des Kopfes auch die 
übrigen Glieder in Mitleidenschaft zöge, also die kirchlichen Unruhen 
von der Hauptstadt aus überallhin Verwirrung bringen würden." 
Schliefslich bat er den Innocenz, „es nicht zuzulassen, dafs jemand 
aus so weiter Entfernung in fremde Sprengel kommen dürfe, um nach 
Belieben andere zu vertreiben, und besonders das, was in seiner — 
Johannes — Abwesenheit gegen ihn verhandelt sei, für ungültig zu 
erklären.**) 



^) Palladius p. 94. Sozom. VIIl. 22. Vgl. Joh. Chrys. ep. 234 ad Brison. | 
ep.' 4. 6. 109. J 

") Palladius p. 9. f 

M) PaUadius p. 10. - 

^ Der Brief ist erhalten bei Palladius p. 10 — 22. 

**) iniaTeiXai TtaQaxhqO-ritL t« filv ovxwq 7taQav6fi(og yeyevtjfxeva 
dnovtwv riixdiv .... fiijösfilav ex^iv laxvv. 



167 

4 

Kurze Zeit darauf langte auch eine Gesandtschaft der anderen 

Partei an, welche die Acten der Synode zur Eiche überbrachte. Aus 

ihnen ersah Innocenz die Unschuld des Johannes mit solcher 

Klarheit, dafs er Theophilus antwortete, er könne unmöglich von der 

Gemeinschaft mit dem Verbannten ablassen, wenn Johannes nicht durch 

ein rechtmäfsiges Urteil verdammt werde. Theophilus möge daher 

die Angelegenheit auf einem allgemeinen Concil noch einmal vor- 

bringen.^^) Zugleich schickte er an die Johannes treugebliebenen 

Sischöfe Briefe, in denen er sie ermahnte, mutig auszuharren, und 

£iuch an Johannes selbst^^) Das Schreiben an diesen ist recht vorsichtig 

abgefafst und verweist ihn auf das Vertrauen zu Gott und auf sein 

^tes Gewissen; herzlicher und eingehender dagegen ist seine Antwort 

auf die Beschwerdeschrift des constantinopolitanischen Klerus. Er sagt 

darin, er sei beim Lesen über die Leidensscenen, die sie berichtet hätten, 

von ängstlicher Besorgnis ergriffen worden, Geduld aber sei der beste 

Trost, wie das Beispiel der heiligen Märtyrer beweise. Dann spricht 

er seinen Unwillen über die Absetzung des Johannes und die unwürdige 

Versammlung aus, die entgegen der Nicaenischen Regel an Stelle 

eines Lebenden schon einen anderen Bischof gesetzt habe. Es müsse 

daher ein allgemeines Concil berufen werden, nur das wie? mache 

ihm schwere Sorge. 

Zunächst gedachte er die Vorgänge im Orient einer Synode 
abendländischer Bischöfe vorzutragen, zu welcher auf sein Betreiben 
der Kaiser Honorius die Einladungen ergehen liefs. Ebenderselbe 
trat gewifs nicht ohne die Einwirkung des . Innocenz auch persönlich 
für Johannes Sache ein, indem er über diese Angelegenheit einen 
eigenhändigen Brief ^'^) an Arcadius richtete, welcher von neuem beweist, 
wie lose die Verbindung zwischen den beiden Reichen war. . Honorius 
beklagt sich darin, „dafs von so manchem Ereignis, das den Osten 
betroffen habe, ihm nur durch die Fama Kunde geworden sei; ebenso 



**) Palladius p. 24. 

^®) Palladius p. 31. Sozomen. VIII. 26. 

^'^) Mansi III. p. 1 1 22. Im Anfange dieses Briefes heilst es : Quamvis 
super imagine muliebri novo exemplo per provincias circumlata et diffusa per 
Universum mundum obtrectantium fama literis aliis commonuerim. Über die Be- 
deutung dieser Worte spricht sich Ludwig S. 158 nicht aus, obwohl sie der Er- 
klärung bedürfen. Da unter dem gleich darauf erwähnten excidium Illyrici nur 
die Verwüstung durch Alarich verstanden werden kann, so müssen jene Anfangs- 
worte auf das Herumtragen der Büste Eudoxias gelegentlich ihrer Vermählung 
mit Arcadius gehen, so dafs danach ein directer Verkehr zwischen den Brüdern 
seit der Teilung des Reichs nicht stattgefunden zu haben scheint, eine sicherlich 
höchst wichtige Bemerkung! 



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atteie- -^^^ «.an <i«^;;,,.cbnng f^ jungen «^ ^«; ^exe, 

,bettnäfe^«V^°^S^^ Tbe po\iüscben Z^;^^.^,,3acbbg^«^ebt ,, d 
« Beden^^^ «^ „^t und a« ^_^^^^ .^ Va ^^de« det 



irBo^^^'^^'Se. können, -^^^,tte«ens^ ,,, Tag 









bezüglichen Briefe ^<>), nun schon zum dritten Male, dafs die Entscheidung 
über Johannes Ghrysostomus geändert und verbessert werden müsse; 
er forderte daher den Bruder durch die Überbringer nochmals auf, 
die orientalischen Bischöfe zur Synode in Thessalonich einzuladen und 
besonders dafür sorgen, dafs Theophilus sich stelle, welcher der 
Haupturheber des ganzen Unheils gewesen sei. Die Gesandten aber 
möge er in Ehren aufnehmen, denn sie seien beauftragt an Ort und 
Stelle sich über die Vorgänge zu unterrichten, um dann entweder ihn 
selbst oder den Arcadius eines Besseren zu belehren. 

Aber diese Gesandten, die Bischöfe Aemilius von Benevent, 
Cythegius, Gaudentius, Marianus und die Presbyter Valentinian und 
Bonifacius, fanden keineswegs die Aufnahme, welche sie auch nach 
dem antiken Völkerrecht erwarten durften*^), denn in Athen angelangt 
wurden sie unter militärischer Begleitung nach Constantinopel gebracht; 
hier am Landen verhindert und in das Kastell von Athyra an der 
thradschen Küste abgeführt, wurden sie, nachdem man sie aufs schimpf- 
lichste behandelt und ihnen sogar mit Gewalt die Briefe abgenommen 
hatte, auf ihre Bitten wieder nach Italien entlassen, wo sie nach vier- 
monatlicher Abwesenheit, ohne den Kaiser überhaupt gesehen und 
Constantinopel betreten zu haben, im Laufe des Jahres 406 wieder 
anlangten. Ob Arcadius selbst diese Verletzung des Völkerrechts 
angeordnet oder nur zugelassen hat, die Frage ist schwer zu entscheiden, 
aber nach dem Unrecht, welches er, ebenfalls aus Schwäche, Johannes 
und vielen anderen Klerikern anthat, erscheint auch die Zurückweisung 
der Gesandten durch ihn nicht so ungeheuerlich, wenn ihm auch die 
unwürdige Art derselben stets unbekannt geblieben sein mag. Die 
Schmach aber, welche den occidentalischen Abgesandten zugefügt 
wurde, traf auch zugleich seinen kaiserlichen Bruder mit und war 



^) Bei Palladius p. 29 und 30. Abgedruckt auch bei Mansi III. p. 11 01. 

•*) Palladius beschreibt ihre Leiden ausführlich p. 31 — 33. Bestätigt werden 
diese Nachrichten durch Sozom. VIII. 28, der da sagt, die Gegner des Ghrysostomus 
hätten dem Kaiser die Absendung der Gesandtschaft als eine Schmach {inl vßgei 
tiiq ivTavO^a ßaaiXeiag) für das orientalische Reich hingestellt. Dann fahrt er 
fort: xal rovg firjv (og vnsQOQiav d^x^'^ irox^ioavTag dzifioig ixTtsfJL^Sifvai 
TCdQSOxevaoav. Bei Mansi III. p. 11 23 ist noch ein anderer Brief des Honorius 
an Arcadius abgedruckt, in welchem er sich über die ganz gesetzlose Behandlung 
seiner Gesandten beklagt, doch halte ich diesen für untergeschoben, weniger, weil 
er erst nach Johannes Tod geschrieben ist, als man schwerlich im Occident an 
Johannes noch dachte, sondern mehr wegen der Übertreibungen, die darin vor- 
kommen: Johannes soll per vim, jene Gesandten fame getötet sein: endlich 
wegen des Ausdrucks utmulieri (die bereits gestorbene Eudoxia!) te committeres» 
— Vgl^^zu der Sache Ludwig S. 161 — 164. 



I70 

demnach nur eine neue Ursache zu gröfserer Entfremdung. Die Sache 
des Johannes war damit erledigt, und alle Bemühungen des Occidents 
ihn wieder einzusetzen waren gescheitert. Auf den rauhen Hochflächen 
Armeniens, oft durch die Annäherung der Isaurischen Räuber in seiner 
Ruhe gestört und infolge des wechselvollen Klimas vielfach leidend, 
wurde er nur getröstet durch die Briefe seiner zahlreichen Anhänger 
unter dem Klerus und der Diaconissinnen seiner Gemeinde.®^*) Als 
er im dritten Jahre seiner Verbannung (407) nach einem noch öderen 
Orte, Pithyus am Pontus, abgeführt werden sollte ^2), weil seine Feinde 
immer in der Furcht sich befanden , es könne doch noch einmal ein 
Umschwung zu seinen Gunsten eintreten, ereilte ihn unterwegs am 
14. September in Comana der erlösende Tod. 

Zehn Jahre waren verflossen, seitdem im Occident der Bischof, 
welcher dort eine ähnliche Stellung einnahm wie Johannes im Orient, 
Ambrosius von Mailand, ein thatenreiches Leben geendet hatte, aber 
nicht im Exil, sondern im Genufs allgemeiner Verehrung und als 
tonangebender Metropolit der italienischen KLirche und doch hatte er 
viel verfänglichere und ernstere Streitfragen mit der weltlichen Macht 
durchzufechten gehabt, ohne dafs nur der Gedanke an eine Strafe 
auftauchte. Als es sich in der Angelegenheit ö^) von Castrum Callinicum 
(Nicephorium) , wo christliche Mönche ein durchaus verwerfliches 
Beispiel unchristlicher Unduldsamkeit gegen Andersgläubige gegeben 
hatten, im weiteren Verlaufe nach der modernen Auffassung nur um 
die Ahndung eines offenbaren Landfriedensbruches handelte, da war 
es Ambrosius, welcher durch seine energische Betonung der kirchlichen 
Autorität im Gegensatze zur weltlichen es bei Theodosius durchsetzte, 
dafs der bereits ausgefertigte Strafbefehl gegen die fanatischen Priester 
zurückgenommen wurde. Und wie erst leuchtete der Glanz seiner 
Persönlichkeit, als er, der einfache Bischof, es gewagt hatte, dem 
allmächtigen Herrscher nicht nur seinen Frevel gegen die Bewohner von 
Thessalonich vor Augen zu halten, sondern auch monatelang hartnäckig 
den Zutritt zur Kirche zu versagen, bis dafs der Herr der römischen 



^^A) In den opera omn. ed. Monfaucon III. S. 361 ff. Besonders sind die 
Briefe des Johannes gerichtet an Olympias, Pentadia, Adalia, Carteria, Chalcidia, 
an die Bischöfe von Carthago, Brixia, Mailand, Aquileia. 

**) Socrat. VI. 21. Sozomen VIII. 28. Palladius p. 98. ep. ad Innocent. 
bei Mansi III, p. 1 104. Vgl. Neander Kirchengesch. VI. 4. S. 488. Ludwig S. 169 ff. 
Kiepert S. 88 und 93. 

63) Ambrosius ep. 40. und 41. Cedren p. 571 und 572. Vgl. Gibbon VII. 
S. 59. Böhringer die Kirche Christi I. S. 89. Gfrörer a. a. O. S. 612 ff. und G. 
S. 167 — 171. 



171 

Welt und Christenheit demütig im Staube dem König aller Könige 
sein Unrecht bekannt und gebüfst hatte.^*) 

So trat Ambrosius überall der weltlichen Macht als der über- 
zeugte, eifrigste Vertheidiger und Vorkämpfer des Gedankens gegen- 
über, dafs die Kirche über dem Staate stehe, wie er denn in einem 
seiner Briefe auf die Frage: „Was also steht höher, die Forderung 
cier Zucht oder die Sache der Religion?" offen die Antwort erteilt: 
„ Die Strenge des Staates mufs vor der Ergebenheit gegen die Religion 
zurücktreten!" Er war daher aufser dem Bischof und Seelsorger 
s^u jeder Zeit auch noch Staatsmann, der neben seiner seelsorgerischen 
Thätigkeit den äufseren Ausbau der Gesammtkirche nie vergafs. 

Hierin aber war Johannes Chrysostomus grade das Gegenteil 
seines occidentalischen Amtsgenossen , denn ihm war das Leben in 
vind mit der Gemeinde die Hauptsache, in seiner Seelsorge erblickte 
er die Hauptaufgabe seines bischöflichen Amtes und in der Aus- 
iDreitung des wahren Christenglaubens. Wie er diesen innerhalb 
xmd aufserhalb der Grenzen des orientalischen Reichs emsig fortzu- 
pflanzen trachtete, so wünschte er in seiner Gemeinde selbst den 
Geist der Mäfsigung und wahren Liebe, den er predigte, zum Durch- 
'bruchzu bringen; um das Verhältnis der Kirche zum Staate kümmerte 
er sich wenig, ihm schien der Einflufs des weltlichen Regiments auf 
das geistliche so natürlich, dafs er, obwohl sehr wohl wissend, wer 
hinter der Synode sjtl ögvv und der zweiten steckte, die Einmischung 
des Kaisers nicht mit Entrüstung zurückwies und seine ganze Partei, 
vielleicht auch die Gemeinde für die Freiheit der Kirche begeisterte 
und zum Kampfe antrieb, wie es ein Ambrosius sicher gethan haben 
würde, sondern nur, als ihn Arcadiüs auffordern liefs die Kirche zu 
verlassen, ihm antwortete, er habe dieselbe von Gott empfangen und 
werde nur der Gewalt weichen. Doch so wenig er in dieser Beziehung 
hartnäckig, energisch und überzeugt war, um so mehr Gewicht legte 
er auf eifrigen Glauben und Reinheit der Sitten bei seinen Gemeinde- 
gliedem und indem er hierfür von ganzem Herzen und mit dem 
hellen Feuer seiner gottbegnadigten Beredsamkeit eintrat, lehrte und 
predigte, verletzte er durch den Mangel an Mäfsigung, welcher ihm 
hier eigen war, gerade die Machthaber und besonders die Frauen. Da 
er nun aber unter seinen Amtsgenossen nicht einen Ambrosius traf, 



•*) Rufin. II. i8. Sozom. VII. 25. Theod. V. 18. Paulus vita Ambros. c. 26. 
Mos. V. Chorene Gesch. Grofs-Armeniens (deutsch v. M. Lauer) III. 37. Tlro 
Prosp. Theophan. A. C. 384. Ccdren p. 554. August De Civ. Dei V. 26. 
Ambros. ep. 51. Ausführlich behandelt bei Gfrörer S. 614 ff. und G. S. 183 — 190. 



172 

der für die Selbständigkeit der Kirche und ihrer Diener mit seiner 
gewichtigen Person und mit eifrigen Parteigenossen eingetreten wäre, 
sondern im Gegenteil eben den mächtigsten derselben wider sich 
hatte, so mufste der von Character so edle und von so reiner Liebe 
und Hingabe an seine Gemeinde erfüllte hochherzige Mann niederen 
Ränken zum Opfer fallen, um so mehr, da kein Theodosius nait 
seinem klaren Blick und seiner aufrichtigen Ehrfurcht vor der 
Kirche und ihren Dienern das Staatsruder lenkte. 



Zehntes Kapitel. 

Die Isaurer. — Ihr Verwüstungs- und Plünderungszug im Jahre 403/404. 
Arbacazius' erste Erfolge, seine Bestechung und Freisprechung. — Fernere 
Streifzüge der Isaurer. — Zustand der Africanischen Grenzlande. — Die Maziken 
und Auxorianer. — Not der Pentapolis zur Zeit des Arcadius. — Synesius Briefe. 

— Verhältnis des Ostreichs zu Persien. — Das Weströmische Reich von 403 
bis 408. — Der Einfall des Rhadagais wird durch Stilicho zurückgeschlagen. 

— Überschreitung der Rheingrenze durch Quaden, Alanen, Vandalen und andere 
germanische Völker. — Stilicho beschliefst mit Hülfe des Alarich Ostrom zu 
züchtigen. — Alarich rückt in Epirus ein 407. — Der in Britannien erhobene 
Tyrann Constantinus setzt nach Gallien über. — Alarich in Venetien und seine 
Forderungen. — Tod des Arcadius. — Seine letzten Lebensjahre. — 
Äufscre und innere Eigenschaften. — Eudoxias Einflufs. — Seine selbständigen 

Thaten. 

Neben der religiösen Bewegung, welche Constantinopel erregte 
und in fortgesetzten Schwingungen das ganze Reich durchzitterte, 
fehlte es nicht an Beunruhigungen anderer Art, doch war man an 
diese im Orient so gewöhnt, dafs von ihnen meistenteils kein Auf- 
hebens gemacht wurde. Sie gingen zunächst aus von dem rauhen, 
schluchtenreichen Nordwesten der Landschaft Cilicien^), welcher seit 
Diocletian als wirkliche Provinz Isauria von dem übrigen abgegrenzt 
worden war und nur in seinen dem Meere benachbarten Teilen reiche 
Ernten an Wein und Getreide lieferte.^) Es lagen in ihm dreiund- 
zwanzig gröfsere und kleinere Ortschaften, deren bedeutendsten Seleucia 
und Claudiopolis am Calycadnus sind, während die Gebirgsbewohner 
in zahlreichen Dörfern angesiedelt waren. Schon Strabo^) weifs von 
den Isaurem zu berichten, dafs sie ein vom Raube lebendes Völkchen 
seien, doch treten sie erst seit der Zeit der dreifsig Tyrannen 



^) Über die Isaurer hat Sievers eine sehr fleifsige Zusammenstellung S. 489 ff. 

2) Bekker-Marquardt in. S. 164 ff. Kiepert S. 128 flf. 

3) p. 568 ; xwfjial avxval, krjozcjv 6" anaaaL xaroixiai ff. 



173 

(200 n. Chr.) mehr und mehr hervor. Es war in der That ein 
lebensfrischer, kühner und freiheitliebender Volksstamm, der ähnlich 
den Basken in der Cantabrischen Kette sich nur schwer an gesetzliche 
Zustände und eine scharfe Grenze zwischen Mein und Dein gewöhnen 
mochte und dem Dienste im geordneten Heer ein ungebundenes 
Räuberleben vorzog, welches bei der Unzugänglichkeit ihrer Gebirgs- 
schluchten und steilen Pfade durch einen damit nicht vertrauten 
Verfolger im ganzen wenig gefährdet wurde. Aus ihren sicheren 
Schlupfwinkeln unternahmen sie fast alljährlich zur Frühlingszeit*) 
weitere oder nähere Plünderungszüge, schleppten alle bewegliche 
Habe und Vorräte, welche auf freiem Felde angetroffen wurden 
und nicht in den Schutz der Stadtmauern geborgen waren, mit 
sich fort, zündeten die Gehöfte und Dörfer an und brachten 
die Bewohner entweder um oder machten sie zu Gefangenen.*) Die 
nächstliegenden Landschaften bis nach Armenien hin befanden sich 
daher alljährlich in der gröfsten Besorgnis vor einem plötzlichen Über- 
fall ihrer Peiniger, die in letzter Zeit sich sogar unter den Augen des 
Militärgouverneurs soldatisch in Abteilungen gegliedert hatten.®) Auf 
diese freiheitliebenden Söhne des Taurus vermochte weder der Bischof), 
wenn anders sie überhaupt Christen waren, einen ihre Sitten ver- 
edelnden Einflufs auszuüben, noch war der Pro vinzial Statthalter, hier 
stets ein Militär (comes)^), mit den beiden in Isauria stehenden 
Legionen, der secunda und tertia Isauria, im stände ihrem Treiben 
Einhalt zu thun. Zuletzt wird uns ein grofser Raubzug der Isaurer 
vor unserer Periode unter dem Kaiser Valens (376) berichtet, auf dem 
sie Lycien und Pamphylien ausplünderten und schwerbeladen in ihre 
Berge zurückkehrten, wohin ihnen das gegen sie ausgeschickte Heer 
nicht zu folgen wagte.®*^) Die darauf folgenden Jahre werden sie 
schwerlich sich ruhig verhalten haben, obwohl näheres darüber nicht 
bekannt geworden ist. 

Erst 403 ^>) erfahren wir wieder von einem Zuge der Isaurer; 
damals aber begnügten sie sich nicht, die anliegenden und benach- 



*) Das ergiebt sich aus einer Erwägung der klimatischen Verhältnisse 
und aus Joh. Chrys. opera tom. III. p. 599. 

^) Vgl. ep. 127. ibid. 

*) Zosim. V. 25 : TtXij^og Big rayfiara diavsfiii^hv X^axQixa, 

^) ep. 200 des Johannes Chrys. ist an Callistratus episcopus Isauriae gerichtet. 

*) Notitia Dign. ed. Böcking I. cap. XXVI. und S. 311 fF. 

**) Vgl. Sievers a. a. O. 

^) Dafs dieser Zug im Jahre 403/404 stattfand, beweist einmal die That- 
sache, dafs nach Zosim. V. 25 Eudoxia noch am Leben war, welche Octob. 404 
starb. Sodann setzt der sonst nicht glaubwürdige Joh. Malal. lib. 14 ausdrück- 



174 

harten Landschaften Ciliden, Pamphylien, Lycien, Lycaonien und 
Pisidien heimzusuchen, sondern sie dehnten ihre Streifereien sogar 
durch Cappadocien, Pontus und Syrien bis an die Grenzen Persiens 
und Palästinas aus, und eroberten Seleucia, die Hafenstadt Antiochias, 
so dafs auch Jerusalem seine Mauern ausbesserte, ja selbst die 
Inseln wie Cypem blieben von ihnen nicht verschont. Eine solche 
Ausdehnung des Raubwesens war bis dahin denn doch noch nicht 
vorgekommen, dafs die Isaurer gleich den äufseren Reichsfeinden in 
grofsen Schwärmen das römische Vorderasien angegriffen und wie 
jene mit Feuer und Schwert verwüstet hätten, und diese Thatsache 
fiel um so schwerer ins Gewicht, als die Wunden, welche der Aufstand 
des Tribigild und Gainas dem ohnehin nicht allzufruchtbaren und 
allzubevölkerten Lande gesc^hlagen hatte, noch nicht vernarbt waren. 
Nur die ummauerten Städte waren der allgemeinen Vernichtung ent- 
gangen. Ein so himmelschreiender Bruch des Landfriedens erforderte 
eben so sehr strenge Bestrafung der Aufrührer, wie die Lage der 
unglücklichen Bewohner schnelle Hülfe. Diese zu bringen wurde 
Arbacazius^^)) mit ausreichenden Streitkräften vom Elaiser beauftragt, 
eine, wie im Anfang schien, durchaus glückliche Wahl. Denn er trieb 
die verwegenen Räuber nicht nur zu Paaren in ihre öde Heimat 
zurück, sondern verfolgte sie, selbst in Isauria geboren, bis in die 
äufsersten Schlupfwinkel, verbrannte ihre Dörfer und liefs viele über 
die Klinge springen. Ein derartiges mannhaftes Vorgehen von Seiten 
des stehenden Heeres waren die Isaurer bis dahin nicht gewohnt 
gewesen, und es würde dem klugen und tapferen römischen Feld- 
herrn wohl gelungen sein, mit fortgesetzter Anwendung von Gewalt 
und friedlicher Unterhandlung den Keim zu ferneren Unruhen zu 
ersticken und die Räuber zu einem gesetzlichen und geordneten Leben 
zu zwingen, wenn ihm nicht neben seiner ihn entschieden zierenden 
Energie das Grundübel, an dem Heer- und Beamtenwesen im Reiche 
wie an einer unheilbaren Krankheit litt, die Habsucht, eigen gewesen 
wäre, welche ihm schon, wie ein Zeitgenosse witzig bemerkt, anstatt 
seines wahren Nainens mit leichter Veränderung den einen „Raub- 
vogels" (Agjta ^axtog) eingetragen hatte, ^i) Die verschont gebliebenen 



lieh zu der von ihm gemeldeten Einnahme Seleucias durch die Isaurer die Consuln 
des Jahres 403 hinzu; daher ist die Notiz des Marcell. Comes, welche offenbar 

sich auf dieselben Ereignisse bezieht, unrichtig zu 405 angegeben. Ohne 

Jahresangabe berichten hierüber noch Philost. XI. 8, Hieronym. ep. 114 und 
Sozomen. VIII. 25.; der erstere ausführlich, der letztere ganz kurz. 

^®) Zosim. V. 25. Marcell. Com : Narbazaicus. 

") Eunap. frgm. 84 stattet ihn aufser mit der Habsucht noch mit der 
Geilheit und Trunkliebe aus. Er hatte, sagt Eun., so viele Sängerinnen und 



175- 

Isaurer nämlich, noch immer im Besitz eines unermefslichen Reich- 
tums, den sie klüglich in Höhlen und an unzugänglichen Orten 
versteckt hatten, suchten ihren vermittelnden Friedensanerbietungen 
durch Begleitung von kostbaren Geschenken mehr Wirkung zu ver- 
schaffen, und es gelang ihnen in der That den Arbacazius, der im 
Begriff war ihrem Unwesen den Garaus zu machen, durch die Zahlung 
einer riesigen Geldsumme noch im letzten Augenblick zum Abzug 
zu bewegen. 

Da aufser ihm auch der Vicarius Herennius in Pamphylien sich 
von dem gefangenen Führer der dortigen Isaurer Hierax durch eine 
Summe von 4000 solidi bestechen liefs 1^), so gelangte das Gerücht von 
ihrer Handlungsweise sogar diesmal bis zu den Ohren des Arcadius, 
der eine strenge Untersuchung des Sachverhaltes anordnete; indes die 
Gunst der Kaiserin rettete die ungetreuen Beamten vor der gerechten 
Strafe ^^) und hinderte den Kaiser, endlich einmal ein abschreckendes 
Beispiel zu geben. Bei einem solchen Ausgang aber eines so 
strafwürdigen Vorgehens gegen die Isaurer war an eine gänz- 
liche Ausrottung des Unwesens in keiner Weise zu denken, und so 
fand denn Johannes Chrysostomus , als er im Sommer 404 in die 
Verbannung nach Armenien abgeführt wurde, auf seiner Reise die 
von ihm berührten Provinzen in grofser Aufregung infolge eines erneuten 
Einfalls der isaurischen Räuber. Der Kommandant von Caesarea ^^J 
in Cappadocien war gegen sie ausgezogen und hatte aus Furcht, sie 
möchten auch die Stadt selbst angreifen, sogar die Greise die Wache 
auf den Mauern beziehen lassen. Doch ging das Unheil für jetzt noch 
vorüber, die Isaurer kehrten in ihre Heimat zurück; allein die fort- 
gesetzten Klagen des Bischofs in vielen seiner Briefe 1^) weisen darauf 
hin, dafs sie nicht aufhörten alljährlich ihre Raubzüge zu unternehmen, 
wenn auch nicht in dem Umfange wie im Jahre 403/404, und die 
Zahl der dabei ertappten und gefangenen Übelthäter war noch im 



Schauspielerinnen bei sich, dafs man sie nicht zählen konnte, und die Rechnungs- 
führer wohl die Zahl der Soldaten, aber nicht die der Buhlerinnen kannten, 
welche sie deshalb scherzhaft nach Monaden und Myriaden zählten. Doch braucht 
man nur auf die ähnliche Characterisierung des Lagers des Stilicho (Zos. V. 7) 
durch ebendenselben Schriftsteller zu verweisen, um seine Übertreibung kenntlich 
zu machen. 

»») Eunap frgm. 86. 

") Zosim. a. a. O. 

**) Vgl. Tillemont note 31. sur Arcade. Neander II. S. 232 und opera 
omn. Joh. Chrys. III. p. 599. 

»*) ep. 5 an Olympias, Frühjahr 405. Vgl. ep. 20, 59, 109, 119, 170, 184. 
Ludwig S. 1^7. 



176 

Jahre 4o8i^) so grofs, dafs Arcadius gesetzlich verfügte, „die Richter 
sollten selbst in der Fastenzeit und am Ostertage die Verhandlungen 
und Untersuchungen nicht aussetzen, damit nicht die Aufdeckung der 
verräterischen Anschläge verzögert werde, welche durch Anwendung 
der Folter zu erstreben sei." 

Aber bei der überschau über den Zustand der Bewohner der 
Provinzen und ihrer Lage in Bezug auf friedliche oder unruhige Zeiten 
dürfen wir nicht die Africanischen Grenzl an de, vergessen, welche 
wie Armenien, Mesopotamien, Osrhoene gegen die Perser und wie 
Thracien gegen die andrängenden Germanen und Hunnen, so gegen 
die wilden Nomadenvölker der Wüste stets auf der Wacht waren. 
Denn auch sie verteidigten die Sache der Civilisation gegen die 
Barbarei, die Sache des Christentums gegen das rohe Heidentum, 
und wenn uns von ihren Thaten auch nur wenig berichtet wird, weil 
sie so fem ab von den Teilen des römischen Reichs wohnten, in 
denen sich der Übergang von der alten zur neuen Zeit in heifsen 
Kämpfen vollzog, so waren ihre Leiden hier in der Pentapolis und Unter- 
libyen bis nach Ägypten hin nicht minder grofs, und die Mannhaftig- 
keit, mit der sie für ihr Vaterland eingetreten sind, verdient nicht 
minder Lob als die derer, welche gegen Gothen .und Hunnen fochten. ^*') 

Die Pentapolis, insbesondere die Hauptstadt Kyrene, hatte sich 
nie von der Verwüstung erholt, welche mit der Eroberung durch die 
Römer verbunden gewesen war; Kyrene selbst, eine Dorische Kolonie 
von Thera aus gegründet, war bis zum fünften Jahrhundert ein 
wichtiger Handelsplatz und vermittelte den Tauschhandel mit den 
Oasen- Völkern der libyschen Wüste. ^^) Aber einmal durch das Über- 
gewicht Carthagos, sodann durch die Kriege der Diadochen und vor 
allem durch die Gründung Alexandriens am Ausflufs des Nils und 
seine zunehmende Bedeutung für den Verkehr sank es immer mehr 
herab; dazu vernichteten Aufstände, Erdbeben und Heuschrecken- 
schwärme nicht selten dem schon schwer genug von unerschwinglichen 
Steuern gedrückten Landmann die erhoffte Ernte, also dafs, wie wir 
bereits sahen, das verarmte Kyrene seinen berühmten Bürger Synesius 
nach Constantinopel entsendete, um Erleichterung vom Abgabendruck 
zu erlangen. Aber diese Lage, welche die Provinz mit so manchen 
anderen des Ostreichs zu teilen hatte, wäre immer noch erträglich 
gewesen, wenn nicht, was der Schweifs des fleifsigen Bauern und 



16) Cod. Theod. IX. 35, 7. 27. Aprü. 

*■') Gründlich untersucht sind diese Verhältnisse von jSievers S. 407 fF. und 
Volkmann Synesius von Kyrene S. 90 fF. 

^^) Bekker-Marquardt S. 221 — 224. Volkmann S. i — 9. 




'77 

ürgers gesäet hatte, durch den unvorhergesehenen EinfoH barbarischer 

äuberhorden fort und fort in Frage gestellt wäre. Die Maziken 

nd Auxorianeri^), wilde Nomadenhorden zum volkreichen Stamm 

er Libyer gehörig, im Westen benachbart den Garamanten, Gaetulen» 

syllen und Nasamonen, im Osten den Marmariden'^), Völkern, deren 

lut noch heute in den Adern der Tuareg westlich der grofsen Oasen- 

strafse von Tripolis über Murzurk zum Tsadsee und der Tibbu östlich 

derselben rollt, waren es besonders, welche die Pentapolis, Unter* 

Libyen und die Grenzlande Ägyptens nie zur Ruhe gelangen und 

zum ungestörten Genufs des Ihrigen kommen liefsen. 

Die Militärmacht, welche hier gamisonierte, ist uns nicht erhalten, 
doch stand sie sowohl in Kyrene wie Libya inferior unter einem 
dux^i), während die Civilverwaltung in den Händen eines, praeses 
lag. Hätten beide Teile rechtzeitig ihre Schuldigkeit gethan, und wären 
die Kriegsleute vollzählig zur Stelle gewesen, so war es nicht nötig, 
dafs selbst die fremden Kaufleute, welche nur des Handelns wegen 
sich zufällig dort aufhielten, zum Waffendienst herangezogen wurden, 
die natürlich kein Interesse daran hatten, die Eindringlinge bis in die 
Wüste zu verfolgen, sondern froh waren, wenn sie zu ihrer friedlichen 
Thätigkeit zurückkehren durften. Verständige Männer, wie Synesius*^), 
die es wohl meinten mit ihrem Vaterlande, stellten daher im Rat von 
Kyrene den Antrag, die fremden Handeltreibenden in Zukunft unbe- 
helligt zu lassen, da das Pressen zum Kriegsdienst nur bewirke, dafs 
sie ihre Verbindung mit der Pentapolis aufgäben und der Handel 
hier noch mehr stocke als bisher, und rieten zugleich beim Kaiser 
darum einzukommen, dafs die seit Constantin dem Grofsen von Ägypten 
losgelöste Provinz von neuem in civiler und militärischer Beziehung 
mit demselben verbunden werde.^^) Sie hatten dabei im Auge , dafs 
dem comes militaris in Ägypten viel mehr und tüchtigere Streitkräfte 
zu Gebote standen als dem dux von Libyen, und dafs er daher viel 
eher im stände sein werde, ihnen die lästigen Scharen abzuhalten. 

Aber wenn auch den Bürgern dieses unglücklichen Landes mit 
einem so heilsamen Vorschlag gedient war, so hatten der Statthalter 



*9) Maxil^sg xal AvS(OQiavol Philost. XI. 8, Palladius p. 194. Ma^ixeg» 
Vgl. Syn. Briefe. 

*>) Strabo p. 838 und 839. Kiepert S. 223 und 210— 212, doch bespricht 
er nur die Gaetulen und Garamanten im Westen, die Marmariden im Osten. 

««) Not. Dign. I. cap. XXVI [. Vgl. cap. I. 

^) cp* 94 ^^ seinen Bruder. 

*3) Ebend. inavek^siv slq d();(a/av Tiys/jLOvlav ricq noXeiq rovteativ 
ino xbv Alyvnrliov a();(ovra xal xaq Aißvwv tetax^cci. 

la 



178 

(praefectus Augustalis) von Ägypten 2*) und die Regierung in Con- 
stantinopel durchaus nicht Lust, die Zahl der einträglichen Posten in 
der Verwaltung und im Heer zu verringern. Infolge dessen blieb es 
beim alten, und wollten die Bewohner der Pentapolis nicht all' ihr 
Hab' und Gut verlieren, so mufsten sie selbst die Waffen in die Hand 
nehmen und ihren heimatlichen Herd verteidigen. Und dieser Aufgabe 
haben sie sich keinen Augenblick entzogen, sondern mannhaft den 
Pflug mit Schwert und Speer vertauscht und sie nicht unrühmlich 
geführt, ja selbst die Priester der Auxiditen^^) griffen einmal im Drange 
der Not zu den Waffen, sammelten das Landvolk, da die Soldaten in die 
Berge entflohen waren, zum männermordenden Streit und thaten Wunder 
der Tapferkeit. Die einzelnen Wendungen dieses kleinen Krieges, der hier 
;ijie ganz aufgehört zu haben scheint, lassen sich zwar chronologisch 
genau nicht verfolgen, doch haben wir an den Briefen des Synesius 
eine schätzenswerte Fundgrube für die Lage der Pentapolis und ihrer 
mutigen Bewohner zur Zeit des Arcadius. 

Nachdem die Maziken und Auxorianer, als Alarich sich nach 
Theodosius Tod in Thracien erhob, Libyen im Osten angegriffen und 
einen grofsen Teil Ägyptens verwüstet hatten 25»), mufs Synesius bereits 
zwei bis drei Jahre nach der Heimkehr von seiner Gesandtschaftsreise 
berichten 20), dafs ihm seine literarische Mufse durch Kriegslärm gestört 
wurde, der indes bald vorüberging; doch schon 404 ertönte von neuem 
der Ruf zu den Waffen, da die Feigheit der militärischen Befehlshaber 
das Land den Feinden ohne Kampf überliefs.^') „Wir allein, schreibt 
er, sind am Leben, die wir zu den befestigten Plätzen unsere Zuflucht 
genommen haben, während alle, so viele auf dem Lande ergriffen 
wurden, getötet worden sind. Wir müssen aber fürchten, dafs bei 
längerem Aufenthalt in jenen Ortschaften der Durst die meisten Castelle 
zur Übergabe zwingen wird." Ein andermal standen die Feinde vor 
den Thoren seines am Rande der Wüste gelegenen kleinen Landgutes, 
doch wären es nicht eigentliche Feinde, sondern Räuber und elende 
„Diebe "28)^ die vor einem kühnen Auftreten stets zurückwichen; er 
hatte zu seinem Schutze einige Balagriten, eingeborene Bogenschützen, 
bei sich, welche ehemals beritten, nun aber durch den dux Cerealis^s) 



**) dvrixi^g ansroXfjia Xiysiv ort XvairsXsl zaTtstvovg elvat aTQaxKoxaq, 
»6) ep. 122. 
»a) Philost. XI. 8. 
*•) ep. 61 Pylaemeni. Vgl. ep. 132. 
") ep. 131. 

") ep. lyi, XfiGxal fi Xmnoövrat. 

^•) Der Name Cerealis erscheint im Cod. Theod. in einem 408 — 421 datierten 
Gesetz V. 14, 8 an einen Comes R. Pr. und im Westreich mehrfach z. B. IX. 38, 2. 



179 

2um Vorteil seiner eignen Tasche^ unberitten gemacht waren. Cerealis, 
<lein damals die Streitkräfte der Pentapolis unterstellt waren, war ein 
durch und durch käuflicher Mensch, der, selbst ganz unerfahren im 
Kriegswesen, die einheimischen Truppen gegen Geldzahlung, wohin 
sie wollten, beurlaubte und von einer Stadt zur anderen zog, damit 
sie sich von der Besatzung durch freiwillige Contribution losmachten. 
Als das die Maziken vernommen hatten, unternahmen sie alsbald einen 
Einfall, raubten die Ernte, töteten viele junge Leute, verbrannten die 
Felder, das Vieh dagegen, die Kamele und Pferde trieben sie fort'®) 
Auch Synesius flüchtete sich in die Stadt, Cerealis aber, anstatt den 
Feinden die Spitze zu bieten, brachte sein Geld auf zwei Schiffe und 
stach in See, indem er für die Bürgerschaft den kurzen Befehl hinter- 
liefs, sie möge sich hinter den Mauern, so gut es gehe, schützen. 
Nicht anders wurde es, als an seine Stelle ein neuer dux, Johannes, 
trat. Während der friedliche Philosoph Synesius selbst mit seinen 
eignen schwachen Kräften rüstete, dreihundert Lanzen und Schwerter 
herstellen liefs^*) und fünf Tage mit gegen den die äufsersten Grenzen 
verwüstenden Feind auszog, entschuldigte sich Johannes, dem nicht 
einmal die militärischen technischen Ausdrücke ganz geläufig und 
klar waren, mit nichtigen Vorwänden und nahm^ als die Libyer wirklich 
nahten, eilends zu Pferde reifsaus.^^) Bei einer solchen Unfähigkeit 
und Feigheit der leitenden Militärs war vorauszusehen, dafs das 
unglückliche Land nur vorübergehend von seinen Leiden befreit werden 
würde, wenn wirklich einmal von Constantinopel ein Befehlshaber 
geschickt wurde, der es aufrichtig und ernst mit seinem Amte nahm 
und seinen Aufenthalt in der Provinz nicht blos als eine Gelegenheit 
zu zeitweiliger Bereicherung ansah. 

Dagegen lebte die Bevölkerung der Persien benachbarten 
Provinzen, soweit sie nicht durch die Einfalle der Hunnen litt, ver- 
hältnismäfsig ruhiger; denn das achtungsgebietende Ansehen, zu dem 
Theodosius der Grofse dem römischen Namen verholfen, und welches 
den Perserkönig Schapur III. 384 zur Absendung einer aufserordent- 
lichen Gesandtschaft mit reichen Geschenken nach Constantinopel 
veranlaßst hatte ^3), hielt auch, gewifs in Verbindung mit anderen uns 
nicht bekannten Ursachen, nach Theodosius Tod den Nachfolger des 
388 verstorbenen Schapur Vararam IV.^*) ab, die 384 besiegelte 



*>) ep. 129. 81) ep. 108. 

8>) ep. 104. Vgl. ep. 107 und 113. 

^) Pacati Drepan. panegyric. c. 22 in XII. paneg. Lat. ed. Em. Baehrens 
Leipzig 1874. Themist. Or. XVIII. p. 270. Vgl. Ifland S. 127 flF. 
**) Vgl. Clinton Fast. Rom. Append. S. 261. 

12* 



i8o 

Freundschaft zu brechen. Nur einmal während des Aufstandes des 
Tribigild Schien in Persien eine entgegengesetzte Strömung Platz zu 
greifen, als Vararam 399 durch eine Palastrevolution Thron und Leben 
verlor und Yezdegerd I. zur Regierung gelangte.^^) Doch beweist die 
spätere Missionsthätigkeit des Bischofs Maruthas von Mesopotamien 
zur Zeit der Verbannung des Chrysostomus^^) , das ausdruckliche 
Zeugnis eines Zeitgenossen ^'^) und das Testament des Arcadius , dafs 
diese Störung des Friedens ohne Folgen war und die früheren freund- 
schaftlichen Beziehungen von neuem angebahnt wurden. 

Das weströmische Reich war inzwischen seit dem Einbruch 
Alarichs nicht minder der Schauplatz aufregender Kämpfe gewesen, 
welche es indessen durch Stilichos kühnes und umsichtiges Handeln 
zunächst noch bestand, der gleich einem riesigen Fels, auf dem das Reichs- 
gebäude ruhte, dem morschen Bau allein noch Festigkeit und Haltung 
verlieh. Schon hatte er die Legionen aus Britannien und Gallien 
rufen müssen, um nur das eine Italien zu retten, in der Folge mufste 
er es nun selbst erleben, wie beide Provinzen eine Beute, jene auf- 
rührerischer Truppen, diese germanischer Schwärme wurde, ohne es 
hindern zu können.^®) Zwar nach Alarichs Vertreibung 3» ») vom 
italienischen Boden schien das Jahr 404 wie ein lichter Stern am 
dunklen Himmel der Zukunft zu glänzen, und Rom durfte sich seit 
langer Zeit rühmen, den Kaiser in seinen Mauern zu haben und ihn 
das Consulat antreten zu sehen. So sehr begeisterte dieser seltene 
Augenblick die Mitwelt, dafs der Sänger Claudian noch einmal freudig 
in die Seiten griff 39) und zur Feier des denkwürdigen Tages die 
Gestalt seines Helden Stilicho im Siegesglanze verherrlichte, wenn auch 
die Huldigung scheinbar dem unmännlichen Sprofs des Theodosius 
galt, der sich unempfänglich gegen . alle Pflichten seines hohen Amtes 



**) Claudian in Eutrop. II. 474. 

Hos inter strepit\iß funestior advolat alter 
Nuntius armatam rursus Babylona minari 
Rege novo: resides Parthos ignava perosos 
Otia Romanae iam finem quaerere paci etc. 
^) ep. 14 des Job. Chrys. Vgl. Sozom. IX. 8. 

3') Orosius VIT. 34 : ictumque tunc (384) foedus est quo universus Oriens usque 
ad nunc tranquillissime fruitur. Dagegen vgl. Prosper de Pron. et P. III. 34. und 
Sievers a. a. O. 

^) Aufser Gibbon VII. Ende, vgl. Aschbach S. 77. Köpke S. 126. Kauf- 
mann S. 316 ff. V. Wietersheim II.» S. 133 ff. 

^*«) Italien wimmelte von Deserteuren 403, gegen deren Übermut Stilicho 
sogar den Provincialen das Waffentragen gestattete. Vgl. Cod. Theod. VII. 18, 
II — 13 vom 24. Febr. 25. Juli und 2. Octob. 
8«) De VI. consul. Honor. 



i8i 

gleich dem Bruder Arcadius von den Sorgen der Regierung fem hielt 
und im sumpf- und mauerumschirmten Ravenna seine' eigentliche 
Residenz aufgeschlagen hatte.*^^) Aber die freudige Erregung war nur 
von kurzer Dauer, denn noch nicht hatte sich das Jahr gewandt*^), 
als eine neue schreckliche Gefahr dem Reiche nahte. 

Vandalen, Alanen, Quaden und besonders Schwärme von Ost- 
gothen, welche durch die immer weiter westwärts steuernden Hunnen 
aus dem Land zwischen Donau und Theiss verdrängt worden waren, 
suchten im wilden Ansturm über die Alpen hereinbrausend Italiens 
fruchtbare Gefilde in der furchtbarsten Weise heim. Ihre Zahl**) war 
zu gewaltig, als dafs Stilicho es hätte versuchen dürfen, ihnen sogleich 
mit seinem durch Unruhen und Desertionen ohnehin geschwächten 
Heere die Spitze zu bieten ; er wartete vielmehr mit kluger Berech- 
nung ab, bis sich der Zug, um die Städte zu nehmen und zu plündern, 
in drei grofse Haufen getrennt hatte, deren einer unter dem Kom- 
mando des Hauptanführers aller Scharen, des Ostgothen*^) Rhada- 
gaisus, verblieb. Als dieser mit seinen beutelüstemen Stammesgenossen 
vergeblich das feste Florenz berannte, wurde er von Stilicho, welchem 
Gothen unter Sarus und Hunnen unter Uldin zu Hülfe geeilt waren, 
in den engen Thalkesseln des Apennin bei Faesulae so eingeschlossen, 
dafs die übermächtigen Feinde sich nicht zu befreien vermochten, sondern 
durch Hunger geschwächt schliefslich in einem gräfslichen Blutbad 
unter den Händen der Römer zu Tausenden ihre Seele aushauchten, 
während der gefangene Rest zum teil von Stilicho ins eigene Heer 
aufgenommen 44), zum teil für einen Spottpreis als Sclaven verschleudert 
wurde. Rhadagaisus selbst wurde samt seinen Söhnen auf der Flucht 
ereilt und bald darauf getötet. 



*^) Eine alte Beschreibung Ravennap bei Jord. c. 29. Vgl. Kiepert S. 392. 
Der dauernde Aufenthalt des Honorius in Ravenna läfst sich sicher seit 402 
nachweisen Cod. Theod. VIl* 13, 15; vorher war Mediolanum seine Residenz. 
Doch fanden zunächst noch Unterbrechungen statt, welche seit 403 Ende November 
aufhören. Vgl, Series Chronol. Constitut. des Cod. Theod. bei Haenel. 

**) So nehme ich mit Kaufmann und Wietersheim gegen Aschbach und 
Köpke auf Grund des Tiro Prosp. und Prosper Aquit. an. Marcell. Com. 406; 
im übrigen den Oros. ausschreibend. Vgl, besonders die nähere Ausführung bei 
Wietersheim S. 371 Anmerk. 

**) Zosim. V. 26, 400 000 M. Nach August, De Civ. Dei V. 23 , bestand 
der dritte Haufe des Rhadagaisus aus viel mehr als lOOOOO M. Nach Orosius 
Vir. 37, 4 waren unter diesen Scharen mehr als 200000 Gothen. 

*3) Das ist eine Annahme. Vgl. Kaufmann a. a. O. Köpke u. s. w. Orosius 
VI[. 37, der den Einbruch ausführlich behandelt, nennt ihn paganus barbarus et 
vere Scytha. 

**) Vgl. Tiro Prosper , August, und Orosius a. a. O. Olympiod. frgm. 9. 



l82 

Aber war auch die Gefahr wiederum von Italien durch Stilicho 
abgewandt worden, die Schwärme der im Tiefland der Donau und 
Theiss und westlich davon schweifenden Germanen waren unerschöpf- 
lich, so dafs man mit dem Dichter sagen könnte: 

Und will sich nimmer erschöpfen und leeren, 

Als wollte das Meer noch ein Meer gebären! 
So flutete denn, kaum dafs die Spuren des letzten Einbruches im 
Mutterlande verwischt waren, noch am Ende desselben Jahres 405 
eine neue gewaltige Völkerwelle, bestehend aus Quaden, Vandalen, 
Alanen, Gepiden und Herulem, gegen den Rhein, überschritt mit 
Beginn des Jahres 40Ö diese Grenze und verwüstete im Bunde mit 
den linksrheinischen Germanen nicht nur das platte Land und die 
kleinen Städte, sondern nahm auch Festungen ersten Ranges wie 
Mainz, Strassburg, Speier, Worms ^^) u. a. ein. Es zeugt mehr als der 
sicherste Bericht von der bedrängten Lage des Occidents, dafs es 
Stilicho unterliefs, diese räuberischen Horden vom römischen Boden 
zu vertreiben und Gallien dem Reiche wiederzugewinnen; die Zeit 
war zu ernst, Italien konnte seiner einzig rettenden Hand keinen 
Augenblick entraten. 

Gleichwohl entschlofs sich Stilicho noch im Laufe des Jahres 
407 zu einer anderen offensiven Unternehmung, denn zu allem Unheil, 
das den Honorius betroffen hatte, kam nun, veranlafst durch seine 
Einmischung in die inneren Wirren der orientalischen Kirche, eine 
wachsende Entfremdung zwischen den Brüdern , welche , infolge der 
allem Völkerrecht Hohn sprechenden Behandlung der occidentalischen 
Gesandten durch die Umgebung des Arcadius gerade um die Mitte des 
Jahres 406*®) ihren Höhepunkt erreichte. Hob die abendländische 
Kirche die Gemeinschaft mit Atticus und seinen Anhängern auf, „bis ' 

eine allgemeine Synode zustande gekommen wäre und die .faulen ' 

Glieder der Kirche geheilt hätte*'')", so hatte damit der römische f 

Bischof alles gethan, was in seiner Macht stand, um den an Johannes f 

/ 



") Prosp.Aquit. Vandalen und Alanen am 31. Dec. 406. Vgl. v. Wietersheim 
S. 373. Kaufmann S. 3i9fF. Es war ein Raubzug in grofsartigem Mafsstabe. 
Ausführlich Hieronym. ep. 123. 16: Quidquid inter Alpes et Pyrenaeura est, quod 
oceano et Rheno includitur, Quadus, Vandalus, Sarmata, Alani, Gepides, Heruli, 
Saxones, Burgundiones , Alemanni et o lugenda respublica! hostes Pannonii 
vastarunt etc. Ebend. zählt die eingenommenen Städte auf. 

") Um diese Zeit kehrten die Gesandten zurück wie eine Vergleichung 
von Palladius p. 33 mit Socrat. VI. 20. Sozom. VIII. 27. ergiebt. Vgl. Ludwig 
S. 161. 

♦■^ Theodoret V, 34. und Palladius p. 215. 



f 



f 



i83 

<Z)hrysostomus begangenen Frevel zu sühnen. Indes der Staatsgewalt 
standen noch andere Mittel zu Gebote , die beleidigte Majestät des 
3Ierrschers zu rächen. Zwar war es ein gefährliches Spiel, wenn auch 
dm Augenblick Italien von Feinden unbehelligt war, einen Krieg gegen 
<ias Ostreich zu führen, der durch die Blutsverwandtschaft der beiden 
Gebieter der Reichshälften noch ein besonders trauriges Gepräge er- 
hielt; es schien ein Schnitt ins eigene Fleisch zu sein. Aber das 
Mafs dessen, was der orientalische Hof an Mifsgunst, geheimer Unter- 
stützung offener Reichsfeinde und Zurückweisung ehrlicher Hülfeleistung 
in den wenigen Jahren seit dem Tode des Theodosius dem occiden- 
talischen geboten hatte, war durch den letzten Schritt desselben in 
den Unterhandlungen wegen des Bischofs von Constantinopel über 
und über voll geworden.**) Eine derbe Züchtigung that not, die in 
der rechten, mafsvollen Weise angebracht dem Gesamtreiche dadurch 
Heil bringen konnte, dafs der schwache Kaiser endlich einmal aus 
seiner dem Honorius und Stilicho abholden Umgebung herausgerissen 
und Männern anvertraut wurde, welche das Wohl des ganzen Reiches 
in der. Eintracht beider Teile beständig und aufrichtig suchen mochten. 

Aber bei allen diesen Erwägungen kam nicht minder noch das 
Verhältnis Alarichs und seiner Westgothen zu West-» und Ost-Rom 
in Betracht, und dieses schien augenblicklich Stilichos Plänen günstig 
zu sein. Denn nach der Rückkehr von seinem vergeblichen Zuge 
nach Italien 403 waren die Beziehungen zum Ostreich, wie schon 
oben ausgeführt ist, immer lockere und kühlere geworden, nachdem 
hier das gegen das Übergewicht der Germanen im Reich sich ermannende 
römische Nationalgefühl über jene einen glänzenden Sieg schliefslich 
davongetragen hatte. Nun safs Alarich an der Grenzscheide der 
beiden Reiche, zu jung, um mit dem Leben abgeschlossen zu haben, 
an der Spitze einer kriegslustigen Jugend, die gleich ihm von Thjiten 
und Beute in einem weniger rauhen Lande träumte, und daher bereit 
zu jeder nur nicht allzuwaghalsigen Unternehmung, wohin sie auch 
immer führen mochte. Er ergriff deshalb mit Freuden die ihm von 



*^ Es ist wunderbar, (dafs diesem Moment, der Gesandtenbeleidigiing, zur 
Erklärung der Absichten Stilichos so wenig oder gar kein Gewicht beigemessen 
ist. Doch wenn man sich daran erinnert, wie gereizt Claudian sich schon in 
früheren Jahren gegen den oströmischen Hof ausläfst, so kann man die Entrüstung, 
welche man im Occident über jenen Vorfall empfand, nicht, hoch genug an- 
schlagen. Kaufmann a. a. O. verzichtet auf einen Erklärungsversuch, v. Wietersheim 
sieht in Stilichos Vorgehen nur die Absicht sich Alarich als Freund zu erhalten. 
Serena war in diesem Punkte eine Gegnerin ihres Gemahls und suchte den 
Bruderkrieg zu verhindern. Zosim. V. 29, 



i84 

Stilicho gebotene Gelegenheit*®), seinem kriegsliebenden Volke neue 
Waffenthätigkeit zu geben, wenn sie auch gegen den anderen Reichs- 
teH gerichtet war, von dem ihm selbst eine Provinz vom Kaiser Ar- 
cadius anvertraut war. Im Laufe des Jahres 407 gediehen die zwischen 
ihm und dem weströmischen Machthaber gepflogenen Verhandlungen 
zum Abschlufs, welche darauf ausgingen, dafs Alarich mit Unterstützung 
Stilichos das ganze übrige oströmische Illyrien, in welchem die West- 
gothen nicht ihre Sitze hatten, also Epirüs, Thessalien, das alte Griechen- 
land, Macedonien und Dacien, mit Waffengewalt dem oströmischen 
Reich abzwingen und dem westlichen einverleiben sollte '><^), wogegen 
ihm die Würde des magister utriusque militiae auch von Westrom und 
gröfsere Befugnisse als bisher gewährleistet wurden. Doch sind wir, 
hier von den Quellen völlig im Stich gelassen, nicht im stände näher 
anzugeben, worin die Gegenleistungen des Honorius bestehen sollten.**) 
Stilichos Plan war soweit wohl überlegt, durch die Eroberung Ost- 
lUyricums sollte das orientalische Reich gewarnt, gedemütigt und ge- 
schwächt, das occidentalische gerächt, gehoben und gestärkt werden, 
während Alarichs Parteinahme für den Westen ihm den Osten zum 
unerbittlichen Feinde machen und fort und fort die Rache desselben 
in Aussicht stellen mufste. Nach der Art, wie die weströmischen Ge- 
sandten im Ostreich aufgenommien und zurückgewiesen waren, hatte 
Stilicho nicht nötig den Krieg officiell von Kabinet zu Kabinet zu 
erklären , sondern er gab auf . eine andere nicht mifszuverstehende 
Weise den Abbruch der friedlichen Beziehungen von Seiten Westroms 
zu erkennen, indem er durch eine durchgreifende Verfügung plötzlich 
alle Gestade wie Häfen im Occident den oströmischen Schiffen ver- f 

schlofs, überall an den Verkehrsstellen und besonders geeigneten f 

Küstenpunkten Commissarien und Truppen aufstellte und so jeg- j 

liehen Personen- und Warenverkehr mit dem Osten untersagte.*^^ Es j 

war das für beide Teile eine tief einschneidende Mafsregel, da das 
Mittelmeer mit allen seinen Seitengassen damals noch immer fast 
ausschliefslich das Weltmeer ausmachte und aller Handel mehr oder 



^•) Bei Zosim. V. 26, ist die Verabredung schon vor dem Einbruch des 
Rhadagaisus abgeschlossen. 

^) Deutlich ausgesprochen ist dieses Ziel bei Zosim. V. 26. und Sozom. 
IX. 4. und (VIII. 25.) auf Grund des Olymp. Vgl. Aschbach S. 78. Dahn Könige 
S. 42. Köpke S. 126. Kaufmann S. 319. v. Wietersh. a. a. O. 

**) Vgl. Sozom. IX. 4. (Stilicho) axQaxriyov Qiofjiaioiv a^iav iiQO^evijaag 

**) Cod. Theod. VII. 16, i. 12. Dec. 408: Hostis publicus Stilico novum 
atque insolitum reppererat, ut litora et portus crebris vallaret excubiis, ne cuiquam ex 
Oriente ad hanc imperii partem pateret accessus. 



i85 

"%Äreniger einzig und allein auf dem Austausch der gegenseitigen Pro- 
dukte der Gestade desselben und ihrer Binnenländer beruhte. Gleich- 
"^vohl wagte Stilicho diesen Schritt und liefs zugleich an Alarich die 
^Aufforderung ergehen, nunmehr mit seinen Westgothen aufzubrechen, 
lEpirus anzugreifen und seine Ankunft zu erwarten. Der neu ernannte 
3*raefectus praetorio Illyrici Jovius würde vorausgesandt, welchem Sti- 
licho alsbald auf dem Fufse zu folgen versprach.*^) 

Aber während dieser in Ravenna seine Rüstungen zum Abschlufs 
"brachte und schnell Alarich zu Hülfe zu eilen gedachte, verbreitete 
sich das Gerücht, der Westgothenkönig sei gestorben, und zu der- 
selben Zeit lief ein Brief des Honorius ein mit der Meldung, der in 
Britannien von den aufrührerischen Legion '^n zum Kaiser ausgerufene 
Usurpator Constantinus sei in Gallien gelandet'»'*) So wenig beglaubigt 
die erste Nachricht erschien, so sicher und gewichtig war die zweite; 
sie zwang Stilicho seine Gedanken vom Osten abzuwenden und auf 
den Westen zu lenken, da, wenn nicht des Honorius Thron ganz in 
Frage gestellt werden sollte, die Vertreibung und Vernichtung des 
Tyrannen unumgänglich notwendig war. So wurde anstatt der beab- 
sichtigten Offensive eine erzwungene Defensive das nächste Ziel, welches 
Stilicho sich stecken mufste. Er begab sich daher sofort zu Honorius 
nach Rom, um dort im Verein mit dem unter ihm wieder lebendig 
gewordenen Senat die Mafsregeln zu beraten, welche bei dieser kriti- 
schen Lage zu ergreifen seien.^^) 

Die Vermählung seiner zweiten Tochter Thermantia mit Hono- 
rius im Beginn des Jahres 408, dem die erste Gemahlin Maria vor 
einigen Jahren jungfräulich durch den Tod entrissen worden ^ß), war 
daher nur ein vorübergehender Lichtblick für den um das Wohl des 
Reiches wie seiner Familie ängstlich besorgten Stilicho, denn er mufste 
sich sagen, dafs die im Orient begonnene Unternehmung gescheitert 
sei und gewifs zu mancherlei Verwickelungen mit dem im Stich ge- 
lassenen Alarich führen werde. In der That war der Westgothen- 
könig, nachdem er vergeblich längere Zeit auf Stilicho gewartet hatte, 
und endlich über die Unmöglichkeit, augenblicklich das Unternehmen 



*') Sozom. Vm. 25. und IX. 4. Es ist wohl derselbe Jovius, dessen Sohn 
Alarich Zosim. V. 36. als Geisel veriangt und der 409 mehrfach in Gesetzen des 
Cod. Theod, genannt wird. Vgl. Series Chron. Constit. 

**) So Zosim. V. 27, während Sozom. IX. 4. Alarich durch einen Brief 
des Honorius zurückgerufen wird. 

") Zosim. a. a. O. 

**) V. 28. Vgl. Jordan c. 30. 



i86 

fortsetzen zu können, aufgeklärt war, aus Epirus unverrichteter Sache 
wieder abgezogen, und stand nun drohend an der Save bei Aemona 
(Laibach), nur wenig Stunden von den Pässen der Julischen Alpen 
entfernt, um, im Falle seine berechtigten Forderungen nicht bewilligt 
würden, von neuem in Italien einzubrechen. Es stellte sich also 
heraus, dafs Stilichos gegen das Ostreich geplante Expedition in jedem 
Falle nicht mit der Überlegung ins Werk gesetzt war, welche ihm 
sonst doch eigen zu sein pflegte, und dafs ein blutiger Zwist zwischen 
den beiden Reichshälften stets ein Vorteil für die gemeinsamen 
Feinde war. 

Alarich aber ging noch einen Schritt weiter: da er durch seine 
Kundschafter erfahren, dafs der enge, aber bequemste Pafs über die 
Alpen (die Station ad Pyrum bei Ktudschizza im Bimbaumer- 
walde) ^® *) nicht besetzt war, wahrscheinlich, weil er damals im Bunde 
mit Westrom war, so rückte er ungehindert durch diese Grenzpforte 
ein und schickte Gesandte nach Ravenna, welche in seinem Namen 
eine angemessene Entschädigung für die Wartezeit in Epirus und für 
den Marsch bis hierher fordern sollten.*'^) Über diese ernste 
Frage trat nun der Senat zu Rom im kaiserlichen Palaste zur Be- 
ratung zusammen, eigentlich in seiner Mehrzahl aus neu erwachtem 
Römerstolz jeglicher Abzahlung an die Barbaren, die wie Tribut aus- 
sähe, abgeneigt ; aber in seiner Minderheit noch von Stilicho beherrscht, 
entschied er sich gleich diesem für eine friedliche Lösung, nachdem 
Stilicho auf die Anfrage jener, warum er einen für die Majestät 
des römischen Namens schmählichen Frieden dem Kriege vorziehe, 
des längeren auseinandergesetzt hatte, dafs Alarich nur in römischem 
Interesse nach Epirus gezogen sei und auch nicht vergeblich auf ihn 
gewartet haben würde, wenn nicht des Kaisers Brief alle seine Pläne 
in der Ausführung gehindert hätte. Es wurde Alarich daher eine 
Entschädigungssumme von 4000 €1. Gold ^8) (3600000 Mark) bewilligt, 
doch nur schwer war es Stilicho gelungen den Senat zur Zustimmung 
zu bewegen, er hatte sogar in der lebhaften Debatte das schnelle 
Wort^ö); ^,Das ist kein Friede, sondern ein Pact der Knechtschaft!" 
hören und ungeahndet lassen müssen, um nicht die Erregung gegen 

**a) Annahme des Freiherm C. v. Czöernig das Land GÖrz u. Gradisca S. 162. 

»"0 Zosim. V. 29. 

W) Zosim. V. 29. xQvaiov xexQaxiGX.^kLaq HrQaq. Olymp, frgm. 5. rsaaa- 
Qaxovta xsvTfjvaQia. Vgl. Ducange zu xsvx. 

*^) Non est ista pax, sed pactio servitutis. Lampadius, der diesen Ausruf 
that, floh aus .Furcht vor Stilichos Rache nach der Senatssitzung zur schützenden 
Kirche. Zosim. a. a. O. 



187 

ich noch zu steigern. Er gedachte nuniaehr, nachdem Alarich durch 

ie Bewilligung zufrieden gestellt war, wieder nach dem Norden zu 

ehen, um von da aus im gegebenen Falle über die Alpen gegen 

^z3en Usurpator vorzurücken, als plötzlich das dumpfe Gerücht zu dem 

eströmischen Hofe drang, der Kaiser Arcadius sei gestorben, und 

Stärke und Glaubwürdigkeit immer mehr zunahm.*®) 

Und im Gegensatz zu der kurz vorher verbreiteten Todesnach- 
:wicht des Westgothenkönigs wurde diese nur zu bald bestätigt, wirklich 
^war Arcadius gegen menschliche Erwartung und Hoffnung seinem 
"Yater inzwischen ins Grab gefolgt, ein Ereignis von höchster Be- 
<ieutung gerade in diesem Augenblicke. Denn wer sagt, wie der 
Xauf der Zeiten sich geändert hätte , wäre .Arcadius am Leben ge- 
blieben, der wenige Wochen noch vor seinem Tode den bis dahin 
vernachlässigten Aufbau der Mauern der Städte Illyriens und die 
schleunige Überführung von Lebensmitteln dorthin für das Heer be- 
fohlen hatte. Würde er nicht versucht gewesen sein, den ihm durch 
Alarichs Einmarsch in Epirus angedeuteten und zugedachten Hieb zu 
erwidern ? Würde sich nicht vielleicht Alarich, in allen Sätteln gerecht, 
nunmehr umgekehrt, wenn Arcadius gewollt hätte, mit ihm gegen das 
Westreich vereinigt haben? Und welche Folgen wiederum hätte dieser 
gemeinsame Angriff für die Widerstandskraft Westroms gegen Con- 
stantinus unter allen Umständen haben müssen! Wir stehen hiermit 
vor der Lösung eines Rätsels, das der Mensch nicht zu lösen vermag, 
er kann nur erkennen und konstatieren, dafs hier eine höhere Hand 
in das Geschick der römischen Welt sichtbarlich eingegriffen hat. 
Das Eine steht jedenfalls fest, dafs die freundliche Haltung, welche 
demnächst von seiteft des orientalischen Hofes gegen den occiden- 
talischen beobachtet worden ist, und vor allem eine thatkräftige Unter- 
stützung, wie sie in der That bald darauf eingetreten ist, niemals zu 
Lebzeiten des Arcadius würde statt gehabt haben. 

Arcadius war am i. Mai 408 6 *) aus dem Leben geschieden. 



^) Zosim. V. 30 und 31. 

**) Socrat. VI. 23 ist in Bezug auf chronologische Daten (vgl. G. S. 22.) 
so glaubwürdig, dafs man dieses Datum immer annehmen kann. Gegen seine 
Autorität würde nur sprechen Cod. Theod. XIV. 17, 15. Monaxio P. U. Jidem 
AA vom 1 6. Febr., da es, wenn Arcadius noch lebte, AAA heifsen müfste. Doch 
kann der Buchstabe leicht vom Schreiber fortgelassen sein. Desgl. mufs dem- 
gemäfs zu IX. 35» 7. der Name des Arcadius restituiert werden, wie Gothofr. 
im Commentar bereits gesehen hat. Richtig dagegen ist XVI. 8, 18. IV. Kai. Jun. 
Impp. Honorius et Theodosius gezeichnet. — - Das Jahr giebt auch Sozom. IX. i. 
Prosp. Aquit. Marc. Com. Vgl. dagegen Xheophanes zu 400; Cedren p. 334: 



i88 

wahrscheinlich infolge einer Krankheit, doch ist darüber nichts über- 
liefert worden. Die letzten Jahre waren für ihn recht einsam ge- 
wesen, denn er war seit Anfang Oktober 404 ®2) bereits Witwer. 
Eudoxia war nach alten Berichten offenbar in einer schweren Ent- 
bindung ö3) gestorben , wenn auch gewifs viele abergläubische Zeitge- 
nossen in ihrem frühzeitigen Tode nur eine gerechte Strafe des 
Himmels für das an Johannes Chrysostomus begangene Unrecht sahen. 
Sie wird kaum das dreifsigste Jahr erreicht haben, da Arcadius selbst 
in seinem einunddreifsigsten Lebensjahre starb. Er hatte nach dem 
Heimgang der Gemahlin aufser dem Zerwürfnis mit Westrom, in welches 
ihn seine Schwäche gegen die Gegner des Johannes geführt hatte, 
an bemerkenswerten Ereignissen in Constantinopel 406 den grofsen 
Brand des Hippodroms *•*) mit erlebt, in welchem die Thore, die um- 
gebenden Säulenhallen desselben, Privatgebäude vernichtet worden 
und wie es scheint, auch Menschen umgekommen waren. Arcadius 
hatte selbst noch die nötigen Anordnungen zur Wiederherstellung des 
Niedergebrannten erlassen: So verfügte er am 22, Oktober 406 0*), dafs 
die zu den oberen Säulengängen führenden Treppen, welche bisher 
eng und von Holz gewesen waren, jetzt breiter und in Stein aufge- 
führt werden sollten, damit einerseits die Gefahr einer Feuersbrunst 
geringer, andererseits die Möglichkeit ihr zu entgehen desto gröfser 
würde. Auch ordnete er an, dafs die Privathäuser, welche bis dahin 
mit dem Circus zusammengehangen hatten, fernerhin nicht blos in 
diesem Falle, sondern überhaupt fünfzehn Fufs von den öffentlichen 
Baulichkeiten entfernt erneuert werden sollten. 

Auch im Jahre 407 war Constantinopel von einem schweren Un- 
glücksfall heimgesucht worden 6*"»), diesmal aber von einem Erdbeben, 
das auch auf dem Wasser den empfindlichsten Schaden anrichtete. 
Die ehernen Ziegel des Forum Theodosianum wurden bis in die Vor- J 

Städte geschleudert und das Kreuz Christi stürzte vom Kapitol herab; ' 

f 



\ 



f 



j 

f 



im 14. Jahre der Regierung und im 31. Lebensjahre. Zosim. V. 34: in demselben 
Jahre mit Stilicho. Philost. XI. 7. Chron. Pasch, hat eine Lücke. Vgl. Clint. f 

Fast. Rom und Sievers: Arcadius. [ 

^*) Chron. Pasch. Am 4. Tage nach einem mächtigen Hagelschlag Sozom. 1 

Vfll. 27., der nach Socrat. VI. 19. am 30. Sept. stattgefunden hatte. Das Jahr 
auch bei Marcell. Com. und Prosp. Aquit. 



ö2) Photius Bibl. c. 77. über Eunap: ^ — kQxaölov yvvr^ ;tfaTa yaoTQog } 
exovaa xal dfxßXojaaaa xbv ßlov dneXiTtev. Erst bei Cedren (11. Jahrh.) p. 334 
die sagenhafte Ausschmückung, die sich auch Zonaras (12. Jahrh.) XIII. 20. findet. 

»*) Chron. Pasch. 

«) Cod. Th. XV. I, 45 und 46. 

««) Chron. Pasch. 



f 



i89 

Hafen wurden die Schiffe gegen einander oder gegen das Ufer 
eworfen, und vieler Schiffsleute Leichen trieben in den nächsten Tagen 
goldenen Hörn umher. Dagegen schien Gott Arcadius noch kurz 
%^or seinem Tode ein deutliches Zeichen seiner Gnade zu geben, als 
^^r ihn, der in grofser Lebensgefahr sich befand, in wunderbarer Weise 
^srrettete.*') Arcadius hatte sich nämlich zur Besichtigung der kleinen 
TKapelle, welche um den Nufsbaum, an dem der Märtyrer Acacius gehänkt 
"%^orden war, errichtet war, in die Karia, ein grofses Gebäude der 
auptstadt begeben, und trat, nachdem er gebetet hatte, wieder den 
eimweg an. Da eilten alle, welche in der Nachbarschaft wohnten 
'und auch die, welche sich in der Kapelle befanden, herbei, um den 
kaiserlichen Zug sich anzusehen, in demselben Augenblicke stürzte 
<iie Karia zusammen und hätte unfehlbar, wäre der Kaiser einen 
-Augenblick länger geblieben, ihn wie den ganzen Menschenschwarm 
Tinter ihren Trümmern begraben. Dieses Ereignis verschaffte Arcadius 
noch in seinen letzten Tagen den Ruhm eines besonders von „Gott 
geliebten" Fürsten, während ihm seine Einmischung in die kirchlichen 
Verhältnisse der Hauptstadt einen grofsen Teil der Bewohner ent- 
fremdet hatte. 

Aus dem zarten und schwächlichen Knaben, der Arcadius einst 
gewesen war, hatte sich in der Folge ein Mann entwickelt von kleiner, 
schmächtiger Gestalt, mit schwarzen Haren und dunkler Hautfarbe ö^), 
ohne ein äufserliches Zeichen männlicher Energie; vielmehr verrieten 
die schläfrigen Augen, deren Lider meistens gesenkt waren, den matten 
Geist, welcher in seinem Körper wohnte. Sieht man von einer un- 
glaublichen Erzählung des Zonaras ab , nach welcher Arcadius 
an seinem Lehrer Arsenius für eine ihm widerfahrene Züchtigung 
blutige Rache habe nehmen wollen 69), so stimmen die Zeitgenossen 
darin überein, dafs er ein herzensguter und sanfter Mann war.*^®) Aber 
allzugrofse Güte ist bekanntlich ebenfalls eine Schwäche, welche ein 
Fürst nicht haben sollte, und um so mehr war sie es bei Arcadius, 
bei dem sie sich mit einem hohen Mangel an Einsicht und Verstand 
verband. ''*) Diese Eigenschaften erklären es hinreichend, warum der 



6') Socrat. VI. 23. (Theopb. zu 399.) 

<**) Philost. XI. 3. Cedren p. 327. Vgl. die Münzen bei Cohen descript. 
hist. des monn. VI. S. 480 — 486 und Eckhel Doctr. num. 

M) XIII. 19. 

'0) Socrates VI. 23. dvrjQ TtQaoq xal ^ovxiog xal TtQoq tö> xiXei xijq 
Sa>^§ d^sofpiXovg do^av xrrjaafisvoq. 

''•) Dies berichten die Quellen in seltener Übereinstimmung. Zosim. V. i. 12. 
Eutrop beherrscht den Arcadius xad-ansQ ßoox'^fiectog. 14. und 24. Clai^dian III. 



I90 

im Palast unter schmeichlerischen Dienern, unaufrichtigen, eigensüchtigen 
Freunden und unter dem Drucke echt orientalischen überladenen 
Prunkes und schwerfalliger Ceremonieen aufgewachsene Prinz späterhin 
ein leicht gefügiger Spielball derer wurde, welche seine Schwächen 
kannten und ihn zu nehmen wufsten. So war er anfangs, ein des 
Regierens unkundiger Jüngling, die Puppe des Rufinus, und als dieser 
getötet war, die des Eutrop, zu jeder Zeit aber, so lange er vermählt 
war, hatte ihn die kühne, ehrgeizige, und nicht minder kluge Tochter 
des Bauto," wie ein Bericht drastisch sich ausdrückt "^2^, am Zügel, an 
dem sie nur wie bei einem „Tiere" zu ziehen brauchte, um ihn nach 
Belieben bald nach rechts bald nach links zu bewegen. 

Auf ihr Haupt fallt daher zum gröfsten Teil zurück, was Arcadius 
an Johannes Chrysostomus sündigte, w-enn sie auch selbst wiederum 
von seinen Gegnern sich zu weit iortreifsen liefs. Denn sie war doch 
zu sehr Weib, um nicht auch ihre grofsen Schwächen zu haben, lind 
gestattete ebenfalls den Kammereunuchen und Hoffrauen einen un- 
heilvollen Einflufs auf sich, deren Ziel aufser auf mächtige Stellung 
nicht weniger auf den Erwerb von Reichtümern gerichtet war.''*) Es 
wuchs daher unter Arcadius' Regierung die Schar der Delatoren ins 
ungeheuere, die es sich angelegen sein liefsen, überall in den Provinzen 
auszuspähen, wo ein vermögender Manli starb, um durch Vorzeigung 
eines am Hofe erschlichenen kaiserlichen Mandates die berechtigten 
Erben auszuschliefsen. Man würde diese Nachricht für übertrieben, 
wenn nicht für erfunden halten können, wenn uns nicht aus den Ge- 
setzen der Zeit der selbstsüchtige Eifer der Denuntianten und der so- 
genannten Petitoren vielfach entgegenträte. ''*) 

Fragt man schliefslich nach den selbständigen Thaten, welche 
mit dem Namen des Arcadius verknüpft sind, so gehen sie über den 
Rahmen der Einholung aufgefundener Märtyrerreliquien und einiger 
Bauwerke nicht hinaus. Die Einholung jener war noch die einzige 
Gelegenheit, wo Fürst und Volk eine Art gemeinsamer Feier begingen; 
so liefs Arcadius 397 '^^) die Gebeine Johannes des Täufers aus 



cons. Hon. 488 ff. läfst nur durchblicken, was]]er von Are. hält. Philost. XI. 3. 
Bei Zonaras XIII. 20. ist vcid^q sein stehendes Beiwort. Nur der gedankenlose 
Joh. Mal. üb. 13. erzählt aufser sonstigem ungereimten Zeuge, dafs Arcad. einen 
durchdringenden Verstand besafs. 

") Zonaras XIIL 20. 

^^ Zosim. V. 24. c. 25. bringt die unglaubliche Nachricht, Eudoxia sei 
von Arbacazius bestochen worden. 

''*) Cod. Theod. IX. 42, 17. X. 10, 24. 

^") Theophanes. Chron. 



l^:x:a.iidrien überführen; 398 ''ß) die Reliquien des Phocas von Sinope 
cler hl. Sisinnius, Alexander und Martyrius und 406 des hl. Samuel ''*'), 
errichtete er eine Säulenhalle "^^j^ eine Säule und endlich eine 
:ue Truppe, welche nach ihm ^igxaöiapol genaimt wurde.-'*) Beide, 
-<:ra.cüus und Eudoxia, wurden neben einander in der Apostelkirche ®®) 
igj-esetzt. 



''ö) Act. Sanct. T. IV. Sept. S. 530. Vgl, Ludwig S. 23. 

''^) Chron. Pasch. 

'*) Theoph. und Cedren. 

79) Ebend. vgl. Böcking Not. Digu. I. S. 204. 

^) Chron. Pasch. 404 und Cedren p. 334. 



n. Buch. 



Erstes Kapitel. 

Übergang der Kröne auf Theodosius II. — Unmündigkeit der Kinder des Arcadius. 

— Zustand des Reichs beim Tode desselben. — Verhältnis zu Westrom. — 
Honorius zuerst, dann Stilicho wollen sich nach Constantinopel zur Ordnung 
der orientalischen Angelegenheiten begeben. — Stilichos Sturz und Hinrichtung 
22. August 408. — Das Ostreich leitet der Praefectus praet. Anthemius. — Seine 
Vorgeschichte und sein Verkehrskreis. — Troilus, der Sophist, die Dichter 
Nicander und Theotimus. — Meinung des Synesius und Chrysostomns über 
Anthemius. — Annäherung an Westrom. — Freundliche Beziehungen zu Persien. 

— Der persische Handelsvertrag. — Besiegung des Uldes und Gefangennahme 
der Skiren. — Die Verteilung derselben über die Provinzen. — Sicherung der 
Donaugrenze durch Vermehrung der Flotte. — Hungersnot in Constantinopel. — 
Verfägung über den Transport des ägyptischen Getreides. — Versuch Ulyrien 
aufzuhelfen. — Der Bau der Mauern Constantinopels. — Die Ereignisse im Westen 

in den Jahren 408 — 414. — Rücktritt des Anthemius. 

Wer den Gang der Ereignisse im oströmischen Reich bis hierher 
aufmerksam verfolgt hat, den feindseligen Gegensatz zwischen den 
zahlreichen Germanen im Heer, den eigentlich römischen Truppen 
und der Bevölkerung, die Wirren, die vorausgegangen waren, und 
die Bedrohung der Grenzen erwägt, der mag in seinem Herzen bei 
der Thatsache, dafs das grofse Reich einem unmündigen Knaben 
zufiel, wohl mit Salomo sprechen: „Wehe dem Lande, dessen König 
ein Kind ist!" und mag fürchten, dafs Jahre vorübergehen würden, 
bis die Völker wieder zum Genufs des Friedens kämen. Hatten sich 
selbst gegen Theodosius' starke Hand zwei Usurpatoren zu erheben 
gewagt, welche den jugendlichen Kaisem Gratian und Valentinian 
Thron und Leben raubten, war Gallien gerade 408 im] Besitz eines 
Tyrannen , der bereits in Arelate i) seine Residenz genommen hatte, 

— wie hätte man nicht füglich erwarten dürfen, irgend ein unzu- 
friedener General werde auch im Osten, gestützt auf germanische 
Söldner, die Fahne des Aufruhrs erheben und zahlreichen Anhang 



») Zosim. V. 31. 



193 

\)ei dem heruntergekommenen Bauer und Bürger oder bei den 
scythischen Sklaven finden? Oder war nicht zu fürchten, dafs Alarich 
auf die Todesnachricht des Arcadius sogleich umkehren und das ver- 
ivaiste Reich als leichte Beute betrachtend einen neuen Raubzug oder 
auch Eroberungskrieg unternehmen werde? Oder stürzten sich nicht 
die äufseren Feinde von jenseits der Donau und des Tigris begierig 
die Gelegenheit ergreifend über das seines Hauptes beraubte Land 
her ? Nichts von alledem ! Der Übergang der Krone aus der Hand 
des' sterbenden Kaisers auf das Haupt seines kindlichen Sohnes vollzog 
sich vielmehr mit einer Ruhe und ungestörten Sicherheit, als ob das 
Princip der rechtmäfsigen Erbfolge auf den römischen Kaiserthron durch 
jahrhundertelange Übung geheiligt wäre und nie eine Anfechtung 
erfahren hätte. Und während man für gewöhnlich dem Lande eine 
glücklichere Zukunft und Beständigkeit der Verhältnisse vorauszusagen 
befugt ist, dessen Herrscher ein Mann in der Reife seiner Kraft ist, 
sehen wir bei dem Vergleich der beiden Hälften des römischen Reichs 
das seltene Schauspiel vor uns, dafs der von einem unmündigen Kinde 
anfangs regierte Teil in immer ruhigere und sicherere Bahnen über- 
lenkt und sogar dem anderen Teil nicht nur Hülfe spendet, sondern 
auch berufen wird, ihm einen neuen Herrscher zu geben, der andere 
dagegen, von einem Manne geleitet, die schwersten Gefahren zu be- 
stehen hat und immer mehr auseinander fällt. Denn es war der Wille 
der Vorsehung, dafs der Westen der römischen Weltherrschaft nach un- 
zähligen Kämpfen endlich eine Beute der Germanen werde, während 
das orientalische Reich den Namen und die Einrichtungen der Römer 
bis an die Scheide der Neuzeit bewahren sollte, wenn auch der 
römische Geist und die Nationalität ihm längst entschwunden waren. 
Am Totenbette des Arcadius, den das Geschick so frühzeitig 
aus dem Leben rief, als er eben in das rechte Mannesalter getreten 
war, stand keine trauernde Witwe, die in den Pfändern der Liebe 
den einzigen Ersatz für den unersetzlichen Verlust sah und sich ge- 
lobte, diese, so gut sie's vermöchte, den Vater nicht entbehren zu 
lassen, sondern vier Waisen im zartesten Alter, drei Mädchea und ein 
Knabe, welche kaum imstande waren, die Gröfse des Verlustes zu 

fassen, der sie hier traf. Es war die neunjährige Pulcheria, die acht- 

♦ 

jährige Arcadia, die fünQährige Marina und der siebenjährige Theo- 
dosius, der Thronerbe. 2) Ihm überkam das Reich, welches der grofse 
Theodosius seinem Vater hinterlassen hatte, zwar nicht ganz so unversehrt, 



2) Vgl. Buch I. cap. 8. Anm. i8 — 22. Socrat. VI. 23. nennt den Theodos. 
oxraerrig, obwohl er sein Geburtsjahr richtig c. 6. angegeben hat ; ebenso falsch 
Sozom. IX. I. yaXaxTi tQi^sad^ai Ttsnavfiivog, 

13 



194 

denn die Präfectur lllyricum stand zum gröfsten Teil unter dem West- 
gothenkönig Alarich^) und hatte im übrigen nicht weniger als das 
Innere Kleinasiens durch Raub- und Plünderungszüge gewaltig ge- 
litten, gleichwohl hatte die Regierung des Arcadius den Segen gebracht, 
dafs die übermächtige Stellung der Germanen, welche in ihren An- 
fangen durch jenen grofsen Kaiser hervorgerufen war, zurückgedämmt 
und in heilsame Schranken gewiesen worden war.*) Allerdings hatte 
die Absetzung und Verbannung des Johannes Chrysostomus die Zahl 
der bestehenden christlichen Secten noch um eine neue hartnäckige 
vermehrt ^), indes war einmal die Hoffiiung berechtigt, sie in nicht zu 
langer Frist in den Schofs der Mutterkirche wieder aufgenommen zu 
sehen, sodann war das letzte Aufflackern der arianischen Gelüste 
während des Aufstandes des Gainas energisch unterdrückt worden. 

Mit den äufseren Feinden des Reichs stand Arcadius bei seinem 
Tode im ganzen in freundlichem Verhältnis, wenn wir von dem kleinen 
Kriege an den africanischen Grenzen absehen ; denn mit Persien waren 
die durch Theodosius angebahnten guten Beziehungen von Bestand 
geblieben, und auch der Fürst eines Teiles der Hunnen, Uldis, hatte 
durch die Übersendung des Kopfes des Gainas seinen friedlichen 
Gefühlen gegen das Ostreich Ausdruck verliehen.^) Die einzige Wolke 
daher, welche über dem Haupte des Sterbenden schwebte, war die 
Sorge um das Verhalten zu dem weströmischen Reich gewesen, 
welches er selbst durch die Zurückweisung seiner Gesandten auf das 
schimpflichste beleidigt hatte. Aber gerade nach dieser Seite hin 
kamen Ereignisse, die man vorher hatte nicht erwarten können, dem 
Ostreich zu Hülfe. 

Nicht nur, dafs Alarich statt den begonnenen Feldzug in Epirus 
fortzusetzen, wie wir sahen, den Spiefs umdrehte und seine F-orderungen 
nunmehr gegen den Westen richtete, weil Stilicho, unter dem Druck 
der Nachricht von der Landung des Constantinus in Gallien, seinem 
Plane gemäfs ihm nicht hatte zu Hülfe eilen können, sondern mehr 
als durch alles andere wurden die Beziehungen der beiden Reiche 
beeinflufst durch den plötzlichen Niedergang dieser einzigen Stütze 
Westroms selbst Denn als die Nachricht von dem Absterben des 
Arcadius nach Italien gekommen und zu Honorius gelangt war, welcher 
auf dem Wege zu den römischen Legionen bei Ticinum (Pavia) sich 



^) Ebend. cap. 3. f. 
*) cap. 6 und 7. 
*) cap. 9. 
®) Zosim. V. 22. 



195 

in Bononia (Bologna) befand, rief er den Stilicho aus Ravenna herbei '^), 
um mit ihm bei der Wichtigkeit des Ereignisses über die Schritte 
zu beraten, welche der Todesfall nötig mache. Honorius hatte den 
Gedanken, selbst nach dem Orient zu gehen, um bei der Unmündigkeit 
seines Neffen die Regierung zu ordnen und in feste Hände zu legen. 
Es zeugt wiederum von der politischen Klugheit des Stilicho, dafs er 
dcan Kaiser diesen Plan ausredete, indem er mit Recht auf die Nähe 
de§ Tyrannen Constantinus, auf die Anwesenheit des Alarich, dem er 
nicht traute, auf italischem Boden und auf die moralische Schwächung 
hinwies, welche dem Kaiserthron im Westen zugefügt werden würde, 
wenn der rechtmäfsige Kaiser in eigner Person nach dem Orient 
ziehe; abgesehen davon, dafs eine solche Reise grofse Kosten und 
durch die nötig werdende Begleitmannschaft eine Verringerung der 
kriegstüchtigen Truppen herbeiführen werde. 

Dagegen unterbreitete er dem Honorius einen anderen Vorschlag, 
der diese Schwierigkeiten aus dem Wege räumen sollte: Alarich möge 
in weströmische Dienste gezogen und im Verein mit den römischen 
Streitkräften über die Alpen gegen den Usurpator geschickt werden, 
während er, Stilicho, in den Orient gehen und an Honorius Statt auf 
Grund kaiserlicher Vollmacht die Ordnung der orientalischen Ange- 
legenheiten in die Hand nehmen wollte. Wie immer, vermochte der 
unselbständige Augustus dem mit Überzeugung vorgetragenen klugen 
Ratschlage seines Schwiegervaters nichts Annehmbareres entgegenzu- 
setzen, sondern gab zu allem seine Einwilligung. Ein seltenes Ver- 
hängnis und welche Ironie des Schicksals! Was Stilicho seit der 
Reichsteilung immer erstrebt, warum er sich mit den jedesmaligen 
Machthabem in Constantinopel stets überworfen hatte, in friedlicher 
Weise in die Hauptstadt des Orients einzuziehen und in Ausführung 
des vertraulichen Auftrages des Theodosius seinen Einflufs hier geltend 
zu machen, — das fiel ihm nun ohne Hindernis zu, und doch mufste 
er zögern ^), den selbst empfohlenen Plan durchzuführen. Denn einmal 
wufste er am besten, dafs Westrom ohne ihn ein schwankendes Rohr 
war, das vom Zeitwinde hin- und hergeworfen wurde und leicht ab- 
gebrochen werden . konnte , sodann aber hatte er bereits seit längerer 
Zeit eine ihm feindliche Stinmiung am Hofe beobachtet, deren nicht 
mifszuverstehendes Anzeichen jene stürmische Senatssitzung war. 

Ihm hatte im geheimen bereits die Gunst seines Schwiegersohnes 



'^) Zosim. V. 31. Sozomen. IX. 4 ebenso auf Grund des Olympiodor, doch 
ganz kurz. Vgl. Kaufmann S. 320. 
«) Zosim. V. 31. f. 

13* 



igö 

ein elender Höfling Olympius®) geraubt, der durch Stilicho selbst 
emporgekommen war, und an die Stelle der Achtung vor einem 
höheren Geiste in Honorius die leicht erklärliche Furcht gesetzt, als 
ob Stilicho beabsichtige, ihn selbst ^ö) oder seinen Neffen in Constan- 
tinopel *i) vom Throne zu stofsen und seinen Sohn Eucherius an 
ihrer Statt zum Kaiser hier oder in Ostrom zu machen. Und man 
mufs gestehen, dafs, wenn auch dies Gerücht eine Fabel ist ohne 
irgend welchen Wert, da im Gegenteil Stilicho seinen Sohn in ge- 
ringen Ehrenstellen *2) beliefs, seine eifrigsten Anhänger in ihrer Sucht, 
ihm und seinem Geschlechte nur Rühmliches nachzusagen und anzu- 
dichten, nicht vorsichtig genug in ihren Äufserungen waren, denn 
auch Claudian preist den Eucherius als einen purpurgeborenen und 
deutet auf eine etwaige Vermählung desselben mit der Schwester des 
Honorius Placidia hin.^^) Jedenfalls aber wurde dieses Gerede mit 
zum Sturze benutzt von einer Partei, welche Unterdrückung des ger- 
manischen **) Elements im Heer, auf welches Stilicho sich besonders 
stützte, Unterdrückung des arianischen Glaubens ^^) im Soldaten- und 
Beamtenstande (gegen das vorgebliche Gelüste des Eucherius, das 
Heidentum ^^) wieder aufleben zu lassen), auf ihre Fahnen schrieb, um 
nach Beseitigung des ihnen lästigen, stolzen Vandalen ganz die Zügel 
der Regierung an sich zu ziehen — aber an das Wohl des Vater-' 
landes dachte sie nicht 



9) c. 32. Er bekleidete ein hohes Hofamt, vielleicht war er quaestor oder 
comes domesticorum. Vgl. Philost. XII i. 

»0) Das deuten an Orosius VII. 38. Philost. XII. 2. Vgl. Marc. Com., 
der den Oros. ausgeschrieben. 

**) Zosim. V. 32. Sozom. IX. 4. Vgl. Kaufmann S. 321. v. Wieters- 
heim II. S. 136. 

") Zosim. V. 34. 

") De consul. Stilich. III. v. 176— 181. und De consul. §tilich. II., wo 
von den Insignien des Consulats, die Rede ist 354 ff. : 

Venus hie invecta columbis 
Tertia regali iungit connubia nexu 
Pennatique nurum circumstipantur Amores 

Progenitam Augustis Augustorumque soror'em 

360. Nam domus haec utroque petit diademata sexu 
Reginasque parit reginarumque maritos. 
Vgl. Philost. XII. 2. Gibbon VII. cap. 30. 

") Das beweist der Aufstand in Ticinum. Oros. VII. 38. Vgl. Dahn 
Könige S. 44. Kaufmann S. 332. Pallmann Gesch. d. Völkerw. I. S. 281 — 285. 
") Lob des Olympius bei August, ep. 124. Oros. a. a. O. Vgl. Cod. 
Theod. XVI. 5, 42—44. 

»«) Oros. VII. 38. Vgl. Dahn S. 44. 



k 



197 

So* fiel denn derjenige, welcher allein bis dahin alle Stürme, 
die das Westreich bedroht hatten, mutig und erfolgreich abgeschlagen 
hatte und allein imstande war den morschen Bau zu halten, durch 
die Tücke erbärmlicher Hofschranzen, die Schwäche seines Kaisers 
und den Abfall der römischen Legionen, welche, obgleich selbst gröfsten- 
teils aus Germanen bestehend, dennoch sich den bundesgenössischen 
Germanen gegenüber gern als Römer aufspielten, wenige Monate nach 
dem Tode des Arcadius , am 2^, August 408 zu Ravenna sich selbst 
darbietend, unter dem Streiche des Henkers Heraclian.**') Sein Tod 
war das Signal zum Abbruch der friedlichen Beziehungen mit dem 
Reiche für Alarich und der blutige Anfang nicht minder blutiger 
Wirren, aus denen Westrom für eine Reihe von Jahren nicht wieder 
herauskam. 

Dem Ostreiche dagegen brachte dasselbe Ereignis nur angenehme 
Folgen und Erleichterungen mancher Art. Denn wenn der kühne 
Vandale auch in den Jahren 395 — 407 gegen den Orient nichts Feind- 
liches im Schilde geführt, sondern immer nur danach getrachtet hatte, 
wie er auch hier einen heilsamen Einflufs zum Wohle des ganzen 
Reichs ausüben könne, so war doch diese seine Absicht den jedes- 
maligen Machthabern in Constantinopel immer als eine Anmafsung 
und lästige Fessel erschienen, die sie um jeden Preis von sich fem 
zu halten suchten. Dazu aber war kurz vor dem Absterben des Ar- 
cadius der unverkennbare Plan gekommen, mit Hülfe des alten Wider- 
sachers des Orients, mit Alarich, dem Reiche eine umfangreiche 
Provinz zu entreifsen und dem Occident hinzuzufügen, und dieser 
hatte aufser Arcadius gewifs auch denjenigen mächtig gegen ihn ein- 
genommen, der in den letzten Jahren des verstorbenen Kaisers das 
Staatsruder gelenkt hatte, und dem daher die schwierige Aufgabe zu- 
fiel, das gefährdete Staatsschiff durch alle Klippen glücklich hindurch 
zu steuern, welche der Regierungswechsel bei der Jugend des Thron- 
erben naturgemäfs mit sich brachte. 

Es war das Anthemius^^)^ der Grofsvater des Kaisers gleichen 
Namens und Enkel des Philipp, welcher 346 und 348 als praefectus 
praetorio und 348 als Consul in den Constitutionen bezeugt wird, 
während sein Vater unbekannt ist Er war als Sohn einer so hohen 



") Das Datum giebt Zosim V. 34. Das Jahr noch Marcell. com. (und 
Theophan.) — Das Factum Philost. XII. i. Sozom. IX. 4. Orosius VH. 38, 
Olymp, frgm. 2. Vgl. Dahn und Wietersheim a. a. O. Kaufmann S. 321. Pallmann 
Seite 288. 

**) Socrat. VIT. i ; wo sich die Hauptdaten über Anthemius finden, während 
Sozomen. merkwürdigerweise weder von ihm noch Troilus etwas weifs. Vgl, 
Sievers S. 425 ff. und S. 520 ff. 



Beamtenfamilie ebenfalls in den Civildienst getreten und hatte seit 
dem Beginn des neuen Jahrhunderts hervorragende Ämter bekleidet, 
denn 400 erscheint er als Verwalter der Staatskasse (Comes Sacr. 
Larg.) *ö) , 404 als Kanzler (magister officiorum) 20), und 405 bereits 
in der höchsten Stellung des praefectus praetorio 21), welche in dem- 
selben Jahre noch durch den Glanz des Consulats und 408 durch 
den Titel des Patricius erhöht wurde.22) Es ist ein Beweis für die 
trefflichen Eigenschaften des Geistes und Herzens des Anthemius, 
dafs er trotz aller Ränke, welche am Hofe von Constantinopel nie 
aufhörten, nicht nur unter Arcadius sich im Sattel erhielt, sondern 
auch nach dessen Tode gerade in den gefahrvollsten Zeiten sein Amt 
noch sechs Jahr ungestört verwaltet hat. Es ist, wie wenn die römische 
Welt in ihren vornehmsten Vertretern hier im Ostreich die Gefährlich- 
keit der Lage erkannt und sich alle Mühe gegeben hätte, ihn an der 
Spitze zu erhalten, um allen Erschütterungen im Innern imd Angriffen 
von aufsen vorzubeugen. Jedenfalls behielt Anthemius, gewifs noch 
von Arcadius dazu officiell ermächtigt und beglaubigt, die volle Re- 
gierungsgewalt an Stelle des im Jahre 402 ^3) bereits zum August auf 
dem Hebdomon erhobenen Theodosius, den die Mitwelt schon den 
jüngeren (6 (liXQOg) genannt hat Ihm fiel es daher auch zu, die Be- 
ziehungen zu den Nachbarstaaten zu regeln, damit für das verwaiste 
Reich aus der Unmündigkeit des Thronerben kein Nachteil irgendwo 
erwachse. 

Hierin wurde er von einem Manne unterstützt, dessen Beruf die 
Politik eigentlich nicht war, der aber hoch gebildet und mit natür- 
licher Klugheit begabt in allen Fragen von Anthemius zu Rate gezogen 
wurde und überall als seine rechte Hand erscheint, von Troilus.^*) 
Dieser war ein Sophist aus Side in Pamphylien gebürtig und wahr- 
scheinlich einer von den wenigen Heiden, wie sie in den vornehmen 
Kreisen hin und wieder damals noch auftauchten; auch galt er für 
einen der gewandtesten Redner seiner Zeit und zählte die angesehensten 
Männer zu seinen Schülern, wie den späteren Bischof Ablavius von 
Nicaea und den Verfasser der Gainea Eusebius.^^) Er war indes nur 



") Cod. Theod. I. IG, 5. 

*>) XVI. 4, 4. VI. 27, 14. X. 22, 5. 

") VII. IG, I. 

**) 18. Sept. XII. 12, 14. Sievers äufsert sich nicht hierüber. 
28) Marcell. com. und Chron. Pasch. Sozom. VIII. 4. 
**) Socr. VII. I. und 12. Suidas v, TQ(6iXog: ao^iatrjg naiöevaaq iv 
Kiovaxavxivov noXsi Xoyovq noXizixovg, iniaroXwv ßißkia ^\ 
26) Socr. Vn. 27. und VI. 6. 



199 

das Haupt einer gröfseren Vereinigung geistig bedeutender und genialer 
Männer in der Hauptstadt, in deren Mitte der allmächtige Praefect 
gern verkehrte und seine Gedanken austauschte. Uns sind besonders 
die Dichter Nie an der und Theo timus bekannt, von welchem letzteren 
es heifst, dafs er die Thaten und Erfolge des Anthemius zum Gegen- 
stand seiner Muse gemacht habe ^^), im übrigen aber gehörten dazu alle 
diejenigen Männer, mit denen der Sophist Synesius umging und von 
denen bereits gelegentlich seiner Anwesenheit in Constantinopel die 
Rede gewesen ist.^*') Dafs unter ihnen aber Troilus die gewichtigste 
Meinung und den gröfsten Einflufs auf Anthemius hatte, bezeugen nicht 
nur der Zeitgenosse Socrates 2»), welcher ihm ebenfalls nahe gestanden 
zu haben scheint, sondern auch zahlreiche Briefe 2®) des Synesius aus 
den Jahren nach seiner Rückkehr von der Gesandtschaft, in denen 
er bald einen Bekannten der Unterstützung des Troilus empfiehlt, bald 
seine Hülfe gegen die Delatoren anruft oder seiner Sehnsucht ihn 
wiederzusehen Ausdruck verleiht; überall aber auf die ungewöhnliche 
Stellung hinweist, welche Troilus neben Anthemius bekleidete. Unter- 
breitete somit dieser Staatsmann unbeschadet seiner eigenen Erwägungen 
seine Entschliefsungen dem Urteil solcher Männer 3^), welche fern von 
dem Trachten nach selbstsüchtiger Bereicherung ihren Blick auf das 
Wohl des ganzen Reiches gerichtet hielten, so ging er damit einen 
Weg, der ihn, wie die Erfahrung lehrte, allein zum rechten Ziele führte 
und ihm nicht blofs die Anerkennung dieser seiner Freunde und ihrer 
Partei eintrug, sondern auch jedes anderen Ehrenmannes, der es 
ehrlich mit seinem Vaterlande meinte. Es ist daher nicht wunderbar, 
wenn wir neben den zahlreichen Äufserungen des Heiden Synesius 
auch eine solche des Bischofs Johannes haben ^i), in welcher er noch 
aus der Verbannung im Jahre 405 den Anthemius zur eben erlangten Prae- 
fectur und Consulwürde beglückwünschte, indem er ausführte, nicht die 
Ämter schmückten den Anthemius, sondern umgekehrt er die Ämter, 
dessen Milde, Einsicht und philosophischen Kenntnisse man allgemein 
anerkenne und liebe. 



28) Synes. ep. 49. . . xal öia zfjg ßeotifjiov noii^aswg, eatav 'Ekktjvsq 
(üoif TtoXvg Xvd-Sfjtiog iv xaXq rwv X6yo)v öiaxQißaXq' aXXa ta fihv ^PeDfiaieDV 
Bxelvoq av^oi, av 6h exeivov rö ovofia, vgl. 98. 

27) Vgl. Buch I. cap. 5. Ende. 

*8) vn. I. axsöbv ndvra ry avfißovXy TqwIXov BitQoxrexo, 

29) ep. 26. 73. 90. III. 112. 118. 119. 123. 

^) Socr. vn. I. dßovk(og sitQaxxsv ovöiv «AAa dvexoivovvo TtoXXovg 
x(5v yvü)Qlfji(ov 7t€^l xwv nQaxxBo>v; und <pQovifi(oxaxog xmv xoxe dvS'QCüTtcov 
xal iSoxBi xal fv. 

«) ep. 147. 




200 

Doch mehr als alle schriftlichen Zeugnisse, die, wie wir in Bezug 
auf Rufin und Eutrop sahen, nicht immer die wahre Meinung des 
Schreibers wiedergeben, beweisen uns die Mafsnahmen politischer und 
administrativer 32) Art, welche von Anthemius ausgingen, dafs er ein 
äufserst kluger Kopf und mafsvoller Staatsmann war, dem vor allem darauf 
ankam, das Bestehende zu erhalten, um es dermaleinst ungeschmälert 
in die Hände des heranwachsenden Herrschers legen zu können. Es fiel 
daher für ihn die Wolke der Zwietracht fort, welche sich zwischen 
Honorius und Arcadius geschoben hatte, und an ihrer Stelle trat viel- 
mehr der Gedanke an die Einheit des Reiches wieder hervor; auch 
läfst- sich annehmen, dafs Anthemius trotz der grofsen Spannung, 
welche bisher zwischen den Brüdern geherrscht hatte, dem natürlichen 
Oheim seines Schützlings eine officielle Anzeige von dem Ableben des 
Bruders zugehen liefs. Jedenfalls begann, seitdem auch Stilicho ge- 
fallen, eine engere Verbindung der beiden Reichshälften Platz zu 
greifen, welche darin auch einen offenkundigen Ausdruck erhielt, dafs 
die Hafensperre, welche der ehemalige Gebieter des Westreichs, 
jetzt zwar „Landesfeind" betitelt, gegen alle Provenienzen des Orients 
verordnet hatte, noch vor dem Ende des Jahres 408 aufgehoben und 
damit der Handel zwischen den beiden Reichen wieder freigegeben 
wurde. 33) Die mildere und freundlichere Gesinnung, auf welche Anthemius 
bei diesen Verhandlungen am anderen Hofe stiefs, hatte ihren Grund 
darin, dafs die Feindschaft sich nicht gut auf den Sohn übertragen 
liefs, zu welcher der Vater die Veranlassung gegeben, imd dafs die 
Lage des Honorius immer bedrängter, ja so bedrängt wurde, dafs er 
selbst den oströmischen Minister um Hülfe gegen Alarich bitten mufste.^*) 

Von dieser Seite also hatte das Reich nichts mehr zu fürchten, 
es galt nun aber auch nach Osten und Norden die Augen offen zu 
halten, und da wird uns die wunderbare Mär berichtet, dafs Arcadius 
selbst noch durch das Testament seinen Sohn vor einem Angriff der 
Perser sicherte, indem er durch dasselbe den Perserkönig Yesdejerd 
in eigener Person zum Vormund des Theodosius bestellte, ein Amt, 
das dieser auch gerne angenommen und durch eine Botschaft an den 
Senat in Constantinopel officiell angetreten habe. Diese Nachricht, so 
angenehm-romantisch sie auch ins Ohr klingen mag, darf dennoch 



^^) Vgl. auch die humane Verfügung zur Beschränkung der lästigen Gesandt- 
schaften. Cod. Theod. XII. 12, 14. 

33) VII. 16, I. 10. Dec. 408. Ravenna. Ne rarior sit diversarum mercium 
commeatus. 

^) Zosim. VI. 8. Doch hatte schwerlich Stilicho sie schon erwartet, wie 
Zosim. meint j dazu war die Zeit viel zu kurz zwischen Arcadius und Stilichos Tode. 



20I 

keinen Anspruch auf Glaubwürdigkeit erheben, da es einmal unwahr- 
scheinlich ist, dafs ein römischer Kaiser einen Partherkönig zum Tutor 
seines Sohnes eingesetzt habe, sodann, weil diese Thatsache keinem 
der zeitgenössischen Geschichtsschreiber bekannt ist. Sie taucht viel- 
mehr vereinzelt erst ein Jahrhundert später auf 3*) und ist dann ohne 
Nachdenken in noch späteren Sammelwerken wiederholt und erweitert 
worden. Nur das eine geht aus ihr hervor, was wir auch sonst 
wissen, dafs der unter Arcadius bestehende Friede mit dem östlichen 
Nachbar auch unter Anthemius und Theodosius fortdauerte, welcher 
durch einen lebhaften diplomatischen Verkehr gehegt und gefördert 
wurde. 

Gleich im Anfange der Regentschaft des Anthemius wurde ein 
neuer Handelsvertrag^®) zwischen beiden Reichen geschlossen, dessen 
Vermittler wahrscheinlich der Bischof Maruthas von Mesopotamien 
war und in dem bestimmt wurde, dafs auf persischer Seite Nisibis 
und Artaxata 3^) die Grenzstationen sein sollten, bis zu denen römische 
Kaufleute mit ihren Waren vorgehen dürften, wogegen Callinicum^*) 
auf römischem Gebiete der äufserste Punkt war, bis zu dem die per- 
sischen Händler die Grenze überschreiten durften. Über diese Orte 
hinaus war jedem untersagt Handel zu treiben, damit nicht, wie es im 
Instrument heifst, die Geheimnisse des anderen Reiches erforscht 
würden 3ö), und wer dagegen verstiefs, mufste seinen Fürwitz mit 
dem Verluste der Waren, des gezahlten Geldes und mit Deportation 
büfsen. Nicht minder wurden die Provinzialstatthalter bedroht, durch 
deren Gebiet die Kauf leute zu den verbotenen Gegenden gezogen 
wären; dagegen wurde den Begleftern der persischen Gesandten bis 
zu einem gewissen Grade das Recht zu handeln überall freigegeben. 



35) Procop. de hello Pers. I. i. Diese Nachricht ist von Zonaras XIII. 22. 
Theoph. zu 407 mit der Erweiterung aufgenommen, dafs der König einen gewissen 
Antiochus als seinen Vertreter sendet. Cedren p. 334 endlich weifs sogar, dafs 
dem Yesdejerd bei der Gelegenheit 1000 Pfund Gold als Geschenk übermittelt 
wurden. Doch schon Gibbon VIII. S. 62 bezweifelt diese Erzählungen. Vgl. den 
Erklärungsversuch des Tillem. note i. sur Th6odose II. Sievers a. a. O. Elissen 
der Senat im oslr. Reich S. 37. ist hier unkritisch zu Werke gegangen. 

36) Cod. Justin. IV. 63, 4. Vgl. Socrat. WH. 8. Dazn macht Sozom. IX. 
4, im Anschlufs an die Mitteilung von Stilichos Tod die Bemerkung : tote yovv 
neQoai fihv elg fjidxvv xsxivtjfievoi hxarovrovrovg aitovödq UQoq ^Pwfiaiovg 
sd-evro. Sollten die Perser also doch an einen Einfall gedacht hab,en? 

37) Dafs diese Städte persisch waren, bezeugt Ammian XXV. 9, 9. und 
Socrat. Vn. 18. Vgl. Bekker-Marquardt III. i. S. 206. 

38) Vgl. G. S. 168 ff. 

3>) . . . ultra ea loca , in quibus foederis tempore cum memorata natione 
nobis convenit, nundinas exercere minime oportet, ne alieni regni scrutentur arcana. 



I 



202 

Nicht so ruhig blieb es an der europäischen Nord grenze des 
Reiches jenseits der Donau, wo hunnische Fürsten hausten, zu denen 
auch jener Uldes gehörte, welcher einst dem Gainas den Tod bereitet 
und darauf einen Vertrag mit Arcadius geschlossen hatte. Aufser 
über hunnische Stämme gebot er noch über unterworfene germanische 
Völkerschaften, von denen uns die Skiren und Carpodaken bekannt 
sind 3»»), welche bereits 381 einen Einfall über die Donau gemacht 
hatten, von Theodosius I. aber siegreich zurückgeschlagen waren. Die 
Treue indes, welche Uldes dem verstorbenen Kaiser gelobt hatte, 
dauerte nur so lange, als er die römische Macht fürchtete, und wurde 
ohne Gewissensbisse gebrochen, als Uldes durch die Minderjährigkeit 
des Thronfolgers die Wehrhaftigkeit der Römer beeinträchtigt glaubte. 

Mit einem gewaltigen Heere von Hunnen und Skiren überschritt 
er den Ister und schlug in Nieder-Moesien ein Lager auf.*®) Nachdem er 
die Stadt Castra Martis durch Verrat genommen, machte er von da 
auch in das übrige Thracien Plünderungszüge und wies übermütig 
alle Friedensan erbietungen von römischer Seite zurücL Ja, er ging 
darin soweit, sich vor dem ihm entgegengestellten magister militum per 
Thracias zu vermessen, indem er auf die aufgehende Sonne 
hinwies, es sei ihm leicht die ganze Erde, soweit die Sonne sie be- 
strahle, zu unterjochen, wenn er nur wolle. Diese Uberhebung und 
dieser Stolz des Hunnen einem römischen Feldherm gegenüber wird 
nicht vereinzelt bleiben, sondern im Laufe der Darstellung noch mehr 
zur Erscheinung kommen**), sie beweisen jedenfalls, wie stark jene 
Söhne der Steppe, wie überlegen sie sich den civilisierten Römern 
fühlten, und wenn dieser Krieg vorläufig damit zu enden schien, dafs 
der Barbarenfürst dem Autokrator einen hohen Tribut nach seinem 
Ermessen auferlegte, so mag gleich dabei vorbemerkt werden, dafs 
dies der Demütigungen gröfseste nicht geblieben ist, welche ein 
Hunnenkönig dem Augustus aufzwang. In diesem Falle aber schlug 
noch der Übermut des Uldes zu seinem eigenen Verderben aus, denn 
wenn auch nicht, wie ein frommer Zeitgenosse berichtet, Gottes Hand 
schliefslich die Herzen der Anführer der von Uldes geführten Scharen 
zum Übertritt zu den Römern bewog, sondern ohne Frage das römische 
Geld, welches heimlich an sie gegeben worden war, so ist doch that- 
sächlich, dafs ein grofser Teil der von Uldes zusammengewürfelten 



3^*) Das ist zu schliefsen aus Zosim. IV. 34, wo dieser Einfall 381 erzählt 
wird. Vgl. V. Wietersheim II.*' a. a. O. Pallmann U. S. 112 — 127. 

*°) Sozom. IX. 5, einzige Quelle. 

*^) Vgl. das Gespräch des Friscus mit den weströmischen Gesandten, 
Prise, frgm. 8. 



203 

"Mannschaften es vorzog, seine Dienste dem Kaiser anzutragen, und in 
der That von dem römischen Feldherm als Bundesgenosse aufge- 
nommen wurde. Mit vereinten Kräften wagten sie darauf einen 
AngrüF auf den Rest der hunnischen Macht, die, Uldes an der Spitze, 
das jenseitige Ufer der Donau fliehend zu erreichen suchte. Es gelang 
ihnen ihr Vorhaben durchzufahren, doch ging es dabei nicht ohne 
grofse Verluste ab, und besonders litt das Uldes treu gebliebene 
Skirenvolk bei der Verfolgung, welches langsamer fliehend teils getötet 
teils gefangen genommen wurde. Indes mufs noch eine Anzahl von 
ihnen übrig geblieben oder überhaupt nicht mit ausgezogen sein, da noch 
im Jahre 453 Skiren zusammen mit den Sadagarii und anderen Alanen 
in Klein -Scythien und Unter-Moesien angesiedelt wurden.*^). 

Allein, einen wie günstigen Verlauf auch schliefslich der Krieg 
far Ostrom nahm, er hatte doch von neuem die Rechtssicherheit 
in dieser Provinz erschüttert und die bestehende Ordnung und Gesetz- 
lichkeit in Frage gestellt, denn auch mancher Provinziale hatte dabei 
seinen eigenen Vorteil gesucht, herrenloses Gut sich angeeignet und 
wohl viele Römer und Sklaven, welche als Gefangene von den Hunnen 
weggeschleppt waren, bei deren Flucht erbeutet, und wie es schien, 
nicht übel Lust, sie als seine Arbeiter zu behalten. Dieser Unfug 
nahm eine solche Ausdehnung an, dafs Anthemius dagegen einzu- 
schreiten *3) veranlafst wurde und zwar den Provinzialen gestattete, 
was sie den Barbaren an beweglicher Habe abgenommen hatten, als 
Eigentum zu behalten, dagegen ihnen gebot, die Freien und Sklaven 
ihrem Vaterlande oder ihren Herren wiederzuzuführen. Die Zahl der ge- 
fangenen Skiren aber war so gewaltig, dafs Anthemius sie für eine 
gemeinsame Verwendung im Heer, vielleicht im Rückblick auf den 
Verrat der Greothungen, für zu grofs erachtete**), und nachdem eine 
Menge zu Gunsten der Staatskasse als Sklaven verkauft war, den 
römischen Grofsgrundbesitzern erlaubte, sich aus ihnen Leute zur Be- 
bauung der Äcker unentgeltlich zu entnehmen; doch unter gewissen 
Bedingungen, welche die Vorsicht der Regierung und die Neigung, 
den Germanen keine Gelegenheit wieder zu gemeinsamem Handeln zu 
geben, deutlich kennzeichneten: 

Zunächst sollten diese Arbeiter nicht als Sklaven, sondern als coloni 
angesehen und behandelt werden (d, h. als eine Art Pächter, welche 
zwar mit ihren Nachkommen an die Scholle gebunden waren, dagegen 



*^' Jordan, c. 50. Vgl. Pallmann 11. S. 115. 
*3) Cod. Theod. V. 4, 2. 23. März 409 ; verderbt überliefert. 
**) V. 4, 3. 12. April. Scyras, barbaram nationem, maximis Himnorum, quibus 
se coniunxerant, copiis fusis imperio nostro subegimus. 



204 

auch nicht ohne den Grundbesitz veräufsert werden konnten. Sie 
zahlten ihren festen Pachtzins an den Gutsherrn, wogegen dieser für 
sie die Steuer entrichtete, und wurden vielfach als Rekruten ins Heer 
eingestellt***) Sodann durfte niemand einem anderen die ihm zuge- 
wiesenen Skiren fortschleppen oder auch einen flüchtigen aufnehmen; 

andererseits brauchten die Grundherren ausnahmsweise für diese 

* 

Kolonisten keine Abgabe noch für das von ihnen urbar gemachte Land 
eine Grundsteuer zu entrichten.*^) In die Städte durften sie ein für 
allemal nicht mitgenommen werden, sondern innerhalb der nächsten 
zwei Jahre sollten ihre neuen Herren sie in den überseeischen Teilen 
des Reichs dort als Feldarbeiter verwenden, wo die Getreideverhält- 
nisse eine gröfsere Ansammlung von Arbeitskraft erheischten; später 
sollten sie verpflichtet sein, ihnen beständige Wohnsitze als Kolonisten 
anzuweisen, aber auch dann blieben Thracien und lUyrien wegen der 
Nähe der Heimat ihnen verschlossen.*^^) So wurden dieser Verordnung 
des Anthemius gemäfs die gefangenen Skiren in Asien und anderen 
Provinzen zerstreut als Arbeiter angesiedelt, wie denn ein Zeitgenosse 
eine grofse Zahl von ihnen am Olymp in Bithynien friedlich auf 
Hügeln und in Thälem das Feld bestellen sah**^), für ihn wie gewifs 
für viele andere fromme Gemüter ein deutlicher Fingerzeig, wie 
gut es der Herr mit dem Reiche des jungen Theodosius gleich im 
Anfange seiner Regierung gemeint habe. 

Aber für einen so einsichtsvollen Staatsmann als Anthemius war 
der Einfall des Uldes, wenn er auch siegreich geendet hatte, nur eine 
ernste Mahnung, gegen Norden mehr als je auf der Hut zu sein und 
der Deckung der Donaulinie eine erneute Aufmerksamkeit zuzuwenden. 
Es lagen an dieser von W. nach O. die Landschaften Moesia L, 
Dacia Ripensis, Moesia 11. und Scythia, auf welche die dort stationierten 
Streitkräfte in folgender Weise verteilt waren *8): In Scythia standen 
Garnisonen unter einem Dux in 17 Ortschaften, deren verschiedene 
Namen jedoch bis heute meist noch der endgültigen Festlegung und 
Erklärung harren, so besonders in Noviodunum*^) (vielleicht h. Isakdschi), 



4«a) Walter Gesch. des r. Rechts S. 502 und 503. Vgl. Savigny Zeitschrift 
für gesch. Rechtswissenschaft VI. p. 31 7 ff. Richter Das Wr. Reich S. igoS. 

4fi) Opera autem eorum terrarum domini libera utantur; ac null! subacta 
(seil, arva) peraequationi vel censui subiaceant. 

*^) Der SchluCs der Verfügung ist unverständlich. 

*') Sozom. IK. 5. 

•*) Quelle für das folgende ist Notit. Dign. ed. Seeck cap, XXXVI ; dazu 
Böckings Commentar. 

") S. 449. Vgl. Corp. I. L. m. 2. 6218 und 780. 



205 

Troesmis*^), der Provinzialhauptstadt, (vielleicht gegenüber der Sereth- 
mündung), Axiupolis^^) (dort, wo die Donau zum letztenmal nach 
!N. biegt) ; im ganzen 7 Abteilungen Reiter, 7 Auxiliares, 7 Ufer-Legionen, 
I Kompagnie Marinesoldaten (milites nauclarii) und i Abteilung Flufs- 
schiffe (in dem unsicheren Platypegia).^^) In Moesia II. waren die 
Truppen sogar auf 20 Kastelle verteilt, von denen die bedeutendsten 
Durostorum (j. Dristra*^) und Novae (n. von Nicopolis an der Donau) *^) 
waren. Die Streitkräfte zerfielen hier in 7 Reiterabteilungen, 8 Auxiliares, 
6 Ufer-Legionen, 2 Kompagnien Seesoldaten, und zu ihnen trat eben- 
falls eine Rotille von Flufsschiffen. 

Unter dem dux Daciae Ripensis sodann standen in 21 Ort- 
schaften 9 Reiterabteilungen und 6 Auxiliares nebst einer Kund- 
schaftertruppe (exploratores), 1 1 Ufer-Legionen und 2 Flotillen Kriegs- 
schiflfe; die gröfseren Garnisonen waren Bononia*^*), Dorticum und 
Crebro*ö) (j. Zibru oder Zibriz). Endlich hatte Moesia I. in 16 Orten 
eine Besatzung von 8 Reiterabteilungen, besonders in Viminacium 
(j. Kastolatz)*"?), und 8 Auxiliares, 5 Ufer-Legionen und 3 zum Kund- 
schafterdienste eingeübte Abteilungen und ebenfalls 2 Flotillen in 
Viminacium und Margus (an der Mündung der Morawa.)*^) Es lagen 
somit auf einer Strecke von Singidunum (Belgrad) bis zur Mündung 
der Donau, etwa 150 deutschen Meilen, mehr als 70 befestigte Orte 
mit militärischer Bedeckung entweder an der Donau selbst oder in 
ihrer nächsten Nähe. Gleichwohl hatten die zahlreichen Einfälle, 
welche fast unausgesetzt über den Flufs gemacht wurden, den Beweis 
geliefert, dafs dieser Schutzwall noch keineswegs genügende Sicher- 
heit gegen die nomadenhaften Angreifer verleihe; doch hielt Anthemius 
weniger eine Vermehrung der Truppen für notwendig als vielmehr 
der dort stationierten Donauflotten, indem er wahrscheinlich von der 
Meinung ausging, dafs es hauptsächlich darauf ankomme, die feind- 
lichen Scharen nicht erst übersetzen zu lassen, sondern sie, welche, 



w) S. 451. Kiepert S. 332. 
") Not. Dign. S. 447. 

") s. 455. 

^3) Bekannter ist der Name Silistrija. S. 466. 

**) S. 467. Vgl. Corp. I. L. III. I. 749 — 760. in. 2. 6124 — 6150 : oppidum 
Novae, ubi nunc est Schistow. 

**) S. 493. Vgl. Corp. I. L. in. I. 1641. und III. 2. 6289 — 6296: Bononia 
teste itinerario situm decimo septimo vel decimo octavo a Ratiaria lapide incidit 
in oppidum hodie dictum Widin. 

ß«) S. 494. 

W) S. 479. Vgl. Corp. I. L. in. I. 1646^1659. m. 2. 6300—6301. 

^ S. 483. 



206 

wie die Niederlage der Greathungen durch Theodosius I. bewies s^), in 
der Herstellung von Schiffsmaterial höchst unerfahren waren, schon 
während der Überfahrt selbst mitsamt ihren rohen Flöfsen in den 
Strom zu versenken. Die römischen Schiffe, welche in Aegeta, Ratiaria^o), 
Viminacium, Margus, Novae ®^) oder Durostorum (?) und Platypegia 
ihren Standort hatten, dienten gleich den Flottillen auf dem Rhein 
und der Mosel sowohl zum Beobachten des jenseitigen Ufers und zum 
Auskundschaften als auch zum Übersetzen und zum Kämpfen; die 
ersteren hiefsen angariae (seil, naves), die letzteren iudiciariae.62) 

Die Donauschiffe nun schienen Anthemius für ihren Zweck einmal 
zu gering an Zahl, sodann auch teilweise zu alt zu sein, er liefs des- 
halb von neuem den Etat für sie feststellen und ordnete an ^3), dafs 
für Moesia IL im ganzen 90 Schiffe neu erbaut und 10 alte aus- 
gebessert, "dagegen für den Scythischen Grenzstrich (limes Scythicus) 
wegen der zahlreichen Arme und Windungen des Stromes iio neue 
und 15 alte hergestellt werden sollten. Doch legten die grofsen 
Kosten, welche eine solche Erweiterung des Schif&bestandes verursachen 
mufste, die dahin gehende Beschränkung auf, dafs diese Zahl nicht 
mit einem Male, sondern erst innerhalb sieben Jahre erreicht werden 
sollte, so dafs in Moesien jährlich 4 Kreuzer und 10 Kampfschifife, 
in Scythien 5 Kreuzer und 12 Kampfschiffe neuß gebaut und voll- 
ständig ausgerüstet wurden. Zugleich stellte Anthemius allen hieran 
beteiligten Beamten vom magister militum per Thracias abwärts für 
Nachlässigkeit in der Ausführung die strengsten Strafen in Aussicht 
und verfügte, dafs nur die ausgebesserten Fahrzeuge zur Beschaffung 
der Lebensmittel für die Truppen dienen sollten, während die neuen 
für d^n Kriegsfall unberührt erhalten blieben. Da Anthemius diese 
Anordnungen im Beginn des Jahres 412 traf, so zählte die römische 
Donauflotille, sofern keine Unterbrechung nach seinem Rücktritt ein- 
trat, bis zu Ende 418 für die Strecke von der Mündung des Isker 
bis zu der der Donau nicht weniger als 200 neue Kampfschiffe und 
25 Transportschiffe, eine gewifs hohe Ziffer, wenn man erwägt, dafs 
die weiter stromaufwärts bis Singidunum sich erstreckende Uferlinie 
einen wenn auch geringeren, so doch sicher ausreichenden Bestand 
an Schiffen aufzuweisen hatte. 



M) Zosim. IV. 38 und 39. 

•0) So vermute ich; der Name fehlt S. 107. Vgl. S. 510. Corp. I. L. III. 
I. 1641. III. 2. 6289 — 6296. Ratiaria hodie Ardscher. 

6») S. 103. Vgl. S.469. 

8*) Vgl. den Commentar Gothofr. zu VII. 17, i. 

'3) Cod. Theod. VII. 17, i de lusoriis Danubii. Constanti mag. mil. per 
Thrac. 28. Jan. 412. 



^o7 

War der Thronwechsel ohne jede Störung im Innern verlaufen 
-und es dem Anthemius gelungen, auch einen Angriff der Hunnen und 
Sarbaren siegreich zurückzuweisen, so durfte er frohen Blickes in die 
Zukunft schauen und der Erwartung leben, dafs nichts Trennendes 
zwischen Kaiser und Volk sich schieben werde, es sei denn, dafs eine 
neue religiöse Frage auftauchte und die Gemüter erregte odei ein 
unvorhergesehenes Naturereignis einträte. Indes sollte dennoch ein 
anderer Zwischenfall in Constantinopel dem stellvertretenden Regenten 
nicht erspart bleiben, hervorgerufen durch eine plötzlich auftretende 
Hungersnot^*) Seitdem nämlich durch die Reichsteilung auch 
diejenigen Gebiete, aus denen die grofsen Städte ihren Getreidebedarf 
schöpften, unter die beiden Reichshälften verteilt waren, blieb für den 
Bedarf der Hauptstadt des Ostens, da Thracien und Ulyricum durch 
die fortgesetzten Einfalle daniederlagen, allein Ägypten als Korn- 
kammer übrig. Es kam nun aber bisweilen vor, dafs es in Alexandrien 
an der nötigen Zahl von Schiffen fehlte und über dem Suchen in den 
entlegensten Winkeln der Inseln nach Fahrzeugen die kostbare Zeit und 
besonders die günstige Jahreszeit für die Fahrt verloren ging. Der 
Kurs war zwar durch die Gewohnheit vorgezeichnet, gleichwohl suchte 
bisweilen ein pflichtvergessener Naviculare femliegende Gestade auf, 
verschleuderte die Ware um einen Spottpreis und schützte nachher 
Schiffbruch vor.®*) Eine derartige Verkettung von widrigen Umständen 
war die Veranlassung, dafs die Monate März bis November 408 ver- 
strichen, ohne dafs die gewöhnliche Getreidefracht aus Alexandrien 
in Constantinopel anlangte. Es trat daher trotz aller Bemühungen 
des Anthemius eine Hungersnot ein, welche den an seine Getreide- 
portionen gewöhnten Pöbel so erregte, dafs er seine Wut an den 
leitenden Beamten auszulassen trachtete. Sein zügelloser Zorn richtete 
sich natürlich gegen das Haupt der Stadtverwaltung, den praefectus urbis 
Monaxius, dem auch die Verteilung der Getreidespenden oblag; seine 
Dienstwohnung wurde in Brand gesteckt und sein Kutschwagen von 
der ersten Region ab bis zur Säulenhalle des Domninus geschleppt.^ß) 



^*) Marcell. com. zu 409. Auf dasselbe Ereignis mufs man auch das Chron. 
Pasch, zu 407 Berichtete beziehen. Denn zu 407 kann die Notiz auf keinen 
Fall deshalb gehören, weil der darin genannte Consul Varanes erst 410 dies Amt 
bekleidete. (Vgl. Series Chron. Const.) Eine andere Schwierigkeit liegt in dem 
Namen Monaxius P. U. , welcher sich in dieser Stellung 408 und 409 befand, 
während 410 Isidor auftritt. (Cod. Theod. VlII. 17, 2.) Nun kann sich das Chron. 
Pasch, vielleicht um ein Jahr geirrt haben und statt „Cons. design," kurzweg 
„Consul" gesagt haben. Vgl. TiUem. note 3. 

W) Cod. Theod. XII. 5, 33. Vgl. Cod. Justin. I. 2, 10. 439. 

•*) Chron. Pasch. 



i 



208 

Da traten den Aufruhrern zwei Feldherm entgegen, der designierte 
Consul Varanes und Arsacius*''), und der Finanzminister Synesius*^), 
welchen es endlich durch Verheifsungen und gutes Zureden glückte, 
die aufgeregte Menge zu beschwichtigen und zum Auseinandergehen 
zu bewegen. 

Es gelang dem Stadtpräfecten unter der Beihülfe des Senats, 
die wohl nicht ganz so freiwillig war, als eine Verfügung des Theodosiani- 
schen Gesetzbuches es hinstellt 6»), 500 Pfund Gold (oder 450000 Mk.) 
zur Kehrung der allerdringendsten Not und zur schleunigen Herbei- 
schaffung des Brodkoms zusammenzubringen. Weil aber die Bestech- 
lichkeit und Unehrlichkeit der römischen Beamtenwelt sich bis in die 
höchsten Kreise erstreckte, so ordnete Anthemius an, dafs die Ver- 
rechnung der aufgewandten Geldmittel vor dem Senate geschehe und 
niemand, wer es auch sei, bei Strafe des doppelten Ersatzes eine 
Summe von diesem Gelde zu irgendwelchem vorgeschützten Zwecke 
entnehme ; dagegen wurde es jedem freigestellt, sich auf eigene Hand 
Getreide zu kaufen. Auf diese Weise war Anthemius imstande, dem 
drohenden Unheil eines erneuten Volksaufstandes entgegenzutreten. 

Um aber allen derartigen unvorhergesehenen Zufallen für alle Zeit, 
soweit es überhaupt möglich war, zu begegnen, traf er eine höchst 
wichtige Änderung in Bezug auf den Transport des Getreides nach 
Constantinopel, zu der er sich in Übereinstimmung mit dem kaiser- 
lichen Statthalter in Ägypten und dem Statthalter des Inselbezirks 
(praeses insularum) entschlossen hatte. ''^) Während bis dahin die 
ganze orientalische Schiffergilde (navicularii) , jeder für sich, mit der 
Überführung des Brodkoms betraut und dafür verantwortlich gewesen 
war, wurde nunmehr den Vorstehern (summates) der Getreidefiotten 
in Alexandrien und der Insel Carpathbs, welche etwa auf halbem 
Wege zwischen dieser Stadt und Constantinopel lag, und einigen 
anderen Schiffsherren allein die Überführung in Generalunternehmung 
übertragen, welchen, um ihren Eifer anzuspornen, aufser der seit 334 



^'') Arsacius ist nicht weiter bekannt, da in dem von Gothofr. auf ihn 
bezogenen Gesetze XII. 24, 6, die Codices Tharsacii haben. 

^^) Synesius com. Sacr. Larg. ist uns noch bekannt aus VI. 29, 10 de 
curiosis 412, doch ohne Titel. 

69) XIV. 16, I. 24. April 409. 

'0) XIII. 5, 32. 19. Jan. 409. 

^*) XHI. 5, 7. Vgl. zu dieser ganzen Angelegenheit die eingehende Unter- 
suchung von E. Gebhardt Studien über das Verpflegungswesen von 
Rom und Constantinopel. Dorpat 1881. Diss. 



I 



2og 

üblichen Entschädigung ''2) — für je looo Scheffel Fracht ''3) i aureus 
und 4Ö/0 der Ladung — wegen der Arbeit und des Risicos eine be- 
sondere kleine Vergütigung (mercedula) sei es durch Herabsetzung 
der Staatssteuer oder der sogenannten freiwilligen Spende {iptXtxov) '^^) 
bewilligt wurde. Doch sollte der Schiffbruch nach wie vor streng 
untersucht und dem Ergebnis entsprechend der Schadenersatz auf die 
ganze Gesellschaft nach der jedem zufallenden Last verteilt werden. 

Bei der bewunderungswürdigen Umsicht, welche den Anthemius 
auszeichnete, durfte man voraussetzen, dafs er nicht nur Kriegsstürmen 
und augenblicklichen Gefahren zu begegnen wissen, sondern auch sein 
Auge auf alle Provinzen gerichtet halten werde, um zu helfen, wo unver- 
schuldetes Elend die Bewohner drückte. Die unbeschreibliche Notlage des 
durch die Westgothen verwüsteten Uly riens entging ihm daher nicht, und 
er traf, nachdem die äufseren, näher liegenden Aufgaben erledigt 
waren, energische Anordnungen, um dem arg mitgenommenen Lande zum 
teil wenigstens das alte Aussehen wiederzugeben. Die Mafsregel, 
welche noch von Arcadius herrührte und allen Einwohnern dieser 
Provinz ohne Unterschied des Standes, gleichviel ob Dekurionen oder 
nicht, gebot, den Aufbau der Stadtmauern anzugreifen, nahm Anthemius 
im Jahre 412 wieder auf und schärfte sie von neuem ein.''*) 

Als er sich aber nach Jahresfrist über den Erfolg Bericht erstatten 
liefs und vernahm, dafs sie bisher zu keinem greifbaren Ergebnis ge- 
führt hatte, griff er zu einem den Stempel des Aufserordentlichen an der 
Stirn tragenden Erlasse^*), um dem Notstande ohne Zögern abzuhelfen. 
Während nämlich sonst von Seiten der Regierung in der Behandlung 
der Dekurionenfrage der Grundsatz stets aufrecht erhalten und durch- 
geführt war, um die sich leerenden Curien zu füllen, dafs auch die- 
jenigen Bürger, welche nicht Curialen waren und freiwillig eine 
Curiallast übernahmen, daraufhin diesem Stande eingefügt wurden, 
ging Anthemius, unter der ausdrücklichen Beschränkung auf lUyrien, 
von demselben ab. Er erlaubte denen, welche aus Liebe zur 
Heimat oder aus Neigung zur Freigebigkeit ohne Zwang ent- 

^) Zur Zeit des Justinian wurden jährlich 8 Millionen Scheffel in Con- 
stantinopel eingeführt. Just. Ed. Xm. 7, 8. 

'S) Über diese Spende sucht man bei Elissen a. a. O. vergeblich Auskunft. 
Vgl. Gothofreds Commentar und Hänel in der Note dazu. 

. '^*) Auch ich nehme gegen Gothofr. mit Hänel an, dafs das Gesetz XI. 17, 4. 
an Herculius P. P. Ulyr. von 408 in 412 mit einigen Änderungen des Wortlautes 
wiederholt ist XV. i , 49. Dann gehört jenes noch in die Zeit des Arcadius, 
dessen Name der Aufschrift beizufügen wäre. 

'*) XII. I, 177. Leontio P. P. 111. .. . vastato lUyrico consulentes. Vgl. 
Hertzberg Gesch. Griechenl. seit dem Abst. des antik. Lebens I. S. 83. 

H 



\ 



210 

weder Geld beisteuerten oder selbst eine Arbeit übernähmen, dies 
unbeschadet ihrer Freiheit vom Curialdienst zu thun, indem sie vor 
dem Provinzialstatthalter oder, in seiner Abwesenheit, vor den Duumviri 
oder dem Defensor civitatis eidlich erhärteten, dafs sie dem Dekurionen- 
stande nicht angehörten, und ihnen die Curie umgekehrt verspräche, 
weder sie noch ihre Nachkommen und ihr Vermögen zu Gunsten ihrer 
Körperschaft heranzuziehen. Doch wurde diese Erlaubnis an die 
Bedingung geknüpft, dafs sie die einmal übernommene Arbeit auch 
vollendeten und nicht halb fertig liegen liefsen. Dagegen verwahrte 
sich Anthemius zugleich gegen den sicher zu erwartenden Versuch 
reicher Curialen, welche etwa die Not ihrer Curie benutzend freiwillig 
für andere einspringen wollten, um sich dafür die zukünftige Freiheit 
vom Curialdienst gewährleisten zu lassen. 

So suchte Anthemius nach Kräften dem unglücklichen Lande 
aufzuhelfen; aber er vergafs dabei nicht die Sorge für die Hauptstadt, 
deren Ausschmückung und Befestigung ihm nicht minder am Herzen 
lag. Die Honorianischen Bäder in der fünften Region wurden durch 
einen neuen Porticus verschönert®), doch entschädigte er die durch 
den Abbruch ihrer Häuser getroffenen Privatleute in humaner Weise, 
indem er ihnen gestattete, mit Benutzung des Materials der alten auf 
der neuen Basilika wieder aufzubauen. Sodann vollendete er im Jahre 
413 ein Werk, welches ihm allein ohne seine übrigen Erfolge ein 
langdauerndes Andenken gesichert hätte. Denn auch die neue Mauer, 
welche Constantin der Grofse in einem Umfang von 15 Stadien vom 
goldenen Hom bis zum Zeugma S. Antonii und an der Seeseite bis 
zur Kirche Oeoroxov xov gaßSov aufgeführt hatte '''') , genügte der 
unwiderstehlichen Neigung der Hauptstadt zur Ausdehnung nicht, da 
diese immer nur nach der einen 'Seite geschehen konnte. Es hatte 
sich vielmehr, seitdem Constantinopel fortgesetzt Residenz gewesen 
und zuletzt seit der Reichsteilung ständiger Sitz des oströmischen 
Kaisers geworden war, die Zahl der Bewohner in so gewaltigem Mafse 
vermehrt, dafs der Umfassungsring viel zu eng wurde. Infolge dessen 
liefs Anthemius ihn niederlegen und eine neue Befestigungslinie 
weiter ins Land hinein herstellen, welche noch heutigen Tages, wenn 
auch nicht im Material, so doch in der Richtung und Ausdehnung 
das Stambul der Türken umgiebt. Im Anfang des Jahres 413 konnte 
der umsichtige Staatsmann den Schlufsstein zu diesem verdienstlichen 



in. S.252flF. 



■^6) Cod. Theod. XV. 1,50. Isidoro P. U. 412. 

'') Zosim. II. 30. Vgl. Hertzberg Gesch. Griechenl. unter den Römern 



211 

Werke legen.^*) Wir erfahren das aus einer Verfügung vom 4. April ^®), 
durch welche den Bürgern die auf ihren Grundstücken aufgerichteten 
Mauertürme zur Benutzung, jedoch mit der Verpflichtung die jährlichen 
Ausbesserungskosten zu tragen, überlassen wurden. 

So erfreute sich das oströmische Reich unter der Leitung des 
klugen, fürsorglichen und pflichtgetreuen Anthemius in den sechs 
Jahren seiner Amtsführung einer fast nie unterbrochenen Ruhe im 
Genufse der Segnungen des Friedens, während das weströmische 
Reich inzwischen ein Spielball der germanischen Eindringlinge und 
Usurpatoren war. Die durch die Ermordung des Stilicho ans Ruder 
gekommene Höflings-Partei kennzeichnete sich selbst alsbald durch 
mehrere an den neu ernannten Kanzler Olympias und den Präfekten 
Curtius*®) gerichtete Erlasse, welche allen Nicht-Katholiken die Fähig- 
keit, eine Stellung am Hofe zu bekleiden, absprachen und die strengen 
Verordnungen gegen die andersgläubigen Sektierer wieder zur Nach- 
achtung bekannt machten. Die Früchte dieser Mifswirtschaft, welcher der 
unfähige Honorius keinen Widerstand entgegenzusetzen vermochte, 
blieben auch nicht aus. Zunächst führte die Ermordung der Ange- 
hörigen der römischen Foederaten, welche in einigen Städten unter- 
gebracht waren, diese selbst dem Alarich in die Arme, dessen Heer 
durch sie um 30000 Streiter vermehrt wurde.®*) Trotzdem waren 
seine Forderungen sehr mäfsig: Auszahlung des Restes der ihm noch 
durch Stilicho zugesagten Geldsumme und Stellung von Geiseln, wo- 
gegen er aus Noricum abziehen und sich mit Pannonien begnügen 
wollte.^^) Wäre Honorius auf sie eingegangen, so war der Haupt- 
wunsch der Westgothen, eigne feste Wohnsitze in einer römischen 
Provinz zu gewinnen, erfüllt, und die Hunnen hätten später mit 
einem weniger verächtlichen Gegner als ihnen der römische Kaiser 
erschien, abrechnen müssen, bevor sie auch nach Westen ihre Er- 
oberungen ausdehnten. 

Aber Honorius wie früher ganz dem Stilicho so nun dem Olympius 

'•) Nur Socr. VII. i, berichtet kurz davon ; sowie Corp. Inscrp.Lat.III. 2, 739. 
Fortarum valido firmavit omine muros 
Pusaeus magno non minor Anthemio. 
Vgl. Hammer I. cap. XVI. 

^*) Cod. Th. XV. 1,51. Turres no vi muri, qui ad munitionem splendidissimae 
urbis ezstructus est, completo opere praecipimus eorum usui deputari etc. 

*>) XVI. 5, 42 Olympio mag. ofllic. et Vaknti com. domest. XVI. 5, 43 
und XVI. 10, 19. Curtio P. P. Novemb. 408. 

"*) Zosim. V. 35. Aschbach S. 80. DahnS.44. Kaufmann S. 322. Pallmannl. 
S. 295 ff. 

•*) Zosim. V. 36. Socr. VII, 10. und Sozom. IX. 6, behandeln diese Er- 
eignisse nur Überhin. 

14* 



212 

in allem vertrauend wies hochmütig diese bescheidenen Ansprüche 
zurück, ohne zugleich Vorbereitungen zur Abwehr des Gegners zu 
treffen. Der Westgothenkönig setzte sich daher, um den Kaiser zum 
Frieden auf seine Bedingungen hin zu zwingen, über Aquileia, Altinum, 
Cremona auf Rom zu in Bewegung, überschritt den Po und näherte 
sich, Ravenna zur Seite liegen lassend, über Ariminum und Picenum 
der ehrwürdigen. Weltbeherrscherin.S3) Er kannte das wirksamste Mittel, 
eine so volkreiche Stadt zur Ergebung zu zwingen, umschlofs sie und 
schnitt ihr jegliche Zufuhr ab 84), bis der Senat durch die ausbrechende 
Hungersnot und Pest in die Enge getrieben Gesandte an ihn schickte, 
welche, nachdem ihre unberechtigte Einbildung durch Alarichs stolze 
Antwort gedemütigt war, kleinlaut geworden seine harten Forderungen 
den geängstigten Bewohnern mitteilten.s^) Da feierte der heidnische 
Aberglaube zum letzteninale einen schnell vorübergehenden Triumph 8«), 
und dann blieb nichts übrig, als auf die von Alarich erheblich herab- 
gestimmten Bedingungen widerstandslos einzugehen : 5000 Pfund Gold 
(4 500 000 Mk.), 3000 Pfund Silber (240 ooo Mk.), 4000 seidene Gewänder 
und 3000 purpurne Felle und 3000 Pfund Pfeffer.^') Dieser Vertrag 
Wurde zwar von Honorius bestätigt, aber, da er im festen Ravenna 
von seiner Umgebung über die wahre Sachlage in Italien fortwährend 
getäuscht wurde, wollte er von einem Frieden mit Alarich nichts 
wissen. Er rief vielmehr eine Kerntruppe von 6000 Mannas), welche 
noch in Dalmatien stand, herbei, obwohl er sich hätte sagen können, 
dafs sie auf jeden Fall den Gothen in die Hände fallen mufste, 
welche gerade damals durch Athaulf, einen nahen Verwandten 
des Westgothenkönigs , aus Pannonien gothisch-hunnischen Zuzug 
erhielten. 8®) 

Gleichwohl und obgleich Olympius von seinen eignen Kreaturen 
gestürzt wurde, liefs Honorius eine zweite römische Gesandtschaft 
und auch den Bischof Innocenz, welche ihm den Frieden anrieten^**), 
ohne Erfolg wieder abziehen. Erst durch den praefecten praetorio 
Jovius bahnte sich eine, wie es schien, hoffnungsvolle Annäherung 



83) Zosim. V. 37. 

") c. 39. 

^) c. 40. 

**) c. 41. Völlig übereinstimmend Sozom. IX. 6. 

*') Ebend. vgl. Dahn S. 45. Kaufmann S. 324 über die Mäfsigkeit der 
Forderung, v. Wietersheim II. S. 147. 

8«) c. 45. 

**) c. 37. Vgl. Marc. Com. zu 410. Jordan, c. 30. Olymp, frgm. lO. 
Oros. VII. 40. KÖpke S. 130. Dahn S. 55. Kaufmann S. 323. Pallmann S. 301. 

^) Zosim. V, 44. Sozom. IX. 7. Vgl. Dahn S. 46. 



i 



213 

zwischen Kaiser und Westgothenkönig an, die aber im letzten Augen- 
blicke nicht daran scheiterte, dafs Alarich die Provinzen Venetien, 
Noricum, Dalmatien für seine nach ruhigen Sitzen sich sehnenden 
Volksgenossen forderte, sondern daran ®i), dafs Honorius dem Könige 
die Würde eines magister militum, welche er im oströmischen Reich 
aller Wahrscheinlichkeit nach bereits längst bekleidete, entschieden 
abschlug. 

Aber Alarich, wenn auch im Anfang über diese Beleidigung 
aufs äufserste erzürnt, sah doch bald darauf von seiner Person ab 
und nur das von seinem Volke gewünschte Ziel im Auge behaltend 
stand er von der Bewilligung jener Würde ganz ab und wollte sich 
sogar mit Noricum, dem zwischen Passau und Wien von der Donau 
und im Süden von Drau und Sau begrenzten Lande, begnügen.^^) 
Doch die Verblendung des Honorius liefs ihn auch diese billigen 
Bedingungen verwerfen, so daft Alarich zum letzten schreitend 
Rom von neuem bedrohte ®3) und durch die Einnahme des Hafens 
den Senat zu seinem willenlosen Werkzeug machte. Dieser erhob 
auf seinen Befehl den bisherigen heidnischen und jetzt zum Arianismus 
übergetretenen Stadtpräfekten Attalus®*) zum Gegenkaiser, welcher 
sogleich an Alarich die ihm von Honorius verweigerte Würde sowie 
dem Athaulf die des Befehlshabers seiner Leibwache (comes domesti- 
corum) erteilte.^^) Diese Nachricht raubte dem unwürdigen Beherrscher 
des Westreichs den letzten Rest persönlichen Mutes und der Über- 
legung, so dafs er bereits entschlossen war, sein Reich im Stiche zu 
lassen und sich auf den in Ravenna bereit gehaltenen Fahrzeugen 
nach Constantinopel einzuschiffen. Da langten endlich die sehnlichst 
erwarteten Hülfstruppen des Orients , welche Anthemius dem Oheim 
seines jugendlichen Herrn nicht abschlagen zu dürfen glaubte, im 
Hafen an, und wenn sie auch nur 40CX) Mann stark waren®*), so be- 
lebten sie den gesunkenen Mut des weströmischen Hofes doch zu 
neuem Ausharren. 

Und in der That trat ein Umschwung der Verhältnisse zum 



**) Zosim. c. 48 — 49. Sozom. a. a. O. 

9») Zosim. c. 50—51. *3) VI, c. 6. Sozom. IX. 8. 

ö^) Zosim. c. 7. Olymp. 13. Vgl. Prosp. Aquit. 409. v. Wietersheim S. 150. 
Dahn S. 49. Doch ist nicht einzusehen, warum 409, wieDahn will, nichtin Rom der 
Heide Attalus P. U. sein konnte, hatte doch im O.-Reich erst kürzlich Optatus, ein 
Heide, diese Würde bekleidet und war doch Generidus im W. (Zosim V. 46) trotz 
seines offenbaren Heidentums zum Oberbefehlshaber ernannt worden. Vgl, 
PhUost. XII. 3. 

9«) Vgl. Dahn S. 96. 

.98) Zosim. VI. 8, 



214 

Bessern ein, denn Attalus, welcher Alarich gegenüber keineswegs die 
Rolle eines Werkzeuges ohne eignen Willen zu spielen beabsichtigte, 
geriet mit diesem in Veranlassung der Absendung eines barbarischen 
Heerführers zur Eroberung des von Heraclian zu Gunsten des Honorius 
verteidigten Africas in Streit •'') und wurde von ihm seiner kaiserlichen 
Würde entsetzt, um dadurch den sehnlichst gewünschten Frieden 
mit Honorius zu ermöglichen. Von diesem plötzlichen Ereignis war 
dem Anthemius wegen der mangelhaften Verbindung zwischen den 
beiden Reichen so bald nichts zu Ohren gekommen, denn noch am 
24. April 410 verfügte er auf Grund einer Abmachung zwischen ihm 
und Honorius wegen der in Italien und Gallien auftauchenden Usur- 
patoren an alle Präfekten, dafs alle Häfen, Gestade, Inseln und abge- 
legenen Gegenden sorgfaltig überwacht würden, damit niemand heim- 
lich oder offen ins Reich einbrechen könne. Nur diejenigen seien 
ausnahmsweise zuzulassen, welche einen Brief vom Oheim des jungen 
Kaisers Theodosius an ihn selbst vorzeigen könnten. Wenn dagegen 
ein Schiffer vorgäbe, er habe an diesen von irgend einem anderen 
ein Schreiben abzugeben, so solle derselbe nicht zugelassen, sondern 
der Brief erst dem Anthemius vorgelegt werden.**) 

Inzwischen aber griff Alarich zu dem seiner Meinung nach wirk- 
samsten und letzten Mittel, den Honorius zur Einwilligung in seine 
Wünsche zu bewegen, und beschlofs über Rom die Schrecknisse einer 
feindlichen Eroberung zu verhängen. Nach kurzer Einschliefsung 
nahm er die Stadt am 24. August 410®®) ein und überliefs sie drei 
Tage lang der Habgier und den Leidenschaften seiner barbarischen 
Krieger, deren Wildheit jedoch in so bemerkenswerter Weise durch 
die besänftigende Gewalt des Christentums gedämpft wurde, dafs her- 
vorragende Vertreter des katholischen Bekenntnisses die Mäfsigung 
der Gothen nicht genug zu rühmen wufsten.^^^) Aber die Erhaltung 
der Stadt wie schliefslich auch des Heeres war abhängig von dem 
Besitze der reichen Komerträgnisse Africas; daher zog Alarich bald 
von Rom ab und durch Campaniens üppige Gefilde und Lucanien 
nach Bruttien, um von dort nach Africa überzusetzen. Indes auch 
hier erwies sich von neuem die barbarische Unsicherheit in der Schiffs- 



^ c. 12. Sozom. IX. 9. Phllost. XII. 3. Orosius VII. 42. 

w) Cod. Theod. VII. 16, 2. 24. April 410. 

••) Oros. Vit. 39. Theophanes 24. Aug. Cedren 26. Aug. Prosp. Aquit. 
Marcell. Com. geben das Jahr. (Historia miscella XIII. 23. Aug.) c. 4. Köpke 
S. 127. Pallmann S. 3ioflf. v. Wietersheim S. 152. 

100) Oros. VII. 40. August de civit. dei I. c. 4 und 7. ; III. 29. Vgl. Hieronym. 
ep. 127, 12 und 128, 4. Procop. de hello Vand. I, 2. Vgl. v. Wietersheim S. 153. 



215 

künde, welche so oft den Römern über sie den Sieg verliehen hatte, 
und die reifsende Strömung der Meerenge von Messina machte den 
Versuch zu schänden. ^^^) Alle übrigen Unternehmungen gerieten 
jedoch erst recht ins Stocken, als der Westgothenkönig in der Blüte: 
der Jahre durch eine tückische Krankheit dahingerajQft wurde. 

Sein Nachfolger Athaülf versuchte ebenso vergeblich in zwei- 
jährigem Hin- und Herziehen ^02) in Italien den Honorius zur end- 
giltigen Abtretung einer römischen Provinz zu bewegen, bis er sich 
entschlofs, jenseits der Alpen in dem durch die Wirren, welche die 
Erhebung des Constantin und anderer Tyrannen sowie die Ver- 
einigung der verzweifelten gallischen Bauern, der Bagauden, herbei- 
geführt hatten, arg mitgenommenen Gallien seinen Volksgenossen die 
festen Sitze zu suchen. Er vermählte sich, um diesem Vorhaben den 
Stempel einer Versöhnung zwischen Gothen und Römern zu verleiben, 
in Narbonne ganz nach römischem Ritus mit der seit 408 bereits in 

den Händen der Gothen befindlichen Stiefschwester des Honorius, 
der Placidia.V02a) 

Die Nachrichten von allen diesen Ereignissen langten allerdings stets 
erst spät zu der Hauptstadt des östlichen Reiches, doch läfst sich 
denken, dafs man hier mit der höchsten Spannung die Wechselfalle 
im Occident verfolgte, um so mehr als Anthemius durch den flüchtigen 
Lagodius*®^)^ einen von den entfernteren Verwandten Theodosius des 
Grofsen in Spanien, auch von der Eroberung dieser Provinz durch den 
Constantin und durch Sabinus, den verwegenen Schwiegersohn des 
Heraclian, von dessen unglücklichem Angriff auf Rom 413^®*) erfahren 
hatte. Doch genügt der Überblick über diesen Zeitabschnitt vom Tode 
des Stilicho bis zur Vermählung der Placidia, um den gewaltigen 
Umschwung in dem Verhältnis der beiden Reichshälften zu einander 
zu erkennen, denn an die Stelle der Zwietracht und Gleichgültig- 
keit ist eine nicht nur ideelle, sondern auch* thatsächliche Teilnahme 
getreten, welche sich in den Verfügungen und der Hülfesendung des 
Anthemius deutlich ausprägt. Das Verdienst aber, diesen erfreulichen 
Wechsel herbeigeführt zu haben, gebührt einzig und allein dem 
Präfekten Anthemius, der hierdurch nicht minder wie durch seine 
Beruhigung der Grenzen, die Herstellung guter Beziehungen zu den 



*o*) Jord. c. 30. 

102) Vgl. Aschbach S. 93—102. Dahn S. 55 — 61. Köpke S. 130 — 133. 
Kaufmann S. 334 — 337. 

102 a) Olymp, frgm. 24. Oros. VII. 43. Vgl. Sievers S. 439. 

^) Zosim. VI. 4. 

io4) Oros. VII. 42, 14. (MarceÜ. Com.) Prosp. Aquit. 



2l6 

Nachbarvölkern und die Anordnungen der inneren Verwaltung 
mit Recht den Namen „des Grofsen"*^*) sich erworben hat, welcher 
ihm zw^r nicht von dem befreundeten, gleichgesinnten Synesius, wohl 
aber auf einer späteren Inschrift beigelegt worden ist 

Dagegen müssen die Klagen über Mängel ^^) in der Verwaltung 
der Ämter durch die Beamten bescheiden in den Hintergrund treten, 
denn hier überall zu bessern war selbst einem Theodosius I. keineswegs 
geglückt So waren denn die sechs Jahre der Präfektur des Anthemius 
eine Zeit fast ungestörter Ruhe und gedeihlichen Friedens für das 
oströmische Reich gewesen, für welches es sicher zu bedauern ist, 
dafs das allmähliche Heranwachsen der ältesten Tochter des Arcadius 
verbunden mit nicht weiter bekannten Hofränken im Laufe des 
Jahres 414 den Rücktritt des hochverdienten Mannes herbeiführte. 
Eine seiner letzten und jedenfalls wichtigsten Verfügungen i®'') war 
ein weitgehender Steuererlafs, weichen die Notlage fast aller 
Provinzen infolge der vorangegangenen Wirren und Verwüstungen nötig 
machte und wie ihn Honorius im Westreich seit 401 mehrfach hatte 
vornehmen müssen. ^<^8) Den Bewohnern aller Teile des Orients mit 
Ausnahme des reicheren Ägyptens wurden sämtliche Steuerrückstände 
jeder Art wie Naturalien, Erz, Geld, Gold oder Silber vom Jahre 368 
bis 407 ein für allemal erlassen und zwar nicht blos den Curien 
insgemein, sondern auch dem einzelnen Bürger. ^®®) Nicht in diese 
Segnung wurden eingeschlossen wegen der zunehmenden Verschwendung 
in den Prachtbauten die Schuldner der drei Marmorbrüche bei 
Docimenum in Phrygien, Proconesus an der Propontis und in Troas. 



106) Vgl. Synes. ep. 73. und C. I. L. III. 2. 739. 
*<*) Synes. ep. 100, 118, 119. 

107) Cod. Th. XI. 28, 9. 414 9. April, 
w») Cod. Theod. XI. 28. 3—8. 

^ . . . Omnium generalium titulorum sub aequa lance tarn curiis quam 
coUatori privato et patrimoniali, divinae quin etiam domui omnique iuri munifico 
nee non et cellariis praeter trium metallorum debitoribus Docimeni, Proconensis 
et Troadensis, concessimus reliqua, sive species sive aes, pecunia, aurum argen- 
tumque debetur etc. 



217 



Zweites Kapitel. 

Pulcheria beginnt teil zu nehmen an der Erziehung der Geschwister und an den 
Staatsgeschäften. — Ihr Character. — Sie nimmt den Titel „Augusta" an. — 
Aurelianus zum zweiten Male Praefectus praetorio. — Pulcheria beschliefst Jung- 
frau zu bleiben. — Ebenbürtigkeit der Ehen kaiserlicher Prinzessinnen. — Der 
Bischof Atticus von Constantinopel; — Echt religiöser Sinn der Töchter des 
Arcadius. — Die Ausbildung Theodosius II. — Bischof Cyrill von Alexandrien. 

— Die jüdische Gemeinde in Alexandrien. — Streit zwischen Juden und Christen. 

— Orestes, praefectus Augustalis, und Hierax. — Nächtliche Ermordung der 
Christen. — Cyrill vertreibt die Juden aus der Stadt. — Die Mönche von Nitria 
in Alexandrien. — Das Heidentum in Ägypten. — Der Mathematiker Theon 
und seine Tochter Hypatia. — Ihre Studien, Sinnesart und Schönheit. — 
Ihr Einflufs in Alexandrien und Verhältnis zu Orest. — Verschwörung der 
Parabolanen. — Ihre Ermordung März 415. — Ergebnis der Untersuchung durch 
Aedesius. — Andere Ereignisse aus den ersten Jahren der Regierung Pulcherias. 

Bei der völligen Verwaistheit, in welche die Kinder des Arcadius 
durch seinen Tod versetzt wurden, war es natürlich, dafs die älteste 
Tochter am ehesten ihre gemeinsame Lage erkannte und sich dann 
berufen fühlte, an den Geschwistern die bis dahin vermifste Mutter- 
pflege auszuüben. Pulcheria empfand und erfafste diesen Beruf um so 
früher, als ihr von Natur ein sich schnell entwickelnder Geist verliehen 
var, welcher sie nicht nur befähigte, die Herrschaft über Bruder und 
Schwestern, sondern auch viele Jahre lang über das ganze Ostreich 
zu führen. Aus allem, was wir von ihr erfahren, leuchtet ein ernster, 
mehr männlicher Sinn hervor, welcher neben der geistlichen Beschäftigung 
nur Befriedigung in den Sorgen und Fragen der Staatsverwaltung 
fand; aufserdem aber eine gewisse Herrschsucht, der es schwer wurde, 
die erste Stelle zu Gunsten einer anderen aufzugeben; doch wurde 
dieser harte Zug ihres Gemütes durch die echt weibliche Bethätigung 
des Wohlthuns erheblich gemildert. Wann aber der Zeitpunkt ihrer 
geistigen Reife eintrat und sie das hohe Amt einer Stellvertreterin 
der Mutter auf sich nahm, läfst sich nicht mit Bestimmtheit feststellen 1) ; 



^) Sozom. , welcher den Namen des Anthemius und Troilus nicht kannte, 
ist hinwiderum über Pulcherias Thätigkeit des Lobes voll, während er anderer- 
seits die Eudoxia nicht erwähnt, von der Socrates einiges berichtet. Ebendieser 
Sozom. erzählt IX. i., dafs P. die Herrschaft bereits fährte ovTCOf Ttivts xal 6i- 
xaxov ixoq ayovoa. Das wäre das Jahr 412, zu welcher Theophanes die 
merkwürdige Notiz hat, di9i.hjivtLoxoq o ne^oijg ixno&wv yeyove xal fxaxccQKOtarij 
HovXxsgla rsXelcaq t(Sv ngayfiaxiov ixgctti^aev. Zu der Persönlichkeit dieses 
Antiochus vgl. Theophanus zu 400., Cedren p. 335. Job. Malal. lib. XIV. Auch 
nennt Zonaras XIII. 35 als den ersten der Eunuchen des Theodosius einen 
Antiochus, auf den sich wahrscheinlich Synes. ep. iio bezieht, wo von einem 



2l8 

es scheint jedoch, als ob sie bereits in ihrem 14. Lebensjahre anfing, 
selbstständig zu werden und auf die Staatsangelegenheiten Einflufs zu 
gewinnen. Bis dahin ist sie gewifs dem öffentlichen Leben sowohl 
wie der Erziehung ihres Bruders Theodosius fem geblieben, welche 
bis zum Jahre 412 der Oberstkämmerer Antiochus, ein Perser, in 
Händen hatte. 

Man kann sich denken, dafs die stolze und emporstrebende 
Tochter des Arcadius, welche offenbar in Bezug auf den Geist die 
Erbschaft der Mutter angetreten hatte, wie sehr sie auch in Anthemius 
den hochverdienten und genialen Staatsmann verehren mochte, doch 
im geheimen sich sagte, dafs es nur zuletzt ein Unterthan sei, welcher 
die Leitung des ganzen Landes in sich vereinige, während sie es für 
angemessener hielt, dafs, wenn nicht Theodosius selbst, so doch das 
älteste Familienglied an seiner Statt regiere. Ob auch Einflüsterungen 
anderer Art hinzugekommen sind, läfst sich voraussetzen, allein es ist 
uns nichts davon bekannt; die Herrschaft Pulcherias tritt vielmehr 
fast ganz unvermittelt in den Vordergrund und, wahrscheinlich gleich- 
zeitig damit, Anthemius in den Hintergrund.^) Da ist es nun höchst 
bedauerlich, dafs wir in keiner Weise über die weiteren Schicksale 
dieses einzigen Mannes und über die Dankbarkeit oder Undankbarkeit 
des Hofes irgend einen Anhalt besitzen. Jedenfalls legte er, wenn 
auch äufserlich freiwillig, im letzten Grunde doch durch den Drang 
der Ereignisse genötigt sein Amt nieder; denn, wenn wir nicht die 
Herrschsucht der Pulcheria als erwiesen annehmen, so bleibt unerfind- 
lich, warum Anthemius nicht noch so lange im Amte verblieb, bis 
Theodosius mit fünfzehn Jahren die Mündigkeit erreicht hatte, was 
bereits zwei Jahre später der Fall war. Entgegen der bisherigen 
Gewohnheit, soweit man von einer solchen in der römischen Kaiser- 
geschichte sprechen kann, nach welcher sonst nur die Gemahlinnen 



A. TiQoxoiXoq (Siev. ngoxOLXoq) die Rede ist, der beim Kaiser alles kann, was 
er will. Es mufs aber dieser Ant. von demjenigen, der nach Theoph. zu 436 
(vgl. Cedren p. 336) vom praepositus und patricius zum Mönch degradiert wurde, 
verschieden sein, da Bic no6* ysy» auf j^den Fall das Ende seiner Machtstellung 
bedeutet. 

2) Nach Cod. Theod. VIII. 4, 26 wäre Anthemius noch am 17. Febr. 415 
im Amte gewesen, dem gegenüber steht die bestimmte Nachricht des Chron. Pasch., 
nach der Aurelianus schon 414 ausdrücklich als zum zweiten Male praefectus 
praet. und als patricius genannt wird. Man mufs sich wohl für das Chron. Pasch, 
erklären, weil dieses über die Orient. Verhältnisse (immer) gut unterrichtet ist« 
AuTserdem kann die Datierung des obigen Gesetzes leicht verschrieben sein, da 
Honorius und Theodosius cons. waren, was auch 412 der Fall war. Vgl« 
Sievers S. 426. 



219 

der Kaiser den höchsten Titel der „Augusta" erhielten, nahm ihn 
Pulcheria, nur die Tochter eines Kaisers, bereits mit fünfzehn Jahren 
am 4. Juli 414*) unter grofsen Feierlichkeiten an, obwohl ihr gewifs 
nicht unklar geblieben war, dafs, falls ihr Bruder zum Zwecke der 
Fortpflanzung des Theodosianischen Herrscherhauses sich später ver* 
heiraten würde, der zukünftigen Gemahlin desselben die gleiche Aus- 
zeichnung zu teil werden mufste. 

Der Regierungsantritt Pulcherias bedeutete nur einen Personen» 
nicht einen Systemwechsel, denn an die Stelle des schwer zu ersetzen- 
den Anthemius trat ein nicht minder tüchtiger Beamter, derselbe 
Aurelianus, welcher zur Zeit des Aufstandes des Gainas Praefectus 
praetorio und Consul und nach der Niederwerfung des Typhös aus 
der Verbannung zurückgekehrt war, von dem sein Schützling Synesius 
am Ende der Allegorie „die Ägypter" sagt, dafs er „als Greis ruhm- 
voller denn als Jüngling war und von den Göttern der Ehre gewürdigt 
wurde nach höherer Losung den Staat zu verwalten" — Worte*), 
welche nur dann einen Sinn haben, wenn man sie auf diese zweite Amts- 
führung des Patricius Aurelianus bezieht, welche er durch eine ehrfurchts- 
volle Stiftung der Brustbilder der regierenden Häupter des römischen 
Reichs: Honorius, Theodosius und Pulcheria für den Senat feierlich 
antrat*) Doch war seine Thätigkeit nicht von der langen Dauer 



^ Den Tag giebt auch Chron. Pasch.; nur das Jahr, Marceil. Com. Vgl. 
Philost. XII. 7. und Cod. Theod. XIII. I, 21. 418. domina ac venerabilis Augusta 
Pulcheria germana nostra, während die übrigen Schwestern nobilissimae sorores 
heifsen. Ihre Münzen bei Eckhel Doctr. num. VIII. S. 192 und 193. 

*) II. c. 5. 401 stand Aurelian nach desselben Synesius Darstellung in 
der Blüte seiner Jahre und konnte unmöglich schon „Greis" genannt werden, 
das pafst nur auf die Jahre 415 und 416. Auch sind die folgenden Worte des 
c. 5 von den Vermittlem, welche den Staat reinigten, bevor Aurelianus wieder 
auftrat, nur so zu verstehen, dafs zwischen der ersten und zweiten Praefectur 
des Osiris Männer den Staat leiteten, welche nicht so ausgesprochene Gegner 
der Germanen im Reich waren. Bei dieser Annahme gehören die Briefe des 
Synesius 31, 34 und 38 ebenfalls in die Zeit der 2. Praefectur, deren Inhalt auf 
eine hohe Stellung des Aurelian hindeutet. Dann erklären sich auch die Worte 
in ep. 31. danatflfiai Sia t^g aefivoxattiq ipwvijg xov naxQoq xbv viov TavQov 
xaq dya&ag ^Pcofialcov ikniöaq^ den Synesius gewifs bei seinem Aufenthalt in 
Constantinopel als Kind gesehen hatte. Wir hätten damit überdies noch ein 
Lebenszeichen von dem vielgenannten Philosophen und Bischof aus dem Jahre 

415 oder 416, welches der allgemeinen Annahme, dafs er schon 413 gestorben 
sei, entgegentritt. Vgl. Volkmann S3mes. v. Kyrene a. E. Aurelian erscheint 
zuerst als praef, pr. II. Cod. Theod. 415 (doch vgl. Anm. 2). IX. 28, 2, zuletzt 

416 12. Dec. XVI. 10,21. Sein Sohn Taurus (Oros) war in dems. Jahre Com. 
R. P. VI. 30, 21. 

*) 30. Dec. 414. Chron. Pasch, 



220 

seines Vorgängers, denn schön nach zwei Jahren sehen wir andere 
in seinem Amte; Pulcherias Wirksamkeit dagegen hat mit kurzer 
Unterbrechung ihr ganzes Leben hindurch nicht aufgehört und ist 
deshalb von der einschneidendsten Bedeutung für das ganze oströmische 
Reich gewesen. 

Ihr Einflufs aber erstreckte sich naturgemäfs besonders auf die 
Erziehung ihrer jüngeren Geschwister, und man mufs gestehen, dafs, 
was Theodosius anbetrifit, sie aus ihm gemacht hat, was aus einem 
Sohne des Arcadius werden konnte, der des Vaters wenig empfanglichen 
Sinn geerbt hatte. Zunächst zeichnete sie sich allmählich immer 
selbstständiger werdend mit fester Entschliefsung das Ziel ihres Lebens 
vor, welches in nichts Geringerem bestand als in der Entsagung der 
Freuden und Leiden, welche die Vermählung mit sich bringt*) Fromme 
Gemüter erblickten in diesem Gelöbnis ewiger Jungfräulichkeit nur 
die Liebe zum Bruder und den leicht erklärlichen Ausflufs jener 
strengen Frömmigkeit, welche seit dem grofsen Theodosius ein Ver- 
mächtnis seiner Nachfolger wurde ; profane Geschichtsschreiber werden 
aber auch nachforschen, ob nicht noch andere Gründe die Augusta 
zu ihrer Entscheidung bewogen haben. Das Nächstliegende dürfte 
wohl die Frage der Ebenbürtigkeit sein, welche für eine Vermählung 
der Pulcheria in Betracht gekommen wäre. Denn ebensowenig, wie 
es nach unserer oben ausgesprochenen Ansicht für die Kaiser und 
Prinzen selbst keine der fürstlichen Abstammung nach gleichbürtige 
Frauen gab, hatten die kaiserlichen Prinzessinnen eine Auswahl; 
allerdings hatte Theodosius L die Serena mit dem General Stilicho 
vermählt, aber einmal war die Dynastie damals erst im Werden und 
sollte dadurch gestützt werden, andererseits konnte grade das Ende 
Stilichos, der auch nach Anschauung des oströmischen Hofes heim- 
lich die Absichten eines Thronräubers verfolgt hatte, nur abschreckend 
wirken, abgesehen davon, dafs Serena nicht einmal königlichen Blutes 
und nur Adoptivtochter des grofsen Kaisers gewesen war. Sodann 
hatte Pulcheria den Sinn des Bruders genugsam erkannt, um sich 
neben ihm im Besitze der Regierungsgewalt hinreichend sicher zu 
fühlen, und das Gespenst einer herrschsüchtigen Schwägerin schreckte 
sie nicht, da ihr voraussichtlich die Wahl derselben überlassen blieb. 
Und dafs in der That neben den geistlichen Gründen auch der 
Gedanke an den Genufs der höchsten Gewalt auf sie bestimmend 
einwirkte, beweist am besten, dafs sie ihr mehrere Jahrzehnte hindurch 
gehaltenes Gelübde, wenn auch nicht thatsächlich, so doch ideell noch 



ö Sozom. IX. I. Ihm nach erzählt Suidas v, üovXxsgla, 



221 

am Ende ihres Lebens im einundfunfzigsten Jahre brach und sich 
dem General Marcianus vermählte?), als es sich darum handelte, ob 
sie nach dem Tode des Bruders ganz auf die Herrschaft verzichten 
und sie einem thatkräftigen Manne überlassen wollte. Zuletzt mag 
auch, wie ein ihr nahestehender Geisdicher behauptet®), die Erwägung 
mit dazu beigetragen haben, dafs infolge ihrer Verheiratung der Friede 
in der Familie und am Hofe durch ein fremdes Element gestört 
werden möchte, doch entscheidend war gewifs das andere. 

Für die Geschwister freilich war ihr Gelübde, welchem sie durch 
die darauf bezügliche Widmung eines mit Gold und Edelsteinen 
geschmückten, kostbaren Tisches an die Hauptkirche zu Constantinopel 
ein offenkundiges Gepräge verlieh, auf jeden Fall eine unschätzbare Wohl- 
that, da es ihr ermöglichte, ihre ganze Kraft und Liebe diesen allein 
zuzuwenden. In der Ausübung dieses schweren Berufes aber stand 
ihr getreulich ein Mann zur seite, dessen Stellung eine nähere Be- 
ziehung zur kaiserlichen Familie an und für sich mit sich brachte, 
der Bischof der Hauptstadt Atticus.^) Im Jahre 406 war er dem 
bereits 405 gestorbenen Arsacius auf dem Patriarchenstuhle gefolgt, 
welchem er zu nicht geringer Zierde gereicht hat Geboren in Sebastia 
(Armenien) und hervorgegangen aus einem Kloster der Macedonianischen 
Secte war er als Mann erst zum katholischen Bekenntnis übergetreten 
und als Presbyter der grofsen Kirche in Constantinopel ein Gegner 
des Johannes Chrysostomus gewesen. Er wird uns als sehr religiös 
und mit natürlicher Klugheit begabt geschildert, während seine Predigten 
im Gegensatz zu der Beredtsamkeit des Johannes nur mittelmäfsig 
waren. Dagegen wufste er durch ein gewandtes , zur Zeit mildes, 
zeitweise strenges Benehmen besonders die Sektierer für sich einzunehmen, 
während er sich durch das Studium der heiligen Schrift und seine 
Pflichttreue die Herzen seiner Gemeinde gewann. Mit den Töchtern 
des Arcadius, die er in den Heilswahrheiten des christlichen Glaubens 
unterwies, trat er bald in ein engeres Verhältnis, wobei ihm ein etwas 
hofmännisches Wesen vorzüglich zu statten kam.^®) Die kindlichen 
Gemüter der Prinzessinnen, welche in ihm infolge seiner wunderbaren 
Heilung eines gichtbrüchigen Israeliten durch das Bad der Taufe ^^) 
einen gottbegnadigten Heiligen erblickten, wurden sicherlich von Atticus 



') Chron. Pasch. 450. Vgl. Theophan., Cedren u. a. 
*) Sozom. a. a. O. 

*) Socrat. VI. 20. VII. 2. Sozom VIII. 27. Suidas v. Xttixo'q schreibt 
sie aus. 

*<*) Sozom a. a. O. inißovXsvaairs xal UQoq imßovXaq dvrioxsTv ixavog. 
") Socr. Vn. 4. 



221 

in ihrem Entschlüsse ewig jungfräulich zu bleiben — denn auch 
Arcadia und Marina bekannten sich unter der Einwirkung des Beispiels 
der älteren Schwester dazu — noch bestärkt, da er nach einem alten 
Bericht ihnen ein treffliches Buch über den Glauben und die Jung- 
frauenschaft ehrfurchtsvoll widmete.**) 

Bei einer so ausgesprochenen Abneigung der Prinzessinnen gegen 
das andere Geschlecht und Hinneigung zu einem stillen, gottgeweihten 
Dasein war der Kaiserpalast am Bosporus trotz seiner üppigen Ein- 
richtung und Ausstattung im Vergleich zum weströmischen Hofe eher 
ein Kloster 13), in welchem geistliche Übungen mit stetiger Pünktlich- 
keit vom Morgen bis zum Abend ängstlich innegehalten wurden. 
Gingen früher mehr festlich gekleidete Senatoren und Beamte in 
prächtigen Gewändern in den Hallen des Palastes aus und ein und 
belebten früher die Uniformen der kommenden und abgehenden 
Offiziere den grofsen Bau, so überwog jetzt das schwarze Priester- 
gewand und die dunkle Mönchskutte unter den Besuchern, und an 
Stelle fröhlicher Festesklänge drang zu fest bestimmter Zeit der ein- 
tönige Gesang psalmodierender Menschen ans Ohr.^*) Und trat 
jemand näher hinzu, so fand er die Prinzessinnen nicht mit eitlem 
Putz beschäftigt oder unthätig, sondern am Webstuhl an der Her- 
stellung schützender Kleider für Bedürftige und Arme eifrig arbeitend. 
Denn mehr als je trat in Pulcheria und ihren Geschwistern die 
werkthätige Christenliebe ins Leben, die nicht müde wurden in der 
Barmherzigkeit und denen viele wohlthätige Anstalten die Entstehung 
verdankten.*^) So erbaute Pulcheria, als Augusta über die Mittel 
frei verfügend, zahlreiche Kirchen, unter denen die der Gottesmutter 
in den Blachemen besondere Erwähnung verdient; auch Bethäuser, 
Armenhäuser, Fremdenherbergen errichtete sie nicht nur, sondern stattete 
sie auch mit den zur weiteren Erhaltung nötigen Kapitalien aus; 
femer sch^ikte sie den Herbergen auch den Acker, auf welchem die 
Fremden bestattet werden konnten. Endlich aber krönte sie ihre 
Liebeswerke noch durch das Testament, in welchem sie alle ihre 
Habe den Armen vermachte, welche ihr Gemahl Mardan in ebenso 
frommer Gesinnung ohne Abzug herausgab. ^^) 

So wuchs denn derjenige, welchem später allein die Leitung 



^) Marc. Com. zu 416, doch konnte Atticus damals schon unmöglich das 
Dogma des Nestorius bekämpfen, wie dieser Chronist behauptet. 
>^) Socrat. Vn. a2. 
") Sozom. IX. 2. 

*5) Sozom. IX. I und 3. Theod. V. 36. Theophan. zu 443. 
^«) Theophan. zu 445. * Vgl. Cedren. 



des grofsen Reiches zufallen sollte, in einem Palaste auf, dessen 
Mauern eine aufrichtige, ernste Frömmigkeit durchwehte, und diese 
bildete daher allmählich auch den Grundzug seines Characters, auf 
der alle anderen Eigenschaften ruhten.^'') Aber seine Kindheit verflofs 
darum nicht minder fröhlich als die anderer Prinzen, denn er verlebte sie 
nicht stolz abgeschlossen von der übrigen Welt, sondern Pulcheria 
gesellte ihm zwei muntere Knaben hinzu, den Paulinus und Placitus i^), 
mit denen er ohne jede Schranke höherer Abkunft kindlich und offen- 
herzig verkehrte, und die er auch im spateren Leben niemals vergafs. 
Überhaupt mufs man anerkennen, dafs Pulcheria ihm eine Erziehung 
geben liefs, wie sie ihm eine besorgte Mutter nicht besser hätte können 
angedeihen lassen; dazu befähigte sie ihre eigene gediegene Bildung, 
welche nicht auf das Notwendigste beschränkt geblieben war; rühmlich 
wird von einem Zeitgenossen hervorgehoben, dafs sie nicht nur griechisch, 
sondern auch lateinisch sprechen konnte. ^^) Auf ihre Anordnung unter- 
richteten ihn in allen Fächern des Wissens die besten Lehrer, an 
deren Spitze gewifs der Bischof Atticus; besondere Unterweisung 
scheint er seiner Neigung entsprechend in der Naturkunde erhalten 
zu haben, wenigstens war ihm bis in sein reiferes Alter eine bestimmte 
Vorliebe dafür eigen ^<^); daneben aber wurde die Ausbildung des 
Körpers nicht vernachlässigt und der jugendliche Leib durch Reiten 
und Fechten gestählt Einen Lehrgegenstand jedoch hatte sich die ältere 
Schwester für sich behalten, wozu auch am ehesten eine Frau nach 
Göthes bekanntem Ausspruch im Tasso berufen ist, die Anstandslehre.^^) 
So erteilte ihm Pulcheria die Unterweisung in äufserer Haltung und 
Geberde, über das Tragen des Gewandes, über die verschiedene Art, 
wie er die Begrüfsung oder Bitte eines jeden aufzunehmen habe, 
wann er lachen durfte, wann eine ernste Miene zeigen — kurzum, 
es scheint ihm keine Lehre, wie sie noch heute Prinzen in dieser 
Beziehung zu teil wird, erspart geblieben zu sein. So wuchs Theodosius 
denn unter treuen Augen heran zu dem, was er vermöge der 
geringen Energie und natürlichen Klugheit, die ihm innewohnte, über- 
haupt werden konnte, zu einem frommen, gutherzigen, in seiner 
Art pflichtgetreuen Regenten.22) Aber das römische Reich forderte 



") Theodor. V. 36. Socrates und Sozom. a. a. O. 

>^) Paulinvis war der Sohn eines Comes domesticorum. Chron. Pasch. Vgl. 
Joh. Antioch. frgm. 192. 
»9) Sozom. IX. I. 

*) Vgl. Sozom. Prooem. seiner Kirchengesch. 
^*) Sozom. IX. I. 
*2) Socrat. VI. 22. Joh. Ant. frgm. 193. Vgl. 194. 



224 

nicht blöfs einen gutherzigen j sondern auch einen klugen und vor 
allem thatkräftigen , tapferen Mann als obersten Leiter. Doch wie 
sollte Theodosius in solcher Umgebung, deren Thun und Denken 
einzig auf die Thätigkeit des Friedens gerichtet war, ohne ein leben- 
des Beispiel und Vorbild zu einem tüchtigen Soldaten heranwachsen, 
wie es sein erhabener Vorfahr gleichen Namens gewesen war? 

Die ersten Jahre unter der veränderten Leitung verliefen für das 
Ostreich bis auf geringe Vorkommnisse ruhig, von denen nur eins 
besondere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, weil es von neuem 
die Unduldsamkeit der christlichen Bischöfe gegen Andersgläubige in 
wahrhaft erschreckender Weise darthut und dem Anfang dieses Jahr- 
hunderts einen Makel anhängt, wie er häuslicher kaum gefunden werden 
kann. In Alexandrien war Theophilus, der fanatische Heidenver- 
folger und Gegner des Johannes Chrysostomus, im Jahre 412 an 
Altersschwäche gestorben 2^), und um den erledigten Bischofsstuhl erhob 
sich mit all' der Leidenschaft, welcher nur die Ägypter fähig waren, 
ein heftiger Streit zwischen dem Archidiacon Timotheus und dem 
Schwestersohn des Verstorbenen, Cyrillus. Obwohl der erstere in 
dem Dux Aegypti Abudatius einen energischen Vorkämpfer fand, 
gelang es doch dem Cyrill, sich zum Bischof emporzuschwingen. Aber 
hatte schon Theophilus den Ruhm der alexandrinischen Kirche durch 
sein hitziges Vorgehen gegen jeden vermeintlichen Feind des Glaubens 
und des ägyptischen Patriarchats für lange Zeit geschädigt, so gelang 
es. seinem Nachfolger nicht minder,, den Namen des Ägypters für immer 
in der römischen Welt berüchtigt zu machen. Denn mehr noch als 
sein Oheim scheint Cyrill sich die Aufgabe gesteckt zu haben, mit 
allen Mitteln der Unduldsamkeit alle Andersgläubigen in Alexandrien, 
seien es Sektierer, Juden oder Heiden, auszurotten oder, wenn nicht 
anders, mit Gewalt zum Christentum zu bekehren.^*) Aber so ernst 
es ihm hiermit um die christliche Sache scheinbar war, so hielt ihn 
das keinen Augenblick ab,^ die schändlichste Simonie zu treiben und 
Bistümer an Unwürdige zu veräufsern, abgesehen davon, dafs er später 
nicht weniger als Theophilus darauf ausging, das Ansehen des con- 
stantinopolitanischen Patriarchen herabzusetzen. 

Er eröffnete seine Amtsthätigkeit mit der Schliefsung der Kirchen 
der Novatianer, denen er zugleich die heiligen Geräte wegnahm und 
deren Bischof Theopemptus er seiner Würde beraubte. Sodann brachte 



*3) Socrat. Vn. 7. Theophan. zu 407. 

**) Vgl. Neander AUgem. Gesch. der christl. Relig. VI. 4. S. 106. und 
über seine Schriften Gennadius de vir illust. c 57, bei Fahr icius Bibliotheca 
ecclesiastica. Hamb. 17 iB . 



I 



ihn sein heifsspomiges Wesen bald auch mit der jüdischen Gemeinde 
von Alexandrien in ein blutiges Zerwürfnis, welches am meisten seine 
Lieblosigkeit und fanatische Verblendung gegen die Nichtchristen 
beweist. Der tiefere Grund dazu lag in der übermächtigen Stellung, 
welche das Judentum auf eine jahrhundertelange ruhmvolle Ver- 
gangenheit fiifsend in der Hauptstadt Ägyptens einnahm.^^) Denn 
schon unter Alexander dem Grofsen waren neben anderen auch Juden 
in die neu gegründete Nilstadt verpflanzt worden, deren Zahl sich 
unter den ersten Ptolemäem bedeutend vermehrte, von der Gunst 
dieser Könige geschützt im ganzen Pharaonenlande festen Fufs fafste 
und namentlich einen bedeutenden Bruchteil der Bevölkerung Alexan- 
driens ausmachte. Sie hatten sich mit dem griechisch-heidnischen 
Teil derselben im Laufe der Jahrhunderte so eng durchdrungen, dafs 
aus dieser Vereinigung des jüdischen und griechischen Geistes eine 
eigne Philosophie entstehen konnte, deren Hauptvertreter Philo ist.^«) 
Die Juden fühlten sich daher schon lange den Heiden hier gleich- 

4 

berechtigt und sahen die Stadt nicht wie eine fremde, sondern als 
die ihnen gehörige an, von der ihnen zwei Fünftel als besonderer 
Stadtteil eingeräumt waren, und in der sie auch unter der römischen 
Herrschaft ihre eigenen Behörden behalten hatten.^') Von der ungefähren 
Gröfse der jüdischen Gemeinde nun zu Anfang des fünften Jahrhunderts 
^können wir eine Vorstellung durch die Erwägung gewinnen, dafs 
bereits zur Zeit des Augustus in Alexandrien 300000 Bürger ohne 
die Sklaven und Fremden gezählt wurden ^8), eine Zahl, die sich gewifs 
bis zu unserer Periode wird nahezu verdoppelt haben, so dafs wir 
nicht fehl gehen werden, wenn wir die israelitischen Glaubensgenossen 
auf 200000 anschlagen. 

Die Bedeutung derselben wächst aber noch dadurch, dafs in 
Alexandrien keineswegs durch Theophilus das Heidentum ganz und 
gar ausgerottet war 2»), sondern sowohl in den besseren Kreisen wie 
im Volke noch zahlreiche Anhänger zählte. Infolge dessen kann die 
christliche Gemeinde in der Hauptstadt Ägyptens nicht den breiten 
Raum eingenommen haben, den sie sonst in den grofsen Städten 
besafs, und man kann sich daher erklären, warum ein so fanatischer 
Patriarch wie Cyrill sich die Aufgabe stellte, dem Judentum hier, wie 
Theophilus dem Heidentum, einen vernichtenden Schlag zu versetzen. 



*•) Bekker-Marquardt III. i. S. 208 flF. und 220. 

*•) Zeller die Philosophie der Griechen III. i. S. 560 ff. 

^) Bekker-Marquardt S. 224. O. Kiepert S. 197. 

*^ Diodor XVn. 52. 

^ Vgl. die Darstellung bei G. S. 190—193. 

15 



22f> 

Andererseits lag es in der Pflicbt des Stadtkomidandanten wie des 
kaiserlichen Präfekten eine Ruhestörung zu verhindern» deren Folgen 
auf jeden Fall dem Vorteil des Staatsganzen» auch dem pecuniären, 
zuwider liefen. An Reibereien geringfügiger Art fehlte es bei dem 
heifsen Blute ^^) der Ägypter, welches selbst das Priestergewand nicht zu 
beruhigen vermochte, und der sich ihrer Anzahl und Macht in Alexandria 
be¥rufsten Juden fast niemals; sie traten gewöhnlich bei Volksfesten 
oder öffentlichen Schaustellungen zu Tage. Bei dem gegen die 
Juden eingenommenen Standpunkte des Bischofs Cyrill fehlte es ihm 
unter seinen Untergebenen nicht an solchen, welche ihm alles auf 
die Juden Bezügliche zutrugen, besonders, wie sich der kaiserliche 
Präfekt Orestes zu ihnen verhielt, der den Bischof deshalb nicht leiden 
konnte, weil er sich häufig herausnahm, seine Verordnungen zu ver- 
nachlässigen, und sich ganz seinem Dienstkreise zu entziehen trachtete. 
War somit der Stoff zu einem hitzigen Streit hinlänglich vorhanden, 
so fehlte bald auch nicht der entzündende Funke.' ^) 

Ihn brachte eine Bürgerversammlung, welche Orestes im Theater 
abhielt, und in welcher auch die Juden zahlreich vertreten waren. 
Mitten während der Verhandlungen bemerkten einige von ihnen den 
Schulmeister Hierax'^), einen Menschen mit schamloser Zunge und 
glühenden Anhänger des Cyrill, der bei dessen Predigten immer das 
Zeichen zum Beifall zu geben pflegte. Sobald die Juden ihn erblickt 
hatten, riefen sie, er sei nur ins Theater gekommen das Volk 
aufzuhetzen und bewögen den Präfekten, der ohnehin dem Bischof 
nicht wohlwollte, ihn als Unruhestifter foltern zu lassen. Gegen 
dieses Vorgehen des Präfekten vermochte Cyrill, ohne sich blofs'- 
zustellen, nichts einzuwenden und liefs daher an den Juden seinen 
Groll aus, indem er den Vorstand der Gemeinde vor sich forderte und 
ihnen strenge Bestrafung androhte, wenn sie die Beleidigungen der 



^) Vgl. Ammian Marc. XXII. i6. 23: Homines autem Aegyptii plerique 
subfusculi sunt et atrati magis quam maesti oris, gracilenti et aridi, ad singulos 
motus excandescentes, controversi et reposcones acerrimi. 

31) Die Hauptquelle für das Folgende ist Socrat. VIL 13. Vgl. Theoph. 
zu 405 und Cedren p. 336. Während Socr. diese Vorgänge ausdrücklich nach 
dem Tode des Theophilus ansetzt, läfst Theophanes zu 405 sie noch vor dem- 
selben geschehen sein ; aber der letztere ist wie so oft hier unkritisch ; denn das 
Ende der Hypatia März 415 beweist, dafs der jüdische Aufstand ins Jahr 
414 gehört. 

'*) Er ist offenbar identisch mit demjenigeB, den Eunap fragm. 83 trotz 
seiner Schamlosigkeit zum Schweigen und Erröten brachte; doch nicht derselbe 
wie der frgm. S6 Erwähnte. 



\ 



227 

Christen nicht einstellten.»^) Aber anstatt die Aufregung dadurch 
unter den Juden zu besänftigen, gofs Cyrill mit seiner Drohung nur 
Öl ins Feuer und trieb sie zu einer Handlung an, welche die bisherige 
hochgeachtete Stellung der Juden im Reich gewaltig erschütterte und 
ihnen das Wohlwollen entzog, welches ihnen die früheren Kaiser**) 
des öfteren bezeugt hatten. 

Sie ersannen einen häfslichen Trug und schreckliches Verderben, 
dessen Parole lautete: Tod den Christen! In nächtlichem Kampfe, 
sich selbst durch einen Fingerring von Palmenrinde kenntlich machend, 
beschlossen sie die Gegner zu töten.**) Vorherbestimmte Männer durch- 
eilten eines Nachts, als die übrigen Bewohner friedlich der Ruhe 
pflegten, plötzlich die ganze Stadt mit dem Rufe „Die Kirche des 
Alexander brennt!" Alsbald stürzten die Christen, wie es die Juden 
gewollt hatten, von allen Seiten aus ihren Häusern schlaftrunken her- 
bei, um dem Brande Einhalt zu thun, wurden dabei aber von den 
sie erwartenden Israeliten in der Dunkelheit widerstandslos niederge- 
stofsen, so dafs am nächsten Morgen die Strafsen mit ihren Leichnamen 
bedeckt waren. Der Schmerz und Zorn der überlebenden Christen 
war unbeschreiblich, und es war daher dem Cyrill etwas Leichtes, sie 
zu einer nicht minder grausamen Rache zu veranlassen. Unter seiner 
Führung zog eine riesige Menschenmenge zur Synagoge der Juden, 
nahm diese in Besitz und trieb sie selbst, so wie sie standen und 
gingen, mit Weib und Kind, ohne Nahrung und Habe, aus der Stadt 
heraus, während ihre Häuser mit Erlaubnis des Cyrill von den Raub- 
lustigen regelrecht wie bei einem Kriegszuge geplündert wurden. 

Dafs die Juden an diesem ganzen Vorkommnis nicht völlig 
unschuldig waren, leuchtet wohl von selbst ein, doch ist ebenso 
unzweifelhaft, dafs die Hauptschuld daran auf Cyrills Haupt entfallt 
dessen Aufgabe, falls er ein wahrer jünger Christi sein wollte, darin 
bestanden hätte, einen Streit der beiden Religionsparteien zu ver- 
hindern, statt ihn heraufzubeschwören und noch zu verschärfen. Man 
kann sich daher in die Seele des Präfekten versetzen und mitfühlen, 
wie unangenehm ihm diese Vorgänge waren, da er dazu gesetzt war, 
über den Frieden in Stadt und Land zu wachen und vor allem die 
Staatskasse vor grofsen Verlusten zu bewahren. Diese aber waren 
unausbleiblich, wenn ein so arbeitsamer, fleifsiger Teil der alexandri- 
nischen Handeltreibenden und noch dazu in solchem Umfange plötzlich 



Socrat a. a. O. 
»•) Vgl. Cod. Thcod. XVI. 8, 9—15. 
**) Socrat a. a. O. 

15^ 



2ZS ^ ^ 

die Stadt verliefs und dadurch den Handel und Wandel der Grofe- 
stadt in der empfindlichsten Weise schädigte.^«) Er berichtete daher 
in diesem Sinne an den Aurelianus, während Cyrill von entgegen- 
gesetzten Anschauungen aus sich wahrscheinlich über die laue Unter- 
stützung des christlichen Oberpräsidenten in einer religiösen An- 
gelegenheit bitter bei Pulcheria beklagte. 

Und in der That handelte es sich hier in Alexandrien um keine 
andere Frage als die, welche durch das oben erwähnte Vorkommnis 
in Castrum Callinicum an Theodosius L gestellt wurde, ob nämlich 
die geistliche Gewalt unter Umständen der weltlichen vorangehe-^"). 
Inzwischen aber machte sich auch im Volke eine Stimmung gegen 
den Bischof allmählich geltend, welche ihn bewog eine Versöhnung 
mit Orestes zu suchen 3®), der jedoch vor der kaiserlichen Entscheidung 
jeden derartigen Versuch zurückweisen zu müssen glaubte, um so 
mehr, als er eine aufrichtige Reue bei Cyrill nicht voraussetzen durfte. 
Infolge dessen kam es, bevor ein kaiserlicher Untersuchungscommissarius 
aus Constantinopel angelangt war, zu weiteren Ausschreitungen der 
Anhänger des Bischofs gegen den Orest und seine Partei, und merk- 
würdig! im Gegensatz zu den unter Theophilus beobachteten Verhält- 
nissen waren diesmal die ehrwürdigen Mönche der Einöde von 
Nitria auf Seiten des alexandrinischen Patriarchen. 

Von gewiegten Agenten aufgehetzt zogen sie fünfhundert an 
der Zahl aus ihren Zellen nach Alexandrien, um ihrem Oberhirten 
gegen den heidnischen Präfekten (denn so war er den Leichtgläubigen 
bezeichnet worden) zu Hülfe zu eilen.3») Der Zufall fügte es, dafs 
ihnen gerade beim Einzug in die Stadt Orestes selber fahrend begegnete. 
Im Nu wurde der Wagen zmn Halten gebracht, und er selber mit den 
härtesten Schmähreden wie „Opferer" und „Heide" überhäuft, obwohl 
er ihnen verständlich zu machen suchte, dafs er ja von Atticus in 
Constantinopel getauft und also Christ sei. Die Fanatiker aber hörten 
nicht darauf, sondern drangen heftiger auf ihn ein, und seine wenigen 
Diener fühlten sich der Übermacht nicht gewachsen und nahmen 
Reifsaus. Ja, einer der Mönche, Ammonius mit Namen, ergriflf einen 
spitzen Stein und verwundete den Beamten dergestalt am Kopfe, dafs 



^) Eine genaue Beschreibung der Stadt aus dem Ende des 4. Jahrh. giebt 
Ammian. Marc. XXII. 16, 7 ff. Vgl. Kiepert S. 197. Wie ängstlich Arcadius 
seiner Zeit einen Steuerausfall zu verhindern suchte, beweist Marci Diaconi vita 
Porphyrii Gazensis ed. Haupt c. 41. 

") Vgl. G. S. 168 flF. 

s«) Socrates VII. 13. 

~) c. 14. 



229 

llim das Blut über die Stirn flofs, und wäre nicht inzwischen das 
silexandrinische Volk herbeigeeilt und hätte die Mönche zurückge- 
'trieben, so hätte Alexandrien einen neuen Mord auf dem Gewissen 
£^ehabt 

So aber wurde Ammonius ergriffen und so lange gefoltert, bis 
er den Geist aufgab. Wiederum berichtete Orestes über die Greuel- 
that an den Hof und ebenso Cyrill, wenn auch im anderen Sinne, 
der übrigens, wenn das Volk es zugelassen hätte, am liebsten selbst 
nach Constantinopel gegangen wäre, um seine Sache durchzufechten.*®) 
Indes that er in Alexandrien zunächst noch manches, was den Streit 
nicht zur Ruhe kommen liefs. So bestattete er den Ammonius nicht 
wie einen Verbrecher, sondern wie einen Heiligen in der Kirche, hielt 
ihm eine verherrlichende Gedächtnisrede und hiefs ihn einen Märtyrer 
nennen.**) Zwar that ihm diese Unbesonnenheit wieder leid, gleich- 
wohl wurde die Feindschaft mit Orest nicht beigelegt, sondern auf 
Veranlassung des Cyrill am letzten Ende fiel ihr noch eine 
der edelsten und bedeutendsten Frauen, welche je gelebt haben, 
zum Opfer. 

Schon oben ist darauf hingewiesen worden, wie das Vorgehen 
des Theophilus im Jahre 390 wohl das Heidentum in seiner Wurzel 
getroflfen , doch keineswegs völlig vernichtet hatte. Auch die Unter- 
weisung in den heidnischen Gebräuchen wie insbesondere in den 
philosophischen Disziplinen erlitt nur vorübergehende Unterbrechung 
trotz der Vertreibung des Helladius, Ammonius und Olympius*^) und 
wurde noch femer von einem, wenn auch engeren, Kreise eifrig ge- 
pflegt. Die Richtung aber, welche der philosophische Gedankengang 
der damaligen heidnischen Lehrer in Alexandrien nahm, war eine 
entschieden neuplatonische und vermittelte wider ihren Willen durch 
den Glauben an eine erlösende Kraft Gottes, den Zoyog, den Über- 
gang zum Christentum, wie wir ihn sich zu dieser Zeit in dem bekannten 



*o) Dies mufs man folgern aus Cod. Theod. XVI. 2, 42: Quid inter cetera 
Alezandrinae legationis inutilia hoc etiam decretis scriptum est, ut reverendissimus 
episcopus de Alexandrina civitate aliquos non exire, wofür Gothofr. in seinem 
Commentar mit Recht aliquo non exiret zu lesen vorschlägt. Auch Hänel, der 
den obigen Text giebt, tritt in der Note x dieser Ansicht bei für den Fall, dafs 
nichts ausgefaUen ist. Vgl. zu den Reisen der Bischöfe an den Hof Neander 
V. 3. S. 234. 

*») Socrates VII. 14. 

*') Vgl. Suidas V. ^OXvfinoq, Zur Sache noch Schröckh Kirchengesch. VII. 
$.212—216. Neander II. I, 162. StufFken dissertatio de Theodosii Magni in 
rem christianam meritis. Lugd- Bat. 1828 S. 57fiF. 



230 

Bischof von Kyrene Synesius vollziehen sehen. Damals ^^'^) nun stand 
an der Spitze der Lehrenden nicht ein Mann, sondern — ein seltener 
Anblick — ein Weib, Hypatia. 

Sie war die Tochter des Philosophen Theon*^), der unter 
Theodosius L lebte und sein Hauptstudium auf Mathematik und 
Mechanik verwandt hatte. £r war noch Mitglied des Museums 4^) 
gewesen, jener Stiftung der Wissenschaft liebenden Ptolemäer, in 
welchem die Ordner und Erklärer der bibliothekarischen Schätze 
Alexandriens einen sorgenlosen und ehrenvollen Unterhalt genossen. 
Von seinen Kindern widmete sich ein Sohn ebenfalls mathematischen 
Studien, weit mehr aber als diesen befähigte ein genialer Geist seine 
Tochter Hypatia**), nicht nur gleich dem Vater geometrische und 
mechanische Probleme zu erdenken und .zu lösen, sondern sich auch 
in der eigentlichen Philosophie heimisch zu machen. Ihre Studien 
begann und vollendete sie in ihrer Geburtsstadt Alexandrien unter 
der Leitung des Theon, und war sie je in der anderen Metropole 
des sinkenden Heidentums, in Athen, so ist es sicher nur vorüber- 
gehend gewesen.^0) So stand sie denn, ein junges Weib, der Leitung der 
Schule ihres Vaters vor, wozu sie vielleicht von Staatswegen beauftragt 
war 4^, durchschritt die Stadt im Phüosphenmantel und lehrte öffentlich 
den, wer es hören wollte, über Plato, Aristoteles und anderes Wissenswerte. 

Den reichen Schätzen ihres Geistes aber fehlte nicht eine an- 
mutige und schöne äufsere Hülle, welche die Bescheidenheit, Würde 
und Sittsamkeit, mit der sie überall im Leben auftrat, nur noch erhöhte. 
Sie zog es vor ledig zu bleiben, ein Umstand, der gewifs dazu bei- 
getragen haben wird, ihr die Jugend zuzuführen. Wenigstens wird 



42 a) Für das Folgende ist mafsgebend gewesen die ZusammensteUung Hoche's 
„Hypatia, die Tochter Theons" im Philol. XV. S. 439 ff. 

*3) Vgl. Suidas v. Semv. Vgl. Synes. ep. 16, wo er durch Hypatia Grüfse 
aufträgt änb xov naxQoq Ssoxixvov xal dno rov aöeXfpov Äd-avaaiov ag^afiivti 
TtdvTag hSvQ- 

**) Vgl. Pauly Real-Encyclop. und Ammian Marcell XXII. 16, 15 ff. 
**) Suidas V. ^Ynaria. Von ihren Schriften ist nicht das geringste Fragment 
erhalten. Auf sie geht ein Epigramm von Palladas. Anthol. Graec. ed. Jacobls 
IX. 400. otav ßXinm as, TtQogxvvdi, xal tovg Xoyovg 

rfjg naQ^ivov xov olxov dax^<pov ßXinmv, 
eig ovQuvbv yuQ iaxl aov xa ngayfiaxcc 
^^Ynaxla aefivrj, xwv XoycDv evfiOQfpia, 
axQCLVxov aaxQov xfjg aofpfjg Ttaiösvaswg. 
**) Vgl. Hoche S. 441 und Hertzberg Gesch. Griechenl. unter den Römern 
III. S. 505. 

*') Vgl. Hoche a, a. O. Socr. VII. 15. und Suidas : iSijyslxo ^fioalff 
xoZg dxQoäa^ai ßovXofiivotg, 



231 

uns ein Zug aus ihren reiferen Jahren erzählt, welcher darauf schliefsen 
läfst, dafs mancher ihrer jugendlichen Zuhörer aufser durch ihr Wissen 
xioch durch die Schönheit ihres Körpers angezogen wurde,**) Unter 
den zahlreichen Schülern der Hypatia, welche uns als solche genannt 
werden, steht natürlich Synesius und sein Bruder oben an**), dann 
folgen die Namen des Troilus, Herculianus, Hesychius und Olympius; 
mehr aber als die Zahl spricht für den anziehenden, liebevollen Ton des 
TJnterrichts und ein taktvolles Benehmen die Art und Weise, wie diese 
Jünglinge zu Männern herangereift ihrer auch in späteren Jahren ge- 
dachten. Rührend ist die Verehrung des Synesius für sie, wie sie 
sieh in seinen Briefen ausspricht; er giebt ihr die herzlichsten, süfsesten 
Namen wie „Selige Herrin!*^) Mutter, Schwester und Lehrerin !**^>) 
unter der Bedrängnis der Feinde zu einer Zeit, „da die Menschen 
wie Vieh abgeschlachtet werden, die Luft von Leichen verpestet und 
von Aasgeiern verdunkelt ist", da denkt er an seine alte Lehrerin *2) 
und klagt ihr auch sein Leid, als ein Kind nach dem anderen 
von seinem Vaterherzen gerissen ist und ihm keins mehr bleibt^^) 
Ihr übersendet er unterstützungsbedürftige Landsleute, für die sie bei 
den Behörden ein Wort einlegen soll**), ihr zuerst den Dio und „Über 
die Träume"**), um ihr Urteil zu hören, und dann auch die Schrift 
über das Astrolabium, während er sie ein andermal bittet, ihm 
ein Hydroscopium anfertigen zu lassen.*®) 

Der Ruhm aber, den ihre Schüler über den ganzen Orient ver- 
breiteten, liefs nicht zu, dafs sie in Alexandrien wegen ihres heidnischen 
Bekenntnisses zurücktrat, vielmehr nahm sie hier eine der angesehen- 
sten und geachtetsten Stellungen ein, die sie durch Besonnenheit und 
Gerechtigkeit sich erworben hatte und weiter erhielt Es waren darum 
nicht blofs Heiden, welche zu ihrem Umgangskreise gehörten, sondern 
^uch die christlichen Spitzen der Behörden *ö*) versäumten es nicht, 



*•) Einen Zuhörer, der sie mit seinen Liebesanträgen verfolgte, brachte sie 

^uf diese Weise davon zurück: avzr^v 6e TtQoeveyxa/jiivijv ti t<3v yvvaixelwv 

^axdv avxov ßalXofiivrjv xal to avfißoXov iniöel^acav t^g dxad^agvov 

yeviaeonq: Tovxov fiswotj <pavai, igäg, cw veavlaxs, xakov 6h ovöevog. Doch 

stimmt dieser Zug wenig zu der Sittsamkeit, die ihr nachgerühmt wird. 

*•) Volkmann S. ii. Vermählt mit Isidor war sie nie. Vgl. Hoche S. 450. 

^ ep. IG. 

*») ep. 16, firitfiQ xal äSeXfpti xal StöaaxaXe xal öia navxwv BveQyexixri 

oeal ccTiav ort xlfiiov xal ngäyfia xal ovofxa, 

») ep. 124. »3) ep. 80. 

»*) ep. 33. 80. ") ep. 153. 

»•) ep. 15. 

••a) Snidas ▼. ^Ynaxla und Socrat. VII. 15. Totg agxovai aanpQOvwg eig 



232 

ihre Bekanntschaft zu machen und ihren erfahrenen Rat zu hören. 
So war auch Orestes in ihr Haus gekommen und zählte, selbst erst 
vor kurzem getauft, zu dem hochgebildeten Kreise, dessen Mittelpimkt 
die Philosophin war. 

Sie war daher einem so fanatischen Bischof wie Cyrill selbst- 
verständlich ein Dorn im Auge; wie konnte es ihm auch gefallen, 
dafs das Haupt des ägyptischen Landes, der kaiserliche Statthalter, 
statt mit ihm, dem Bischof, zu verkehren, ihn vielmehr mied und 
desto öfter die Gesellschaft jener Heidin aufsuchte! und noch viel 
weniger gefiel es ihm, dafs so viel Volks ihr anhing und anstatt die 
Predigten des Patriarchen von Alexandrien anzuhören, ihrem Vortrage 
lauschte. In der That mufs man zugeben, dafs es jedem eifrigen 
Christen, am meisten aber dem Bischof wohl als schönstes Ziel vor- 
schweben konnte, wenn doch die ganze Stadt zu Christo geführt und 
ein Herz und eine Seele würde. Aber ein anderes ist der Wunsch, 
ein anderes das Mittel zu seiner Erfüllung. Ehrliche und verständige 
Christen hielten es gewifs auch damals für richtiger, wenn das Evangelium 
durch sich selbst und durch die würdige Haltung seiner Bekenner 
sich neue Freunde und empfangliche Herzen erwürbe als durch rohe 
Gewalt und Vernichtung des Bestehenden. Von Cyrill aber durfte 
man nach seinem ganzen Charakter und den bisherigen Proben des- 
selben kein ruhiges Gewährenlassen erwarten. 

Schwerlich wird er nun selbst den Befehl zum Morde der stillen 
Priesterin der Wissenschaften gegeben haben, doch ist unleugbar, dafs 
in seinem Umgangskreise der Name der Philosophin nur mit verbissenem 
Groll und Hafs erwähnt wurde, der seinen Höhepunkt erreichte, als 
Orestes den Bisqhof gänzlich mied, dagegen seinen Verkehr mit 
Hypatia fortsetzte. Es war daher nicht wunderbar, dafs sich in den 
geistlichen Kreisen die Meinung verbreitete, Hypatia verhindere allein*'') 
eine Aussöhnung des weltlichen und geistlichen Oberhauptes des 
Landes, und dem Cyrill fehlte es nicht an Männern, die ihm blind- 
lings ergeben waren und seinen Wünschen gern zuvorkamen. Es 
waren das die sogenannten Parabolanen^s) (Waghälse), die nicht 



") Sociales VIT. 15. 

**) Cod. Thcod. hat die Lesarten parabalani und parabaiani; Cod. Just. 
I. 3, 17 und 18 libri boni: Parabalanin. Vgl. Mansi VI. S. 827 und Harduinll. 
S. 214 im Bericht des Bischofs Basil. v, Seleucia. Diesen !Namen erklärt Hoche 
S. 469 auf Grund des Commentars des Gothofr. zu XVI. 2, 42, als gleichbedeutend 
mit „Waghälse". Vgl. Neander VI. 4. S. 240. Ihre grofse Zahl hängt sicher- 
lich auch damit zusammen, dafs in Alexandrien die berühmteste Schule für Ärzte 
in damaliger Zeit war. Ammian. Marc. XXII. 16, 18. 



233 

»wohl dem geistlichen Stande angehörten, als vielmehr von Priestern 
in der Krankenpflege unterrichtete Leute waren, deren Zahl in Alexandria 
z^iänfhundert weit übertraf und die gewissermafsen, da sie unter Cyrills 
^^ufsicht standen, seine Leibwache bildeten. 

Unter ihnen nun verschworen sich einige Heifsspome und an 

zmhrer Spitze der Lektor Paulus, dem ihnen anstöfsigen Treiben der 

IHeidin ein Ende zu machen^®), indem sie sie ermordeten. Der bösen 

^Absicht folgte die blutige That auf dem Fufse. Als Hypatia eines 

"Tags aus einem Hause trat*^), stürzten sich die Verschworenen, 

^^velche bereits auf sie gewartet hatten, auf die Unglückliche, welche 

ixiichts ahnend mit ihrem Gefährt sich weiter begeben wollte, rissen sie 

.SLUS demselben heraus, schleppten sie unter dem Zuströmen ihrer 

^jenossen und des übrigen Volkes in die Kirche RacOoQiov^^) , ent- 

Hdeideten sie hier und töteten sie mit scharfen Muschelschalen^^), die 

:lhnen grade zur Hand waren. Nachdem sie sie so zerstückelt hatten, 

Tiäuften sie die Glieder an einer anderen Stelle ^3) zu einem Haufen 

siuf und verbrannten sie. Diese Blutthat geschah im März des Jahres 

-4i5**)i ein ewiger Schandfleck für die Hauptstadt Ägyptens und eine 

Schmach für das ganze Reich; denn nicht einen Mann hatte man 

-ermordet, der mit tötlichen Waffen gegen friedliche christliche Bürger 

gekämpft hatte, sondern eine hülflose Frau, deren einziges Verbrechen 

<las Festhalten am alten Glauben und das wohlverdiente Ansehen bei 

sillen Gutgesinnten gewesen war. 

Wie grofs der Schreck und dann die allgemeine Entrüstung in 
<ler Stadt war, können wir, da hier die Berichte abbrechen, nur ahnen, 
-saber greifen gewifs nicht zu weit, wenn wir annehmen, dafs Cyrill allgemein 
^Is der geistige Urheber des Verbrechens bezeichnet wurde, dafs 
<üe Parabolanen sich fürerst nicht in der Öffentlichkeit blicken lassen 
<lurften, stürmische Versammlungen von beiden Parteien abgehalten 



6») Socrat VII. 15. 

^) Die Erzählung des Suidas, dafs Cyrill, als er einst an ihrem Hause 
vorübergehend eine grofse Menge von Menschen und Pferden vor demselben 
erblickte, gefragt habe, wessen Haus das wäre, und ergrimmt fortgegangen sei, 
während Hypatia gleich darauf bei ihrem Heraustreten getötet worden sei, 
mufs aus dem Grunde als unrichtig angesehen werden, weil ihm, der seit vielen 
Jahren in Alexandrien lebte, das Haus der berühmten Frau nicht unbekannt 
sein konnte. Ich schliefse mich daher dem Berichte des Socrates an. 

") inl riyv ixxXtjaiav y inmwfxov xaiaaQtov. avvikxovoi. 

**) oaxQaxoiq dvsTXov. 

*^) inl Tov xaXovfievov xivagdiva, 

**) Soor. VII. 15. Vgl. die verkehrte Notiz des Theoph. zu 406 vor 
Theophilus* Tod, Cedren p. 336 und Joh. Mal. XIV; auch Clint. Fast. R. 



234 

nnd Sondergesandtschaften mit widersprechenden Berichten an die 
Elaiserin abgeschickt wurden.**) In Constantinopel brachten die sich 
häufenden Schreckensbotschaften aus Alexandria einen peinlichen Ein- 
druck hervor j um so mehr, als Aurelianus, wie wir aus den früheren 
Jahren her wissen, keinen Unterschiekl in Bezug auf die Zuwendung 
seiner Gunst zwischen Christen und Heiden machte und zahlreiche 
Götteranbeter wie Troilus, würdige Vertreter des Heidentums, in der 
Hauptstadt des Orients lebten und lehrten. 

Und auch Pulcheria, ohsvohl sie einen streng christlichen Stand- 
punkt einnahm, mufste sich doch vor der Staatsraison beugen, die von 
allen Bürgern des grofsen Reichs ohne Unterschied Wahrung des 
Landfriedens und Schutz aller Glaubensbekenntnisse forderte. Es 
wurde daher, um Klarheit in die sich widersprechenden Nachrichten 
zu bringen, ein hoher Beamter, Aedesius, nach Alexahdrien beordert 
mit dem Auftrage, eine strenge und unparteiliche Untersuchung des 
Sachverhalts anzustellen.®*) Bei dem Umfang der vorliegenden That- 
sachen unä den vielen Zeugenvernehmungen zog sich sein Aufenthalt 
in die Länge, so dafs wir erst aus dem Ende des Jahres 416 eine 
Verfügung*'') besitzen, welche das abschliefsende Ergebnis seiner 
Thätigkeit gewesen zu sein scheint Es geht aus ihr hervor, dafs 
auch Aedesius in den Parabolanen die am meisten belasteten Schuldigen 
erkannte und die Möglichkeit einer so fanatischen Überschreitung 
ihrer Berufspflichten in dem Umstände erblickte, dafs sie von dem 
Bischof von Alexandrien abhängig und in keiner Weise der weltlichen 
Kontrolle unterstellt waren. Denn es wurde nunmehr bestimmt, dafs 
einmal die Kleriker überhaupt in Zukunft all^n öffentlichen Versamm- 
lungen, auch denen der Curialen, fem bleiben sollten, andererseits 
wurde die Anzahl der Parabolanen auf fünfhundert beschränkt Auch 
wurde der Modus ihrer Wahl dahin geändert**), dafs nicht die Reichen, 
welche sich die Stelle erkauften, sondern nur diejenigen der Korporation 
beigefügt werden durften, welche vom alexandrinischen Volke selbst 
gewählt und deren Namen darauf dem kaiserlichen Präfekten und 



•*) Darauf deutet die Verfügung Cod. Theod. XII. 12, 15. 5. Oct 416; 
welche anordnet, dafs, wenn eine Gesandtschaft bestimmt wird, alle Curialen 
zugegen sein und die gemeinsamen Beschlüsse durch Namensunterschrift be- 
kräftigen sollen. Dann wird der prael August, sie prüfen und entscheiden, ob 
eine Gesandtschaft abgehen darf oder nicht. 

••) Suidas V. ^Ynatla, Vgl. Hochc S. 467. 

ö') XVI. 2, 42. 29. Sept. ' 

^) ita ut non divites et qui hunc locum redimant, sed pauperes a corporatis 
pro rata Alexandrini populi praebeantur. 



235 

durch ihn dem Praefectus praetorio in Constantinopel mitgeteilt worden 
wären. Und auch diese durften weder zu irgend einem Schauspiel 
noch zu Versammlungen und vor Gericht gehen, ausgenommen die- 
jenigen, welche eine besondere Veranlassung dazu verpflichtete, und an 
die Stelle der Zuwiderhandelnden oder Gestorbenen konnte der Präfekt 
yoD. Ägypten selbstständig neue Mitglieder ernennen. Von den anderen 
Strafen, die gewifs eine ganze Reihe von Klerikern und Laien nach 
peinlicher Untersuchung getroffen haben wird, ist uns leider nichts 
berichtet; es ist nur eine Notiz noch bemerkenswert, welche darauf 
deutet, dafs auch Aedesius^^) der Vorwurf der Bestechlichkeit gemacht 
wurde, von dem wir natürlich nicht entscheiden können, ob er ihn 
mit Recht oder Unrecht traf. 

Jedenfalls ist so viel sicher, dafs der Einflufs Cyrills, wie sehr 
auch seine Person durch alle diese Vorkommnisse blosgestellt war, in 
den nächsten Jahren bereits wieder zu steigen begann, wofür wir den 
schlagendsten Beweis in einer Verordnung ''ö) Pulcherias haben, welche 
die obige in der Weise änderte, dass die Zahl der Parabolanen auf 
sechshundert, von Cyrill selbst aus den Gewesenen Ausgewählte erhöht, 
die ganze Körperschaft dem Geschäftskreis des Statthalters entzogen 
uiid dem Bischof von neuem völlig unterstellt wurde.''*) 

So wurde der Anfang der Regententhätigkeit der jugendlichen 
Augusta gleich durch bedauernswerte Ereignisse und Sorgen be- 
schwert, doch fehlte es in denselben Jahren nicht an erfreulichen 
Anlässen. Das Jahr 415 brachte am 24. Oktob. die Nachricht ''2), 
dafs Athaulf, einer römerfeindlichen Partei unter seinen Gothen und 
der Privatrache zum Opfer fallend, in Barcelona ermordet war, welche 
in Ostrom als Triumph der gemeinsamen Reichsinteressen durch 
Illumination und am folgenden Tage durch Circusspiele gefeiert wurde, 
während das nicht minder wichtige Ereignis von der Gefangennahme 
und Verbannung des zum zweitenmale von Athaulf in Gallien zum 
Imperator erhobenen Attalus erst am 28. Juni 416 ''3) in Constantinopel 
officiell bekannt wurde. Auch diese Meldung gab zu Circusspielen 



•<*) Suidas v.^Ynaria: xal 6 ßaaiXevq riyavaxxriaev iitl tovtfp, sl 
fifj Alöiaioq iSwQoöoxi]^, xal twv fxhv a^ayscov ä(peLXsxo rriv noivi^v, 6^' 
havtbv 6h xal yevog tb d(p* iavxov tavtr^v aitBOTtacaro, Mir erscheint diese 
Stelle daher bedenklich, weil auch in Bezug auf den Mord der unbekannte Autor 
offenbar parteiisch berichtet. 

w) Cod. Theod. XVI. 2, 43. 3. Febr. 418. . 

^^) ita ut pro arbitrio viri reverendissimi antistitis Alexandrinae urbis etc. 
sescenti parabalani . . eligantur. 

''') Chron. Pasch. Vgl. Prosp. Aquit. Tiro Pr. 

'*) Chron. Pasch, zu 416. 



236 

Veranlassung, welche am 7. Juli ihren Anfang nahmen. Aber auch 
Feste geistlichen Inhalts bot diese Zeit den kaiserlichen Geschwistern 
in der Einweihung der bei den Wirren, welche die Absetzung des 
Johannes Chrysostomus herbeiführte, verbrannten und neu erbauten 
Hauptkirche ''^) der Stadt und in der feierlichen Einholung der auf- 
gefundenen Gebeine des Joseph, Jacobs Sohn, und Zacharias, des 
Vaters Johannes des Täufers, welche Atticus und der Bischof Moses 
von Antaradus in Phoenicien in grofser Procession von der Landungs- 
treppe des Chersonnesus in die grofse Kirche überführten, geleitet 
von dem Stadtpräfekten Ursus'^^) und dem ganzen Senate. 



Drittes Kapitel. 



Die Ereignisse in Westrom bis zum Jahre 421. — Emporkommen des Constantius. 

— Sein Äufseres und Charakter. — Durch Athaulfs Tod wird Placidia frei 
und von Wallia zurückgegeben. — Ihre Vermählung mit Constantius i. Jan. 417. 

— Geburt Valentinians. — Erhebung des Constantius zum Mitregenten 421. *> 
Er wird in Ostrom nicht anerkannt. — Zu derselben Zeit Ausbruch eines Krieges 
mit Persien. — Das Christentum in Persien seit dem 4. Jahrhundert. — Die 
diplomatischen Sendungen des Bischofs Maruthas. — Fanatismus des Abdas, 
Bischofs von Ktesiphon. — Christenverfolgung in Persien. — Die Märtyrer 
Hormisda, Jacob und Benjamin. — Beginn der Feindseligkeiten. — Pulcheria 
sucht eine Gemahlin für Theodosius. — Athenais, Tochter des Leontius, aus 
Athen wird von Pulcheria und Theodosius auserwählt und getauft. — Vermählung 
421, 7. Juni. — Tod des Constantius. — Krieg mit den Persern. — Ardaburius, 

römischer Feldherr. — Friede 422. 

Hatten Pulcheria und ihr Berater Monaxius^), welcher den 
Aurelianus in der Führung der Präfektur des Orients ablöste, gehofft, 
das friedliche Einvernehmen, welches mit dem weströmischen Reiche 
seit Arcadius Tod und dem persischen schon seit Theodosius I. 
statt gehabt hatte, noch weiterhin erhalten zu sehen, so traten doch 



■'*) Marcell. Com. Chron. Pasch.. 

") Ursus war §tadtpräfekt 415, Cod. Theod. VI. 23, i, XVI. 5, 57; und 
416. XII. I, 180. 

*) Er erscheint schon falschlich neben Anthemius 414, Cod. Theod. XIII. 
3, 16; 415 gar nicht, 416 dagegen mehrfach; er blieb nachweisbar in seiner 
Stellung bis zum 24. Sept. 419. IX. 40, 24; doch ist aus 420 und 421 wegen des 
Perserkrieges nur eine Verfügung aus Ostrom erhalten, so däfs eine ausreichende 
Sicherheit für jenen Termin fehlt. 



^37 

Ereignisse ein, deren Abwehr nicht in ihrer Hand lag, und welche 
nach Westen hin nur vorübergehend, nach Osten zu aber auf längere 
Zeit den Friedenszustand trübten. 

In Westrom 2) nämlich wäre die Sache des Honorius niemals 
mit so günstigem Erfolge geführt worden, hätte dieser unthätige Kaiser 
nicht einen Mann gefunden, der, ein zweiter Stilicho an Energie und 
Umsicht, dem sinkenden Reiche gegen die Westgothen und Tyrannen 
noch einmal zum Siege verhalf. Dieser General, Constantius mit 
Namen, war aber in allem übrigen das gerade Gegenteil des hoch- 
herzigen Vandalen; denn G>nstantius war ein Römer 3) von altem 
Schlage, gebürtig aus Naissus in Illyricum^), und hatte im Gegen- 
satze zu dem einstigen Retter des weströmischen Reichs neben dem 
Wohle seines Kaisers und Vaterlandes vor allem den eignen Vorteil 
im Auge, zu dem sich in den späteren Jahren Eigennutz und Hab- 
sucht gesellten, welche ihn früher nicht verunzierten.^) Sein Äufseres 
war keineswegs einnehmend; er hatte ein stets finsteres, unschönes Gesicht 
mit grofsen, listig hin- und herschielenden Augen imd einen breiten 
Kopf, welcher sonst stolz emporgetragen, wenn er zu Pferde safs, den 
Bewegungen des Tieres folgte und vomübemickte ; aber bei der fröh- 
lichen Tafel taute er auf, und es gab dort keinen angenehmeren 
Gesellschafter als diesen Offizier, welchen man wegen seiner körperlichen 
Eigentümlichkeiten allgemein des Strebens nach der Tyrannis wohl 
fähig erachtete.^) 

Noch eins machte ihn einer grofsen Partei im Reich lieb und 
wichtig, das war seine orthodoxe Glaubensrichtung, von der er bald 
einen unverfälschten Beweis dadurch lieferte, dafs er durch die Ver- 
werfung der störenden Lehre des Pelagius den kirchlichen Frieden 
in Africa wiederherstellte.'') Er konnte in unserem Zeitabschnitt nicht mehr 
jung sein, da er bereits untei Theodosius I. hohe Würden bekleidet 
hattet); doch trat er erst 411 als comes durch die Vernichtung der 



*) Vgl. für diese Verhältnisse v. Wietersheim S. 167 und 184 ff. 

*) Orosius VII. 42, 2 : sensit tone demum respublica et quam utilitatem in 
Romano tandem duce receperit et quam eatenus pemiciem per longa tempora 
barbaris comitibus subiecta tolerarit. 

♦) Olymp, frgm. 39. 

*) Ebend. 

«) frgm. 23. 

'') Orosius VII. 42, 16. quod in bis diebus praecipiente Honorio et adiuvante 
Constantio pax et unitas per universam Africam ecclesiae catholicae reddita est. 
Vgl. Prosp. Aquit. 413 und 418. Neander VI. 4. S. 330 ff. 

*) Olymp, frgm. 39. 



Usurpatoren Constantinus und dessen Sohn Constans in Arelate in 
den Vordergrund des politischen Lebens,*) Diese rühmliche Waifen- 
that trug ihm die höhere Stellung eines kommandierenden Generals 
ein^^) (magister utriusque miiitiae), in welcher er bereits 412 erscheint, 
und der 414^*) ein höherer Glanz durch sein erstes Consuiat ver- 
liehen wurde, dessen kostspielige Feier er aus dem Nachlafs des ge- 
stürzten Gebieters von Africa Heraclian herrichten konnte. Das nächste 
Ziel, welches er seinem Heere gesteckt hatte, war die Vertreibung 
des Westgothen Athaulf vom Boden Galliens, gegen den ihn aufser 
dem Staatsvorteii noch ein persönlicher Grund antrieb; denn nicht 
minder als der Westgothenkönig hatte Constantius auf die Hand der 
gefangenen Placidia gerechnet, um durch ihren Besitz auf rechtlichem 
Wege den höchstbegehrten Preis, die Kaiserkrone, zu erreichen. Das 
Glück schien ihm über die Mafsen günstig, da ihm nicht nur der 
von den Gothen aufgegebene Attalus in die Hände fieH'^), sondern 
Placidia auch durch die Ermordung ihres Gemahls, ohne Erben zu 
hinterlassen, frei wurde und von seinem zweiten Nachfolger Wallia 
nach dem Wunsche des sterbenden Bruders durch Vermittelung des 
Magistrianen Euplutios dem Honorius zurückgegeben wurde. ^^) 

Der Patricius Constantius — denn in dieser Würde befand er 
sich 416 1*) — hatte seinem kaiserlichen Herrn so wesentliche Dienste 
geleistet, dafs aus dem Schiffbruch, welchem das Staatsschiff unter 
der Wucht der Angriffe von Seiten der Germanen und zahlreicher 
Thronräuber entgegenzueilen schien, nicht unwichtige Trümmer gerettet 
waren; denn hörte auch in Britannien die römische Herrschaft in Wirklich- 
keit auf und war Spanien ein Spielball germanischer Stämme, so war doch 
Gallien zum gröfsten Teil durch Constantius Tapferkeit noch römische 
Provinz und gab Africa der Hauptstadt Rom und Italien alljährlich 
wieder regelmäfsig das Brodkorn. Was lag daher für den schwachen 
Honorius näher, als dafs er dem Drängen desjenigen Generals, welcher 
seine einzige Stütze war, nachgab und seine Schwester Placidia, Gallas 
Tochter und Justinas, der Gemahlin Valentinians I.^*), Enkelin, die 
Witwe Athaulfs, zu einer Vermählung mit Constantius su bewegen 



9) Orosius VII. 42, 2. Vgl. Prosp. Aquit. 411. Olymp, frgm. 16. 
»0) Cod. Theod. XII. 18, 17. 

") Vgl. Prosp. Aquit. Olymp, frgm. 23. und Series chron. const. Cod. f heod. 
") Prosper Aquit. Oros. VIII. 42, 9. 

1*) Prosp. Aquit. (Vgl. Marc. Com, zu 414). Olymp, frgm. 26. 
**) Cod. Theod. XV. 14, 14, Comes et patricius; wie ihn Prosp. Aquit. 
bereits 415 nennt. 

»») Vgl. Ifland bei G. S. 153 flf. 



«39 

suchte! £s war für ihn, da das Ostreich doch nicht in der Lage 
war, ihn mit ausreichenden Truppen und umsichtigen Fahrern zu ver- 
s^en, der einzige Ausweg aus einer sonst dunklen Zukunft 

Placidia allerdings, ein stolzes Weib und ihrer Abstanunung ein« 
gedenk, vermochte sich fürerst nicht an den Gedanken gewöhnen, von 
neuem die Fesseln der Ehe auf sich zu nehmen, aber sie konnte sich 
sehliefsHch, mochte sie auch augenblicklich die Macht durch Beherrschung 
des Bruders in Händen haben, doch nicht der Frage entziehen, was 
denn aus dem Reiche und aus ihr werden solle, wenn Honorius kinderlos, 
wie damals schon sicher war, die Augen schliefsen und sie selber 
keinen männlichen Erben hinterlassen werde. So legte denn Honorius 
ihre widerstrebende Hand am i. Januar 417 ^^) in die Rechte des Consuls 
und Patridus Constantius, ein weltgeschichtlicher Augenblick von der 
wichtigsten Bedeutung, da aus der Vereinigung dieser beiden derjenige 
entsprofs, von dessen Willen und Neigungen das weströmische Reich 
bis übet die Mitte des Jahrhunderts abhängig gewesen ist und dessen 
Schicksale es geteilt hat. Es entsprangen der Ehe die 418 geborene 
Honoria ^''), ein Kind, welches später den reinen Namen des Theodosischen 
Geschlechts durch einen schweren Fehltritt für immer beflecken sollte, 
und am 2. Juli 419^^) endlich ein Sohn, welcher in Rücksicht auf die 
Ahnen der kaiserlichen Mutter Valentinian (III.) getauft wurde. Nach- 
dem Constantius mit der Familie seines kaiserlichen Schwagers in so 
enge Beziehungen getreten war, zog Honorius, wenn auch etwas wider- 
willig, mit Recht aus denselben die letzte Folgerung und gab dem ge- 
sunkenen Ansehen des Imparators neue Kraft und neues Ansehen, indem 
er den Constantius, welcher 420 zum dritten Male das Consulat be^ 
kleidete, im Anfang des folgenden Jahres **) zum Mitregenten erhob, 
eine Ernennung, die zugleich die Erhebung Placidias zur Augusta und 
des Valentinian zum Nobilissimus unverzüglich zur Folge hatte.20) 



") Olymp, frgm. 34. 

") Ebend. 

*■) Aufser Olymp, ebend. Marcell. Com. Prosp. Aquit. Vgl. Theoph. zu 411. 

*•) Olymp, frgm. 34. Prosp. Aquit. 420. Idac. chron. Theoph. zu 413. 
8. Febr. Wenn Sievers hierzu S. 450 bemerkt , Theophanes meine 421 , so ist 
dagegen einzuwenden, dafs die Chronologie des Theoph. überhaupt sehr im 
Argen liegt und man zu den von ihm gegebenen Daten bald eine höhere bald 
niedrigere Zahl addieren mufs, um zum Richtigen zu gelangen. Vgl. z. B. 406 zu 
Hypatiä. Femer beweisen die Verfügungen des Cod. Theod., dafs Constantius 
erst 421 zum Augustus erhoben wurde; denn während ihn die Gesetze 420 nieht 
erwähnen, findet er sich III. 16, 2. 10. März; X. 10,28, (vgl. Hänel note p.); 
zuletzt II. 27, I. 26. Juli 421. 

*>) Olymp, frgm. 39. Phüost. XII. 10. Vgl. v. Wietershehn S, 184. 



a40 

In Ostrom, wo man die Entwickelung dieser Verhältnisse mit 
der gespanntesten Aufmerksamkeit verfolgt, hatte, fand das Ereignis 
nicht die Billigung der Regentschaft aus einer Reihe von schwerwiegen- 
den Erwägungen. Die Absicht des Honoriua im Jahre 408, in den 
Orient zu gehen und dort die Regierung zu ordnen, beweist unwider- 
leglich, dafs die Einheit des Reiches in den Gedanken der Nachfolger 
des Theodosius keinen Augenblick trotz aller trennenden Vorkommnisse 
erloschen war. Daher, wäre Arcadius ohne männlichen Erben zu 
hinterlassen gestorben, würde Honorius den orientalischen Reichs- 
teil ohne weiteres eingezogen und zum Westen geschlagen haben. 
Die gleiche Sachlage wäre aber hier eingetreten, wenn Honorius 
alleiniger Regent des Reiches geblieben wäre, und Theodosius II. 
würde sicherlich ohne Zögern von dem erledigten Reichsteil Besitz 
ergriffen und noch einmal, wenn auch in geschmählerter Ausdehnung, 
das riesige Römerreich in einer Hand vereinigt haben. Auf den 
Eintritt dieser Erwartung hatte man nun in Constantinopel so lange 
rechnen dürfen, bis die Ernennung des Constantius erfolgte, durch 
welche die Regierung Westroms unwiderruflich an eine andere D3n3astie 
gefesselt wurde. Denn war auch Valentinian der Placidia Sohn, so 
war doch vorauszusehen, dafs bei längerer Lebensdauer des Vaters 
nach dem Tode des Honorius hier ein anderes Herrscherhaus mit 
anderen Anschauungen autkommen werde, welchem der Gedanke an 
die Reichseinheit immer mehr und mehr verloren gehen würde; um 
so mehr, als Placidia wohl desselben Vaters Theodosius, aber nicht 
derselben Mutter Tochter war wie Arcadius und Honorius leibliche 
Brüder. 

Die Regentin Ostroms Pulcheria fühlte sich deshalb im Einver- 
ständnis mit ihrem kaiserlichen Bruder (421) nicht in der Lage dem 
Gesuche des Constantius zu entsprechen, welcher unter Übersendung 
seines Büdnisses der Sitte gemäfs um Anerkennimg des oströmischen 
Herrschers und um Aufnahme seines Namens in die öffentlichen Kund- 
gebungen des Reiches bat.21) Nach der bis auf den heutigen Tag 
geltenden Ansicht wurde diese Zurückweisung aufser als persönliche 
Beleidigung zugleich als eine versteckte Kriegserklärung angesehen, 
welcher Constantius, wollte er sein eignes Ansehen, die Würde seines 
Schwagers und die Zukunft seiner Familie sichern, sich auf keinen 
Fall entziehen konnte. Und so schien im Beginn des Jahres 421 das 
langjährige Freundschaftsband, welches Ost- und Westrom seit Arcadius 



ai 



) Olymp, frgm. 39. Fhilost. XIL 10. 



241 

Tod so innig umschlang, durch einen blutigen Elrieg für immer zerrissen 
zu werden. 

Nicht minder aber hatte sich im fernen Osten zu derselben Zeit 
der politische Himmel verfinstert, an dem die dräuenden Kriegswolken 
unabwendbar gegen die Grenzen des Reiches heraufzogen ^i*), welche 
wie seit einem Jahrhundert zumeist in dem religiösen Gegensatz des 
römischen und des Partherreichs ihre Begründung hatten. Denn 
gemäfs der dem Christentum innewohnenden Aufgabe und Kraft, sich 
über den ganzen Erdkreis auszudehnen und dem Heiland überall auf 
Erden eine Heimat zu bereiten, waren auch zu den benachbarten 
Persem frühe die Glaubensboten gekommen und hatten eine fröhliche 
Saat gestreut, welche dem Christentum bis zum vierten Jahrhundert 
vielfaltige Frucht getragen hatte.22) In jenen Zeiten stand an der 
Spitze der bereits stark vertretenen Kirchen in Persien der Bischof 
der Hauptstadt Seleucia (Ktesiphon a/Tigris), und es war sogar dahin 
gekommen, dafs der erste Magier der Lehre von Zoroaster zum Christen- 
tum übertrat und eine wirksame Schrift zur Bekämpfung seines ehe- 
maligen Glaubensbekenntnisses veröffentlichte. Eine Verfolgung der 
Christen brach erst unter Constantins des Grofsen Nachfolgern 343 
aus, als man dem Perserkönig seine christlichen Unterthanen als 
geheime Vaterlandsverräter und Verehrer des römischen Kaisers dar- 
zustellen wufste, und dauerte mit Unterbrechungen vierzig Jahre.^^) 
Mitten in diesen Wirren wirkte der schimpfliche Friede, welchen 
Jovian 363 2*) mit den Persern schlofs, und in welchem er aufser 
weniger bekannten Orten das alte Nisibis und Singara an die Feinde 
abtrat, nur nachteilich auf das Verhältnis der persischen Christen zu 
ihrem Herrscher, bis die Ausdauer der Christen in allen Leiden der 
Verfolgung Sapor IL bewog Duldung zu gewähren, in derem Schutze 
die persischen Bekenner des Nicaenums fast bis zum Anfang des 
zweiten Decenniums des fünften Jahrhunderts lebten. 

Besonders am Ende der Regierung des Arcadius und in den 
ersten Jahren des Theodosius standen die beiden Reiche, wie auch 
der erwähnte Handelsvertrag des Anthemius deutlich bezeugt, in den 
lebhaftesten und freundschaftlichsten Beziehungen, deren Vermittler 



^^ft) Dazu scheint nach der ungenauen Notiz bei Marc. Com. 418 ein Auf- 
ruhr in Palästina gekommen zu sein. Vgl. Tillem. note 7. sur Th^odose. 

«0 Neander V. 7. S. 155 flf. 

") S. 157 flf. 

^) Ammian Marc. ed. Gardthausen XXV. 7 , 9. Petebat autem rex . . « 
Arzanenam et Moxoenam et Zabdicenam itidemque Rehimenam et Corduenam 
cum castellis quindecim et Nisibin et Singaram et castra Maurorum, 12. postea 
contigit, ut . . . Artaxata inter dissensiones et turbamenta raperent Parthi. 

16 



der Bischof Maruthas von Tägrit in Mesopotamien war.^«») Bei den 
öfteren Reisen dieses Geistlichen an den persischen Hof war auch der 
Ruf seiner aufserordentlichen Frömmigkeit bis zu den Ohren des 
Königs Yazdejerd I. gedrungen, der ihn gerne bei sich sah und auf 
seinen Rat hörte, und Maruthas wufste sich in dieser vertrauensvollen 
Stellung, aus welcher ihn die Magier in der Befiirchttmg, Yazdejerd könne 
Christ werden, vergeblich durch mancherlei Veranstaltungen zu verdrängen 
suchten, wohl zu behaupten. Er machte alle ihre Anschläge mit Gottes 
Hülfe und eigner Klugheit zu schänden und erhielt zur Belohnung 
vom Könige die Erlaubnis, überall in Persien KLirchen bauen zu dürfen, 
eine Thatsache, an der auch ein erneuter Ansturm der einheimischen 
Götzenpriester nichts auszurichten vermochte. 

Aber dies einträchtige und für die Ausbreitung der christlichen 
Lehre so erspriefsliche Verhältnis wurde noch im letzten Jahre des 
wohlwollenden Königs Yazdejerd^*) durch den Fanatismus des persischen 
Metropoliten Ab das gestört, der ohne den Unterschied zu überlegen, 
ob er auf römischem oder auf persischem Boden sich befinde, gleich 
wie man jenseits des Tigris die Götzentempel vernichtete, einen der 
Anbetung des Ormuzd geweihten Bau zerstören liefs. Die natürliche 
Aufforderung des Königs den Tempel wieder aufzubauen, wies Abdas 
mit derselben Entrüstung zurück, wie Ambrosius die Zumutung des 
Theodosius, dafs die Mönche von Nicephorium die Bethäuser der 
Juden und Valentinianer wieder aufrichten sollten; aber Abdas hatte 
nicht einen christlichen Kaiser, sondern einen heidnischen Perserkönig 
sich gegenüber, der schon um des gröfseren Bruchteils seines Volkes willen 
die Verletzung seines Glaubens nicht ungeahndet lassen durfte. Abdas 
wurde getötet und alle christlichen lürchen zum Entgelt vernichtet 
und damit nicht genug, begann noch in den Tagen des Yazdejerd 
eine Verfolgung, die sein Sohn und Nachfolger Vararam V. von seinem 
Vater übernahm und welche über dreifsig Jahre gedauert hat. Es 
fehlte auch hier nicht an heroischen Männern, die ihren Glauben an 
Christum höher haltend denn Leib und Leben und Geld und Gut 
alle Qualen, die ihnen ihre Peiniger erdachten, mit dem hingehendsten 
Gleichmut und unerschütterlicher Treue ertrugen. Namen wie die 
eines Hormisda, Jacob und Benjamin^') werden unter denMärtyrem 



^) Soor. VII. 8. (Zu Maruthas vgl. VI. 15.) Ihm nach ganz kurz Theoph. 
zu 406. Vgl. Neander S. 166. 

*•) So berichtet Theodor. V. 39. Vgl. Neander S. 167. Doch steht dem 
entgegen die Bemerkung des Socr. VII. iS: Sg rovg exei XQiattavovq ovöccfitSg 
i6i<6xi]as. 

3^) Theod. V. 39. Siehe das Nähere bei Neander S, 167 — 169. 



«43 

-•juiseres Glaubens immer voranleuchten, wenn auch der Ruf ihrer Aus- 

<±lauer und Beharrlichkeit nicht so weit gedrungen ist, als der der 

Itleiligen der ersten Jahrhunderte unserer Kirche. Wo anders aber 

sollten sich die übrigen hinwenden, welche nicht vorweg ergriffen und 

"^7on der Neigung, freiwillig sich dem Tode zu weihen, beseelt waren, 

^Is zu ihren westwärts wohnenden Glaubensbrüdem! und viele von 

ihnen scheuten den weiten Weg nicht, nach Constantinopel zu wandern 

-«nd den Oberhirten Atticus um Hülfe anzugehen.*^) 

Bei der ernsten Frömmigkeit, welche Pulcheria und ihren Ge- 
schwistern eigen war, war es nicht wunderbar, dafs die Klagen der 
christlichen Perser durch den Mund ihres alten Lehrers einen tiefen 
^Eindruck auf sie hervorbrachten und ihnen die Erwägung nahe 
legten, ob es nicht eine Pflicht gegen den gemeinsamen Himmelskönig 
sei, eine blutige Strafe an den Feinden auszuüben, da Gott ihnen 
sicher den Sieg verleihen werde. Es waren noch andere Gründe 
vorhanden diese Überlegung zu unterstützen, einmal hatten die 
Perser den Römern abgemietete Goldgräber trotz aller Aufforderungen 
bei sich behalten, sodann aber waren römischen ELaufleuten gegen 
den von Anthemius abgeschlossenen Handelsvertrag kostbare Waren 
abgenommen worden. Endlich, nachdem die Verhältnisse so auf 
die Spitze getrieben waren, forderten die Perser ihre zu den Römern 
geflohenen christlichen Unterthanen zurück, welchem Verlangen die 
römische Regierung selbstverständlich nicht entsprach. So sah denn 
das Jahr 42i*<>) in jeder Beziehung drohend aus und schien dem 
oströmischen Reiche eine Reihe schwerer Prüfungen aufzuerlegen. 

Und doch gerade in diesen Tagen der Aufregung und Spannung 
war es, wo in dem Herzen des jungen Fürsten Theodosius zum ersten- 
male die Liebe aufging mit all' ihren Freuden und Leiden ^i) und 
unter einer Verkettung von Umständen, wie sie sich romantischer 
nicht einem der gewöhnlichen Sterblichen darbieten konnten. Indes 
war der Entschlufs des Theodosius zu heiraten keineswegs so zufallig 



««) Socr. VII. i8. 

2») Ebend. — Goth. bezieht hierauf Cod. Theod. YJL i6, 3. 18. Sept. 420., 
worin untersagt wird den Barbaren verbotene Waren wie Wein, Öl, Salz, 'Eisen, 
Getreide, Holz u. a. zu liefern. 

^) Marc. Com. erwähnt 420 eine Christenverfolgung in Persien; 421 den 
Krieg, womit Chron. Pasch, übereinstimmt, und 422 den Frieden. 

3^) Über Eudoxia vgl. W. Wiegand : Eudoxia Gemahlin des ostr. Kaisers 
Theodosius II. 1871 und besonders die geistreiche Schrift von F. Gregorovius 
Athenais Geschichte einer byzantinischen Kaiserin. Leipzig 1882. 
2. Aufl. Eine kurze Bemerkung bei Hertzberg Gesch. Griechenl. III. S. 429 ff., 
über Leontius S. 5i7fF. Vgl. Sievcrs S..431, 

i6» 



244 

wie die Wahl, welche er traf; da ihn zu jenem mannigfiache Gründe 
in zwingender Weise nötigten. Denn sowohl ihm wie seiner ältesten 
Schwester hatte die Thatsache, dafs die Dynastie vorläufig nur auf 
zwei Augen ruhte, schon längst den Gedanken an eine möglichst 
baldige Vermählung nahe gelegt, und nur die grofse Jugend des 
Kaisers, sodann auch der offenbare Mangel an passenden Persön- 
lichkeiten hatten die Ausführung desselben verzögert Aber noch ein 
anderer Umstand drängte zur Entscheidung, die Verheiratung des 
Constantius in Westrom mit Placidia und die Geburt eines männ- 
lichen Thronerben im Jahre 419, obwohl damit nicht gesagt werden 
soll, als ob die Furcht, dieser könne noch einmal bei kinderlosem 
Tode des Theodosius Herr Ostroms werden, die Absichten des letzteren 
beschleunigt hätten; jedenfalls aber war die Geburt des Valentinian 
auch für Ostrom ein wichtiges Ereignis, das zu denken gab. Die 
Auswahl derjenigen, welche neben Theodosius nunmehr den Kaiser- 
thron einnehmen sollte, lag natürlich in der Hand der Pulcheria, der 
man es gewifs nicht verdenken kann, wenn sie dabei auch die Frage 
in Erwägung zog und berücksichtigte, in wie weit etwa die Erkorene 
ihr selbst den beherrschenden Einflufs auf den Bruder und Hof ent- 
ziehen könne. Es kam, ihre Entschliefsung zu bestimmen, die schon 
mehrfach betonte Unmöglichkeit hinzu, für einen Kaiser in jenen 
Jahrhimderten eine nach unseren Begriffen ebenbürtige Ehe zu schliefsen, 
und das Beispiel des eignen Vaters, welcher sich bei seiner Wahl 
auch mehr durch die Schönheit der Eudoxia einst hatte leiten lassen. 
Theodosius erklärte daher seiner Schwester ^2) bald, dafs er weniger 
auf den Adel des Blutes als auf den der Gesinnung und vor allem, 
wie er mit jugendlichem Feuer hinzufügte, auf eine seltene körper- 
liche Vollkommenheit sehen wolle. Pulcheria war damit von Herzen 
einverstanden und gab sich in Verbindung mit dem Jugendfreunde 
des Kaisers Paulinus, dem Sohne des Kommandeurs der kaiserlichen 
Leibwache, die möglichste Mühe, gleichviel ob in der Hauptstadt 
oder den Provinzen, das den Wünschen des kaiserlichen Jünglings 
entsprechende Ideal zu finden. 

Doch, ehe sie es ahnten, führte ihnen ein wunderbares Zusammen- 
treffen von an und für sich ganz unwichtigen Vorgängen in der 
ehemaligen geistigen Metropolis der Griechen, Athen, diejenige in 
die Arme, welche das Geschick zur Gemahlin des neunzehnjährigen 
Fürsten bestimmt hatte. Dort lebte in jenen Jahren Leontius^^), einer 



3») Chron. Pasch. 420. 

33) Gregorovius S. i2flF. Vgl. Olymp, frgm. 28. 



I 



245 

<fieT bekannteren Lehrer der Philosophie an der Hochschule, welcher 

meinen Lehrstuhl der Sophistik vielleicht den Bemühungen eines für 

mansere Zeit sehr wichtigen Geschichtsschreibers, des Olympiodor, ver- 

<lankte und wenn auch kein reicher, so doch jedenfalls ein vermögen- 

<ier Mann war.^*) Er hinterliefs bei seinem Sterben zwei Söhne 

"Yalerius und Gesius^*), aufserdem eine Tochter Athenais^*) als 

"Waisen, und hatte gegen die Erwartung der letzteren, die ihn in seiner 

ICrankheit mit der gröfsten Aufopferung gepflegt hatte, nicht alle 

Xinder zu gleichen Teilen als Erben eingesetzt, sondern den Söhnen 

alles vermacht, während er in Bezug auf die Tochter die merkwürdige 

Äufserung that: „Meiner innig geliebten Athenais sollen nur hundert 

Goldstücke zufallen, denn für sie genügt ihr Glück, welches das aller 

Frauen übersteigt" 

Welche Beweggründe aufser dem von ihm selbst erwähnten, 
der einen vernünftigen Vater doch unmöglich allein leiten durfte, 
Leontius zu der Enterbung der Athenais gehabt hat, entzieht sich 
völlig unserer Kenntnis, genug er starb, und alle Bitten, so inständig 
sie auch waren, vermochten nicht das harte Bruderherz gegen die 
berechtigte Forderung der Schwester zu erweichen, sie war und blieb 
enterbt Zum Glück nahm sich der Verstofsenen ihrer Mutter Schwester 
in. Athen an und hielt sie wie ihr eigen Kind, zog auch mit ihr nach 
Constantinopel, wo eine andere Tante wohnte, und bestand darauf, 
dafs Athenais einen Prozefs gegen die Brüder anstrengte. War 
die Fjitscheidung desselben nun zu Ungunsten der Klägerin ausgefallen 
oder gedachte sie durch den Kaiser auf diese einzuwirken, jedenfalls 
hatten Athenais und ihre Tante eine Audienz bei der Augusta Pulcheria, 
um ihr unter Darlegung des Sachverhaltes eine Bittschrift zu über- 
reichen. 

Die jugendliche Klägerin ergriff dabei selbst das Wort und ver- 
stand ihre Gedanken und Klagen in so wohlgebauten Sätzen und so 
abgerundeter Form der Kaiserin vorzutragen, dafs diese ergriffen von 
der Eindringlichkeit und Klugheit, welche aus ihrer Rede hervorleuchtete, 
und der. wunderbaren Schönheit des Mädchens unwillkürlich und un- 
widerstehlich zu der Überzeugung gebracht wurde, diese Jungfrau und 
keine andere sei diejenige, nach welcher sich das Herz des jungen 



M) Joh. Mal. lib. XIV. 

'*) Über die Namen vgl. Gregorovius S. 22. 

**) Vgl. für das Folgende Chron. Pasch. 420, mit welchem Joh. Mal. XIV. 
wörtlich übereinstimmt ; nur nennt Chron. P. den Leontius Heraclitus. Vgl. dazu 
Theoph. 41 1 und Cedren p. 337. Niceph. XIV. 23. Zonar. XIII. 23. Über die 
Entwickelung der Erzählung von Eudoxia, vgl. Gregorovius S. 62 — 67. 



f46 

Fürsten sehne. Und in der That war Athenais körperlich und geistig 
in einer Weise entwickelt, wie das Menschengeschlecht nicht oft eine 
Frauengestalt hervorzaubert; denn man denke sich eine hohe schlank- 
gewachsene Mädchengestalty von dem seltensten Ebenmafs der Formen, 
mit grofsen sittsam niedergeschlagenen Augen, deren lebhafter Blick 
die Schärfe des Geistes ankündigte, mit echt griechischer Nase ohne 
starke Ausprägung, das klare Weifs des Gesichtes umrahmt von der 
üppigen Fülle blonder Locken, dazu die unnachahmliche einer Königin 
würdige Grazie — so stand die Fremde vor ihr wie ein Bild längst 
vergangener Zeiten aus den Blütetagen Athens.^^) Aber die Unter- 
haltung mit ihr wies bald noch einen anderen Vorzug der Bittstellerin 
nach, wie man ihn kaum in ihr vermutet hätte, eine ungewöhnliche 
Ausbildung des Geistes und Gemütes, eine seltene Schärfe des Verstandes, 
wie ihn nur der fortgesetzte Umgang mit logisch denkenden und geist- 
reichen Männern 3^) in der Frauenseele wachzurufen pßegt, so in jeder 
Beziehung ein vollkommenes Bild einer eben erblühenden Jungirau.^^) 

Sobald Pulcheria sich gefafst und durch Fragen erfahren hatte, 
dafs Athenais noch unverheiratet und aus hochgebildeter Familie sei, 
hiefs sie die Frauen eine Weile im Audienzzimmer, bewacht von den 
Dienern, warten, eilte mit der Bittschrift in der Hand zu Theodosius, 
bei welchem sich gerade sein Freund Paulinus aufhielt, und schilderte 
ihm das Mädchen in so überschwenglichen Ausdrücken, dafs Theodosius 
bat, sie unter einem Vorwande in sein Zimmer zu senden, damit er 
sie zusammen mit seinem Freunde aus einem Versteck ungestört be- 
trachten könne. Pulcheria that, wie ihr Bruder wünschte, Athenais 
trat ein, und auch die hinter den Vorhängen beobachtenden Jünglinge 
wurden von ihrem Anblick so fortgerissen, dafs Theodosius von jugend- 
lichem Feuer glühend sogleich darauf bestand, die Jungfrau sich zu 
vermählen. 

Bis hierher führt der romantische Bericht, welcher uns davon 
erzählt, wie ein Kaiser, hoch oben von dem Herrscherthrone herab- 
stieg und sich mitten aus dem Volk diejenige holte, welche ihm wohl- 
gefiel: er beschreibt uns nicht die Gefühle der enterbten, vater- und 
mutterlosen Waise, wie ihr in ihrem Elend ein so plötzliches Glück 
sich bot; er sagt uns nicht, ob sie zuerst sich noch sträubte daran 



^) Vgl. Chron. Pasch. 

^) Über die Ausbildutig der Athenais und der damaligen Frauen, vgl. 
Gregorovius S, 23 — 28. 

^•) Vgl. S. 23 und 76. Gregorovius nimmt an, dafs sie etwa 400 oder 401 
geboren war. 



I 



247 

2U glauben, dann aber freudig einwilligte, die Gemahlin eines als so 
gutherzig bekannten Fürsten zu werden, das alles überläfst er der 
Phantasie eines jeden sich auszumalen und knüpft nur an ein that- 
sächliches HindemiSi welches allein der ehelichen Verbindung entgegen 
zu stehen schien ^% an den heidnischen Glauben der schönen Athenais 
an. Indes das schreckte Theodosius nicht, galt es doch nunmehr 
für ihn zweierlei an der Zukünftigen zu gewinnen, für sich ihr 
Herz und für den Heiland die Seele, und wo Athenais ein so herr- 
licher Preis winkte und in so liebenswürdiger Weise in Aussicht ge- 
stellt wurde, da gab sie sich darein abzuschwören, was ihr einst lieb 
und teuer, und anzunehmen, was ihr bis vor kurzem verhafst war. 
Dem ehrwürdigen Bischof Atticus fiel die angenehme und interessante 
Aufgabe zu, die Professorentochter von dem Einflufs der heidnischen 
Irrlehre zu befreien und ihren, Geist in die Hallen der ewigen Heils- 
wahrheiten einzuführen. Bald schien die schöne Schülerin den Lehr- 
inhalt des Dogmas sich in zufriedenstellender Weise angeeignet zu 
haben, und so wurde sie durch das Bad der heiligen Taufe endgiltig 
von den Folgen des heidnischen Unglaubens gereinigt* 9, welches sie 
nach dem Wunsche ihres zukünftigen Gemahls als Eudocia*^), eine 
christliche Jungfrau, wieder verliefs. 

Da unter solchen Umständen der Beendigung dieser so wunder- 
bar entstandenen und märchenhaft klingenden Liebesgeschichte nichts 
mehr im Wege stand, so fand die feierliche Vermählung des jungen 
Paares bereits am 7. Juni des folgenden Jahres (421)*^) unter grofsen 
Feierlichkeiten statt, von denen uns indes aufser den hippischen und 
scenischen Festlichkeiten im Cirkus am 10. Juni näheres nicht bekannt 
ist. Aber bevor wir an die Würdigung der Thatsache gehen, dafs 
ein Theodosius die Athenais freite, müssen wir schon des rechten 
Abschlusses wegen noch mit einem Worte der Art gedenken, wie sie 
ihren Brüdern für ihr hartherziges Benehmen nach dem Tode des 
Vaters dankte. Valerius und Gesius**) waren auf die Nachricht hin, 
dafs ihre Schwester den Thron des oströmischen Reiches besteigen 
sollte, geflohen und mufsten erst durch Boten ausfindig gemacht und 
nach Constantinopel gebracht werden; hier fanden sie bei ihrer Schwester 

^^) VgL Gregorovius S. 29 ff. 

*^) Chron. Fasch. u. s. w. Socrat. VII. 21. Näheres aber die Taufe erst 
bei Nicephor. XIV. 13. 

42) Zum Namen vgl. Gregorov. S. 69. Eckhel Doctr. num. VIII. S. i84flF. 
wirft ihre und Eudoxia's Münzen zusammen. Sabatier Inscription des monnaies 
Byzantines I. S. 108. Euagrius bist eccles. I. 21. und Suidas v. EvSoxia, 

*3) Chron. Pasch. Marc. Com. Vgl. Gregorov. S. 72. 

**) Chron. Pasch, und die abgeleiteten Quellen, 



248 

die freundlichste Aufnahme, welche zu ihnen sprach: „Hättet ihr mich 
nicht so schlecht behandelt, so wäre ich nie gezwungen worden, nach 
Constantinopel zu gehen, und wäre nie Kaiserin geworden. Ihr habt 
mir somit die Krone, die mir seit der Geburt bestimmt war, allein 
verschafft, denn mein gutes Glück hat euch gegen mich treulos ge- 
macht und nicht eure Meinung gegen mich!" So söhnte die Erhebung 
der Athenais die Geschwister wieder mit einander aus, von deren 
Eintracht und besonders der Gunst der Athenais am besten der fest- 
stehende Umstand Zeugnis ablegt, dafs Valerius allmählich bis zum 
magister officiorum und gar Consul**), Gesius ebenfalls bis zu den 
höchsten Staatsämtem im Laufe der nächsten Jahre emporstieg.**) 

Aber hatte denn diese wunderbare Heirat nicht auch für die 
übrigen Unterthanen des weiten Reichs noch seine besondere Bedeutung? 
Gewifs, denn auf die Vermählung des Kaisers mit der Tochter eines 
heidnischen Philosophen durften auch die früheren Glaubensgenossen 
derselben stolz sein, wufsten sie doch, dafs neben der äufseren Schön- 
heit nicht zum wenigsten der Besitz der hohen Bildung für ihre Wahl 
mafsgebend gewesen war, welche allein die Beschäftigung mit den 
Schätzen antiker Kunst und Wissenschaft damals zu verleihen ver- 
mochte; sie war daher in gewissem Sinne ein Triumph des Heiden- 
tums und hat sicherlich nicht wenig auf eine versöhnlichere Stimmung 
zwischen den Christen und Gentilen hingewirkt. Aber nicht nur für 
diese, sondern überhaupt für alle Unterthanen Ostrom's war die 
Heirat ein ebenso wichtiges wie freudiges Ereignis; denn durch 
dasselbe war einmal wieder die starke Wand durchbrochen worden, 
welche sonst Fürsten und Volk unter Arcadius streng geschieden hatte, 
es war einmal wieder dem Volke gezeigt, wie auch jene seiner 
fortgesetzt bedürften und die Unsterblichen ohne die Sterblichen 
nimmer auskommen können. Endlich warf sich in jenen Tagen wohl 
mit Recht die Frage auf, ob der in strengstem Glauben erzogene 
Kaiser auf seine eben erst getaufte Gemahlin einen nachhaltigen Ein- 



**) Valerius ist uns bezeugt im Cod. Theod. als Com. R. Pr. 425 X. lO, 32; 
V. 14, 9; als Com. S. L. 427. X. 20, 17; als Mag. bfF. 435 VI. 28, 8 und VII. 8, i6* 
432 ist ein Valerius Consul, wozu Sievers S. 432 bemerkt, dafs er von jenem 
gewiCs verschieden sei, obwohl auch in dem für den obigen von S. citierten Gesetze 
VII. 8, 16. Val. Mag. ofF. et ex-consule ordinario genannt wird. Dafs er 
in dem vorangehenden VI. 28, 8 nicht denselben Titel führt, beweist nichts, da 
auch ,patricius* oft weggelassen wird. Mithin war der Bruder der Kaiserin wahr- 
scheinlich 432 Consul. Dafür spricht auch die allerdings späte Notiz bei 
Nicephor. XIV. 12. Vgl. Gregorovius S. in und 233. 

*^) Er wurde nach Chron. P. Prf. pr. Illyr. Doch findet sich dafür kein 
Beleg im Cod. Th. 



249 

iifs ausüben oder ob umgekehrt der Bildungsgang, den Eudoxia 
:eiiossen hatte und mit allen seinen Erinnerungen nicht vergessen 
J^önnte, am Hofe selbst, von dem bisher Schöngeisterei und Beschäftigung 
lit nicht geistlichen Dingen streng verbannt gewesen war, allmählich 
äne Umgestaltung hervorrufen werde? 

Aber wenn Theodosius diese Ehe schlofs trotz des Kriegslärms, 

reicher vom Westen und Osten seines Reiches nach Constantinopel 

-Ininüberschallte, so that er es gezwungen durch höhere Erwägungen, 

^Dhne etwa die Gefahren, welche ihm aus jenen Gebieten her drohten, 

.2SU verkennen; auch lag es nicht in der Art der umsichtigen Pulcheria, 

"^chtige Angelegenheiten leichtfertig zu behandeln. So sah denn das 

oströmische Reich der Zukunft nicht so unvorbereitet entgegen, als es 

siuf den ersten Blick scheinen möchte und mit der Hülfe Gottes, auf 

<ien sie und ihr kaiserlicher Bruder stets ihre einzige Hofihung setzten, 

gelang es demselben teils durch die Tapferkeit seiner Heerführer teils 

±ifo]ge eines unerwarteten günstigen Ereignisses, auf das man vorher 

jucht hatte rechnen können, seiner Gegner Herr zu werden. 

Die nächste Not drängte von Osten her, wo in den römischen 
Grenzlanden, wie merkwürdiger Weise berichtet wird, die dort statio- 
nierten Truppen aus näher nicht bekannten Gründen augenblicklich nicht 
zur Stelle waren *^); sonst wären Mesopotamien und Osrhoene durch 
ihre zahlreichen Reiterregimenter und Armenien durch seine Infanterie ^^) 
für den ersten Angriff mehr als gedeckt gewesen. Gleichwohl waren 
die Römer die ersten auf dem Kriegsschauplatz, unter der Führung 
des Ardaburius**), eines tapferen Feldherm, welcher in seinem Sohne 
Aspar seinem Vaterlande einen nicht minder tüchtigen Soldaten er- 
zog, nur dafs beide noch im arianischen Irrglauben befangen waren. 
Dieser brach zunächst aus dem römischen Anteil Armeniens ^®) in die 
persische Provinz Arzanene ein , verwüstete sie und brachte viele 
Gefangene ein. Das Schicksal dieser beklagenswerten Perser, deren 



") Socr. VIL i8. Vielleicht waren daran schuld der Aufstand des Plinta 
comes 418 oder die Soldatenaufstände 420, von denen Marceil. Com. zu diesen 
Jahren spricht. Vgl. Tillem. note 7 sur Th6odose. 

*«) Notitia Dign. ed. O. Seeck cap. XXXV. XXXVI. und XXXVIH. 

*^) Socr. VII. 18. ip^aaaq o Q(OfAal(ov ßaaiksvg dnoaxiXXei fiSQixrjv 
övvafjiiv, ^g rJQx^^ ^ atgari^yog ÄQÖaßovQiog, Joh. Ant. 195. Aspar wird 
Arianer genannt bei Theoph. zu 452 und Cedren p. 347. Dessen Sohn hiefs 
wieder Ardaburius. Priscus frgm. 20 und Suidas v. SsßijQiavog. 427 war 
Ardaburius Consul. Vgl. Sievers S. 483 S, und Series chron. Const. Cod. Th. 

^) Aufser Socrates a. a. O. berichtet noch über den Perserkrieg Theophan. 
zu 418 und Cedren p. 337. Zu Arzanene, das Cassiodor Hist. trip. XI. 15 Azanene 
und Theophanes Arzane nennt, vgl. Kiepert S. 79. 



250 

Erhaltung wegen ihrer Anzahl dem römischen Feldherm nicht möglich 
war, wäre wahrscheinlich ein langsamer Hungertod gewesen, hätte sich 
hier nicht der Bischof Acacius der römischen Grenzstadt Amida ins 
Mittel gelegt und durch sein nachahmungswertes Beispiel einen Beweis 
von der Opferwilligkeit der Geistlichen dieser Periode gegeben, wie 
man das Wort des Herrn von der Liebe gegen den Feind auch 
durch die That beherzigen könne. Dieser heilige Mann scheute sich nicht 
seinen Klerikern vorzuschlagen ^i), dafs die goldenen und silbernen 
Kirchengeräte veräufsert würden, um jene Unglücklichen loszukaufen 
und mit den nötigen Lebensmitteln zu versehen, ein Vorschlag, welcher 
die allseitige Zustimmung derselben fand und zur Verwunderung des 
Perserkönigs auch wirklich ausgeführt wurde. 

Inzwischen rückte der persische Feldherr Narsaeus heran, um 
die Römer zu vertreiben, wurde aber von Ardaburius aufs Haupt ge- 
schlagen.^'"^) Dennoch beschlofs Narsaeus, nachdem er sein Heer von 
neuem gesammelt hatte, durch Mesopotamien in die schutzlosen 
römischen Provinzen einzufallen, aber auch dies Unternehmen schlug 
fehl, da Ardaburius schleunigst aus Arzanene herangerückt war. Beide 
Heere trafen in der Nähe der persischen Grenzstadt Nisibis aufein- 
ander; da richtete Narsaeus an den Ardaburius, wie einst die Gimbem 
an Marius das Ansinnen, Ort und Zeit zu einer Entscheidungsschlacht 
zu bestimmen, allein Ardaburius wies es stolz zurück, und beide Völker 
zogen neue Verstärkungen an sich. Doch scheinen die Perser zunächst 
sich zurückgezogen haben, da es den Römern möglich war, sie in 
Nisibis mit Holztürmen und Mauerbrechern regelrecht zu belagern und 
selbst die Hülfe, welche den Eingeschlossenen von Aufsen gebracht 
wurde, ohne Erfolg zurückzuwerfen. Da rief .der Perserkönig zu seiner 
Unterstützung die nomadenhaften Reitervölker der syrisch-arabischen 
Wüste unter ihrem Könige Alamundarus herbei, der, ein edler, 
kriegerischer Mann, mit unzähligen Schwärmen der Sarazenen erschien 
und Vararam verhiefs, er werde ihm bald die Römer als Gefangene 
und das reiche Antiochia erobert übergeben. Aber sein stolzes Wort 
war zu früh gesprochen, denn, wenn wir auch nicht mjt dem 
Kirchenhistoriker Socrates, der uns hier als alleinige Quelle vorliegt, 
ein Wunder annehmen können, so steht doch soviel fest, dafs die 
Sarazenen durch ein elementares Ereignis ^3) beim Übersetzen über 



*^) Socrat. VII. 21; 6 d^eag ijfKov ovts öLaxmv ovxe noxriQifov /(»jJS«. 
ovxB yag iad-iei ovra nivei, inel fitj jtQogösijg iativ, 

*2) Socr. VII. i8. 

^') Sollte sich hierauf beziehen, was Theodoret V. 37 zum Perserkrieg be- 
richtet? und wohin gehört die Belagerung von Xheodosiopoli^ ebend«? 



251 

en Euphrat so grofse Verluste erlitten, dafs sie den Zug auf- 
^^ebend schleunigst wieder unokehrten. Dennoch hatte die Nachricht, 
<3ars der Perserkönig sogar mit Elephanten heranziehe, die Folge, dafs 
cüe bestürzten Römer ihre Belagerungsmaschinen in Brand steckten und 
£iuf die Einnahme von Nisibis verzichteten. 

Inzwischen langten die Verstärkungen des römischen Heeres 

^unter dem General Areobind^^), einem Gothen, an und gaben dem 

Kriege wiederum eine günstige Wendung, der übrigens aufser durch den 

oben erwähnten Antrag des Narsaeus an Ardaburius auch dadurch 

«in antikes Gepräge erhält, dafs Areobind im Zweikampfes^) einen 

übermütigen Perser, der ihn herausgefordert hatte, mit der Schlinge 

-vom Pferde gerissen und getötet haben soll. Jedenfalls neigte sich 

durch die Vernichtung von sieben persischen Feldherrn durch Ardaburius 

im Hinterhalt und die Besiegung der Sarazenen durch den Vitianus 

der Sieg entschieden auf die Seite der Römer, wovon die Nachricht 

infolge des trefflich eingerichteten Kourierdienstes sehr schnell in 

Constantinopel anlangte (6. Sept. 42 i).s<*) 

Doch bevor der endgiltige Friede mit den Persem abgeschlossen 
wurde, lief eine andere Nachricht ein, welche Pulcheria und Theodosius 
von einer schweren Sorge und Verantwortung befreite. Denn, wie 
oben erwähnt, begann Constantius, dessen Erhebung zum August von 
der oströmischen Regierung nicht anerkannt worden war, ernstlich zu 
rüsten, um seiner Stellung durch einen Krieg mit Ostrom den nötigen 
Rückhalt zu gewinnen; aber mitten in den Vorbereitungen dazu ent- 
rifs ihn eine Krankheit der Lunge nach kaum viermonatlicher Herr- 
schaft s**) seinem thatenreichen Leben, auf das Honorius und seine 
Schwester Placidia die weitgehendsten Hoffnungen gesetzt hatten. Nun 
5tand Honorius wieder schutzlos da, imd im Falle seines Todes war 
es um sein Reich schwach bestellt, denn selbst, gesetzt Theodosius 
würde den Valentinian als Kaiser anerkennen, so fehlte Westrom 



•*) Socr. VIT, 18 und vgl. Sievers S. 485. Areobind war 434 Consul. 

") Socr. a. a. O. Vgl. Cedren p. 337, der ihn comes foederatorum nennt. 
Ausführlich wurde der Zweikampf bei Joh. Mal. XIV. beschrieben, doch ist der 
Krieg, in welchem er hier erwähnt wird, wahrscheinlich ein späterer. 

56) Über die Schnelligkeit der Läufer vgl, Soc. VII, 19. Der hier erwähnte 
Courier Palladius wird auch während des Concils in Ephesus von Theodosius 
als Eilbote verwandt Harduin. Concil. coli. I. p. 1565. Er heifst hier magistrianus. 
— Das Datum bringt Chron. Pasch. 

^A) Olymp, frgm. 34. Prosp. Aquit. 421. Idac. ebenfalls, doch fälschlich 
im 3. Consulat (420.) Nach Theoph. im Jahre seiner Erhebung am 2. September. 
Ganz verkehrt Tiro Prosp. 423. dignitas — qua vix octo menses usus interiit. 
Vgl. Philost. XII. IG. Constantius Münzen vgl. bei Eckhel S. 175. 



252 

immer noch die starke Hand, deren es so sehr bedurfte. Für Ostrom 
freih'ch war dies Ereignis wieder eine Gabe des Geschickes, för die 
Theodosius Gott gewifs nicht genug danken zu müssen glaubte; es 
gewährte ihm im Osten freie Hand und eröffnete für die Zukunft die 
Möglichkeit, entweder noch einmal das weite Römerreich in einer 
Hand zu vereinigen oder doch wenigstens einen mafsgebenden £in- 
flufs auf die Westhälfte auszuüben. 

Trotz des günstigen Wechsels in den politischen Verhältnissen 
wollte der Kaiser, welchem der Krieg bei seiner aufrichtigen Frömmig- 
keit stets nur Mittel zum Frieden war und blieb, dem Zerwürfnis mit 
den Persem ein Ende machen und schickte daher einen hohen Hof- 
beamten Helio*''), welcher späterhin die Würde eines Kanzlers und 
Patricius erlangte, zum Kriegsschauplatz mit dem Auftrage Unter- 
handlungen anzuknüpfen. In Mesopotamien angelangt, wo die Römer 
einen Schutzwall und Gräben aufgeworfen hatten, entsandte er als 
besonderen Unterhändler einen sehr redegewandten Mann aus der 
Umgebung des Ardaburius Maximinus *8) mit besonderen Aufträgen 
an Vararam ab. Diesem erklärte Maximin, er komme nur vom 
römischen Feldherm, nicht vom Kaiser, der hiervon nichts wisse, und 
bitte um Vorschläge zum Frieden.^') Gern wäre der König auf seine 
Anerbietungen eingegangen, aber er fürchtete sich wegen seiner Leib- 
truppen, der sogenannten Unsterblichen ^% einen unvorteilhaften Frieden 
zu schliefsen, hiefs den Maximinus zunächst bei ihm bleiben und zog 
die Unterhandlungen in die Länge. Gleichwohl war er hinterlistig 
genug, diese Gelegenheit zu einem unerwarteten Angriff auf die Römer 
zu benutzen, welche sich während des Aufenthalts ihres Gesandten 
vor jeglicher Gefahr sicher wähnten. Die Perser hatten einen Hinter- 
halt gelegt, in welchem sich die Unsterblichen versteckt hielten, um 
den überraschten Römern den Rest zu geben, aber im entscheidenden 
Augenblick erschien der General Procopius**), fiel seinerseits den 
Feinden in den Rücken und bereitete den Unsterblichen den den 
Römern zugedachten Untergang. 



*') Er war 424 Com. et mag. offic. Cod. Th. I. 8, 3, ebenso 426. VI. 27, 
20; 427 patricius et mag. offic. VII. 8, 14. Xin. 3, 18; patricius auch bei Socr. 
VI. 24 und Olymp, frgm. 46. 

w) 424 Com. S. L. Cod. Th. XI. 21, 3. 426. X. 20, 15. 

*») Socr. Vn. 20. 

*») Vgl. Suidas v. d^avaxoi: fxvQioi JIbqcwv inlkexroi ovg ÄgSaßovQioq 
inl ßsoöoaiov ßccaikiotg 6ii(pd^€iQ€v xal ij<paviaev, 

**) Er war 424 mag. mil. per orientem. Cod. Theod. VII. 4, 36. 

«*) Socr. VII. 20. Marc. Com, 



253 

Nach diesem unglücklichen Verlaufe des Kampfes ^^) sah Vararam 
die einzige Rettung in dem sofortigen Abschluis des Friedens, obwohl 
er dem Maximin gegenüber so that, als wisse er von jenem Angrift 
nichts und wolle ihm persönlich einen Gefallen erweisen; doch sind 
wir über die Bedingungen desselben im Unklaren, es scheint, als ob 
der Status quo ante von beiden Seiten von neuem anerkannt worden 
ist Man kann sich denken, dafs die Friedensbotschaft (422) in den 
Herzen des Theodosius und seiner Geschwister den innigsten Dank 
gegen Gott hervorrief, der ihnen von neuem einen so wunderbaren 
Beweis seiner Gnade gegeben und sie von allen drohenden Gefahren 
errettet hatte. Aber sie jubelten nicht allein, denn ihr Beispiel regte 
viele zu lobpreisenden Reden an, welche die Thaten des Perserkrieges 
verherrlichten, und vor allem fand die jugendliche Gemahlin des Kaisers 
gleich im Anfang ihrer Ehe in denselben einen würdigen Gegenstand, 
in dem sie ihre grofse poetische Begabung in heroischem Versmafs 
bethätigen konnte.<^3) 



Viertes Kapitel. 



Geburt der Eudoxia — Verhältnis Placidia's zu Honorius nach dem Tode des 
Constantius. — Verbannung der Placidia mit ihren Kindern in den Orient. — 
Honorius stirbt 15. Aug. 423, — Geheime Mafsregelh des oströmischen Hofes. 

— Johannes, primicerius notariorum, wird in Italien zum Kaiser erhoben. — 
Seine Gesandtschaft nach Constantinopel. — Ardaburius, Aspar und Candidian 
werden gegen ihn geschickt. — Valentinian zum Caesar erhoben. — Des Arda- 
burius unglückliche Expedition zur See und Gefangennahme. — Aquileia genommen. 

— Ardaburius und Aspar siegen durch Verrat. — Johannes wird hingerichtet. 
Valentinian wird von Theodosius in Rom zum August ernannt 23. Oktob. 425. 

— Sieg über die hunnischen Hülfsvölker. — Fürsorge des Theodosius für Illyrien. 

— Aufserordentliche Besteuerungen werden notwendig. — Professoren und Arzte 

unter den Kaisem. — Die Gründung der Universität Constantinopel. 

Das Jahr 422 brachte Theodosius, vielleicht noch vor dem Ab- 
schlufs des Perserkrieges, ein anderes freudiges Ereignis, die Geburt 
einer Tochter, welche wie die Enkel in diesen Zeiten gewöhnlich nach 
ihren Grofsvätem benannt wurden, im Andenken an die Mutter des 
Kaisers in der heiligen Taufe den Namen Eudoxia^) empfing. Zwar 



^) Socr. Vn. 21. Gregorovius, welcher S. 251 if. von den Dichtungen der 
Kaiserin handelt, erwähnt diese Nachricht nicht, obwohl der ganze Zusammen- 
hang bei Socr. darauf hinweist, dafs ihr der Sieg über die Perser Veranlassung 
zum Dichten gab. 

*) Marc. Com. Vgl. Chron. Pasch, zu 421. Socrat. VH. 44. Euagrinsl. 20. 
Sievers S. 431. 



«54 

war dadurch die Hofinung auf den erwarteten Thronerben wieder 
in die Zukunft gewiesen, dennoch war gewifs die Freude über die 
Geburt im Kaiserpalast zu Constantinopel allgemein, und wer eine 
kühne Phantasie besafs, weissagte der kleinen Prinzessin wohl die 
Kaiserkrone, ohne zu ahnen, dafs dieser Traum sich einst verwirklichen 
sollte. Jedenfalls fafste Eudoxia dadurch immer mehr festen Fufs in 
der Familie des Theodosius, in welche sie verhältnismäfsig doch fremd 
eingetreten war, und so konnte ihr nun nicht länger der Titel der 
Augusta entzogen werden, welchen vor ihr alle Kaiserinnen getragen 
hatten. Er wurde ihr am 2. Januar*) des folgenden Jahres zu teil, 
doch änderte diese Erhebung vor der Hand nichts in den Zuständen 
am Hofe, wo Pulcheria nach wie vor das entscheidende Wort sprach, 
während ihr kaiserlicher Bruder nur seinen Namen zu den Rescripten 
hinzufügte. 

Lenkte so thatsächlich eine Frau, wenn auch mit männlichem 
Sinn ausgestattet, das weite Gebiet des östlichen Römerreichs, so 
entwickelten sich die Verhältnisse im Occident derartig, dafs wenige 
Jahre später auch dieser den Geboten eines Weibes gehorchte.^) In 
Westrom nämlich führten die nächsten Jahre nach dem Tode des 
Constantius äufserst wichtige Veränderungen herbei, welche das Ost- 
reich lebhaft in Spannung versetzten und schliefslich stark in Mitleiden- 
schaft zogen. Infolge des Verlustes ihres Gemahls hatte sich Placidia 
wie natürlich zunächst auf das Engste an ihren Bruder angeschlossen, 
welcher ihr auch Mitgefühl und die wärmste Liebe entgegenzu- 
bringen schien.*) Allein wie so oft die vertrautesten Verhältnisse, eben 
weil sie zu vertraulich geworden sind, in argen Hafs, Mifstrauen und 
grimmige Feindschaft umschlagen, so trat auch plötzlich hier eine auf- 
fallende Kälte zwischen den Geschwistern ein, für welche der Grund 
in persönlichem Zwist gesucht werden mufs; doch wissen wir über ihn 
nichts Näheres, als dafs zwei Frauen in der Umgebung Placidias, 
Spadusa**) und ihre ehemalige Amme Elpidia, den Streit schürten, 
worin sie von dem Haushofmeister der Augusta Leonteus eifrig unter- 
stützt wurden. Es war also eine Kabale, wie sie so oft an Höfen 
auftritt, zumal an solchen, wo die Herrscher schwach sind und die 
Macht in den Händen von Frauen oder Eunuchen liegt. 



') Chron. Pasch. 

8) Vgl. V. Wietersheim IL«- S. 184. 

*) Olymp, frgm. 40. Vgl. Sievers S. 451. 

**) Hansen de vita Aetii diss. Dorpat. 1840, vermutet S. 26. Anm. 46., 
dafs Sndöovaa gleich bedeutend sei mit der von Prosp. Aquit. 430 erwähnten 
Gemahlin des Felix Padusia. 



255 

Hier aber blieb sie nicht auf die Palastmauem beschränkt, sondern 
^land noch auf der Strafse Wiederhall und blutigen Austrag; denn 
SLUch Piacidia hatte durch ihre Vermählung mit Athaulfnoch immer 
.Anhang unter den Soldaten gothischer Abstammung und nicht minder 
<:3urch die Heirat mit Constantius, welcher die Zuneigung des ganzen 
lE^eeres genossen hatte, unter den römischen Truppen. Es kam daher 
^u manchem heifsen Zusammenstofs zwischen der Leibwache des 
Honorius und den Parteigangern seiner Schwester, welche nicht ohne 
gefährliche Verwundungen hüben und drüben abging. Der Zwist 
2swischen den Geschwistern erreichte endlich, geschürt von der- 
jenigen Partei am Hofe, welche am liebsten den Valentinian und 
T^lacidia von der Nachfolge auf dem Thron verdrängt hätte und zu 
<ler auch der General Castinus gehörte, den Grad von Feindschaft, 
<iafs Honorius die Augusta samt Honoria und Valentinian wie eine 
politische Verbrecherin ihrer Titel beraubte und aus seinen Landen 
verwies.*) 

So mufste die jüngste Tochter des grofsen Theodosius<^), welche 
schon in den Jahren, welche sonst die schönsten des Lebens sein 
sollen, das schwere Geschick barbarischer Gefangenschaft in den 
Gebieten getragen hatte, welche ihr Vater mit dem Blute seiner Tapferen 
den Tyrannen wieder abgewonnen hatte, noch im reiferen Alter, wo 
sie dem Throne bereits so nah gewesen war, mit ihren unmündigen 
Kindern heimatlos über das Meer irren, um im fernen Orient in 
Constantinopel, wo auch ihre Wiege gestanden, um freundliche Auf- 
nahme zu bitten. Aber sie war nicht ungetröstet, denn ihr kam gewifs 
ins Gedächtnis, wie ihre eigene Mutter in Begleitung der Justina einst 
vor dem Tyrannen Maximus in den Orient geflohen war und hier 
nicht nur eine bleibende Stätte, sondern sogar die Krone der Augusta 
gefunden hatte ''), und aufserdem wufste sie, dafs sie eine starke Partei, 
welche ihr wohlwollte, im Westen zurückliefs. Wenigstens einer von 
den Grofsen, Bonifacius, der tapfere Verteidiger Massilias gegen Athaulf 
und jetzt Statthalter der wichtigen Provinz Africa, blieb ihr in uner- 
schütterlicher Treue ergeben 8), wovon die Geldsendung, welche er 
ihr damals zufliefsen liefs, und seine sonstige Bereitwilligkeit ein un- 
verkennbares Zeugnis ablegten. 

In Constantinopel fand die Augusta von selten des Theodosius, 

*) Olymp, ibid. MarceU. Com. giebt die Zahl, aber unrichtig in Bezug auf 
die Namen der Kinder. Vgl. Olymp, frgm. 46, Tiro Prosp., Cod. Theod. I. 6, 1 1 
V. 6. Aug. 423. 

•) Vgl. Sievers S. 447. 

7) G. S. 153. 

^) Olymp, frgm. 21 und 40. Vgl. Marc. Com. zu 422 und Sievers S. 450. 



256 

seiner Gemahlin und seiner Geschwister, trotz der Nichtanerkennung 
des Constantius eine angemessene Aufnahme, während Honorius ganz 
in den Händen seiner Günstlinge verblieb. Da auch Placidia gleich 
ihrem Gemahl zuletzt eine Beschützerin des orthodoxen Bekenntnisses 
gewesen war, so konnte sie sich in das eintönige, halb klösterliche 
Leben des Hofes am Bosporus und in die Persönlichkeiten der Eudoxia, 
Pulcheria und ihrer Schwestern leicht hineinfinden, denen sie in dem 
Palaste, welcher ihr eingeräumt wurde und nachmals ihren Namen 
trug^), auch räumlich nahe blieb. 

Aber das Ereignis, auf welches Theodosius durch Placidia schon 
vorbereitet war, der Tod des Honorius an der Wassersucht, trat früher 
ein, als man erwartet hatte, wenige Monate nach der Ankunft der 
Flüchtlinge in Constantinopel am 15. August 42 ^A^) Es ist hier nicht 
die Aufgabe, den Thaten oder Unterlassungssünden dieses entarteten 
Sohnes des Theodosius ein endgiltiges Urteil zu sprechen, seine 
unmännliche Schwäche und sein Mangel an Einsicht sind indes mehr- 
fach auch in unserer Darstellung aufs deutlichste hervorgetreten und 
beweisen, dafs jene Anekdote ^>), nach welcher er auf die Nachricht 
von der Einnahme Roms durch Alarich verwundert ausrief: „Sie hat 
aber doch eben erst Futter aus meiner Hand genommen!'' und dann 
von dem Eunuchen belehrt, dafs nicht seine Henne Roma, sondern 
die ewige Stadt gemeint sei, weniger erschreckt geantwortet habe: 
„Ach so, ich glaubte, du meintest das Huhnh' wenigstens gut erfunden 
ist, falls sie nicht auf Wahrheit beruht Für Ostrom aber war das 
Hinscheiden dieses Fürsten, der kinderlos starb, ein Ereignis von der 
höchsten Bedeutung, da Theodosius ohne Frage der einzige erbbe- 
rechtigte Angehörige des Verblichenen war, und noch einmal sollte 
sich also in der Hand eines Mannes fast das ganze ehemalige 
Römerreich vereinigen. 

Schwerlich hatten Theodosius und seine Beraterin Pulcheria von 
vornherein die Absicht, den westlichen Anteil der Leitung eines anderen 
anzuvertrauen, sondern zunächst nur den festen Entschlufs, sich das 
zugefallene Erbteil auf keinen Fall entwinden zu lassen. < 2) Wären 



^ Notitia urbis CP. ed. O. Seeck S, 237. Er lag in der zehnten Region. 

*®) Das Jahr bei Marc. Com. Prosp. Aquit. (Unrichtig Idac. und Philost. XII. 
II.) Das Datum giebt Olymp, frgm. 41 auf den 27. Aug. an, Socrates VII. 22 (und 
Theoph.) auf den 15. Aug. Vgl. Sievers S. 451. v. Wietersheim S. 185 hat falsch 
subtrahiert. 

") Procop. de hello Vandal. I. 2. 

1') Dagegen ist nicht anzunehmen, dafs Theodos. noch nach der Nieder- 
werfung des Johannes schwankte, wem er das Reich übergeben solle, wie Socr. 
VII. 24. meint. Vgl. v. Wietersheim S. 185 ff. 



257 

Tlacidia und ihre Kinder in Italien geblieben und nicht verbannt 
ivorden, wer weifs? ob nicht Valentinian, der Sohn des einstigen Mit- 
Tegenten Constantius, und in seinem Namen die Mutter Pladdia ohne 
weitere Stöhmgen und auch anerkannt vom oströmischen Hof die 
Erbschaft des Oheims angetreten hätte; nun aber, wo sie als Flücht- 
linge in Constantinopel Zuflucht gesucht hatten, war ihr Rechtsanteil 
mehr als je von der Güte und Entscheidung des Theodosius abhängig. 
Indes bei der völligen Verwaistheit des westlichen Reiches und dem 
Vorhandensein einer Partei, welche von der Rückkehr der Pladdiä 
und einer ihr günstigen Regierung alles befurchten mufste, war vor- 
auszusetzen, dafs das Staatsschi£f nicht ohne Unterbrechung der 
Fahrt und verhängnisvolle Stürme in den Hafen der Rühe einlaufen 
werde. 

Die Regierung in Constantinopel machte daher den Tod des 
Kaisers nicht sogleich bekannt ^3), sondern schickte, um zu verhindern, 
dafs in Illyrien sich Widerstand gegen die Übernahme der Regent- 
schaft zeige, heimlich eine starke Truppenabteilung in diese weströmische 
Provinz mit dem Auftrage sich des wichtigsten Hafenortes an der 
adnatischen Küste, Salonae, zu bemächtigen. Dann erst wurde die 
Trauerbotschaft veröffentlicht und eine officielle Landestrauer geboten, 
welche sogar dem schaulustigen Publikum der Hauptstadt das Opfer 
^ebentägiger Enthaltung von den Vergnügungen im Hippodrom auf- 
erlegte.*^) Inzwischen aber lief eine Nachricht ein, welche die Be- 
fürchtungen hinsichtlich der Folgen des Todesfalles für das Westreich 
nur zu sehr bestätigten. Denn die Hofpartei ^^) , welcher vor kurzem 
Placidia hatte weichen müssen und die durch den General' CastinusV^) 
eine mäditige Stütze auch im Heere hatte, suchte ihrem voraussicht- 
lichen Sturze durch das so oft versuchte Mittel der Erhebung eines 
Gegenkaisers zuvorzukommen und fand eine gedgnete und willige 
Persönlichkeit in einem hohen Ministerialbeamten, dem Primicerius 
notariorum Johannes*''), auf den allerdings in Rücksicht auf den 



^3) Socr. VII. 23. Zu Salonae vgl. Mommsen Rom. Gesch. V. S. 184 ff* 

") Theoph. zu 415. 

^*) Procop. de hello Vand. I. 3. 

^^) Prosp. Aquit. 423 : connivente ut putatur Castino. Er hatte 422 unglück- 
lich gegen die Vandalen in Spanien gekämpft. Prosp. Aquit. Idac. chron. Salvian. 
de gubernat. dei. VII. Vgl. Mannert Gesch. der Vandalen S. 40 ff. Papencordt 
Gesch. der vand. Herrschaft in Airica S. 16. 

") Aufser Prosp. vgl, Marc. Com, zu 424, Philost, XII. ii, Socr. VII. 23. 
Olymp, frgm. 41. Joh. Ant. frgm. 195. und die abgeleiteten Quellen, v. Wieters- 
heim S. 186 nennt ihn Oberhofiiotar ; es. war das erst die zehnte Charge in der 
Rangordnung des Hofes. Vgl. Not. Dign. Cap. I. 

17 



«8 .^ 

gewöhnlichen Ausgang aller Usurpatoren mit mehr Recht das damals 
m Umlauf kommende geflügelte Wort: ^Er fallt und steht nicht!" 
anzuwenden vrar als die Umkehrung dieses Satzes durch das VolL 
Politisch hervorgetreten war der neue Imperator Johannes in den vor- 
angehenden Jahren ebenso wenig wie einst der Usurpator Eugenius ^% 
der sich in gleicher oder ähnlicher Stellung befiänd und vom Franken 
Arbogast nur zum Deckmantel seiner eigenen Herrschaftsgelüste auf 
den unsicheren Thron erhoben worden war, auch von seinen persön- 
lichen Eigenschaften wissen wir so gut wie nichts, da die Bemerkungen 
emes viel späteren Geschichtsschreibers i*), welcher ihn als einen ver- 
ständigen, mäfsigen Mann von mildem Gemüt schildert, nur nodt Vor- 
sicht aufzunehmen sind. Wie alle Thronräuber zunächst den Versuch 
machen, sich von dem rechtmäfsigen Staatsoberhaupt die Anerkennung 
zu verschaffen, welche dem Tyrannen Constantinus vor gar nicht langer 
Zeit wirklich von dem geängstigten imd übel beratenen Honorius an- 
fangs zu teil geworden war, so sandte auch Johannes einige Männer 
nach Constantinopel, welche den Mut hatten den heiklen Auftrag zu 
übemehmen.2<)) Hier fanden sie und jedenfalls mit besserer Begründung 
eine ähnliche Aufnahme, wie sie einst die Abgesandten des römischen 
Bischofs von selten der Organe des Arcadius erfahren hatten, denn 
sie wurden unter Verletzung der sonst im Völkerrecht üblichen Ge- 
wohnheiten als Gefangene behandelt und in verschiedenen Orten der 
Propontis als Verbannte festgehalten. 

Nach solchen Er£ihrungen war Johannes nicht mehr im Unklaren 
über die Absiditen des oströmischen Hofes, er traf daher auch seiner- 
seits alle Vorkehrungen zur Abwehr des bevorstehenden Angriffes und 
schickte einen gewandten Offizier, den Aetius, zu den hunnischen 
Völkern, um möglichst schnell eine Schar von Hülfstruppen herbeizu- 
führen. Inzwischen hatte auch Theodosius im Einverständnis mit seiner 2^) 
Schwester Pulcheria seinen Entschlufs in betreff der Kriegsföhrung 
und des endgiltigen Schicksals der zu erobernden Westhälfte gefafst: 
Nicht im Lager aufgewachsen und im Waffenlärm wollte er persönlich, 
ebenso wie es Arcadius und Honorius zu thun pflegten, dem Feld- 
zuge fem bleiben, obwohl ihn die Anwesenheit der Pulcheria in Con- 
stantinopel wohl abkömmlich gemacht hätte; er übertrug daher die 
Leitung der Operationen dem bereits aus dem Perserkriege rühmlichst 



**) Ausführlich behandelt bei G. S. 214 £f. 
*•) Procop. I. 3. 

«0 Philost. XII. II. Theoph. 415. 

^*) Prosp. Aquit. zu 425. Prosp. Tiro. Ren. Prof. Frig. bei Gregor. Tur. 
II. 8, Vgl. Hansen de vita Aetii L S. 31. 



«59 

bekannten Feldherrn Ardaburius, welchem als Generale sein Sohn 
Aspar und Candidian^^^, welcher einst die Heirat der Placidia 
mit Athaulf vermittelt hatte und wahrscheinlich mit ihr nach dem 
Orient gegangen war, als genauer Kenner der occidentalischen 
Verhältnisse und des Terrains beigegeben wurden. Als Trägerin der 
kaiserlichen Autorität aber entschlofs sich Theodosins seine Tante 
Placidia und seinen jungen Vetter Valentinian mitzusenden ^3), denen 
er daher ihre ehemaligen Würden erneuerte. 

Diese Erhebung der Placidia zur Augusta und des fünfjährigen 
Valentinian zum Caesar, welche Thedosius in Thessalonich durch den 
Kanzler und Patricius Helio vornehmen liefs^^), wäre gewifs ebenso 
wie die Mitsendung der beiden unterblieben, wenn er nicht in Über- 
einstimmung mit Pulcheria sich schon endgiltig dahin entschieden ge- 
habt hätte, das eroberte Westreich seinem jungen Verwandten unter 
der Leitung der Mutter anzuvertrauen. Doch wurde ihnen diese Aus- 
sicht nicht ohne bindende Versprechungen in Bezug auf eine Ab- 
rundung der NW.-Grenze Ostroms, die Verwaltung des Occidents 
und die Richtung der einzuschlagenden Politik erö&et, welche dadurch 
noch eine festere Grundlage erhielt, dafs, so weit man es von so 
jugendlichen Menschenkindern sagen darf, dieTochter derEudocia 
mit dem Sohne der Placidia feierlich verlobt wurde.'^) Und 
hierin haben wir einen nicht unwesentlichen Fingerzeig zur Erklärung 
der Entschliefsung des Theodosius, denn Eudoda wird nicht müde 
geworden sein, den erfreulichen Gedanken, ihre Eudoxia dermaleinst 
auf dem Throne Westroms zu sehen, auf das lebhafteste zu betreiben 
und ins Werk zu setzen. So sollte denn von neuem die Reichsein- 
heit durch das Band enger Blutsverwandtschaft gestützt und erhalten 
werden. 

Inzwischen hatte das oströmische Heer den beschwerlichen, aber 
oft betretenen Weg in den Occident angetreten, die Infanterie unter 
Ardaburius, die Reiterei unter Aspar, und war zusammen mit seinen fürst- 
lichen Begleitern in Salonae angekonmien.^^^) Hier trennten sich die 
Heerführer, da Ardaburius auf der in Salonae in Dienst gestellten Flotte 
mit den Fufstruppen eine Landung an der italischen Küste am Nord- 
rande des Istiischen Busens versuchen wollte, indes Aspar und 



^ Socr, VII. 23. Phil. a. a. O. Olymp, frgm. 46. Zu Candidian vgl. 
Olymp, frgm. 24 und Sievers S. 439. 
«») Philost. a. a. O. 

^*) Prosp. Aquit. 424. Olymp, frgm. 46. Marc. Com. 
**) Marc. com. 424. Vgl. v. Wietersheim S. 379 und Gregorovius S. 125. 
^) Philost. und Socrat. a. a. O. 

17* 



26o 

Candidian ^'') mit den übrigen vorwiegend aus Reitern bestehenden 
Abteilungen den Landweg über Sirmium durch Pannonien einschlugen, 
durch den bekannten Pafs der Julischen Alpen in Italien einbrechen 
und sich dann mit Ardaburius wieder vereinigen wollten. Aber während 
es den letzteren gelang, ihren Operationsplan, ohne Widerstand zu 
finden, auszufuhren und sogar das feste durch seine Waffenfabriken 
wie seine Lage wichtige Aquileja^s) einzunehmen, scheiterte die Ab- 
sicht des Ardaburius an dem Eintritt eines heftigen Sturmes, welcher 
seine Transportflotte auseinanderwarf und ihn selbst nebst zwei Drei- 
ruderem an die italische Küste trieb, wo die in Ravenna stationierte 
Flottille des Johannes treue Wacht hielt und ihn samt seiner Begleit- 
mannschaft gefangen nahm.^') 

So günstig dieser Fang für den Usurpator war, so sehr schlug 
die unglückliche Expedition des Ardaburius Placidia und die oströmischen 
Feldherm für den Augenblick nieder, und die Operationen gerieten 
in ein unheilvolles Stocken, ja der ganze Feldzug wäre erfolglos 
ausgefallen, wenn Johannes selbst mehr Überlegung und Klugheit be- 
sessen hätte. In der Annahme nämlich, dafs der Verlust eines so 
tüchtigen Feldherm wie Ardaburius den oströmischen Kaiser sehr 
schmerzlich berühren werde, wiegte er sich in der Hoffnung durch 
eine glimpfliche Behandlung seines Gefangenen auf Theodosius ein- 
wirken und sich selbst gegen Herausgabe desselben die Krone erhalten 
zu können. Auch fühlte er sich, so lange der erwartete Zuzug von 
den Hunnen nicht zur Stelle war, dem oströmischen Heere nicht ge- 
wachsen, da er einen Teil seiner eigenen Truppen zur Eroberung 
des von Bonifacius tapfer verteidigten Africas ausgesandt hatte.^®) Er 
hatte sich jedoch zum eignen Schaden in der Person des Ardaburius 
getäuscht, denn dieser benutzte die ihm zu teil gewordene freie Be- 
wegung in Ravenna dazu, mit den obersten Hofbeamten des Johannes 
sowie besonders mit den abgesetzten Generalen des Honorius eine 
enge Verbindung anzuknüpfen und sie zu einem Verrat an dem Usur- 
pator zu bewegen. Nachdem er so fast die ganze Umgebung desselben 
auf seine Seite gebracht hatte, liefs er durch einen geheimen Eilboten 
seinem Sohne Aspar**), der noch immer in Aquileja erwartungsvoll 
und ratlos stand, die ersehnten Nachrichten zugehen, welche die ost- 



^) Sievers S. 452 und v, Wietersheim S. 186 nehmen an, dafs auch Candidian 
die Expedition zur See mitmachte. 

M) PhUost. XII. II ist Hauptquelle. 

29) Vgl, Olymp, frgm. 46. Socr. VII. 23. (Joh. Ant. frgm. 195.) 

^ Prosp. Aquit. zu 424. 

31) Philost. a. a. O. 



26l 

römische Reiterei zu schnellem Zuge auf Ravenna veranlafsten, während 
auch Candidian^^) mit dem Reste der Truppen von neuem vorging 
und eine Anzahl Städte eroberte. 

Aspar trieb aber nicht nur der Ruf des Vaters zur Eile an, 
sondern auch die berechtigte Befürchtung, Aetius könne mit den er- 
warteten hunnischen Hülfstruppen herbeieilen und die Hofihung au^ 
das Gelingen vereiteln. So erschien er denn mit ungewöhnlicher 
Schnelligkeit jenseits des Po, besiegte mit Hülfe des Verrats die ihm 
entgegengesandten Reiter des Johannes in einem Treffen, gelangte 
mit Unterstützung eines ortskundigen Hirten '3) durch die gefahrlichen 
Sümpfe und Kanäle, welche Ravenna von der Landseite her so unein- 
nehmbar machten ^'^), befreite den Vater und nahm den nunmehr von 
allen verlassenen Usurpator widerstandslos gefangen, der darauf za 
Pladdia nach Aquileja gebracht wurde, um sein nicht zweifelhaftes 
Urteil zu erfahren. Hier wurde ihm zunächst, weil er seine Hand 
gegen den rechtmäfsigen Kaiser erhoben hatte, die rechte abgeschlagen, 
darauf wurde er auf einem Esel reitend zum Spott und Hohn durch 
den Cirkus geführt und endlich hingerichtet'^) 

Wäre Aspar nur zwei Tage später vor Ravenna erschienen, so 
würde Johannes nicht nur nicht gefangen worden, sondern wahrschein- 
lich auch auf lange Zeit noch Kaiser geblieben sein, deim am dritten 
Tage nach der Katastrophe traf der zu den Hunnen entsandte Aetius 
mit 60000 Mann barbarischer Hülfstruppen vor Ravenna ein'^^) und 
begann den Kampf auf eigne Faust gegen Aspar fortzusetzen, da seine 
Krieger nicht umsonst den weiten Marsch unternommen haben wollten. 
Indes, da der Usurpator tod war und Aetius selbst keine Neigung 
hatte, das Loos eines Tyrannen zu übernehmen, so liefs er sich auf 
Unterhandlungen mit Placidia ein und machte endlich seinen Frieden 
mit ihr unter der Bedingung, dafs er selbst straflos und in seiner 
Stellung als Comes im römischen Heere verbleibe, wogegen er die 
Barbaren durch Geldspenden bewog friedlich wieder abzuziehen. Doch 



32) Olymp, frgm. 46. 

33) Socrat. VII. 23. So ist es in Wirklichkeit gewesen, während Socr. in 
dem Hirten den Engel des Herrn sehen will. 

3*) Jordan, c. 39 : Habet ab Oriente mare . . . ; ab occidente vero habet 
paludes, per quas uno angustissimo introitu ut porla relicta est. A septentrionali 
qnoque plaga ramus Uli ex Pado est, qui fossä vocatur Asconis. A meridie idem 
ipse Padus etc. Vgl. Pallmann II. Beil. Kiepert S. 329 und Güldenpenning Über die 
Besiedelung der Meerbusen S. 8 und die Karte. 

3^) Philost. Olymp., die Chronisten a. a. O,, aufserdem Procop, I. 3. 

»•) Philost. Xn. 12. Prosp. Aquit. 425. Vgl. Hansen I. S. 32 ff. v. Wieters- 
heim S. 187. Sievers S. 463 ff. 



202 

mufsten sie ihm daraufhin ein eidliches Versprechen geben und Geiseln 
stellen; den magister militum Castinus'^) dagegen traf die Strafe der 
Verbannung. 

Mit Recht machen diejenigen, welche über den Verlauf dieses 
Krieges berichten, darauf au&nerksam, dafs in demselben weniger 
Ts^ferkeit und ehrlicher Kampf, als vielmehr glückliche Zufalle und 
List den Ausschlag gegeben haben; Theodosius aber erblickte in dem 
günstigen Ausfall des Kriegszuges noch eine höhere Hand und forderte 
daher, als ihn die Nachricht vom Siege der Seinen gerade während 
der Circensischen Spiele gemeldet wurde, das Volk alsbald auf, die 
irdische Lustbarkeit üahren zu lassen und mit ihm in die Kirche zu 
ziehen, um dem Herrn der Heerscharen den geziemenden Dank ab- 
zustatten, worauf die in ihren Stimmungen so leicht beweglichen Be- 
wohner der Hauptstadt auch sogleich eingingen und in feierlichem 
Zuge Psalmen singend sich in das Gotteshaus begaben.^^) 

Da nach der Besiegung des Tyrannen und der Beruhigung des 
weströmischen Heeres der endgiltigen Einsetzung des Valentinian zum 
Kaiser des Occidents nichts mehr im Wege stand, gedachte Theodosius 
die erste gröfsere Reise seines Lebens zu unternehmen und persönlich 
zur Ordnung der Verhältnisse nach Westrom sich zu begeben, allein 
imterwegs ergriff den an und für sich nicht kräftigen Fürsten eine 
Krankheit, welche ihn nötigte, in Thessalonich halt zu machen und 
endlich seinen Plan ganz aufzugeben.'^) £r gab daher seinem vertrauten 
Kanzler und Patridus Helio den ehrenvollen Auftrag, in seiner Ver- 
tretung die ELrönung des jungen Valentinian vorzunehmen, zu welchem 
Zweck ihm das Diadem und das kaiserliche Gewand eingehändigt 
wurden. Zu derselben Zeit verliefsen auch Placidia und ihre Kinder 
das feste Aquileja^^) und langten gegen die Mitte des Oktobers 425 
in dem seit Honorius zur Residenz erhobenen Ravenna an, während 
am 23. Oktober^^) inRom unter dem Zuströmen von schaulustigen 



•^ Prosp. Aquit. 

3«) Socr. VII. 23. 

*) c. 24. 

^) Placidia und Valentinian blieben bis zum 8. Oktob. 425 in Aquileia 
Cod. Theod. XVI. 2, 47. 

*») Das Jahr bei Prosp. Aquit. Marc. Com., nur die Thatsachc Philost. a. a. O. 
Olymp, frgm. 46. Das Datum geben Chrpn. Pasch, und Socr. VII. 25. Wenn 
nun Sievers S. 453 sich dahin äufsert, dafs der 23. Oktob. nur der Tag der Ver- 
kündigung in Constantinopel war, so hat er allerdings die Meinung des Socr. und 
die Praxis des Chron. Pasch, für sich, indes, wenn Placidia und Valentinian 
nachweislich noch am 8. Oktob. in Aquileia waren, so konnte Val. zwar vor 
dem 23. Okt. in Rom gekrönt werden, aber die Nachricht davon auf keinen Fall 



«03 

Menschen aus ganz Italien die feierlicfae Inthronisation Valen* 
tiniäns III. durch Helio auf Befehl des Theodosius stattfand. Durch die 
schnelle Art, wie es dem oströmisch^i Kaiser gelungen war, das Erbe 
des <%eims ungeschmälert anzutreten und den ihm entg^^eintretendeti 
Usurpator zu überwältigen, wurde der Ruhm, welcher schon durch 
die Siege des Perserkrieges den Lorbeer um die unkriegerische Stirn 
des Theodosius wand, bedeutend erhöht und die römische Welt von 
neuem mehr als je auf den zeitweise in Vergessenheit geratenen Ge» 
danken der Reichseinheit wieder hingeführt, welcher durch diese 
Ereignisse unterstützt für viele Jahre nicht mehr verschwand. Theodosius 
besonders, dem es vergönnt war, dem weströmischen Reidi einen 
Sprofs aus der Dynastie der eignen Ahnen als Herrscher zu geben« 
hat während seiner ganzen Regierung nie aufgehört die wediselvoUen 
Schicksale des Nachbaxreiches mit ungeteilter und bisweilen werk« 
Üiätiger Teilnahme zu begleiten, wie er denn bei der grofsen Jugend 
des Valentinian sdion verpflichtet war, ein wachsames Auge auf die 
Vorgänge am weströmischen Hofe zu richten. 

£s war somit von ihm durch die Gunst der Umstände ein ähn- 
liches Verhältnis herbeigeführt worden, wie es einst sein grofser Ahn- 
herr durch die Niederwerfung des Maximus geschaffen hatte, als neben 
ihm der jugendliche Valentinian IL unter der Leitung seiner Mutter 
Justina wenige Jahre im Ocddent^^^ herrschte. Aber insofern hatten 
sich die Umstände gewaltig geändert, als dieser Valentinian III. nicht 
wie jener noch über Britannien, Spanien, Gallien, Africa und Italien in 
ungeschmälerten Umfange gebot, sondern seine Macht sich aufser auf 
Italien und Africa nur noch auf einen Teil Galliens und Spaniens 
erstreckte; und auch dieser war ihm kein sicherer Besitz, da noch in 
dem Jahre der Thronerhebung 425 der Westgothenkönig Theodorich 
in Gallia Narbonensis eingebrochen war und Atelate, damals die 
Beherrscherin der Mündungen des Rhodanus, belagerte, von dem ihn 
erst Aetius wieder unverrichteter Sache zurücktrieb. 

Dagegen schlofs sich an die Niederwerfung des Johannes noch 
ein NachspieH^), welches eine Erweiterung des weströmischen Reichs 



bereits an diesem Tage in Constantinopel gemeldet sein. Ich nehme daher an, 
da£5 das Datmn der Erhebung schon früher mit Theodosius vereinbart war und 
das Ereignis mit der Verkündigung in CP. zusammenfieL (VgL v. Wietersheim 
S. 187.) Die erste Verfügung Valent. aus Rom ist erst vom Jan. 426. Cod. 
Th. X. 26, 2, 

*») VgL G. S. i6iff. 

*^ Prosp. Aquit. Vgl. v.Wietersh. S. 188 und' S. 379. Anm. 2. Sievers S.453« 

**) Über diesen Vorfall berichtet nur Socrat. VII. 43. Doch während er 

ausdrücl^lich sagt, es seien die dem Job. zugefuhrten Söldner gewesen j lafst er 



204 

nach Osten zu zur Folge hatte. Die hunnischen Völker nämlich, 
welche Aetius für den Tyrannen herbeigeholt hatte und durch ihn 
wieder zum Abzüge bewogen waren, achteten, wie es scheint, nicht 
die Schwüre und das Leben ihrer Geiseln, sondern üngen, als sie 
Italiens Grenzen im Rücken hatten, an, in Pannonien nach Feindesart 
zu verfahri^ und auch das oströmische Gebiet zu verletzen. Da das 
weströmische Reich förerst der Ruhe bedurfte, um seine in Unordnung 
geratene Verwaltung wieder zu ordnen, so fiel, zumal auch Aetius im 
Westen beschäftigt war, die Sorge und Abwehr der Eindringlinge 
wiederum Theodosius II. zu. Nach der wunderbaren Auffassung eines 
Zeitgenossen wurde der Hunnenführer Rhu gas nicht durch Waffen- 
gewalt vom römischen Boden vertrieben, sondern elementare Ereignisse 
wie Unwetter imd Pest sollen die Feinde so zu Paaren getrieben 
haben, dafs es dem oströmischen Heere gelang, tiefer als je in das 
sonst von den Schwärmen der Barbaren durchzogene und dem Ver- 
bände der römischen Provinzen fast völlig entrissene Pannonien ein- 
zudringen und es wieder dem weströmischen Reiche einzufögen.^^) 



dennQch den Bischof Proclus die Siegespredigt halten, der erst 434 (vgl. c. 40.) 
zum Patriarchen erhoben ward. Entweder ist das eine Verwechselung mit Sisinnius, 
welcher auf Atticus (f 425.) folgte, oder es bezieht sich auf die Zwischenzeit, in 
der sich auch Proclus um das Amt bewarb, das er erst später erlangte. Vgl. 
V. Wietersheim S. 220. Sievers S. 427, Haage Geschichte Attilas. Progr. des 
Gymnas. zu Celle 1862. S. 4., der den ^ovyag des Socrat. mit dem Rhoilus des 
Theodoret Y. 37 und beide wieder mit Rua identificiert und demgemäfs das, was 
Socr. erzählt, in eine viel spätere Zeit verlegt, während Theodoret's Nachricht 
sogar vor dem Perserkriege eingeschaltet ist. 

*^ Die quellenmäfsigen Belege für diese Vermutung sind i. Marcell. Com., 
der zu 427 bemerkt: Pannoniae quae per quinquaginta annos ab Hunnis retinö- 
bantur, a Romanis receptae sunt. 2. Jordan, c. 32. duodecimo anno Valliae 
qäando et Hunni post paene quinquaginta annos invasa Pannonia a Romanis et 
Gothis expulsi sunt. 3. Theoph. p. 146. Fox^oi 6h Ilawoviav saxov TtQwxov' 
BTteita t<p 16* ezsi z^<; ßaaiXeiaq ßeoöoaiov xov veov iniTQiTtovxoq xa x^g 
Bgaxriq xc^Q^cc ipxfjaav xal inl x^ovovg iv xrj BQaxy öiexQiipav. In Bezug 
auf die Notiz des Jordan, mufs man nun zwar v. Wietersheim S. 382 darin Recht 
geben, dafs J. ein höchst unzuverlässiger Berichterstatter ist und in der Beziehung 
auf Wallia sich sehr im Irrtum befindet, andererseits ist es doch wunderbar, dafs 
sowohl er wie der ebenfalls nur mit Vorsicht zu benutzende Theophan. p. 146. 
gerade auf dasselbe Jahr kommen, welches Marcell. für die Wiedereinnahme 
Pannoniens angesetzt hat. Es ist daher ohne Zweifel mit diesem Lande irgend 
eine Veränderung vorgegangen, was auch Wietersh. a. a. O. zugestehen mufs. 
Dagegen weist derselbe Autor mit Ironie die Vermutung Buat*s in der hist 
ancienne des peuples d* Europe Vn. S. 291 — 295. zurück, dafs diese Wiederge- 
winnung oder Befreiung Pannoniens von Ostrom ausgegangen sei. Hat nun schon 
Sievers S. 427 das Vorgehen v. Wietersheim*s als zu entschieden bezeichnet, so 
mufs ich demselben noch mehr widersprechen aus folgenden Gründen: i. Es ist 



205 

X)och ist die Überlieferung hier gerade so zweifelhaft und voller Wider- 
sprüche, dafs wir es uns versagen müssen auf die Bedeutung dieser, 
^^enh besser bezeugt, höchst wichtigen Thatsache näher einzugehen. 
Jedenfalls bildet aber dies Decennium von 420 — 430 den ruhmvollsten 
Teil der Regierung des Theodosius, da neben den kriegerischen 
Sorgen auch die Pflege und Förderung der wirtschaftlichen Interessen 
der Rdchsfingehörigen sowohl wie auch der geistigen keineswegs ver- 
nachlässigt wurde. 

Und in der That waren teils einzelne Provinzen durch unheil- 
volle Ereignisse besonders stark in Mitleidenschaft gezogen, teils rief die 
Mifswirtschaft unter Arcadius einen allgemeinen Notstand der Staats- 
kasse hervor, welchem Theodosius abzuhelfen mit Recht bestrebt war. 
Vor allem anderen zunächst hatte sich die Bevölkerung der Provinz 
Illyricum, welche schon zu Strabos Zeiten furchtbar zusammenge- 
schmolzen war und im zweiten nachchrisüichen Jahrhundert das traurige 
Bild zeigte, das tms Pausanias von derselben entwirft ^<^), von den letzten 
Verwüstungen und Plünderungen der Gothen nicht erholen können 
und selbst jene zu freiwilliger Leistung anspornende Verfügung des 
Anthemius hatte eine bemerkenswerte Besserung der Verhältnisse nicht 
herbeizuführen vermocht. £s wäre daher, wenn nicht der Hang zu 
öffentlichen Lustbarkeiten in diesem Jahrhundert so stark ausgeprägt 
gewesen wäre, von selbst angezeigt gewesen die bisherige Bestimmung, 
dafs zu den kostspieligen Spielen in Q>nstantinopel auch die Duumviri 
der Provinzialstädte eine Beisteuer entrichten mufsten^'), in Bezug auf 

kein zu gewagter Schritt, den Einbruch der Hunnen, welche aus Italien nach 
Johannes Niederwerfung heimkehrten, Socr. VII. 43 mit dem von Marcell. zu 427 
berichteten in Verbindung zu bringen, (doch vgl. Haage S. 4.). Dies zugegeben, 
so sagt 2. Socrat. a. a. O. ausdrücklich von den Hannen: ^TOifxoi ^oav xata- 
vgiXBiV xh ^(Ofialwt^ n^dy/xata, was man sich wohl dahin erklären kann, dafs 
die Barbaren unbekümmert, wessen Land sie verwüsteten, auch das Gebiet Ost- 
roms nicht verschont haben. 3. Theodosius war daher durchaus in der Lage bei 
der Vertreibung der Hunnen vom Boden Pannoniens mitzuwirken, um so mehr, 
weil durch die Erhebung des Valentinian auf den weströmischen Thron die Ein- 
heit des ganzen Römerreichs von neuem hergestellt war, und Theodosius, wie 
seine spätere Hülfeleistung gegen die Vandalen beweist, sich in gewissem Sinne 
auch als Schutzherm des Occidents betrachtete. Endlich wurde 4. Aetius gewifs 
noch durch den Krieg mit Theodorich und seine Folgen in Gallien zurückge- 
halten, und konnte daher hier nicht, mit eingreifen. — .Wenn ich nun aber auch 
V. Wietersheim in diesem Punkte entgegentreten mufs , so pflichte ich ihm doch 
in der Annahme bei, dafs die Hunnen damals Pannonien noch nicht völlig in 
Besitz genommen hatten und dafs sich eine Vertreibung derselben also auch nicht 
auf die ganze Provinz beziehen kann. Vgl. Fallmann II. S. 49 A. 

*«) Vgl. Bekker-Marquardt m. i. S. 129. Mommsen V. S. 245 ff. 

*') .Vgl. Gothofired. zu Cod. Theod. Xu. 145 und 176. Mommsen S. 264 ff. 



266 

Illyricum aufzuheben. Indes bedurfte es doch erst eines besonderen 
AnstofseSy welcher von der Gemeinde Delphi, die wahrscheinlich durch 
Erdbeben oder andere Naturereignisse neuerdings besonders gelitten 
hatte, ausging, bevor eine Abstellung dieser unangemessenen Gewohn- 
heit erfolgte. Sicherlich wird auch die Kaiserin Eüdocia, selbst ein 
Griechenkind, nicht verfehlt haben, ihre wirksame Teilnahme dem engeren 
Vaterland zu erhalten, in dem sie die Folgen und Nachweh^i jener 
Züge mit eigenen Augen geschaut hatte, während sie in Athen gewüs 
von der allgemeinen Lage des unglücklichen Landes durch ihren Vater 
unterrichtet war. 

Wir dürfen daher die mancherlei Erleichterungen, welche jetzt 
und demnächst Griechenland zu teil wurden, zumeist auf ihre Rechnung 
setzen, wenngleich die Gutthat ihres Gemahls dadurch durchaus nicht 
beeinträchtigt werden soll. Zunächst wurde auf die Bitte Delphis nicht 
nur diesem jene lästige Beisteuer erlassen, sondern diese Wohlthat 
auch auf die übrigen Teile der Provinz ausgedehnt, indem Theodosius 
den Behörden bei Strafe verbot in Zukunft die Quote zu erheben.^^) 
Aber mehr noch als der partielle Antrag Delphis auf Erleichterung 
deutet auf die völlige Erschöpfung der ausgesogenen Provinz die all- 
gemeine Beobachtung, welche die kaiserliche Regierung noch in dem- 
selben Jahre machte, dafs Illyrien nicht einmal im stände war, die 
gewöhnlichen Steuern zu erschwingen, und die vom Kaiser abgesandten 
Inspektoren nach eingehender Inspizierung der einzelnen Gebiete sich 
genötigt sahen, im Verein mit den Provinziallandtagen eine herabgesetzte 
Steuerrolle je nach der Lage der Provinzen aufzustellen und der Ge- 
nehmigung des Kaisers zu empfehlen.^^) Theodosius erklärte daher, 
es solle keine neue Abschätzung stattfinden, und er wolle mit dem 
zufrieden sein, was leisten zu könn^i eine jede Provinz laut der 
Erklärung ihrös Landtages ^®^) sich anheischig gemacht habe; demge- 
mäfs solle Macedonien die Hälfte des Bisherigen zahlen und die übrigen 
Teile der gleichnamigen Diözese Greta, Thessalia, Epirus sich dieser 
Quote anschliefsen, Achaja dagegen, also das alte Hellas, der Peloponnes 
und die Inseln, nur den von ihm angebotenen dritten Teil der ganzen 
Steuer entrichten, und zwar solle diese Veranlagung nicht blos für 



*«) Cod. Th. XV. 5, 4. 22. April 424. Vgl. Hertzberg Gesch. Grriech. L S. 63. 

*») Cod. Theod. XI. i, 33. 10. Okt. 424 an Isidor FrL P. Illyr. Cod. Just. 
V. 2, 8. nur der Schlufs. Hertzberg a. a. O. will Creta ausnehmen. 

^*^) Dafs die Erklärung von den Landtagen ausgegangen sei, wird zwar 
nicht ausdrucklich gesagt, sondern nur von Macedones und Achivi im allgemeinen 
gesprochen, allein es leuchtet unzweifelhaft bei einer Vergleichung von Cod. Theod. 
XII, 12. de legatis et decretis legationum ein. Vgl. Menn die röm. Provinzialland- 
tage. Progr. Neuss 1852. Bekker-MarquardtllL i. S. 267 ff. Mommsen V. S. 242f. 



267 

cien Aug^iblick, sondern für immer gelten und mit dem Jahre 425 
üiren Anfang nehmen. £ndlich wurde noch die Kirche von Thessalonich, 
der griechischen Metropolis, in Bezug auf ihre Liegenschaften eine 
iDesondere Vergünstigung zu teil, denn sie wurde in Zukunft ganz von 
Steuern befreit, doch unter der Bedingung, darauf streng zu achten, 
<iafs nicht imter dem Deckmantel kirchlichen Besitzes andere Unter» 
thanen sich eine Steuerdefraudation zu schulden kommen liefsen.^^) 

Fiel auf solche Weise notwendig ein erheblicher Teil der Er- 
träge des Landes für die Staatskasse fort, so mufste man versuchen 
den Ausfall durch andere Mittel zu decken. Das Nächstliegende wäre 
gewesen, die übrigen Provinzen dafür stärker zu belasten, aber die 
kaiserliche Regierung wufste zu genau, wie schwer bereits die Steuern 
auf den Dekurionen lagen, die nicht minder in dieser Periode wie 
unter Theodosius dem Grofsen sich durch Schliche aller Art ihrem 
undankbaroi Amte zu entziehen suchten, und konnte daher an eine 
Erhöhung um keinen Preis denken, zumal der jüngste Steuererlafs des 
Anthemius für den Orient von 414 doch nur von dem Zwange der 
bittersten Not diktiert worden war. Aber bei einer näheren Betrachtung 
der Sachlage fand sich leicht, dafs die Beträge keineswegs gleich* 
mäfsig und nach Verhältnis des Vermögens verteilt waren, dafs die 
Ärmeren im Vergleich zu den Besitzern der grofsen Vermögen zu viel 
zahlten, während diese wiederum im Verhältnis zu wenig. Besonders aber 
trat die Ungerechtigkeit bei denen hervor, welche vorzüglich durch die 
übertriebene Freigebigkeit des Arcadius, unter dem die Zahl der so- 
genannten Petitoren um verfallenes Gut so gewaltig anschwoll ^^), dafs 
er mehrfach gegen sie einschreiten mufste, ihren Grundbesitz durch 
Schenkungen in hohem Grade vermehrt hatten, ohne dafs sie dafür 
eine höhere Steuer entrichteten, ja zahlreiche Liegenschaften waren 
ihnen geradezu steuerfrei überlassen worden. 

Von diesen Grofsgrundbesitzern mehr einzufordern war daher 
ein nicht mehr als billiges Verlangen, welches Theodosius auch 
ohne Zögern und mit Recht stellte und, wie es scheint, nicht nur auf 
alle Provinzen des Orients mit Ausnahme Illyriens, sondern auch auf 
Dalmatien, welches damals bereits von seinen Truppen wiedergewonnen 
war, ausdehnte.^2j j){q aufs erordentliche Besteuerung nun traf 



'®) . . . ita tarnen, ut aperte sciatpropriae tantummodo capitationis modum 
beneficio mei numinis sublevandum nee externonim gravamine tributonim rempubli- 
cam ecclesiastici nominis abusione laedendam. 

") Vgl. Cod. Theod. X. 10, 21. IX. 40, 18. IX. 42, 17. 

*') Das mufs man ans dem Anfang des Gesetzes Cod. Theod. XI. 20, 5 
schliefsen : Ab universis qui post obitum divi avi clemenüae meae ex munificentia 



268 - . _^ 

den ganzen seit 395 von Arcadius, Honorius und Theodosius II. 
geschenkten Grundbesitz ohne Rücksicht auf seinen ehemaligen Gerichts- 
stand , stellte als Norm für die Verteilung und Abschätzung die Zeit 
der Nutzniefsung fest, gerechnet vom Tage des Erscheinens der Ver- 
fugung und bestimmte folgendes: Wer seit drei Jahren im Besitz 
der Schenkung sei, solle für ein Jahr gänzliche Immunität haben, für 
die beiden andern aber den halben Ertrag eines Jahres zahlen; wer 
die Schenkung drei bis fünf Jahre in Händen habe, den Ertrag eines 
Jahres; wer fünf bis zehn, den Ertrag zweier Jahre; wer sie 10 Jahre 
und länger genossen habe, den Ertrag dreier Jahre. Dabei aber solle 
ein Unterschied gemacht werden zwischen denen, die das Grundstück 
und die Steuerfreiheit, und denen, welche nur die Steuerfreiheit für 
ein bereits besessenes Besitztum erhalten hätten; jene sollen von den 
Erträgnissen des Ganzen nach obigem Mafsstabe beisteuern, diese 
nur nach Mafsgabe des sonst gezahlten Steuercanons eine ebenso 
nach der Zeit des Genusses der Steuerfreiheit berechnete Quote. Da 
aber unter dem Geschenkten auch häufig sogenanntes „ödes und 
unfruchtbares** Land^^) war, das oft durch fleifsigen Anbau recht 
ertragfähig geworden war, so solle in Zukunft nach Angabe der zu 
diesem Behuf vom Praefectus praetorio Asclepiodotus ausgesandten 
Inspektoren auch von diesem eine Steuer erhoben werden und zwar 
in derselben Weise wie im obigen Falle, je nach der Zeitdauer. Sollten 
die Besitzer mit der letzteren Mafsregel nicht einverstanden sein, so 
wurde ihnen eine erneute Untersuchung durch andere Inspektoren in 
Aussicht gestellt, bei der sie bestenfalls nicht vorteilhafter wegkommen, 
konnten. Da nun aber im Laufe der dreifsig Jahre, auf welche sich 
die Verfügung bezieht, vielfache Veränderungen im Besitztitel ein- 
getreten waren, so ordnet der speziellere Teil dieses Gesetzes an, dafs 
im Falle des Verkaufes der durch Schenkung überkommenen Güter 
der Empfänger des Kaufgeldes die aufserordentliche Steuer zu 
entrichten habe, im Falle einer erneuten Verschenkung pder Vererbung 
der legitime Nachfolger im Besitz und zwar ganz in der oben ange- 
deuteten Weise nach dem Zeitverhältnis. Dasselbe gilt, wenn jemand 



tarn divae recordationis patris ac patrui mei quam etiam serenitatis meae fundos 
cuiuslibet iuris petiverunt. — Da Honorius kein Recht gehabt hatte, im oström. 
Reich Güter zu vergeben, so bleibt nur übrig seine Erwähnung, wie oben ge- 
schehen ist, zu erklären. Die Verfugung ist vom 13. Mai 424 datiert, als die 
Feldherm des Theodosius Dalmatien sicherlich bereits erobert hatten. — Die 
inhaltliche Erklärung des Gesetzes beruht auf dem Comraentar Gothofred's, doch 
blieb noch manches der eigenen Interpretation übrig. 

*^ ieiunae ac desertae possessiones. Vgl. über ihre Besteuerung B. Matthias 
die röm. Grundsteuer und das Vectigalrecht. Erlangen 1882. S. 19 ff. 



269 

im Namen eines anderen ein der kaiserlichen Gnade verdanktes 
Grundstück innehat, dann ist der Besitzer steuerpflichtig. ' Ist endlich 
c^s Besitzverhältnis nicht klar, so soll die Steuer nicht darunter leiden, 
sondern von den Einkünften der Grundstücke genommen werden. 

Die Gerechtigkeit einer solchen Mafsregel, die zum Wohle des 
Oanzen mehr als billig bevorzugte Bürger zur Steuerzahlung heranzog, 
leuchtet gewifs auf den ersten Blick ein, ein anderes aber ist die 
Trage, ob die Wirkung derselben den ihr zu gründe liegenden Ab- 
sichten entsprach. Denn einmal war ohne Zweifel im Laufe der dreifsig 
seit der Reichsteilung verflossenen Jahre eine grofse Zahl von Ver- 
änderungen im Besitzstande durch Tod, KLauf, Verpfandung, Verbannung 
u. a. vor sich gegangen , die zu sichten und klar zu stellen den Be- 
hörden ungemein schwer fallen mufste, sodann ist von der Bestech- 
lichkeit der römischen Beamtenwelt schon so oft die Rede gewesen, 
dafs man sich von selbst sagen kann, wie vieles in den Händen derer 
hängen blieb, durch welche das eingelieferte Geld endlich auch in die 
Generalstaatskasse zu Constantinopel gelangte. Die in jenem Reskript 
den Beteiligten schliefslich bewilligte Zahlungsfrist von vier Monaten, 
deren Nichtbeachtung den Verlust der Schenkungen zur Folge haben 
sollte, wird daher schwerlich innegehalten und die Steuern werden 
sicherlich nur mit Mühe und Not teilweise eingetrieben worden sein. 
Im umgekehrten Verhältnis aber dazu steigerten sich die Bedürf- 
nisse des Staatshaushaltes, nicht als ob allein der Hof des Theodosius 
ungeheure Summen verschlungen hätte, sondern, weil die äufseren Ver- 
hältnisse wie der Perserkrieg und die Niederwerfung des Johannes 
wegen des erhöhten Soldes der Truppen und ihrer gröfseren Anzahl 
eine nicht unbedeutende Mehrausgabe veranlafst hatten. Schon wenige 
Jahre daher, nachdem Theodosius diese aufserordentliche Besteuerung 
dem ganzen Reich auferlegt hatte, im Jahre 430, sah er sich wiederum 
genötigt den vermögendsten Bürgern des Staates neue Lasten zuzu- 
muten, wenn auch nach einer anderen Seite hin. Auch diesmal mufste 
er an die leichtsinnigen Beweise einer übel angebrachten Munifenz 
des Arcadius anknüpfen, welcher nicht nur Landschenkungen in der 
übertriebensten Weise vorgenommen, sondern auch vielfach die auf 
denselben arbeitenden Menschen und Tiere von der Kopfsteuer 
zu Gunsten des Besitzers befreit oder erleichtert hatte. Demgemäfs 
verordnete Theodosius durch eine an den Praefectus praetorio Antiochus 
gerichtete Verfügung, dafs alle diejenigen Besitzer, deren Grundstücke 
aus Schatullengütern oder Domänen*^"), oder Gemeinde- und Tempelbe- 

**a) privsti iuris vei patrimoniatis. Vgl. Goth. im Paratitlon zu Cod. Theod. 
X. 3. und Bekker-Marquardt III. 2. S. 223 ff. 



270 

sitz hervorgegangen und in irgend einer Weise vom Beginn der Regienmgs-^ 
zeit des Arcadius ab entweder ganz oder teilweise entlastet oder deren 
Naturallasten in eine Gold-, Erz- und Eisenleistang umgewandelt wären, 
den fünften Teil des Vorteils, den sie davon in dieser Zeit gehabt 
hätten, nach Abschätzung der einzelnen Jahre als einmalige aufs er- 
ordentliche Grundsteuer an die Staatskasse zahlen sollten; doch 
bleibe dabei alles das in Geltung, was ihnen in betreff der Kopf- 
steuer auf Menschen und Vieh irgendwie zugestanden sei. 

In speziellerer Ausführung dieses Prinzipes verordnete er für die 
Zukunft weiter, dafs, wenn jemandem etwas in Bezug auf die Be- 
steuerung des Bodens und der Seelen von Arcadius und von 
Theodosius L erlassen worden sei, falls der Erlafs bis zu 400 Joch 
oder Köpfen ^^^) gehe, er die Hälfte der sonst zu zahlenden Steuer 
entrichten solle, wenn er dagegen diese Zahl übersteige, so sollen 200 
Joch oder Häupter ganz frei sein, das übrige aber der allgemeinen 
Besteuerung unterliegen und zwar gilt das auch, wenn die Besitzungen 
nicht zusammenhängend in einer, sondern in mehreren Provinzen liegen, 
gleichviel, ob der betreffende in seinem oder einem untergeschobenen 
Namen die Erleichterung erlangt hat Auch hier wurde endlich, wie 
billig, über die sogenannten „öden und unfruchtbaren" Landstriche eine 
besondere begünstigende Veranlagung verfügt, dafs nämlich, wenn 
der Besitzer sich der Abschätzung und Begutachtung eines Insp>ektors 
unterwerten wolle, von 431 ein neuer Canon durch den Präfekten 
Antiochus unter Berücksichtigung der Verhältnisse in den verschiedenen 
Provinzen aufgestellt werde. Von dieser ganzen Auflage aber wurde 
eine einzige dahingehende Ausnahme gemacht, dafs, was den Gemeinden, 
Kurien, Offizien und einzelnen Personen****) erlassen worden sei, auch 
femer bestand haben solle, doch unter der Einschränkung, dafs, falls 
dem Präfekten dabei etwas verdächtig erscheine, er getreue Inspektoren 
zur Untersuchung entsenden würde. Die Einziehung der erstgenannten 

") Cod. Theod. XI. 20, 6. Antiocho. Pf. P. prid. Kai. Jan. Constantinopel 
430. Zwar hat auch hier Gothofr. in seinem Commentar mancherlei Auf- 
schlüsse zur Erklärung des Wortlautes gegeben, doch scheint manches noch 
gröfserer Klarheit zu bedürfen. 

"*) Unter iugum ist zu verstehen, „eine Portion von Grundstücken, deren 
abgeschätzter Kapitalwert looo solidi betrug.** Savigny Vermischte Schriften II. 
S. i74flF. Vgl. Matthias a. a. O. S. 17. Walter S. 482 ff. 

^b) Ich ziehe die Lesart des Pithoeus personarum meritis der des 
Gothofred provinciarum malis vor, weil die Reihenfolge der aufgezählten 
Kategorien eine absteigende vom Umfangreicheren zum Kleineren ist und wir für 
die Erleichterung einer einzelnen Person ein treffendes Beispiel im Cod. Th. XI. 1,37 
an dem Bischof Cyrus von Aphrodisia haben, cuius tanta sunt mcrita, ut etiam 
contra generalem huiusmodi sanctionem speciali beneficio perfrui non vetetur. 



I 



171 

xruckläufigeii Steuer werde sogleich beginnen und zwar auch von den 
XiLäufem und Erben sc^cher Grundstücke, wenn sie zahlungsfähig seien, 
cxler überhaupt von den Inhabern, je nachdem wie lange der Besitzer 
cHe Nutzniefsung bis zu seinem Tode gehabt habe;^^) auch dürften 
<^e jetzigen Besitzer gegen die früheren den Rechtsweg betreten, aber 
l)ezahlen müsse jeder. 

Wenn nun Theodosius die Grofsgrundbesitzer in dieser Weise 
zur Füllung des entleerten Staaisseckels heranzog, so that er es einmal 
Tiur gezwungen und zu gunsten der ohnehin schon schwer belasteten 
Xurien, andererseits fühlten diese Geldaristokraten in der That es 
weniger, wenn sie Tausende dahingehen mufsten, als wenn ein Armer 
das Geringfügigste beizusteuern angehalten wurde. Denn, da es nicht an- 
zunehmen ist, dafs die oströmischen reichen Familien weniger vermögend 
waren als die weströmischen^*), so hatten viele von den Grofsen und 
Senatoren in Constantinopel ein jährliches Einkommen von 300000 Mk., 
manche sicherlich bis zu 900 000 Mk., wovon ihnen, zumal sie gerade 
noch mit Schenkungen bedacht waren, mit Recht zur Aufhülfe des 
ganzen Staates ein Teil damals wieder entzogen wurde. 

Aber neben den Sorgen, welche die äufseren Verhältnisse 
und der Niedergang des Wohlstandes im Innern des Reiches der 
Pulcheria und ihrem Bruder bereiteten, beschäftigte sie nicht minder 
die Pflege und Förderung des geistigen Lebens ihrer Unterthanen, 
vornehmlich in der Reichshauptstadt Constantinopel. Es ist das kein be- 
sonderer Vorzug der Geschwister, denn der zunehmende Bildungsdrang 
hatte trotz allen Kriegslärms und aller Verwickelungen den Wert der 
Wissenschaft der theoretischen nicht minder, wie der sich auch praktisch 
bethätigenden in der römischen Kaiserzeit ^^) immer mehr zur Geltung 
gebracht, so dafs der Jugendunterricht, welcher in der Republik 
ganz unabhängig von der Staatsgewalt gehandhabt worden war, nun- 
mehr auch in die Beaufsichtigung und Leitung der Behörden über- 
ging. Der Stand der Lehrenden und als Arzte amtierenden verlor 
dadurch keineswegs weder pekuniär noch nach der Seite des Ansehens, 
denn, waren sie vorher auf frei abgemessene Gaben und darauf ange- 
wiesen, ein jeder für seine Person, sich Geltung zu erwerben, so wurden 



'•) So verstehe ich die Worte : vel detentatoribus, pro quo quisqe possedit 
tempore, quo obiit 

^) Olymp, frgm. 44 giebt diese Zahlen in Bezng auf die reichen Familien 
in Rom an. Über die xsvrrjvaQia vgl. Bekker-Marquardt III. 2. S. 23. 

*^ De professoribus et medicis eorumque privilegio in iure Romano dissert. 
scripsit £. Theod. Gaupp Vratislaviae 1827. cap. VII. de immunitate professoribus 
et medicis usque ad Constandni aetatem concessa. Vgl. Walter Gesch. des röm. 
Rechts S. 456 ff. und Haeser Lehrb. der Gesch. der Medizin I. S. 407 — 418. 



2J2 

nunmehr allmählich ihre Gehaltsverhältnisse geordnet und ihnen ebenso 
langsam auch eine bestimmte Rangstufe zugewiesen. Uns, die wir 
das Verhalten des Theodosius diesen Corporationen gegenüber würdigen 
wollen, liegt es besonders nahe im Vergleich dazu vorzüglich die Ver- 
änderungen kurz zu verfolgen, welche die Lehrer und Ärzte in dem 
letzt vorangehenden Jahrhundert erfuhren, wofür uns das Theodosianische 
Gesetzbuch*^*) wie so oft eine unversiegbare Quelle abgiebt 

Nachdem schon das erste Jahrhundert zunächst den Medizinern, 
später auch den Professoren die Immunität von persönlichen Lasten 
gebracht hatte, zu der durch Vespasian noch die Freiheit von der 
Einquartierung hinzugekommen war, schlössen sich an die alteii Rechte 
teils neue an, teils wurden die Vorrechte der Männer auf ihre 
Kinder und Witwen ausgedehnt. So bestätigte Constantinus, 326^®), 
den Ärzten die Freiheit von den Kurial- und Senatorenlasten auch in 
bezug auf ihre Söhne, wogegen ebendasselbe den Professoren erst 333 
nachgegeben wurde mit der Erweiterung, dafs auch die Frauen in 
die Immunität eingeschlossen seien. An diesem Vorrecht änderten 
die folgenden Kaiser bis zu Theodosius 11. nichts, nur verfügte Valen- 
tinianl.*®), da sich oft schwer beiästete Kurialen in andere Provinzen 
eingeschlichen und für Lehret der Philosophie ausgegeben hatten, dafs 
jeder derartige Versuch durch die Zurückweisung derselben in ihre 
Heimat verhindert werden solle. Mithin besafsen jene Gelehrten in 
unserer Periode sowohl für sich wie ihre Familie volle Freiheit von 
allen Leistungen der Kurie und des Senats, auch der besonderen Senats- 
steuer (glebalis collatio), von der Einquartierung und Verpflegung der 
Soldaten, vom Kriegsdienst, vom Cursus publicus, von der Übernahme 
einer Gesandtschaft oder Vormundschaft, endlich von jeder Last, 
welche ihnen sonst die ihnen verliehene Würde auferlegt haben würde.6i) 

Aber nicht nur auf das, was sie selbst zu leisten hatten, richtete 
der Staat sein Augenmerk, sondern er schützte sowohl ihre Person 
durch harte Strafandrohung^*^ als auch sah er darauf, dafs ihnen far 
die geleisteten Dienste der entsprechende Lohn zu teil wurde. Mit 
Recht wachte er daher auch über die sittliche Haltung der Korporationen, 



M) XIII. 3,1 ff. 

'*) 1. 2 und 3 : quo facilius liberalibus studiis et memoratis artibus multos 
instituant. 

^) 1- 7* 3^* turpe enim est ut patriae functiones ferre non possit, qui 
etiam fortunae vim se ferre profitetur. 

«>) Vgl. Digest, de exe. us. XXVII. i. 1. 6. § 8. 

«*) Cod. Theod. XIU, 3, i. 



273 

und mehrfach ^3) schärften die Kaiser ein, dafs die Lehrer der Jugend 
zu allererst die nötige sittliche Reife besitzen müfsten, und dafs die 
Lehrgabe und das Wissen erst das zweite Erfordernis für ihre Stellung 
sei. Eine besondere Fürsorge genossen begreiflicherweise die Ärzte 
in den Hauptstädten^-*), deren jedem ein eigener Stadtteil als Dienst- 
bezirk überwiesen wurde zur Hülfeleistung bei den Krankheiten der 
Armen, und deren innere Organisation sowie die Aufnähme neuer Mit- 
glieder der Beaufsichtigung des S.tadtpräfekten unterlag. In ähnlicher 
Weise wurden auch die öffentlichen Lehrer in den Provinzialhaupt- 
städten besoldet und kontrolliert, wovon wir gerade über die Verhält- 
nisse in Gallien gegen Ende des vierten Jahrhunderts eine interessante 
Notiz besitzen. Es wurde nämlich hier 376^^) angeordnet, dafs in 
den volkreichsten und berühmtesten Städten die besten Lehrer der 
griechischen und römischen Beredtsamkeit und Grammatik angestellt 
würden; und zwar die Redner mit je 24 Annonae, die Grammatiker 
mit je 12; in Trier dagegen ausnahmsweise der Rhetor mit 30, der 
lateinische Grammatiker mit 20, der griechische, wenn anders sich eine 
würdige Persönlichkeit finden lasse, mit nur 12, welche ihnen aus den 
Staatsmitteln ausgehändigt wurden. 

Wir haben keinen Grund eine grundsätzliche Verschiedenheit 
dieser Verhältnisse von den oströmischen anzunehmen, zumal die 
Gesetze, auf denen jener Überblick beruht, zum grofsen Teil aus dem 
Orient stammen. Es ist daher weder wunderbar noch ein grofses 
Verdienst Theodosius II. und der Pulcheria, wenn sie in Nachahmung 
der früheren Kaiser ebenfalls den Ärzten und Professoren eine wohl- 
wollende Gesinnung bezeugen. So böstätigten sie . ihnen 414^^) im 
ganzen genommen dieselben Vergünstigungen, welche wir eben zu- 
sammengestellt haben, nur mit der Erweiterung, dafs, wenn einer von 
ihnen einen Posten in der Verwaltung übernehme oder in den Ruhe- 
stand trete, er trotzdem sowohl selbst wie auch seine Frau und Söhne 
im Genufs aller jener Vorrechte verbleibe; ein gröfserer Gunstbeweis 
dagegen war es, dafs 428^'«), obwohl eine ganze Anzahl anderer Be- 
amtenkreise, welche bisher von der Zahlung der Senatorensteuer befreit 
gewesen waren, durch ein kaiserliches Reskript*^) jüngst dieses Vor- 
recht verloren hatte, die Leibärzte (archiatri palatini) mit der Geheimrats- 



*^) 1« 5. 362. Magislros studiorum doctoresque excellere oportet moribus 
primum, deinde facundia. Vgl. 1. 6. 364. 

•*) 1. 8— IG. Vgl. 12 und 14. Haeser S. 413 ff. 

••) 1. II. Die annona bestand in Getreide und Öl. Haeser S. 415. Vgl. 
auch Mommsen S. 337. 

6«) 1. 16 und 17. «') 1. 18. 

••) VI. 2. 21 vom Anfang desselben Jahres. 

18 



274 

würde L Klasse oder noch höherem Range nach wie vor im Besitz 
ihres Privilegs verblieben. 

Aber mehr als durch solche Verordnungen , welche doch nur 
einzelnen zu gute kamen, haben sich die beiden Geschwister, welche 
an der Spitze des Staates standen, einen immerwährenden Nachruhm 
durch eine Einrichtung erworben, die für das ganze Reich ohne 
Unterschied eine Wohlthat und wohl dazu geeignet wie darauf be- 
rechnet war, das wissenschaftliche Studium allseitig zu fördern. Zwar 
gab es bereits im europäischen Ostrom eine derartige Bildungsstätte, die 
altberühmte Alma mater Atheniensis<^*), welche ihren uralten Ruhm 
trotz des Untergangs der politischen Selbständigkeit des griechischen 
Volks; trotz aller Ipriegsläufe und mangelhafter Staatshülfe in unge- 
schmählertem Glänze sich voll und ganz bewahrt hatte. Selbst die 
Plünderungszüge der Westgothen am Ende des letztverflossenen Jahr- 
hunderts hatten an ihrer Lebenskraft nicht zu rütteln vermocht, sondern, 
wie so oft das neue Leben aus Ruinen sprofst, gerade nach diesen 
Wirren nahm die Universität zu Athen einen neuen wunderbaren 
Aufschwung, welcher sich diesmal an den Namen des Philosophen 
Plutarch''®) knüpft, des Stifters der letzten neuplatonischen Schule, 
dessen Vorlesungen gleich nach Alarichs Abzüge die studierende Jugend 
aus allen Gauen des weiten Reichs von neuem nach der stillen 
Musenstadt lockten. 

Aber wie erfreut die Regierung auch einerseits über die Zug- 
kraft des alten Namens Athen sein mufste, so wenig behagte ihr anderer- 
seits der deutlich ausgesprochene heidnische Charakter der Universität, 
welche ihre Bürger durch reiche Dotierung der Lehrstühle und grofs- 
artige Spendungen freiwilliger Art auf ihrer Höhe zu halten redlich 
bemüht waren. Es war auch in der That ein schreiender Widerspruch, 
dafs die Kaiserliche Regierung von Ostrom, während sie wiederholt 
das Opfern und die heidnischen Gottesdienste mit den härtesten. 
Strafen bedrohte und ahndete, hier in Athen die ungehinderte Ver- 
breitung götzendienerischer Lehren in halber Gesetzlichkeit nachsichtig 
bestehen liefs, ein Widerspruch, der nur in der ruhigen Haltung der 
Gelehrtenrepublik und ihrer Enthaltung von Angriffen auf den christ- 
lichen Glauben seine Erklärung findet. Am allerwenigsten aber konnten 
Pulcheria und ihr Bruder daran denken, dem fleifsigen Stillleben der 
athenischen Universität ein Ende zu machen, da ihr Eudocia, welche 
naturgemäfs immer noch mit liebevoller Erinnerung an den heimat- 



^^) Die letzten Schicksale der athenischen Universität s. bei Hertzberg III. 
S. 488 fr. 

'^^) Zeller die Philosophie der Griechen III. 2. S. 911. 



275 

liehen Statten ihrer Jugend hing» ihren gewichtigen Schutz nicht wird 
entzogen haben. 

Wo so viel Bildung und Verständnis für die Wissenschaft auf 
dem Throne vorhanden war» wie hier in Ostrom in Theodosius und 
seinen weiblichen Beraterinnen, konnte daher mit Leichtigkeit der 
Gedanke auftauchen, ob es nicht möglich wäre, durch die Stiftung 
einer neuen Universität in Constantinopel''*) der heidnischen Alma 
mater den Boden zu entziehen und der Hauptstadt des Reichs auch 
denjenigen wissenschaftlichen Glanz offiziell zu verleihen, welcher sie 
als Sammelpunkt alles gesellschaftlichen Lebens auch ohnehin schon 
umstrahlt hatte, seitdem sie der bleibende Sitz der Herrscher geworden 
war. Denn ohne dafs Constantinopel eine Lehrstätte im Sinne Athens 
gewesen, waren doch bedeutende Geister der Zeit entweder für immer 
oder vorübergehend aus den verschiedensten Gründen hier anwesend, 
sei es, dafs sie wie die alexandrinischen Grammatiker Ammonius und 
Helladius ''2) hier eine Zuflucht gegen Verfolgungen fanden, oder wie 
Troilus durch öflentliche Vorträge sich den Lebensunterhalt zu erwerben 
suchten. Auch war es nicht nötig von Grund aus eine neue Ein- 
richtung zu schaffen, da bereits Constantin der Grofse, auch hierin 
bemüht seine Hauptstadt zu heben, eine Universität in Cbnstantinopel 
errichtet und ihr das Kapitolium zum Sitze angewiesen hatte. 

Aber, wenn nun auch Theodosius bei Neubegründung seiner 
Lehrapstalt auf diesem Fundamente weiterbaute, so mufs, was nicht 
immer geschehen ist, klar imd deutlich gesagt werden, dafs der 
Charakter der neuen Universität ein ausgesprochen christlicher 
war; das bedingt schon die strenge Gläubigkeit des Kaisers und seines 
Hofes, das bedingt auch der Gegensatz zu Athen, welcher ihr von 
vornherein aufgedrückt wurde; wir müssen daher annehmen, dafs 
entschieden die meisten, vielleicht alle Professoren bereits Christen 
waren, denn eine heidnische Universität neben dem orthodoxen 
Hofe mufs billig als Unmöglichkeit bezeichnet werden. ''3) Während 
uns nun die Bedeutung dieses Ereignisses so grofs erscheint, ist es 
umgekehrt an den Zeitgenossen wie spurlos vorübergegangen, da selbst 
die Chroniken, welche sonst genau die Erderschütterungen, Hagel- 
schläge, Feuersbrünste in der Hauptstadt mit ängstlicher Genauigkeit 
buchen, keine Notiz davon genommen haben. So bleiben uns denn 
als einzige Zeugen die Stiftungsurkunden, wenn man so sagen darf, 



'*) Hertzberg IIT. S. 494 ff. Gesch. Griech. seit dem Abst. u. s. w. I. S. 115. 
w) Socr. V. 16 und 17. Vgl. G. S. 141. 

''') Ich nehme daher an, dafs der später noch genannte Helladius sich hat 
taufen lassen. 

i8* 



276 

welche uns, allerdings um so sicherer und zweifelloser, iii dem Theodosia- 
nischen Gesetzbuch aufbewahrt sind. 

Vom 27. Februar und 15. März 425 sind die drei Freibriefe der 
Alma mater Constantinopolitana datiert, von denen der erste'*) den 
lokalen Verhältnissen, der zweite und dritte dem Lehrpersonal Rechnung 
trägt. Um der neuen Gründung auch äufserlich ein würdigeres Local 
und gröfsere Räumlichkeiten zu verleihen, bestimmte Theodosius, dafs 
die Hörsäle an der Nordseite des Porticus auf dem, in der achten 
Region mitten in der Stadt mehr der grofsen Mauer zu gelegenen, 
Capitol, welche allein hinreichend geräumig und schmuckvoll waren, 
in Zukunft für die Vorlesungen der Professoren frei bleiben sollten, 
während die nach Osten und Westen liegenden dem alten Zwecke 
der Garküchen weiter dienten.''*) Sollten die neu zu emennendien 
Professoren nicht durch die Eingriffe staatlich nicht anerkannter Wander- 
lehrer leiden, so mufste es ebenfalls eine der ersten Mafsregeln des 
Theodosius sein, diesen einen beschränkenden Damm entgegenzusetzen. 
Er that das in einer Verfügung'*) des Inhalts, dafs alle, welche sich 
den Namen von Magistern anmafsten und in öffentlichen Anstalten 
und Sälen vor ihren von überall her zusammengelaufenen Schülern 
Vorträge hielten, fernerhin sich dieser Thätigkeit bei Strafe der Infamie 
und Ausweisung zu enthalten hätten, wogegen es ihnen unbenommen 
bleibe privatim ihren Unterricht fortzusetzen. Umgekehrt durften die 
einmal von der Regierung ernannten Professoren nur in den öffent- 
lichen Hörsälen, nicht in Privathäusern bei Verlust ihrer Privilegien 
lehren.'') 

Die Anzahl dieser ordentlichen Professoren setzte Theodosius 
sodann dahin fest, dafs für die lateinische Sprache drei Lehrer der 
Beredtsamkeit und zehn Grammatiker, für die griechische dagegen 
ebenso viele Grammatiker, aber fünf Sophisten anzustellen seien, und 
da, wie es in der Constitution heifst'®), Theodosius wünschte, dafs die 
ruhmvolle Jugend nicht blos hierin unterrichtet werde, so gesellte er 
den genannten noch Lehrer einer tieferen Wissenschaft und Rechts- 



'4) Cod. Th. XV. I, 53. 

^^) Da nach Hänel nole e zu diesem Gesetze anstatt magislris, wie Gothofr. 
wollte, ministris zu lesen ist, so bezieht sich der Schlufs auf die Garküchen. 

76) XIV. 9, 3. an ConFtantius P. U. 

"") sin autem ex eorum numero fuerint, qui videntur intra Capitolii auditorium 
constituti, hi omnibus modis privatorum aedium studia sibi interdicta esse 
cognoscant. 

'^^) Et quoniam non his artibus tantum adolescentiam gloriosam optamus 
institui, profundioris quoque scientiae atque doctrinae memoratis magistris socia- 
mus auctores. 



277 

kenntnis hinzu und gründete einen Lehrstuhl für die Philosophie und 
zwei für die Jurisprudenz. Damit nun aber die Vorlesungen nicht 
durch das Ab- und Zuströmen der Studierenden und durch einen 
Streit über die Benutzung der Räumlichkeiten gestört würden ''ö), wies 
der Kaiser den Stadtpräfekten, dem die Universität wie alle städtischen 
Korporationen unterstand, an eine entsprechende Einteilung der Hör- 
säle zu veranlassen. Endlich — und das ist die dritte Verfügung ^^j — 
machte Theodosius bekannt, dafs er die griechischen Grammatiker^^) 
Helladius und Syrianus, den lateinischen Grammatiker Theophilus, die 
Sophisten Martinus und Maximus und den Professor der Jurisprudenz 
Leontius bereits durch die Verleihung der Geheimratswürde S2) geehrt 
habe, dafs er aber zugleich geneigt sei, diese Auszeichnung auch den 
übrigen Professoren zukommen zu lassen, welche neben einem sittenreinen 
Wandel Lehr- und Redefertigkeit, Schärfe der Auslegung und Gedanken- 
reichtum aufzuweisen vermöchten, wenn sie zwanzig Jahre hindurch 
mit Eifer und Pflichttreue ihren Obliegenheiten nachgekommen wären. 
Die Aufnahme neuer Dozenten in den Lehrkörper behielt sich weder 
die Regierung vor noch wurde sie der Cooptation der Fakultät über- 
lassen, sondern der Senat^) wurde mit der Aufgabe betraut, die 
Candidaten in der angedeuteten Richtung zu prüfen; dagegen ist es 
selbstverständlich, dafs, wie in Athen aus den Mitteln der Stadt, 
so hier die Professoren ein bestimmtes Gehalt aus der Staatskasse 
bezogen. 

Fassen wir nun noch einmal die Verteilung der Lehrstellen auf 
die verschiedenen Disziplinen ins Auge, so ist auf den ersten Blick klar, 
dafs diejenigen unter ihnen, welche für den praktischen Beruf, besonders 
für den Unterricht in den Sprachen vorbereiteten, einen entschiedenen 
Vorzug vor den übrigen genossen, denn den dreifsig Professoren für 
Latein, Griechisch und Jurisprudenz steht nur ein philosophischer 
Universitätslehrer gegenüber. Gerade nun diese Beobachtung spricht 
wohl am meisten für den christlichen Charakter der Universität, 



'•) ne discipuli sibi invicem' possint obstrepere vel magistri neve linguärum 
confusio permixta vel vocum aures quorundam aut mentes a studio literarum 
avertat. 

») VL 21, I. 15. März. 

81) Über die Personen vgl. die Vermutungen Gothofr. in seinem Commentar. 
Helladius ist der bereits oben erwähnte Lehrer des Socrates. Photius Bibl. c. 28. 
und 145. Socrat. V. 16 und 17. 

83) placuit honorari codicillis comitivae ordinis primi . . . ita ut eorum 
qui sunt ex — vicariis, dignitate potiantur. 

83) si... coetu amplissimo iudicante digni fuerint aestimati, qui in 
memorato auditorio professorum fungantur officio. 



278 

denn es gab damals noch keine christliche Philosophie aufserhalb der 
Klöster und des Klerus und die von diesen getriebene Philosophie 
stand der heidnischen schroff gegenüber, da sie nicht wie heutigen 
Tages an die Lehren der alten Naturphilosophen anknüpfte, sondern 
sich einzig und allein um die christlichen Dogmen und ihre philosophische 
Begründung drehte. Es war daher der Regierung unmöglich mehr 
als einen Christen aufzutreiben, der die Systeme der Alten genau 
studiert hatte und sie zu lehren sich im stände fühlte, wenn anders 
überhaupt zu Anfang ein Christ diese Stelle bekleidete. Die Universität 
Constantinopel trat somit von vornherein durch die Zurückdrängung 
der Philosophie gegen Athen in den Schatten, dessen Gröfse damals 
auf den Lehrern jener Disziplin beruhte, von denen Proclus**) der 
bedeutendste wurde, und dieser Umstand war die Veranlassung, dafs 
es in unserem Jahrhundert noch eine letzte Nachblüte erlebte. Doch darf 
ebenso wenig dabei übersehen werden, dafs auch die Rechtswissenschaft 
neben den übrigen eine untergeordnete Stellung einnimmt, jedenfalls 
ein Beweis dafür, dafs diese Seite der Studien damals damiederlag 
und nur wenige Verehrer zählte. 

Endlich aber ist die Verteilung der Lehrkräfte noch besonders 
wichtig in Bezug auf das Verhältnis der beiden Sprachen, der lateinischen 
und der griechischen, zu einander; denn während die Lehrer der 
Grammatik für beide an Zahl sich gleich sind, erhält die griechische 
Rhetorik zwei Lehrkräfte mehr als die lateinische. Über die Notwendig- 
keit einer solchen Mafsregel ist kein Wort zu verlieren, denn die 
allgemeine Landessprache des oströmischen Reichs und vor allem die 
Kirchensprache war das Griechische, auch verrät die hervorhebende 
Bemerkung eines Geschichtsschreibers, Pulcheria habe lateinisch 
sprechen können, dafs die lateinische Sprache nicht mehr von den 
meisten gebildeten Oströmern verstanden wurde. Gleichwohl hat jene 
Bevorzugung des Griechischen für uns noch eine andere Bedeutung, 
nämlich die, dafs wir sehen, wie, wenn auch die officielle Sprache der 
Behörden und Gesetze femer die lateinische bleibt, diese doch immer 
mehr verdrängt wird, bis endlich die griechische unter Justinian L 
auch im amtlichen Geschäftsverkehr die herrschende wurde. Zwei 
Reiche nun, die ehemals zusammengehört haben und noch dazu die- 
selbe Sprache sprechen, besitzen in derselben ein unzerreisbares Binde- 
mittel, welches sie sich stets von neuem nähern läfst, während der 
Mangel einer gemeinsamen Sprache, wie es die modernen Verhältnisse 
deutlich zeigen, selbst Glieder, die politisch zusammen gehören, einander 



M) Vgl. Hertzberg S. 488 IT. Zeller a. a. O. 6. 916 ff. 



i 



279 

mehr und mehr entfremden kann. Es tritt also in der Begünstigung der 
griechischen Sprache bei der Gründung der Universität auch ein 
Moment hervor, das abgesehen von anderen Gründen die allmähliche 
Trennung des grofsen Römerreichs in eine lateinische Westhälfte und 
eine griechische Osthälfte schon damals anbahnte. Schliefslich mufs 
auch darauf mit einem Worte hingewiesen werden, dafs G^nstantinopel 
durch die Gründung der Hochschule nicht nur Athens Glanz nach 
und nach in den Schatten stellte, sondern auch die anderen grofsen 
Städte des Orients, vor allen Dingen Alexandrien, überflügelte, das in 
Hypatia ein unschätzbares Anziehungsmittel verloren hatte, und somit 
auch in geistiger Beziehung der Brennpunkt wurde, von dem die be- 
lebenden Strahlen über das ganze orientalische Reich hin ausgingen. 



Fünftes Kapitel. 

Die Verhältnisse in Westrom. — Bonifacius und Aetius. — Ihr Vorleben und 
Charakter. — Die Intrigue des Aetius. — Aufstand des Bonifacius. — Mavortius, 
Galbio und Sinox werden gegen ihn gesandt. — Bonifacius ruft die Vandalen 
zu Hülfe. — Diese setzen unter der Führung Gaiserichs nach Africa über. — 
Aussöhnung Placidias und des Bonifacius. — Unglücklicher Kampf mit den 
Vandalen. — Theodosius II. sendet seinen Feldherm Aspar, der ebenfalls unter- 
liegt. — Die kirchlichen Zustände des Orients. — Nach dem Tode des Atticus 
und Sisinnius wird Nestorius aus Antiochia Bischof in Constantinopel. — Zwie- 
spalt der alexandrinischen und antiochenischen Lehrrichtung. — Streit über Maria 
als S-eoTOXOg. — Cyrill zieht den Kaiser und Hof in denselben hinein. — Synode 
zu Ephesus 431. — Absetzung des Nestorius. — Ende der Spaltung 433. 

Während das oströmische Reich im Laufe des zweiten Decenniums 
des Jahrhunderts in allen seinen Unternehmungen von dem glücklichsten 
Erfolge begünstigt wurde und sich das Regiment des zweiten Theodosius, 
so schwächlich er selbst war, immer mehr befestigte, waren dem west- 
römischen eine Reihe von Prüfungen ernster Art beschieden, welche 
den Kaiser des Orients zu neuem Eingreifen nötigten. Er hatte seinen 
Vetter Valentinian UI. als noch nicht siebenjährigen Knaben durch 
seinen Abgesandten Hello mit dem Purpur begabt, aber die eigentliche 
Leitung der Staatsangelegenheiten in die Hände seiner Mutter Placidia 
gelegt, weil ein männlicher Sprofs der Theodosianischen Dynastie 
aufser ihm nicht vorhanden war, und weil er meinte, dafs sie wie 
seine Schwester Pulcheria mit Klugheit und männlichem Geiste hin- 
reichend ausgestattet sei. 



% 



28o 

Doch, hatte sich die Feindschaft der beiden ehemaligen Leiter 
des Römerreichs, des Stilicho und Rufinus, nicht durch die Ehrfurcht 
vor den Kaisem Honorius und Arcadius Schranken setzen lassen, um 
wie viel weniger vermochte die vormundschaftliche Regierung einer 
fürstlichen Frau den Ehrgeiz ruhmsüchtiger Generale zu zügeln, zumal, 
wenn sie ihnen zu Dank verpflichtet war! In diese unheilvolle Lage 
geriet Placidia sogleich, nachdem sie die Staatsgeschäfte übernommen 
hatte, denn zwei Männer hatten vor allen andern Anrecht auf Aus- 
zeichnung und ihre Gunst, Bonifacius und Aetius; und diese waren 
nicht gewillt einander im geringsten zu weichen. Von ihnen ist uns 
Bonifacius *) bereits näher bekannt als ein rückhaltsloser Anhänger der 
Kaiserin -Mutter schon seit Honorius Zeiten, der unbekümmert um die 
feindliche Partei am Hofe zu Ravenna der flüchtigen Fürstin seine 
Treue erhalten und sie mit den ihm als Statthalter der reichen Provinz 
Africa zu geböte stehenden Mitteln nicht unwesentlich unterstützt hatte. 
Über seine militärischen Fähigkeiten ein Urteil zu fallen ist bedenklich, 
da seiner tapferen Verteidigung Massilias gegen Athaulf und Africas 
gegen die Truppen des Usurpators Johannes auch unglückliche Feld- 
züge gegenüberstehen. Wie nun aber auch seine Begabung nach 
dieser Seite hin beschaffen sein mochte, jedenfalls hatte er die Kaiserin 
sich durch seine unerschütterliche Anhänglichkeit für inmier und aufs 
engste verpflichtet, welche ihn auch nach der Niederwerfung des 
Johannes in seinem hohen Amte beliefs. 

Aus ganz entgegengesetztem Grunde zunächst machte auch 
Aetius Anspruch auf die besondere Gunst der Herrscherin, da er im 
Gegenteil zu der ihr feindlichen Partei gehört und im Auftrage des 
Johannes jene Hunnenscharen herbeigeführt hatte, welche er dann nach 
seinem Frieden mit Placidia mit Mühe und Not wieder zur Umkehr 
bewog. Aetius 2), dessen Persönlichkeit in den nun folgenden Wirren 
überall die Hand im Spiele hat, würde sich schon durch die letzte 
Grofsthat seines Lebens und durch seinen berühmten Gegner Attila 
unvergänglichen Ruhm erworben haben, wenn er nicht auch schon 
vorher die Geschicke des weströmischen Reichs nach seinem Willen ge- 
Wkt hätte. Er war geboren in der niedermoesischen Stadt Dorostorena*) 



*) Prosp. Aquit. 422 und 424. Olymp, frgm. 40 und 42. Augustin. ep. 220, 7. 
Procop. De hello Vand. I. 3. Vgl. Papenkordt Gesch. der vandal. Herrschaft 
in Africa S. 54—56. Sievers Stud. S. 454: Bonifacius und Aetius. 

^) Über ihn hat eine ausführliche Darstellung Hansen gegeben in der 
Dissertatio de vita Aetii part. prior, und posterior. Dorpat 1840. Vgl. 
aufserdem v. Wietersheim S. 187. §ievers S. 463 ff. 

3) Jordanis c. 34. Renat. Prof. Frigeridus bei Gregor. Tur. II. 8. Vgl. 
Hansen S. i. Aetii parentes. Vgl. besonders Anm. II. Kiepert S. 392. 



28l 

(oder Dorostulum j. Silistria) als Sohn einer edlen Italienerin und des 
Gaudentius, der ursprünglich in oströmischen Diensten stehend mit 
Theodosius dem Grofsen 394 nach Westen gegen Eugen gezogen 
und dann im Occident zurückgeblieben war. Hier bekleidete er im 
Jahre 401*) die Würde eines Befehlshabers der römischen Truppen in 
Africa, wo er zusammen mit Jovius nach dem Zeugnis des hl. Augustinus^) 
die heidnischen Tempel zu Karthago zerstörte, vielleicht noch 409*) 
die eines vicarius Africae und war dann später als General (mag. mil.) 
von seinen eignen Soldaten in Gallien getötet worden.'') Inzwischen 
hatte sein jugendlicher Sohn Aetius mannigfache Schicksale erfahren; 
er war 408 von Alarich neben dem Sohne des Jason als Geisel ge- 
fordert worden 8), doch bleibt es fraglich, ob er in der That an die 
Westgothen ausgeliefert worden ist; sicher dagegen ist die Nachricht, 
dafs er später als Geisel zu den Hunnen 9) entsandt wurde und aufser 
ihren Sitten und Gebräuchen auch seinen grofsen Gegner Attila kennen 
und achten lernte. Nach seiner Rückkehr^ über welche nichts fest- 
steht, diente er in der kaiserlichen Leibgarde i^) und hatte gegen 
das Ende der Regierung des Honorius ein so hohes Ansehen sich 
erworben, dafs der Usurpator Johannes, nachdem er ihn zum Castrensis 
sacri palatii**) erhoben hatte, ihn wegen seiner alten Beziehungen zu 
den Hunnen sandte, ein Auftrag, dessen Ausgang bereits oben berichtet 
worden ist 

Hatte den Aetius schon diese wichtige Rolle, welche in dem 
Kampf um das Erbe des Honorius den Ausschlag gab, mit grofsem 



*) Im Text von Cod. Theod. XI. 17, 3. 

») De civ. Dei VIIl. 54, i. 

«) Cod. Th. VII. 5, I. Vgl. Sievers S. 463. 

') Ren. Prof. Frigeridus a. a. O. und Prosp. Tiro. Vgl. Hansen S. 11. A. 9. 

*) Greg. Tur. II. 8. tribus annis Alarici obses, dehinc Chunnorura. Hansen 
S. i4fF. verficht diese Nachricht als Faktum; Sievers S. 464 stellt es als möglich 
hin, V. Wietersheim S. 187. A. a. schenkt mehr Zosim. V. 36. Glauben und ver- 
wirft jene Annahme. 

») Greg. Tur. a. a. O. Jedenfalls nach 410, meint Sievers S. 463. Vgl. Haage 
Gesch. Attilas. Progr. Celle 1862. S. 4. Hansen S. 20. nimmt an, dafs der Aufent- 
halt bei den Hunnen schon vor 408 stattfand. 

*^ Sievers a. a. O. bezieht mit Hansen S. 23. das : ex comite domesticorum 
des Ren. Prof. Friger. auf den Carpilio, des Aetius Schwiegervater. Anders 
V. Wietersheim S. 187. Vgl. ebend. zu dem Ausdruck derselben Quelle a puero 
praetorianus. 

") Frigeridus: Johannis curam palatii gerere coepit. Vgl. dazu Hansen 
S. 31, Anm. 52. Sievers S. 464. v. Wietersheim S. 187. Anm. b. Der castr. S. Pal. 
rangiert in der Hofrangordnung an elfter Stelle. Not. Dign. c. i. Seine Befug- 
nisse ebend. c. 17. ed. Seeck. 



282 

Selbstgefühl erfüllt, so erhob ihn noch mehr der glückliche Erfolg 
seines Vorgehens gegen den Westgothenkönig Theodorich I. , den er 
425/426 von Arelate vertrieb und zum Frieden nötigteJ*) So hatte 
er sich bereits bis hierher als den gezeigt, welcher er auch in Zukunft 
blieb, nämlich als einen echten Römer und aufrichtigen Patrioten, in dem 
die alte Kriegstüchtigkeit eines Theodosius und G^nstantius wieder auf- 
lebte und mit einem reichen Mafs diplomatischer Klugheit, leider aber 
auch mit unbesieglichem Ehrgeiz und unauslöschlichem Hafs gegen 
seine Feinde innig gepaart war. Eben diese letzten Eigenschaften 
nun waren es, welche dem weströmischen Reich zunächst einen schweren 
Schlag in dem Verluste der reichen Provinz Africa versetzten, von 
dem es sich nie wieder erholte. Denn Aetius von seinem eigenen 
Werte übermäfsig eingenommen und auf seine Thaten stolz, verzehrte 
sich in innerer Eifersucht bei der Wahrnehmung, dafs trotz seiner 
grofsen Verdienste sein Nebenbuhler Bonifacius dem Herzen und 
Throne der Augusta am nächsten stand, und beschlofs auf das Ver- 
trauen, welches ihm Placidia entgegenbrachte, fufsend, ihn durch eine 
klug eingeleitete Intrigue^^) aus der einflufsreichen Stellung zu ent- 
fernen. 

Besorgnis um das Wohl des Reichs vorschützend, redete er der 
Augusta ein, Bonifacius sei willens sich in Africa selbständig zu machen, 
und werde, falls sie sich davon überzeugen wolle, einer Aufforderung 
an den Hof zu kommen sicherlich nicht Folge leisten; an Bonifacius 
dagegen schrieb er, Placidia stelle ihm nach und werde, um ihren 
Anschlag auszuführen, ihn zu sich rufen lassen. So plump diese List 
für einen ruhigen und besonnen überlegenden Mann war^ so leicht 
liefsen sich Placidia und Bonifacius von ihr bestricken; denn wenn- 
gleich ihr besseres Selbst an die Schlechtigkeit des anderen Teils nicht 
glauben mochte, so hatten die letzten Jahrhunderte doch mehr als 
ein Beispiel von Fürstenlaune und Vasallenuntreue geliefert, und so 
erschien Bonifacius von Placidia berufen in der That nicht vor ihr. 
Der Besitz Africas war, wie wir bereits aus den Zeiten Stilichos wissen, 
für Rom eine Lebensfrage und jetzt um so mehr, als grofse Teile des 
gallischen Getreidebodens und fast ganz Spaniens ihre Erzeugnisse 



**) Prosp. Aquit. 425. Vgl. Hansen S. 44. Anm. 81. Sievers S. 453. 
Wietersh. S. 188. 

13) Alleinige Quelle für das Folgende ist Procop. De hello Vand. I. 3 ff. 
Hansen S. 45. Anm. 82» verwirft die Mitteilungen des Procop., indem er sich auf 
Prosp. Aquit. 427, wo Aetius nicht genannt werde, beruft. Vgl. Dahn bei 
Wietersh. S. 189 und 379. Ausführliche Darstellungen dieser Ereignisse gehen 
Mannert Gesch. der Vandalen Leipzig 1785; Gibbon a. a, O. VII., und Papen- 
kordt a. a. O. S. 57 ff. 



283 

nicht mehr für die römische Hauptstadt lieferten; es niufste daher um 
jeden Preis dem vermeintlichen Aufruhrer entzogen werden, der not- 
gedrungen um sein Leben kämpfend ebenfalls zu den Waffen griff. 
Aetius aber, um nicht dem Argwohn in der Brust der Placidia neue 
Nahrung zu gewähren, liefs sich nicht selbst gegen seinen Nebenbuhler 
entsenden, sondern sein Parteigenosse, dermagister militum Felix ^^), 
beauftragte den Mavortius, Galbio und Sinox mit der Führung der 
römischen Truppen gegen den „Reichsfeind" Bonifacius. 

Allein während dieser von ihnen in einem festen Orte, dessen 
Name nicht genannt ist, belagert wurde, fielen die beiden erstgenannten 
durch den Verrat des Sinox, der bald darauf aber ebenfalls den Lohn 
durch Bonifacius erhielt. Gleichwohl fühlte sich der letztere den 
römischen Streitkräften nicht gewachsen, da Placidia den comes 
Sigisvultus'^) von neuem gegen ihn entsandte, und er sicherlich zu- 
gleich auch von den Numidem in die Enge getrieben wurde *•), welche 
diese Gelegenheit das angebaute Land zu brandschatzen nicht unbe- 
nutzt vorübergehen liefsen. Da that er^ um sich selbst das Leben zu 
retten, einen gewagten Schritt, welcher seinem Vaterlande diejenige 
Landschaft kostete, welche bisher von den Leiden der Völkerwanderung 
völlig verschont geblieben war. £r rief nämlich zu seiner Unterstützung 
das Volk der eroberungslustigen und beutelüsternen Van dal en herbei ") 
welche den Süden der spanischen Halbinsel einnehmend dem schwarzen 
Erdteil benachbart wohnten und auf ihren kühnen Raubfahrten zur 
See nicht nur die nahen Gestade der Balearen heimgesucht i^), sondern 
mit ihren rohen Fahrzeugen selbst die Küste Nordafrikas in Schrecken 
gesetzt hatten. 

Und gerade damals stand an der Spitze derselben ein Mann, 
dessen Ehrgeiz über die Grenzen Hispaniens weit hinausging. Es war 
G aiser ich**), der unebenbürtige Sprofs des Königs Gunterichs L^^^), 
der seinen zwar ebenbürtigen, aber unthätigen Bruder Guntherich IL, 
mit welchem er die Herrschaft teilte, durch seine kriegerische 
Tüchtigkeit gänzlich in den Schatten stellte. Zwar sein Äufseres 



") Prosp. Aquit. 927. Über seine Nachrichten vgl. die Untersuchung bei 
Sievers S. 455 fF. Papenkordt S. 58. 
") Prosp. Aquit, 427. 
*«) Papenkordt S. 59. 

") Über die Vorgeschichte der Vandalen vgl. Papenkordt S. I — 20. 
*•) Idac. Chron. Papenkordt S. 53. 
**) Seine Charakteristik bei Jordanis c. 33. Procop. I. 3. deivotaroq wv 

^ So Wietersheim S. 188; anders Dahn Könige I. S. I42ff. , der nur 
einen Ghintherich annimmt. Vgl. Procop. a. a. O. Papenkordt S. 61. 



284 

entsprach nicht dem Sinne, der ihn beseelte, denn seine keineswegs 
hohe Gestalt litt unter dem Fehler des Hinkens, welches er sich durch 
einen Sturz vom Pferde zugezogen hatte, dafür aber entschädigte ihn 
eine geistige Begabung von bewunderungswürdiger Schärfe, welche 
ihn zum Verächter alles unnützen Geschwätzes wie überflüfsiger Be- 
quemlichkeit, aber auch zu einem gefahrlichen Friedenstörer und 
Ränkeschmied für die übrigen Völker machte; endlich zeigte sein 
Charakter einen zügellosen Jähzorn und den gemeinsamen Zug dieser 
Zeiten, die schmutzigste Geldgier. Er ging daher auf den Vorschlag 
des römischen Feldherm, ihn in Africa gegen seinen Widersacher zu 
unterstützen, mit der gröfsten Bereitwilligkeit ein 21), bot sich ihm doch 
und seinem Volke aufser den versprochenen Landteilen neue Gelegen- 
heit ihre Beutelust und ihren Kriegseifer zu behriedigen; er setzte im 
Laufe des Jahres 428 oder erst 42922) mit seinen Volksgenossen und 
Zuzüglern der Alanen 22») nebst ihren Angehörigen "über die schmale 
Strafse von Gibraltar nach Africa hinüber und betrat in der Provinz 
Mauretania Tingitana das römische Gebiet. Nach der glaubwürdigen 
Notiz eines Zeitgenossen betrug die Gesammtzahl aller übergesetzten 
auf Grund der von Gaiserich alsbald veranstalteten Zählung nur 80 CXK> 
Seelen 23), so dafs die kriegstüchtige Mannschaft nicht mehr als 50 000 
Mann gezählt haben wird. 

Während Gaiserich nun mit derselben den ebenso weiten wie 
beschwerlichen Marsch durch Mauretania Tingitana und Sitifensis an- 
trat, war auf Veranlassung der Placidia, welche einige von den Freunden 
des Bonifacius an denselben abgeschickt hatte, weil sie an seine Treu- 
losigkeit nicht glauben wollten, das zwischen ihnen obwaltende Mifs- 
verständnis gelöst und der Trug des Aetius klar gelegt worden.24) 
Indes bei der mächtigen Stellung des letzteren und den augenblick- 
lichen mifslichen Verhältnissen zog Placidia vor gute Miene zum bösen 
Spiele zu machen und verzichtete auf eine Bestrafung; viel weniger 
durfte sie aber dem hintergangenen Bonifacius zürnen und liefs ihm 
deshalb die Verzeihung zu teil werden mit der Aufforderung, die 



'*) Prosp. Aquit. 427. Chron. Pasch. 428. Idac. 429- Vgl. Sievers S. 456. 
Wietersh. S. 190. Papencordt S. 63. Anm. i. 

2*) Possidonius in vita S. Aug. c. 28. 

**a) Bevor er nach Africa übersetzte, besiegte er die Sueben, welche in das 
Land der Vandalen eingefallen waren. Idac. vgl. v. Wietersheim S. 190. Papen- 
kordt S. 63. 

*3) Victor, episcop. Vitensis historia persecutionis africanae ed. Halm in 
Mon. Germ. Übersetzt v. M. Zink. Progr. Bamberg 1883. I. cap. I. Procop. 
a. a. O. I. 5. ") I. 3. 



285 

Barbaren zürn Abzüge aus Africa zu bewegen. Allein Bonifacius hatte 
sich in dem Vandalenkönig getauscht, der das Verlangen des Römers 
für einen Treubruch haltend ungesäumt den Krieg gegen ihn selbst 
und damit auch gegen die Provinz Africa, welche er bisher nur als 
Bundesgenosse behandelt hatte, begann. Da kostete dies unglückliche 
Land alle die Leiden, welche die anderen Teile des Reichs nach und 
nach erduldet hatten, mit einem Schlage durch, und grauenvoll ist die 
Schilderung^^), welche uns der Bischof Victor von Vita von ihr ent- 
wirft Nicht nur, dafs die Vandalenhordeu wie andere Barbaren die 
blühenden Gefilde durch Sengen, Brennen und Morden verheerten 
und entvölkerten, bezeichnender für ihre und ihres Führers Sinnesart 
war es, dafs sie selbst die fruchtbaren Sträucher nicht von der allge- 
meinen Vernichtung ausnähmen, ,> damit nicht etwa die Bewohner, 
welche sich in die Gebirgshöhlen und sonstige Schlupfwinkel geflüchtet 
hatten, nach ihrem Abzüge von den Früchten derselben sich ernähren 
konnten." 2«) Namentlich waren es die Kirchen und Kapellen der 
Heiligen, die Begräbnisplätze und Klöster, an denen sie auf die frevel- 
hafteste Weise ihre Wut ausliefsen, so dafs sie die Bethäuser noch 
weit mehr als die grofsen und kleinen Städte insgesamt in lodernden 
Flammen aufgehen liefsen. 

Die Not der also bedrückten Bewohner, an deren Elend Bonifacius 
allein schuld war, bewog ihn endlich dem Vandalenkönige entgegen- 
zutreten, aber unglücklich im Treffen warf er sich mit dem Reste 
seiner Truppen, welcher aus föderierten Gothen bestand, in Hippo 
regius^''), den Bischofssitz des hl. Augustinus. Hier aus Italien zur 
See mit allem Nötigen versorgt verteidigte er sich, während die Vandalen 
nunmehr auch Numidien und die eigentliche Provinz Africa bis auf 
das feste Cirta und Karthago einnahmen, mit Ausdauer und Geschick 
vierzehn Monate lang, bis Gaiserich durch den Mangel an Lebens- 
mitteln gezwungen die Belagerung aufhob. Inzwischen war auch das 
oströmische Reich durch diese unglücklichen Ereignisse ins Interesse 
gezogen worden; denn Placidia hatte Theodosius Nachricht gegeben, 
und es zeugt sowohl von dem guten Verhältnis zwischen den beiden 
Höfen als auch von dem richtigen Blick der Pulcheria, dafs sie die 
Gefahr des Westreichs auch für die ihres kaiserlichen Bruders ansah 
und keinen Augenblick zögerte, dem bedrängten Bonifacius Hülfe zu 
senden. Diese Sendung (431) stand unter dem Befehle des aus dem 



") Victor Vitens. a. a. O. «•) I. i. 

*') Procop. I. 3. Während dieser Belagerung starb der hl. Augustinus, V. 
Kai. Sept. inter impetum obsidentium Vandalorum. Prosp. Aquit. 430. Possidonius 
c. 28. Vgl. Sievers S. 455. Mannert S. 56. Papenkordt S. 67. 



286 

letzten Kriege vorteflhaft bekannten Sohnes des Ardaburius Aspar^^), 
doch wissen wir über die Stärke seines Kontingentes gar nichts, nur 
wird berichtet, dafs sich der spätere Kaiser Marcian in seiner Begleitung 
befand und in vandalische Gefangenschaft fiel.^^) Die Truppenmacht 
des Aspar war, da sie zur See auf den Kriegsschauplatz gebracht 
wurde, gewifs nicht bedeutend; jedenfalls vermochte auch er nicht 
dem Kriege eine andere Wendung zu geben, sondern beide, er und 
Boni&cius, wurden nach tapferer Gegenwehr in einer zweiten Schlacht 
von Gaiserich so aufs Haupt geschlagen, dafs Aspar den weiteren 
Kampf aufgebend nach Constantinopel zurückkehrte, und Bonifacius 
von Placidia nach Italien berufen wurde, während Africa seinen Be- 
drängern hilflos überlassen blieb.^*») 

Aber nicht nur durch die wechselvollen Ereignisse, welche sich 
im Occident abspielten, wurde die Aufmerksamkeit der Regierenden 
im Ostreich in denselben Jahren in Anspruch genommen, sondern 
die Interessen und Neigungen des Theodosius wie seiner Gemahlin 
und Schwestern zog nicht minder eine andere Angelegenheit in ihre 
Kreise, welche wiederum wie zu den Zeiten des Johannes Chrysostomus 
zunächst Constantinopel, dann aber in ihrem weiteren Verlaufe auch 
das ganze Reich in Aufregung und Verwirrung versetzte. In denselben 
Tagen nämlich, in denen Theodosius die grofse Reise in den Occident 
zur Krönung Valentinians III. vorhatte, starb der Bischof Atticus*®) 
von Constantinopel, der sämmtlichen Kindern des Arcadius und nicht 
weniger der Eudocia aufserordentlich nahe gestanden hatte und nach 
allem , was wir von ihm wissen , ein gutherziger Mann von milder 
Gemütsart gewesen war. Ist es nicht angenehm in diesen Zeiten, wo die 
Gegensätze der Bekenntnisse sich noch so schroff gegenüberstanden 
und so viele Kirchenfürsten ihren Ruhm in der Verfolgung Anders- 
gläubiger zu mehren trachteten, auch einmal auf einen Geistlichen zu 
stofsen, vor dessen Herzen wenigstens die „Mühseligen und Beladenen'* 
alle gleich waren, welchem Glauben sie auch angehörten! Atticus war 
ein solcher. Er sandte einmal ^i) dreihundert Goldstücke an den Presbyter 
Calliopius von Nicaea mit der Bitte, sie an die schamhaften Armen, 
nicht an die gewerbsmäfsigen Bettler zu verteilen und ohne Rücksicht 
auf religiöse Unterschiede. Nicht minder zeugt von der Versöhnlich- 



'*) Procop. I. 3. Damals schenkte Aetius den ihm von Attila übersandten 
Maurusier Zercon dem Aspar. Priscus frgm. 11. Suidas v. ZiQXWV. 
^) Ebend. führt diese Thatsache noch weiter aus. 
89 a) Vgl. Papenkordt S. 69 fr. v. Wietersheim S. 190. 

30) Socrat. VII. 25. 10. Okt. 425. 

31) Ebend. 



287 

§ 

keit seines Sinnes die Aufnahme des Namens des Johannes Chrysostomus 
in die bischöflichen Diptychen und seine Aufforderung an Cyrill von 
Alexandrien das Gleiche zu thun.^**) Es war Theodosius, der diesen 
seltenen Mann gewifs recht hoch geschätzt hatte, nicht mehr vergönnt 
gewesen ihm die letzte Ehre zu erweisen, da er durch seine Erkrankung 
in Thessalonich zurückgehalten worden war; den Streit dagegen, der 
sich wie immer um die Nachfolge erhob, konnte er bereits schlichten* 
und zwar geschah dies dahin, dafs der durch Wohlthätigkeit und 
Frömmigkeit ausgezeichnete Presbyter Sisinnius aus der Vorstadt 
Elaea auf den Patriarchenstuhl erhoben wurde.'^) 

Allein der frühzeitige Tod des ehrwürdigen Mannes am Ende 
des folgenden Jahres (427) ^3) brachte Theodosius und seinem Hause 
die gleiche Sorge von neuem, und diesmal fiel ihre Wahl nicht auf 
einen Geistlichen der eignen Kirche, sondern auf den Presbyter 
Nestorius aus Antiochia. Er stammte aus Germanicia in Syrien ^-^), 
wo er sich bald durch die Gewandtheit seiner Rede, welcher ein 
schönes Organ noch mehr Nachdruck verlieh, auszeichnete und bekannt 
machte. Nachdem er darauf eine Zeit als Mönch im Kloster des 
Euprepius gelebt hatte, wurde er zuerst als Diakon, dann als Presbyter 
an die antiochenische Kirche berufen. Schon in diesen Zügen 
zeigt er eine auffallende Ähnlichkeit mit seinem unglücklichen Vor- 
gänger Johannes 3**), (dessen Andenken durch seine Einwirkung 
damals am Hofe wiedergefeiert wurde), welche noch durch den ihm 
anhaftenden Mangel an Mäfsigung vergröfsert wird. Auch fehlte es 
ihm an der einem Geistlichen so wohl anstehenden Bescheidenheit, 
dafs er nie oder höchst selten von seiner eigenen Person spricht; er 
hatte vielmehr etwas Fanatisches in seinem Wesen, welchem er gleich 
in seiner Antrittspredigt feurige Worte verlieh, indem er dem Kaiser 
zurief: „Gieb* mir, o Kaiser, die Erde gereinigt von den Ketzern, und 
ich will Dir den Himmel dafür geben. Vernichte Du mit mir die 
Irrgläubigen, so will ich mit Dir die Perser vernichten!" Und diesen 
Worten folgte auch bald die That, denn schon am fünften Tage nach 



'•a) Aufser Socrat. a. a. O. Vgl. Attici ep. ad Cyrillum in Cyrilli op. 
V. 3, 201. 

**) Am 28. Febr. 426. Aufser ihm bewarben sich die Presbyter Philippus 
und Proclus um den Bischofsstuhl. Socrat. c. 26. 

^) 24. Dec. 427. Socrat. c. 28. 

'*) Socrat. c. 29. Marc. Com. 428. Vgl. die auch im Folgenden vielfach 
benutzten kirchengeschichtlichen Darstellungen von Neander AUgem. Gesch. der 
christl. Religion und Kirche, ed. 1856. 1.2. S. 667; Gieseler Lehrbuch der 
Kirchengesch. I. 2. S. 131 ff. v. Hefele Conciliengeschichte 1X-. S. 149. 

3*a) Marc. Com. 428. 



288 

seiner Ordination machte er sich daran, die Kirche der Arianer zu ver- 
nichten^*), in der sie heimlich ihre Gebete verrichteten, er bewirkte aber 
nur, dafs sie in Brand gesteckt und die benachbarten Häuser mit ein- 
geäschert wurden. Nicht minder fanatisch ging er gegen die Mace- 
donianer vor, denen in Constantinopel und den Gegenden am Helle- 
spont ebenfalls die Bethäuser genommen wurden.^) So beherrschte 
er anfangs die frommgläubigen Herzen des Theodosius und der 
Pulcheria, wovon aufser diesen Thatsachen auch eine erneute Ver- 
fügung gegen die Haeretiker aus der ersten Hälfte des Jahres 4283') 
Zeugnis ablegt. 

Allein schneller noch als bei Johannes Chrysostomus wurde das 
gute Verhältnis, in welchem der Patriarch zunächst mit seiner Gemeinde, 
seinem Klerus und dem Kaiser stand, durch eine dogmatische Streitig- 
keit getrübt, in deren Verlaufe das eben erst aufgegangene glänzende 
Gestirn des redegewandten Nestorius nach kurzem Leuchten alsbald 
wieder in Finsternis versank. Sie wurde nicht von ihm heraufbe- 
schworen, sondern lag schon längst vor ihm in dem tiefen Gegensatz, 
welcher inbetreff der Auffassung des Verhältnisses Gottes zu Christus 
und zu den Gläubigen sich zwischen der antiochenischen Kirche, aus 
der Nestorius stammte, und der alexandrinischen allmählich herausge- 
bildet hatte.*^) Denn während diese in dem Nebeneinandersein von 
göttlichen und menschlichen Eigenschaften in Christo überall auf das 
Übernatürliche darin hinwies, liefsen es sich die antiochenischen 
Dogmatiker angelegen sein, in der Offenbarung des Übernatürlichen 
das Natürliche und Erklärbare zu finden, und während sie in dem Ver- 
hältnis Gottes zum Menschen ein Analogen zu dem zwischen Gott 
und Christo zu sehen meinten, erschien gerade dies den Alexandrinern 
als eine Läugnung der Göttlichkeit des Heilandes; Stoff genug, um 
bei der leichten Erregbarkeit der orientalischen Gemüter ein Feuer 
anzufachen, von dessen zunehmender Mächtigkeit die Urheber nichts 
geahnt hatten. Aber alle diese Fragen würden an und für sich nicht 
zu unerfreulichem Streit und zur Absetzung des Patriarchen geführt haben, 
wenn dieser nicht ebenso wie Johannes in einer Zeit berufen wäre, 
in welcher an der Spitze der alexandrinischen Kirche ein ehrgeiziger 
und vor keinem Streit zurückschreckender Bischof stand. Es war der 
uns bereits bekannte Cyrill, bei dessen Erwähnung uns sogleich das 



^) Socrat. ebend. Marc. Com. 428. 
**) c. 31. Marc. Com. 429. 
37) Cod. Theod. XVI. 5, 65. 30. Mai. 
»«) Neander S. 666. 



26q 

Bild jener aufregenden Vorgänge ^9) in Alexandrisn vor die Seele 
tritt, deren Anstifter der Patriarch selbst war. Dafs er Veranlassung 
zu persönlichem Groll gegen Nestorius gehabt hätte, wird nirgends 
berichtet, gleichwohl dürfen wir im Hinblick auf seine alexandrinische 
Thätigkeit annehmen, dafs er demnächst in seinem Vorgehen gegen 
denselben nicht blos von rein sachlichen und kirchlichen Beweggründen 
geleitet wurde.^^) 

Unter den Erscheinungen, welche dem neuen Patriarchen in 
seinem Wirkungskreis entgegentraten, war ihm von Anfang an die 
auffällig, dafs die Mitglieder seiner Gemeinde und seines Klerus mit 
einer nach seiner Meinung übertriebenen Verehrung von der Mutter 
Christi als „Gottesgebärerin" {d-soroxog) sprachen**); er unterliefs es 
daher nicht, in seinen Predigten seine abweichende Ansicht über den 
wunderbaren Anteil Marias an der Geburt des Heilandes auszusprechen, 
welche er in dem Ausdruck „Christusgebärerin'* {xQiCtotoxog) zü- 
saomienfafste^^^^ und jene Verehrung in die geziemenden Schranken 
zurückzuweisen. Natürlich gab er dadurch nicht nur für seine Kleriker, 
sondern auch für die Laien, welche seine Kirchen besuchten, ein Ge- 
sprächsthema, welches nach allen Seiten hin beleuchtet und verhandelt 
wurde. Unter den ersteren erregte der mit ihm aus Antiochia ge- 
kommene Presbyter Anastasius*') die öffentliche Meinung noch mehr, 
indem er eines Tages in der Kirche erklärte: „Niemand nenne die 
Maria eine Gottesgebärerin, denn Maria war Mensch, von einem Menschen 
aber kann unmöglich ein Gott geboren werden I" Vergebens versuchte 
Nestorius in seinen Predigten den Eindruck dieser unvorsichtigen 
Äufserung abzuschwächen und seiner eigenen mafsvollen Meinung zum 
Siege zu verhelfen, die Aufregung unter Klerus und Volke ward viel- 
mehr immer gröfser und brachte ihm nicht nur offenen Angriff und 



3«) Vgl. II. Buch c. 2. der Darstellung. 

*0) Neander S. 671. 

**) So versichert Nestorius, und gewifs mit Recht, selbst in einem Briefe 
an Johannes von Antiochia bei Harduin conciliorum collectio I. S. 1331 : Puto 
enim et tuam religiositatem cognovisse, quia mox ut venimus huc, aliquos . . . 
eorum, qui ad ecclesiam pertinent, seditione dissidentes invenimus; quorum aliqui 
quidem sanctam virginem Theotocon tantummodo nominabant, alii vero hominis 
genitricem. Unde utramque partem ut diligenter colligerem . . . Christi eam 
vocavimus genitricem, ut haec vox utrumque manifeste signaret, id est deum et 
hominem. Anders Socrat. VII. 32. Vgl. Neander S. 667 iF. 

**) Neander S. 670. Gieseler S. 138. Anm. 15. 

*3) Socrat. VII. 32 : &st6xov ttjv (lagiav xaXskw fjiijSslg' /Aagia yag 
av^Qwnoq t]v' vnb avS-QWTtov 6t d-sov TexO^fjvcti dövvazov. 

19 



« 



Widerspruch aus den Reihen der Geistlichen wie den des Pröclus**), 
des mnstigen Mitbewerbers um den bischöflichen Stuhl, sondern selbst 
aus der Menge der Laien**) ein. 

Allmählich nahm der Streit immer mehr den Charakter einer 
Kirchenspaltung an, da eine Anzahl Kleriker ihm offen die Kirchen- 
gemeinschaft aufkündigten und gegen ihn predigten, wogegen Nestorius 
sowohl die kirchliche Strafe der Excommunication gegen sie verhängte 
als auch den Arm der weltlichen Gerechtigkeit gegen alle diejenigen 
zu Hülfe rief, welche in ihrem Fanatismus die Grenzen der erlaubten 
Handlungen gegen ihr Oberhaupt weit überschritten.**) Die Nachricht 
von den Vorgängen in Constantinopel fand, da sie durch eine alle 
katholischen Christen angehende Frage veranlafst waren, schnell 
allgemeine Verbreitung*') und erregte vor allem die ägyptische Kirche 
als diejenige, welche den Inhalt des Wortes d-eoTOXog mit allen 
Consequenzen verfocht, und zumeist den Cyrill. Sie gab ihm erwünschte 
Gelegenheit, nachdem er so lange nicht von sich reden gemacht hatte, 
seiner innersten Natur gemäfs einen Streit aufzunehmen, von dessen 
erfolgreichem Ausgang er sich für den Glanz seines Namens und 
seiner Kirche die herrlichsten Früchte versprach. Schon in dem Hirten- 
briefe*^), welchen er nach der Sitte 429 zu Ostern an die Geistlichen 
seines Bezirkes richtete, wies er auf eine abweichende Lehre von der 
Jungfrau Maria hin, ohne jedoch Nestorius selbst zu nennen. Auch 
in einem besonderen Schreiben an die ägyptischen Mönche, deren 
Beschränktheit einige Ereignisse dieser Zeit bereits hinlänglich darge- 
gethan haben, wurde der Name des Patriarchen nicht erwähnt, wohl 
aber fühlte sich Cyrill berufen, die Mönche über den Begriff des 
ß-sOTOXOg aufzuklären, damit sie nicht in ihrem Glauben durch ge- 
wisse Gerüchte verwirrt würden.*^) Wenn er damit die Absicht 
verfolgte, den bisher auf Constantinopel beschränkten Streit zu einem 
allgemeinen zu machen, so gelang ihm das zunächst nur unvollkommen, 
denn Nestorius fühlte sich zwar durch dieses Vorgehen seines Amts- 
bruders aufs tiefste beleidigt, liefs jedoch die Herausforderung unbe- 



**) Vgl. Socrat. c. 26 und 28. Cedren zum 22. Jahre des Theod. Vgl. 
Neander S. 669. 

**) So besonders Eusebius, der spätere Bischof von Dorylaeum. Cedren a. a. O. 

*•) Klageschrift des Archimandriten Basilius und des Lectors und Mönches 
Thalassius und der übrigen christl. Mönche an die christl. Kaiser Theod. und 
Valent. in 5 Teilen. Harduin S. 13360*. Neander S. 670. 

*'') Mansi Conciliorum omnium amplissima collectio IV. S. 599. 

*•) yQapLfiaxa Ttaoxa^tct. Mansi S. 587 flf. 

*•) Mansi S. 599, bes. c. 20. Vgl. Neander S. 671. 



29 t 

antwortet. Erst ein Entschuldigungsschreiben des Cyrill, in welchem 
er seine Handlungsweise durch den Hinweis auf die Verpflichtung, 
über die Reinheit des Glaubens zu wachen, zu beschönigen suchte*®), 
rief eine kurze, nicht minder deutliche Entgegnung des Nestorius her- 
vor, welche wiederum von Cyrill eine Widerlegung erfuhr. Gleichwohl 
wäre der Streit vielleicht zwischen ihnen beiden geblieben, wenn nicht 
durch die Ankunft gemafsregelter alexandrinischer Geistlichen in Con- 
stantinopel das persönliche Moment in demselben verschärft worden 
wäre. Ähnlich wie einst die von Theophilus vertriebenen Mönche bei 
dem Bischöfe der Reichshauptstadt Schutz suchten und die Veran- 
lassung zu Klagen des alexandrinischen Patriarchen wurden, so war 
auch Cyrill über die Aufnahme seiner Kleriker erzürnt und wandte 
sich in einem neuen Schreiben**) an Nestorius, in welchem er sich 
darüber beschwerte und eine wiederholte Auseinandersetzung seiner 
Lehre gab. Nestorius blieb ihm die Antwort nicht schuldig *^) und 
wies in derselben besonders die Berufung des Cyrill auf das Nicaenum 
zurück, während er zum Schlufs die Bemerkung machte, dafs auch 
„die Kaiser eingenommen seien vom Lichte seines Dogmas.*' 

In dieser Weise hätte der Streit noch lange fortgehen können, 
ohne die ganze orientalische Kirche zu verwirren und zu entzweien, 
so lange nicht die weltliche Macht mit in das Parteiinteresse gezogen 
wurde. Da war es nun för Nestorius höchst verhängnisvoll, dafs Cyrill 
einen Apell an den Hof richtete, um diesen für seine Anschauung 
zu gewinnen *3), da er inzwischen erfahren hatte, dafs an demselben 
eine Einigkeit in Bezug auf den Gegenstand des Streites nicht 
herrsche. Es ist zwar nur ein verdächtiges Zeugnis vorhanden*^), 
dafs Pulcheria mit dem neuen Patriarchen nicht znm besten stand, 
indes weist die Art, wie Cyrill seine Berufung an die mafsgebenden 
Persönlichkeiten im Reich richtete, nicht undeutlich darauf hin, dafs 
sich allmählich ein persönlicher Gegensatz zwischen der Gemahlin 



^ Mansi S. 883. Neander setzt diesen Brief später an, vgl. S. 673. Während 
er in demselben ,, Aufrichtigkeit und einen Beweis seines edlen Herzens" sieht, 
erblickt von Hefele a. a. O. darin nur „Eigenlob und Derbheit." 

**) Harduin ep. 4. S. 1273. 

") ep. 5. S. 1277. 

**) So nehme Ich mit Neander S. 674 an , vgl. dagegen v. Hefele a. a. O. 

**) Suidas V. HovXxsQla berichtet, Pulch. habe grofsen Hafs gegen Nestorius 
gehegt, weil dieser dem Kaiser ihre Buhlerei mit dem damaligen Mag. off. Paulinus 
hinterbracht habe. Es liegt bei der bekannten Lebensweise der Princessin auf 
der Hand, dafs jene Nachricht ein gegenstandsloses Geklätsch ist: doch scheint 
eine feindselige Stimmung der Pulch. gegen Nestorius daraus hervorzugehen. Vgl. 
Neander S. 674. Anm. 4. upd Gregorovius Athenais S. 136. 

19* 



2g2 

des Kaisers und seiner Schwester ausgebildet hatte, von denen jede 
den Augustus und damit das Reich zu beherrschen trachtete. Diese 
Sachlage schlau benutzend richtete er zwei ausführliche Darlegungen 
seines Standpunktes zur Frage der Maria als Gottesgebärerin, die eine 
an Theodosius und Eudocia, die andere an die Augusta Pulcheria^^), 
ohne indes dabei des Nestorius Erwähnung zu thun. Seine Absicht 
war offenbar, die Spaltung am Hofe zu seinen gunsten zu verschärfen 
und insbesondere die Fürsprache der Schwester des Kaisers zu ge- 
winnen, durch welche er dann den schwachen Theodosius ebenfalls 
zu seiner Anschauung zu bekehren hoffte. Allein er hatte sich zu- 
nächst in Theodosius arg verrechnet, der die Kränkung, welche seiner 
Autorität durch dies zweite Schreiben an Pulcheria zugefügt worden 
war, mit Unwillen empfand, wie seine spätere Antwort an Cyrill 
klar zeigt 

Gewinnt mm der persönliche Streit des Nestorius mit Cyrill da- 
durch an Bedeutung, dafs das weltliche Staatsoberhaupt mit in ihn 
verwickelt wurde, so erhielt er aufserdem noch eine besondere Wichtig- 
keit durch die Bemühungen der beiden Patriarchen, den Bischof von 
Rom, Coelestinus, in ihr Interesse zu ziehen. Wer von beiden 
zuerst**) an diesen sich gewandt und seine Meinung über die Teil- 
nahme Marias an der Geburt Christi erforscht hat, lässt sich schwer 
entscheiden ; aber die Art und Weise , wie Cyrill die Verhandlungen 
betrieb, scheint mehr für diesen zu sprechen. Denn während Nestorius 
in den hierauf bezüglichen Schriftstücken niemals den Standpunkt 
der Gleichheit zwischen ihm und dem Bischof von Rom verläfst, 
scheinen die Ausdrücke, welche Cyrill in den seinen gebraucht, eine 
gewifse Prärogative desselben in Glaubenssachen anzuerkennen. Der 
römische Bischof war daher von vornherein gegen Nestorius und 
für Cyrill eingenommen, wie die von ihm 430 zu Rom abgehaltene 
Synode der italischen Bischöfe aufs deutlichste beweist Denn diese 
beschlofs höchst einseitig, dafs Nestorius, wenn er nicht innerhalb zehn 
Tagen vom Tage des Empfanges des Beschlusses an gerechnet durch 
eine offene und schriftliche Erklärung seine Irrlehren verdammt habe, 
aus der Gemeinschaft der katholischen Kirche auszuschliefsen sei^'^). 



**) Mansi IV. 6i8fF. Er wird bei Cedren zum 24. Jahre des Theodosius 
und von Justinian in seinem Schreiben an die 5. oecumenische Synode erwähnt. 
Cedren p. 379. 

*•) Nach Neander S. 674 war es Cyrill, nach Hefele a.a.O. Nestorius. 
vgl. den Brief des Nestorius Harduin S. 1308 und des Cyrill Mansi IV. S. lOii. 

") Harduin S. 1301, vom 11. August 430. Marcell. Com. zu 430. Prosp. 
Aquit. zu 428. Euagrius I. 3. 



293 

Diese Entscheidung, deren Ausführung man zugleich dem Bischof von 
Alexandrien übertrug, wurde aufser Nestorius auch dem Qerus*»*) 
desselben sowie den angesehensten morgenländischen Bischöfen Jo- 
hannes von Antiochia, Rufus von Thessalonich, Juvenal von Jerusalem 
und Flavian von Philippi durch besondere Schreiben mitgeteilt. 

Nachdem die Angelegenheit ein so gefahrliches Gepräge ange- 
nommen hatte, versuchte der Bischof Johannes von Antiochia, der 
Jugendfreund des Nestorius, diesen noch einmal brieflich zur Nach- 
giebigkeit zu bewegen, allein Nestorius antwortete ihm ausweichend, 
er hoffe auf ein Concil und bitte ihn sich nicht über die bekannte 
Anmafsung des aegyptischen Bischofs zu wundem, da schon zahlreiche 
Beispiele derselben aus der Vergangenheit vorlägen *9), Bevor aber 
der Beschluss der römischen Synode Nestorius bekannt gemacht 
wurde, hielt Cyrill noch eine eigene Kirchenversammlung zu Alexan- 
drien ab, deren Ergebnis in zwölf Ana thematismen zusammengefafst 
wurde. Nun erst teilte Cyrill seinem Gegner die Entscheidung der 
römischen Bischöfe und zugleich die der aegyptischen mit und forderte 
ihn zum Widerruf auf. Diesem Ansinnen, welches an ihn gestellt 
wurde, während er selbst nicht gehört worden war, setzte Nestorius, 
noch immer im Besitze der kaiserlichen Huld, den gleichen Trotz 
entgegen und stellte den Verdammungen der Ägypter zwölf andere 
gegenüber®*). So weit war der Streit gediehen, ohne dafs bisher die 
weltliche Macht ihr Urteil abgegeben hätte, und doch war ohne diese 
eine Einigung oder ein Sieg der einen Anschauung über die andere 
nicht möglich, nachdem es seit Constantin dem Grofsen Sitte ge- 
worden war, dafs kirchliche Streitigkeiten durch Zusammenkünfte der 
Geistlichen entschieden wurden, welche das Staatsoberhaupt zu be- 
rufen hatte. Da nun von beiden Parteien ein Concilium gewünscht 
worden war, so entschloss sich Theodosius, gewiss aufrichtig um den 
kirchlichen Frieden in seinem Reiche besorgt, im Einverständnis mit 
Placidia und Valentinian eine Synode aller katholischen Bischöfe zu 
versammeln, um die Einheit der Lehre wiederherzustellen. 

Am 19. November 430^2) erliefs Theodosius die Einladungs- 
schreiben an die Metropoliten des Inhalts, dafs sie sich am Pfingst- 
tage des Jahres 431 inEphesus mit den abkömmlichen Suffragan- 
bischöfen einfinden sollten. An Cyrill aber sandte er aufser diesem 

68) Harduin S. 1311. 
w) S. 1317 und 1331. 

^) S. 1283. Vgl. Gieseler, der sie S. 143—145 ebenfalls mitteilt. Neander 
S. 676. 

81) Harduin S. I298flf. Gieseler S. 145 und 146. 
«) Harduin S. 1343. 



i 



294 

noch ein besonderes Schreiben**) als Antwort auf die an ihn, seine 
Gemahlin und Pulchcria gerichteten Ausführungen, welches im Gegen- 
satze zu den Zügen, welche uns von ihm mitgeteilt werden, von einem 
recht männlichen und energischen Sinn zeugt, welcher sonst an ihm 
nicht zu bemerken ist. Denn nachdem er darin betont hat, dafs 
auch ihm die Gottesfurcht am Herzen liege, fordert er den Cyrill 
auf zu erklären, „warum er Unruhe uud Spaltung in die Kirchen 
hineingetragen habe, wie wenn die Heftigkeit der Kühnheit in Sachen 
der Frömmigkeit mehr vermöge als die Genauigkeit. . . . Und ist es 
nicht wunderbar, fahrt er fort, dafs der, welcher in diesen Dingen 
das Mafs überschritten hat, sein Unternehmen nicht nur gegen die 
Kirchen und Priester richtete, sondern auch von uns selbst etwas 
unserer Gottesfurcnt Unwürdiges glaubte. Oder welchen Zweck hätte 
es sonst gehabt, dafs du ein Schreiben an uns und unsere erlauchte 
Gattin, die Kaiserin Eudocia, und ein anderes an die erlauchte Kaiserin 
Pulcheria, meine Schwester, sandtest, es sei denn, dafs du meintest, 
wir wären veruneinigt oder hofftest, wir würden es werden". Er ge- 
denke daher Cyrills Worte dem Urteil des Concils zu unterbreiten 
und fordere ihn auf pünktlich zur festgesetzten Zeit zu erscheinen. 
Auch den Augustinus lud Theodosius durch besondere Boten ein der 
Synode beizuwohnen **), doch war dieser inzwischen während der 
Verwüstungen, in Afrika gestorben. Ebenso erklärte Coelestinus von 
Rom durch dringende Amtsgeschäfte von der Teilnahme an den Ver- 
handlungen abgehalten zu sein**^), er beauftragte aber die beiden 
Bischöfe Arcadius und Proiectus und den Presbyter Philipp us 
mit seiner Vertretung, deren Vollmacht ö^) dahin lautete, dafs sie stets, 
unbeschadet der Autorität des bischöflichen Stuhls, im Einverständnis 
mit Cyrill handeln sollten, doch ohne sich in die Streitigkeiten selbst 
einzumischen*^). Ihre Aufgabe sei es vielmehr über dieselben zu 
richten, und, wenn die Synode zu Ende sei, zu untersuchen, ob die 
Entscheidung mit dem alten katholischen Glauben übereinstimme 
oder nicht; käme es dabei zur Spaltung, so sollten sie immer mit 
Cyrill gemeinsame Beschlüsse fassen. Man sieht, wie gelegen dieser 



w) S. 1348. 

•*) i] xLva slxe Xoyov ^tsQa fxhv ngbq fjfiag xal ttjv evosßsordtfjv 
Avyovaxav EvSoxiav t^v i/xfjv avfißiov iniatiXXeiv, ?re()a öh itQoq ti^v i/i^v 
aöeXipriv trjv evaeßeardtfjv Avyovaxav üovXx^Q^^^f ^^t^h ^t^^ovoelv rjfxag (pijd^ag 
ij öixovoi^aeiv rihtiaocq ix xav xrjg a^g d-soaeßeiag yQafXfxdxcov. 

'^) Harduin S. 1419. Brief des Bischofs Capreolus an die Synode. 

^) S. 1473- 15- Mai 431. 

*^) S. 1347. 8. Mai und S. 147 1. 

^^) de eorum sententiis iudlcare debeatis, non subire certamen. 



t95 

Streit dem römischen Bischof kam, um ein vermeintliches Vorrecht 
vor den übrigen Patriarchen zu beanspruchen und zu befestigen und 
wie klug in dieser Beziehung die Instruktion seiner Abgesandten ab- 
gefasst ist; ohne zu wissen, wie die Entscheidung ausfallen werde, 
stellt er sich doch von vornherein auf die Seite des einen, immer 
eingedenk des alten Wortes: teile und herrsche! Der alexandrische 
Patriarch kam ihm noch dazu mehr als je entgegen und machte sogar 
die Frage, ob es zulässig sei, dafs Nestorius selbst auf dem Concil 
erscheine^®), von seiner Meinung abhängig. Wenn nun neuere Dar- 
steller ^<)) dieses Streites einen Beweis der friedfertigen Gesinnung des 
Coelestin darin sehen, dafs er die Frage bejahte, so zeigen sie nur 
damit, dafs sie dem römischen Bischof von vornherein einen höheren 
Rang einräumen, den ihm erst allmählich die Verhältnisse und besonders 
die der orientalischen Kirche beigelegt haben. 

Da auch Theodosius der Synode nicht persönlich beiwohnen 
wollte, so beauftragte er mit seiner Vertretung den aus dem letzten 
Kriege her rühmlichst bekannten Commandeur der Kaiserlichen Leib- 
wache Candidian'^^), dessen Vollmacht der Kaiser in einem Schreiben 
der Synode kund gab'^'^). Als erste Pflicht wurde ihm darin aufge- 
geben, sich selbst in keiner Weise in den Streit zu mischen, sondern 
die Verhandlungen derartig zu überwachen, dafs er jeder Störung, 
komme sie aus der Versammlung selbst oder von unbeteiligten Mönchen 
oder Laien, vorbeuge und so den Beratungen alle Freiheit der Ent- 
schliefsung gewähre. Vor allem machte Theodosius ihn dafür ver- 
antwortlich, dafs kein Bischof vor der Zeit an die Rückkehr oder 
eine Reise an den Hof denke und keine andere Angelegenheit vorher 
in Angriff genommen werde, bevor nicht die Nestorianische Streitig- 
keit ihre Erledigung gefunden habe. Zum Schlufs giebt er noch der 
Synode davon Kenntnis, dafs der den Nestorius als Freund nach 
Ephesus begleitende Comesirenaeus weder mit den Beschlüssen der 
Versammlung noch den Aufträgen des Candidian irgend etwas zu 
schaffen habe. Wer diese Vollmacht unbefanngen liest, wird gern 
zugestehen, dafs sie das Muster für eine klare und unparteiliche Über- 
wachung kirchlicher Verhandlungen abgiebt, denn, indem sie Rück- 
sicht nimmt auf die voraussichtlich stürmischen Erörterungen, will sie 
jeden störenden Einbruch Unbeteiligter zurückgewiesen sehen, nicht 
minder aber auch das lärmende Niederschreien der Minderheit durch 



•8) Harduin S. 671, 1473. 7- Mai. 

TO) Hefele S. 179. 

^*) Vgl. über ihn die Zusammenstellung bei Sievers S. 439. 

7^) Harduin S. 1345. Neander S. 678. 



i 



29Ö 

die Überzahl auf jeden Fall verhindern. Allseitige, ungehinderte Frei- 
heit die Ansichten zu äufsern, das ist das Ziel, welches sie dem 
Kaiserlichen Commissarius steckt. Um aber Mifsdeutungen zu ver- 
meiden, als sei Nestorius ein besonderer Schützling des Monarchen, 
giebt sie zugleich Aufklärung über die unofficielle Sendung des Ire- 
naeus. Gleichwohl wird man nicht fehl gehen in der Anwesenheit 
dieses Freundes, eines hohen Officiers, in Ephesus und der Erwähnung 
desselben in Candidians Beglaubigungsschreiben" einen Fingerzeig 
darauf zu erblicken , dafs Nestorius damals noch in der Gunst des 
Kaisers stand und dieser fest entschlossen war, seinen Patriarchen 
ohne überzeugende Gründe nicht fallen zu lassen''*). 

Von den an der Synode am meisten beteiligten Bischöfen langte 
Nestorius zuerst, gleich nach Ostern 43 1 ''^), in Ephesus mit zahlreicher 
Begleitung an, zu Pfingsten erschien Cyrill mit fünfzig Suflraganen, 
Juvenal von Jerusalem und Flavian von Thessalonich einige 
Tage nachher'*); aufserdem waren anwesend die Bischöfe Memmon 
von Ephesus und diejenigen der benachbarten Provinzen. Es fehlte noch 
die grofse Zahl der antiochenischen Bischöfe und ihr Patriarch Johannes. 
Es fanden daher, damit die Zeit nicht nutzlos verstreiche, schon vor- 
läufige Erörterungen statt, in denen einmal Nestorius von Cyrill in die 
Enge getrieben sich zu der Äufserung verleiten liefs, er könne ein' 
Kind vQn zwei oder drei Monaten nicht Gott nennen'*), was ihm 
sogleich als Leugnung der Thatsache ausgelegt wurde, dafs Christus 
als wahrer Gott von der Jungfrau Maria geboren sei. Sechzehn Tage'*) 
noch wartete man nach Pfingsten auf Johannes und obwohl schliefs- 
lich die Nachricht eintraf, dafs er, vorher durch die Beschwerlichkeit [ 
des Weges und Regengüsse aufgehalten ''^), nunmehr in der Nähe der r 
Stadt eingetroffen sei, so drang Cyrill, dem das Zögern des anti- f 
ochenischen Patriarchen sehr gelegen kam, dennoch mit seinem An- - 
hange durch und bestimmte, dafs die Verhandlungen am 22, Juni 431 
in der grofsen Marienkirche zu Ephesus eröffiiet würden'^). Die Synode 



f 



'») S. 679. 

^*) Das Jahr Chron. Pasch, und Prosp. Aquit., während Marc. Com. 43^ 
anninxmt. 7^) Socrat. VJI. 34. 

'•) Ebend. Tov yevofxevov SifjiTjvaZov xal xQifxi^vatov ovx av d^sbv ovi 
fxdoaifjii. 

") Harduin S. 1435 und 1506. 

^•) Euagrius I. 3. macht besonders geltend , dafs Ephesus dreifsig T^ 
Wegs von Antiochia entfernt ist. 

^•) Das Protokoll der Verhandlungen bei Harduin S. 1353 ff. Actio I.| 
S. 1465. Vgl. Socrates VII. 34. Euagrius I. 4 und 5. Cyrills Brief an 
und Pat. Harduin S. 1433. Neander S. 680 flf. 



297 

zählte ungefähr zweihundert Mitglieder, fast ausnahmslos willige Werk- 
zeuge des fanatischen Cyrill, der sogleich den Vorsitz im Namen des 
abwesenden Bischofs von Rom einnahm®^), während äufserlich die 
Verhandlungen von dem Presbyter Petrus von Alexandria geleitet 
wurden. Zunächst wurde trotz des Einspruches Candidians®*) das 
kaiserliche Einladungsschreiben vorgelesen, dann erhob sich Cyrill 
und erklärte, die Synode habe lange genug gewartet und müsse nach 
dem in jenem Edict ausgesprochenen Wunsche des Kaisers sofort ihren 
Anfang nehmen. 

Nachdem über die erste fruchtlose Citation des Nestorius, der er- 
klärt hatte, nur in einer Versammlung aller Bischöfe erscheinen zu wollen, 
berichtet war und die weiteren Einladungen denselben Erfolg hatten, 
ja die zu ihm entsandten Bischöfe zuletzt sogar durch die ihn um- 
gebenden Wachen zurückgewiesen waren, begann auf Vorschlag Ju- 
venals®2) der dogmatische Teil der Verhandlungen, deren Beginn die 
Vorlesung des nicaenischen Glaubensbekenntnisses bildete. Sodann 
wurden die Briefe des Cyrill und Coelestin ^^j^ welche sie in dieser 
Angelegenheit geschrieben hatten, und die Antwort des Nestorius 8*) 
erörtert, wobei die Mehrzahl der Anwesenden ihre Zustimmung oft in 
den schmeichelhaftesten Ausdrücken für Cyrill zu erkennen gab. Nach- 
dem endlich eine Reihe von Stellen aus den Kirchenvätern über das 
Verhältnis der beiden Naturen in Christo verlesen waren ®^), trat die 
Synode zur Beschlufsfassung zusammen und fällte folgendes Urteil ^^J: 
,Da der gottlose Nestorius weder unserer Einladung hat Folge leisten 
noch die abgesandten heiligsten und religiösesten Bischöfe hat vor 
sich lassen wollen, so mufsten wir zur Prüfung seiner gottlosen Lehre 
schreiten. Indem wir daher teils aus seinen eigenen Briefen und 
Schriften, teils aus Reden, die er zuletzt in dieser Metropolis führte 
und durch Zeugnisse belegt werden, erfahren, dafs er gottlos denke 
und predige, so sind wir gezwungen durch die hl. Satzungen und 
den Brief des heiligsten Bischofs Coelestinus von Rom, unseres Mit- 
dieners, wenn auch zu Thränen gerührt, zu dieser traurigen 
Sentenz gegen ihn notgedrungen gelangt: Unser von ihm geschmähter 



^) öiinovxoq xal xbv xonov xov ayiioxdtov xal baiioxaxov dQ^t^TtiaicoTCov 
xijg "^PcDfiaicDV ixxXtjaiag Kekeaxivov. Harduin S. 1353. 

**) Auch privatim hatte er davon abgeraten, wie er in seinem Bericht an 
den Kaiser (Harduin S. 135 1) erklärt. 

88) Harduin S. 1361. 

") S. 1373— 1388. M) S. 1278. 

") s. 1399— H19. 

««) S. 1421. Vgl. Neander S. 680. 



293 

Herr Jesus Christus hat durch die an^^esende hl. Synode geurtdRT 
dafs ebendieser Nestorius von der bischöflichen Würde 
zu entsetzen und von jeder priesterlichen Gemeinschaft 
fern zu halten sei!^'')'* Dieses schnell gefasste Urteil wurde zu- 
nächst von 198 Bischöfen unterschrieben, denen sich später noch 
andere hinzugesellten, so dafs es über zweihundert waren ^^)« Als 
Candidian das Geschehene am folgenden Tage durch den öffentlichen 
Maueranschlag der alexandrinischen Partei erfahren hatte, war er mit 
Recht auf das äufserste entrüstet, denn ihm, so mufste er fürchten, 
werde der Kaiser die Schuld an dem Vorgange beimessen. £r be- 
eilte, sich daher, den Anschlag in den Strafsen abreifsen zu lassen 
und ein Exemplar desselben sowie einen Bericht an Theodosius ein- 
zusenden; aufserdem gab er durch öffentliche Bekanntmachung seine 
Unzufriedenheit über die Verhandlungen zu erkennen und erklärte 
den Synodalbeschlufs für ungültig, s*) Inzwischen lief sowohl von 
Nestorius und zehn Bischöfen seiner Partei eine Beschwerdeschrift ^®) 
an den Kaiser ein als auch der Bericht der Cyrillianischen Bischöfe 
über die Veranlassung ihrer Verhandlungen ohne Johannes von Antio- 
chien und die in Übereinstimmung mit Coelestinus getroffene Ent- 
scheidung. *i) 

Wenige Tage später, am 26, oder 27. Juni ^^j^ langte endlich 
der Patriarch von Antiochien an und in der Erregung über das Vor- 
gefallene verfiel er in denselben Fehler, welchen Cyrill begangen hatte, 
indem er, nachdem Candidian ihm Bericht erstattet und das kaiser- 
liche Einladungsschreiben verlesen hatte, sich mit den anwesenden 
43 Bischöfen als allein rechtmäfsige Synode ®3) constituierte und nach 
kurzem Verfahren über Cyrill und Memmon wegen des zu frühen 
Beginnes des Concils die Absetzung aussprechen liefs, während ihre 
Anhänger excommuniciert wurden. Auch von diesem Urteil wurden 
Theodosius, Pulcheria und der Clerus von Constantinopel 0*) alsbald 



") o ßXaaq>t]fjirjS^€ls xoivvv naQ avtov xvgioq ^fjiwv ^h^aovg XQLOxhq 
wQiae öia tijg Ttagovatjq ayi(otdt?]g aovoöov dXXoTQiov elvat tov avtbvi 
NeaxoQiov tov imaxonixov dSiojfjiatog xal navxbg avXXoyov isQarixov. Vgl 
Euagrius I. 4. 

8«) Harduin S. 1431. 

••) S. 1447. »0) s. 1437. W) S. 1439. 

w) Laut Memnons Bericht S. 1595. 

M) Die Akten S. 14470". 

**) S. 1458 — 1466. Im ersten Schreiben sagt Johannes: xal avtoi 
KvqHXov tov kXa^avÖQewg imaxeiXavxog /xoi r^g Ävxioxiiov ngb ovo ^fi^ 
tov yevofiivov in ^avtov aweSgiov mg t] avvoöog näaa dvafievei /äo\ 
nagovaiav. Davon weifs Hefele S. 182 nichts. 



«99 

in Kenntnis geseUt. Hier aber war der Bericht des Candidian bereits 
eingelaufen und hatte den Kaiser zu einer neuen Mafsregel veranlafst, 
welche wiederum von der Mäfsigkeit und Unparteilichkeit desselben 
Zeugnis ablegt. Denn, nachdem er in seinem Rescript-^^) dargelegt 
hat, dafs die in Ephesus -gefafsten Beschlüsse ihre Entstehung un- 
gezügelter Leidenschaft verdankten, erklärte er das Geschehene für 
ungültig und ordnete eine zweite Beratung an, deren Ergebnisse für 
die Zukunft Bestand haben sollten; zugleich teilte er mit, dafs der 
zur Untersuchung abgesandte Palastbeamte angewiesen sei, keinen 
Bischof vorher abreisen oder an den Hof sich begeben zu lassen. 
Diese kaiserliche Kundgebung rief bei den Anhängern des Johannes 
lebhafte Freude hervor, welcher sie in zwei Bittgesuchen an den 
Kaiser Ausdruck verliehen <)<^) ; die Anhänger Cyrills dagegen blieben 
auch nicht müfsig und reichten einen zweiten Bericht mit Ausfällen 
gegen Candidian, der als Begünstiger des Nestorius hingestellt wurde ^''), 
an den Kaiser ein. Sie versammelten sich am lO. Juli zu einer zweiten 
Sitzung ^^), in Anwesenheit der inzwischen angelangten päpstlichen 
Legaten, welche die Schreiben des Coelestinus übermittelten und ihre 
Absicht das Urteil über Nestorius zu bestätigen, zu erkennen gaben. 
Dieses wurde ihnen von Cyrill begreiflicherweise zugestanden, und so 
wurden ihnen denn in der am folgenden Tage stattfindenden dritten 
Sitzung*®) die Verhandlungen vorgelesen, welche sie unter bemerkens- 
werter Betonung der römischen Prärogative ^®") ihrer Instruction gemäfs 
ebenfalls unterschrieben. 

Nachdem nunmehr das Einverständnis mit der römischen Kirche 
hergestellt war, ging Cyrill und seine Partei gegen Johannes und 
seine Anhänger vor. Indem sie sich nach wie vor als die allein zu 
recht bestehende Versammlung ansahen, riefen sie die Gegenpartei 
dreimal vor ihren Richterstuhl, und da diese die Einladungen nicht 
annahm, so wurden Johannes und die übrigen Bischöfe in der 
Sitzung vom 17. Juli ^^i) gleichfalls excommuniciert, wovon dem Kaiser 
sogleich Mitteilung gemacht wurde ^<^2j. Bis dahinwar die Hauptstadt, 
in welche aus naheliegenden Gründen das Concil nicht gelegt worden war, 
vom Kampfe der Parteien verschont geblieben, weil der ausdrücklichen 
Anordnung des Kaisers gemäfs in Constantinopel eine strenge Hafen- 
polizei gehandhabt und niemand aus Ephesus zugelassen wurde^ der 



9») Harduin S. 1537. 

90) S. 1539 und 1545. 

•7) S. 1581. »8) s. 1465 ff. M) S. 1475 ff. 

100) Vgl. besonders die Worte des Presbyters Philippus S. 1477. 

««») S. 1494 ff. ^ö») S. ijoiff. 






^K' 






30Ö 

entweder selbst Bischof war oder von einer der Synoden noch Sonder- 
benachrichtigungen an den Clerus und das Volk zu bringen beab- 
sichtigte. Das Verhalten des Kaisers, auf den bisher von Seiten der Be- 
völkerung und des Hofes kein Druck ausgeübt worden war, blieb daher 
noch immer ein im allgemeinen dem Nestorius günstiges. Da aber 
gelang es einem von der alexandrinischen Partei abgesandten und 
als Bettler verkleideten Geistlichen, wie es heifst, sich den Späher- 
augen der Behörden zu entziehen und mit den in der Hauptstadt be- 
findlichen Bischöfen und Äbten in Verbindung zu setzen^®*). Unter 
den letzteren genofs der Archimandrit Dalmatius 'wegen seines fast 
fünfzigjährigen Klosterlebens, in welchem er die Mauern desselben 
nicht ein einziges Mal verlassen hatte, ein besonders hohes Ansehen 
in der Geistlichkeit und unter den Laien. Dieser wurde durch die 
ihm auf solche Weise zugehenden Nachrichten aus Ephesus so erregt, 
dafs er, vorgeblich einer inneren Stimme folgend, seine Mönche und 
den übrigen Clerus, welchem sich das Volk anschlofs, zu einer grofsen 
Massenkundgebung zu Gunsten der Cyrillianischen Partei veranlafste. 
Unter dem Gesang von Psalmen und Hymnen begab sich der Zug 
vor den kaiserlichen Palast und versetzte den schwachen Kaiser 
in nicht geringe Verlegenheit. Theodosius hörte dem leidenschaft- 
lichen Vortrage des Dalmatius*®^) zunächst ruhig zu, als aber dieser 
heftiger in ihn drang und den Brief der ersten Synode ihm übergab, 
sagte er: „Wenn sich die Sache so verhält, so mögen Bischöfe von 
dort herkommen!" Dalmatius hielt ihm entgegen: „Niemand läfst sie 
aber durch!", worauf Theodosius erwiderte: „Niemand hindert sie!" 
Dalmatius entgegnete freimütig: „Doch, von jener Partei kommen und 
gehen viele ungehindert; die Vorgänge aber auf der hl. Synode läfst 
niemand zu deiner Kenntnifs gelangen. . , . Wen willst du nun lieber 
hören, die sechstausend Bischöfe oder einen gottlosen Menschen?" 
Da antwortete der Kaiser: „Du hast gut gefragt!" und fügte zu den 
übrigen gewandt hinzu: „Betet für mich!" Diese Antwort nahm das 
Volk mit Jubel auf und laut ertönte sein Ruf: „Anathema dem 
Nestorius ! " 

Indem der Kaiser die Erlaubnis erteilt hatte, dafs Abgesandte 
der Parteien aus Ephesus nach Constantinopel kommen dürften, hatte 
er nicht nur der Überredung und Bestechung am Hofe Thür und 
Thor geöffnet, sondern sich selbst auch den Einflüssen der verschie- 
densten Strömungen ausgesetzt, in denen er sich nun nicht mehr 



**>') Über die Vorgänge in Constantinopel vgl. S. 1485 ff. 
>o*) Er hat selbst darüber berichtet S. 1587. 



301 

zurecht finden konnte. Zuerst erschienen zwei *^^) Bischöfe von Seiten 
des Cyrill und seiner Anhänger, während die antiochenische Partei 
den Freund des Nestorius Irenaeus als Berichterstatter an den Kaiser 
absandte. Am Hofe hatte Nestorius dadurch bisher einen besonderen 
Anhalt gehabt, dafs der kaiserliche Kammerherr Scholasticus stets 
seine Sache verfocht, und noch in diesen Tagen richtete er an 
ihn einen Brief, in dem er sich gegen den ungerechten Vorwurf ver- 
wahrte, als ob er den Inhalt des Ausdrucks {d-soroxog Gottesgebärerin) 
geleugnet habe, und schliefslich seine Sehnsucht nach seinem früheren 
Klosterleben ausdrückte.*®*») Als nun Irenaeus wenige Tage nach 
jenen in Constantinopel anlangte ^ö''), machte er bald die Beobachtung, 
dafs aufser anderen mächtigen Männern auch Scholasticus gegen die 
Einflüsterungen der Abgesandten des Cyrill nicht unempfindlich ge- 
blieben war. Er setzte daher alle Hebel in Bewegung, um ihren Ein- 
flufs zurückzudrängen, gewann die obersten Hoibeamten wieder für 
Nestorius, wurde seinen Gegnern vor dem Kaiser gegenübergestellt 
und errang schliefslich die allerhöchste Billigung des Verhaltens der 
anderen Synode, während Cyrills Vorgehen lebhaft getadelt wurde. 
Aber wie wenig war auf diese Entscheidung zu geben! Kaum, dafs 
Irenaeus einen Augenblick gesiegt hatte, erschien der Arzt des Cyrill, 
Johannes, und wufste die Meinung der ausschlaggebenden Männer 
so zu bearbeiten, dafs Irenaeus überall auf abweisende Mienen und 
Antworten stiefs. 

So zwischen beiden Parteien hin und her schwankend machte 
der Kaiser noch einen letzten Versuch, eine Versöhnung derselben 
herbeizuführen. Er erklärte die Absetzung des Nestorius, Cyrill und 
Memnon für gültig ^^^) und sandte den Finanzminister (Comes S. L.) 
Johannes als Untersuchungscommissar nach Ephesus. Dieser ging 
einerseits gegen Cyrill und Memnon energisch vor und übergab sie, 
während auch Nestorius bewacht wurde, dem Comes Jacobus, welcher 
sie getrennt festen Gefangnissen überantwortete *®*) , andererseits 
suchte er die übrigen Bischöfe der beiden Richtungen zu einer Einigung 
zu bewegen, aber alle seine Bemühungen scheiterten an ihrem Wider- 
spruch. Von neuem wandten sich die Gegner des Nestorius mit einem 
Schreiben an den Kaiser **öj^ und veranlafsten den Klerus der Haupt- 



105) Neander S. 683 spricht von dreien. 

^^) Harduin S. 1522. Ab huiusmodi enim quiete nihil est divinius neque 
beatius apud me. 

i<") S. 1547fr. W8) s. 1554. 

109J Ygi^ seinen Bericht an den Kaiser S. 1555 — 1560. 

*»«) S. 1591. 



30i 

Stadt eine Bittschrift an ihn zu gunsten Cyrills und Memnons zu richten ^i^); 
in gleicher Weise gaben auch Johannes von Antiochien und sein Anhang 
dem Kaiser Aufschlufs über das Scheitern des Versöhnungsversuches 
und fügten ihr Glaubensbekenntnis in betreff des „d-eoxoxoq" bei**^, 
welches in seinen Worten so gemäfsigt gehalten war, dafs es sogar 
später von Cyrill selbst gebilligt wurde. Wie sich der Umschwung 
in der Stimmung des Kaisers weiter vollzog, läfst sich nicht mehr 
verfolgen; fest steht nur, dafs er von jeder Partei acht Vertreter forderte, 
welche in Constantinopel vor ihm erscheinen sollten. Während die 
Anhänger Cyrills es ihren Abgesandten zur Pflicht'^*) machten keinen 
Frieden zu schliefsen, es sei denn, dafs die Gegner des Nestorius Ab- 
setzung billigten und Cyrill und Memnon wieder zu ihrem Amte ver- 
hälfen, schärften die Antiochener den ihren nur ein, um jeden Preis 
auf Verwerfung der Anathematismen des CynW zu bestehen, und liefsen 
ihnen im übrigen freie Hand.*'*) Im letzten Augenblicke aber änderte 
Theodosius noch seine Absicht ynd beschied die Bischof 3, um allem 
Tumulte für und wider vorzubeugen, statt nach Constantinopel nach 
Chalcedon, wo er sich am i. September in der Vorstadt Ruünianum 
aufhielt. 

Schon vorher jedoch war über des Nestorius Geschick endgiltig 
entschieden worden'**), denn seiner Bitte gemäfs wurde ihm vom 
Praefectus pr.*'®) als zukünftiger Aufenthalt das Kloster des Euprepius 
bei Antiochia, in welchem er mehrere Jahre früher zugebracht hatte, 
angewiesen und für die Reise dahin Staatspost und Lebensunterhalt 
zur Verfügung gestellt Schon aus dieser Entscheidung war die That- 
sache ersichtlich, dafs der Kaiser, ursprünglich ein Freund deS Patriarchen, 
nunmehr ganz ins andere Lager übergegangen war. Gleichwohl wiegten 
sich Johannes und seine Anhänger noch immer in der Hoffnung'*') 
gegen Cyrill Recht zu erhalten; doch machte sie bereits stutzig *^8j^ 
dafs es ihren Abgesandten zuerst gar nicht erlaubt war, in Chalcedon 
vor dem Volke zu predigen, und sie sogar einmal nach einer solchen 
Predigt von Laien und Mönchen mit Steinen beworfen wurden. Zur 
völligen Klarheit aber über die Eriolglosigkeit ihrer Absichten kamen 
sie erst, als der Kaiser die Hoffnung auf eine Versöhnung aufgebend 
sich nach Constantinopel zurückbegab und nur den Cyrillischen Ab- 



«") S. 1599 und S. 1607 flf. 

"^ S. 1557. "?) S. 1610. "*) S. 1562. 

»») S. 1568. Vgl. Euagrius I. 7. 

* >ö) Das Schreiben desselben S. 1 83 1 . Antiochus ? Vgl. Ser. chron. Cod. Theod. 

'") S. 1572. 

*'*) ep. Theodoret. ep. Cyri ad Alex. Hierap. Harduin S. 1568. 



303 

gesandten erlaubte ihm zu folgen. Der zunehmende Anhang des 
Cyrill in Constantinopel , welcher sich besonders auf die Mönche 
stützte, das Geld, welches er durch seine Agenten freigebig an die 
einflufsreichsten Persönlichkeiten verteilen liefs^^®), und nicht zum 
mindesten die Einwirkung der Pulcheria, welche von Anfang an eine 
dem Nestorius feindselige Haltung eingenommen hatte, trieben den 
Kaiser schliefslich ganz in die Enge und machten ihn Cyrills Absichten 
gefügig. Das sahen denn die anderen Bischöfe selbst ein und baten 
in einer der beiden Denkschriften ''^ö), welche sie Theodosius nach- 
sandten, sie von Chalcedon zu entlassen. Theodosius willfahrte 
nicht nur ihrer Bitte, sondern gab auch den in Ephesus befindlichen 
Bischöfen die Erlaubnis nach Hause zurückzukehren 121), indem er 
zugleich des Nestorius Absetzung bestätigte, den Cyrill und Memnon 
aber wieder in ihre Ämter einsetzte. 

War damit von Seiten der Staatsgewalt geschehen, was sie zu 
leisten vermochte, so lag es doch nicht in ihrer Macht, die einander 
gegenüberstehenden Ansichten über die Veranlassung des Streites zu 
vereinen. Zwar versuchte Theodosius, dem die Herstellung der kirch- 
lichen Einigkeit in seinem Reiche nicht blos Gegenstand der inneren 
Politik, sondern mehr noch Herzenssache war, persönlich die alexan- 
drinische Richtung mit der antiochenischen zu versöhnen, indem er 
mehrere Briefe deshalb an Johannes von Antiochia, an den Säulen- 
heiligen Simeon, Acacius von Beröa und andere schrieb, allein es 
vergingen doch Jahre, bis der Kirchenfriede wiederhergestellt war. 
In diesen Zeiten war es, wo Cyrill seiner Intriguantennatur folgend 
wiederum alle Mittel in Bewegung setzte, um sich die Gunst des 
Hofes zu verschaffen. Welcher Art diese waren, verrät uns ein Brief 
seines Archidiaconen Epiphanius an den zum Nachfolger des Nestorius 
gewählten Patriarchen Maximian *22), aus welchem wir erfahren, dafs 
Cyrill in seiner Angelegenheit an Pulcheria, den Praepositus Paulus, 
den Kammerherm Romanus und zwei Hofdamen Marcella und Droseria 
schrieb und ihnen angemessene Präsente machte. Auch an den ihm 



**") Neander nimmt S. 686 stillschweigend an, dafs Cyrill sein Gefängnis 
verlassen und sich nach Constantinopel begeben hat. Doch fehlt es darüber an 
sicheren Zeugnissen. Der Com. S. L. scheint mir vielmehr, als ein pflichtgetreuer 
Diener seines kaiserlichen Herrn, den Cyrill nicht entlassen zu haben. Vgl. ep. 
Acacii epist. an Alex. v. Hiera|)oUs und dazu Hefele S. 246. 

*«>) Harduin S. 1563— 1565. 

«») S. 1615. 

»«) Theodoret V. ep. 173. Mansi V. S. 988. Neander S. 686. Anm. 3. — 
Zu Maximian vgl. Socrat. VII. 35. 






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^* A..tv scbv'acbe^ ^, \ft te.»«) pec\cflxa^ 



T T g^^^ ^ Vlist. ^o^ a IAO. 



305 

sondern äufsere Rücksidit auf Macht und Glanz, i^'^) Am meisten 
tritt dabei die agitatorische Thätigkeit des Patriarchen von Alexandrien 
hervor, der kein Mittel der Überredung und der Bestechung — denn 
anders kann man es nicht nennen — unversucht liefs, selbst auf 
Kosten des Kirchenvermögens, seiner Meinung das Übergewicht zu 
verschaffen. Theodosius endlich hat sich nicht minder unselbständig 
in den ihn bestürmenden Gegensätzen erwiesen als sein Vater Arcadius, 
und da ihm von der Vorsehung noch eine lange Regierung beschieden 
war, so wurde er durch eigne Schuld noch ernsteren Prüfungen aus- 
gesetzt, welcher der Welt zu dem seltenen Schauspiel der sogenannten 
Räubersynode verholfen haben. 



Sechstes Kapitel. 

Die africanischen Grenzlande. — Veruneinigung mit Rua. — Aetius tötet den 
Bonifacius und flieht zu den Hunnen. — Friede zwischen ihm und Placidia durch 
Vermittelung des Rua. — Vermählung Valentinians III. mit Eudoxia in Con- 
stantinopel 437. — Endgiltige Abtretung Dalmatiens an Ostrom. — Veröffentlichung 
des Codex Theodosianus 438. — Geschichte seiner Entstehung. — Überiührung 
der Gebeine des Johannes Chrysostomus nach Constantinopel. — Erste Reise 
Eudocias nach Jerusalem und ihr Aufenthalt in Antiochia. — Rückkehr im 
Jahre 437. — Der Hof Theodosius II.: Antiochus, Chrysaphius und der Dichter 
Kyros. — Vorübergehende Zurückdrängung des Einflufses der Pulcheria. — 
Sturz der Eudocia. — Paulinus und die Erzählung vom Apfel. — Eudocia zieht 

sich nach Jerusalem zurück. 

Das dritte Jahrzehnt des fünften Jahrhunderts war im Gegen- 
satz zu dem vorangehenden für das oströmische Reich eine Zeit fast 
ununterbrochener Ruhe, in welcher es die Segnungen der friedlichen 
Regierung Theodosius U. ungestört genofs. Dafs die africanischen 
Grenzlande nach wie vor durch die Einfalle der nomadisierenden 
Wüstenvölker oft in Angst und Schrecken versetzt wurden i), hätte 
wohl durch ein energischeres Auftreten der dort gamisonierenden 
römischen Truppen in etwas gehindert werden können, aber völlig 
würde diese Gefahr bei der Unmöglichkeit die Feinde zu verfolgen 
nie beseitigt worden sein. So dürfen wir denn annehmen, dafs die 
Auxorianer, wie sie im Anfange der Regentschaft des Theodosius die 
Dörfer der Pentapolis niederbrannten, die Städte belagerten und die 



«") Vgl. Gieseler S. 308—313. 

*) Synes. ep. 57. Catast. p. 302 flf. p. 193B.; ferner ep. 77. und Cat. P.299D. 
und 300. Elogium Anysii p. 305 und 306. ep. 125. 62. Vgl. Sievers S. 409 ff. 

20 



i 



3o6 

Frauen und Kinder fortschleppten, so auch in diesen Zeiten ihre 
Raubzüge fortsetzten, wenn auch die Stimme des Augenzeugen Synesius 
allmählich verstummt Dafür aber läfst uns die Verbannung des 
Nestorius wieder einen, leider nur kurzen, Blick in diese Verhältnisse 
thun, der selbst in der Oase von den Blemmyem gefangen, dann 
aber von ihnen samt vielen anderen freigelassen wurde, weil die 
Maziken in ihr Land eingefallen waren.'^) Auch die von Norden über 
die Donau herziehende Kriegswolke ging ohne Gefahr vorüber. Sie 
war dadurch hervorgerufen, dafs die an dem Ister wohnenden Völker, 
die Amilzuren, Itimaren, Tonosuren, Boisken und andere, ohne Erlaubnis 
des Hunnenkönigs Rua, dem sie unterworfen waren, den Römern 
ihre Dienste angeboten hatten und zahlreich über den Strom ins römische 
Gebiet geflohen waren. Rua schickte daher seinen gewöhnlichen Ge- 
schäftsträger Esla an Theodosius mit der Drohung, dafs er den Frieden 
brechen werde, wenn die Flüchtlinge nicht wieder ausgeliefert würden. 
Zur Ausgleichung dieser Zwistigkeit bestimmte Theodosius die Consulare 
Plinthas und Dionysius; aber bevor die Gesandten an den König 
abginge!^, traf die Nachricht von seinem Tode ein und erledigte vor- 
läufig die Angelegenheit.^*) 

Doch mehr als diese Nachrichten beschäftigten die kaiserliche 
Regierung die Ereignisse in Westrom, welches infolge des Gegensatzes 
zwischen Bonifacius und Aetius noch immer in Aufregung erhalten 
wurde. Während der erstere sehr wider seinen Willen gegen die 
Kaiserin Placidia die Fahne des Aufruhrs erhob, hatte Aetius in Gallien 
ein ergiebiges Feld für seine Kriegstüchtigkeit gefunden, die er hier im 
Kampfe mit den Franken, Juthungen und Burgunden aufs glänzendste 2 

bewährte.*) Für diese ruhmvollen Waffenthaten war er, trotzdem seine 
gegen Bonifacius gesponnenen Ränke ans Licht gekommen waren, 42g 
zum kommandierenden General ernannt worden,^) Aber neben ihm ge- 
nofs der Magister militum Felix am Hofe das höchste Ansehen, der zu 
gleicher Zeit mit dem Titel eines Patricius von Placidia ausgezeichnet 
wurde. Es zeugt nun von dem ungezügelten Ehrgeiz des Aetius und 
seinem Mangel an sittlichem Gehalt, dafs er, da er einen Nebenbuhler 
neben sich nicht ertragen konnte, diesen um seine Herrin hochver- 
dienten General mit seiner Gemahlin Padusia im folgenden Jahre um- 



*) Euägrius I. 7. Vgl. Nicephor. XIV. c. 54. 

*a) Prise, frgm. I. Vgl. Haage a. a. O. S. 4. v. Wietersheim S. 222. Zur 
Frage der Herkunft dieser Völker, vgl. F. Kanitz Serbien S. 326 fF. 

^ Prosp. Aquit. Idac. chron. Prosp. Tiro. Vgl. Sievers S. 456 ff. v. Wieters- 
heim. S. 209. Hansen I. S. 48 ff. 

*) Prosp. Aquit. 



107 

bringen liefs, angeblich, weil sie ihm Nachstellungen beratet hätten.^) 
Jetzt stand dem Übergewicht seines Einflufses nur noch der des 
Bonifacius im Wege, der gerade 432, als Aetius das Consulat<^) be- 
kleidete, von Placidia aus Africa abberufen und zum magister militum er- 
nannt in Italien landete und sicherlich die geheime Absicht hatte, sich an 
seinem Todfeinde zu rächen. Aetius mochte in der That derartiges geahnt 
haben, denn unter dem Druck des bösen Gewissens glaubte er jenem 
nur mit den Waffen in der Hand gegenübertreten zu dürfen und rüstete 
sich mit den wenigen Truppen ''), welche ihm anhingen, zum £nt- 
scheidungskampfe. In diesem siegte zwar Bonifacius, vielleicht im Be- 
sitze der grösseren Menge, wurde aber so schwer verwundet, dafs er 
einige Tage darauf starbt) 

So hatte Aetius allerdings sein Ziel erreicht, seine Nebenbuhler 
waren aus dem Wege geräumt, gleichwohl fühlte er sich als geschlagener 
Feldherr ohne Heer nicht sicher in Italiwi, sondern entwich übers 
Meer nach Dalmatien und von da nach Pannonien zu seinen alten 
Freunden, den Hunnen.®) Über diese gebot damals der ebenerwähnte 
Rua (Rugilas), der den Flüchtigen freundlich aufnahm und eine Aus- 
söhnung mit Placidia herbeizuführen suchte.^) Die Kaiserin von allen 
verlassen, die ihr in ihrer verzweifelten Lage Stützen gewesen waren, 
dachte weniger an die Wunden, welche der gewaltige Mann ihrem 
Herzen geschlagen hatte, als an die hülflose Lage des Reichs, welches 
eines energischen Feldherm vor allem bedurfte. So ging sie denn 
auf die Unterhandlungen mit dem Hunnenkönige ein und nahm den 
Aetius 433 wieder zu Gnaden an, während Rua für seine Be- 
mühungen einen an der Save gelegenen Teil Pannoniens als Preis 
davontrug. 1^) Schon machten die verwirrten Zustände in Gallien 



*) Ebend. vgl. Hansen S. 49. 

ß) Die Belege bei Sievers S. 542. Hansen IL S. i — 6. 

') Dafs die Truppen des Aetius nicht zahlreich waren, folgert man aus 
seiner Niederlage, v. Wietersheim S. 210. 

®) Prosp. Aquit. Marc. Com. Der letztere berichtet, Aetius habe sich für 
den Kampf eine ungewöhnlich lange Lanze anfertigen lassen und mit dieser den 
Bonifacius verwundet. Nach ihm starb Bonifacius erst im 3. Monate nachher, 
doch ist die Nachricht des im Occident lebenden Prosper vorzuziehen. Vgl. 
Prosp. Tiro. Hansen S. 6 ff. v. Wietersheim S. 383, der meint, Aetius sei heim- 
lich vorher nach Constantinopel gegangen. 

9) Prosp. Aquit. 

»0) Ebend. und Prosp. Tiro. 

**) Das wird gefolgert aus Priscus p. 147 und 198. Vgl. Hansen S. 10. 
V. Wietersh. S. 221. Zu dies^ von Priscus ^ TiQoq tfJS Saip nota/xi^ Ilaiovwv 
XWQav (vgl. zu diesem Namen Kiepert S. 361.) genannten Landschaft gehörte das 

20* 



3o8 

seine Anwesenheit notwendig. Die Bagauden erhoben sich, die 
Burgunder fielen von neuem ein und die Westgothen brachen den 
Frieden, aber alle diese Gegner warf der tapfere und umsichtige 
General mit Hülfe eines hunnischen Hülfskorps bis 439 so nieder ^^), 
dafs die Provinz Gallien bis zum Einfall des Attila ungestörter Ruhe 
sich erfreute. 

Auch in Africa wurde im Jahre 435 den Verwüstungen der 
Vandalen Einhalt gethan durch einen in Hippo abgeschlossenen 
Vertrag 1^), durch welchen den Eindringlingen zwar die eigentliche 
Provinz Africa aufser Karthago, Byzacena und der östliche Teil 
Numidiens überlassen wurde, ganz Mauretanien aber römisch blieb. 
Aufserdem verstand sich Gaiserich zu einer Tributzahlung, sicherlich 
in Naturalien, an Valentinian und übergab als Unterpfand seiner Treue 
seinen Sohn Hunerich. 

Diese verhältnismälsig günstige Lage des weströmischen Reichs 
machte es Valentinian II L, der inzwischen das achtzehnte Jahr er- 
reichte, möglich, die im Jahre 424 zwischen ihm und der einzigen 
Tochter Theodosius II. Eudoxia geschlossene Verlobung**) durch eine 
feierliche Vermählung zu besiegeln. Auch von Seiten des ost- 
römischen Reichs stand dieser Absicht, welche gewifs der Kaiserin 
Eudocia besonders am Herzen lag***), nichts im Wege, denn aufser 
einer Hungersnot im Jahre 43 1 '*), und 434 infolge eines dreitägigen 
Brandes*^), in Constantinopel, welcher aufser den Staatsspeichern imd 
den Achillischen Bädern einen grofsen Teil der Stadt in Asche legte, 
hatte hier nichts den Gang der Regierungsgeschäfte unterbrochen. 
Gern erteilte daher Theodosius seine Einwilligung, da auch Eudoxia 
inzwischen zur Jungfrau herangeblüht war, und bestinmite als den 
Ort, wo die Vermählung gefeiert werden sollte, die von Ravenna aus 
leichter zu erreichende Stadt Thessalonich. *'^) Aber der jugendliche 
Eidam, welcher sich daran erinnerte, dafs sein zukünftiger Schwieger- 
vater schon einmal hier erkrankt war, bestand darauf, ihm die Reise 



am linken Saveufer gelegene Sirmium nicht, da es von den Hunnen nach Prise, 
frgm. 7. später erst erobert wurde. 

") Prosp. Aquit. Prosp. Tiro. Idac. Vgl. Hansen II. S. 11 — 16. Sievers 
S. 458. V. Wietersh. S. 211, 

*') Prosp. Aquit. Procop. I. 4. Vgl. Papenkordt S. 71 ff. 

") Vgl. ihr Gelübde bei Socrat. VII. 47. 

^*ft) Marc. Com. quam dudum desponsaverat. 

*^) Marc. Com. 

*^) Chron. Pasch. Marc. Com. Prosp. Aquit. 

") Socr. VII. 44. 



309 

ersparen und selbst nach Constantinopel kommen zu wollenj^) Dort 
langte er in Begleitung hoher Staatsbeamten^^) im Jahre 437 ^•) 
wohlbehalten an und legte am 29. Oktober unter dem Segen des 
Patriarchen Proclus seine Hand in die seiner jugendfrischen Verlobten, 
indem er so v^enig wie sie alle die liarten Schicksalsschläge voraussah, 
welche ihnen nicht ohne ihr eigenes Verschulden bevorstanden. Nach 
der Beendigung der Festlichkeiten sahen die Eltern ihre einzige 2^) 
Tochter schweren Herzens gen Westen ziehen, doch blieb sie den 
Winter über ihnen noch in Thessalonich ^^) nah und erst der Frühling 
438 sah das neuvermählte Paar in ihre Residenz Ravenna einziehen. 

Aber die Verehelichung der Kinder des Theodosius und Constantius 
hatte nicht blos für sie selbst ein persönliches Interesse, sondern, da 
der Leib der Eudocia voraussichtlich für inmier verschlossen blieb, 
sollte zugleich die Sicherheit der Zukunft des oströmischen Reiches 
gewahrt werden, denn schwerlich dachte Theodosius, dem der Sohn 
nun einmal versagt war, schon damals daran, dermaleinst mit der Hand 
der Pulcheria sein Land an einen Fremden, aufserhalb der Familie 
stehenden zu vererben. Nach den Verhältnissen, welche 437 obwalteten, 
mufste man vielmehr annehmen, dafs im Falle des Todes des Theodosius 
das ganze römische Reich wiederum einem Herrscher, dem des West- 
reichs, zufallen werde. 



1«) Die Unterhandlungen führte in Constantinopel im Auftrage des Valentinian 
der Stadtpräfekt Volusianus. Vita S. Melanae Romanae beim Surius zum 31. 
Januar. 

**) Vgl. Gesta in senatu urbis Romae de recipiendo codice Theodosiano. 

*®) Marc. Com. Prosp. Aquit. geben das richtige Jahr; auch das Datum 
Chron. Pasch. Den Ausschlag gegen Socr. VII. 44, der die Consuln des Jahres 
436 nennt» geben die Gesta in senatu etc., wo Acilius Glabrio Faustus sagt: 
Proximo superiore anno cum felicissimam sacrorum omnium coniunctionem 
pro devotione comitaremur peractis feliciter nuptiis . . . Vgl. Sievers S. 46.1. 
Gregorovius a. a. O. S. 143. 

*^) Gregorovius S. 141 nimmt ohne nähere Begründung an, dals die Notiz bei 
Marc. Com. zu 431, Flaccilla, die Tochter des Theodosius sei gestorben, auf eine 
zweite Tochter Eudocia's gehe. Doch dagegen spricht die Bemerkung des gut 
unterrichteten Chron. Pasch, zu 421, dafs Eudocia. dem Th. die Eudoxia geboren 
habe, da sonst diese Chronik alle Kinder aufzählt, vgl. es zu 437. Aber eine 
Tochter Theodosius I. kann diese Flaccilla ebenfalls nicht sein, da sich Zos. IV. 57 
auf die Geburt der Placidia bezieht. (Denn avv T(p ßgeipet xal rbv ßiov 
dnoS-EfxivTjV bedeutet keineswegs, wie Sievers S. 447 meint, dafs auch das Kind 
tot zur Welt gekommen ist.) Es bleibt daher übrig hier ein Versehen des Marc. 
Com. anzunehmen, dafs er anstatt „Schwester** Tochter geschrieben habe; wo- 
gegen nur Sozom. IX. i. spricht. 

•*) Marc. Com. 



3IO 

Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet ist die Thatsache der 
Abtretung eines Teiles des Occidents an das Ostreich nicht so auf- 
fällig, als es im ersten Augenblick erscheinen mag, zumal sie eine Folge 
von Erwägungen schwerwiegender Art war. Denn Theodosius hatte 
mit Aufgebot eigener Kräfte und auf Kosten der ohnehin genugsam 
belasteten Staatskasse des Orients das Erbe des Honorius erobert und 
seinem jugendlichen Verwandten Valentinian überlassen, während er 
es für sich selbst hätte behalten können. Doch mit Recht hatten 
424 Pulcheria und seine übrigen Ratgeber ihm nahe gelegt, diese 
Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen, um seinem Reiche 
eine bessere Grenze im Nordwesten zu gewinnen. Denn schon ein 
Blick auf die Karte lehrt, wie unnatürlich nach dieser Seite hin die 
Provinz lUj^en zwischen West- und Ost-Rom geteilt war und wie 
unbequem die weströmische Herrschaft der oströmischen hier sein 
mufste. Während ein feindlicher Gebieter des Occidents mit seinen 
Truppen ohne Beschwerlichkeit direkt ins Herz der oströmischen Madit 
stofsen und Thessalonich oder Constantinopel in wenig Wochen er- 
reichen konnte, hatte eine oströmische Truppenmacht, wenn sie den 
Süden des weströmischen Illyriens einnahm, noch immer die gefähr- 
lichen Pässe der julischen Alpen und einen weiten Weg bis nach Ra- 
venna und Rom vor sich. Theodosius fafste daher im Einverständnis 
mit Placidia von vornherein die Einverleibung eines Teiles dieser 
weströmischen Provinz schon 425 ins Auge, ohne dafs indes über die 
Begrenzung desselben ein förmlicher Vertrag geschlossen wäre; doch 
gab ihm bereits der Einfall der aus dem Occident zurückkehrenden 
hunnischen Hülfstruppen des Aetius Veranlassung Illyrien gegen sie 
zu schützen und den Süden desselben in Besitz zu nehmen. Als 
nun 437 Valentinian in Constantinopel anwesend war, verweigerte er, 
auch in Anbetracht der Hülfe, die ihm Theodosius gegen die Van- 
dalen geleistet hatte, nicht seine Einwilligung zu einem Tractat, weicher 
Dalmatien bis zur Grenze von Pannonia inferior und Savia dem 
oströmischen Gebiete hinzuschlug und so demselben eine natür- 
liche Grenze verlieh 23); Pannonien dagegen, soweit es nicht durch 



^3) Den einzigen Anhalt für diese Ausführung bietet Cassiodor, Variar. XI. 
ep. I. Nurum denique sibi (seil. Placidia) amissione lUyrici comparavit factaque 
est coniunctio regnantis divisio dolenda provinciis. Diese Notiz veranlafste 
Tillemont VI. (zu 437) zu der Annahme, dafs ganz West-Illyricum an Ostrom 
abgetreten worden sei, dafs gelegentlich der Hochzeit: Valentinien peut bien 
n* avoir fait que ratifier en ce temps -ci ce que sa mere avait d6ja accord6 en 
424, lorsqu' eile lui fit fiancer Eudoxie. Dieser Meinung schliefst sich auch 
V. Wietersheim S. 378 an, indem er zugleich die Annahme, ganz Illyrien sei an 



3" 

Aetius an Rugilas abgetreten war, und insbesondere Noricum blieben 
mit dem weströmischen Reiche verbunden. 

Die Anwesenheit des Beherrschers des Occidents in Constan- 
tinopel war aber auch noch in anderer Beziehung für das ganze 
Römerreich von der weitgehendsten Bedeutung, weil sie eine Institution 
ins Lebens rufen half, welche für den Gedanken der Reichseinheit 
von der höchsten Wichtigkeit war, denn was vermag aufser der gleichen 
Sprache, wenn wir an moderne Verhältnisse denken, das Bewufstsein 
der Zusammengehörigkeit mehr zu fördern als ein gemeinsames 
Gesetzbuch! Freilich, was damals von Theodosius und Valentinian 
geschaffen wurde, ist weniger ein solches, als vielmehr eine Sammlung 
kaiserlicher Verordnungen, welche mehr dem Verwaltungsbeamten als 
dem Richter zu gute kamen, deren Amt allerdings damals nicht ge- 
trennt war. Dem Bedürfnis, die Rechtsanschauung der vorangehenden 
Jahrhunderte seit den Zeiten der Republik zu fixieren und in über- 
sichtlicher Darstellung zu ordnen, waren bereits zwei Privatsammlungen, 
der Codex Gregorianus und Hermogenianus, entsprungen 2*), 
von denen der erstere die Constitutionen von Hadrian bis Diocletian 
enthält und wahrscheinlich seine Entstehung der Anregung des letzt- 
genannten verdankt, während der Nachtrag dazu, der codex Hermo- 
genianus, ein Erzeugnis des vierten Jahrhunderts ist. Von beiden 
sind Reste auf uns gekommen. Allein auch sie waren nicht im stände 
der allgemeinen Unsicherheit in der Anwendung des Rechts zu steuern, 



Ostrom abgetreten, mit Recht entschieden verwirft. In der That kann es sich 
nur um Dalmatien gehandelt haben, denn i. ist die Verfügung Theod, II. über 
die aufserordentliche Besteuerung der Provinzen Cod. Theod. XI. 20, 5. (vom 
13. Mai 424) zu einer Zeit ediert, in welcher die Feldherrn Ardaburius und Aspar 
Dalmatien bereits eingenommen hatten, und bezieht sich (vgl. die Ausführung in 
cap. 4. Anm. 52 der Darstellung) offenbar mit auf dieses, 2. wird selbst nach 
jenem Vertrage des Rugilas mit Aetius das weström. Sirmium von den Hunnen 
belagert, (Prise, frgm. 8 p. 846.), welches in Pannonia inferior lag, 3. erscheint 
noch später Promutos, Statthalter Noricums, unter den weström. Gesandten. Prise, 
ibid. Vgl. Sievers S. 461 — 462. Daher könnte es immer noch einen west- 
römischen Pf. pr. Illyrici gegeben haben, wenn auch Dalmatien abgetreten war. 
Aber der so Nov. Val. II. 3. (443) bezeichnete Albinus war es sicher nicht, da 
sich der Inhalt der auf ihn bezüglichen Verfügungen auf Africa bezieht, das zur 
Präf. Italia gehörte. Unter allen Umständen aber ist es ein Irrtum Hertzbergs 
Gesch. Griech. I. S. 62. , dafs der Sitz des oströmischen Prf. pr. Illyrici in 
einem der Jahre 424 bis 427 von Thessalonich nach Sirmium verlegt worden sei. 
Danach ist die Angabe der Darstellung S. 10. zu berichtigen. Vgl* 
noch Pallmann Gesch. der Völkerw. II. S. 49. A., der Pannonien schon 424 
an Ostrom abgetreten werden läfst. 

^*) Bruns in Holtzendorfs Encyclop. der Rechtswissensch. S. 147. Sie 
sind ediert von Haenel Bonn 1837. 



312 

wie die Verfügung Valentinians III. aus dem Jahre 426 (13. Nov. 
Ravennae ad senatum urbis Romae^*) beweist, in welcher er den ge- 
samten Schriften des Papinian, Paullus, Gaius, Ulpian und Mode- 
stinus und auch den Entscheidungen derjenigen Rechtskraft verlieh, 
deren Abhandlungen und Urteilssprüche die Genannten in ihre Werke 
aufgenommen hatten, wie des Scaevola, Sabinus, Julianus und Marcellus 
und der übrigen von jenen Citierten, vorausgesetzt, dafs eine Ver- 
gleichung der Handschriften stattfände. 

Mehr aber als für die Rechtssprüche hatte sich die Notwendig- 
keit eines Sammelwerkes für die kaiserlichen Constitutionen allmählich 
immer dringender geltend gemacht, weil die Absichten und Ansichten 
der Herrscher auf dem Gebiete des Rechts und des kirchlichen wie 
socialen Lebens so oft gewechselt hatten und ihre Verordnungen sich 
nicht stets auf das ganze Reich bezogen, sondern bald hier, bald 
dorthin gerichtet waren, so dafs dem Beamten eine Übersicht über 
sie ganz unmöglich war. Wollte er daher einen aufsergewöhnlichen 
Procefs erledigen, so mufste er aufser einer grofsen Menge von Büchern 
auch die kaiserlichen Verfügungen zu Rate ziehen, ohne dabei sicher 
zu sein, dafs er keine derselben übersehen habe. Es war somit ein 
höchst verdienstliches Werk, welches Theodosius 11. unternahm, wenn 
er die Edicte der Kaiser seit Constantin des Grofsen Zeit in einem 
Compendium zusammenstellen liefs. Die Anregung dazu mag neben 
dem praktischen Bedürfnis seine eigne Liebe zur Wissenschaft und das 
Darniederliegen der iuristischen Studien überhaupt gegeben haben; 
zur Reife kam dieser Gedanke schon im Jahre 429, in welchem er 
durch eine Verordnung, die wir so glücklich sind noch zu besitzen, 
die Einsetzung einer Commission sachverständiger Männer zur Aus- 
arbeitung eines Gesetzbuches verfügte. 

Wir beschliefsen, heifst es darin, dafs nach dem Vorbild des Codex 
Gregorianus und Hermogenianus alle Constitutionen gesammelt werden, 
welche der erlauchte Constantin und die seligen Fürsten nach ihm 
und Wir gegeben haben, die sich auf die Kraft von Edicten oder 
auf kaiserliche Generalerlasse stützen. Erstens müssen die Titel, das 
heifst die Bezeichnungen der Materien, so getrennt werden, dafs wenn 
eine einzige Verfügung in verschiedene Abschnitte zerfallt und zu 
mehreren Titeln gehört, jedes an seine passende Stelle gesetzt wird. 
Darauf möge dasjenige, was die Verschiedenheit der Lesarten für 
beide Teile in Anspruch nehmen wird, nach der Reihe geprüft werden, 
nicht nur unter Berücksichtigung des Consulats und der Zeit des 



2*) Cod. Theod. I. 4, 3. Zu den Namen vgl. den Comm. Gothofr. und 
Gregorovius Hadrian S. 296. 



313 

Reiches, sondern auch, indem die Zusammensetzung des Werkes selbst 
zeigt, dafs das spätere von gröfserer Kraft ist. Sodann ist darauf 
zu achten, dafs die eigenen Worte der Constitution, welche zur Sache 
gehören, erhalten bleiben, doch mit Übergehung derjenigen, welche 
zur Einschärfung des Gegenstandes hinzugefügt, jedoch nicht durchaus 
notwendig sind. Aber obwohl es einfacher und gerechter ist, dafs 
mit Übergebung der Verordnungen, welche die späteren aufheben, 
die allein erläutert werden, welche allgemein Gültigkeit haben werden, 
so möchten Wir doch sehen, dafs dieser Codex und die früher von 
Fleifsigeren verfafsten, deren wissenschaftlichen Studium sie verdankt 
werden, auch diejenigen Verfügungen kennen, welche dem Schweigen 
verfallen und aufser Gebrauch gekommen sind und nur für die Vor- 
kommnisse ihrer Zeit Geltung haben. 

Von diesen drei Gesetzbüchern aber und den in den einzelnen 
Titeln zusammenhängenden Abhandlungen und Entscheidungen der 
Rechtsgelehrten wird das unsrige (4.) durch die Arbeit ebenderselben, 
welche den dritten ordnen werden, sich unterscheiden, der keinen 
Irrtum, keine Umschweife dulden, der nach Unserem Namen her 
nannt, alles zu Befolgende und zu Vermeidende aufzeigen wird. Zur 
Vollendung des so grofsen Werkes und zur Abfassung der Gesetz- 
bücher, von denen das erste die gesamten verschiedenen generellen 
Verordnungen enthaltend und keine, welche man vorbringen könnte, 
auslassend den nichtigen Ausputz von Worten zurückweisen, das 
andere mit Ausschlufs jeglicher Rechtsverschiedenheit die Special- 
verfügungen aufnehmen wird, müssen Männer von besonderer Treue 
und scharfem Verstände auserlesen werden, die, sobald sie das erste 
Gesetzbuch Unserer Einsicht und der öffentlichen Wirksamkeit unter- 
breitet haben, sich an die Bearbeitung des andern machen werden, 
bis er zur Herausgabe reif sein wird. 

Die Auserlesenen mögen deiner Excellenz hiermit bekannt werden: 
Wir haben erwählt die Illustres Antiochus, Ex-Quaestor und 
Ex-Praefect, Antiochus, Quaestor S. P., die Spectabiles Theodorus, 
Comes und Vorsteher der geheimen Kanzlei, die Ministerial-Directoren 
Eudicius und Eusebius, Johannes, Ex-Comes Unseres Con- 
sistoriums, die Ministerial-Beamten a. D. C o m a z o n te s und E u b u 1 u s 
und den Professor A pell es, einen sehr beredten Mann. Wir haben 
das Vertrauen zu diesen von Unserer Ewigkeit Erwählten, dafs sie die 
Gelehrtesten hinzuziehen werden, damit durch ihren gemeinsamen 
Eifer falsche Rechtsbestimmungen ausgeschlossen werden. In Zukunft 
wird aber, wenn eine Verordnung ergehen soll, diese in dem andereij 
Teile des Vereinigten Reichs solche Geltung haben, dafs sich die 



314 

private Anmafsung durch den Zweifel an ihrer Richtigkeit nicht schützen 
kann, sondern sie möge von dem Teile, in dem sie gegeben worden 
ist, imter kaiserlichem Begleitschreiben übersandt werden, um auch in 
die Archive des andern aufgenommen und in der Form eines Ediktes 
veröffentlicht zu werden: Denn das übersandte wird verabredeter- 
mafsen angenommen werden und ohne Zögern Geltung haben, doch 
bleibt Unserer Milde das Recht der Verbesserung resp. Zurücknahme 
vorbehalten. An den Senat. Gegeben am 26. März zu Constantinopel 
unter dem Consulate des Florentius und Dionysius" {^zg),^^) 

In wie weit der Kaiser in der Auswahl der Persönlichkeiten das 
Rechte getroffen hat, vermögen wir nicht zu erkennen, doch verdient 
die Art der Zusammensetzung der Kommission entschieden Beifall, 
weil er aufser im Dienste ergrauten Beamten auch der Theorie einen 
Platz in der Person des Inhabers einer der beiden Professuren für 
Rechtswissenschaft an der Universität Constantinopel einräumte. Diese 
Männer nun arbeiteten sich mit Hülfe von Sub-Commissionen im Laufe 
der nächsten sechs Jahre so fieifsig durch den überreich vorhandenen 
Stoff hindurch, dafs Theodosius ihnen am Ende des Jahres 435 für 
die endgiltige Abfassung des Gesetzbuches eine besondere Voll- 
macht erteilte.27) Sie sollten überflüssige Worte fortlassen, notwendige 
hinzufügen, zweifelhafte ändern, widersprechende verbessern dürfen. 
Doch waren in diesem Zeiträume von den oben genannten Sachver- 
ständigen alle bis auf den Präsidenten Antiochus, Theodorus und 
Eubulus entweder gestorben oder ausgeschieden, so dafs wir unter 
den hier wieder aufgezählten Mitgliedern aufser jenen Dreien neuen 
Namen begegnen: Maximinus, Quästor, die Konsistorialräte Sperantius, 
Martyrius, Alipius, Sebastianus, Apollodorus und Oron; die Ministerial- 
beamten Maximus, Epigenes, Diodorus, Procopius, der Ex -Vikar Erotius 
und Neuterius; im ganzen waren es also sechszehn, von denen dies- 
mal keiner dem Professorenberufe angehörte, und welche im Falle 
eines Todes oder Behinderung eines Mitgliedes stets vom Kaiser 
wieder ergänzt wurden. 

Endlich nach etwa zweijähriger Arbeit der neuen Kommission 
konnte Theodosius am 15. Februar 438, nachdem er sich des Ein- 
verständnisses Valentinians bei seiner Anwesenheit in Constantinopel 
versichert hatte, den nach ihm benannten Codex Theodosianus 
der Öffentlichkeit übergeben. Er sagt in der darauf bezüglichen an 
den Patricius Florentius gerichteten Verfügung :28) Oft habe er 

2«) I. I, 5. (fehlt bei Gothofred.) 

^) I. I, 6. 21. Dec. 435. 

3B) Novell. Theod. II. Tit. i. und Hänel p. 90 ff. in den Gesta senatus. 



315 

darüber Betrachtungen angestellt, woher es komme, dals trotz der so 
hohen Belohnungen, durch welche die Kunst und Wissenschaft gefördert 
würden, so wenige sich gefunden hätten, welche mit der Fülle des 
Civilrechts sich bereicherten, und dafs trotz der so schwächenden 
Nachtarbeiten kaum einer oder der andere das Ganze der vollendeten 
Wissenschaft in sich aufgenommen habe.*®) Wenn er nun so die 
ungeheure Menge der Bücher, die Verschiedenheit der Formalitäten, 
die Schwierigkeit der Prozesse, wenn er endlich die Masse der kaiser- 
lichen Verordnungen betrachte, die- gleichsam begraben unter einem 
Wall dichten Nebels und Finsternis dem menschlichen Geiste die 
Übersicht unmöglich mache, so glaube er in Wahrheit ein zeitgemäfses 
Werk vollführt und die Finsternis zerteilend durch ein zusammen- 
fassendes Kompendium über die Gesetze Licht verbreitet zu haben. 
Er habe durch auserlesene Männer von erprobter Treue und berühmter 
Gelehrsamkeit die Entscheidungen der früheren Kaiser veröffentlicht, 
damit nicht in Zukunft gleichsam aus dem Allerheiligsten selbst furcht- 
erweckende Urteile erwartet würden *<^), da nunmehr jedem klar vor 
Augen liege, durch was für eine Urkunde eine donatio übertragen, 
auf welchem Rechtswege eine Erbschaft erlangt werde, mit welchen 
Worten eine rechtmäfsige Stipulation vor sich gehen müsse. Dies 
alles sei nun durch die Arbeit der Rechtsgelehrten und unter dem 
strahlenden Glänze seines Namens ans Licht gezogen. Und diejenigen, 
welchen er die göttlichen Gedanken seiner Brust anvertraut habe, 
möchten nicht argwöhnen, dafs ein geringer Preis ihrer warte, denn 
wenn er richtig mit menschlichem Scharfsinn in die Zukunft blicke, 
so würden sie durch die Teilnahme an seiner Arbeit auf die Nach- 
welt kommen. Darum gebe er nach Besichtigung der Wolke nichts- 
nutzender Bände einer zusammenfassenden Kenntnis der kaiserlichen 
Konstitutionen seit Constantins Zeiten Gesetzeskraft, so dafs niemand**) 
nach dem i. Januar (des folgenden Jahres) die Erlaubnis habe, auf 
dem Forum oder in den täglichen Sitzungen kaiserliches Recht zu 
sprechen oder Prozefsakten zu verfassen, aufser auf Grund dieser 
Bücher, die auf seinen Namen übergegangen seien und im Staatsarchiv 
aufbewahrt würden. Doch sei deswegen keines der früheren Kaiser 
Andenken beseitigt, keines Gesetzgebers Name untergegangen, nein. 



^•) . . . et in tanto locubrationum tristi pallore vix unus aut alter receperit 
soliditatem perfectae doctrinae. 

^) ne iurisperitorum ulterius severitate mentita dissimulata scientia, velut 
ab ipsis adytis, exspectarentur formidanda responsa. 

3') nulli post Kai. Jan. concessa licentia ad forum et cotidianas advocationes 
ins principale deferre vel litis instrumenta componere. 



3i6 

die Gunst des Lichtes eintauschend, würden sie mit ihm in erlauchter 
Genossenschaft verbunden. Aufserdem, fügt er hinzu, dürfe in Zukunft 
keine Verordnung als im Westreich oder in einer anderen Gegend 
von Valentinian UI. gegeben vorgebracht werden oder Gesetzeskraft 
erlangen, wenn nicht eben dies ihm durch eine kaiserliche Note mit- 
geteilt worden wäre; dasselbe gelte umgekehrt natürlich auch für die, 
welche im Orient veröffentlicht würden.^^j 

Zum Schlufs zählte er unter ehrenden Bemerkungen die acht 
Männer der oben erwähnten Kommission auf, welche bis zum Abschltifs 
des Werkes ihm ihre Kräfte gewidmet hatten — es waren der Vor- 
sitzende Antiochus, Ex-Präfekt und Ex-Consul, femer Maximinus, 
der später zu Attila als Gesandter geschickt wurde, Sperantius, 
Martyrius, Apollodor, Theodor, Epigenes und Procopius, 
— und beauftragte den Präfekten Florentius dieses Edikt zu allge- 
meiner Kenntnis zu bringen. 

Der Publikation im Orient folgte die im Occident am Ende des 
Jahres nach, wie wir aus dem darüber aufgenommenen und erhaltenen 
Protokoll ersehen.33) Am 2^, Dezember 438 berief der Consul und 
Praefectus praetorio Acilius Glabrio Faustus zu Rom den Senat zu 
einer Sitzung in seine Wohnung, in welcher er zunächst berichtete, 
dafs, als er im verflossenen Jahre bei Gelegenheit der Hochzeit des 
Kaisers Valentinian in Constantinopel war, Theodosius ihn und den 
Praefectus pr. des Orients rufen liefs und ihnen eigenhändig ein Exemplar 
des Codex Theodosianus überreichte, damit derselbe in beiden Reichen 
Geltung habe. Das Gesetzbuch liege nun hier vor ihren Augen und, 
wenn es dem Senate gefiele, so werde er das VeröiFentlichungsedikt 
verlesen. Nachdem dies unter allgemeinem Beifall geschehen war, 
wurde die Anfertigung dreier Copien in der Art beschlossen, dafs der 
vorliegende Codex im Archiv des Praefectus pr. verbleiben, die erste 
Copie in dem Archiv des Stadtpräfekten aufbewahrt werden, dagegen 
die zweite als Norm für die zahlreichen Abschriften zum praktischen 
Gebrauch dienen sollte und die dritte für Africa bestimmt wurde. 

So war denn in einem Zeitraum von neun Jahren ein Werk 
gelungen, welches auf die Anregung und unter der fördernden Teil- 



^) His adiicimus nullam constitutionem in posterum velut latam in partibus 
Occidentis aliove in loco ab invictissimo principe filio nostrae clementiae pierpetuo 
augusto Valentinano posse proferri vel vim legis aliquam obtinere, nisi hoc idem 
divina pragmatica nostris mentibus intimetur. Quod observari necesse est in his 
etiam quae per Orientem nobis auctoribus promulgantur. 

33) Bei Hänel vor dem Cod. Theodos. als Gesta in senatu urbis Romae 
de recipiendo codice Theodosiano. 



317 

nähme des Kaisers Theodosius entstanden ist. Grofse Thaten würdig 
eines Helden kann man diesem unkriegerischen und wenig soldatischen 
Herrscher nicht nachrühmen, um so mehr ist es daher angebracht 
diese seine selbständige Thätigkeit anzuerkennen, in welcher er dem 
friedlichen Könige, wie ihn einst der kühne Synesius seinem Vater 
gezeichnet hatte, so nahe kommt. Theodosius hatte zwar Vorbilder 
in seinem Unternehmen, gleichwohl war dasselbe doch in anderer 
Weise originell, da es sich nicht nur auf die Sammlung von Rechts- 
sprüchen beschränkte, sondern den ganzen Wust unendlich vieler kaiser- 
licher Konstitutionen zu sichten und das Brauchbare und Praktische 
herauszuschälen unternahm. Sein Werk hat für seine eigene Zeit 
einem unerträglich werdenden Mangel abgeholfen, die Rechtspflege 
gehoben und den Gang der Geschäfte erleichtert Wenn nun aber 
Theodosius in die Zukunft schauend der Meinung war, sein Werk 
werde bleibenden Wert haben, so hat er sich zwar insofern getäuscht, 
als durch die 'umfassenderen Sammlungen Justinians I. seine eigne 
überholt und erweitert wurde, nach einer anderen Seite dagegen hat 
er vollständig Recht gehabt Denn der Codex Theodosianus mit seinen 
Nachträgen 34) wird für alle Zeiten in Hinsicht auf die Sprache, die 
Sitten, Einrichtungen und Gebräuche, endlich die Ereignisse der 
Zeit von 3 1 3 — ^468 eine unentbehrliche Quelle des Geschichtsforschers 
bleiben, haben wir an ihm doch häuüg die einzige Wage, auf der wir 
die absichtlich gefärbten Nachrichten parteiischer Geschichtsschreiber 
allein und am besten abzuwägen im stände sind. 

In demselben Jahre, in welchem Theodosius dies verdienstliche 
Werk schuf, war es ihm auch vergönnt das Unrecht seiner Eltern an 
dem Patriarchen Johannes Qirysostomus, wenn auch erst nach seinem 
Tode, zu sühnen. . Schon als Atticus den Bischofssitz in Constantinopel 
einnahm, war, wie wir sehen, sein Name in der Reihe der übrigen 
Bischöfe wieder genannt worden und dieser Umschwung hatte durch 
den Antiochener Nestorius eine weitere Förderung erfahren.*^) Erst 
aber dem Bischof Proclus, der nach zweimaliger Zurückweisung 
434 3ö) endlich das Ziel seiner Sehnsucht erreichte, war es vorbehalten 
den letzten Schritt zur Aussöhnung mit den Johanniten zu thun. Denn 



3*) Den sogen. Novellae (leges) Theodosius II. , Valentinian III. , des 
Martianus, Maiorianus, Sevenis, Anthemius; ebenfalls ed. von Hänel. Sie gingen 
mit dem Codex zusammen über in die lex Romana Visigothorum und Burgundionum. 
Vgl. Teuffei Rom. Literaturgesch. S. 1085 ff. Walter Gesch. des r. Rechts II. S.35 
bis 37. £dm. Vogt. Prögr. des Gymnas. a. d. Apostelkirche zu Köln 1870. 
S. 23. G. S. 42. 

^ Marc. Com. 428. 

»•) Socrat. VII. 40—42. 



3i8 

auf seine Veranlassung und auf den Wunsch der kaiserlichen Ge- 
schwister wurden die Gebeine des edlen Seelsorgers in Comana dem 
Grabe entnommen ^^) und nach der Hauptstadt überführt Als sie in 
Chalcedon angekommen waren, fuhr ihnen der Kaiser mit seinem ge- 
sammten Hofstaat entgegen, holte sie am 27. Januar 3») feierlichst ein 
und schritt neben Pulcheria der Procession voran, welche sie zu ihrer 
letzten, endlichen Ruhestätte, der Apostelkirche, geleitete. Damit war 
auch den fanatischen Johanniten Genüg« geschehen und sie hörten 
fortan auf, Sonderversammlungen und Gottesdienste abzuhalten. 

Den Namen der Kaiserui Eudocia finden wir in dieser Ange- 
legenheit nicht genannt, doch ist es keinem Zweifel unterworfen, dafs 
sie sich ebenfalls an der Einholung beteiligte, wenn anders sie über- 
haupt in Constantinopel anwesend war. Denn Eudocia hatte sich in 
den achtzehn Jahren, seitdem sie die Gemahlin des Theodosius war, 
äufserlich vollständig in die fromme Weise eingelebt, welche der 
byzantinische Hof vor den Augen der Welt zur Schau* trug, und hatte 
im Hinblick auf den sehnlichsten Wunsch ihres Herzens, die Ver- 
mählung ihrer Tochter Eudocia mit Valentinian, dem Himmelsherm 
gelobt^®), gleich der frommen Mutter Constantins Helena, zu den Statten 
zu wallfahrten, wo der Erlöser gelitten hatte und für die Menschheit 
gestorben war. Diesem Gelöbnis hielt sie die Treue und noch im 
Jahre 438*^), um den Trennungsschmerz eine Ableitung zu geben, 
machte sie sich auf den weiten Weg, doch wissen wir nicht, ob sie 
die Land- oder Seereise vorgezogen hat*i) 

Jedenfalls berührte sie auf ihrer Wallfahrt, welcher der kaiserliche 
Glanz nicht gefehlt haben wird, das alte, durch eine lange Geschichte 
und den Aufenthalt des Apostelfürsten ehrwürdige Antiochia. Aber 
mehr als die neuen Bauwerke der christlichen Zeit zogen die Tochter 
des Leontius die Reste der antiken Denkmäler an, welche zu ihr in 
einer Sprache redeten, die ihr noch aus ihrer Jugendzeit in Athen 
heimisch und vertraut war. Euer, fem den Späheraugen neugieriger 



'^ c. 45. Theoph. zu 430. Cedren zum 28. Jahre des Theodosius. Legenden- 
haft ausgeschmückt bei Nicephor. XIV. 48. 

^®) Marcell. Com. am 28. Jan. Socrat. am 27. Jan, 

8») Socrat. VII. 47. 

^) Dies ergiebt sich daraus, dafs Socrates seine Geschichte 439 beendigte 
•und von ihrer Rückkehr wufste. Vgl. Marc. Com. zu 439. 

*^) Gregorovius nimmt S. 148 ff. ohne weiteres an, dafs sie zur See reiste; 
er hat überhaupt diese Reise mit Hülfe der eignen Phantasie ausgeschmückt. Die 
Stationen der Wallfahrtsstrafse nach Jerusalem zahlt das Itinerarium Hierolsolymi- 
tanum (ed. Parthey et Pinder) S. 271 ff. Wessel. p. 571 ff. auf. Vgl. Itin. 
Anton. S. 65 ff. 



319 

lind hämischer Höflinge und inmitten eines sie jubelnd umgebenden 
Volkes, knüpfte sie einmal wieder an jene Erinnerungen an, welche in 
die Zeit gehörten, da sie noch Heidin war. Im Senatsgebäude 
Antiochias*'^) vor den Spitzen der Behörden des Staates und des 
grofsen Gemeinwesens und zahlreichen Bürgern hielt sie auf goldenem, 
von Edelsteinen funkelnden Throne sitzend eine begeisterte Dank- 
und Lobrede auf die Stadt, deren überreiche Gastfreundschaft sie ge- 
nofs, und an die Zeit erinnernd, als die Griechen noch kolonisierend 
das Mittelmeer auf schwankendem Kiel kühn durchfuhren, rief sie dem 
Volke das homerische Wort zu: 

„Eures Geschlechts und Blutes zu sein, des rühme auch ich mich.^*)" 
Eine Kaiserin, die nicht nur durch den äufseren Rang, sondern auch 
durch die Gaben ihres Geistes sich als Herrscherin von Gottes Gnaden 
bethätigte, hatten die Antiochener noch nie gesehen, und ihre Freude, 
ihr Jubeln wollte daher kein Ende nehmen. Noch in den späteren 
Zeiten sah der Fremde im Senate ihr goldenes Bildnis und im Museum 
ihre eherne Statue*-*) als Andenken an die schönen Tage ihrer An- 
wesenheit in der Hauptstadt Syriens, welche die dankbaren Bürger 
Antiochias ihrer Kaiserin gestiftet hatten. Aber auch Eudocia binter- 
iiefs wohlthätige Spuren ihres Aufenthalts, denn auf ihre Bitte erweiterte 
Theodosius die Stadtmauern bis zum Thore, das zum Hain Daphne 
führte, und 200 Pfd. Gold (180000 Mk.) spendete sie mit freigebiger 
Hand zur Wiederherstellung der Bäder des Valens, welche durch eine 
Feuersbrunst zum teil vernichtet waren.**) 

Von Antiochia zog die Kaiserin, wahrscheinlich auf der alten 
Pilgerstrafse **) über Laodicea, Tripolis, Berytus, Sidon, Tyrus, Caesarea 
zum gelobten Lande Palästina und stattete allen den heiligen Orten, 
welche der Erlöser durch seine Anwesenheit für immer geweiht hatte, 
kurze Besuche ab, bis sie endlich in der ersehnten Stadt Jerusalem 
anlangte. Jerusalem*'') oder wie es seit der Zerstwung durch Titus 
hiefs, Aelia Capitolina, war, nachdem die einheimische jüdische Be- 
völkerung durch Hadrians Gebot aus ihr verbannt worden war, eine 
rein christliche Stadt, aber von der Höhe der ehemaligen Einwohner- 



*^) Euagrius L 20. und 21. unterscheidet die beiden Reisen ganz deutlich; 
ebenso Theoph. 427 und 440; nicht so das Chron. Pasch, zu 444, welches nur 
eine kennt und Joh. Mal. Vgl. Sievers S. 462 und 463. Gregorovius S. 148 ff. 

*^) vfjistSQfjg ysvsfjg ts xal aifjiaxoq svxofxai slvat. Euagrius I. 20. 

**) Chron. Pasch. Enagr. ebend. 

**) Euagrius ebend. Von Antiochia entwirft ein lebendiges Bild Mommsen V. 
S. 456 ff. 

**) Vgl. Gregorovius S. 156. Itin. Hieros. p. 581 ff. 

«) S. 158 ff. 



I 



3«o 

zahl tief herabgesunken; denn das gewerbtreibende Leben war erloschen, 
seitdem die Mönche und Nonnen ihren bleibenden Sitz hier aufge- 
schlagen hatten. Gleichwohl zog das heilige Grab, über welchem Con- 
stantin der Grofse eine marmorne Kapelle erbaut hatte, Pilger aus allen 
Gegenden der Welt herbei, so dafs der hl. Hieronimus, welcher am 
Ende des 4. und zu Anfang des 5. Jahrhunderts in Betlehem lebte, in 
einem Briefe^*) sagen konnte: „Aus dem ganzen Erdkreis strömt man hier- 
her zusammen; die Stadt ist angefüllt mit Menschen aller Gattungen und 
so grofs ist die Ansammlung beiderlei Geschlechts, dafs, was du anders- 
wo geteilt flohest, du hier ungeteilt zu ertragen genötigt wirst" Denn 
abgesehen von den heiligen Orten und den zahlreichen Kirchen und 
Klöstern bot Aelia Capitolina das gewöhnliche Bild einer Stadt, welche 
aufser ihren Bürgern Soldaten und daher auch diejenigen Dinge in ihren 
Mauern birgt, an denen sie Freude haben: die Statten des Lasters 
und der Volksbelustigungen. Ungefähr ein Jahr hielt sich Eudocia 
in Jerusalem auf und brachte die Tage in geistlichen Übungen und 
im Umgang mit frommen Frauen hin.**) Dann kehrte sie im Besitze 
wertvoller Reliquien, für die sie der Kirche reiche Geschenke machte, 
noch im Jahre 439 nach Constantinopel zurück*®), wo die von ihr 
mitgefuhrten Gebeine des Protomärtyrers Stephanus in der Kapelle 
des heiligen Lauren tius feierlichst beigesetzt wurden.* i) 

Aber die Tage des Glückes und des Frohsinns waren für Eudocia 
mit der Vermählung ihrer Tochter und der Reise nach Jerusalem zu 
Ende, denn, was uns ^weiter von ihr berichtet wird, ist die Kehrseite 
des glänzenden Lebens, das sie als byzantinische Kaiserin geführt hatte. 
Der Umschwung trat nicht plötzlich ein und unvorbereitet, sondern 
er hatte seine Begründung in den eigentümlichen Verhältnissen, welche 
damals am Hofe zu Constantinopel obwalteten. Weniger zwar als bei 
Arcadius machte sich unter Theodosius die heimliche Macht der Eunuchen 
bemerklich, besonders in den ersten Jahren seiner Regierung, weil einer- 
seits das Andenken an die durch Eutropius herbeigeführten Unruhen 
noch zu frisch in aller Gedächtnis war, andererseits, weil die Herr- 
schaft über den Kaiser ganz und gar von den beiden Frauen Pulcheria 
und Eudocia gehandhabt wurde und neben ihnen das Übergewicht 
der Oberstkänunerer weit zurücktrat Dennoch finden sich Anzeichen, 
dafs auch unter dem schwachen Theodosius IL die Eunuchen eine ge- 



*^ ep. 58 ad Paulinum § 4 ff. Non Jerosolymis üusse, sed Jerosolymis bene 
vizisse laadandom est. 

^ Gregorovius S. 169 ff. 

**) Mareen. Com. Theophan. xa 427. 

••) VgL Gregorovius S. 171 und 172. 



321 

bietende Rolle zu spielen vermochten, denn die verworrenen und dürf- 
tigen Quellen dieser Zeit erzählen von einem Eunuchen Antiochus'^^)^ 
der seine Macht, welche er über den Kaiser hatte, milsbrauchend von 
ihm plötzlich seines Amtes, des Titels Patricius und aller seiner Güter 
beraubt und dann als Geistlicher in ein Kloster gesteckt wurde. Er 
sei femer auch die Veranlassung geworden zu der Verordnung des 
Theodosius, dafs hinfort ein Verschnittener nie wieder durch die 
Würde des Patricius ausgezeichnet werden dürfe. Der Fall dieses 
allmächtigen Mannes wird von den Chronisten in das Jahr 443 ge- 
setzt, allein es sind triftige Gründe zu der Annahme vorhanden, dafs 
Antiochus damals längst beseitigt war und seine Stelle von einem 
anderen, dem Eunuchen Chrysaphius^^), von dessen gewaltigem 
Einflufs uns noch eine andere Angelegenheit überzeugen wird, einge- 
nommen wurde. Ihn hatte dem Kaiser seine schöne Gestalt und ein ge- 
winnendes Aufsere empfohlen, und auch er verstand es bald Theodosius 
nach seinem Willen zu lenken und sein Besitztum zu vermehren. 

Aufser ihm teilten sich in die Herrschaft über den Gebieter des 
oströmischen Reichs seine Schwester Pulcheria und seine Gemahlin 
Eudocia, von denen die erstere durch die energische und umsichtige 
Art, wie sie während Theodosius Minderjährigkeit die Staatsgeschäfte 
geführt hatte, sich ein bleibendes Anrecht auf die Dankbarkeit des 
Bruders erworben hatte, die andere dagegen auf das Recht der Ge- 
mahlin pochte. Dafs ein Zerwürifnis zwischen ihnen zeitweise herrschte, 
konnte man bereits aus dem Nestorianischen Streit erkennen^*), doch 
scheint gerade zu dieser Zeit, da Eudocia ihre Tochter vermählt hatte 
und aus Jerusalem heimkehrte, die Gemahlin des Kaisers mehr denn 
je den Hof zu Constantinopel beeinßufst zu haben. 

Es läfst sich dies aus mancherlei Erwägungen folgern : Einmal stand 



^'^) Dafs es der von Theoph. zu 412 erwähnte A. nicht sein kann, ist be- 
reits oben dargelegt worden. Dagegen könnte er der Cod. Theod. I. i, 5 424 an 
zweiter Stelle erwähnte quaestor S. P. sein , der 435 I. i, 6 nicht mehr als Mit- 
glied der Kommission genannt wird. Da nun die bei Theoph. zu 440 erzählte 
Intrigue nicht erst 446 — 449, als Flavian Bischof war, geschehen sein kann, und 
zur Zeit des Sturzes der Eudocia Chrysaphius bereits im Amte war, so mag Ant. 
im Laufe des 3. Decenniums gestürzt sein. Über das Ereignis berichten nur Cedren 
p. 336 und Theoph. zu 436. Vgl. Suidas v. IlaxQixLoq und SsoSoaiog. Andere 
Eunuchen von Einflufs waren Lausus, Amantius, Macrobius. Vgl. Tillem. art. 26 
und Cod. Theod. VI. 8, i. 

*^ Er trug den Beinamen Ta'iovfxä oder Zovfxvä oder Ztovfiäg. Über 
ihn vgl. Joh. Mal. XIV. Theophan. zu 436. Cedren zum 41. Jahre des Theod. 
Joh. Ant. frgm. 194. Suidas v. SeoSoöiog sagt, dafs Chrys. nach Kyros den 
Theod, beherrscht habe. Vgl. Sievers S. 434. 

^) Suidas V. novXx^QioL- 

21 



3«* 

gerade in den Jahren von 439 — 44 1^^ an der Spitze der Staatsver- 
waltung ein Mann, der ohne Zweifel mehr mit Eudocia denn mit 
Pulcheria harmonierte und offenbar ein Günstling der ersteren war. Es 
war dies der Ägypter Kyros^®) aus Panopolis, einer von den wenigen 
Dichtem dieser poesielosen Zeit, dessen Name uns neben dem des 
Ciaudian aufbewahrt worden ist. Aber weit weniger als des letztge- 
nannten Erzeugnisse vermögen die von Kyros erhaltenen sechs Epi- 
gramme'»'') unsem Beifall zu erringen, sie verraten vielmehr eine auf- 
fallende Gedankenarmut und atmen dem Herrscher gegenüber nicht 
den unabhängigen Geist eines Dichters, sondern den servilen Sinn 
eines Höflings, wenn eins derselben den Theodosius an Gestalt den 
Agamemnon und an Klugheit den Odysseus*^) übertreffen läfst und 
ihm den Ruhm der Thaten eines Achill zuerkennt. Ihn schätzte die 
Kaiserin bei der Gleichartigkeit ihrer Neigungen sehr hoch 5®), nicht 
minder aber genofs er die Gunst des Kaisers wegen seiner staats- 
männischen Verdienste. Als im Jahre 438 ®ö) ein Erdbeben wieder 
einen Teil der von Anthemius erbauten Ringmauern Constantinopels 
niederrifs, stellte sie Kyros als Praefectus pr. unter der wetteifernden 
Teilnahme der beiden Cirkusfraktionen der Prasinen (Grünen) und 
Veneter (Blauen) in kürzester Frist wieder her 6*); auch als Stadt- 
präfekt hatte er manche für den Verkehr wohlthätige Änderungen in 
Constantinopel geschaffen, so dafs ihm das Volk im Cirkus jubelnd zu- 
rief: „Constantin hat gegründet, Kyros wiederhergestellt l"®^) 

Das enge Verhältnis aber zwischen der Kaiserin und dem Dichter 
gefiel selbstverständlich nicht den frommen Gemütern, welche jeden 
Zusammenhang mit der Götterwelt der Heiden abzuschneiden für 
Christenpflicht und die Beschäftigung mit den Musen und Grazien 
einer schöneren Vergangenheit für eitel Sünde hielten.^^) An der 



**) Nov. Theod. XVIII. de lenonibus Cyro P. P. 6. Dec. 439. 441 war er 
Constd. Novell. Theod. V. 3 ; aufserdem zahlreiche Verfügungen im Jahre 440 
an ihn im Cod. Justin; die letzte I. 55, 10. 18. August 441. 

*•) Suidas y. KvQoq. Euagrius I. 19. Joh. Malal. XIV. Chron. Pasch. 450. 
Er hat aber nicht die röm. Truppen gegen Gaiserich angeführt, als dieser Karthago 
eingenommen hatte, wie Euagr. a. a. O. erzählt, denn Kyros war Civilbeamter. 

") Anthol. Graeca ed. Jacobs. VII. 557; IX. 136, 623, 808, 809; XV. 9. 

M) XV. 9. Vgl. Gregorovius S. 202 ff. 

*ö) Suidas y. KvQOq, 

•®) Theoph. zu 430. und Cedren zum Jahre 28. des Theod. 

*^) Chron. Pasch. Zonaras XII. 34. Vgl. Hammer Constantinopel und der 
Bosporus cap. XIX. und XX. und H. y. Moltke Briefe über Zust und Begebenh. 
in der Türkei aus den Jahren 1835 — 1839. S. 182. No. 34. 

«) Chron. Pasch. Joh. Mal. XIV. 

^) Vgl. auch Suidas y. Ssoöoaioq, 



3^3 

Spitze derjenigen, welche dieser Ansicht huldigten, stand Pulcheria, 
und wenn gerade damals ein aus dem Versteck geführter Kampf 
zwischen ihr und Eudocia entbrannte, so handelte es sich nicht nur 
um den Vorrang und die Macht über den Kaiser, sondern auch 
um den Sieg ihrer verschiedenartigen Geistesrichtungen. Wir können 
in das Getriebe der Minen und Gegenminen am Hofe heute nicht 
mehr klar sehen, da die Phantasie der späteren Chronisten aus eigenem 
Antriebe manches hinzugedichtet hat, nur so viel scheint aus allem 
als sicher hervorzugehen, dafs es zunächst Eudocia im Bunde mit 
Chrysaphius gelang den Einflufs Pulcherias so zurückzudrängen^^) und 
den Theodosius so zu beherrschen, dafs Pulcheria es vorzog aus dem 
Kaiserpalast am Bosporus sich in die Einsamkeit ihres Hauses nach 
dem Hebdomon^^) zurückzuziehen, wobei es fraglich gelassen werden 
mufs, ob Theodosius wirklich auf Zureden der Eudocia die Absicht 
hatte, seine Schwester zur Diaconissin zu machen oder nicht 

Aber man kann sich denken, dafs dieser Schritt der Augusta, 
welche so viele Jahre ihren Einflufs am Hofe behauptet hatte, eine 
starke Partei, die orthodoxe, gegen Eudocia aufs äufserste erregte, 
und dafs dieselbe in der Geistlichkeit eine mächtige Stütze hatte. 
Ihr gelang es, nachdem Eudocia kurze Zeit die Alleinherrschaft in 
den Händen gehabt hatte, sie von dieser Höhe in die jäheste Tiefe 
hinabzustofsen. Als Hebel zur Erreichung des Zieles benutzte sie die 
Eifersucht des Kaisers, eine sth wache Seite an ihm, welche bei der 
Schönheit seiner Gemahlin verzeihlich erscheint, die ihn aber durch 
die Umstände, welche die Verleumdung begleitete, aus einem sanft- 
mütigen Herrscher, wie ihn die Kirchenhistoriker zu schildern belieben, 
in einen blutdürstigen Tyrannen verwandelte. 

Bekanntlich war es der Jugendfreund Paulinus gewesen, welcher 
hingerissen von der Schönheit der Jungfrau, den Kaiser mit bestimmte, 
Eudocia zu seiner Gemahlin zu erheben; auch in der Folgezeit hatte 
das in gemeinsamen Erinnerungen wurzelnde Band das liebevolle Ver- 
hältnis zwischen den beiden Männern unverändert erhalten, denn Paulinus 
erscheint bald nach der Vermählung seines kaiserlichen Freundes in 
den höchsten Staatsämtem.^^) In dieser Stellung stand ihm der freie 
Verkehr, wie ausdrücklich erzählt wird^'), mit Kaiser imd Kaiserin 



6*) Theoph. zu 440. Vgl. Sievers S. 434. Gregorovius S. 176 ff. 

^) In der 1 1 . Region stand domus Augustae Palcheriae. Not, Urb. Const. 
ed. Seeck S. 238. 

*ß) Chron. Pasch. 421. Marc. Com. 440. Cod. Theod. VI. 27, 23 wird 
er als mag. offic. bezeugt 435. "VT. 20, 8 ist es Valerius. 

ö7) Chron. Pasch, a. a. O. 



21 



3^4 

ohne die beengenden Schranken der Eiiquette ungehindert offen, und 
auch seine Beziehungen zur Eudocia wurden und blieben höchst 
freundschaftlicher und herzlicher Art. Diesen Umstand beschlossen 
nun die Gegner der Eudocia zur Verwirklichung ihrer Absicht zu be- 
nutzen, und ihr Versuch gelang ihnen nur zu gut 

Als Theodosius, so lautet die älteste Nachricht ^8), am Epiphanien- 
tage in die Kirche ging, war Paulinus durch ein Fufsübel am Erscheinen 
gehindert und liefs sich entschuldigen. Da bot dem Kaiser aus der 
Menge, welche ihn umdrängte, ein armer Mann einen phrygischen 
Apfel von ungewöhnlicher Gröfse. Der Kaiser nicht minder als der 
ihn begleitende Senat die Gröfse der Frucht bewundernd hiefs dem 
Manne ein reichliches Geldgeschenk reichen und schickte den Apfel 
der Kaiserin Eudocia. Diese, wohl um dem kranken Freunde eine 
Freude zu machen, sandte ihn an Paulinus, der nichts Arges darin 
sehend ihn wiederum an den noch in der Kirche befindlichen Kaiser 
übermittelte. Theodosius war daher nicht wenig erstaunt beim Her- 
austreten aus dem Gotteshause den Apfel wiedervorzufinden; er ver- 
l^arg ihn zunächst und fragte dann nach seiner Rückkehr in den Palast 
die herbeigerufene Augusta: „Wo ist der Apfel, den ich dir geschickt 
habe?" Eudocia erwiderte: „Ich habe ihn aufgegessen!" Da beschwor 
sie Theodosius bei ihrem Seelenheil die Wahrheit^ zu sagen, ob sie 
ihn gegessen oder einem anderen geschenkt habe. Sie aber schwur, 
dafs sie den Apfel verzehrt habe; da holte Theodosius den Apfel her- 
vor und zeigte ihn ihr. Seit dieser Zeit trat eine merkliche Trennung 
zwischen den beiden Gatten ein, während Paulinus dem Argwohn des 
Kaisers unwiderruflich verfiel. So weit der Chronist. 

Nachdem nun einmal das Mifstrauen in dem schwachen Kaiser 
gegen Gattin und Freund erregt worden war, liefs die Gegenpartei, 
in deren Hände er jetzt völlig wieder geriet, ihn nicht mehr los 
und schürte das Feuer der Eifersucht in der Seele des gutmütigsten 
aller Herrscher zu einer solchen Stärke an, dafs er den Paulinus 
zunächst nach Cappadocien verbannte und endlich sogar töten 
liefs.**) Es war daher begreiflich, dafs Eudocia, welche sich mehr 
und mehr zurückgesetzt und von argwöhnischen Augen bewacht fühlte, 
das Leben am Hofe zu Constantinopel unerträglich fand und sich 



••) Chron. Pasch. 444. Joh. Mal. XIV, 

^) Theophan. Niceph. — Marcellinus Com. 440: Paullinus magister 
officiorum in Caesarea Cappadociae iubente Theodosio principe interemptus est. — 
Demgemäfs nimmt Sievers, dem ich mich anschliefse, S. 426 an, dafs Eudocia 
zwischen 437 — 440 gestürzt ist, Gregorovius S. 182 zwischen 440 — 444; Clinton 
Fast. Rom. 444, der sie noch in demselben Jahre nach Jerusalem gehen läfst. 



325 

nach einer Stätte sehnte, wo sie sich fern allem Weltgetriebe der Be- 
schaulichkeit und frommen Übungen hingeben könnte. Sie richtete 
deshalb — und das wird in den Jahren 441 — 443 geschehen sein''®) 
— die Bitte an ihren Gemahl, er möge ihr gestatten, dafs sie sich 
nach Jerusalem zurückziehe, um hier den Rest ihres Lebens zu ver- 
bringen. Nachdem einmal das zarte Band der Liebe, welche allein 
diese beiden Herzen zusammengeführt hatte, so jäh zerrissen war, 
konnte Theodosius keine Veranlassung haben, die einst innig geliebte 
und jetzt ebenso glühend gehafste Frau bei sich zurückzuhalten. 

So zog denn Eudocia wenige Jahre, nachdem sie zum ersten 
Male die heilige Stadt aufgesucht hatte, von neuem''*) dorthin, um 
ihren bleibenden Wohnsitz dort aufzuschlagen. Aber welch' ein Unter- 
schied zwischen damals und jetzt! Damals eine glückliche Mutter 
und Gemahlin des Gebieters des oströmischen Reichs, jetzt eine frei- 
willig verbannte und unter dem Verdachte des Ehebruchs stehende 
Frau! Doch wurden ihr von Theodosius die kaiserlichen Ehren ge- 
lassen und reichliche Mittel zur Verfügung gestellt ''2), welche ihr nicht 
nur ermöglichten einen angemessenen Hausstand in Jerusalem zu führen, 
sondern auch die Stadt mit wohlthätigen und nützlichen Bauwerken 
zu schmücken''^), zu denen sie vielleicht auf der ersten Reise schon 
den Grund gelegt hatte. Aber auch in Aelia, so weit es auch von 
Constantinopel lag, war sie den Späherblicken geheimer Hofspione 
ausgesetzt, welche von ihrem Leben und Treiben dem Kaiser ein so 
abschreckendes Bild entwarfen, dafs er im Jahre 444*^*) in neuerwachter 
Eifersucht den Presbyter Severus und den Diacon Johannes, welche 
schon in Constantinopel von Eudocia begünstigt waren, durch den 
Befehlshaber seiner Leibwache Saturninus in Jerusalem umbringen liefs. 
Doch blieb diese That nicht ungerächt, denn Eudocia, in deren Seele 
ebenfalls neben der Liebe der Hafs und neben der Sanftmut die 
Rachsucht schlummerten, ruhte nicht eher, als bis auch Saturninus''^) 

'^^) Theophan. zu 440. nimmt auch an, dafs zwischen Paullinus Tod und 
Eudocias Abreise noch einige Zeit verstrichen sei. Vgl. Gregorovius S. 183—187. 
Sievers S. 463. 

■'i) Euagrius T. 21. spricht sich über die Veranlassung aus: xal otov X^Q^'^ 
i^TS TiQWTOzvTiwg Sg (paai ßovkofisvrj , zolq ioTOQrjaaai xaraktjTtreov, ei xal 
IJLri dkrjd'i'Zsod'ai (.iol Soxovaiv; doch nennt Marc. Com. die Eudocia bereits 
moecha. 

72) Vgl. Gregorovius S. 188 ff. 

■'3) Euagrius I. 21 und 22. Cedren a. a. O. Nicephorus XIV. 50. Vgl. 
Gregorovius S. 250. 

■'*) Marcell. Com. 444. Priscus frg. 8. Theoph. und Cedren a. a. O. 

'*) Es ist ein Irrtum von Gregorovius S. 191, wenn er meint, dieser Satur- 
ninus habe sich im Kriege mit Gainas bereits einen Namen gemacht. Denn der 



3^6 

durch bezahlte Schergen oder in einem Aufstande der zahlreichen 
Mönche in Aelia — wer vermag es zu sagen? — das Leben verlor. 

In Constantinopel hatte ihr Sturz und Fortgang Pulcheria und 
die orthodoxe Partei ans Ruder gebracht, welcher natürlich der poesie- 
liebende Präfekt Kyros mit seiner offen ausgesprochenen Schwärmerei 
für die Dichter der alten Welt ein Dom im Auge war. Er war zwar 
noch Ende des Jahres 441 in seinem Amte''*), aber seit dieser Zeit 
verschwindet sein Name aus den öffentlichen Akten, denn seine Hin- 
neigung zu den Erzeugnissen der heidnischen Literatur mufsten ihn 
einem Kaiser verdächtig und unlieb machen, dessen ganzes Leben 
fast den Beschäftigungen der Geistlichen und Mönche gewidmet war ; 
auch jener Zuruf des Cirkus mochte diesem nicht gefallen, und so traf 
denn den Kyros das Los so vieler in Mifsgunst gefallener Beamten, 
er wurde seiner Ämter und Güter beraubt und zum Geistlichen be- 
stimmt.'''') Als Bischof von Cotyaeum in Phrygien soll er noch bis 
zu der Zeit des Kaisers Leo in Frieden und unbehelligt von weiteren 
Zeichen kaiserlicher Ungnade gelebt haben. 

So endete die unter so sonderbaren Umständen entstandene 
Neigung des oströmischen Kaisers zu der Tochter eines Professors 
der Sophistik, und die Verbindung des orthodoxen Christentums mit 
dem übertünchten Heidentum auf dem Throne hatte sich als unmög- 
lich herausgestellt, denn schliefslich brachte doch nur der Gegensatz 
der geistigen Richtung Eudocias zu der am Hofe herrschenden streng- 
christlichen die Kaiserin zu Falle und zeigte auch an ihrem Beispiele, 
wie an dem der Kriemhild, wie — „liebe mit leide ze iungest lönen kann." 



in der Geschichte des Gothenaufstandes genannte Saturnin war schon damals ein 
älterer Mann, der 382 die letzten Gothen besiegt und 383 das Consulat bekleidet 
hatte. Noch weniger würde er 444 in der Würde eines Comes dorn, gewesen 
sein. Vgl. Richter das Westr. Reich S. 585. Ifl. S. 89. Zur Thatsache vgl. 
Gregorovius S. 190 ff. 

^ö) Cod. Just. I. 55, 10. 8. Aug. 

*") Joh. Mal. Chron. Pasch. Suidas v. Oeodooioc und KvQoq. Vgl. 
Gregorovius S. 196 ff. 



3^7 



Siebentes Kapitel. 

Die Beziehungen der Hunnen seit ihrem ersten Auftreten in Europa zu Ost- und 
West -Rom bis zum Tode des Rua. — Der Schwerpunkt ihrer Macht rückt all- 
mählich bis in das heutige Ungarn vor. — In wiefern entsprach dieses den Lebens- 
gewohnheiten der Hunnen? — Attila und Bleda» Ruas Nachfolger. — Äufseres 
und Charakter Attilas. — Sein Verhältnis zu Aetius und Gaiserich. — Austrag 
des Streites zwischen Ostrom und Rua. — Gaiserich erobert Africa und greift 
Italien an. — Die Hülfesendung Ostroms. — Einfall der Perser, Sarrazenen, 
Hunnen von Osten, Attilas und Bledas von Norden. — Eroberung der Donau- 
kastelle und Verwüstung Thraciens. — Friede 443. — Ereignisse in Ostrom von 
443 — 447« — Zweiter Raubzug Attilas, Alleinherrschers der Hunnen. — Die 
Friedensbedingungen. — Die Gesandtschaftsreise des Priscus. — Letzte Be- 
ziehungen des Theodosius zu Attila. 

Auf den Gang der politischen Ereignisse hatten diese Wandlungen 
am Hofe keinen Einflufs, doch waren jene nicht minder betrübend und 
nahmen von Jahr zu Jahr einen bedrohlicheren Charakter an. Denn 
wenn auch seit dem Beginn der ostwestlichen Völkerbewegung, welche 
man die Völkerwanderung nennt, zahlreiche Feinde dem römischen 
Namen erstanden waren, die Westgothen im Ostreich und nach der Wende 
des Jahrhunderts im Occident, Greothungen, Carpodaken, Skiren zu 
den verschiedensten Zeiten im Orient, Sueven, Alanen, Vandalen im 
Westreich, zu denen sich in den letzten Jahren auch die Franken 
und Burgunder gesellt hatten, so erfolgten doch ihre Angriffe nicht 
gemeinsam und erschütterten von allen Seiten die Grenzen des 
mächtigen Kolosses, der allmählich in seinen Grundfesten zu erzittern 
begann. Erst dem letzten Jahrzehnt der Regierung des Theodosius 
vielmehr blieb es vorbehalten, gemeinsame Operationen der Feinde 
des Römerreichs hervorzurufen, welche auch den oströmischen Kaiser 
in so verzweifelte Lagen brachten, dafs selbst ein anderer als der 
schwache Theodosius in ihnen den Kopf verloren hätte. Diejenigen 
Völker aber, von denen diese Angriffe ausgingen, waren die Vandalen 
und Hunnen, von denen die ersteren, wie wir sahen, infolge der 
Eifersucht zwischen Bonifacius und Aetius nach Africa übergesetzt 
waren und diese reiche Provinz zum grofsen Teil erobert hatten, während 
wir bisher nur hin und wieder Veranlassung hatten den Hunnen 
unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. 

Denn diese traten nicht, wie man nach dem ersten Ansturm 
ihrer Reiterscharen durch die kaspische Pforte erwarten sollte, auch 
in den nächsten Jahren nach diesem welthistorischen Ereignisse in 
den Vordergrund der politischen Erwägungen und kriegerischen Vor- 



328 

sichtsmafsregeln für das römische Reich, sondern nur vorübergehend 
erheischen sie die Abwehr und waren vielmehr meistens freundliche 
und dienstwillige Nachbarn, i) So erschienen sie im Kampfe der West- 
gothen unter Fritigern^) gegen Valens neben den Alanen als beute- 
lüsterne Hülfsvölker und mufsten nebst Carpodaken und Skiren von 
Theodosius I. 38 1 ^) über den Ister zurückgeschlagen werden ; 395 be- 
nutzten sie die Wirren nach Theodosius Tod und fielen durch die 
kaucasischen Pässe verheerend in Klein- Asien ein*), endlich waren sie 
auch im Gefolge Athaulfs (409) Gegner der Weströmer.^) Anderer- 
seits dienten sie dem Stilicho^) gegen Rhadagais, dem Honorius*^) 
gegen Alarich, und ein Hunnen fürst Uldes war es, der dem Gainas 
den Garaus machte und seinen Kopf nach Constantinopel sandte; doch 
mufste ebenderselbe 409, als er mit den Skiren zusammen in Thracien 
plünderte, von den Feldherm des Anthemius blutig über die Donau 
zurückgewiesen werden. 

Gleichwohl wäre es verfehlt, aus ihrer mehr sekundären Teil- 
nahme an den grofsen Ereignissen der Zeit auf ein Zurückgehen ihrer 
Macht zu schliefsen; denn diese sowohl wie die Ausdehnung ihrer 
Herrschaft war im Gegenteil in stetem Wachstum begriffen. Zwar 
weist ihr Auftreten in Armenien 395 und die Gesandtschaftsreise 
des Geschichtsschreibers Olympiodor (412) zu Wasser 8) darauf hin, 
dafs der Hauptsitz der Hunnen noch nördlich des Pontus sich 
befand, aber es wäre falsch daraus zu folgern, dafs sie nicht auch 
inzwischen westwärts vorgedrungen waren. Das beweist, wenngleich 
die Nachricht zweier Chronisten 9) , dafs die Hunnen fünfzig Jahre 
vor 427 Pannonien in Besitz genommen hätten, entschieden zurück- 
zuweisen ist, schon nicht nur der fortwährende Zuzug hunnischer 
Hülfstruppen und der Feldzug des Uldes, sondern mehr noch das 



*) Vgl. zu diesem Abschnitt die eingehende Abhandlung von Haage 
Geschichte Attilas. Progr. Celle 1862 und v. Wietersheim S. 217 ff. 

*) Ammian XXXI. 8, 3. und 16, 3: At Gothi Hunis Halanisque permixti 
nimium bellicosis et fortibus rerumque asperarum difiicultatibus induratis quos 
miris praemiorum illecebris sibi sociarat sollertia Fritigerni. 

3) Zosim. IV. 34 ; doch folgt nicht aus c. 22., dafs die Hunnen bereits am 
jenseitigen Ufer des Ister safsen. v. Wietersheim S. 2 1 7 und 2 1 8 (vgl. Tillem. VI. 
S- 373) bezieht das frgm. 28 des Priscus auf die Zeit Theodos. I. ; doch schon 
Dahn bekämpft diese Ansicht a. a. O. 

*) Claud. in Ruf. II. 28fr. Socrat. VI. i., Sozom. VIII. i. 

*) Zos. V. 37. 45. 

*) V. 26. Orosius. ed. Zangemeister VII. 37, 12. 

') Zos. V. 50. 

■) Olymp, frgm. 18. 

*) Marcell. Com. Jordan, c. 32. 



329 

Vorwärtsdrängen der Westgothen unter Alarich und vor allem der plötz- 
liche Einfall des Rhadagais über die Alpen. Waren die Hunnen nun die 
Henen der grofsen südrussischen Steppe, Rumäniens und Ungarns bis 
zur Donau und aller in diesen Gegenden zurückgebliebenen Völker, 
von denen die Ostgothen jetzt am westlichsten safsen, so müfs ihr 
seltenes Hervortreten darin seinen Grund haben, dafs ihre Stämme 
nicht unter einem Herrscher geeinigt waren, sondern mehreren Fürsten 
gehorchten, eine Thatsache, welche aus einer kurzen Bemerkung des 
Olympiodor klar erhellt *®), aus der wir zugleich ersehen, dafs der Ein- 
flufs Ostroms auf die Südküste des pontischen Meeres damals noch 
nicht erloschen war. 

Diese Verhältnisse hatten auch noch im zweiten Decennium des 
fünften Jahrhunderts statt, da wir Grund haben anzunehmen, dafs damals 
mehrere Brüder neben einander über die weit verzweigten hunnischen 
Völker geboten; Rua, Octar, Mundzuc und Oebarsius.^^) Von ihnen 
war offenbar Rua, den andere Schriftsteller auch Roas, Rugila, Ruga 
und Roilus nennen, der bedeutendste, da alle Nachrichten, welche wir 
aus dieser Zeit besitzen, sich auf ihn beziehen: Bei ihm war Aetius 
wahrscheinlich als Geisel und lernte den etwa gleichaltrigen Attila 
kennen, zu ihm eilte ebenderselbe, um dem Tyrannen Johannes Hülfs- 
truppen zuzuführen, zu ihm floh er 432, als er den Bonifacius be- 
seitigt hatte, und erlangte durch seine Vermittelung den erwünschten 
Frieden mit Placidia, welcher dem Occident ein Stück Pannoniens an 
der Save kostete.^ ^j Aber auch den Oströmern war Rua bereits ein 
gewichtiger Faktor, mit dem sie zu rechnen hatten, denn er empfing ^^) 
von ihnen bereits einen Tribut von 350 Pfd. (315000 Mk.), und als 
die Römer Flüchtlinge der am Ister wohnenden Amilzuren, Itimaren, 
Tonosuren, Boisken *4) und anderer Völker bei sich auf und in ihre 
Dienste genommen hatten, drohte er mit dem Abbruch der friedlichen 
Beziehungen, welchen eine Gesandtschaft verhindern sollte. Da starb 
er im Jahre 434 ^^) und hinterliefs bei seinem Tode kein namenloses 



10) frgra. 18. Vgl. Haage S. 4. v. Wietersheim S. 219. 

") Zu Oktar vgl. Jord. c. 35. und Socr. VII. 30., zu Oebarsius Priscus 
frgm. 8. — V. Wietersheim S. 220. 

'*) Vgl. Haage S. 4. v. Wietersheim S. 220 — 222. Zu den Namen vgl. 
Socr. VII. 43. Theodoret V. 37. 

13) Priscus. frgm. i. 

^*) Vgl. zu den Namen Jord. c. 5.: gens Acatzirorum fortissima, frugum 
ignara, quae pecoribus et venationibus victitat. und cap. 24. 

^B) Tiro Prosper. 434 : Rugila rex Chunnorum cum quo pax firmata moritur, 
cui Bleda successit. 



330 

Volk mehr, sondern unter seiner kräftigen Regierung und umsichtigen 
Leitung war die Hunnenmacht aus ihrer Abgeschiedenheit herausge- 
treten und fing an sich in die politischen Händel der damaligen Welt 
zu mischen. Ein geistesverwandter Nachfolger hatte es daher leicht 
das von Rua begonnene Werk fortzusetzen. 

Doch bevor wir daran gehen zu erörtern, wer auf Rua folgte 
und wie seine Pläne durchgeführt und erweitert wurden, müssen wir 
konstatieren, dafs, während im Anfang des Jahrhunderts die Haupt- 
macht der hunnischen Herrschaft sich noch im Norden des schwarzen 
Meeres befand, sie unter Rua endgiltig ihren Sitz diesseits der Karpathen 
in dem heutigen Magyarenlande aufgeschlagen hatte. Und in 
der That waren diese Gegenden die einzigen des europäischen Erd- 
teils, welche aufser den südrussischen Steppen den Lebensbedingungen 
der Hunnen allseitig entsprachen. Denn, wenn sie gewohnt waren den 
Blick über unermefsliche Flächen ungehemmt durch irgendwelche Boden- 
anschwellungen schweifen zu lassen, hier zwischen Donau und Theiss 
und jenseits der letzteren fanden sie ebendieselben Sandsteppen, welche 
sich in dem ungarischen Mesopotamien nirgends über 30 m erheben. 
Glühte ihnen in den pontischen Steppen im Sommer bei mehr als 
24 ®/q C.^6) der Boden unter den Füfsen wie in Africa, die Pufsten Ungarns, 
wasser- und baumlos, standen diesen wenig darin nach, denn auch Ofen 
geniefst einen Juli von 22,4% C. Mittel wärme; in der öden pontisch- 
kaspischen Steppe sinkt im Winter die Temperatur bisweilen auf — 30^* C, 
während der Januar gewöhnlich nur — 6,4 ^/q C. aufzuweisen pflegt, kaum 
geringer aber sind die Temperaturschwankungen in der Pufsta, wenn 
auch Ofen nur einen Januar von — i ,4 ^Jq C, hat ; dagegen stimmen 
diese Gegenden in Bezug auf den Niederschlag fast völlig überein, 
denn das südliche Rufsland ohne eine beträchtliche Bodenerhebung 
vermag die feuchten Wolken nicht zur Condensienng ihres Wasser- 
dampfes zu bringen und hat trotz der grofsen Sommerwärme nur 
einen mittleren Niederschlag von 489mm. In Ungarn entziehen 
die hohen Gebirge, welche es im N., O. und S. wie eine Mauer um- 
wallen, den Wolken den gröfsten Teil des Feuchtigkeitsgehaltes und 
lassen diesem Lande ebenfalls nur einen mittleren Niederschlag von 
452 mm zukommen. Aber auch die Flüsse, welche aufser der tückischen 
fischreichen Theiss träge dahinfliefsen : Donau, Szamos, Korps, Maros 
und Temes, vermögen durch ihren Wassergehalt den Steppen keine 
gröfsere Feuchtigkeit und damit eine freundlichere Pflanzenphysiognomie 



**) Vgl. zu diesen Angaben Allgemeine Erdkunde von Han, v. Hoch- 
stetter und Pokorny S. 44 und 77. 



331 

zu geben, da ihre Ufer vielfach zu Sumpf- und Moor geworden sind 
und den Anwohnern miasmatische Lüfte zuführen. 

Bei einer solchen Bodenbeschaffenheit ist Ungarn von jeher vor- 
wiegend ein Land der Viehzucht gewesen, auf dem seit den ältesten 
Zeiten stets ein Reitervolk hauste, das mit seinen Rossen wie verwachsen 
war und mit Geringschätzung auf alle die herabsah, die nicht beritten 
waren. Und ein solches Volk waren eben auch die Hunnen*''), auch 
sie waren nirgends besser zu Hause als auf ihren flinken Steppen- 
pferden» und es gab kaum eine Beschäftigung, welche sie nicht auf 
ihnen zu verrichten pflegten; daher sagt ein alter Bericht von ihnen: 
„Die Hunnen wissen nicht zu gehen und schwanken hin und her, 
denn ohne Pferd möchte ein Hunne die Erde nicht berühren." *^) 
Aber nicht nur für die Rosse boten die weiten Steppen unermefsliches 
Weideland, sondern auch für die Nahrung und Kleidung spendenden 
Haustiere: Rind, Schaf, Ziege und Schwein; auf deren Vorhandensein 
wir, wenn es uns auch nicht bestimmt berichtet wäre^^), schon daraus 
schliefsen können, dafs noch heute Ungarn im Verhältnis zu dem 
mehr als doppelt so umfangreichen deutschen Reich an diesen Tieren 
ungleich reicher ist. Denn während das deutsche Reich 3352000 
Pferde^o), 15 777 000 Stück Hornvieh, 25000000 Schafe, 7124000 
Schweine zählt, belaufen sich in dem nicht halbsogrofsen Ungarn 
dieselben Bestände auf 2179000 Pferde, 5279000 Stück Hornvieh, 
15076000 Schafe, 4 443 000 Schweine und übertreffen somit in Bezug 
auf die Zahl der Pferde und Schweine das deutsche Reich im Verhältnis 
zum Flächeninhalt um ein Bedeutendes. Aber eine ausgedehnte Vieh- 
zucht hat von jeher das enge Zusammenleben der Völker, die sie zu 
treiben genötigt waren, gehindert, da sie naturgemäfs bei der Aus- 
dehnung des Weidelandes, welches die Erhaltung des Viehes erfordert, 
auf weitem Raum nur wenigen Heerdenbesitzer den Unterhalt gewährt, 
deshalb steht das heutige Ungarn bei seinen 26,2 <^/q des Areals an 
Wiesest) in Bezug auf Volksdichtigkeit weit zurück und erreicht kaum 
mit seinen 2 702 pro nMl. die halbe Höhe derjenigen Italiens; noch 
weniger dicht aber können die Steppen zur Zeit der Hunnen bevölkert 
gewesen sein, zumal sie sicherlich mehr als die heutigen Bewohner 



^^) Ihre Charakteristik bei Ammian XXXI. 2. und Jordanis c. 24. Vgl. 
V. Wietersheim S. 27flF. 

*8) Suidas V. axQoa<paXeXq und Hieronymus ep. 60, 17. 

*°) Vgl. Müller frgm. hist. Graec. S. 80, wo den Gesandten eine Kuh und 
Flufsfische gebracht werden, und S. 92fF. , wo von viererlei Fleischspeisen die 
Rede ist. 

**) Statist. Skizze der europ. Staaten v. Brachelli 1881 S. 60 und 7. 

2») Deutsches Reich 19,5%. Vgl. a. a. O. S. 5 und 58. 



332 

des Landes Viehzucht trieben, während das moderne Magyarenland 
allein 33,7^/0 seines Flächeninhalts auf den Anbau des Brotkoms 
verwendet^!*) Indes läfst sich nicht annehmen 22), dafs die wunderbare 
Fruchtbarkeit des den Steppen aufgelagerten Lössbodens, insbesondere 
im südlichen Teil zwischen Theiss, Donau und Maros, und seine 
Produktionskraft in Beziehung auf den Getreidebau 23) den Hunnen 
entgangen sei, da sie das Land von ackerbautreibenden Völkern be- 
wohnt fanden. 

Aber aus der Bodenbeschaffenheit, welche sich bei keinem Lande, 
es sei denn, dafs plötzlich eintretende Naturereignisse mitwirkten, in 
vierzehn Jahrhunderten in bemerkenswerter Weise verändern kann 24), 
erklären sich noch manche andere Eigentümlichkeiten jenes Mongolen- 
volkes: Das Wechsel volle Klima des ungarischen Steppenlandes erlaubte 
den Hunnen ihre aus der Urheimat mitgebrachte Bekleidungsart 2*): 
über linnenem Unterkleid ein Mantel fest aneinandergenähter Tierfelle, 
auf dem Kopfe ein Lederhelm und um die haarigen Beine Bocksfelle, 
beizubehalten, denn auch hier schützte das dichte Oberkleid im Winter 
gegen die strenge Kälte, im Sommer gegen die Folgen schneller Ab- 
kühlung. Die nahrungspendende Erde lieferte ihnen auch hier Brot- 
korn und vor allem das Fleisch des Herdenviehes, das sie vorwiegend 
zu geniefsen pflegten. Der ihnen innewohnenden Lust zum Umher- 
ziehen brauchten sie anfangs auch hier keinen Zügel anzulegen, sondern 
die Steppe gestattete ihnen mit ihren Filzhütten zu wandern, wohin 
es ihnen gefiel; wenn auch allmählich die Begrenztheit Ungarns und 
seines Weidelandes sie feste Wohnsitze für Weiber, Kinder, die Unter- 
worfenen und Kriegsgefangenen, welche ihnen das Vieh hüteten und 
den Boden bestellten, zu nehmen zwang. Aber auch dann blieben 
sie die freien Söhne der Steppe, ferchten sich nicht eng wie die 



21a) Ebend. S. 5. 

^) Allerdings berichtet Ammian a. a. O., die Hunnen kannten den Acker- 
bau überhaupt nicht; es geht aber aus Priscus frgm. 8. Müller IV. S. 83 unzweifel- 
haft hervor, dafs auch damals in Ungarn Hirse und Gerste gebaut wurde. Vgl. 
Kiepert S. 333 und Jung Rom. und Romanen in den deutsch. Donauländern 
S. 146 und 181 ff. 

23) Das heutige Ungarn hat an Weizen und Mais eine so ergiebige Ernte, 
dafs Deutschland im Verhältnis weit hinter ihm zurückbleibt: 

Ungarn Deutsches Reich 

Weizen 27 Mill. Hect. 41,6 

Mais 27 „ „ 0,2 

Brachelli S. 6 und 60. 

2*) Abgesehen von saecularer Hebung und Senkung an den Küsten des 
Meeres. 

") Ammian XXXI. 2, 5 und 6. 



333 

Römer und Griechen in schmalen Strafsen an einander und zogen 
sich vorsichtig hinter Mauer und Wall zurück, sondern sie lebten .in 
weit sich hinziehenden offenen Dörfern ■'^<*), wie sie dieser Steppe ewig 
eigen bleiben und sie die Avaren nachmals hatten und die Magyaren 
heute genau ebenso haben. Da femer die Steppe in ihrem Boden 
kein Baumaterial lieferte 2^), sb waren sie froh aus leichtem Holz schnell 
gezimmerte Hütten herzustellen, und nur die Wohnungen des Herrschers 
uud der Grofsen zeigten die Schnitzkunst fremder Bauleute. 

Die innigen Beziehungen der Bodenbeschaffenheit aber zum Leben 
eines Volkes geben uns endlich noch einen wichtigen Hinweis zur 
Erklärung der zukünftigen Unternehmungen der Hunnen, denn es ist 
klar, dafs sie bei den Anforderungen, welche sie an die Länder, die 
sie bewohnten, ihrer Herkunft und Sitte nach stellten, in dem ganzen 
europäischen Erdteil keine anderen Gegenden finden konnten, 
welche jenen entsprachen, sondern hier in Ungarn war ihnen gen 
Süden und Westen von der Natur selbst ein Damm entgegengestellt, 
den sie wohl zeitweise, aber nie dauernd überschreiten konnten.*-^^") 
Sie würden nie, indem wir von den Vandalen in Afrika absehen, wie 
die Westgothen es thaten, vermocht haben in einer der drei südlichen 
Halbinseln des Mittelmeers sich für immer nieder zu lassen, denn jene 
wollten sefshaft sein und Ackerbau treiben , den Hunnen dagegen 
wären in jenen Gebieten die Lebensadern unterbunden worden, und 
sie wären elendig zu gründe gegangen. Da sie das aber selbst fühlten, 
gingen ihre Absichten auch unter dem gewaltigen Nachfolger Ruas 
nicht darauf aus, jenseits der ungarischen Steppe auf der Balkanhalb- 
insel mit ihren mäfsigen Ebenen und ihrer (im Süden) gleichmäfsigen 
Temperatur oder in Germanien und Gallien neue Wohnsitze zu suchen, 
sondern Raubgier und den Schrecken des hunnischen Namens immer 
weiter zu tragen und neue Völker seinem Scepter botraäfsig zu machen 
— das waren die Triebfedern zu denjenigen Zügen, welche demnächst 
von dem Hunnenkönig zu berichten sind. 

Auf Rua folgten im Jahre 434 seine Neffen Attila und Bleda, 
die Söhne des Mundzuc oder Mundiuch^s), doch ist schwer zu ent- 



25a) Vgl. zu diesen Ausf. die tiefsinnigen Gedanken C. Ritter *s in Europa, 
Vorlesungen ed. Daniel. S. loff. 

*<*) Hierüber giebt der Gesandtschaftsbericht des Priscus frgm. 8. die an- 
schaulichste Darstellung. 

5") Ebend. Müller S. 85. 

**) Prise, frgm. i a. E. (Vgl. Haage S. 5.) und Jordanis c. 35. Vgl. Prise, 
frgm. 12. 



334 

scheiden, wer von ihnen der ältere war.^ö) Eben so wenig läfst sich 
mit Bestimmtheit sagen, mit welchem Rechte sie die Erbschaft des 
Oheims antraten, ob dieser keine eigenen Söhne hatte, was bei der 
Vielweiberei, welcher die Hunnen huldigten, kaum anzunehmen ist, 
oder ob, wie es bei Hirten- und Jägerstämmen häufig vorkommt ^^), 
die individuelle Tüchtigkeit den Rechten des Blutes voranging. Aber 
die Persönlichkeit des Bleda ist durch diejenige des Attila so in den 
Schatten gestellt worden — ein Zug, den sich die Sage im Nibelungen- 
liede^*) nicht hat entgehen lassen — , dafs wir von ihm nur wenig 
wissen, obwohl er über einen grofsen Teil 3^) der hunnischen Völker 
gebot. 

Und in der That, nicht nur die Schilderungen der Zeitgenossen, 
sondern auch alle Züge und Thaten, welche uns von Attila erhalten 
sind, weisen daraufhin, dafs er ein aufsergewöhnlicher Mensch und 
mit den Gaben eines Herrschers und Eroberers freigebig von der 
Natur ausgestattet war.33) Freilich im Äufseren glich er auf den 
ersten Blick seinen mongolischen Stanunesgenossen auf ein Haar; 
eine kurze, gedrungene Gestalt mit breiter Brust, massigem Kopfe, 
kleinen Augen, spärlichem Bartwuchs, plattgedrückter Nase, häfslicher 
Gesichtsfarbe; aber alle diese Merkmale traten bei ihm zurück, wenn 
er hochaufgerichtet einherging und die Augen beobachtend hier- und 
dorthin herumschweifen ^4) liefs, dann erschien er als der geborene 
Herrscher. Als solcher liebte er wohl den Krieg als Mittel der Be- 
reicherung und Beschäftigung seiner Volksgenossen, aber mehr denn 
mit den Waffen des Krieges zog er es vor, die Schärfe seines Geistes 
in der Durchdringung der Absichten anderer und der Gruppierung der 
politischen Faktoren seiner Zeit zu erproben; sein Stolz liefs ihn end- 
lich gnädig gegen die Hülfeflehenden und treu gegen die sein, welche 
seinem Worte vertraut hatten. Aber diese Eigenschaften allein hätten 
ihn nicht zum Schrecken seiner Feinde und zum Liebling der Sage^^) 



8*) Haage S. 5 halt Attila für den älteren, v. Wietersheim S. 224 den Bleda. 
Vgl. Theoph. zu 442, der Bleda ebenfalls als den älteren bezeichnet. 

30) Vgl. O. Peschels's Völkerkunde S. 252. 

'*) ed. Bartsch Str. 1346 erscheint Blödel in Etzels Gefolge; 1906 — 1909 
läfst er sich durch die Aussicht Nuodunges w!p zu gewinnen von Krimhild zum 
Mord der Gäste bewegen. Vgl. v. Wietersheim S. 270. 

M) Vgl. Prosp. Aquit. 444. 

33) Jordan, c. 35. Vgl. Haage S. 6. v. Wietersheim S. 267 ff. 

34) Vgl. Priscus bei Müller S. 89. 

3*) In der Edda (ed. Sirarock. Vgl. bes. 11. 18 und 19 : Atlakvidha und 
Atlamäe. S. 246 ff.) und dem Nibelungenliede hat aber Attila nichts von dem. 
Gewaltigen an sich, welches ihm die Zeitgenossen zuweisen, sondern er erscheint 



335 

und Legende gemacht, wenn nicht sein ganzes Wesen durch den grofsen 
Zug, welcher durch alle seine Unternehmungen hindurchweht, geadelt 
und gehoben wäre, und nur deshalb, weil er in allen Händeln seiner 
Zeit seine Hand im Spiele hat, schlau die Kräfte gegen einander ob- 
wägt und das römische Reich nicht nur von Norden her erdrücken, 
sondern auch von Osten über den Kaukasus her und im Bunde mit 
den südlichen Reichsfeinden auch von der Seeseite her umspannen 
will, und diesen Plänen den Versuch der Ausführung folgen läfst, 
darum hat er nicht aufgehört in Geschichte, Sage und Legende fort- 
zuleben und hat alle seine Zeitgenossen aufser Aetius und Gaiserich 
in den Hintergrund gedrängt. 

Und zum Unglück für das oströmische Reich wufste Attila, 
so lange Theodosius IL regierte, mit diesen beiden ihm ebenbürtigen 
Männern ununterbrochene Freundschaft zu bewahren, denn mit Aetius, 
welchen er gewifs als Geisel bereits schätzen gelernt und später mehr- 
mals am Hofe des Rua gesehen hatte, blieb er auch nach dem Tode 
desselben in friedlichen Beziehungen, von deren Herzlichkeit die Ge- 
schenke, welche sie sich gegenseitig machten, Zeugnis ablegen: Aetius 
sandte dem ungelehrten Hunnenkönige geschäftskundige Schreiber ^6), 
welche die in lateinischer Sprache abgefafsten Traktate aufsetzten und 
verdolmetschten, und seinen Sohn Carpilio als Geisel 37), Attila dagegen 
schenkte dem berühmten römischen Feldherm später den Spafsmacher 
seines Bruders Zercon^s) als Zeichen seines Wohlwollens und liefs eine 
Schar seiner Krieger als Hülfskorps zu Aetius stofsen, welche diesem m 
seinen oben erwähnten gallischen Kämpfen die wichtigsten Dienste 
leisteten.39) Es zeugt von der Gewandtheit der Mafsnahmen Attilas, 
welchem sein Bruder Bleda zunächst noch immer zur Seite stand, 
dafs es ihm, während er sich gegen Ostrom fortgesetzt feindlich 
verhielt, gelang mit Westrom in Frieden und Freundschaft zu bleiben *<^), 

hier nur passiv und tritt gegen die vor nichts zurückschreckende Krimhild 
in den Hintergrund. Dagegen wird auch hier sein Hof und die Ausdehnung 
seiner Herrschaft in den glänzendsten Farben geschildert, vgl. Nibelungenlied 
XX. 1262. XXI. 1334 und 1335. XXn. 1338. Aufserdem Klemm, Attila nach 
Geschichte, Sage und Legende. Leipzig 1827. S. 142 — 157. G. Lange, Unters, 
über die Gesch. und das Verhältn. der nord. und deutschen Heldensage 1832. 
§. 320 ff. V. Wietersheim S. 270. — In der Legende erscheint er als die Geisel 
Gottes, die Strafrute des Himmels für die entarteten Christen. Vgl. Klemm 
S. 158—163. v. Wietersheim S. 269. 

3C) Priscus frgm. 8. (Müller S. 84.) Vgl. Haage S. 18 und 19. 

37) Ebend. S. 81. 

'*) S. 92 und frgm. il. Suidas v. ZSQXWV. 

39) Vgl. v. Wietersheim S. 211. Haage S. 12 und 13. 

^) Vgl. Haage S. 26. 



336 

obwohl gerade unter der Regierung des Theodosius der Gedanke der 
Reichseinheit des römischen Gebiets nicht nur offiziell gepflegt, sondern 
auch durch die mehrfachen Hülfeleistungen des oströmischen Kaisers 
lebhaft bethätigt wurde. Man sollte daher annehmen, dafs, was dem 
einen Reichsteil an Schaden von Attila zugefügt wurde, auch in dem 
andern als solcher empfunden wurde, indes die gefährdete I^age, in 
der sich, das weströmische Reich bei der Abwehr seiner zahlreichen 
Feinde unaufhörlich befand, liefsen dasselbe die Hülfe der Hunnen 
dankbar annehmen und Attila ehren. 

Auch zeigten sich die Hunnenkönige bis zum Jahre 441, so weit 
wir sehen können, Ostrom gegenüber noch mäfsig, obgleich schon 
damals ihre unersättliche Goldgier die Erhöhung des Rua gewährten 
Tributs verlangte und die Forderung, welche fortan in allen Unter- 
handlungen mit den Hunnen typisch ist, die entflohenen Kriegsgefangenen 
oder Unterthanen auszuliefern, auch damals schon auftauchte. Gleich 
im Beginn ihrer Herrschaft brachte sie die unter ihrem Vorgänger 
bereits entstandene Streitigkeit mit Theodosius in Verbindung, deren 
Abschlufs durch Rua's Tod verhindert worden war. Darauf ^i) wurden 
von oströmischer Seite der Consular und General Plinthas*^) und 
der gewandte und kluge Quästor Epi genes**) mit der Abwickelung 
dieser Angelegenheit betraut und zu den Hunnen entsandt. Aufser- 
halb der Stadt Margus am Ister gegenüber dem auf rumänischer Seite 
gelegenen Kastell Constantia**) kamen die römischen Gesandten mit 
den „königlichen Scythen" zusammen, welche ihrer Sitte gemafs darauf 
bestanden, dafs die Verhandlungen zu Pferde geführt wurden. Sie 
einigten sich schliefslich dahin, dafs die Römer in Zukunft nicht nur die 
hunnischen Überläufer nicht aufnehmen, sondern auch die früheren zu- 
gleich mit den römischen Kriegsgefangenen, die ohne Lösegeld aus 
dem Hunnenlande in ihre Heimat entkommen waren, herausgeben 
sollten, es sei denn, dafs für jeden der letzteren acht solidi*^) gezahlt 
würden. Sodann dürften die Römer sich nicht mit einem barbarischen 
Volke verbünden, welches gegen die Hunnen zu Felde liege; ferner 



**) Priscus frgm. i. 

**) Plinthas war Consul 419. Vgl. Soz. VII. 17 und Marc. Com. 418; 
aufserdem Sievers S. 427. 

*3) Der NameEpigenes wird auch mit Auszeichnung unter den Editoren 
des Codex Theodosianus genannt: I. i, 6. und de Theod. Cod. auctoritate, aber 
sowohl 435 als 438 ist der hier erwähnte comes et magister scriniorum und zwar 
memoriae. 

**) Not. Dign. ed. Böcking S. 483 ff. 

•*) I solidus seit Constantin = 11,92 Mrk. Bekker-Marqardt III. 2. S. 18 
und 34. 



337 

sollte der Marktverkehr zwischen den beiden Völkern frei sein. Alle 
diese Bedingungen aber waren von der letzten abhängig, welche in 
der Verdoppelung des bisherigen Tributes von 350 Pfd. Gold 
(630 000 Mk.) bestand. Nachdem Römer und Hunnen sich gegen- 
seitig auf diesen Vertrag hin Eide gelobt hatten, trennten sie sich. 
Die Römer lieferten darauf die zu ihnen geflohenen Barbaren aus, 
unter denen auch Mama und Atacam waren, zwei Knaben aus könig- 
lichem Geschlechte, welche als Strafe für ihre Desertion den Tod durch 
Kreuzigung erlitten. Das sind die einzigen Beziehungen, welche nach 
den dürftigen Quellen der Zeit im Laufe des dritten Jahrzehntes 
zwischen Hunnen und Oströmem obwalteten. Es scheint daher bis 
zum Jahre 441 Friede an der Donau geherrscht zu haben, eine An- 
nahme, die dadurch unterstützt wird, dafs Attila und Bleda diese Zeit 
benutzten *ß), um sich alle Völker von den Karpathen bis zum kaspischen 
See zu unterwerfen und den Einflufs des Kaisers, der sich unter den 
pon tischen Stämmen noch immer geltend machte 4^), ganz zu ver- 
drängen, und erst dann traten sie wieder in den Vordergrund, als 
Ostrom durch die Bedrängnis des Occidents genötigt wurde, einen 
Teil seiner Streitkräfte dorthin zu entsenden. 

Denn nachdem einmal die Vandalen das Meer überschritten und 
in der Kunde des Schiffsbaues eigene Kenntnisse sich erworben hatten, 
fing das mittelländische Meer, auf welchem einst die Flotten der Römer 
stolz allein geherrscht hatten, an von Piraten aller Art lebendig zu 
werden, zu denen die Vandalen wahrscheinlich das gröfste Kontingent 
stellten, obwohl ihr König mit Westrom im Frieden war. Unvermutet 
landeten sie an den Gestaden der zahlreichen Inseln, besonders Siciliens^s), 
raubten die Städte und Dörfer aus und trieben selbst im östlichen 
Teil des Meeres ihr gefährliches Wesen, so dafs uns zum Jahre 438 *^) 
berichtet wird, der Seeräuber Cotradis sei mit seinen Raubgesellen 
gefangen und hingerichtet worden. Bedenklicher jedoch wurde die 
Lage des Westreiches, als Gaiserich mitten im Frieden 439 am 19. 
Oktober die Stadt Carthago»^^) eroberte, dessen Bewohner auf das 



*^) Das geht aus dem Ende des frgm. i des Priscus hervor, wo es heifst, 
dafs Attila und Bleda die scythischen Völker zu unterwerfen beabsichtigten, von 
denen die Sorosges genannt werden. Vgl. zur Sache Haage S. 15. v. Wieters- 
heim S. 223. 

*'') Vgl. Priscus frgm. 8. (Müller S. 82), Theodosius suchte sie durch 
Geschenke von Attila abzuziehen. 

*^) Prosp. Aquitanus zu 437 und 438. 

*^) Marceil. Com. vgl. Suidas v. SsoöoaiOQ. Joh. Antioch. frgm. 194. 

^) Prosp. Aquit. Marceil. Com. Idac. Chron.. Pasch. Vict. Vit. I. c, 4. 
Proscop. I. 5. Vgl. Papenkordt S. 73. v. Wietersheim S. iQOflf. Sievers S. 459. 

22 



33& 

grausamste behandelt wurden und alle ihre Kostbarkeiten dem Sieger 
ausliefern mufsten. Aber nicht sowohl diese Thatsache und die Weg- 
nahme des römischen Gebietes an der kleinen Syrte war es, was die 
Gebieter von West- und Ost -Rom mit Angst und Schrecken erfüllte, 
sondern die berechtigte Furcht, dafs der kühne und beutegierige 
Vandalenkönig, im Besitz des besten Hafens an der südlichen Küste 
des Mittelmeers, von dem aus man ebenso leicht Gibraltar wie Alexandrien 
erreichen kann, nunmehr Rom alle die Schrecknisse reichlich zurück- 
zahlen werde, welche dieses einst die phönicische Nebenbuhlerin bis 
zur Neige hatte durchkosten lassen; ja, selbst in Constantinopel fühlte 
sich Theodosius nicht sicher, sondern liefs auch die Gestade des 
Bosporus und goldenen Horns mit festen Mauern umwallen^*), während 
die Bewohner Roms wenig später alle ohne Unterschied angehalten 
wurden die schadhaft gewordenen Stadtmauern nebst Türmen und 
Thoren eiligst wiederherzustellen.^'-) 

So konnte man wohl die Hauptstadt des Reiches und die übrigen 
festen Plätze vor plötzlichen Überfällen der Vandalen schützen, aber 
der Mehrzahl der Bewohner Italiens, das wegen seiner ausgedehnten 
Längenerstreckung auch heute mehr als die beiden andern südlichen 
Halbinseln Europas eine ungemein weitgespannte Küste als Angriffs- 
linie dem Gegner darbietet, war auf diese Weise nicht zu helfen. Als 
nun Gaiserich in der That im Anfang des Jahres 440 ^3) mit zahl- 
reichen Schiffen in See ging und man in Rom noch nicht wufste, 
welche Gegend er zuerst heimsuchen werde, da gestattete Valentinian III. 
den Provinzialen , indem er ihnen das Faktum mitteilte und die nahe 
Hülfe der Oströmer und des Aetius in Aussicht stellte, ausnahmsweise 
die Waffen zu führen, um das unglückliche Volk nicht widerstandslos 
dem grimmigen Feinde auszuliefern. Gaiserich erkor sich Sicilien^^) 
und die Halbinsel Calabrien als diesmaliges Ziel seines Raubzuges, 
fand hier aber in dem Ahnherrn Cassiodors einen sehr schneidigen 
und ihm gewachsenen Gegner. ^^) 

Gleichwohl rüstete Theodosius inzwischen eine gewaltige Flotte 
aus nicht sowohl, um den Weströmern Hülfe zu bringen, deren sie 
für jetzt vielleicht nicht bedurft hätten, sondern vor allem, um dem 
Seeräuberwesen auf dem Mittelmeer überhaupt ein für alle mal ein 



**) Chron. Pasch. 439. Vgl. Hertzberg Gesch. Griechenl. III. S. 455. 
^2) Novell. Valentinians III. V. i. 2. März 440. 
M) Nov. Valent III. IX. i. 24. Juni. 

**) Prosp. Aq. 440. Idac. chron. Vgl. Papenkordt S. 75. Sievers S. 460. 
V. Wietersheim S. 192. Mascov S. 415. 
^'*) Cassiod. Var. ep. I. 4. 



339 

Ende zu machen. Denn gerade seine Unterthanen, die griechisch- 
sprechenden Oströmer, litten unter diesem Unwesen am meisten, da 
sie eben so, wie heute die Griechen und Armenier, geborene Kaufleute 
waren und ganz besonders mit der Millionenstadt Rom einen schwung- 
haften Handel betrieben, welcher ihnen den bezeichnenden 'Namen 
der „Allerweltshändler"^*) eingetragen hatte. Er zog daher nicht 
nur die verfügbaren Kriegsschiffe, welche im Mittelmeer und Pontus 
stationiert waren, zusammen, sondern nahm auch die Fahrzeuge der 
Privatleute, insbesondere die dem Getreidetransport dienenden *')^ 
für die Unternehmung in Anspruch, und hierdurch gelang es ihm 
eine Flotte von iioo Lastschiffen*^) aufzubringen, eine Zahl, wie 
sie das Mittelmeer auf einem Punkt noch nicht versammelt gesehen 
hatte. An die Spitze der zahlreichen Truppen, welche auf den Schiffen 
sich befanden, stellte Theodosius den aus dem Perserkrieg bekannten 
Areobind und die Generale Anaxilla, Germanus, Innobind und 
Arintheus.*^) Gaiserich aber, welcher inzwischen Libybaeum erobert 
hatte und Panormus belagerte, war auf die Nachricht, dafs der Schwieger- 
sohn des Bonifacius Sebastianus, ein tapferer Mann, aus Spanien nach 
Africa übergesetzt sei*<^), schnell von Sicllien dorthin zurückgekehrt 
und knüpfte, als die oströmische Flotte bei Sicilien angekommen war, 
erschreckt Unterhandlungen mit den Feldherrn an.**) 

Während diese sich in die Länge zogen, wurde das oströmische 
Reich, dessen Kemtruppen durch die sicilische Expedition aus ihren 
Garnisonen entfernt waren, von Osten und Norden an denjenigen 
Grenzen angegriffen, welche von jeher seine volle Aufmerksamkeit und 
Wachsamkeit erfordert hatten. Erwägt man nun, dafs die Ziele Attilas 
und Gaiserichs auf dasselbe hinausliefen, nämlich das römische Reich 
zu demütigen und besonders auszurauben, bedenkt man ferner, dafs die 
Hunnen zum teil noch nördlich des Pontus safsen und an der Scheide 
Asiens und Europas Nachbarn der Perser waren, welche in demselben 
Jahre (440) in Yesdeyerd IL einen neuen König erhalten hatten, so ist 



^) Von der Gröfse dieses Handels zeugt Nov. Valent. III. V. , l. 440. 
Graecos itaque negotiatores, quos pantapolas dicunt, in quibus manifesum est, 
maximam inesse multitudinem magnamque in emendis vendendisque mercibus 
diligentiam ulterius non patimur sacrae urbis habitatione secludi. Vgl. Mommsen V. 
S. 465 ff. über die Ausdehnung des syrischen Handels. 

*'^) Vielleicht bezieht sich hierauf Nov. Theod. II. VIII. 439. 

**) Theophan. 441. 

^9) Prosp. Aquit. Theophan. Zur Sache vgl. Papenkordt S. 76. Sievers 
S. 460. v. Wietersheim S. 192. 

^) Prosp. Aquit. 440. Vgl. Vict. Vitens. I. c. 6. Joh. Antioch. frgm. 194. 

ß*) Theoph. a. a. O. Prosp. Aquit. 44 1. 

22* 



340 _^ ^ 

die Vermutung ®2) nicht zu gewagt, dafs schon damals Gaiserich mit 
Attila und dieser mit Persien in Verbindung stand und dafs alle Feinde 
des römischen Namens in Norden und Osten sich zu einem gemein- 
samen Stofse auf Ostrom zusammenthaten, um ihren südlichen Bundes- 
genosseti, Gaiserich, aus seiner Notlage zu befreien. Leider aber 
gehen uns über diesen grofsen Krieg die Nachrichten höchst spärlich 
und zusammenhangslos zu : Im Jahre 44 1 fielen die Perser mit Sarrazenen 
und Zannen und die Hunnen über den Kaukasus in die östlichen Grenz- 
lande ein®3), während das Räubervolk der Isauren, welches schon 
unter Arcadius dem Reiche so viel zu schaffen machte, die allgemeine 
Bedrängnis dazu benutzte, sein altes Handwerk von neuem und unge- 
fährdet auszuüben. Gegen die Perser und ihre Verbündeten wurden 
als Feldhem die kommandierenden Generale Anatolius und Aspar 
geschickt, welchen es, wie es heifst, gelang die Feinde zu einem ein- 
jährigen Waffenstillstand zu bewegen, während dem die alten Grenz- 
verhältnisse unverändert bleiben und keine neuen Befestigungen an- 
gelegt werden sollten.®*) 

Aber bevor noch dieser Krieg zum baldigen Ende gelangte, 
führten von Norden her die Hunnenkönige Attila und Bleda mit 
unzähligen Schwärmen einen Hauptschlag gegen Theodosius, von dem 
sich die nördlichen Grenzlande, so lange Attila herrschte, nie wieder 
erholt haben.**^) Indem wir uns dabei an die Thätigkeit des Anthemius 
erinnern, wie er für die Herstellung einer kolossalen Flottenmacht auf 
der Donau östlich vom Cebrus®*) Sorge trug und die grofse Zahl der 



®*) Allerdings sagt Jordan, c. 36 erst bei Gelegenheit des Feldzuges von 
45 1 : Gizerichus — multis muneribus . . praecipitat, aber einmal ist das Zusammen- 
treffen dieser Ereignisse kaum zufällig, sodann geht aus Priscus frgm. 8. (Gespräch 
des Prise, und der weström. Gesandten) unzweifelhaft hervor, einen wie weiten Blick 
die hochgestelltesten Römer dem Attila zutrauten. Vgl. Haage S. 16. v. Wieters- 
heim S. 223. 

83) Marc. Com. vgl. Nov. Theod. II. V. 3. 441. Haage S. 9. 

8*) Marc. Com. Procop. de bello Pers. I. 2. Euagrius I. 19. Vgl. Sievers 
S. 428. S. 442. Zu Anatolius Vergangenheit und Schicksal s. ebend. S. 435 und 
436, zu Aspar S. 483 ff. 

") Prosp. Aquit. 442. Marc. Com. 441 und 442. Tiro Prosp. 445. Die 
Züge Attilas nach der Balkanhalbinsel behandelt Thierry Histoire d' Attila et 
de ses successeurs. Paris 1856. I. S. 59 — 63 ganz unzulänglich und unkritisch. 
Wie er kurze hist. Nachrichten phantasievoll auszuschmücken beliebt, zeigt seine 
Paraphrase des ersten Satzes von Priscus figm. 2. S. 59. u. a. 

**) Vgl. in der Darstellung 11. Buch. cap. I. Um die Festlegung dieser 
alten Kastelle bemühte sich bereits im vorigen Jahrhundert der Graf Marsigli 
in seinem Danubius pannonico-mysicus (17 17. 2. Bd.) und J. B. d* Anville 
Geographie ancienne. (Paris 1 769. Vgl. Niebuhr Vorl. über röm. Gesch. I. S. 76 ff.), 
in dem laufenden Mannert Geographie der Griech. und Römer. Bd. VII. S. 73. 



341 

Städte lind Kastelle ins Auge fassen, welche von Singidunum bis zur 
Istermündung die Donaulinie deckten, so mufs es billig wunder nehmen, 
wie schnell die Hunnen diese Schranke durchbrachen und in Thracien 
verheerend einfielen. Waren die Besatzungen etwa mit zum Kriege 
gegen die Vandalen verwandt und hatten auch die Wachtschiffe auf 
dem Ister eine andere Bestimmung erhalten? So mufs man annehmen, 
da man sonst vergeblich nach einer Erklärung der überraschenden 
Erfolge der Hunnen ausschaut. 

Als Vorwand den Frieden zu brechen, gaben die Hunnenkönige 
in einem Briefe an den Kaiser vor, es seien zahlreiche hunnische 
Flüchtlinge zu den Römern geflohen und der Tribut sei nicht regel- 
recht gezahlt^ß*); es möchten daher von römischer Seite Gesandte ge- 
schickt werden, sonst könnten sie, wenn die Römer zögerten oder 
zum Kriege rüsteten, ihre Krieger nicht mehr vom Angriff zurückhalten. 
Die Regierung in Constantinopel fühlte sich stark genug, die Aus- 
lieferung der Flüchtlinge zu verweigern, da sie bisher den Attila noch 
nicht als Feind kennen gelernt und seine nachdrückliche Kriegsführung 
empfunden hatte. Sie beschlofs daher zur Beilegung der Streitig- 
keiten Gesandte abzuschicken. Aber Theodosius und seine Berater hatten 
sich in ihren Gegnern schmählich getäuscht, welche die Lage, in 
welcher Ostrom durch die Expedition gegen die Vandalen sich befand, 
genau kannten und deshalb sogleich, nachdem ihnen der Beschlufs 
des Kaisers bekannt geworden war, einige Kastelle am linken Isterufer ö'') 
und das wichtige Ratiaria^'*), die Hauptstadt von Dacia Ripensis, 



bis 125 und Forbiger Handbuch der Geogr. III. Allein die Entscheidung in 
vielen Fragen hat erst F. K a n i t z gebracht, der Serbien und Bulgarien mehrfach 
bereiste und nach den verschiedensten Seiten hin durchstreifte. Die Ergebnisse 
seiner Forschungen hat er in einer Reihe von Werken niedergelegt, von denen 
hier Serbien, hist.-ethnogr. Reisestudien. Leipzig 1868 und Donau-Bulgarien 
und der Balkan 1876 am meisten interessieren. 

ß^a) Ich nehme gegen die bisherige Anordnung eine Umstellung der 
frgm. ib. 2 und 3 (bei Dindorf Hist. Graec. frgm.) vor, weil in frgm. 3 im 
Anf. als Grund zum Kriege die auch bei Attila später fortwährend auftauchende 
Forderung, die Überläufer auszuliefern, angegeben und am Ende von der Ein- 
nahme von Kastellen die Rede ist, wovon frgm. 2. wieder eingangs spricht, 
frgm. ib aber fällt in eine spätere Zeit als 3. und 2., weil die Hunnen Naissus, 
das auf der Strafse nach Constantinopel an der Nissawa gelegen war, erst dann 
einnehmen konnten, nachdem sie durch Eroberung sämtlicher Donaufesten (bis 
zur Mündung des Cebrus) sich den Rücken gesichert hatten. 

") Vgl. Theophanes zu 442, der Constantia erwähnt, welches Mannert S. 77 
mit Contra Margum identificiert. 

•'") Hier endete die wichtige den Timok begleitende Strafse von Naissus. 
Kanitz Serb. S. 297 — 302. Mannert S. 85, 



342 

Sitz einer Waftenfabrik und Standort einer Flottenabteilung, bestürmten. 
Da erschienen oströmische Gesandte bei ihnen und stellten ihnen vor, 
sie hätten durch die Wegnahme des Kastells den Frieden gebrochen.*>^) 
Die Hunnen erwiderten, sie hätten dies nur vertheidigungsweise ge- 
than, denn der Bischof von Margus sei in ihr Land gekommen, habe 
die Königsgräber aufgespürt und die in denselben befindlichen Schätze 
geraubt, würden die Römer nicht diese und die zahlreichen Über- 
läufer herausgeben, so würden sie den Krieg ohne Zögern fortsetzen. 
Dem unnützen Wortstreit über die gegenseitigen Behauptungen und 
Vor\vürfe machten die Hunnenkönige dadurch ein Ende, dafs sie 
alle ihre übrigen Scharen über den Ister herbeiriefen •^) und zu- 
nächst Ratiaria ''*^) eroberten. Aber, da ihnen weder das Vordringen 
ungehindert noch der Rückzug sicher erschien, so lange die an der 
Donau liegenden festen Plätze in der Hand der Römer waren, so 
wandten sie sich mit Sturmeseile am Ister entlang nach Westen, 
wo sie den Flufs für weniger gedeckt hielten, und nahmen fast alle 
Kastelle, welche hier lagen, mit stürmender Hand ein. Nur wenige 
werden uns namentlich aufgeführt "^o*^), wie Viminacium''*), Margus 
und Singidunum''2), und nur von Margus "^^j ist uns die Art der 
Einnahme berichtet, aus der wir ersehen, dafs die Hunnen neben 
kriegerischer Tüchtigkeit und unwiderstehlicher Tapferkeit ihre Erfolge 
auch dem Verrate verdankten. Denn eben jener Bischof von Margus 
aus Furcht, von den Römern ausgeliefert zu werden, begab sich ohne 
Wissen der Bewohner zu den Barbaren und versprach die Stadt in 
ihre Hände zu bringen, wenn sie mit ihm glimpflich verfahren würden. 
Die Hunnenkönige gingen darauf ein und zogen unter Führung des 
verräterischen Bischofs in die Nähe der Stadt, verbargen sich am 
jenseitigen Ufer bis zur Nachtzeit und nahmen dann unter allen Schrecken, 



**) frgm. 2. 

^^) Auch dies spricht für die Umstellung, da frgm. 3. von einer Über- 
schreitung des Ister nicht die Rede 'ist. 

™) Vgl. Prise, frgm. 8. (Müller S. 93.) 

'®») Auch Sirmium wird damals genommen sein, das aber noch zu West- 
rom gehörte. Vgl. Priscus frgm. 8. (Müller S. 84.) und v. Wietersheim S. 231. 

^') frgm. 2. Vgl. Kiepert S. 331. Boeck. a. a. O, S. 106. und 479. Mannert 
S. 78. Kanitz Serb. handelt ausführlich über diesen Ort S. 406 — 420. Er fand 
schon '/2 Stunde von Kos toi ac bei dem Dorfe Drmno wertvolle Überreste. 
Vim. lag zu beiden Seiten der Mlawa bei ihrer Mündung in die Donau und wurde 
durch die langgestreckte Donauinsel Ostrovo gedeckt. 

'''^) Marc. Com. 

'3) frgm. 2. Heute durch die Ruinen des Schlosses Kulic bezeichnet, 
Kanitz S. 13. 



343 

welche ein nächtlicher Überfall mit sich bringt, die wichtige anj Aus- 
flufs des gleichnamigen Stromes gelegene Stadt ein. 

Nachdem nun die Hunnen in der Linie der Befestigungen an 
der Donau eine weite Bresche gelegt hatten, lag die Balkanhalbinsel 
für ihre weiteren Angriffe offen da, und sie zögerten nicht sich an die 
Ausführung ihrer eigentlichen Absicht, die Ausraubung derselben, zu 
machen. Dazu bot sich ihnen als der von der Natur vorgeschriebene 
Weg das Thal des Margus (Morawa) dar, welches, wenn man den Flufs 
bis zu seiner (bulgarischen) Quelle verfolgt, zu der Hochebene des Amsel- 
feldes bei Prischtina und über dasselbe in das Thal des Axius (Wardar) 
auf Thessalonich (Saloniki) zuführt; wenn man dagegen die Richtung 
auf Constantinopel einschlagen will, so mufs man vom Margus rechts in 
das Thal der Nissawa einbiegen, welche in ihrem weiteren Laufe zu 
dem des Hebrus (Maritza) und somit in gerader Linie auf Constantinopel 
hinleitet '^*) Diese natürliche Beschaffenheit des Bodens der Halbinsel 
giebt daher an die Hand, dafs die Hunnen für diesmal sich den öst- 
lichen Teil Thraciens als Schauplatz ihrer Verwüstungen auserkoren 
hatten, denn als ihre nächste Waffenthat wird uns die Eroberung von 
Naissus (j. Nisch) gemeldet.'^*) Dieses war die Hauptstadt der Provinz 
Dardania, welche von einem Präses verwaltet wurde, der jedenfalls 
hier seinen Sitz hatte. Es befand sich daselbst eine Waffenfabrik, so 
dafs die volkreiche Stadt, abgesehen von ihrer natürlichen Festigkeit, 
wohl nicht ganz von Verteidigern entblöfst war. Diesen Ort mufsten die 
Hunnen, wenn sie sich den Rücken frei halten wollten, auf jeden Fall 
einnehmen; allein ihnen selbst, welche weder Städte zu bauen ver- 
standen und noch viel weniger mit den Künsten einer regelrechten 
Belagerung vertraut waren, wäre dies trotz ihrer unzähligen Tausenden 
nicht gelungen, wenn sie nicht römische Flüchtlinge und barbarisierte 
Römer bei sich gehabt hätten, welche BeFagerungsmaschinen zu bauen 
im Stande waren oder die in den eroberten römischen Festungen er- 
beuteten zu benutzen verstanden. Mit deren Hülfe überbrückten die 
Hunnen den reifsenden Gebirgsstrom bis zur Hälfte, um der Menge 
den Übergang zu erleichtern und vertrieben durch die Unzahl ihrer 
Geschosse die tapferen Verteidiger von den Mauern, während von 
der Landseite die Maschinen auf Rädern herangeschleppt wurden und 
ihre Führer durch Flechtwerk sich schützten. Aber auch dann noch, 
als die schweren Widder zur Breschelegung an die Mauern herange- 



''*) Vgl. Guthe-Wagner , Lehrbuch der Erdk. S. 428. und Güldenpenning 
Besied, der Meerb. S. 19. 

'«) Priscus frgm. ib. Vgl. Müller S. 78. Kiepert S. 331. Not. Dign. 
ed. Böcking S. 39. und 243. Mannert S. 93 und 94. 



344 

bracht waren, suchten die Bewohner durch riesengrofse Steine, welche 
sie zu diesem Zwecke aufgeschichtet hatten, die Belagerer fem zu halten. 
Die grofse Menge der Maschinen jedoch zersplitterte ihre Kräfte und 
liefs sie bald erlahmen, auf Leitern erstiegen die Barbaren die Wälle 
oder drangen durch die Breschen in die Stadt, deren Widerstand 
somit gebrochen war. Nunmehr war der Weg nach Constantinopel 
den Hunnen frei,